Hoschea 5 הושע

Buch: Kapitel: Vers:
Übersetzung:
1
שִׁמְעוּ־זֹ֨את הַכֹּהֲנִ֜ים וְהַקְשִׁ֣יבוּ ׀ בֵּ֣ית יִשְׂרָאֵ֗ל וּבֵ֤ית הַמֶּ֙לֶךְ֙ הַאֲזִ֔ינוּ כִּ֥י לָכֶ֖ם הַמִּשְׁפָּ֑ט כִּי־פַח֙ הֱיִיתֶ֣ם לְמִצְפָּ֔ה וְרֶ֖שֶׁת פְּרוּשָׂ֥ה עַל־תָּבֽוֹר׃
ZunzHöret dies, Priester, und merket auf, Haus Jisraël, und ihr, Haus des Königs, horchet hin, denn euch kommt es zu, des Rechtes (zu walten); doch eine Falle waret ihr auf Mizpah und ein ausgebreitetes Netz auf Tabor.
J. J. HirschVernehmet dieses Wort, ihr Priester, und merket auf, Haus Israel, und ihr Glieder des Königshauses, neiget euer Ohr! denn euer ist die Handhabung des Rechtes — denn eine Falle waret ihr für den Ausblick und ein Netz, das selbst über den Tabor ausgebreitet war!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 5. V. 1. Der Plural הַקְשִׁיבוּ und הַאֲזִינוּ zu den Singularen בֵּית יִשְׂרָאֵל und בֵּית הַמֶּלֶךְ richtet sich unmittelbar an jedes einzelne Glied des „Hauses Israel“ und des „Königshauses“. Die Gottesrede ist eigentlich an die Priester und an das Herrscherhaus gerichtet, das Volk, jedes einzelne Glied des Hauses Israel wird zum Aufmerken auf dieses an die maßgebenden Kreise sich wendende Wort aufgefordert. כִּי לָכֶם הַמִּשְׁפָּט: denn euch steht die Handhabung und Aufrechthaltung des Rechtes zu, ihr seid in erster Linie zu seiner Erkenntnis und zu seiner Vertretung berufen. Möglich aber auch, daß מִשְׁפָּט hier sich auf das hereinbrechende Gottesgericht bezieht, und wäre der Sinn dann: euch bedroht, euch trifft aus dem angeführten Grunde das Gericht zuerst.

כִּי־פַח וגו'. מִצְפָּה von צָפָה schauen, kommt in der Regel als Warte, Aussichtspunkt vor. Auch als Eigennamen ist es von dieser Bedeutung abgeleitet. Die Auffassung der Erklärer, die es von den aufgestellten Wachtposten verstehen, die das jerobeamische Königtum und dessen Nachfolger zur Verhinderung des Hinaufziehens nach Jerusalem auf die Berge Mizpa und Tabor gestellt hätten, ist topographisch und sachlich unhaltbar. Denn die Verkehrsstraße führte vom Norden nach dem Süden unmöglich über den Tabor. Auch nicht über das in Gilead gelegene Mizpa; das in Benjamin gelegene gehörte aber nicht zum Nordreiche. Außerdem aber kann eine solche Zwangsmaßregel öffentlicher Grenzsperre doch unmöglich eine „Falle“ und ein „Netz“ genannt werden. Der Tabor gehört zu den höchsten Bergen Palästinas. Mizpa ist dem gegenüber eine jede Höhe, von der aus Umschau gehalten, ein Ueberblick und, im übertragenen Sinne, ein Urteil über die Verhältnisse des Augenblickes gewonnen werden kann. Jonathan faßt es ähnlich: als Belehrung und Unterweisung, die von ihnen ausging. Der Sinn ist also: eine Falle waret ihr überall, wo es galt, ein Urteil über die Gegenwart, ihre Anforderungen und Gefahren zu gewinnen; in den Versammlungen des Volkes, in den Beratungen der Gemeinden habt ihr arglistig das Volk über seine Lage und seine Aufgabe zu täuschen verstanden, habt immer verstanden, es für eure Zwecke einzufangen, die seine immer größere Demoralisierung erheischten. Und euer Netz „reichte selbst über den Tabor“, war selbst über den höchsten Bergesgipfel gespannt, es umspannte und umfaßte alle und alles, ihr hattet es so schlau verstanden, euren Eigennutz und eure Hinterlist unter der Maske der Biederkeit, der Sorge für das Gemeinwohl zu verbergen, daß alle von eurem Netze umgarnt wurden. Denn:

2
וְשַׁחֲטָ֥ה שֵׂטִ֖ים הֶעְמִ֑יקוּ וַאֲנִ֖י מוּסָ֥ר לְכֻלָּֽם׃
ZunzUnd zum Mord bargen sie sich in die Tiefe, die Abtrünnigen; aber ich — Züchtigung Allen!
J. J. HirschDaß es aber gelte, dem Abfall zu opfern, das haben sie tief verborgen, ja ich — diente ihnen allen als Zuchtmittel!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 2. וְשַׁחֲטָה שֵׂטִים וגו', daß es gelte, dem Abfall zu opfern, das hatten sie schlau verborgen, ja sie hatten die Perfidie so weit getrieben, daß sie dem armen, künstlich in Unwissenheit erhaltenen Volke, an dessen Verführung sie unausgesetzt arbeiteten, mit dem göttlichen Zorne drohten, wenn es ihren Lehren und Weisungen nicht Folge leiste! Im Namen Gottes führten sie das Volk immer tiefer die Abwärtspfade des Treubruchs gegen Gott! Ich — diene ihnen als Zuchtmittel! — שֵׂטִים, Ps. 101, 3 סֵטִים, von שָׂטָה, das Abweichen von der Pflicht, der Plural bezeichnet die Vielheit der Richtungen, in denen der Treubruch erfolgte. שַׁחֲטָה soviel wie לִשְׁחוֹט. Ueber die Construction שַׁחֲטָה שֵׂטִים vergl. זְבַח לֵאלֹהִים תּוֹדָה Ps. 50, 14, wo תּוֹדָה als Objekt von זְבַח die huldigende Anerkennung bedeutet. Aehnlich das. V. 23: זֹבֵחַ תּוֹדָה יְכַבְּדָנִי und זִבְחוּ זִבְחֵי־צֶדֶק das. 4, 6.

V. 3 f. אֲנִי יָדַעְתִּי וגו'. Mich hat Ephraim nicht getäuscht, ich sah die von den Großen zuerst heimlich und schlau ausgeübte Verführungsarbeit, sah auch, wie wenig widerstandskräftig Israel, das Volk, war. Jetzt hat Ephraim sein Werk vollendet, jetzt bedarfs der Heimlichkeit nicht mehr. Da הַזְנֵה nicht ein einmaliges, sondern ein andauerndes Werk, sowohl des Brechens der Treue als auch der Verführung zur Untreue bezeichnet, so kann durch עַתָּה nur die Vollendung dieses Verführungswerkes ausgedrückt werden. Das Volk (V. 4) „kann“ schon gar nicht mehr zurück. Ihr ganzes unjüdisches Leben, mit dem sie brechen müßten, versperrt ihnen den Weg zur Rückkehr. כִּי רוּחַ זְנוּנִים: sie tragen den Geist des Treubruchs, der Verführung, schon als „Princip“ in ihrem Innern, und sie wissen gar nicht von etwas Besserem, denn von Gott kennen sie nur den Zorn, mit dem ihre Priester ihnen drohen, ihn selbst, ה', in der Unendlichkeit seiner Liebe, in seiner Offenbarung und in der Wahrheit seiner Lehre und seines Gesetzes, haben sie nie kennen gelernt.

