Jeschajahu 12 ישעיהו
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 12. V. 1. אודך ד' וגו'. Heimgekehrt und im Begriffe, seiner hohen priesterlichen Aufgabe für die Menschheit sich fortan hingebungsvoll zu widmen, überblickt Israel den großen, großen geschichtlichen Weg, welchen Gott es seit so vielen Jahrhunderten geführt hat. Da ist sein erstes Wort ein Dank, aber nicht für die endliche Erlösung, sondern für sein Zürnen, durch welches er Israel zur Besinnung und Besserung gebracht hat und es so die Ursachen des göttlichen Zürnens beseitigen ließ. אנף ist mehr die äußere Erscheinung des Zürnens. Diesem Verse ähnlich heißt es Ps. 60, 3: אנפת תשובב לנו Durch Dein Zürnen wolltest Du uns Rückkehr bringen. ותנחמני. Daß Du mich Deinen Zorn fühlen ließest, geschah, um mich der „tröstenden“ Wiedervereinigung mit Dir würdig zu machen. Im Munde unserer Weisen heißt die einstige Erlösung נחמה „die Tröstung“.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. הנה וגו'. Was auch die Zukunft bringen werde, die Erfahrungen der Vergangenheit haben Israel gelehrt, nimmer zu wanken, nichts zu fürchten in dem Bewußtsein, daß Gott mit allem, was er über es beschließe, nur sein Heil fördern wolle. Nur יה der Allmacht und ד' der Liebe Gottes verdanke es עוז die Widerstandskraft, die es alle äußeren und inneren Gefahren siegreich bestehen ließ, und das noch größere Wunder וזמרת, daß es auch in den finstersten Galuthnächten unter dem Druck und Hohn der Menschen lebensfrisch und heiter geblieben ist. Vgl. Ps. 126, 3.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. ושאבתם וגו'. Mit diesen Worten lädt Israel die Allmenschheit ein, aus seiner eigenen Geschichte zu lernen, wie nur aus dem Born des Gottesgesetzes das Leben unter allen Verhältnissen wonnig und heilbringend quille. Damit tritt Israel sein priesterliches Amt an.
Wenn unsere Annahme, daß dieser Satz von Israel an die Menschheit gerichtet ist, nicht auf Irrtum beruht, dann würde dem Worte unserer Weisen, welche Sukah 50, b diesen Vers als auf das Gußopfer des Wassers, das außer dem Gußopfer des Weins an den sieben Tagen des Hüttenfestes dargebracht wurde — שמחת בית השואבה — sich beziehend auffassen, der folgende lehrreiche Gedanke innewohnen. Zur Bekundung, daß das Ziel der ganzen welthistorischen Erziehung der Menschheit durch Gott erreicht worden ist, wird dieselbe, wie Secharja 14, 16 verkündet, alljährlich nach Jerusalem ziehen, um dort einen großen Festkreis um „den König, Gott Zebaoth“ zu bilden und von ihm zu lernen, was sie bis dahin trotz aller Errungenschaften an Macht, Kunst und Wissenschaft vergeblich angestrebt haben wird: Die Kunst des Hüttenbaues für ein zufriedenes, heiteres, glückliches Leben. Israels Aufforderung an die Menschheit würde dann zunächst der Beteiligung an dieser Wasserspende gelten, um dadurch auch sie es aussprechen zu lassen, daß jeder Tropfen Wasser, von dem ja des Menschen Sein und Gedeihen bedingt wird, von Gott stamme, und der Mensch dies ihm von Gott gespendete Leben nach Seinem Willen zu gestalten habe. Tut der Mensch dies, dann fühlt er sich glücklich in dem Bewußtsein der erfüllten Pflicht, dann bedarf es nicht der besonderen Freudenmomente (Wein), dann erkennt er in jedem seine Existenz fristenden Wassertropfen den Sendboten der göttlichen Gnade, und jeder Atemzug läßt seine Brust freudig und von Wonne erfüllt im Gefühle der Gottesnähe sich heben. Für unsere Auffassung spricht auch V. 17 der zitierten Stelle in Secharja, daß über diejenigen Völkerfamilien, die sich dieser Gotteshuldigung entziehen, „kein Regen kommen werde“. —
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. 5. ואמרתם וגו'. Ihr aber, jeder Einzelne von euch — ואמרתם ist Plural gegenüber dem ואמרת des ersten Verses —, erinnert euch gegenseitig stets an eure hehre Bestimmung. Gleich Vater Abraham, der ויקרא בשם ד' die Menschen zur Gotteshuldigung aufrief, machet auch ihr ihnen klar, was Er von dem Menschen verlangt.
הזכירו lehret sie begreifen und stets im Gedächtnis bewahren, כי נשגב שמו daß die einzige hochragende Größe Gottes Name ist und nur, wenn der Mensch es als seinen Beruf betrachte, zu Gott emporzustreben, sein Dasein Höhe und Bedeutung gewinne.
זמרו וגו'. Hat euch Gottes Liebe in dem Dunkel der Leidenszeit die Sangesfreudigkeit erhalten, so singet jetzt im hellen Tageslichte des Glücks in alle Welt hinaus, wie Hohes Gott an euch getan hat, indem er durch seine erziehende Waltung euer Dasein diese Höhe und Bedeutung hat gewinnen lassen. Singet es hinaus, daß, wer nur Verstand besitzt — das כתיב ist מי דעת —, es erkenne.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. Nun endlich ist das Ziel erreicht, Israel fußt jetzt für ewig in dem Boden seiner Lehre, nicht als „יושב ציון“ in selbstbewußter männlicher Stärke, sondern als „יושבת“ sich treu und innig seinem Gotte anschmiegend, dem קדוש ישראל, der es zu einem „heiligen Volke“ herangebildet hat, in dessen Mitte Er in erhabener Größe seine Stätte auf Erden nimmt.