Hoschea 6 הושע

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1
לְכוּ֙ וְנָשׁ֣וּבָה אֶל־יְהֹוָ֔ה כִּ֛י ה֥וּא טָרָ֖ף וְיִרְפָּאֵ֑נוּ יַ֖ךְ וְיַחְבְּשֵֽׁנוּ׃
ZunzKommt und laßt uns umkehren zum Ewigen, denn er hat zerrissen und wird uns heilen; er schlägt und wird uns verbinden.
J. J. HirschAuf, lasset uns zu Gott zurückkehren, denn er hat zerrissen, er wird uns auch heilen — er schlug und wollte uns verbinden.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 6. V. 1. Es ist ה', der barmherzige Gott, der in seiner Liebeswaltung טָרַף, Wunden geschlagen, er wird uns auch wieder Heilung senden. יַךְ Futur., wie häufig, zur Bezeichnung der Dauer oder der Wiederholung der Handlung; es kann jedoch hier, am Ziele, nicht auf künftige Züchtigung hinblicken, sondern dient als eigentliches Imperf.: er pflegte ja stets uns Leiden nur zu senden, weil er uns verbinden wollte. Die von ihm gesandten Wunden hatten stets nur die Heilung zum Zwecke.

2
יְחַיֵּ֖נוּ מִיֹּמָ֑יִם בַּיּוֹם֙ הַשְּׁלִישִׁ֔י יְקִמֵ֖נוּ וְנִחְיֶ֥ה לְפָנָֽיו׃
ZunzEr wird uns genesen lassen nach zwei Tagen, am dritten Tage wird er uns aufstehen heißen, und wir werden leben vor seinem Angesicht.
J. J. HirschEr wollte uns gesunden lassen durch die beiden Geschickestage — am dritten Tage wird er uns aufrichten, und dann werden wir vor seinem Angesichte leben.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 2. יֹמָיִם, die beiden Geschickestage. Israel wird zurückschauen auf die beiden Tage, die, da der Prophet dies aussprach, noch der fernen Zukunft angehörten, auf die beiden Tage der großen nationalen Katastrophen der Zerstörung des ersten und des zweiten Tempels, und es wird sprechen: Gott wird uns wieder Leben geben, uns gesunden lassen nach den beiden Geschickestagen, oder tiefer, causal: durch die beiden Geschickestage. Sie waren für unsere Erhaltung zur Notwendigkeit geworden. An dem dritten Tage aber, der Erstehung des בֵּית שְׁלִישִׁי, wird er uns aufrichten, und dann werden wir vor seinem Angesichte leben. Im Unglück sind wir die Seinen geworden, bisher aber sind wir nur im Unglück die Seinen geblieben, im Glücke jedoch, im Sonnenscheine seiner Gnade haben wir uns noch nie auf die Dauer als die Seinen bewährt. Wir haben bis jetzt, in den Nachtjahrhunderten, für ihn zu sterben gewußt, jetzt aber werden wir vor seinem Angesichte, unter dem Strahle seiner Gnade und in Erfüllung seines Gesetzes „vor ihm“ leben.

Haftarah Naso Romanioten enden hier.
3
וְנֵדְעָ֣ה נִרְדְּפָ֗ה לָדַ֙עַת֙ אֶת־יְהֹוָ֔ה כְּשַׁ֖חַר נָכ֣וֹן מֹצָא֑וֹ וְיָב֤וֹא כַגֶּ֙שֶׁם֙ לָ֔נוּ כְּמַלְק֖וֹשׁ י֥וֹרֶה אָֽרֶץ׃
ZunzUnd lasset uns Acht haben und nachtrachten, den Ewigen zu erkennen; wie das Frühroth schön ist sein Aufgang; und er kommt zu uns wie der Regen, wie Spätregen die Erde bewässert.
J. J. HirschDann werden wir, wie wir es wünschen, erkennen, nein, streben, Gott zu erkennen, [er ist freilich schon jetzt] wie das Morgenrot, dessen Aufgang fest steht — dann aber wird er wie der Regen uns kommen, wie Spätregen, der die Erde befruchtet.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 3. Dann erst werden wir erkennen, nein, werden streben, Gott zu erkennen! Obgleich Gott „wie das Morgenrot ist, dessen Ausgangspunkt an bestimmter Stelle“, obgleich es dem Menschen, der Gott in Wahrheit sucht, eben so leicht ist, ihn zu finden, wie er die Richtung kennt, in der er das aufleuchtende Frührot zu suchen hat — hat er ja in seinem Gesetze uns den Weg vorgezeichnet, auf dem wir zu ihm gelangen können und sollen! — so hat es doch der langen Läuterungszeit der Leidenserfahrungen bedurft, bis daß wir zu dieser Erkenntnis uns erhoben haben. Nun aber, da wir in diesem Sinne uns ihm nähern, kommt er uns entgegen, wie befruchtender Regen neues Leben in der Erde weckt.