3
אֲנִי֙ יָדַ֣עְתִּי אֶפְרַ֔יִם וְיִשְׂרָאֵ֖ל לֹא־נִכְחַ֣ד מִמֶּ֑נִּי כִּ֤י עַתָּה֙ הִזְנֵ֣יתָ אֶפְרַ֔יִם נִטְמָ֖א יִשְׂרָאֵֽל׃
ZunzIch kannte Efrajim, und Jisraél war nicht verhohlen vor mir; denn nun . . . . . du hast gebuhlt, Efrajim, verunreinigt hat sich Jisraël.
J. J. HirschIch durchschaute Ephrajim wohl, und Israel war mir nicht verborgen; weil du, Ephrajim, jetzt die Verführung vollendet hast, ward Israel entweiht.
4
לֹ֤א יִתְּנוּ֙ מַ֣עַלְלֵיהֶ֔ם לָשׁ֖וּב אֶל־אֱלֹֽהֵיהֶ֑ם כִּ֣י ר֤וּחַ זְנוּנִים֙ בְּקִרְבָּ֔ם וְאֶת־יְהֹוָ֖ה לֹ֥א יָדָֽעוּ׃
ZunzIhre Handlungen gestatten nicht, umzukehren zu ihrem Gott; denn ein verbuhlter Sinn ist in ihrer Brust, und den Ewigen haben sie nicht erkannt.
J. J. Hirsch[Jetzt] lassen ihre Thaten es gar nicht mehr zu, daß sie zu ihrem Gotte zurückkehren! Denn der Geist der Verführung ist schon in ihrem Innern, und Gott haben sie nie gekannt.
5
וְעָנָ֥ה גְאֽוֹן־יִשְׂרָאֵ֖ל בְּפָנָ֑יו וְיִשְׂרָאֵ֣ל וְאֶפְרַ֗יִם יִכָּֽשְׁלוּ֙ בַּעֲוֺנָ֔ם כָּשַׁ֥ל גַּם־יְהוּדָ֖ה עִמָּֽם׃
ZunzUnd gebeugt wird die Hoheit Jisraël's vor seinen Augen; und Jisraël und Efrajim werden straucheln in ihrer Schuld, es strauchelt auch Jehudah mit ihnen.
J. J. HirschSo zeugt der Hochmut Israels wider es. Deshalb müssen Israel und Ephrajim zu Falle kommen durch ihre Sünde, ist ja selbst Juda mit ihnen zu Falle gekommen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 5. Der Hochmut Israels, sein Glück, die von ihm mißbrauchten Güter selbst klagen es an vor Gott. Zu einem solchen Leben ist ihm das Land und seine Fülle nicht verliehen worden. Deshalb müssen Israel und Ephraim, die Verführten und die Verführer, zu Fall kommen, hat ja das Verderben selbst bis in Judas Kreis hinübergegriffen.

6
בְּצֹאנָ֣ם וּבִבְקָרָ֗ם יֵ֥לְכ֛וּ לְבַקֵּ֥שׁ אֶת־יְהֹוָ֖ה וְלֹ֣א יִמְצָ֑אוּ חָלַ֖ץ מֵהֶֽם׃
ZunzMit ihren Schafen und ihren Rindern werden sie hingehen, den Ewigen zu suchen, aber ihn nicht finden; er hat sich ihnen entzogen.
J. J. HirschMit ihren Schafen und ihren Rindern werden sie hingehen, Gott zu suchen, sie werden ihn aber nicht finden, er hat sich ihnen entzogen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 6. Es kann ja sein, daß sie beim Hereinbrechen der Not sich entschließen, „Gott zu suchen“, aber nicht mit der Umkehr und der Rückkehr auf den Weg seines Gesetzes, sondern: „mit ihren Schafen und ihren Rindern“! — ein solches heidnisches Gott Suchen wird natürlich vergeblich sein. Denn — ihre Schafe und ihre Rinder wollen sie „Gott weihen“, aber:

7
בַּיהֹוָ֣ה בָּגָ֔דוּ כִּי־בָנִ֥ים זָרִ֖ים יָלָ֑דוּ עַתָּ֛ה יֹאכְלֵ֥ם חֹ֖דֶשׁ אֶת־חֶלְקֵיהֶֽם׃ {ס}
ZunzDem Ewigen waren sie untren, denn unächte Kinder haben sie geboren; nun soll sie Ein Monat verzehren sammt all ihrem Theil.
J. J. HirschGott haben sie gänzlich die Treue gebrochen, denn gottentfremdete Kinder haben sie geboren —: jetzt wird ihnen ein Monat ihre Besitztümer verzehren.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 7. ihre Kinder sind schon vom Augenblick der Geburt an Gott ent=fremdet! Die Tiefe des sie von Gott trennenden Abfalls kann nicht schärfer gezeichnet werden, als durch die Worte: ihr ganzes Leben, ihr Denken und Fühlen ist so sehr dem Göttlichen entfremdet, daß ihre Kinder schon mit dem ersten Dämmern ihres Bewußtseins Gott entfremdet werden, sie werden als זָרִים „geboren“, deshalb, wie es im vorigen Verse hieß, חָלַץ מֵהֶם, hat Gott sich ihnen gänzlich entzogen. Und deshalb wird ein Monat ihnen dasjenige gänzlich aufzehren, vernichten, worin sie, im Gegensatz zu ihrer Bestimmung, ihr eigentliches „Teil“ gefunden hatten. Israels „Teil“, sein eigentliches, höchstes Gut sollte, in Anwendung und Bethätigung der gottverliehenen Kräfte, die Verwirklichung des höchsten Menschentums sein, zu der das Gottesgesetz allein den Weg zeigt. Dazu hatte Gott Israel Bodenbesitz verliehen. Da es jedoch in diesem Besitze selbst sein höchstes Gut erblickt, geht es dessen verlustig. Die Güter selbst, oben V. 5. Israels „Stolz“, klagen es an, deshalb verliert es sie. Das Suffix in יֹאכְלֵם ist nicht Accusativ, sondern Dativ, gleich יֹאכַל לָהֶם. Vergl. Jes. 27, 4: מִי יִתֵּן לִי = מִי יִתְּנֵנִי לָהֶם.

8
תִּקְע֤וּ שׁוֹפָר֙ בַּגִּבְעָ֔ה חֲצֹצְרָ֖ה בָּרָמָ֑ה הָרִ֙יעוּ֙ בֵּ֣ית אָ֔וֶן אַחֲרֶ֖יךָ בִּנְיָמִֽין׃
ZunzStoßet in die Posaune auf Gibeah, in die Trompete auf Ramah; blaset Lärm, Bet Awen; hinter dir her, Binjamin!
J. J. HirschStoßet in den Schofar in Gibea, in die Posaune in Rama, blaset Lärm in Beth-Awen! Blicke dich um, Binjamin!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 8. In der Lebendigkeit der Rede wird die Katastrophe als bereits hereingebrochen verkündet. Lärmblasen bezeichnet das Zusammenrufen des Volkes zur Abwehr des nahenden Feindes. Nun gehörten Gibea und Rama nicht zum Nordreiche, sondern lagen an der Nordgrenze des Stammes Benjamin. Wenn dort Lärm geblasen wird, so haben die Feinde bereits das Reich Israel ganz überschwemmt und bedrohen nun das Südreich. Benjamin wird nach Süden schauend gedacht, die von seiner Nordgrenze her tönenden Alarmrufe fordern es daher zum Umwenden auf. Sieh dich um! Blicke hinter dich! — Unter בֵּית אָוֶן dürfte Bethel zu verstehen und es so genannt sein, weil diese Stätte heiliger Erinnerungen nach 1 Kön. 12,29 von Jerobeam I. zur Cultstätte des von ihm dort aufgestellten Kalbes gemacht worden war. בֵּית אָוֶן heißt entweder: Bethel, das eine Stätte des Frevels geworden, oder: das jetzt der Gewaltthat verfallen ist.

