Hoschea 4 הושע

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Haftarot in diesem Kapitel: Naso
1
שִׁמְע֥וּ דְבַר־יְהֹוָ֖ה בְּנֵ֣י יִשְׂרָאֵ֑ל כִּ֣י רִ֤יב לַֽיהֹוָה֙ עִם־יוֹשְׁבֵ֣י הָאָ֔רֶץ כִּ֠י אֵין־אֱמֶ֧ת וְֽאֵין־חֶ֛סֶד וְאֵֽין־דַּ֥עַת אֱלֹהִ֖ים בָּאָֽרֶץ׃
ZunzHöret das Wort des Ewigen, Kinder Jisraël! Denn einen Rechtsstreit hat der Ewige mit den Bewohnern des Landes, daß keine Wahrheit ist, und keine Liebe und keine Gottes-Erkenntniß im Lande.
J. J. HirschHöret das Wort Gottes, Söhne Jisraels! Denn einen Rechtsstreit hat Gott mit den Bewohnern des Landes, denn keine Wahrheit und keine Liebe und keine Gotteserkenntnis ist im Lande.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 4. V. 1. כִּי רִיב לה'. Ihr habt die Bedingungen nicht erfüllt, unter denen euch Selbständigkeit und Landbesitz von Gott verliehen worden. Dadurch habt ihr beides verwirkt. Gott hat „einen Rechtsstreit“ mit den Bewohnern des Landes, aber sie sind es, die ihm den Streit verkündet haben. Denn: אֵין־אֱמֶת, der Grundcharakter, der dem ganzen Staats- und Volksleben aufgeprägt ist, ist die Falschheit. Heuchelei und Trug herrschen im öffentlichen wie im Einzelleben. וְאֵין־חֶסֶד: an selbstloser Liebe, an Hingebung an das Glück des Nächsten, die das charakteristische Gepräge des nach Gottes Willen sich entfaltenden Menschenvereins bilden, fehlt es gänzlich. Denn: אֵין־דַּעַת אֱלֹהִים בָּאָרֶץ. דַּעַת אֱלֹהִים ist mehr als ein bloß theoretisches Wissen vom Dasein Gottes, es ist vielmehr die Anerkennung Gottes als Schöpfers und Herrn. Der Begriff Gottesbewußtsein kommt dem schon näher. Wo dieses fehlt, da herrschen, vermeintlich mit Recht, nur die schrankenlosen Triebe der Selbstsucht und der Genußsucht, die nur an dem gleich mächtigen und gleich „berechtigten“ Streben der anderen die natürliche Beschränkung finden. Ein nicht durch Zwang oder Klugheit gebotener, freiwilliger Verzicht auf Mehrung des Besitzes oder gar freiwillige Entäußerung eines Teiles desselben zu Gunsten des Nächsten erscheint auf diesem Standpunkte als Thorheit, ja als Sünde, weil gegen die Natur. Denn nur auf dem Boden des Gottesbewußtseins, des Bewußtseins von der dem Menschen bei seiner Schöpfung gegebenen höheren Bestimmung, die für das jüdische Volk noch durch die abrahamitische Aufgabe: „Werde du ein Segen!“ erhöht ist, eine Aufgabe, zu deren Lösung der ganze gesetzliche Inhalt der Thora den Weg und die Anleitung giebt, nur auf diesem Boden entfaltet sich in חֶסֶד, in der selbstlosen Liebeshingebung an das Glück des Nächsten, die höchste Blüte des Menschentums. Eine moderne Ethik hat freilich für diese selbstlose Nächstenliebe in verächtlichem Sinne das Wort „Altruismus“ geprägt, von alter, der andere. Nur der Egoist ist nach ihr der Gesunde, der „Altruist“ gilt, ganz wie in den hier geschilderten Zeiten, für einen Schwächling. Die Worte אֵין־דַּעַת אֱלֹהִים בָּאָרֶץ enthalten deshalb den eigentlichen Grund aller im folgenden geschilderten trüben Erscheinungen.