4
מָ֤ה אֶֽעֱשֶׂה־לְּךָ֙ אֶפְרַ֔יִם מָ֥ה אֶעֱשֶׂה־לְּךָ֖ יְהוּדָ֑ה וְחַסְדְּכֶם֙ כַּעֲנַן־בֹּ֔קֶר וְכַטַּ֖ל מַשְׁכִּ֥ים הֹלֵֽךְ׃
ZunzWas soll ich dir thun, Efrajim, was soll ich dir thun, Jehudah! da eure Liebe ist wie eine Morgenwolke, und wie der Frühthau vergeht sie.
J. J. HirschWas aber könnte ich noch jetzt dir thun, Ephrajim, was dir thun, Juda? Eure Hingebung ist ja wie das Morgengewölk und wie der Tau, der schon früh dahingeht!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 4. So wird es geschehen, wenn Israel die „zwei Tage“ und alles, was sie notwendig machte, gänzlich überwunden haben wird. Gott möchte ihm diese „zwei Tage“ gern ersparen, jedoch seine Hartnäckigkeit in der Verblendung macht dies unmöglich. „Was könnte ich noch dir thun, Ephraim und Juda“, um euch zur Besinnung und Rückkehr zu bringen? „Eure Hingebung ist ja nur wie das Morgengewölk und wie der Tau, der schon früh dahinschwindet!“ In den ernsten Zeiten des Einzellebens oder auch des Lebens der Gesamtheit steigen wohl hin und wieder Regungen zum Besseren in euch auf — allein sie gehen rasch vorüber und haben keine Folge. Sie gleichen dem Morgengewölk, das aufsteigt, jedoch der lechzenden Erde den ersehnten Regen nimmer bringt.

5
עַל־כֵּ֗ן חָצַ֙בְתִּי֙ בַּנְּבִיאִ֔ים הֲרַגְתִּ֖ים בְּאִמְרֵי־פִ֑י וּמִשְׁפָּטֶ֖יךָ א֥וֹר יֵצֵֽא׃
ZunzDarum hieb ich die Propheten nieder, erwürgte sie durch die Aussprüche meines Mundes, daß deine Strafgerichte an das Licht kommen;
J. J. HirschDarum habe ich meine Streiche geführt durch die Propheten, habe sie dahinsterben lassen durch die Worte meines Mundes; so sind die über dich kommenden Strafgerichte wie das Licht, das hervortritt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 5. Deshalb, d. h. um euch zu warnen und das Schwerste von euch abzuwenden, habe ich längst, ehe ich den Untergang in Wirklichkeit eintreten lasse, deine Zertrümmerung durch die Propheten ausgesprochen, habe die Propheten deinen Untergang fühlen lassen durch die Worte, zu deren Trägern ich sie machte, wörtlich: „habe sie erschlagen durch die Worte meines Mundes.“ Nicht Zorn, nicht Erbitterung über die Verstocktheit der Verblendeten ist der Charakter des Prophetenwortes. Der bittere Schmerz über ihre Gesunkenheit, der mächtige Eindruck der Unmittelbarkeit des Selbstgefühlten und geistig Selbsterlebten verleiht ihm sein Gepräge. Der Untergang, den sie verkünden, sie erlebten ihn selbst. Der Tod, von dem sie mit heißem Ringen ihre Brüder retten wollten, sie erduldeten ihn selbst. Sie fühlten sich dahinsterben, indem sie ihr Volk beschworen umzukehren. Daher konnte Gott es aussprechen: die über dich hereinbrechenden Strafgerichte sind wie das Licht, ihre Bedeutung, ihr Ursprung und ihr Zweck ist klar wie der Tag.