9
אֶפְרַ֙יִם֙ לְשַׁמָּ֣ה תִֽהְיֶ֔ה בְּי֖וֹם תּוֹכֵחָ֑ה בְּשִׁבְטֵי֙ יִשְׂרָאֵ֔ל הוֹדַ֖עְתִּי נֶאֱמָנָֽה׃
ZunzEfrajim wird zur Oede am Tage der Strafe; unter den Stämmen Jisraël's thue ich kund, was sich bewährt.
J. J. HirschEphrajim wird zur Öde werden am Tage der Heimsuchung, die ich in den Stämmen Israels als eine nachdrückliche verkündet habe.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 9. אֶפְרַיִם לְשַׁמָּה וגו'. Ephraim hört gänzlich auf, als solches zu existieren. נֶאֱמָנָה bezieht sich auf תּוֹכֵחָה und bezeichnet die Heimsuchung als eine Zurechtweisung, die es ernst meine. Vergl. חֳלָיִם רָעִים וְנֶאֱמָנִים, מַכּוֹת גְּדֹלוֹת וְנֶאֱמָנוֹת, Deut. 28.59, wo נאמן in demselben Sinne gebraucht ist.

10
הָיוּ֙ שָׂרֵ֣י יְהוּדָ֔ה כְּמַסִּיגֵ֖י גְּב֑וּל עֲלֵיהֶ֕ם אֶשְׁפּ֥וֹךְ כַּמַּ֖יִם עֶבְרָתִֽי׃
ZunzDie Fürsten Jehudah's gleichen denen, die Grenzen verrücken, über sie will ich ausschütten wie eine Fluth meinen Grimm.
J. J. HirschSind Judas Fürsten denen gleich geworden, die den Grenzstein verrücken, so werde ich wie Wasser über sie meinen Zorn ausschütten.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 10. מַסִּיג גְּבוּל, „der den Grenzstein in das Gebiet des Nachbars verrückt“, bezeichnet den neidisch und lüstern auf den Besitz des anderen Hinblickenden, der, mit dem seinigen nicht zufrieden, sich soviel als möglich von dem des Nachbars zu eigen machen möchte. Ein treffendes Bild für die Großen in Juda, die voll Neid auf das gänzlich unjüdische Wesen im Reiche Israel hinblickten und, obgleich Juda im Vergleiche zu dem gänzlich abgefallenen Israel im Principe noch treu war, doch auch möglichst viel von dem israelitischen Unwesen nach Juda zu verpflanzen strebten. Ueber sie „gieße ich wie Wasser meinen Zorn aus,“ auch sie werden bestraft werden, doch sie werden noch bestehen bleiben. Ephraim aber:

11
עָשׁ֥וּק אֶפְרַ֖יִם רְצ֣וּץ מִשְׁפָּ֑ט כִּ֣י הוֹאִ֔יל הָלַ֖ךְ אַחֲרֵי־צָֽו׃
ZunzGedrückt ist Efrajim, zerschlagen durch das Strafgericht; denn er hat es gewollt, wandelte der Satzung nach.
J. J. HirschEphrajim aber wird jedes Rechtes beraubt und gänzlich gebrochen durch das Gericht, denn es hat angefangen, selbstgeschaffenen Gesetzen zu folgen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 11. wird durch das hereinbrechende Gottesgericht jedes Rechtes beraubt und gänzlich gebrochen — denn es hat zuerst gewagt, dem göttlichen Gesetze, מִצְוָה, keck die selbstgeschaffene Satzung, צַו, gegenüberzustellen und ihr als Lebensprincip zu folgen. Diese Bedeutung von צַו als Menschensatzung, im scharfen Gegensatze zum Gottesworte als מִצְוָה, tritt besonders deutlich Jes. 28,10 hervor, wo die Geringschätzung des Gotteswortes vonseiten der Verblendeten mit den Worten gezeichnet wird, daß es ihnen zu einem צַו לָצָו, zu einer Menschensatzung, zu einer Verordnung menschlicher Willkür geworden sei, die noch dazu, ohne Selbstzweck zu sein, nur zur Stütze einer anderen, ebenso willkürlichen und nutzlosen Menschensatzung dienen solle. Also: Ephraim geht zu Grunde, weil es zuerst den Leichtsinn zum Princip erhoben hat, es verliert alles Recht zum Dasein, weil es das erste gewesen, das dem Gesetze Gottes sein Gesetz entgegen gestellt hat.

