Jeschajahu 13 ישעיהו
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 13. V. 1. Nichts dürfte geeigneter sein, die Lüge von dem partikularistischen „National-Gott“ der Juden in ihrer ganzen Nichtigkeit erkennen zu lassen, als die Reihe der Kapitel, welche dieses eröffnet. Es sind nichtjüdische Völker, an welche Gott hier das Wort seines Propheten sendet. Indem er in eindringlicher Sprache ihre Entartung geißelt, nimmt er sich der durch sie geknechteten, zu Boden getretenen nichtjüdischen Menschheit in väterlicher Liebe an und zeigt ihnen, welch schwere „Geschickeslast“ sie mit ihrer Unsittlichkeit, dem starren Egoismus und dem Frevel gegen die geheiligten Menschenrechte sich aufbürden.
Denn das ist מַשָּׂא, von נשׂא tragen, bezeichnet es im Munde der Propheten die Geschicke eines Volkes als die von der Gerechtigkeit der göttlichen Waltung ihm seinen Taten entsprechend auferlegte Last.
Babylon, Philistea, Moab, Assyrien, Ägypten, Arabien, Tyrus sind diese Kapitel geweiht, alles Völker, die handelnd oder leidend die Figuranten der in den nächsten etwa hundertneunzig Jahren sich abspielenden Völkergeschichte bilden. Sie selber aber sind dem Propheten nur Typen und Anfänge des großen „Gottesplanes, den Er über alle Völker beschlossen hat“, um dereinst für die Gesamtmenschheit die Zeit des Heiles in ewigem Frieden und Gerechtigkeit anbrechen zu lassen.
Und wie durchlebt da Jesaia die Geschicke der Völker mit, wie erzittern alle seine Nerven und blutet ihm das Herz, wenn sein Wort all die Schmerzen und Wehen ankündigt, die sein geöffnetes geistiges Auge über sie verhängt schaut.
Zu der Zeit, da Jesaia die hier niedergelegte Offenbarung wurde, war Babylon noch Vasallenstaat unter assyrischer Oberhoheit, und wie er im 39. Kapitel den Fall Jerusalems durch Babel zu verkünden hat, so hier den Untergang Babels, der mit seiner Erstürmung durch das medisch-persische, von Cyrus befehligte Heer im letzten Viertel des babylonischen Exils begann. Unmittelbar voran ging dieser das denkwürdige schwelgerische Mahl, bei welchem Belsatzar, wie Daniel 5 berichtet, aus den goldenen und silbernen Opfergefäßen des Gottestempels in Jerusalem seinen Göttern zutrank, und eine überirdische Hand die seinen Untergang durch Medien und Persien verkündenden Worte an die Wand seines Prunkgemaches schrieb. In dieser Nacht ward Belsatzar getötet; ob durch die eindringenden Feinde oder durch Verschworene seines eigenen Volkes, wird uns in der heiligen Schrift nicht mitgeteilt. Aus
V. 2 scheint jedenfalls hervorzugehen, daß in Babel selbst Gegner der bisherigen Regierung sich befanden, welchen das heranrückende medisch-persische Heer willkommen war und die es durch Zeichen auf den Bergen von dem für den Einzug geeigneten Moment verständigten. Es macht sogar den Eindruck, daß diese gerade unter den babylonischen Edlen zu suchen sind, da „die Pforten der Fürsten“ des Einzuges der feindlichen Truppen harrten.
נשפה wie וילך שפי (4. B. M. 23, 3): Er ging zur Anhöhe; doch scheint darin auch zugleich der Begriff des Kahlen, Glatten zu liegen, wie ja שפה im Talmudischen glätten bedeutet. Auf nackter Felsenhöhe ist ein aufgestecktes Zeichen weit sichtbarer als auf bewaldetem Bergesgipfel.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. למקדשי. קדש im Piel heißt: zu unbedingtem Dienste bereitstellen. גבורי לאפי: Ihr Heldentum besteht darin, daß sie sich als die Vollstrecker meines Urteils fühlen, und sie jubeln darüber, daß ich gerade ihrer mich bediene in dem Augenblicke, da ich in der ganzen alles überragenden Hoheit hervortrete. Wird doch auch durch das „אני“, mit dem der Vers beginnt, noch ganz besonders betont, daß alle diese Veranstaltungen von Gott stammen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. 5. קול המון. Wohl wie קולות וברקים, donnerähnlich, hört sich das Getümmel der Menge an. דמות in Gestalt, nach Art. Das zweite קול hat einen trennenden Akzent wie קול דמי אחיך (1. B. M. 4,10) und dürfte wie dieses: horch, hört heißen. Der Tumult kommt näher und nun unterscheidet man, daß er aus verschiedenen Richtungen herkommt: es müssen von mehreren Seiten sich Truppen zusammenziehen. War es doch, abgesehen von den Persern, die unter den Medern dienten, auch noch nach Jerem. 50, 9 „eine Versammlung großer Völker aus der nordischen Gegend“, welche an diesem Zuge teilnahm.
