Hoschea 8 הושע
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 8. V. 1. אֶל חִכְּךָ wörtlich: zu deinem Gaumen. Hier: חֵךְ im weiteren Sinne für Mund. Also: Lasse die mahnenden Töne des Schofars sich wie Adler hinanschwingen zu dem Tempel und über den Tempel, klage das dort versammelte Volk und die dort ihres Amtes waltenden Priester an. Eingehen in meinen Bund, stets von neuem schließen meinen Bund sollten Volk und Priester durch die Opferhandlungen: sie aber übertreten ihn in demselben Augenblicke, da sie ihn scheinbar erneuen, denn ihren Opfern und ihrem Erscheinen im Tempel fehlt die Wahrheit. פָּשַׁע בּ־ heißt: gegen eine Person oder Sache Verrat üben; hier aber heißt es עַל תּוֹרָתִי, bei meiner Thora, wir würden sagen: „mit meiner Thora im Arm“ üben sie Verrat an ihr. Ihr Tempelbesuch und ihr Opferdienst sollen den Abfall im Leben sanctionieren, wie das gerade hier anschaulich ausgeführt wird. Sie glauben, Juden sein und auf den Beistand Gottes zählen zu können, auch ohne Gehorsam gegen das Gottesgesetz.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. Das טוֹב, das für den Menschen „Gute“, ist für Israel in der Thora niedergelegt. זָנַח, das verstärkte זָנָח, bezeichnet also die Vollständigkeit des Bruches mit dem Gesetze. Eben wegen dieser gänzlichen Entfremdung muß es dem Feinde preisgegeben werden.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. Die Güter, die ihnen als Mittel verliehen waren, haben sie zu ihren Göttern gemacht. An Stelle des V. 3 genannten höchsten „Guten“, das zugleich in Wahrheit das höchste Gut ist, also an die Stelle der Erfüllung der gottgebotenen Pflicht, haben sie die Mehrung und Erhaltung ihres Besitzes zu dem obersten Princip erhoben. Das Gold ist ihr König und das Silber ihr Herrscher, wörtlich: das Maßgebende, Herrschende, Bestimmende. וְלֹא יָדַעְתִּי: was ich nicht als solchen achte, anerkenne, nicht zu Israels Herrscher bestimmt habe. Damit haben sie sich sofort um alle wahre Lebensfreude und Gemütsruhe gebracht. עֲצַבִּים, von עֶצֶב, heißen die Götter, sofern sie nur Schmerz und Entsagung auflegen. Der Mensch, der das Gold vergöttert, hat damit ewige Sorge zu seinem irdischen Lose gemacht. Und: לְמַעַן יִכָּרֵת lautet das Gotteswort warnend für alle Zeiten. Alle dir verliehenen oder von dir erlangten Güter können dein Glück fördern und dir zum Segen gereichen, wenn und solange du sie als Mittel verwendest; sobald du sie vergötterst, läßt Gott gerade sie zuerst deinen Händen entschwinden.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5. f. Der Abfall ging freilich von der Residenz, von den Königen, dem Hofe und den Großen aus, die, vergl. oben 7. 3 ff, das Volk planmäßig verführt hatten. Dadurch aber wird das Volk nicht der Verantwortlichkeit enthoben: „Mein Zorn entbrennt wider sie“, das Volk. Sie hätten sich nicht verführen lassen, hätten dem Könige und seinen Großen Widerstand entgegensetzen sollen. Ohne Entgegenkommen des Volkes wäre der König ja machtlos, wie das an dem Beispiel des Götteremblemes drastisch gezeigt wird. Es muß doch ein Mann aus dem Volke gewesen sein, der das goldene Kalb Schomrons gemacht hat, es ist doch kein Gott, daß es sein eigner Schöpfer wäre! — Was in solchem Falle Pflicht des Volkes gewesen wäre? „Fortgejagt werden mußte Schomrons Kalb!