6
כִּ֛י חֶ֥סֶד חָפַ֖צְתִּי וְלֹא־זָ֑בַח וְדַ֥עַת אֱלֹהִ֖ים מֵעֹלֽוֹת׃
ZunzDaß ich Liebe verlange und kein Opfer, und Erkenntniß Gottes mehr denn Ganzopfer.
J. J. HirschDenn Hingebung habe ich gewollt, und nicht Opfer, und Gotteserkenntnis sollte aus den Emporopfern hervorgehen!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 6. Denn nicht „wie Morgenrot“ und „wie dahinschwindender Tau“ vorübergehende Regungen der Andacht, sondern חֶסֶד, Liebe, Hingebung habe ich gewollt und nicht Opfer. Nur als Mittel, als stets sich erneuende Vergegenwärtigung meiner Anforderungen, als gelobenden Ausdruck ihrer Erfüllung, als Vorbereitung und Rüstung für den in חֶסֶד bestehenden wahren Gottesdienst des Lebens habe ich die Opfer angeordnet. Völlig wertlos, ja das Gegenteil des von mir Gewollten sind die Opfer, wenn sie den in חֶסֶד, in hingebendem Gehorsam sich verwirklichenden Gottesdienst des Lebens — ersetzen sollen. Und Gotteserkenntnis, d. i. jene immer mehr sich vertiefende Innigkeit des Sichhineinlebens in den göttlichen Willen durch Vollbringen der gottgewollten That, das ist’s, was aus den Emporopfern hervorgehen sollte. — Wir können an dieser Stelle nicht vorübergehen, ohne an die noch immer beharrlich wiederholte Entstellung zu erinnern, daß ein Hauptmoment der Strafreden der Propheten die Sorge für Abstellung des Baalcultes und für Wiederherstellung des „reinen Gottes- d. i. Tempeldienstes“ gebildet habe. Die hier verworfenen Opfer waren nicht den Götzen, sondern Gott dargebrachte, und dennoch sind sie verworfen. Der Verkennung der Bedeutung der Opfer wird im Gotteswort entgegen getreten von Moses bis zum letzten Propheten. Daß die Gesinnung des Darbringenden sein Opfer von vornherein zu einem verworfenen, von der Schwelle des Heiligtums zurückzuweisenden machen könne, das war schon bei dem allerersten Opfer, dem Israel in Mizrajim zum Gottesvolke constituierenden Peßach-Opfer, ausgesprochen. Die Worte Exod. 12, 43: כָּל בֶּן נֵכָר לֹא יֹאכַל בּוֹ schließen den מוּמָר aus, den durch sein Leben dem Gottesbunde entfremdeten Juden, „der durch sein ganzes Thatenleben sich seinem Vater im Himmel völlig entfremdet hat“. Dasselbe ist durch den beschränkenden Ausdruck מִכֶּם Lev. 1, 1 für den Juden in Beziehung auf alle Opfer ausgesprochen. Und daß immer mehr sich vollendende Hingebung an die Pflicht aus der symbolischen Weihehandlung erblühen soll, nimmer aber durch dieselbe ersetzt werden könne, das tönt aus den Worten aller Propheten heraus, von Samuel, der sprach: „Hat Gott Verlangen nach Empor- und Mahlopfern, wie nach dem Gehorsam auf die Stimme Gottes, ist ja Gehorsam besser als Opfer, sorgsames Aufmerken besser als alles Fett der Widder!“ (1 Sam. 15, 22) — bis zu Malachi, der eben im Hinblick auf die Verkennung des Wesens der Opfer im Namen Gottes ausrief: „Wäre doch nur einer unter euch, der die Pforten des Heiligtums schlösse, damit ihr nicht mehr zum Scheine das Opferfeuer auf meinem Altare leuchten ließet!“ — Mal. 1, 10. Vergl. unsere Ausführungen zu Jes. 1, 11 Haftoroth S. 311 f.