Wie präzis und dabei so inhaltreich sind die Worte: ד' צבאות hält Musterung über צבא מלחמה!
לחבל וגו'. חבל kommt häufig nicht nur für Schmerzen, sondern geradezu für Geburtswehen vor, wie auch hier V. 8. Bildlich bezeichnet es die Leiden und Erschütterungen, die einer Neugestaltung der Verhältnisse vorangehen, so weiter 54, 16: ואנכי בראתי משחית לחבל „auch den Verderber habe ich geschaffen, um das Kreißen zu fördern“. Ganz so hier, Cyrus ist ein Instrument in Gottes Hand, um unter Wehen und Schmerzen dem Lande zur Geburt besserer Zustände zu verhelfen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6—8. כשד וגו'. Verwüstung, Zusammenbruch. Das כ ist wie in כמהפכת זרים s. o. 1, 7. Der Sturz erfolgt so plötzlich und mit solcher Gewalt, daß jeder in ihm sofort das Werk der Allmacht Gottes erkennt, gegen die jeder Kampf unmöglich. Daher auch die völlige Ratlosigkeit im Innern der Stadt, die nicht einmal den Versuch, Widerstand zu leisten, wagt. Die Panik macht sie völlig zum Weibe, worauf das Suffix ן statt ם in יאחזון und יחילון hinweist.
יתמהו. תמה staunen, starr sein über etwas, von dem man sich keine richtige Vorstellung machen kann, daher auch תמהון לבב (5. B. M. 28, 28) Gemütsstörung und Secharja 12, 4 תמהון das Scheuwerden der Pferde. Jeder entsetzte sich über das totenbleiche Gesicht des anderen, welches er sonst nur in der Farbe der Gesundheit strahlend erblickt hatte — er weiß nicht, daß er in ihm zugleich sein eigenes Spiegelbild sieht.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9. 10. אכזרי, vermutlich zusammengesetzt aus אך und זר, nur fremd, jemand, der jedem Annäherungsversuche unzugänglich ist, also fremd, hart, unerbittlich bleibt. So furchtbar erscheint das zürnende Hervortreten Gottes, als sollte die Erde zur Wüstenei umgewandelt werden, und doch sind es nur ihre grundsätzlichen, ergrauten, unverbesserlichen Sünder, denen sein Strafgericht gilt. Durch es bewahrt Gott die Erde davor, von Babels Tyrannei zugrunde gerichtet zu werden.
חשך השמש וגו'. Wenn die Sonne am Morgen euch ihr Licht verweigert, so zählet ihr vergeblich auf das des Mondes, strahlt er doch selbst nur in erborgtem Lichte und dieses sendet ihm die Sonne nicht auf der euch am Tage zugekehrten Seite. So würde sich Babel vergebens nach Hilfe von anderen Völkern gegen Medien umsehen, wenn denen nicht Gott seinen Beistand gewährt, können auch sie euch nicht helfen — ohne diesen sind sie ja selbst ohnmächtig. — כסליהם. כסלים die Flanken. Davon abgeleitet dürften כסילים die einem Sterne stets zur Seite bleibenden, ihn umkreisenden Monde, seine Trabanten, sein.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 11. „ופקדתי“ drückt den Zweck der oben V. 4 durch ein Wort der gleichen Wurzel „מפקד“ bezeichneten Heeresmusterung Gottes aus. תבל von בלל ist die Menschenwelt, in der nicht Gottes Gesetz, sondern Menschenwillkür und Selbstsucht das gestaltende Element bildet, eben die Welt, die das mit בבל (1. B. M. 11, 9) begonnene Werk der Größen- und Ruhmesucht der Einzelnen auf Kosten der Gesamtheit fortsetzt. Darum ist auch dieses Wort hier, wo die Schuld בבל's gerügt wird, so charakteristisch. Gott schreitet ein, weil das in Babel herrschende Grundprinzip רעה böse war und die leidenschaftlichen Sünder רשעים sich in Krümmung des Rechts עונם gefielen, daneben זדים ihre Untaten reiflich planende Verbrecher ihre Ehre darin suchten, die bösen Vorsätze ganz so, wie sie solche gefaßt hatten, auch auszuführen und sich dabei die Mithilfe der, in ihrer schrankenlosen Willkür und dünkelhaften Gewalt die Rechte ihrer Mitmenschen mißachtenden, עריצים sicherten.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 12. Diesem Prinzipe der babylonischen Machthaber, das in den Menschen nur Bausteine der eigenen, Turmhöhe anstrebenden Herrschsucht sieht, diesem Prinzipe, dem jedes Bewußtsein wahrer Menschenwürde abhanden gekommen war, stellt Gott sein eigenes Prinzip vernichtend entgegen. Nicht nach dem, was der Mensch an Gold besitzt, und hätte er mit diesem zugleich den Ruhm erworben, sich es selbst aus dem meerfernen Ophir geholt zu haben, ist der Wert eines Menschen zu schätzen. Gott bewertet den Menschen je nach dem, wie er seinem Menschenberufe gerecht geworden, aber selbst dem schwachen, noch nicht auf dessen Höhe stehenden Menschen erkennt Gott eine den Wert von Kleinodien überragende Würde (יקר Würde) zu — die Würde des reinen, des „menschlichen“ Menschen ist völlig unschätzbar.