“ lautet der Vorwurf des Gotteswortes im Munde des Propheten. Kein Volk kann sich mit der Verantwortlichkeit seiner Regierung decken. Dieser Vers ist der älteste Ausdruck des Gedankens, daß ein jedes Volk die Regierung habe, die es verdiene. Hätte das Volk die sittliche Kraft besessen, das „Kalb Schomrons“ in die Verbannung zu schicken, so wäre es nicht selbst dem Lose der Verbannung verfallen. — Das hier genannte Kalb ist allgemein das Emblem des Abfalls zum Götzendienst. Die beiden von Jerobeam I. 1 Kön. 12, 29 angefertigten goldenen Kälber befanden sich in Bethel und Dan, während Schomron erst von Omri erbaut und zur Residenz gemacht wurde. 1 Kön. 16, 24.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. Also Gottes Zorn trifft das Volk. Alles, was sie zur Sicherung ihrer Zukunft unternehmen, womit sie den „Acker ihrer Zukunft bestellen,“ das wird sich als „Wind,“ ja in seinen Folgen als der sie hinwegraffende „Sturm“ erweisen. Von ihrem Beginnen kommt nichts zur Reife, auch was zu gelingen scheint, kommt gleichwohl nicht zur erhofften Vollendung, und, würde selbst diese erreicht, so käme der Erfolg nicht ihnen, sondern ihren Feinden zu gute: „die Fremden werden es verschlingen.“
V. 8 f. נִבְלַע: verschlungen werden, sein selbständiges Dasein gänzlich verlieren, auch: spurlos verschwinden. Israel inmitten der Völker, ohne das ihm allein Wert und Bedeutung verleihende Gottesgesetz, verfällt dem Geschicke dieses „Verschlungenwerdens.“ Es ist das in den Jahrtausenden der jüdischen Geschichte sich hinauslebende Gesetz, das in diesem und den folgenden Versen ausgesprochen ist: Israel, das aufhört Träger des Gottesgesetzes zu sein, ist auch in den Augen der Völker „wie ein Gerät, mit dem niemand etwas anzufangen weiß,“ oder: an dem niemand Wohlgefallen, das keinen Wert hat. Es hat die Berechtigung und damit die Kraft seines Sonderdaseins verloren. Auch die Träume vom Aufgehen in die Völker, von der „Amalgamierung“ mit ihnen, gehen nicht in Erfüllung. Mögen sie immerhin voll Verehrung zu Aschur „emporgestiegen“ sein, — sie, die ihrem Gotte gegenüber nur kecken Trotz kannten, wie dies durch das הֵמָּה, das besonders hervorgehobene Subjekt betont wird, — vor den fremden Machthabern und vor dem fremden Volke zeigten sie das Gegenteil von Selbstbewußtsein und Selbstachtung. Und was war ihr Lohn? Sie wurden in der assyrischen Gesellschaft angesehen wie ein „Tier der Wildnis“, dem man die fremde Herkunft immer anmerkt, das als in der Cultur weit zurückgeblieben erscheint und deshalb „einsam für sich bleibt“. Wir haben da eines jener Bilder, die wie eine Momentaufnahme aus dem Dunkel längst vergangener Jahrtausende uns lebensfrisch entgegentreten und eine wunderbare Ähnlichkeit mit Erscheinungen unserer eigenen Gegenwart darbieten. Oder giebt es eine treffendere Zeichnung der unsichtbaren Sonderatmosphäre, von der die modernen Israeliten, die nur der Abstammung, nicht der Lebensweise nach dem Judentume angehören, in so vielen Kreisen der nichtjüdischen Gesellschaft umgeben sind, die, auch wo sie es nicht offen zeigt, sie als ein eigentlich nicht hineingehörendes, fremdes Element betrachtet, das בּוֹדֵד לוֹ, gegen das, trotz aller äußeren Annäherung, doch gewisse unsichtbare Schranken der Isolierung aufrecht zu halten seien. — Und „Ephraim“, das sich von dem „isolierenden“, unbequemen Gesetze befreiende Israel, hatte sich doch Freundschaft ausbedungen, hatte gewähnt, die Völker würden