2
אָלֹ֣ה וְכַחֵ֔שׁ וְרָצֹ֥חַ וְגָנֹ֖ב וְנָאֹ֑ף פָּרָ֕צוּ וְדָמִ֥ים בְּדָמִ֖ים נָגָֽעוּ׃
ZunzFalsch Schwören und Lügen und Morden und Stehlen und Ehebrechen; sie brachen aus, und Blut reichte an Blut.
J. J. HirschFalsch Schwören und Ableugnen und Morden und Stehlen und Ehebrechen sind eingerissen, und Blutschuld reiht sich an Blutschuld!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 2. אָלֹה וגו'. Die Infinitivformen bezeichnen das Andauern der vorgehaltenen Verbrechen. Deshalb sind sie auch durch Athnach von פָּרָצוּ getrennt. Grammatisch ist dies das Prädikat. Durch diese Trennung werden sowohl die Subjecte als auch das Prädikat mehr hervorgehoben, sie werden eigentlich selbständige Sätze. Genauer wäre deshalb zu übersetzen: man schwört falsch, man leugnet keck ab u. s. w., dies alles kommt nicht etwa vereinzelt vor, sondern: alles dies ist eingerissen, hat alles Maß überschritten, und „Mord reiht sich an Mord“, — in den verschiedensten Formen und Weisen werden Menschen erbarmungslos zu Grunde gerichtet.

3
עַל־כֵּ֣ן ׀ תֶּאֱבַ֣ל הָאָ֗רֶץ וְאֻמְלַל֙ כׇּל־יוֹשֵׁ֣ב בָּ֔הּ בְּחַיַּ֥ת הַשָּׂדֶ֖ה וּבְע֣וֹף הַשָּׁמָ֑יִם וְגַם־דְּגֵ֥י הַיָּ֖ם יֵאָסֵֽפוּ׃
ZunzDarum trauert das Land und verschmachten all die Bewohner darin, so Gewild des Feldes, wie Vögel des Himmels, selbst die Fische des Meeres vergehen.
J. J. HirschDeshalb trauert das Land, und ist gebrochen jeder, der darin wohnet, und selbst die Fische des Meeres werden dahingerafft.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 3. עַל־כֵּן וגו': deshalb trauert das Land — nicht physische, sondern ethische Momente sind die Ursache des allgemeinen Niedergangs. Gott, der Lenker der Gänge der Natur, ist es, der um dieser allgemeinen Verderbnis willen euch in allem den Segen versagt. Selbst „die Tierwelt der Flur“ leidet unter dieser Depression, ja וְגַם־דְּגֵי הַיָּם, selbst die Seen und das Meer versagen euch die Fische, sie sind für euch verschwunden. So sichtbar und fühlbar äußert der wahre Eigentümer eures Landes wie der ganzen Welt seinen Zorn über euch und macht seine Ansprüche an euch geltend.

4
אַ֥ךְ אִ֛ישׁ אַל־יָרֵ֖ב וְאַל־יוֹכַ֣ח אִ֑ישׁ וְעַמְּךָ֖ כִּמְרִיבֵ֥י כֹהֵֽן׃
ZunzDoch Niemand tadele und Niemand verweise; denn gleiches ist an deinem Volke wie am Priester zu tadeln.
J. J. HirschDennoch soll niemand dagegen streiten und kein Mann zurechtweisen! Und dein Volk würde doch den Streitreden der Priester entsprechen!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 4. Dennoch „soll“ keiner, „darf“ keiner gegen die Ursache des allgemeinen Niedergangs ankämpfen. אַל bezeichnet nur ein Verbot, während לֹא auch die bloße Verneinung des Vorhandenseins oder Geschehens ausspricht. Das אַל steht hier in ironischem Sinne. Die herrschenden Kreise leiden es nicht. Jeder Appell an das Gewissen des Volkes ist ihnen ein Angriff auf die „gesetzliche Ordnung“. Wer das Volk über seine Pflicht und seine Bestimmung aufzuklären versucht, wird von ihnen als Friedensstörer, als gemeinschädlicher Agitator dahingestellt, und sein Bestreben als Versuch zum Umsturz gebrandmarkt und verfolgt. Denn das Volk ist durchaus nicht hoffnungslos der Verderbnis verfallen, ein ernstes und andauerndes Einschreiten der Männer, die ihm als seine Priester dastehn, würde sehr wohl Erfolg haben, denn: „dein Volk ist wie die Streitreden der Priester.“ Vergl. oben S. 10 den glänzenden Erfolg der zündenden Worte des Propheten Obed. Würden die „Priester“ ihren Einfluß geltend machen, um das Volk zur Rückkehr zu Gott zu bestimmen, anstatt an seiner Erhaltung im Abfalle zu arbeiten, so wäre das durchaus kein aussichtsloses Bemühen. Allein das eben wollen sie nicht. Vielmehr:

5
וְכָשַׁלְתָּ֣ הַיּ֔וֹם וְכָשַׁ֧ל גַּם־נָבִ֛יא עִמְּךָ֖ לָ֑יְלָה וְדָמִ֖יתִי אִמֶּֽךָ׃
ZunzUnd du strauchelst am Tage, und es strauchelt auch der Prophet mit dir Nachts, und ich mache (dich) deiner Mutter gleich.
J. J. HirschJedoch, strauchelst du heute, so strauchelt auch der „Prophet“ mit dir noch in derselben Nacht! — Und dabei gelte ich noch im Bilde als deine Mutter!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 5. richten sie sich, wie dies hier drastisch gezeichnet ist, mit Eifer und ängstlicher Beflissenheit nach dem Volke. Dem wackeren „Priester“ steht der biedere berufsmäßige „Prophet“ hierin würdig zur Seite. Beide, die ja ihrem angeblichen „Berufe“ gemäß auf das Volk erziehend einwirken sollten, halten dessen Leben in sorgsamer Beobachtung. Kommt nämlich irgend eine neue Thorheit, eine neue, wohl dem Beispiel der Nachbarvölker abgelauschte Verirrung bei dem Volke auf, so warten Priester und Prophet — es heißt: „auch der Prophet“ — gar nicht bis zum anderen Morgen, sie begehen sie noch „in derselben Nacht“. So stehen sie stets an der Spitze des „Fortschrittes“, und das Volk erblickt seine geistlichen und geistigen Häupter stets „auf der Höhe der Zeit“. Ihr einziger Ehrgeiz ist, stets als die „Führer“ zu erscheinen, während sie in Wahrheit sich klug nach den Thorheiten des verblendeten Volkes richten. וְדָמִיתִי אִמֶּךָ: Und bei alledem soll Ich, Gott, noch im Bilde deine Mutter sein! sprechen sie von dir noch immer als dem „Gottesvolke“! Sie erachten es für klug, das Volk in dem Glauben zu erhalten, daß es mit seinem dem Gottesgesetze vollständig entfremdeten Leben und all seinem Abfall zum Götzendienste doch nicht aufgehört habe, Gottes Volk zu sein! Es vertrage sich das alles mit der Herrschaft Gottes, oder vielmehr ihr jeweiliges Leben sei gerade das von Gott gebilligte. אֵם bezeichnet ja den „bedingenden“, erziehenden Faktor, beim Volke also das gestaltende, erziehende Princip. Der Gegensatz tritt durch die Wahl dieses Wortes noch stärker hervor, als wenn es hieße: אָבִיךָ. — Daß sie aber diese ungeheuerliche Täuschung wagen, und des Erfolges sicher sein konnten, dafür war seit lange in schlau berechnender Weise dadurch vorgesorgt worden, daß:

