Hoschea 7 הושע
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 7. V. 1. Sowie ich Israel heile, d. i. die ernsten Verhängnisse zu seiner Läuterung über es bringe, so wird die schwere Schuld Ephraims, d. i. des Hofes und der herrschenden Klassen, werden die Frevelthaten der Residenz offenbar werden. Alle täuschenden Hüllen werden zerrissen, die sittliche Fäulnis, die das ganze israelitische Staatsleben und die israelitische Gesellschaft zerfressen hat, tritt klar zu Tage. Denn Lüge bildete den Grundcharakter ihres Wesens, als Lüge wird sich schließlich auch ihr ganzer Staats- und Gesellschaftsbau erweisen, כִּי פָּעֲלוּ שָׁקֶר. Wo aber im öffentlichen Leben Treue und Glauben nichts gilt, wo die oberen Schichten schamlos dem Streben fröhnen, sich auf Kosten des gemeinen Wohles zu bereichern — denn das ist der Sinn von פָּשַׁט גְּדוּד בַּחוּץ, חוּץ im Gegensatz zum Privatleben —: da wird, was den Großen recht ist, auch den Kleinen billig sein, da schwindet auch aus dem gesamten Verkehr zwischen Mensch und Mensch Wahrheit und Recht. „Der Dieb bleibt nicht aus, wo im öffentlichen Leben die Bande ganz offen auf Raub auszieht.“
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. וּבַל־יֹאמְרוּ וגו'. Sie sollen sich aber auch nicht über das Unheilvolle täuschen, das ihren Missethaten an sich anhaftet. Sie sollen nicht meinen, an sich könnte ihr Gemeinwesen wohl so weiter bestehen, ihr ganzes Unglück sei nur, daß: זָכָרְתִּי, Gott ihrer gedenke, eine höhere Macht ihnen feindlich sei, weil sie deren Willen nicht gehorchten. Deshalb werden sie zu der Erkenntnis gebracht werden, daß ihre eigenen Thaten „sie umkreist“, einen verderbenbringenden Ring um sie geschlossen haben, die „gegen meinen Willen waren“. Es ist der Hinweis auf die von Gott gefügte sittliche Weltordnung, nach welcher die Schuld selbst das Uebel erzeugt, und deren Walten in dem sich an Israel vollziehenden Geschicke ganz besonders hervortreten soll. לִלְבָבָם: zu ihrem Herzen, sich zuredend, sich beruhigend.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. Denn ein Staat, dessen Könige und Machthaber geradezu auf Entartung des Volkes speculieren, ja seine Leidenschaften direkt entflammen, ein solcher Staat muß zusammenbrechen. Das aber war in dem unglücklichen israelitischen Reiche die Politik des ersten Jerobeam gewesen, und dieser Politik waren alle seine Nachfolger treu geblieben. Wie bereits wiederholt bemerkt, fürchteten sie die Rückkehr des Volkes zum Gottesgesetze wegen der dadurch möglichen Annäherung an das Davidshaus. Deshalb wurde die Sinnlichkeit im Volke entfesselt; denn keinen stärkeren Wall giebt es gegen die Gesetzestreue, die vor allem Selbstbeherrschung fordert. Deshalb wurde ferner das Volk in möglichster Unkenntnis des Gesetzes erhalten. Wie die infamen Bestrebungen der Könige und Großen von den feilen Priestern und Propheten, die für ihre Existenz bangten, unterstützt wurden, ist bereits oben Kap. 4 und 5 ausgeführt worden. Hier wird nun V. 3 und 4 die Verführungsarbeit der Könige und Großen in furchtbarer Anschaulichkeit geschildert und sodann V. 7 darauf hingewiesen, wie den künstlich angefachten Leidenschaften die Verführer selbst zum Opfer fallen werden. „Mit ihrer Schlechtigkeit erfreuen sie den König und mit ihren frechen Lügen die Fürsten“. Alle sind sie מְנַאֲפִים, wörtlich: Ehebrecher, werden von den Trieben ungezügelter Sinnlichkeit beherrscht. Dieses Feuer, das sie verzehrt, ist jedoch künstlich in ihnen angefacht worden. Sie gleichen einem Ofen, der an sich kalt ist, der nur „durch den Bäcker in Glut gebracht ist“ — der Schürer (מֵעִיר Hifil von עוּר,) „ruht nur — vom Kneten des Teiges, bis daß er aufgegangen ist.