Jehoschua 9 יהושע
Kommentar (R. Breuer)
Kap. 9. V. 1—2. Über Nacht war Israel zu einer gefährlichen Großmacht geworden. Die kanaanitischen Völker sehen ihre einzige Rettung im Zusammenschluß ihrer Streitkräfte. Gemeinsam erklären sie Israel den Krieg. פה אחד. Der trennende Accent unter dem vorangehenden Worte läßt dieses פה אחד scharf hervortreten. Ob die gemeinsame Kriegserklärung auch einmütigen Sinnes erfolgte, oder ob bei dem einen oder andern der Verbündeten das Herz anders dachte als der Mund redete, bleibt dahingestellt. Ausgeschlossen ist es nicht, daß der hinterhältige Wunsch, auf friedlichem Wege mit Israel ins Reine zu kommen, ähnlich wie bei den Gibeoniten, von deren Vorgehen die folgenden Verse erzählen, auch bei irgend einem der Bundesgenossen gekeimt und nur durch die Forderungen der gemeinsamen Bundespflicht unterdrückt worden sein mochte.
Kommentar (R. Breuer)
V. 3. Von den Königen (V. 1) hieß es nur ganz allgemein: ויהי כשמע כל המלכים וגו'. Nur eine ungefähre Kunde vom Geschehenen war zu ihnen gelangt. Die Bewohner von Gibeon jedoch hatten auch Einzelheiten von dem schrecklichen Schicksal gehört, das über Jericho und Ai hereingebrochen war; und gerade diese Detailkenntnis war's, die sie zu listigem Vorgehen veranlaßte, um sich dem auch sie bedrohenden Verhängnis zu entziehen.
V. 3. עגלון — לכיש — ירמות. In der Ebene des Stammes Juda. (Die geographischen Angaben hier und in den folgenden Kapiteln sind in der Hauptsache dem Handwörterbuch von Gesenius entnommen.)
Kommentar (R. Breuer)
V. 4. גם המה. Auch sie handelten mit List: wohl im Hinblick auf die listige אורב-Maßnahme, der Ai zum Opfer gefallen war.
ויצטירו. Von ציר Bote. Vgl. Jes. 18, 2.
ויקחו וגו'. Die listige Mummerei sollte die Angabe ihrer Herkunft aus weiter Ferne (s. weiter V. 6) glaubhaft machen.
V. 4. Daß sich der Zorn der Verbündeten nach dem Plane Adoni-Zedeks zunächst über die Gibeoniten entladen sollte, dürfte wohl verschiedene Gründe gehabt haben. Zuerst galt es, Gibeon für seine verräterische Eigenmächtigkeit zu züchtigen. Dann glaubte man mit ihm leichter als mit Israel fertig zu werden, dessen kriegerische Erfolge von lähmender Wirkung waren. Ferner hoffte man wohl durch eine den Gibeoniten zu bereitende Schlappe Israel wenigstens derjenigen Streitmacht zu berauben, um die es durch die Unterwerfung Gibeons reicher geworden war. Allerdings war das Eingreifen Josuas vorauszusehen. Das war aber kein Grund, den unvermeidlichen Krieg nicht mit der strategischen Vorsicht zu beginnen, die eben nach Lage der Dinge möglich war.
Kommentar (R. Breuer)
V. 5. ומטלאות. Vgl. Gen. 30, 32 und Komm. das.
נקדים. Eigentlich: Punkte. Der schimmlige Überzug auf altem, vertrocknetem Brote erweckt den Eindruck von buntfarbigen Flecken und „Punkten“.