6
נִדְמ֥וּ עַמִּ֖י מִבְּלִ֣י הַדָּ֑עַת כִּי־אַתָּ֞ה הַדַּ֣עַת מָאַ֗סְתָּ (ואמאסאך) [וְאֶמְאָֽסְךָ֙] מִכַּהֵ֣ן לִ֔י וַתִּשְׁכַּח֙ תּוֹרַ֣ת אֱלֹהֶ֔יךָ אֶשְׁכַּ֥ח בָּנֶ֖יךָ גַּם־אָֽנִי׃
ZunzVertilgt ist mein Volk aus Mangel an Erkenntniß; denn du hast die Erkenntniß verworfen, so verwerfe ich dich, daß du mir nicht Priester seiest; und du vergaßest der Lehre deines Gottes, so werde auch ich deiner Söhne vergessen.
J. J. HirschZum Verstummen gebracht sind, die mein Volk sein sollten, durch Mangel an Erkenntnis. Weil aber du die Erkenntnis verschmäht hast, da verschmähte ich dich, mir Priester zu sein; da du an die Thora deines Gottes vergaßest, so werde auch ich deiner Kinder vergessen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 6. נִדְמוּ עַמִּי מִבְּלִי הַדָּעַת, das Volk in totaler Unkenntnis des Gesetzes schon Generationen herab erhalten worden war. דָּמָה schweigen, im Niphal: zum Schweigen gebracht werden, das Volk war wegen seiner vollständigen Unwissenheit gar nicht in der Lage, die Richtigkeit der ihm von den Priestern und den Propheten vorgetragenen Lehren beurteilen zu können. Es in dieser Unwissenheit zu erhalten, bildete ein ernstes Anliegen der israelitischen Könige. Ein Meisterstück von Schlauheit aber war es, wie Jerobeam I. sich ein geschicktes Werkzeug für seine Pläne in einem charakterlosen Klerus schuf, dessen Lebensinteressen mit denen der Dynastie zusammenfielen. Jerobeam und seine Nachfolger waren stets von der Sorge erfüllt, das Volk könne durch die Feste, die es nach Jerusalem führen mußten, wieder für die Herrschaft des Davidshauses gewonnen werden. Das mußte hintertrieben werden. Allein die polizeilichen Zwangsmittel konnten nicht für ausreichend gehalten werden, so lange man fürchten mußte, Gewissensskrupel könnten früher oder später die gefürchtete Verbindung mit Zion und Jerusalem doch wieder herstellen lassen. Deshalb hatte Jerobeam eine Priesterschaft creirt, „aus der Hefe des Volkes“, deren Priestertum war also nur von Jerobeams Gnaden und dauerte nur so lange, als das Volk im Abfall verharrte. Ganz ebenso verhielt es sich mit den falschen Propheten. Ebenso war auch das Interesse sämtlicher „Großen“, aller mächtigen Staatsbeamten indirekt an die Fortdauer des Abfalls geknüpft, den sie als Vorbedingung für die Trennung des Reiches ansahen. Sie alle speculierten, wie dies Kap. 7, 3 ff. anschaulich unter dem Bilde des Bäckers ausgeführt wird, auf die Demoralisierung des Volkes und arbeiteten mit schlauer Arglist unaufhörlich an deren Vertiefung. Die erste und unerläßlichste Vorbedingung dazu war, das Volk um sein Teuerstes zu betrügen, es in Unkenntnis des Gesetzes heranwachsen zu lassen. Dadurch war es mundtot gemacht und schaute gläubig zu seinen Pfaffen auf, die so schlau waren, ihm — das Leben recht leicht zu machen, und die zu allen seinen Sünden Ja und Amen sagten, ja sie als Fortschritt priesen, in welchem sie mit ihm gleichen Schritt hielten, ja voranzuschreiten eifrig beflissen waren. An dieser Politik wurde auch durch die zeitweiligen Bündnisse und Verschwägerungen zwischen den Königen von Juda und Israel nichts geändert. Da das Volk so von seinen Führern in Betreff seines Wandels in vollster Seelenruhe erhalten wurde, so konnte das Wort Hoseas, das die völlige Umkehr und den Bruch mit dem ganzen bisherigen Leben fordern mußte, keinen Zugang zu ihm finden. So hatte er denn das Gotteswort zu verkünden: Weil du die Erkenntnis verschmäht hast, muß ich dich verschmähen, mir Priestervolk zu sein. Zuerst מָאַסְתָּ, dann וַתִּשְׁכַּח, zuerst verschmäht, dann vergessen. Würde die Erkenntnis noch gepflegt, so wäre noch Hoffnung für die Zukunft, aber da du die Lehre deines Gottes vergaßest, so ist auch das kommende Geschlecht für mich verloren, אֶשְׁכַּח בָּנֶיךָ גַּם־אָנִי. Denn:

7
כְּרֻבָּ֖ם כֵּ֣ן חָטְאוּ־לִ֑י כְּבוֹדָ֖ם בְּקָל֥וֹן אָמִֽיר׃
ZunzJe größer sie wurden, desto mehr sündigten sie gegen mich; ihre Ehre will ich in Schande verwandeln.
J. J. HirschJe größer sie wurden, um so mehr sündigten sie gegen mich, deshalb muß ich ihre Ehre in Schande verwandeln.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 7. je mehr ihrer wurden, je mehr sie heranwuchsen, um so leichtsinniger wurden sie gegen mich, deshalb muß ich ihre Ehre in Schmach umwandeln.