12
וַאֲנִ֥י כָעָ֖שׁ לְאֶפְרָ֑יִם וְכָרָקָ֖ב לְבֵ֥ית יְהוּדָֽה׃
ZunzAber ich war wie Mottenfraß dem Efrajim, und wie Fäule dem Hause Jehudah.
J. J. HirschIch erscheine Ephrajim wie Motte und wie Wurmfraß dem Hause Juda.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 12. Trotz aller äußeren Keckheit, mit der Ephraim den Kampf mit mir aufnahm, war ihm doch innerlich nicht wohl. Es war von steter Unruhe ergriffen. Es konnte sich des Gefühls nicht erwehren, daß sein Glück stets bedroht sei. Freilich stellte es sich den Feind nur als „Motte“, als winzig klein und wohl besiegbar vor, aber vorhanden war er stets. Und auch dem Hause Juda erschien ich als „Moder“ oder „Wurmfraß“ — Ephraim, das mit mir ganz gebrochen, erscheine ich als äußerer Feind, dem Hause Juda, das noch grundsätzlich die Treue wahrte, erschien ich — als „Moder“. Die herrschenden Kreise betrachteten das Maß von Gehorsam, das sie mir noch zollten, selbst als Uebel. Vergl. unten 12,1: וִיהוּדָה עֹד רָד עִם אֵל, es fühlt sich sinkend bei Gott. Ephraim fühlt sich von mir bedroht, weil es mir untreu ist, und Juda empfindet das Maß der mir noch bewahrten Treue selbst als ein Unglück. Wahrscheinlicher aber ist auch beim Hause Juda hier nicht an die Treue, sondern an die Untreue gedacht, und der Sinn ist: Ephraim und Juda, beide fühlen sich in ihrem Bestande bedroht, beide fürchten mich als ihren Gegner, Ephraim wegen seines grundsätzlichen und gänzlichen, Juda wegen seines partiellen thatsächlichen Abfalls.

13
וַיַּ֨רְא אֶפְרַ֜יִם אֶת־חׇלְי֗וֹ וִֽיהוּדָה֙ אֶת־מְזֹר֔וֹ וַיֵּ֤לֶךְ אֶפְרַ֙יִם֙ אֶל־אַשּׁ֔וּר וַיִּשְׁלַ֖ח אֶל־מֶ֣לֶךְ יָרֵ֑ב וְה֗וּא לֹ֤א יוּכַל֙ לִרְפֹּ֣א לָכֶ֔ם וְלֹא־יִגְהֶ֥ה מִכֶּ֖ם מָזֽוֹר׃
ZunzUnd Efrajim sah seine Krankheit, und Jehudah sein Heilmittel, und Efrajim ging zum Könige von Aschur, und (dieser) sandte zum Könige Jareb; doch er wird euch nicht heilen können, und Keinen von euch gesund machen (durch) Heilmittel.
J. J. HirschEphrajim sah seine Krankheit, und Juda dessen Heilmittel, Ephrajim nämlich ging zu Aschur und schickte gerade zu dem Könige, der gegen es kämpfen soll — der wahrlich wird euch nicht heilen können, und aus euch selbst erwächst kein Heilmittel.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 13. Ephraim fühlte sich krank, und Juda sah das Mittel, durch das Ephraim Abhülfe suchte: nämlich Ephraim glaubte, sich vor dem durch die Propheten verkündeten Verhängnisse dadurch schützen zu können, daß es mit Aschur ein Bündnis zu schließen versuchte, gerade mit dem Könige, der als Gottes Werkzeug es bekriegen sollte. In seiner Verblendung sah es gar nicht, daß es durch die reichen Huldigungsgaben die assyrische Habgier nur reizte. Warum sollten sie sich mit dem wenigen begnügen, wenn sie alles haben konnten! So war Ephraims Diplomatie, durch die es Gottes Absicht durchkreuzen zu können glaubte, selbst ein Mittel zu ihrer Ausführung. Das war die Staatskunst, zu der Judas Fürsten bewundernd aufblickten! — „Der wird euch nicht heilen können!“ Selbst wenn seine Eroberungssucht nicht das Werkzeug in Gottes Hand wäre, wäret ihr verloren, so lange nicht aus euch selbst, מִכֶּם, die Heilung beginnt. Sie kann nur von innen, durch innere, sittliche Erhebung bewirkt werden. גֵּהָה kommt nur noch Prov. 17,22 vor, dort als Subst., verwandt mit גֵּאָה, also hier soviel wie aufwachsen, sich erheben.