es deshalb mit offenen Armen aufnehmen! — Wir haben hier תָּנָה als Bedingen gefaßt, in dem Sinne, den es im späteren Hebräisch unzweifelhaft hat und der sich hier aus dem ganzen Zusammenhange ergiebt, statt für diese Stelle eine besondere Bedeutung „darreichen, schenken“ zu construieren. Diese Bedeutung wäre eben damit schon für eine frühere Zeit festgestellt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 10. גַּם כִּי יִתְנוּ וגו' Wir haben hier dieselbe Wurzel תָּנָה offenbar in dem Sinne, den sie im Aramäischen hat = mit in ת verwandeltem ש שָׁנָה wiederholen, als specifischen Ausdruck für die geistige Beschäftigung mit der der mündlichen Überlieferung überantworteten Lehre, deren geistige Aneignung, Bewahrung, wörtlich: Wiederholung. Das Objekt von אֲקַבְּצֵם ist das zuvor durch Ephraim repräsentierte Israel. Die Verheißung, sie zu versammeln, weist darauf hin, daß der Prophet das bereits unter die Völker, בַּגּוֹיִם, zerstreute Israel im Auge hat. Der Sinn ist: Selbst wenn sie, bereits unter die Völker hinausgewandert, in deren Mitte, statt durch Abstreifen des göttlichen Gesetzes um deren Gunst zu buhlen, sich mit allem Ernste der Gotteslehre hingeben würden, sofort, עַתָּה, in demselben Augenblicke, würde ich sie wieder versammeln, und sie hätten וַיָּחֵלּוּ מְעַט וגו', nur „in geringem Maße Entweihung bewirkt durch die ihnen von dem Könige der Fürsten aufgelegte Geschickeslast“. Die Zeit, in der sie um ihrer Sünde willen dem Drucke des stolzen Assyrerkönigs preisgegeben werden mußten, und die dadurch bewirkte Entweihung des göttlichen Namens würde nur eine rasch dahingeschwundene Episode in der Geschichte Israels bilden. — Der Gebrauch von aramäischen Worten hat nichts Auffallendes. Charakteristisch ist hier gegenüber dem abgefallenen Israel gerade der Hinweis auf die mündliche Lehre. Ohne sie giebt es auch keine schriftliche. Aller Abfall begann damals wie später mit der angeblichen Lossagung nur von der mündlichen Lehre. V. 12 wird durch den Hinweis auf die ursprünglich nur zur mündlichen Überlieferung bestimmten ausführlichen Gesetzbestimmungen und Erläuterungen die Bedeutung dieses יִתְנוּ in dem angegebenen Sinne, wie uns scheint, über jeden Zweifel hinaus erhoben. וַיָּחֵלּוּ Hiphil von: חלל. Das גַּם am Anfange des Wortes bezieht sich auf בַּגּוֹיִם, d. h. auf den Zustand, in welchem sich Israel unter den Völkern befindet.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 11. Nachdem Israel zum Götzentum abgefallen war, wurden ihm selbst die Gott dargebrachten Opfer, denn mit diesem wollten sie in echt heidnischer Anschauung ja auch nicht ganz brechen, zur Sünde, d. h. sie bestärkten es nur in seiner Verblendung, indem es im heidnischen Sinne glaubte, damit auch dem Gotte Israels Genüge gethan zu haben. Was hier von dem damaligen Opfer „Ephraims“ gesagt ist, gilt ebenso von demjenigen modernen Gottesdienste, der Ersatz für den wahren Gottesdienst des Lebens sein soll. Statt den Menschen Gott näher zu bringen, erhält er ihn vielmehr in der Gottesferne, indem er ihn in der Wahnvorstellung bestärkt und sein Gewissen beruhigt, wie dies V. 14 näher ausgeführt wird.