8
חַטַּ֥את עַמִּ֖י יֹאכֵ֑לוּ וְאֶל־עֲוֺנָ֖ם יִשְׂא֥וּ נַפְשֽׁוֹ׃
ZunzDie Sünde meines Volkes essen sie, und nach seiner Schuld trachtet ihre Gier.
J. J. HirschDas Entsündigungsopfer meines Volkes essen sie, allein zu ihrer [der Priester] Sünde „erheben“ sie seine Seele!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 8. חַטַּאת עַמִּי וגו'. Das Blut des Entsündigungsopfers wurde, abweichend von dem der anderen Opfer, an die Höhenwinkel des Altares gegeben, zum Ausdruck, daß der Darbringende sich in Zukunft auf der Altarhöhe halten solle. חֵלֶב und כְּלָיוֹת, das Fett und die Nieren, wurden dem Altarfeuer übergeben, zum Ausdruck, daß fortan sein ganzes Wesen mit seinen Gütern und allen Bestrebungen „Nahrung des Göttlichen“ sein solle. Indem sodann das ganze Übrige von den Priestern, als den vom Gesetze bestellten Vertretern des Darbringenden, genossen werden mußte, wurde damit gelehrt, daß die im קָרְבָּן gesuchte „Gottesnähe“ den Menschen nicht der Erde entfremde, ihn nicht zur Weltflucht lade, vielmehr, im geraden Gegensatze dazu, auch sein ganzes äußeres, sinnliches Leben priesterlich weihen wolle. Der Priester, indem er das חַטָּאת genießt, wird also Vorbild des Volkes. Ist aber der Priester ein Baalspriester, repräsentiert er also das Hinabsinken in den Pfuhl des Heidentums, so ist er gerade mit seiner Sünde ein Vorbild des Volkes, somit: וְאֶל־עֲוֹנָם יִשְׂאוּ נַפְשׁוֹ „erheben“ sie die Seele des Volkes „zu ihrer Sünde“! — statt ein Werkzeug zur Hebung, zur Sühne zu sein, befestigen sie es vielmehr in seinem Abfall. Das יִשְׂאוּ ist offenbar Ironie und in dem Pastoralstil dieser Priester gesprochen. Es ist eine „Erhebung“ des Volkes, wenn es seinen geistlichen Führern gleich wird!

9
וְהָיָ֥ה כָעָ֖ם כַּכֹּהֵ֑ן וּפָקַדְתִּ֤י עָלָיו֙ דְּרָכָ֔יו וּמַעֲלָלָ֖יו אָשִׁ֥יב לֽוֹ׃
ZunzUnd so ergehe es wie dem Volke, so dem Priester; und ich ahnde an ihm seinen Wandel, und seine Handlungen vergelt' ich ihm.
J. J. HirschSo sind denn Volk und Priester einander gleich geworden. Ich aber werde seine Wege an ihm ahnden, und seine Thaten werde ich ihm vergelten.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 9. וְהָיָה כָעָם כַּכֹּהֵן וגו'. Sie haben es auch glücklich erreicht. Volk und Priester stehen auf demselben Niveau, verfallen aber auch derselben göttlichen Vergeltung. — דְּרָכָיו: der sittliche Wandel, וּמַעֲלָלָיו: das Thatenleben.

10
וְאָֽכְלוּ֙ וְלֹ֣א יִשְׂבָּ֔עוּ הִזְנ֖וּ וְלֹ֣א יִפְרֹ֑צוּ כִּֽי־אֶת־יְהֹוָ֥ה עָזְב֖וּ לִשְׁמֹֽר׃
ZunzUnd sie essen und werden nicht satt, sie buhlen und breiten sich nicht aus, denn den Ewigen haben sie verlassen, um zu lauern
J. J. HirschSie werden essen, doch nicht satt werden, sie haben gebuhlt, aber sie werden sich nicht ausbreiten, denn sie haben es gänzlich aufgegeben, Gott zu beachten.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 10. Sie werden alle Mittel anwenden, sich social und physisch zu fördern, alles vergebens. הִזְנוּ: sie haben herum „gebuhlt“, haben es mit allen irdischen Göttern und Größen versucht, aber sie werden sich nicht vermehren. Denn den Einzigen zu beachten, von dessen Gnade allein sie abhängen, das haben sie gänzlich aufgegeben.

11
זְנ֛וּת וְיַ֥יִן וְתִיר֖וֹשׁ יִֽקַּֽח־לֵֽב׃
ZunzAuf Buhlerei, und Wein und Most beraubt (sie) des Sinnes.
J. J. HirschSittenlosigkeit aber, Wein und Most rauben den Verstand.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 11. זְנוּת eigentlich: sinnliche Ausschweifung, bedeutet in Beziehung auf Gott immer: Abgötterei. Hier wird nun gezeigt, wie beides eng zusammenhängt. Das eine führt zum anderen und befördert das andere. Wo die Sittenreinheit geschwunden, da wird eben auch vergebens das sociale und das häusliche Glück gesucht. Denn stumpf und unempfänglich für das Göttliche, Wahre und Reine werden Sinn und Gemüt: „Ausschweifung, Wein und Most rauben den Verstand.“ Das zeigt sich unmittelbar in der Verblendung Israels.