“ Das Volk war ursprünglich unverdorben, es ist der Ofen, seine Sinnenlust ist die künstlich angezündete Flamme. Der König ist der Bäcker, der an dem Feuer der Leidenschaft des entsittlichten Volkes „sein Brot bäckt“. Wenn das Verführungswerk hin und wieder unterbrochen wird, so sind das nur Kunstpausen — damit das Werk desto besser gelinge. „Der Teig muß erst gegoren haben, bevor er in den Ofen geschoben werden kann.“ Wenn der Hof einmal nicht schürte, so war auch das nur Politik.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5. Einen Tag haben die Verführer ganz besonders gefürchtet — den „Tag unseres Königs“, den Thronungstag, jenen Tag, an dem der Schofar in den jüdischen Herzen den Gedanken an Gott, als den einzigen wahrhaftigen Herrn und König in Israel, wachrufen will. Schon damals bildete dieser Tag und der Jom Kippur, zu dem er führt, dasjenige Band, das am längsten auch den im übrigen schon dem Gesetzesheiligtum entfremdeten Juden noch mit Judentum verband. Dieses Band wurde stets zu allerletzt gelöst, und seine Lösung war der schwerste und schmerzlichste Schritt auf dem Wege des Abfalls. Diesen Tagen hatten ursprünglich die Großen mit der Besorgnis entgegengesehen, das Volk könne trotz allem und allem sich auf sich selbst besinnen und von Sehnsucht zu seinem Gotte ergriffen werden. Deshalb hatten sie Sorge getragen, diesen Tag zu schwächen, wörtlich: הֶחֱלוּ, sie haben ihn krank, siech gemacht, haben es verstanden, ihm seine aufrüttelnde Kraft zu nehmen, durch die Glut, die sie durch den Wein erzeugten — Ob sie um diese Zeit Bacchanalien, heilige Orgien veranstalteten? Jedenfalls heißt es, sie verstanden es, das Volk durch Rausch an diese, für sie im Anfang noch gefährlichen Tage bei deren Wiederkehr vergessen zu machen. Das Werk war übrigens nicht schwer, denn sie hatten es auch verstanden, das Volk zu לוֹצְצִים zu machen, es zur Verspottung alles Heiligen zu erziehen, so „zog denn seine, d. i. des Weines, Gewalt dahin die, die schon ohnehin Spötter waren“.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. Denn jetzt, nachdem das Verführungswerk soweit vorgeschritten war, בְּאָרְבָּם, durch ihre Nachstellungen, durch die arglistige Verführungskunst der Großen, brachte das Volk sein Herz schon wie einen Ofen entgegen (Subjekt von קֵרְבוּ ist das Volk, wie oben V. 3 von יְשַׂמְּחוּ, ebenso כֻּלָּם מְנָאֲפִים V. 4). Jetzt kann „ihr Bäcker“ schon ruhig die ganze Nacht schlafen, am Morgen steht der Ofen schon von selbst in hellen Flammen. Möglich ist aber auch, daß sich das Suffix in בְּאָרְבָּם auf das Volk bezieht. Es hieße dann: in ihrer Lauer, in ihrem Auflauern. Sie bringen ihr Herz bereits wie einen geheizten Ofen entgegen. Sie haben es schon von den Großen gelernt, ihren Lüsten zu fröhnen, und um die Mittel zum Genusse zu gewinnen, ist auch ihnen kein Mittel zu schlecht. Das בְּאָרְבָּם zeichnete dann den auch in Israel angefachten Krieg aller gegen alle. Die vom Hofe, von den Großen und den Priestern ausgehende Frivolität hat alle Schichten der Bevölkerung ergriffen. Vergl. oben V. 1: der Dieb wird sicher kommen, wo im öffentlichen Leben die Bande auszog.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. „Alle erglühen sie“ — das Werk ist vollständig gelungen, jedoch die zuerst für die Zwecke der Großen entfachte Flamme der Entsittlichung wendet sich nunmehr gegen diese Verführer selbst, „und sie verzehren — ihre Machthaber.