V. 5. ויאספו. Siehe das zum folgenden Verse zu Bemerkende.
Kommentar (R. Breuer)
V. 6. איש ישראל. Eine sonderbare Form. Vielleicht erklärt sich dieser Singular aus folgender Erwägung. Die List der Gibeoniten war durchaus nicht so schlau erdacht, daß nicht von irgend einem aus dem Volke eine Entlarvung zu befürchten gewesen wäre. Sie aber befürchteten nichts. Mit eiserner Stirn brachten sie ihre Lüge an den Mann. Als Bewohner eines fernen Landes stellten sie sich Josua vor, und das gesamte Volk hinter ihm schrumpfte ihnen zur singularen Winzigkeit einer quantité négligeable zusammen, die sie im selben Augenblick überführt zu haben glaubten, wo es ihnen gelang, dem einen Josua, mit welchem sie leicht fertig zu werden hofften, Sand in die Augen zu streuen. Um einen Menschen zu betrügen, dazu gehört nicht viel. Um aber das gesamte Israel so irre zu führen, als ob ein איש ישראל einem gegenüberstände, dazu muß man schon die rücksichtslose Verwegenheit der Gibeoniten besitzen. Welch ein gefährliches Spiel die Gibeoniten trieben, sollte ihnen sofort klar werden. Siehe den folgenden Vers.
ועתה וגו'. Da wir aus einem fernen Lande kommen, hoffen wir von dem Schicksal der kanaanitischen Völker verschont zu bleiben. Darum bitten wir um eure Bundesfreundschaft. — Vgl. das zu 11, 19 zu Bemerkende.
V. 6. נקבצו. V. 5 hieß es ויאספו. „הקבצו — האספו sind keineswegs gleichbedeutend .... אסף heißt: etwas aus dem Kreise, oder der Örtlichkeit, wo es eigentlich nicht hingehört, dorthin aufnehmen, wohin es gehört. Es liegt immer die Verwandtschaft mit עזב darin, ein Loslösen von allem andern, Ungehörigen. Daher האספו: Reißt euch von allem Fremdartigen los und findet euch alle in dem einen gemeinsamen Ziele beisammen! Laßt euch alle von dem einen Gemeinsamen umfangen, aufnehmen! Stellet euch alle auf einen Boden! .... קבץ hingegen .... bezeichnet immer ein räumliches, äußeres Zusammenfinden mehrerer.“ (Komm. Gen. 49, 1 f.) Im Augenblick, wo sich die fünf Könige „alle in dem einen gemeinsamen Ziele“ der Belagerung und Bekämpfung Gibeons zusammenfanden, da: ויאספו (V. 5). Nachdem sie sich jedoch bereits „alle auf einen Boden“ gestellt hatten und den Gibeoniten entgegenzogen, da trat im Eindruck, den das abgeschlossene Faktum ihrer Vereinigung auf das Gemüt der Gibeoniten machte, das inaugurierende Moment des ויאספו zurück, und es heißt darum sinngemäß: כי נקבצו אלינו וגו'.
V. 7 f. Die gewaltigen Zurüstungen Josuas, sein Hinaufziehen mit dem ganzen Kriegsvolk und allen Tapferen des Heeres, erklärt Gott für überflüssig. Denn längst beschlossen ist des Feindes Niederlage und unabwendbar.
Kommentar (R. Breuer)
V. 7. ויאמרו ויאמר ק'. Die Gibeoniten hatten in den Männern Israels nur איש ישראל gesehen. (Vgl. das zum vorigen Vers Bemerkte.) So leicht aber gelang es ihnen nicht, eine ganze Volksmasse wie einen Mann hinters Licht zu führen. Denn schließlich meldete sich doch hinter der singularen Form des ויאמר im Stillen die Pluralform des ויאמרו an: noch galt es, aufsteigende Zweifel zu besiegen.
בקרבי. Noch bevor ganz Palästina in seinem Besitze ist, fühlt sich Israel als Herr des ihm verheißenen Landes.
Kommentar (R. Breuer)
V. 8. Es waren doch recht geriebene Menschen, diese Gibeoniten. Sie stellen sich beleidigt und ignoriren die Zweifelfrage des vorigen Verses. Entrüstet wenden sie sich von den Männern Israels ab und sprechen zu Josua: deine Diener sind wir; dir wollen wir Rede und Antwort stehen. Und in still bedächtiger Weise erkundigt sich Josua nach ihrem Namen und ihrer Herkunft.