12
עַמִּי֙ בְּעֵצ֣וֹ יִשְׁאָ֔ל וּמַקְל֖וֹ יַגִּ֣יד ל֑וֹ כִּ֣י ר֤וּחַ זְנוּנִים֙ הִתְעָ֔ה וַיִּזְנ֖וּ מִתַּ֥חַת אֱלֹהֵיהֶֽם׃
ZunzMein Volk befragt sein Holz, und sein Stab soll es ihm verkünden; denn ein Buhlersinn hat es verführt, und sie buhlen, untreu ihrem Gott.
J. J. HirschMein Volk — fragt sein Holz um Rat! sein Stab soll ihm verkünden! Denn der Geist der Abtrünnigkeit hat in die Irre geführt, sowie sie nur abtrünnig wurden aus der Unterordnung unter ihren Gott.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 12. Es, das „mein Volk“ sein, und in der Unterstellung unter meine Führung jeder Sorge für seine Zukunft überhoben sein sollte, dem ich den Weg seines Lebens vorgezeichnet und in jedem Augenblicke meine schützende und segnende Nähe verheißen habe —: es ist dahin gekommen, daß es sein — „Holz um Rat fragt“, und „sein Stab soll ihm die Zukunft enthüllen!“ — Der blinde Zufall, wie der tote Stab fällt, soll nach eurer Meinung über Rätlichkeit eures Thuns oder Lassens Aufschluß geben. Wo das Gottesbewußtsein geschwunden, da hat der krasseste Aberglaube unbestritten die Herrschaft. Die Vernunft ist gelähmt. כִּי רוּחַ וגו', denn der Geist der Abtrünnigkeit hat es in die Irre geführt sowie sie nur anfingen, sich von ihrem Gotte abzuwenden.

13
עַל־רָאשֵׁ֨י הֶהָרִ֜ים יְזַבֵּ֗חוּ וְעַל־הַגְּבָעוֹת֙ יְקַטֵּ֔רוּ תַּ֣חַת אַלּ֧וֹן וְלִבְנֶ֛ה וְאֵלָ֖ה כִּ֣י ט֣וֹב צִלָּ֑הּ עַל־כֵּ֗ן תִּזְנֶ֙ינָה֙ בְּנ֣וֹתֵיכֶ֔ם וְכַלּוֹתֵיכֶ֖ם תְּנָאַֽפְנָה׃
ZunzAuf den Gipfeln der Berge opfern sie und auf Hügeln räuchern sie, unter Eiche und Weißpappel und Terebinthe, denn gut ist ihr Schatten; darum buhlen eure Töchter und ehebrechen eure Schnüre.
J. J. HirschAuf den Gipfeln der Berge opfern sie und auf den Hügeln räuchern sie, unter Eiche, Pappel und Terebinthe, weil wohlthuend ihr Schatten — deshalb werden eure Töchter sittenlos und eure Schwiegertöchter treubrüchig sein!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 13. Indem sie offen die Natur vergöttern und den in dem Triebleben der Pflanzenwelt, תַּחַת אַלּוֹן וְלִבְנֶה וְאֵלָה, waltenden Kräften opfern, veranlassen sie den Treubruch im eigenen Hause.

Haftarah Naso Romanioten beginnen hier.
14
לֹא־אֶפְק֨וֹד עַל־בְּנוֹתֵיכֶ֜ם כִּ֣י תִזְנֶ֗ינָה וְעַל־כַּלּֽוֹתֵיכֶם֙ כִּ֣י תְנָאַ֔פְנָה כִּי־הֵם֙ עִם־הַזֹּנ֣וֹת יְפָרֵ֔דוּ וְעִם־הַקְּדֵשׁ֖וֹת יְזַבֵּ֑חוּ וְעָ֥ם לֹֽא־יָבִ֖ין יִלָּבֵֽט׃
ZunzNicht ahnd' ich es an euern Töchtern, daß sie buhlen, und an euren Schnüren, daß sie ehebrechen; da sie selber mit den Buhlerinnen bei Seite gehen, und mit feilen Dirnen opfern, und das unverständige Volk ist von Sinnen.
J. J. HirschDoch nicht an euren Töchtern werde ich es ahnden, daß sie sittenlos, und nicht an euren Schwiegertöchtern, daß sie treubrüchig sind: denn sie [die Männer] bewirken die Trennung, indem sie sich den Buhlerinnen anschließen und mit den Unzüchtigen opfern! Ein Volk aber, das nicht begreift, muß gezüchtigt werden.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 14. לֹא־אֶפְקוֹד וגו'. Jedoch nicht ahndet Gott den an ihnen geübten Treubruch. Denn sie, die Männer selbst, יְפָרֵדוּ Piel, bringen den Bruch, bewirken die Trennung, lösen jedes Band, indem sie öffentlich mit dem Beispiel der Unsittlichkeit vorangehen und die Sittenlosigkeit zum Princip erheben, יְזַבֵּחוּ Piel. — וְעָם לֹא־יָבִין יִלָּבֵט: ein Volk aber, das den Verstand, den Sinn verloren hat, das stumpf geworden ist für die Unterscheidung des sittlich Guten und des Verwerflichen, und unzugänglich dem belehrenden Worte, das kann nur durch leidvolle Erfahrungen zur Besinnung gebracht, nur durch Zucht gebessert werden. לָבֵט kommt nur hier und Prov. 10, 8 und 10 in ähnlichem Zusammenhange vor.