7
וְהֵ֕מָּה כְּאָדָ֖ם עָבְר֣וּ בְרִ֑ית שָׁ֖ם בָּ֥גְדוּ בִֽי׃
ZunzAber sie [die Propheten] gleich dem gemeinen Haufen, haben den Bund übertreten, dort waren sie treulos an mir,
J. J. HirschSie aber, als wäre es Menschending, haben sie den Bund übertreten, dort selbst waren sie treulos gegen mich.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 7. Sie aber, כְּאָדָם, als wäre das nur eine conventionelle Ceremonie, als stünden sie einem Menschen gegenüber, als wäre das Opfer etwa wie ein unter Menschen üblicher, übrigens bedeutungsloser Höflichkeits- und Begrüßungsbrauch, haben sie den Bund gebrochen, שָׁם: in dem Augenblick, da sie das Opfer darbrachten, dessen eigentliche Bedeutung die Erneuerung des Treuegelöbnisses an mich ist, in demselben Augenblicke und an derselben Stätte brachen sie die Treue.

8
גִּלְעָ֕ד קִרְיַ֖ת פֹּ֣עֲלֵי אָ֑וֶן עֲקֻבָּ֖ה מִדָּֽם׃
Zunz(In) Gilead, der Stadt der Uebelthäter, mit Spuren von Blut.
J. J. HirschGilead ist doch eine Stadt von Missethätern, man watet dort im Blute —:
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 8. Die Priester hätten sie aufklären sollen, diese aber sind selbst die am tiefsten Entarteten. Auf ihnen, auf „der Genossenschaft der Priester“, ruht deshalb die schwerste Schuld. Sie fördern eifrig die Verblendung des Volkes, in dessen Verdummung, in dessen vollständiger Unwissenheit sie die festeste Stütze ihrer Stellung und ihres Einflusses erblicken. So „morden“ sie, nicht mit Schwert und Dolch, sondern mit der „Angel“, mit dem Worte der Verführung. Sie sind moralisch die Mörder des Volkes. Gilead, das transjordanische Land, war wegen der Gewaltthätigkeit seiner Bewohner verrufen. Sie wurden ja auch als die ersten ins Exil geführt. Gileads Boden ist blutüberströmt, man „watet dort im Blute“. עֲקֻבָּה, Denom. von עָקֵב Ferse, wörtlich: Bespritzung der Ferse vom Blute. Aber verderblicher als die Banditen Gileads ist חֶבֶר כֹּהֲנִים, „die Genossenschaft der Priester“ — die Sippe hält zusammen, vertritt solidarisch ihre Interessen — sie sind wie „Rotten“, wie Räuberbanden, die Jagd machen auf Menschen, wörtlich: sie sind „Angeln“, die „Menschen fangen“. דֶּרֶךְ: auf offener Straße „morden sie“, mit ihren das Volk vergiftenden Lehren, die sie öffentlich predigen. Und alles dies: שָׁכְמָה, um etwas heimzutragen, um der Beute willen. שֶׁכֶם, die Schulter, als Bild des Tragens von Lasten, hier für die Last, das Heimzutragende. Das ה bezeichnet das Ziel, hier den Beweggrund. „Denn sie, die Priester, haben das Schändliche, das Bubenstück vollbracht.“ זִמָּה von זָמַם bezeichnet etwas in schlauer Berechnung Ersonnenes, in der Regel im schlechten Sinne.

