Hoschea 10 הושע
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 10. V. 1. בָּקַק ausleeren. „Ein alles leermachender Weinstock“ d. i. ein Weinstock, der aus seiner ganzen Umgebung gierig alle Säfte trinkt, alles in sich aufnimmt, sich assimiliert und zur Frucht יְשַׁוֶּה, wörtlich: „gleichmacht“, vereinigt. So nimmt Israel, das in dem Boden seines Gottesgesetzes wurzeln sollte, alle Anschauungen und Verirrungen der es umgebenden, in Götzendienst versunkenen Völker eifrig an, macht sie sich zu eigen und gestaltet sich diese Mischung, mit einem Zusatze von ererbten jüdischen Lehren, zu einer Religion seiner Mache. Sie beabsichtigten keineswegs mit Gott ganz zu brechen; allein auch das Heidentum erscheint ihnen als ganz berechtigt. הִרְבָּה Sing.: es schreibt die Fülle zu, oder: es spendet reichlich, bringt viele Opfer dar. Unter den „Altären“ sind die Bamoth zu verstehn, auf denen nicht den Götzen, sondern Gott geopfert wurde. Das Darbringen auf ihnen war früher zeitweilig und ist, seitdem das Heiligtum in Jerusalem seine Stätte gefunden hatte, dauernd verboten, jedoch nicht als Götzendienst, sondern als שחוטי חוץ, weil bei den Opfern auf ihnen die Beziehung zum Gottesgesetze fehlte und sie so dem Wahne Vorschub leisteten, der Jude könne sich der Gottesnähe auch ohne Erfüllung des offenbarten Gesetzes teilhaftig machen. Der Einzelne und sein Geschick, so glauben sie, untersteht wohl der Gotteswaltung. Deshalb bringt ein jeder, dem das Glück lacht, reichliche Spenden „den Altären“, damit Gott ihm das Erlangte nicht wieder nehme. Allein hinsichtlich des Gedeihens der Gesamtheit, des Staates, stehen sie ganz auf heidnischem Standpunkte, da sind es die מַצֵּבוֹת, die Baalssäulen, die Naturgewalten, die הֵטִיבוּ, die das Glück gebracht haben. מִזְבְּחוֹת: die Gottesaltäre, מַצֵּבוֹת: die heidnischen Cultstätten, פְּרָיו: die dem Einzelnen reifenden Früchte, אַרְצוֹ: der die Volksgesamtheit tragende gemeinsame Boden.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. Diese Halbheit, diese „Teilung ihres Herzens“ ist ihr Verderben. חָלַק ist hier intransitiv. Dieses Compromiß mit dem Heidentume ist ein vollendeter Abfall von Gott. Der vermeintliche Gottesaltar ist eine Lüge, wenn neben ihm die heidnische Standsäule ihre Stätte hat. Demselben Untergange sind beide verfallen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. Wenn sie für ihre Hülflosigkeit gegenüber den heraufziehenden Gefahren die Unfähigkeit ihrer Könige verantwortlich machen, so weist der Prophet auf den eigentlichen Ursprung des drohenden Verhängnisses hin: wenn wir Gott nicht fürchteten, so nützte auch der tüchtigste König nichts. Die politischen Gefahren haben in der sittlichen Gesunkenheit des Volkes ihren Grund.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. Wo die Gottesfurcht geschwunden ist, da giebt es auch in den Verhältnissen zwischen Mensch und Mensch keine Treue. Möglich auch, daß die Worte כָּרֹת בְּרִית auf vorübergehende Anwandlungen zum Guten, also auf Bundeserneuenungen mit Gott hinweisen, die sich jedoch stets nur als leere Worte erwiesen, selbst wenn sie durch Eide besiegelt wurden. — Mit diesem allen haben sie sich selbst nur Wermut in die Furchen ihres Ackers, in den Boden ihres Geschickes gestreut, der als schweres Gottesgericht aufgehn wird.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5. שְׁכַן שֹׁמְרוֹן. Schomron ist als Residenz gedacht, ihre Einwohner würden durch יוֹשְׁבֵי oder אַנְשֵׁי bezeichnet werden. Durch שְׁכַן, stat. constr. von שָׁכֵן, ergiebt sich die Nüance der nahen Beziehung zu und des innigen Verwachsenseins mit der Residenz, also: die selbstbewußten Bürger Schomrons. Da שָׁכֵן jedoch eigentlich Anwohner, Nachbar bedeutet, so dürften hier vielleicht mit großer Feinheit die israelitischen Biedermänner aus der „Provinz“ gezeichnet sein, die sich ganz besonders darauf zu gute thaten, auf der Höhe der Bildung der Residenz zu stehen. — Beth-Awen ist strafende Bezeichnung für Bethel, als Cultstätte des von Jerobeam I. eingeführten