“ Wo immer eine Regierung das Volk für ihre Zwecke demoralisiert, da bereitet sie sich durch diese Entsittlichung den eigenen Untergang. Das ist der V. 2 gemeinte „Ring des Verderbens, den ihre eigenen Thaten um sie geschlossen“. — „Bereits sind alle ihre Könige gefallen“ — die wenigsten Könige von Israel sind eines natürlichen Todes gestorben, das Volk blieb stets teilnahmslos und kalt. Kein Band der Treue bestand zwischen diesem Volke und diesen Königen. Bei all den Königsmorden hat „keiner im Volke zu mir gerufen“, mein Einschreiten, meine helfende oder rächende Hand angerufen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8. Ephraims Geschick ist deshalb das Exil. Es muß wieder unter die Völker „gemischt“ werden, „es war ein Kuchen ohne Wende“ — der nur auf einer Seite den Wirkungen des Feuers ausgesetzt gewesen ist. Das Bild ist vom Teige genommen. Ein schon völlig ausgebackenes Brot läßt sich nicht leicht wieder in den Teig mengen. Das Feuer, auf das hier hingeblickt ist, ist das אֵשׁ דָּת, das „Gesetzesfeuer“. Wäre Ephraim und die ihm folgenden Stämme jemals vollständig von dem jüdischen Gesetze beherrscht gewesen, nie und nimmer hätte es — das lehrt ja die Erhaltung Judas! — unterscheidungslos in der Völkermenge wieder verschwinden und untergehen können, aus deren Mitte Gott sein Volk, wie er es aussprach, ja zu einer selbständigen, von Ihm gestalteten Volksindividualität herausgesondert hatte, וָאַבְדִּיל אֶתְכֶם. Ephraim aber hatte vom Judentum überhaupt nur den äußeren Firnis erhalten, dieser wird nun ununterscheidbar verwischt. Es war wie ein Kuchen, der nur oberflächlich, nur auf einer Seite gebacken war, deshalb „wird es in den großen Völkerteig wieder eingerührt.“ War doch sein Sehnen nur dahin gegangen, sich mit den andern gänzlich zu amalgamieren! — Wenn wir bedenken, wie bedeutungsvoll schon das eine kleine winzige Sechstel des jüdischen Stammes, soweit es auch hinter der Höhe seiner Bestimmung noch zurückgeblieben, gleichwohl in der Geschichte der Menschheit geworden ist, so steigt vor unserem Auge der Gedanke auf, eine wie unendlich weitreichende Wirkung von diesem Stamme ausgegangen wäre, wenn auch die anderen fünf Sechstel vom jüdischen Geiste durchdrungen gewesen wären, die jetzt leider unser Blicken gänzlich entschwunden sind. —
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9. Bereits haben seine Bewerbungen um die Gunst der Fremden, bei denen es Anschluß suchte, seine Kraft verzehrt, denn nach göttlicher Fügung waren gerade diese die Feinde, unter deren Angriffen und Verheerungen es am meisten zu leiden hatte. — Es aber merkt nichts davon, es ist vorzeitig altersschwach geworden, ohne daß es eine Ahnung davon hätte.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 10. Während so der Hochmut Israels es vor Gott anklagt, und in den schweren Heimsuchungen sich Gottes Zorn bereits über sie äußert, denken sie gar nicht an eine Rückkehr zu Gott und suchen seine Hand nicht in allen sie treffenden Geschicken.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 11. פָּתָה jedem Eindruck, auch jeder Vorspiegelung offenstehen, jene Urteilslosigkeit, die jedem glaubt. Das sonst so raffinierte und auf seine Klugheit eingebildete Ephraim bietet in der Beurteilung seiner Lage das Bild der vollendeten Einfalt: seine Todfeinde ruft es zu Hülfe! Statt den Frieden mit Gott zu suchen, schicken sie nach Ägypten und gehen selbst nach Aschur!