9
וּכְחַכֵּ֨י אִ֜ישׁ גְּדוּדִ֗ים חֶ֚בֶר כֹּהֲנִ֔ים דֶּ֖רֶךְ יְרַצְּחוּ־שֶׁ֑כְמָה כִּ֥י זִמָּ֖ה עָשֽׂוּ׃
ZunzUnd gleich Schaaren, die Menschen auflauern, ist die Rotte der Priester, auf dem Wege morden sie im Verein; denn (ihr) Vornehmen vollführen sie.
J. J. Hirschdoch Menschen angelnden Rotten gleich ist die Genossenschaft der Priester! Auf offener Straße morden sie, um etwas heimzutragen! Denn sie haben das Bubenstück vollbracht.
10
בְּבֵית֙ יִשְׂרָאֵ֔ל רָאִ֖יתִי (שעריריה) [שַׁעֲרֽוּרִיָּ֑ה] שָׁ֚ם זְנ֣וּת לְאֶפְרַ֔יִם נִטְמָ֖א יִשְׂרָאֵֽל׃
ZunzIm Hause Jisraél habe ich Schauderhaftes gesehen; dort ist Buhlerei bei Efraim, verunreinigt ist Jisraél.
J. J. HirschIm Hause Israel habe ich Feilheit gesehen, dorther kam die Abtrünnigkeit Ephrajims, ward Israel unrein.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 10. שַׁעֲרוּרִיָּה von שער, Thor und Markt, wie מֵאָה שְׁעָרִים Gen. 26, 12 כַּתְּאֵנִים הַשּׁעָרִים Jer. 29, 7: Feigen, die stets feil geboten werden, aber keinen Käufer finden, Ladenhüter. כִּי כְמוֹ שָׁעַר בְּנַפְשׁוֹ Prov. 23, 7 bei der Warnung, der Einladung eines Mißgünstigen, Geizigen, zu folgen, jeder Bissen kostet ihn ein Stück von seinem Herzen, es ist, „als ob er seine Seele feilbietend am Thore stehe.“ שַׁעֲרוּרִיָּה heißt deshalb Feilheit und bezeichnet jene Niedrigkeit der Gesinnung, die mit Ehre und Gewissen zu Markte sitzt, der nichts zu schlecht ist, sobald es Nutzen verspricht, und die für das Beste nicht zu haben ist, sobald das eigene Interesse dabei nicht seine Rechnung findet. Also das gerade Gegenteil von חֶסֶד, der oben V. 6 als Inbegriff der gesamten Forderungen des Gottesgesetzes bezeichneten selbstlosen Liebeshingebung. Zur Hervorhebung dieses Gegensatzes zu seiner eigentlichen Bestimmung wird hier auch wohl das „Haus Israel“ mit Betonung genannt. In dieser Feilheit, die „ich im Hause Israel gesehen“, wurzelt der Abfall Ephraims, die Entartung Israels. Da neben בֵּית יִשְׂרָאֵל nachher noch besonders Israel genannt ist, so scheint jenes Gesamt-Israel, Juda inbegriffen, zu umfassen. Sodann folgt die genetische Darstellung der Ausbreitung des Abfalls. Er ging von dem führenden Stamme Ephraim aus, ergriff die übrigen Stämme des Reiches Israel und pflanzte sich, wenngleich mit geringerer Intensität, auch nach Juda fort. Darauf weist auch das גַּם hin.

11
גַּם־יְהוּדָ֕ה שָׁ֥ת קָצִ֖יר לָ֑ךְ בְּשׁוּבִ֖י שְׁב֥וּת עַמִּֽי׃ {פ}
ZunzAuch dir, Jehudah, ist die Ernte bestellt. — Als ich zurückführen (wollte) die Gefangenen meines Volkes,
J. J. HirschAuch Juda! auch für dich steht die Ernte noch zurück — [bis dahin] da ich die Gefangenen meines Volkes zurückführe. —
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 11. „Auch Juda“ — zu ergänzen: נִטְמָא, ward verunreinigt. Deshalb der hervorhebende trennende Accent. שָׁת von שות, gleichbedeutend mit שתת, dieses kommt auch ohne hinzugefügtes Objekt vor, Ps. 49, 15. Hier: fest stehen, sich fest stellen, von der im Reifen begriffenen Ernte: im Wachstum Halt machen. Also: Auch Judas Reinheit ist getrübt, deshalb — in direkter Anrede sich nunmehr Juda zuwendend — bleibt dir die Ernte aus, wird dir die Ernte gehemmt, auch für Juda giebt es kein volles Glück, bis zur einstigen Sammlung des als „Gottesvolk“ עַמִּי geeinten Israel. „Auch dir, Juda, ist die Ernte zurückgestellt“ — zu ergänzen: sie wird dir erst, „wenn ich die Gefangenen meines Volkes zurückführe“.