Hoschea 9 הושע
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kapitel 9. V. 1. Das bevorstehende Exil war verkündet. Im Folgenden tritt der Prophet den stillen Gedanken entgegen, mit denen manche Kreise in Israel der Exilierung entgegen sehen mochten. War nämlich einmal die Eroberung des dings kein Verständnis bei dem gesunkenen Kreise seiner Zeitgenossen erwarten. Um so wichtiger sind sie für das jüdische Israel aller Zeiten. Er weist auf alle die geistigen Güter hin, die Israel im Exile entbehren werde, auf die ganze Fülle der sittlichen und geistigen Anregungen und Belehrungen, die ihm mit der Entfernung von dem Herzpunkte der Nation, von Zion, verloren gingen. Je mehr gerade die Propheten an anderen Stellen vor Überschätzung und Verkennung des wahren Werthes des Opferdienstes und des Tempellebens zu warnen hatten, um so ergreifender sind die Klagen, die dem stumpfsinnigen Israel hier die Größe des Verlustes klar machen möchten, dem es durch seine Entfernung von dem heimatlichen Boden entgegen gehe, den es freilich schon jetzt, bereits vor dem Exile, erleide durch die sich thatsächlich vollziehende gänzliche Lostrennung von dem Quell des Segens, der von Zion ausgehen sollte. „Sie werden ja nicht im Lande Gottes wohnen!“ — Die ganze tief sittigende Belehrung, die durch alle an den Bodenbesitz des jüdischen Landes geknüpften Pflichten dem Besitzer in den verschiedenen Stadien von der Bestellung des Bodens bis zum Einbringen der Ernte und der Verwendung für den eigenen Gebrauch zum Bewußtsein gebracht werden soll — ist für sie unwiederbringlich verloren.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. לֹא יִסְּכוּ וגו' כִּי לַחְמָם לְנַפְשָׁם וגו'. Wie können sie im Exile ihr Heil erwarten, wenn, selbst bei allem materiellen Gedeihen, doch die geistige Nahrung, לַחְמָם לְנַפְשָׁם, fehlen wird! Sie werden ja im Gußopfer ihre Freude Gott nicht weihen und sie selbst werden Ihm nicht angenehm sein; nur wenn Israel seinem Gotte durch sein Thatenleben לְרֵיחַ נִחוֹחַ, wohlgefällig ist, darf es auf seinen Segen hoffen, dann ist auch der sinnliche Genuß durchgeistigt, gehoben und geweiht. Ihnen aber, die „Gott nicht wohlgefällig“ sind, sind ihre Prunkmähler wie das Mahl der Trauernden, dessen der Genießende, wenn es ihn auch sättigt, doch nicht froh wird. So auch darben ihnen bei allen materiellen Genüssen Geist und Herz. Warum? Weil „ihr Brot für ihre Seele nicht in das Haus Gottes kommt.“ Nirgends ist die sittigende und erhebende Bedeutung des richtig begriffenen nationalen Korbans schärfer und markiger ausgesprochen, als in diesen Worten. Über die Bedeutung des Opfers verweisen wir auf die bahnbrechenden grundlegenden Ausführungen im Pentateuchcommentar zu Gen. 8, 20, insbesondere zu Leviticus Kap. 1 bis 8. und sonst. Hier möchten wir nur auf die Bedeutung hinweisen, in welcher in dem Lichte dieser Worte das Märchen von der geringen Meinung erscheint, die angeblich die Propheten von dem Werte der Opfer gehabt hätten. Und das sagte derselbe Hosea, der eben erst (8, 14) von dem Unwerte der vielen neuen Gotteshäuser gesprochen hatte, die gerade in der Zeit des religiösen Niederganges Israels entstanden seien! אָנִים von אָנָה klagen, vergl. Jes. 3, 26. 19, 8.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5. Und endlich wie sind die Festzeiten in der Fremde und Ferne nur ein schwacher Abglanz von der Herrlichkeit dieser Tage im jüdischen Lande! מוֹעֵד: die Zeiten, in denen uns Gott zur Zusammenkunft mit sich lädt, חַג: die Tage, in denen das lebendige Israel den konkreten Festkreis bilden sollte um Gott, d. h. um sein Gesetzesheiligtum, und ein jeder sich als Glied dieses Kreises fühlen sollte. Ach, es hatten ja in Wirklichkeit auch in Juda diese Zeiten nicht ihre weckende und packende Macht in ihrer ganzen Tiefe auf die Gesamtheit ausgeübt, wie sie es sollten! Aber dem leichten Sinnes dem Scheiden vom heimischen Boden entgegensehenden Israel wird gleichwohl mit voller Berechtigung zugerufen, welcher durch nichts zu ersetzenden herrlichen Güter, welcher Förderungsmittel und welcher Unterstützung in der Selbsterziehung und Selbstläuterung es damit verlustig gehe und wie thöricht es deshalb sei, auf wahre, reine und dauernde Freude in der Fremde zu hoffen. Es ist dies alles Ausführung der ersten Worte des Kapitels: „Freue dich nicht auf das Jauchzen!“