V. 9 f. Nun sprudelt eine ganze Flut von Lügen hervor. Charakteristisch ist schon das רחוקה מאד, während es in V. 6 einfach רחוקה hieß. Der in V. 7 ausgesprochene Zweifel hatte die Lügner doch etwas nervös gemacht. Wie, wenn sie nun doch entlarvt würden? Sie beeilen sich darum, in ihrem Sprüchlein die Lüge noch dicker aufzutragen. Und wie nett diese Herren Josuas erste Frage מי אתם einfach überhören! Woher wir sind? Was nützt es, wenn wir dir den Namen unserer Heimat nennen! Aus gar weiter Ferne kommen wir daher. Ein fremder, nie gehörter Name klänge dir an's Ohr.
לשם ד' וגו'. Der Name Gottes als Deckmantel der Lüge. Wie sich die Menschen doch immer ähnlich bleiben: im guten wie im bösen!
Kommentar (R. Breuer)
V. 9. Unvermutet war Josua eines schönen Morgens zur Stelle. Die Feinde ahnten nicht, daß Josua es so eilig haben werde, den Gibeoniten zu Hilfe zu kommen; waren diese doch mit knapper Not ihrem eigenen Untergang entronnen. Josua aber scheute nicht die Mühseligkeiten eines nächtlichen Marsches, um die Gibeoniten rechtzeitig aus der Hand ihrer Angreifer zu befreien.
Kommentar (R. Breuer)
V. 10. בית חרון. Auf der Grenze der Stämme Ephraim und Benjamin.
עזקה — מקדה. In der Ebene des Stammes Juda.
Kommentar (R. Breuer)
V. 11. זקנינו וכל ישבי ארצנו entspricht auf der jüdischen Seite Josua und איש ישראל (V. 6). Sie lügen mit Überlegung, als ob sie sagen wollten: Welch ein Kontrast zwischen uns und euch! Getragen vom Vertrauen unserer Führer und des gesamten Volkes kamen wir zu euch, und das erste, was wir in eurer Mitte erleben, ist die Wahrnehmung, wie das Volk, noch ehe dessen Führer sein Votum abgegeben, beleidigenden Zweifel an der Wahrheit unserer Worte hegt! (V. 7.)
קחו וגו'. Damit soll die Eile veranschaulicht werden, zu welcher sie daheim angespornt wurden: Besinnt euch nicht lange, nehmt euch Zehrung für die Reise und macht euch unverzüglich auf den Weg!
ולכו לקראתם. Die angeblichen Sendboten מארץ רחוקה wollen bei Josua den Glauben erwecken, als ob man draußen in der großen Welt Israel für ein Eroberervolk halte, das nicht einmal an den Grenzen Palästinas Halt machen werde. Sogar in fernen Landen wird Israels Siegeszug gefürchtet. Darum ward uns der Auftrag, euch „entgegenzugehen“ und, bevor es zu spät ist, durch rechtzeitige Unterwerfung eure Freundschaft zu erwerben.
V. 11. Die Verfolgung der verbündeten Könige hält an, bis sie nach Makkeda kommen. Inzwischen setzt ein starker Hagelschlag ein und zwar von dem Augenblicke ab, wo sie die Anhöhe von Beth-Horon verlassen; er hält an, bis sie nach Aseka kommen.
רבים אשר מתו וגו'. Elementarereignisse, Epidemien usw. können sich in Kriegszeiten als gefährliche Verbündete bewähren. Vgl. jedoch das zum folgenden Verse zu Bemerkende.