Egel-Dienstes. — גּוּר לְ: weilen mit Hinblick auf etwas. Wo immer sie sich auch aufhielten, stets war ihre Aufmerksamkeit auf die Kälber von Bethel gerichtet. In Wirklichkeit gab es in Bethel nur ein עֵגֶל, der Plural עֶגְלוֹת bezeichnet, wie der weibliche Plural so oft, das Abstractum, also hier den Kälberdienst. — כְּמָרִים, nach der Bedeutung von כָּמַר rege werden von Gefühlen, und מִכְמֶרֶת Netz: die auf Erregung dunkler Gefühle, insbesondere auf die Furcht des Volkes speculierenden Götzenpfaffen. Die Suffixe in כְּמָרָיו und dem wiederholten עָלָיו beziehen sich auf עַמּוֹ, auf das Volk. Das Suffix in עַמּוֹ dürfte sich am ungezwungensten auf בֵּית אָוֶן beziehen und das Volk als das dem Egel-Heiligtume treu ergebene, mit ganzem Herzen angehörige bezeichnen. — Der ganze Vers giebt in drastischer Weise einen Beleg für den V. 4 ausgesprochenen Gedanken, daß mit der Gottesfurcht auch alle Treue zwischen den Menschen geschwunden sei. Jerobeam hatte, wie wiederholt bemerkt, in dynastischem Interesse den Kälberdienst eingeführt, die der Hefe des Volkes entnommene israelitische Priesterschaft verdankte ihre Stellung also lediglich den israelitischen Königen. Das gemeinsame Interesse wies König und Priester auf einander an. Man durfte erwarten, daß hier der Altar sich als die stärkste Stütze des Thrones bewähren werde und daß die Priester an dem Gedeihen des Reiches das lebendigste Interesse nehmen würden. Ebenso durften die treuen Staatsbürger, die zugleich so „fromm“ gerichtet waren, daß sie „die Kälber von Beth-Awen nie aus dem Auge verloren“, zu ihren geistlichen Hirten wohl das Vertrauen hegen, daß sie bei der heraufziehenden Not sich eins mit ihnen fühlen und in patriotischer Gesinnung die dem Könige und dem Reiche drohenden Gefahren betrauern würden. Weit gefehlt! Keine Spur von Nationalgefühl bei der herz- und charakterlosen Priesterschaft. Sie denkt nur an das persönliche Kasteninteresse, und da sie glaubt, bei dem gedrückten, in banger Sorge um die Zukunft schwebenden Volke eine noch reichere Ernte erhoffen zu können, als bei dem glücklichen, so „jubeln seine Pfaffen“, natürlich im geheimen, „da sein, d. i. das fromme Volk über sich trauert, über seine Herrlichkeit, die von ihm wandert“ — über die großen Opfer, die der Staat sich auflegte, um die Hülfe des Assyrerkönigs zu erkaufen, wie im folgenden Verse ausgeführt wird.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. גַם אותו וגו'. גַם, „auch sie“, sowie diejenige aller anderen Völker, die nach Gottes Fügung der Macht Aschurs unterlagen; nur daß die israelitische Diplomatie glaubte, durch freiwillige Darbringung von Schätzen sich die Gunst der Assyrer erkaufen zu können. Über dieses diplomatische Meisterstück, daß Ephraim selbst die Habgier des fabelhaften Königs „Jareb“, oder vielmehr des Königs reizte der „bestimmt“ oder „bereit“ ist [gegen es] zu kämpfen, siehe oben zu 5, 13. Statt der erhofften Hülfe wird Ephraim nur Schande einheimsen, und Israel wird durch Ephraims vermeintliche Klugheit sich in seinen Hoffnungen getäuscht sehen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. Wie deshalb der König „verstummen wird“, in demselben Augenblick „verstummt“ auch die Residenz, und der ganze patriotische Überschwang ihrer königstreuen Gesinnung erweist sich so als „Schaum auf Wasserfläche“.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8. וְנִשְׁמְדוּ וגו'. Mit dem Königtume hat auch die Herrlichkeit des Götzenpriestertumes ihr Ende erreicht. Die auf die gedrückte Stimmung des Volkes speculierenden Herren hatten sich verrechnet. Vernichtet werden die Heiligtümer, in denen sie fungierten, die אָוֶן בָּמוֹת: Mißbrauch der Kraft, die Kraft, die keinen Herrn anerkennt. Der Götzendienst beruht eben auf dem Glauben an die Selbständigkeit, Selbstherrlichkeit der Kräfte und an die Möglichkeit, sie durch Opfer gefügig zu stimmen. Diese בָּמוֹת אָוֶן, die schon an sich „Israels Sünde“ bekundeten, werden vernichtet; die Altäre, auf denen Gott das Opfer dargebracht wurde, die also nicht an sich schon den Abfall bezeugten, sondern, wie oben bemerkt, nur als שְׁחוּטֵי חוּץ, als Förderer der Gesetzesverkennung verboten waren, werden verlassen sein, „Dorn und Distel werden auf ihnen aufwuchern“. Das Volk aber wird, von Scham und Verzweiflung ergriffen, wünschen, daß die Berge und Hügel über es zusammenstürzen möchten.