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. כִּי הִנֵּה הָלְכוּ וגו'. Ephraim wandert jetzt bereits freilich auch. Allein nicht als Festeswaller nach Jerusalem, sondern — nach Ägypten. Nicht dem Gottesrufe folgend, sondern: מִשֹּׁד, dem Zwange der herannahenden Gefahr weichend. Die Vornehmen und Reichen glaubten der Assyrergefahr entgehen zu können, indem sie sich nach Ägypten flüchteten, oder vielmehr „begaben“, הָלְכוּ. Dieses nimmt die Vermögenden auch auf, aber es bietet ihnen nur ein Grab. Sie kehren nicht zurück, und die herrlichen Güter, die sie zurückgelassen haben, „was sie mit ihrem Gelde erstrebten“, sie werden ein Erbteil des Dorngestrüpps, sie verfallen völliger, dauernder Verödung.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. Wenn die Katastrophe hereinbricht, dann wird Israel erkennen, wer in Wahrheit der Gottesprophet und wer der Baalspfaffe gewesen, es wird die angeblichen „Männer des Geistes“ in ihrer wahren Natur erkennen, die es so lange verführt haben, indem sie jede Sünde und jede Thorheit als Fortschritt priesen und dadurch Israel eine immer schwerer lastende Schuld sich aufbürden ließen. Denn das liegt in מַשְׂטֵמָה, von שָׁטַם, verw. mit סָתַם, verbergen, verschließen, ein lange geborgener, zurückgehaltener Zorn, der sich endlich entladen wird. — אֱוִיל, verw. mit אוּלַי, „vielleicht“, der an allem Zweifelnde, der zur klaren Erkenntnis und zur Bildung eines bestimmten Urteils Unfähige. מְשֻׁגָּע, das diametrale Gegenteil von אֱוִיל: der von einer fixen Idee, einer Wahnvorstellung Beherrschte und deshalb zur Erkenntnis der Wirklichkeit Unfähige. Das waren die geistigen Autoritäten, die das unglückliche Israel bisher beherrschten!
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8. Ephraim vertraut der eigenen Einsicht, es stellt sich keck „neben“ Gott, um die Gegenwart zu begreifen und die Zukunft zu erkennen. Es bedarf des Gottespropheten nicht. Derselbe erscheint ihm mit seinen mahnenden und warnenden Worten, die ihm auf allen seinen Wegen des Abfalls entgegentreten, vielmehr als Hemmnis, als „der die Schlinge legt auf allen seinen Wegen“, als מַשְׂטֵמָה, als der stets still drohende Zorn in dem Tempel seines, d. i. Ephraims, Gottes. Es fühlte sich in dem Vertrauen auf seine Götter durch die Propheten gestört.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9. כִּימֵי הַגִּבְעָה. Da im folgenden Kapitel V. 9 gleichfalls die „Tage Gibeas“ genannt werden, und zwar, wie wir glauben als Höhepunkt der sittlichen Ruhmesgröße Israels, so kann sich die Erwähnung Gibeas hier wohl auch nur auf die Richter Kap. 19 ff. erzählten Thaten beziehen. Während jedoch unten die allgemeine nationale Erhebung zur strafenden Sühne der Schandthat gemeint ist, wird hier eben an diese von den Einwohnern Gibeas verübte Schandthat und an die schmähliche Haltung des Stammes Benjamin gedacht, der sich als mit Gibea solidarisch erklärte. Wenn dort ein einzelner Stamm so schwer frevelte und die schwerste Strafe auf sich herab beschwor, so heißt es nun hier von Israel, daß es sich durch eine eben so tiefe Kluft des Abfalls von seinem Gotte geschieden habe, und daß deshalb Gott nur übrig bleibe, ihrer Sünde zu gedenken und die Folgen ihres Abfalls über sie zu verhängen, יִפְקוֹד חַטֹּאתָם.