Kommentar (R. Breuer)
V. 12. Es erscheint rätselhaft, warum dieses unerhörte Wunder gerade jetzt, am Tage der emoritischen Niederlage und nicht schon früher oder später Und er sprach vor den Augen Jisraels: Sonne, stehe still zu Gibeon, und Mond, im Tale Ajalon! geschah. Was für eine Veranlassung lag denn vor? Das rechtzeitige Untergehen der Sonne hätte die „Rache des Volkes an seinen Feinden“ (V. 13) wohl kaum aufgehalten. Dafür war die Verwirrung im feindlichen Heere zu groß, als daß der Eintritt der Nacht seine Niederlage durch Verminderung der Stoßkraft des israelitischen Heeres hätte hinauszögern können. Josua brauchte im Augenblick, wo der Krieg sein Ende erreichte, die Nacht nicht mehr zu scheuen, als zu Beginn der Feindseligkeiten, da er von Gilgal „die ganze Nacht hindurch“ (V. 9) dem Feinde entgegenzog. Zudem hätte der Mond im Tale Ajalon (אילון: eine Stadt im Stamme Dan) das Terrain des Kampfes genugsam beleuchtet, um die verbündeten Heere dem nacheilenden Israel nicht entgehen zu lassen. Es muß daher wohl eine andere, tiefere Ursache gehabt haben, daß Sonne und Mond stille standen, bis „das Volk Rache genommen hatte an seinen Feinden“. Am Schluß des 14. Verses wird uns der Grund verraten: כי ד' נלחם לישראל. Darum geschah weder „vorher noch nachher“ (das.) ein solch gewaltiges Wunder, wie das am Tage des Emorikampfes, an welchem Sonne und Mond dem Willen eines Sterblichen dienstbar wurden, weil Gott es war, der für Israel kämpfte: weil gerade an diesem Tage es notwendig schien, durch ein außerordentliches Wunder die Herrschaft Gottes über alles irdische Geschehen und die Abhängigkeit auch der natürlichen, alltäglichen Ereignisse von den Entschließungen Seiner Waltung vor den Augen aller Welt zu beweisen. Was ging denn vor? Wir könnens nur vermuten. Zur glücklichen Beendigung des Kampfes hätte Gott es für nötig gehalten, אבנים גדלות, große Steine vom Himmel zu schleudern (V. 11). Es waren das kaum gewöhnliche Hagelsteine. Die hätten im Heere der Verbündeten schwerlich eine solch katastrophale, an Furchtbarkeit selbst das Schwert übertreffende Wirkung (das.) hervorrufen können. Offenbar geschah ein Wunder, und es regnete Steine, wirkliche, große Steine vom Himmel. Ob dem siegestrunkenen Israel die Wunderbarkeit dieses Ereignisses, die noch durch den seltsamen Umstand erhöht wurde, daß sich der Steinregen nur auf das feindliche Heer beschränkte, in wünschenswerter Deutlichkeit zum Bewußtsein kam? Im zweiten Teile des Verses heißt es nicht mehr אבנים גדלות, sondern אבני הברד. Ob nicht der Chronist hierbei aus der Seele des Volkes spricht? An seinem Ehrentage mag das vom Glück und Sieg berauschte Israel den Steinregen sich rationalistisch zurecht gelegt haben: אבנים גדלות? אבני הברד sind's, natürliche Hagelkörner, nur ins Riesenhafte potenziert! Ähnlich wie unsere Rationalisten das Wunder am Schilfmeer durch Ebbe und Flut sich erklären. Diesen rationalistischen Wahn beschloß Josua zu zerstören. Er redete mit Gott (das Dunkel der ersten Vershälfte hellt sich auf) und flehte zu Ihm, seinem Vorhaben zu willfahren. Ein Wunder sollte geschehen, das jeder rationalistischen Deutung spottet: durch ein Menschenwort sollten Sonne und Mond gezügelt werden. Um das Gelingen des Unerhörten zu ermöglichen, mußte sich freilich Josua zuvor an Gott wenden. לעיני ישראל aber, vor den Augen des Volkes handelte er so, als ob Sonne und Mond dem Ausspruche seines Mundes dienstbar wären. Die Ehrfurcht vor dem Abgesandten Gottes mußte sich in erhöhtem Maße dem göttlichen Auftraggeber zuwenden. Und wie herrlich sollte Josua die erzieherische Maßnahme gelingen. Noch in späten Tagen, wie die Aufzeichnungen des ספר הישר beweisen, war ein staunendes Singen und Sagen von jenem unerhörten Wunder, wie einst am Tage des Emorikampfes Sonne und Mond auf den Befehl eines Sterblichen hörten. Und rückwirkend fiel auch auf das Geschehnis des Steinregens ein aufklärendes Licht: das Volk war geheilt; von jedem Zweifel geheilt, ob es denn wirklich wahr sei, כי ד' נלחם לישראל.