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9. Ergreifend ist die Wendung, mit der von diesem Blicke auf die tiefste Erniedrigung der Prophet nun zurückschaut auf den Höhemoment in der Geschichte Israels, auf jene nationale Großthat, die einzig dasteht in der Geschichte der Menschheit und die Israel, so weit ab es auch sonst noch war von dem ihm gesteckten Ziele, doch auf einer Höhe zeigt, „auf der du sie nie wieder erreichest“ — damals „als sie in den Kampf zogen gegen die Männer der Schandthat“. Der Prophet blickt auf die Richter 19—21 erzählten Begebnisse hin, wo die ganze waffenfähige Mannschaft eines Volkes plötzlich Hof und Acker verließ, um die beschimpfte nationale Ehre zu retten. Von wem und in wem war sie beschimpft worden? Etwa in der Person des Königs? „Es gab damals keinen König in Israel!“ (das. 19, 1.) Hatten etwa Feinde einen räuberischen Überfall unternommen und hunderte von Gefangenen fortgeschleppt? Das war oft genug vorgekommen, allein eine allgemeine nationale Erhebung wurde dadurch nie veranlaßt. Eine Schandthat war verübt worden an einer einzelnen Frau, es war keine vornehme Frau, nicht einmal die eigentliche Ehefrau eines schlichten Bürgers; es handelte sich, wie wir modern sagen würden, um ein Weib von nicht unzweifelhaftem Charakter, das seinen Mann böswillig verlassen hatte. Diese Frau war in Gibea in schmachvoller Weise gemordet worden, und die städtischen Behörden hatten sich zu schwach erwiesen, den Mord zu strafen. Auf die Kunde davon war eine Aufforderung an den Stamm Benjamin ergangen, gegen die ihm angehörige Stadt einzuschreiten. In unseliger Verblendung hatte er sich jedoch statt dessen mit ihr solidarisch erklärt. Da hatte nun Israel nicht gesagt: Soll um des einen gemordeten Weibes willen das Blut Unzähliger unserer Brüder vergossen werden? Die eigentlich Schuldigen sind ja doch nicht zu ermitteln! Die Verantwortung liegt ja schließlich auf Gibea und Benjamin! Das in der Person des gemordeten Weibes schmählich verletzte Recht, die an ihr begangene Missethat entflammte vielmehr die Herzen des ganzen Volkes, nur der eine Gedanke erfüllte sie, daß „solches in Israel nicht verübt werden dürfe“! dieser Gedanke, diese sittliche Empörung drückte ihnen die Waffen in die Hand, und hinaus zogen sie in den Krieg, den einzigen in Wahrheit heiligen „Krieg gegen die Männer der Schandthat“! — Das ist die Gibea-Höhe, „da blieben sie stehen“, diese That bildet den Höhepunkt, „von da ab hast du gesündigt“, du erreichst sie nie wieder in Gibea, wo sie in den Kampf zogen gegen die Missethäter! — עַלְוָה für עוֹלָה.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 10. Wäre das Volk in derselben Weise jeder Verletzung des Gottesgesetzes entgegengetreten, hätte es die Thora verteidigt, wie andere Völker ihren nationalen Boden verteidigen, wären wie hier in ihm selbst Annehmer und Vertreter meines Wortes aufgestanden: nie hätte ich, spricht Gott, andere Völker zu seiner Züchtigung aufbieten müssen. Die Weisen heben den Contrast hervor zwischen diesem Aufflammen nationaler Entrüstung und der vollständigen Gleichgültigkeit gegenüber dem „Götzenbilde Michas“, von dem dort gleichzeitig berichtet wird. Deshalb „mußten, wenn ich sie züchtigen wollte, Völker gegen sie versammelt werden, die sie binden, halten sollten an ihre beiden Furchen“. — בְּאַוָּתִי: in meinem Wollen, wenn ich wollte. וָאֶסְּרֵם von יָסַר nach Analogie der פ"נ, wie אֶצַּק von יָצַק das ' dem folgenden Konsonanten assimiliert. בְּאָסְרָם Inf. von אָסַר, in ihrem Binden, das Objekt, Israel, ist aus dem Suffix עֲוֹנֹתָם zu ergänzen. עוֹנָה Furche, von עָנָה in der Bedeutung: entsprechen, also Parallellinien, Parallelfurchen. Also: wenn ich wollte, daß Israel seinen Lebensweg in den ihm vom Gottesgesetze vorgezeichneten Geleisen wandle, so mußten Völker über sie versammelt werden, um sie an ihre beiden Furchen zu halten.