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 12. Wir haben hier eine hoch bedeutsame Äußerung des Propheten über den Grund, weshalb ursprünglich die mündliche Lehre nicht niedergeschrieben worden, vielmehr der mündlichen Überlieferung von Geschlecht zu Geschlecht, von Mund zu Mund, von Lehrer zu Schüler überlassen wurde. Nur bei der lebendigen mündlichen Übermittelung ist Bürgschaft geboten, daß auch der Geist mit überliefert werde, mit dem Satze wird auch sein richtiges Verständnis weiter tradiert. In dem schriftlichen Worte erstarrt die lebendige Lehre. Indem es den Lehrer überflüssig zu machen scheint, giebt es zugleich mannigfachster Deutung Raum, je nach der subjectiven Auffassung des Empfängers, dem nur der tote Buchstabe vorliegt. Diese Einzelheiten, die Detailbestimmungen des Gottesgesetzes werden hier רִבֵּי תּוֹרָתִי, die reiche Fülle, die „Vielheiten meines Gesetzes“ genannt, und die naheliegende Gefahr der Umdeutung durch falsche Auffassung des schriftlich Fixierten wird in scharf pointirter Form dahin ausgesprochen, daß diese „Fülle der Thora“, wenn niedergeschrieben, als etwas völlig Fremdes, als etwas ganz anderes erscheinen, wörtlich: erachtet werden würde.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 13. זִבְחֵי הַבְהָבַי וגו' Diese Worte bilden die Ausführung des V. 11 ausgesprochenen Gedankens von der Nichtigkeit, ja Verderblichkeit der in heidnischer Gesinnung Gott dargebrachten Opfer. Das sonst auffällige Wort הַבְהָבַי scheint auch in diesem Sinne die Beflissenheit äußerlicher „Darbietungen“ zu bezeichnen. Es ist das verdoppelte הַב, von יָהַב geben. Das Object von רָצַם sind die Darbringenden. Wie wenig ihr Sinn dabei ist, das zeigt sich in ihrer Bemühung um ein ägyptisches Bündnis in demselben Augenblicke, als das Gottesgericht durch die Assyrer ihnen drohend nahte. Die ganze Auffassung dieser Gefahr als eines Gottesverhängnisses infolge ihrer Schuld lag ihnen völlig fern.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 14. Jemehr die Gottesfurcht aus dem Leben geschwunden war, oder vielmehr je weniger sie durch Unterstellung des Lebens unter das Gottesgesetz bethätigt wurde, um so mehr machte sich der dunkle Drang geltend, sich mit dem Allmächtigen, den man sich so gern als den Allerhöchsten vorstellte, abzufinden, auch ihn behufs Abwendung seines Zornes zu befriedigen. Als das Bequemste bot sich auch damals, ganz entsprechend den heidnischen Vorstellungen, die Errichtung von Tempeln dar. Daß aber dieser Allerhöchste zugleich der Allernächste ist, עֹשֵׂהוּ Part. Präs., der fort und fort an Israels Gestaltung und Erziehung arbeitet, das hatten sie gänzlich „vergessen“, und eben aus dieser gänzlichen Verkennung Gottes ging die Erbauung der Gotteshäuser im damaligen Israel hervor. An die Parallele mit manchen Erscheinungen in der jüdischen Geschichte unseres Jahrhunderts brauchen wir kaum zu erinnern. Wie verfehlt es wäre, aus der großen Zahl der in den letzten achtzig Jahren errichteten Gotteshäuser auf die steigende Gesetzestreue zu schließen, das liegt ja leider klar zu Tage. — וִיהוּדָה הִרְבָּה עָרִים בְּצֻרוֹת: auch Juda, das wenigstens nicht grundsätzlich mit dem Gottesgesetze gebrochen hatte, war es mit dem Vertrauen auf Gottes Beistand nicht Ernst. Statt durch aufrichtige Hingebung an Gott sich dessen Schutzes würdig zu machen, mehrte es die Zahl seiner Festungen und bereitete sich damit dasselbe Schicksal, das den israelitischen Staat ereilte. — Das Suffix in אַרְמְנֹתֶיהָ bezieht sich auf אֵשׁ, durch die Entartung ihrer Bewohner waren die Paläste „dem Feuer verfallen“.