ידבר ויאמר. Vgl. Komm. Deut. 2, 16 f.
דום. Eigentlich: Schweige! Vgl. Raschi: דום מלומר שירה וכל זמן שהוא דומם עומד ואינו מהלך שבכל עת הילוכו הוא אומר שירה. „Die Sonne tönt nach alter Weise in Brudersphären Wettgesang, und ihre vorgeschriebene Reise vollendet sie mit Donnergang.“
Kommentar (R. Breuer)
V. 13. ספר הישר. „ספר מלחמת ד', ähnlich dem ספר הישר (Josua 10, 13 und Sam. II. 1, 18) beweist, daß zu Moses' Zeiten literarische Tätigkeit im Volke nicht gefehlt, daß vielmehr geisterfüllte Männer, es sind dies wohl die מושלים des V. 27, die erlebten Großtaten für Mit- und Nachwelt besangen und aufzeichneten, beweist aber zugleich, daß das heilige Gottesbuch der תורה nicht aus solchen Aufzeichnungen entstanden, sonst hätte der vermeintliche Kompilator seine Quellen auch sonst genannt, wie er sie hier nicht verschwiegen. Vielmehr dürfte eben durch dieses dem Gottesbuche einverleibte Citat aus dem ספר מלחמות ד' auch den in diesem Buche enthaltenen Aufzeichnungen ein zu beachtender Wert in der Nation haben erteilt werden sollen.“ (Komm. Num. 21, 14).
כיום תמים. Wie sie es sonst an einem „ganzen“ d. h. normalen Tage gewohnt war.
Kommentar (R. Breuer)
V. 14. Den größten Eindruck auf das Gemüt der Männer — Josua, an den zu allererst die ganze Erzählung gerichtet war, schweigt, offenbar unschlüssig darüber, was davon zu halten sei — machte das schimmlige Brot. Sehr begreiflich. Geborstene Weinschläuche, abgenutzte Kleider und Schuhe begründen noch kein Martyrium. Wer dagegen im Interesse einer Sendung das Schimmligwerden des Brotes riskiert, wird von der Glorie eines sein Leben in die Schanzen schlagenden Helden bestrahlt. Wie kam es aber, daß Männer, die sich anfangs so skeptisch gaben (V. 7), durch ein immerhin recht plumpes Mittel betört werden konnten? Das schimmlige Brot wars nicht allein. Raschi spricht hier im Anklang an מצידם ein tiefes Wort: קבלו דבריהם שצדום בפיהם לשון ואשר לא צדה. Auch mit abgenutzten Theaterrequisiten können gute Schauspieler und — Betrüger ungeahnte Wirkungen erzielen, wenn sie nur Virtuosen in der „Jagd mit dem Munde“ sind. Vgl. Gen. 25, 28: ויאהב יצחק את עשו כי ציד בפיו und Komm. das.: „. . . der צַיָד muß es verstehen, äußerlich ganz unschuldig zu erscheinen und den Gedanken des Verderbens still im Herzen zu tragen. Es ist die vollendete Übung der Tücke, in einem andern Gebiete: der Diplomatie. Esau verstand die Jagd, die Kunst der Selbstbeherrschung im lauernden Selbstinteresse. . . .“ Das schimmlige Brot war nur ein Jägerkunststückchen in der Gibeoniten Hand, um damit ihr „lauerndes Selbstinteresse“ zu verbergen.