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 12. Sie glauben sich meiner Macht entziehen zu können: überall sind sie in meiner Hand. Das Bild von dem thörichten Vogel wird wieder aufgenommen. Ich „werfe mein Netz über sie“. Aus den Worten כְּשֵׁמַע לַעֲדָתָם klingt eine leise Ironie. Sie halten ja die geschichtlichen Überlieferungen der Vergangenheit, wie Gott Israel geführt und sein Geschick je nach seiner Treue oder Untreue gestaltet hat, für unbeglaubigte Sagen. Was den Gelehrten Ephraims als solche unhistorische Überlieferung erscheint, der höchstens ein kleiner geschichtlicher Kern innewohne, das werden sie in fühlbarster Wirklichkeit höchst geschichtlich an ihrem eigenen Leibe erleben: „ich werde sie züchtigen, wie wohl noch in ihrem Kreise eine Kunde lebt“, nämlich daß ich Israel in der Vergangenheit gezüchtigt habe.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 13. Da שֹׁד, Raub und Plünderung, offenbar das von Menschen zugefügte Weh bezeichnet, so weist אוֹי auf physisches, aus den Gängen der Natur Israel treffendes Unglück hin. Das eine wie das andere kommt von Gott. Und ich — אָנֹכִי ist מִדַּת הָרַחֲמִים — ich könnte und möchte noch jetzt sie von diesem socialen und physischen Übel erlösen, während sie in ihrer Verblendung hingehen und mich verlästern. Die Schritte, mit denen sie sich hülfesuchend an die Völker wenden, sind schon an sich eine Verleugnung und Entweihung des göttlichen Namens. Ergreifend spricht sich in diesen und den folgenden Worten der Schmerz des Vaters aus, der über sein ungeratenes Kind schweres Leid bringen muß und noch im letzten Augenblick so gern bereit wäre es abzuwenden, wenn nur sein Kind zur Besinnung käme. Der Wunsch geht jedoch nicht in Erfüllung. Denn:
V. 14 f. selbst nachdem das Leid bereits begonnen, ist es nicht Gott, zu dem sie auf ihrer Lagerstelle jammernd flehen — sie betrachten noch immer den Besitz, „Korn und Most“, als ihres Lebens einzigen Grund, von Gott aber weichen sie noch immer zurück und versagen ihm den Gehorsam. Die geradezu feindliche Gesinnung wird durch das בִּי ausgedrückt, das an Stelle des zu erwartenden מִמֶּנִּי steht. Und doch soll, was ihnen als Züchtigung erscheint, in Wahrheit nur Stärkung, Weckung ihrer Kraft sein (V. 15), sie aber denken nur Schlechtes, wenn sie an mich denken. Oder: sie halten mich für den Urheber ihres Unglücks. Den sich daraus ergebenden Schluß aber, daß also nur in der Wiedergewinnung meiner Gnade, in der Rückkehr zu mir ihr Heil liege, den ziehen sie nicht. Sie versuchen wohl andere Wege einzuschlagen, sie kehren um, doch (V. 16) nicht zu Gott, nicht „aufwärts,“ und zeigen sich so wie ein „trügerischer Bogen“. Die Leiden sollten ihre Spannkraft wecken, sollten sie fühlen lassen, daß es so nicht weiter ginge, daß sie etwas thun, etwas ändern müßten. Sie faßten auch den Entschluß zu einer Änderung, aber gerade im verkehrten Sinne. Sie kehrten um — doch nicht zur Höhe! So fallen denn ihre Fürsten, die das Volk zuerst verführt, sie fallen durch die Verhängnisse, die ihre Zunge heraufbeschworen — „das ist die Frucht ihrer Lästerreden im Lande Mizrajim!“ —