14
כִּ֣י אָנֹכִ֤י כַשַּׁ֙חַל֙ לְאֶפְרַ֔יִם וְכַכְּפִ֖יר לְבֵ֣ית יְהוּדָ֑ה אֲנִ֨י אֲנִ֤י אֶטְרֹף֙ וְאֵלֵ֔ךְ אֶשָּׂ֖א וְאֵ֥ין מַצִּֽיל׃
ZunzDenn ich will seyn wie ein Löwe für Efrajim, und wie ein junger Leue dem Hause Jehudah; ich, ich werde zerreißen und weggehn, davontragen und Niemand rettet.
J. J. HirschDenn wie Schakal werde ich Ephrajim und wie junger Löwe dem Hause Juda entgegentreten; ich, ich werde zerreißen und dahingehen, davontragen und niemand rettet.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 14. Denn nicht wie Motte und Moder, wie langsam wirkendes Verderben, sondern כַּשַּׁחַל und כַּכְּפִיר, mit überwältigender Wucht werde ich die zerstörenden Verhängnisse über Ephraim und Juda hereinbrechen lassen. Von mir sind sie gesandt, ich bin es, der „zerreißt“, der „hinwegträgt“ — dazu brauche ich sie nur ihren Feinden zu überlassen.

15
אֵלֵ֤ךְ אָשׁ֙וּבָה֙ אֶל־מְקוֹמִ֔י עַ֥ד אֲשֶֽׁר־יֶאְשְׁמ֖וּ וּבִקְשׁ֣וּ פָנָ֑י בַּצַּ֥ר לָהֶ֖ם יְשַׁחֲרֻֽנְנִי׃
ZunzIch werde weggehen, zurückkehren an meinen Ort, bis daß sie gebüßt haben und mich aufsuchen; in ihrer Noth werden sie mir entgegenkommen.
J. J. HirschIch gehe fort, kehre zurück zu meinem Orte, bis sie zum Bewußtsein ihrer Schuld kommen und mein Angesicht suchen —: in der ihnen kommenden Bedrängnis werden sie wie das Morgenrot mich suchen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 15. Denn in Wahrheit ziehe ich nur meine schützende Hand von ihnen zurück. Ich gebe Israel zeitweilig preis, ziehe mich an meinen Ort zurück, d. h. meine Gegenwart wird sich ihnen nicht äußern, wie zur Zeit, da ich mich noch nicht Israel offenbart hatte, — bis sie durch die schweren Erfahrungen zur Erkenntnis ihrer „Verödungsschuld“ gekommen sein werden, bis sie einsehen, daß sie durch ihren Abfall sich die Welt zur Oede umwandelt haben, das ist שָׁמֵם = אָשֵׁם mit individualisierendem א, siehe Comm. zu Lev. 5. 6, und dann „mein Angesicht suchen werden.“ Nicht mehr äußerlich, nur „mit ihren Schafen und Rindern,“ — sondern: בַּצַּר לָהֶם in der Bedrängnis, wörtlich: Einengung, Beschränkung, wo ihnen alles genommen sein wird, was sie bisher als Bedingung ihres Glückes vergötterten, und sie nur auf das in ihnen selbst vorhandene, auf den Fonds von geistiger und sittlicher Kraft hingewiesen sind, der von den Gütern des Glückes solange überwuchert und unterdrückt war, in dieser Bedrängnis werden sie erkennen, von wem allein für sie das Heil zu erhoffen sei, und wie aus langer banger Nacht werden sie dann wie das Morgenrot mich suchen. Die folgenden drei Verse schließen sich unmittelbar an und enthalten die Worte des reuerfüllt zu seinem Gott zurückkehrenden Israel, sein Bekenntnis und sein Gelöbnis. —