V. 14. לשמע ד' בקול איש. „.... wie überall שמע בקול, und auch von Gott in Bezug auf Menschen, ein Erfüllen des Erbetenen oder Verlangten ist. So 4. B. M. 21, 4; Josua 10, 14; Richter 13, 9 u. s. w.“ (Komm. Deut. 1, 45).
כי ד' נלחם לישראל. Vgl. das zu V. 12 Bemerkte.
Kommentar (R. Breuer)
V. 15. Vor Abschluß des offiziellen Bundes (ויכרת להם ברית) mußten erst die letzten Zweifel an der Wahrheit der gemachten Angaben friedlicher Gesinnung weichen (ויעש להם יהושע שלום). Zweck des Bundes war lediglich לחיותם, sie am Leben zu lassen. Weitere Verpflichtungen übernahm Josua nicht. Damit ist die Maßnahme des 27. Verses entsprechend eingeleitet.
V. 15. Aus V. 21 scheint hervorzugehen, daß Josua in Makkeda geblieben und nicht nach Gilgal zurückgekehrt war. Warum aber sollte Josua nach dem Siege über die fünf Könige (V. 10 f.) nicht nach Gilgal zurückgekehrt sein, und zwar in der Meinung, diesen Feldzug beendet zu haben, und erst, nachdem der Aufruhr abermals losgebrochen war (vgl. V. 19), seinen früheren Standort in Makkeda wieder aufgesucht haben?
Kommentar (R. Breuer)
V. 16. כי קרבים וגו' ובקרבו וגו'. Die Wiederholung spiegelt die Entrüstung wieder, welche die Betörten im Augenblick erfüllte, als sie merkten, wie nahe, wie ungemein nahe die angeblich aus fernem, ungemein fernem Land Gekommenen (V. 9) ihnen waren.
אליו ובקרבו. Vgl. hierzu die ebenfalls singulare Form in V. 6 f. und das das. Bemerkte. Es ist, als ob die Betrogenen in jene frühere Stimmung sich zurückversetzten, da eine Ahnung Zweifel weckte, die sich als [?] begründet nachträglich erwiesen: Ach, wären wir doch fest geblieben!
V. 16. Aus dem Zusammenhang mit den folgenden Versen erhellt, daß diese Höhle bei Makkeda den fünf Königen nicht blos ihre persönliche Sicherheit gewährleisten, sondern auch eine ungestörte, unbemerkte Wiederbelebung des Aufruhrs aus sicherem Versteck ermöglichen sollte. Als Josua von dem Aufenthalt der Könige erfuhr, vermutete er sofort, daß diese Höhle nur der Ausgangspunkt von wiederaufgenommenen Feindseligkeiten sei: er befahl nicht nur, die Höhle zu bewachen (V. 18), sondern auch, alsbald mit der Verfolgung des Feindes zu beginnen (V. 19).
Kommentar (R. Breuer)
V. 17. Was ihnen gerüchtweise zugekommen war (V. 16), bestätigte sich, als sie in die Städte der Betrüger kamen. — Der Vergleich mit V. 3, wo nur von ישבי גבעון die Rede ist, lehrt, daß in dem Städtekreis, welchen, wie aus vorliegendem Vers ersichtlich ist, die Gibeoniten beherrschten, Gibeon offenbar die führende Rolle spielte.
Kommentar (R. Breuer)
V. 18. Sie hätten jetzt Gelegenheit gehabt, nicht blos an den ausgesandten Betrügern, sondern an dem ganzen Städtekomplex, in dessen Namen jene gehandelt, empfindliche Rache zu nehmen; sie waren aber zu ihrem Leidwesen durch den Fürstenschwur (V. 15) gebunden.