V. 10 בַּעֲנָבִים בַּמִּדְבָּר וגו'. Die Welt war einst für die Keime des Reinmenschlichen empfängnislos, „zur Wüste“ geworden. Da bot sich Gott in dem durch seine Fügung zum Volke gezeitigten Sprossen des Jakobshauses ein Menschenkreis dar, der, soviel menschliche Schwäche ihm auch noch anhaftete, doch durch das Vertrauen, mit dem er durch das Meer und die Wüste Gott folgte, und durch die Hingebung, mit der er am Sinai Gott sein נַעֲשֶׂה וְנִשְׁמָע entgegenjauchzte, sich von der ganzen ihn umgebenden Menschheit abhob „wie Trauben in der Wüste“. Es ist die Vaterliebe Gottes, die hier spricht: „so hatte ich Israel gefunden“, so freute ich mich mit ihm. Es war ja die „Erstlingsfrucht“, die am Baume der Menschheit Gott entgegenreifte, und der die anderen Früchte folgen sollten. Die Erstlingsfrucht בְּרֵאשִׁיתָהּ, an einem Feigenbaume, der noch nie getragen. Als solche, heißt es hier in dem unendlich zarten Vergleiche, „hatte ich eure Väter geschaut“ — sie aber, ach die Freude war nur eine kurze, nicht lange hernach waren sie von der Sinai-Höhe in den Schlamm der Baal-Peor-Entartung hinabgesunken! וַיִּנָּזְרוּ, sie gaben sich gänzlich hin, — in der Wahl des Wortes נָזִר spricht sich die bittere Klage aus —: sie fanden ihres Lebens „Krone“ und Vollendung darin, daß sie sich der Schmach preisgaben, „weiheten“. Es ist dies der gerade Gegensatz zur Nasirgesinnung. Sie sollten Nasir לה' sein, und wurden Nasir dem Baal-Peor, der Schmach. — כְּאָהֳבָם, Infinitiv: wie ihr Lieben, oder von אֹהַב, dem Sing. des Pl. אֳהָבִים, wie der Gegenstand ihrer Liebe.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 11. Jene Sünde wurde damals getilgt. Sie war zugleich Wurzel und Gipfel des Abfalls. In denselben Abfall ist Israel jetzt zurückgesunken, als dessen Repräsentant Ephraim genannt wird. Dasjenige, was einzig seine Ehre, seine Bedeutung, sein moralisches Gewicht bilden könnte, das ist „flügge wie ein Vogel“: selbst wenn es sich einmal bei Gott, d. i. auf dem gottgebotenen Wege befindet, so ist es stets flügge, wie ein Vogel, der die Schwingen regt. Denn es entbehrt jedes inneren Haltes, jedes sittlichen Ernstes, siech sind sie im innersten Kerne ihres Wesens, wie das in der Steigerung bis auf den ersten Augenblick des Werdens zurückgeführt wird: „von der Geburt, vom Mutterschoße, vom Momente der Zeugung“. Es fehlt die jüdische Ehe, die jüdische Mutter und der jüdische Vater.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 12. Auch wenn sie ihre Kinder leiblich großziehen, so werden sie doch nicht aufkommen, keine Zukunft haben, ihr Stamm verdorrt, ich mache das gesunkene Ephraim kinderlos, „der Menschen beraubt“, denn „auch sie — die Kinder — trifft Wehe, indem ich mich von ihnen entferne“. Die Sünde der Eltern bereitet den durch sie mißleiteten Kindern das Grab, sie berauben sie ja der schützenden Gottesnähe.