אנוש bezeichnet eine getrübte Menschheitsstufe im Gegensatz zu אדם dem reinen Menschen. Über פז, dessen Bedeutung nicht klar ist, siehe Kommentar zu Ps. 19, 11. Gold selbst dürfte es wohl nicht bezeichnen, vielleicht einen höchst seltenen Edelstein oder die Perle.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 13. ff. Der Glanz Babylons und seine Eigenschaft als mächtiges Handelsemporium hatten eine Menge Fremder veranlaßt, dort ihren Wohnsitz aufzuschlagen; diese sind nun die ersten, die, aufgescheucht aus ihrer Behaglichkeit, nach allen Richtungen auseinander stieben und ihrer Heimat zueilen, wie dieses Faktums auch Jerem. 50, 16 u. f. gedacht wird. Aber auch von ihnen werden viele auf der Flucht erreicht und getötet. Gleichem Schicksale verfallen diejenigen, welche sich nicht von ihren Besitztümern in der Stadt trennen konnten und dort verblieben. Entsetzlich ist das Geschick der unglücklichen Metropole, Blutbad, Plünderung mit allen diese begleitenden Greuelszenen. Des Goldes und Silbers wegen sind die Meder nicht gekommen, sie nehmen es, aber nur die grausamste Rache vermag ihre Wut abzukühlen, die in ihnen, ob der Tyrannei und grenzenlosen Willkür Babels gegen alle umgebenden Völker, kocht.
נספה Nifalform von ספה, etwas mit einem anderen verbinden: ספו שנה על שנה (weiter 29, 1) reihet Jahr an Jahr, עולותיכם ספו על זבחיכם (Jerem. 7, 21) eure Emporopfer leget zu euren Mahlopfern.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 19. Mit dieser Eroberung durch Cyrus geht die Residenz Babylon ihrem völligen Verfall entgegen und sinkt allmählich zur Ruine herab. צבי bis inkl. כשדים ist Parenthese, wie auch die Akzente nachweisen; vor diesem Zwischensatze steht auf בבל ein פשטא, also ein trennender Akzent dritten Ranges, und den Schluß bildet auf כשדים eine אתנחתא, ein trennender ersten Grades. Wie dieses stets bei Zwischensätzen der Fall ist: vor Beginn leicht trennender, am Schlusse schwerer trennender Akzent.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 20. לא תשב und לא תשכון beziehen sich auf die Stadt selbst, nicht auf Personen, ebenso פרות תשב ירושלם (Secharj. 2, 8). יַהֵל von אהל Zelt, das א fällt aus, wie Job 35, 11 מַלְפֵנוּ für מְאַלְפֵנוּ. Die Verödung dieser von dem Gottesgerichte getroffenen Stadt, welche einst von lebhaftestem Verkehre erfüllt war, wird so unheimlich wirken, daß selbst der an den Wüstenaufenthalt gewöhnte Araber dort nicht zelten wird, und abergläubische Furcht die Hirten nicht einmal ihre Herde am Tage dort ausruhen läßt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 22. Paläste heißen sonst ארמנות; indem sie hier אלמנות genannt werden, ist der Begriff des Witwentums mit ihnen verbunden: ihre Herren sind gestorben. Daß, um diesen Gedanken auszudrücken, statt des ר ein ל gebraucht wurde, darf um so weniger befremden, als wir beiden Buchstaben in der Bildung eines Wortes für den gleichen Begriff begegnen: מזרות (Job 38, 32) und מולות (2. Kön. 23, 5) heißen Sternbilder.
בהיכלי ענג. Neben tyrannischer Willkür und Machtstolz feierte genußsüchtige Üppigkeit ihre Orgien in den Palästen der Lust — vielleicht aber sind hier unter היכלי ענג wirkliche Tempel zu verstehen, in welchen man den Göttern zu Ehren der Sinnlichkeit fröhnte.