V. 18. Beides war nötig: Die Steine und die Männer. Die Steine: um ein unvermutetes Entweichen der Gefangenen, eine Überrumpelung der Wachtposten zu verhindern. Die Männer: um ein etwaiges Entfernen der Steine zu hintertreiben.
Kommentar (R. Breuer)
V. 19. כל הנשיאים. V. 15 und 18 hieß es blos נשיאי העדה; ebenso V. 21: הנשיאים. Hier dagegen: כל הנשיאים. Denn hier galt es dem ersten Anprall des Volkes im Augenblick, wo er am heftigsten war, zu begegnen; das konnte nur am wirksamsten geschehen, wenn die Fürsten korporativ die aufgeregte Kritik der öffentlichen Meinung zu besänftigen suchten.
V. 19. וזנבתם. „זנב, der Schweif .... hier: Die Nachzügler, und זנב, Piel (wie סעף entasten): die Nachzügler von dem Haupttrupp abschneiden, oder niedermachen.“ (Komm. Deut. 25, 18).
Kommentar (R. Breuer)
V. 20. Es ist besser, wir lassen sie am Leben und ersparen uns damit einen Eidbruch, den Gott ja doch nicht ungestraft lassen würde.
Kommentar (R. Breuer)
V. 21. Zwischen V. 20 und 21 ist eine heftige Gegenrede des Volkes zu denken, dem die Entschuldigung der Fürsten nicht genügte. Denn nur so ist die Wiederholung ויאמרו אליהם וגו' nicht überflüssig: Abermals huben die Fürsten an und sprachen, nachdem das Volk zu Ende geredet hatte.
כאשר דברו להם הנשיאים. Ein rätselhafter Nachsatz. Die Kommentare versagen. Vielleicht empfiehlt sich das Folgende. In V. 11 erzählten die Gibeoniten, ihre Ältesten hätten sie beauftragt: ואמרתם אליהם עבדיכם אנחנו. Hierauf dürfte sich hier der Nachsatz beziehen: Wir wollen sie zu Holzhauern und Wasserträgern machen, כאשר דברו להם הנשיאים, wozu sich ja ihre eigenen Fürsten, die Ältesten, längst bereit erklärten. Freilich mochten sie nicht an eine solch niedrige Knechtschaft gedacht haben, als sie sich zu עבדים uns anboten, mögen sie jedoch in ihrer Degradation die wohlverdiente Strafe für ihr unerhörtes Vorgehen erblicken.
V. 21. לא חרץ וגו'. Vgl. Ex. 11, 7 und Komm. das.: „Kein Hund wird seine sonst so fleißige Zunge in Bewegung setzen. Bis zum Tier hinab wird nicht nur niemand Israel etwas Leids zufügen, nicht einmal eine wenn auch ohnmächtige feindselige Regung, wie das Anbellen eines Hundes, wird gegen sie rege werden. Bis zum Tier hinab wird alles von stillem Respekt vor dem jüdischen Menschen erfüllt sein. Ganz ähnlich heißt es Josua 10, 21: לא חרץ לבני ישראל לאיש את לשונו, und zwar dort nicht blos vom Hunde.“
Kommentar (R. Breuer)
V. 23. Als es galt, den Unwillen des Volkes zu beschwichtigen (V. 21), da hieß es schonungslos: Sie mögen Holzhauer und Wasserschöpfer sein für die ganze Gemeinde. Jedoch im Augenblick, da Josua den Gibeoniten ihr künftiges Schicksal anzukündigen hatte, bringt er's nicht übers Herz, die brüske Form der an das Volk gerichteten Fürstenrede zu wählen. Ein stilles Mitleid beschleicht ihn im Anblick dieser zu niedrigstem Knechtesdienst verurteilten Betrüger; und feinfühlig nüanciert er die Worte, die er spricht: Ihr sollt niemals aufhören, unsere Knechte zu sein. (Das harte Urteil, der ganzen Gemeinde das Holz zu hauen und das Wasser zu schöpfen, bringt er nicht über die Lippen. Wenigstens nicht in unverblümter Form. Er spricht vom Knechtesdienst, im Anklang an das עבדיכם אנחנו in V. 11. Vgl. das zu V. 21 an zweiter Stelle Bemerkte.) Und wenn einst der Tempel meines Gottes errichtet sein wird, dann werdet ihr eure im Dienste der Gemeinde schon längst bewährte Kraft in den Dienst des Tempels stellen. — Menschlicher fürwahr kann eine bittere Pille nicht verzuckert werden.