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 13. Sowie der Prophet 14, 9 von dem Ephraim der Zukunft im Namen Gottes erklärt, daß Gott es bereits „kraftdurchströmt und wie die Ceder ragend“ schaue, so wird hier seine ursprüngliche Bestimmung in der Vergangenheit ausgesprochen durch die Worte: „ich hatte es geschaut“ oder „ersehen“, so viel als bestimmt. Tyrus ist das Bild eines in höchster materieller Blüte stehenden Staatswesens. Ein solches „Tyrus“ sollte Ephraim sein, „gepflanzt“ von Gott in geeigneten Boden. Dieses selbe Ephraim hat aber dadurch, daß es sich von dem einzigen Principe seines Lebens gänzlich entfernt hat, seine Kinder dem sicheren Tode entgegen geführt. Es ist auch möglich, die Construction so aufzufassen: Ephraim sollte, so wie ich es für Tyrus ersehen, d. i. bestimmt, gepflanzt sein in gedeihlichen Boden“. נָוֶה bezeichnet die Stätte als eine zusagende, geeignete, behagliche und fördersame.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 14. Reicher Kindersegen gilt der biblischen Anschauung stets als höchstes Glück. Deshalb ist es die ergreifendste Schilderung der herrschenden Entartung, wenn der Prophet hier die gänzliche Versagung dieses Glückes nicht als Strafe, sondern als „Gewährung“, תֵּן לָהֶם, bezeichnet. Die Kinder würden ja doch nur der Verderbnis verfallen. „Gieb ihnen was immer du ihnen geben willst! vor allem aber gieb ihnen“ u. s. w.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 15. Das Verlangen nach einem Könige im unjüdischen Sinne, nach der Weise der Völker, zur Vertheidigung nach außen, während doch Gott Israels Beschützer sein wollte, wird hier als Ausgangspunkt alles späteren Unheils bezeichnet. Der Hinweis auf Gilgal bezieht sich wohl auf die 1 Sam. 11, 15 erzählte feierliche Sanctionierung des Königtums. Wenn das. Kap. 12 auch von der Reue des zur besseren Einsicht erwachten Volkes berichtet wird, so war dies doch nur ein flüchtiger Augenblick. Die Einsetzung des Königtums war von jenem Tage her mit dem Namen Gilgal verknüpft. Seine unheilvolle Einwirkung äußerte sich vor allem im Reiche Israel, in der von Hosea so oft gegeißelten verderblichen Politik der Könige, die aus dynastischem Interesse das Volk zum Abfall gebracht hatten und im Abfalle erhielten. Wir begreifen deshalb sehr wohl, wie der Prophet hier „Gilgal“ als Quell und Wurzel alles Unheils bezeichnen kann. — שָׂנֵא hat hier die Bedeutung: zu hassen anfangen, mit Haß treffen, im Hinblick nämlich auf den schnöden Undank, der sich nach der ganzen Reihe der erlebten Rettungs- und Erhaltungswunder in dem Begehr nach einem Könige ausgesprochen hatte. — Nunmehr „werde ich sie aus meinem Hause vertreiben“, גָרֵשׁ bezeichnet diese Entfernung als die Lösung des innigen, unter dem Bilde der Ehe begriffenen Bandes. Siehe oben Kapitel 1 und 2. In dem „aus meinem Hause“ liegt auch die räumliche Entfernung: sie haben in meinem Hause mir mit keinem Opfer zu nahen, das, von ihnen dargebracht, nur Höhnung wäre. אַהֲבָתָם steht in der Bedeutung des Infinitivs. שָׂרֵיהֶם: die die Maßgebenden, die Führer zum Guten sein sollten, sind selbst Abtrünnige. Durch den Gleichklang der beiden Worte, die in dieser Zusammenstellung auch Jes. 1, 21 vorkommen, tritt der Gegensatz zwischen der Bestimmung und der Wirklichkeit umso schärfer hervor.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 16. Für das gegenwärtige Ephraim und für seine nächsten Geschlechter giebt es keine Rettung, denn, wie es in dem Pflanzenleben entlehnten Bilde heißt, es ist an der Wurzel schwer getroffen, deshalb werden auch die nächsten Sprößlinge nicht aufkommen. Erst die Leidenserziehung des halt- und schutzlosen Weilens inmitten der Völker kann eine Änderung herbeiführen, unabwendbar ist deshalb das Exil.