V. 15 enthält eine Warnung für Juda. Wenn so Israel durch seine Entartung einer trüben Zukunft entgegengeht, so sollte Juda sich hüten, daß es nicht gleichfalls Schuld auf sich lade und demselben Geschicke verfalle. Deshalb soll Juda jeden Zusammenhang mit dem israelitischen Staate meiden. Dieses Gilgal ist nicht das zwischen Jericho und dem Jordan gelegene, sondern die gleichnamige Stadt in der Nähe von Bethel, das jetzige Dorf Dschildschilia, südwestlich von Silo. Aus Amos 4, 4 und 5, 5 geht hervor, daß dieses mit Bethel zusammen genannte Gilgal gleichfalls eine Cultstätte des Götzendienstes war. Das letztere, die Stadt, die Jerobeam I. zum Sitze des königlich israelitischen Heiligtums erhoben hatte (siehe 1. Kön. 12, 27 und Amos 7, 13), wird hier bezeichnend בֵּית אָוֶן genannt. Es ist eine Stätte der „Sünde“, des „Gewaltmißbrauches“ geworden. — וְאַל־תִּשָּׁבְעוּ. Das Schwören bei Gott ist demnach in Israel im Schwange gewesen. Je weniger sie sich um Gott und sein Gesetz kümmerten, desto mehr führten sie seinen Namen im Munde. Denn, wie eben im folgenden Kapitel, V. 2, ausdrücklich gesagt ist, hielten die israelitischen Pfaffen es durchaus für angezeigt, das Volk in „Furcht vor Gott“ zu erhalten, sie waren so perfid, ihm die Meinung einzupflanzen, gerade indem es ihren Irrlehren folge, erfülle es den Willen Gottes und schütze sich vor seinem Zorne. Deshalb hat dieses Schwören beim Namen Gottes bei diesem sonst ganz gottentfremdeten Volke durchaus nichts Auffälliges. Eben deshalb wird Juda nur um so eindringlicher vor jeder Berührung mit demselben gewarnt.

15
אִם־זֹנֶ֤ה אַתָּה֙ יִשְׂרָאֵ֔ל אַל־יֶאְשַׁ֖ם יְהוּדָ֑ה וְאַל־תָּבֹ֣אוּ הַגִּלְגָּ֗ל וְאַֽל־תַּעֲלוּ֙ בֵּ֣ית אָ֔וֶן וְאַל־תִּשָּׁבְע֖וּ חַי־יְהֹוָֽה׃
ZunzWenn du buhlest, Jisraël, so verschulde sich Jehudah nicht; daß ihr weder gehet nach Gilgal und hinanziehet nach Bet Awen, noch schwöret: So wahr der Ewige lebt!
J. J. HirschWenn du, Israel, abtrünnig bist, so sollte nicht Juda Verödungsschuld auf sich laden, ihr solltet nicht nach Gilgal kommen, nicht hinaufziehen nach Beth-Awen und nicht schwören: „So wahr Gott lebt!“
16
כִּ֚י כְּפָרָ֣ה סֹרֵרָ֔ה סָרַ֖ר יִשְׂרָאֵ֑ל עַתָּה֙ יִרְעֵ֣ם יְהֹוָ֔ה כְּכֶ֖בֶשׂ בַּמֶּרְחָֽב׃
ZunzDenn wie eine störrige Kuh, so störrig war Jisraël; nun hätte sie der Ewige geweidet, wie ein Schaf auf geräumiger Au.
J. J. HirschDenn wie ein störriges Rind ist Israel störrig geworden — jetzt wird Gott sie weiden lassen wie Schafe auf weiter Ebene.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 16. Denn für Israel ist das Exil die einzige Rettung. פָּרָה ist das Ackertier, das dem Menschen zur Arbeit dient, כֶּבֶשׂ wird nur geweidet. Israel hatte פָּרָה sein sollen, hatte mit seiner Kraft den Acker der Menschheit bestellen sollen für die Aufnahme der Saaten des Göttlichen. Es hat sich jedoch als „ein störriges Ackertier“ erwiesen, das stets aus der vorgezeichneten Richtung abweichen will. Deshalb verliert es zunächst den Charakter des Arbeiters im Dienste Gottes, es wird ausgespannt aus dem Joche, und sein Herr läßt es „weiden“, wie der Prophet es ironisch bezeichnet, „in der Weite“, sie werden nicht mehr „eingeengt“, nicht mehr an die Einhaltung von Furchen gebunden sein. Jedoch sie haben ihre Strafe in ihrem Abfall selbst. Denn:

17
חֲב֧וּר עֲצַבִּ֛ים אֶפְרָ֖יִם הַֽנַּֽח־לֽוֹ׃
ZunzGebunden an die Götzenbilder ist Efrajim, sei es sich selber überlassen!
J. J. HirschSchmerzbringenden Göttern hat sich Ephrajim angeschlossen — überlasse es sich selbst.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 17. חֲבוּר עֲצַבִּים וגו' werden die Götter genannt, insofern sie den Menschen עֶצֶב, Schmerz und Entsagung bringen. Gott braucht denen keine Strafe zu senden, die sich ihrem Dienste zuwenden. „Schmerz und Entsagung bringenden Göttern hat Ephraim sich angeschlossen — überlasse es sich selbst!“

18
סָ֖ר סׇבְאָ֑ם הַזְנֵ֣ה הִזְנ֔וּ אָהֲב֥וּ הֵב֛וּ קָל֖וֹן מָגִנֶּֽיהָ׃
ZunzAusgelassen ist ihr Zechen, es buhlen, es lieben die Schande ihre Fürsten.
J. J. HirschWenn erst ihr Rausch gewichen ist, dann haben sie mit allem Eifer ihrer Abtrünnigkeit nur die Schande als ihren Schild geliebt!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 18. סָר סָבְאָם וגו'. Israels Abfall wird hier unter dem Bilde des Rausches gefaßt. Wenn erst durch die Leiden, denen sie entgegen gehn, ihr schwerer Rausch gewichen sein wird, dann werden sie erkennen, daß, „indem sie mit solchem Eifer abtrünnig waren, sie mit Inbrunst die Schmach geliebt haben als ihren vermeintlichen Schild.“ Der Verdoppelung des הַזְנֵה entspricht die des אָהַב in der Wiederholung הָבוּ, dem abgekürzten אָהֲבוּ. Der männliche Plural geht in dem Suffix von מָגִנֶּיהָ in den weiblichen Singular über, weil die in dem Abfall vom Gottesgesetze und im Anschluß an die Fremden und deren Götter ihren Schutz erblickende Verblendung des Staates es war, der ursprünglich die Einzelnen gefolgt waren. Vergl. oben 2, 6. Der weibliche Singular wird auch im folgenden Verse beibehalten.

19
צָרַ֥ר ר֛וּחַ אוֹתָ֖הּ בִּכְנָפֶ֑יהָ וְיֵבֹ֖שׁוּ מִזִּבְחוֹתָֽם׃ {פ}
ZunzEin Sturm hat sie zusammengewunden mit seinen Fittigen, auf daß sie zu Schanden werden an ihren Opfern.
J. J. HirschEs „beengte“ sie der Geist bei ihrem „Aufschwung“! — sie werden sich getäuscht sehen durch ihre Opfer.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 19. Im Gegensatz zu jener „Schmach“ des heidnischen Cultes ausschweifendster Sinnlichkeit bezeichnet רוּחַ den Geist, hier: den in dem Gesetze sich offenbarenden Gottesgeist. בִּכְנָפֶיהָ, von כָּנָף, hier bildlich: Aufschwung. Aehnlich Jes. 24, 16. In stolzen Träumen von Erfolg und Aufschwung wiegte sich Israel und fühlte sich in dieser „Erhebung“ zu dem Phallus- und Astartedienst seiner Nachbaren von dem Gottesgeiste mit seinen Anforderungen der Selbstbeherrschung und Lebensheiligung natürlich behindert und „beengt“ — Der Satz wird abgebrochen, der Contrast ist zu groß, jedes weitere Wort würde den Eindruck schwächen. Deshalb wird die Rede nur mit dem Ausblick auf die Zeit geschlossen, in der „sie sich schämen werden über ihre Opfer“. Das מִן ist aber auch causal. Durch diese „Opfer“ selbst werden sie schließlich zur Ernüchterung und zur Selbsterkenntnis gebracht werden.