V. 23. Die genaue Aufzählung giebt den tragikomischen Eindruck wieder, den es auf alle Zuschauer gemacht haben mußte, als diese fünf Potentaten, zu einem Häuflein Elend zusammengeschrumpft, aus der Höhle hervorkamen.
V. 24 f. Die skeptische Anlage des jüdischen Volkes scheint immer wieder eine energische Entkräftung aufsteigender Zweifel an der Wahrhaftigkeit der göttlichen Verheißung erfordert zu haben. Sonst hätte wohl Josua den fünf Königen diese überflüssige Demütigung vor ihrem Tode erspart.
V. 26 f. Vgl. Deut. 21, 22 f. Ferner 7, 26; 8, 29.
Kommentar (R. Breuer)
V. 24. את אשר צוה וגו'. Vgl. Deut. 7, 1 ff; 20, 16 ff. u. a.
Kommentar (R. Breuer)
V. 25. Die Gibeoniten wußten, daß entlarvte Betrüger ihre Lage nur verschlimmern, wenn sie den hartnäckigen Versuch unternehmen, sich auf irgend eine gewaltsame Weise wieder in den Besitz ihrer verlorenen Ehre zu setzen. Sie fanden sich darum mit dem Unabänderlichen ab und redeten so, wie es ihnen die Klugheit gebot.
Kommentar (R. Breuer)
V. 26. Was zu V. 23 über das milde Verfahren Josuas bemerkt wurde, findet in dem Nachsatz ויצל אותם וגו', der offenbar die Gefühle Josuas bei der Urteilsvollstreckung wiedergiebt, eine Bestätigung: die Härte des Urteils wurde dadurch wesentlich gemildert, daß es zugleich die Rettung aus der Hand des entrüsteten Volkes bedeutete.
Kommentar (R. Breuer)
V. 27. Auch hier tritt die sanfte Form der Urteilsvollstreckung hervor: Wäre der Altar des Herrn schon damals an seinem auserwählten Ort gewesen, so wären die Gibeoniten wohl sofort für den Tempeldienst verwendet worden. So aber mußten sie zunächst in den Dienst der Gemeinde treten.
Kap. 10. V. 1 f. Es kam doch alles anders, als ursprünglich geplant war. Der gemeinsame Feldzug, von welchem 9, 1 f. berichtet wurde, erlitt durch das egoistische Vorgehen der Gibeoniten eine empfindliche Störung. Und nun ward das Schicksal der Gibeoniten zum Ausgangspunkte einer dritten Aktion, die ebenfalls außerhalb der Berechnung der Feinde Israels lag. Offenbar empfing Adoni-Zedek, wie V. 1 vermuten läßt, die Nachricht vom Untergange Ais zugleich mit der vom Ausgang der gibeonitischen Expedition. Es ist begreiflich, daß die gleichzeitig erfolgende Kunde von den beiden Ereignissen dem König und der Bevölkerung (es heißt V. 2 וייראו und nicht וירא) von Jerusalem mit doppelter Wucht auf die Nerven fiel und sie mit umso größerer Angst erfüllen mußte, je deutlicher sie einem Vergleich Gibeons mit Jerusalem oder anderen benachbarten Königsstädten entnehmen mußten, daß auch sie bei einer kriegerischen Verwickelung mit Israel den Kürzeren ziehen würden.