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 11. Doch nicht immer war dem so. Einst war Ephraim ein recht gelehriges Ackertier, das gerne „drosch“, d. i. seine Kraft in meinem Dienste anwandte. Als ich durch die Bestimmung Jerobeams zum Könige Ephraim die leitende Stellung, אַרְכִּיב, im Zehnstämmereiche gab, da schien es sehr wohl zu dieser Bestimmung geeignet, und ebenso sollte Juda die Pflugschar führen und so die Gesamtnation, Jakob, als Menschheitpriestervolk den Acker bestellen, den Gott von ihm im Kreise der Menschheit bestellt wissen will. Die Teilung des Reiches wird hier unter dem Gesichtspunkte der Sicherung der Lösung der jüdischen Gesamtaufgabe dargestellt. So war die Absicht. וַאֲנִי עָבַרְתִּי עַל טוּב צַוָּארָהּ: ich sah, daß Ephraim einen „schönen Hals“ hatte, d. h. daß es wohl geeignet war zur Führung in meinem Dienste, — sein Hals war geeignet, „das Joch meines Dienstes“ auf sich zu nehmen, — und so, voranschreitend, durch sein Beispiel das Volk in den Geleisen zu erhalten, die durch mein Gesetz ihm gezogen sind. Dann werde, so hoffte ich, auch Juda seinerseits und damit Gesamtisrael seiner Bestimmung entsprechen. Das letztere wird hier als „Jakob“ bezeichnet, nach dem bereits gesunkenen Zustande, in dem es sich zur Zeit des Propheten befand, als Contrast zu seiner oben gezeichneten Bestimmung, oder aber nach der Schwäche seines Ursprungs. Also: ein solches Bild herrlichster Kraftentfaltung sollte das jetzt so tief gesunkene oder das einst so schwache Jakob darbieten. — Pflügen und Eggen sind gleichmäßig als Bild der Bestellung des Ackers gebraucht.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 12. Nach dem Zusammenhange wäre zu erwarten, daß der Prophet jetzt den grellen Contrast schildere, den die Wirklichkeit zu dieser Absicht Gottes darbiete. Er bricht jedoch ab, oder er hat bereits alles in dem Namen „Jakob“ zusammengefaßt. Aus dem dringenden, beschwörenden Aufrufe dieses Verses tönt nun der bittere Schmerz heraus über diese Täuschung der Erwartung. „Säet euch doch für Lebensgerechtigkeit, zur Pflichterfüllung“: enere Thaten sind die Saaten, die ihr in den Boden eurer eigenen Zukunft säet. Sorget doch, daß sie euch als Erfüllung eurer Lebenspflicht angerechnet werden können. „Lichtet euch den Acker“: mit eurer Pflichtthat arbeitet ihr zugleich an dem eigenen Heile, „ihr erntet nach Maßgabe des חֶסֶד“, der selbstlosen Hingebung, die in eurem Pflichtleben sich offenbart. Und glaubet nicht etwa, es sei zu spät: „noch ist es Zeit, allerdings es ist die höchste Zeit, Gott zu suchen“, wie auch die Geschicke sich gestalten, ihr habt den Acker Gottes zu bestellen, „bis Er dann komme und euch das „Zedek“, das Rechtsideal lehre“, d. h. wendet euch ihm zu, suchet von ihm Belehrung, bis er euch die rechte Einsicht gewähre in sein Gesetz, das die Wege zum Zedekideale enthält, und euch die Kraft gewähre, mit eurer Vergangenheit zu brechen und diese Wege einzuschlagen. — Denn ihr
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 13. habet gerade mit Frevel gepflügt (רֶשַׁע ist der gerade Gegensatz zu צְדָקָה) und statt des Segens habt ihr Gewaltthat geerntet, deren Opfer ihr geworden seid (vergl. Jes. 59, 9), genossen habt ihr die Frucht der Lüge, die ihr Gott und Menschen gegenüber geübt habt, — denn statt in Gott und in sein Wort dein Vertrauen zu setzen, hast du bisher auf deinen Weg, auf die Menge deiner Helden vertraut!
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 14. Dieser Vers führt die Schilderung des selbstbereiteten Unheils weiter aus. Der Singular des Prädicates יוּשַׁד zu dem Plural des Subjectes weist auf die Gleichzeitigkeit und Plötzlichkeit des Sturzes der Festungen hin, auf die Israel thörichterweise sein Vertrauen gesetzt hatte. Ebenso ist die seltene Form קָאם mit quiescierendem eingeschobenen א emphatischer Ausdruck für die Plötzlichkeit und Mächtigkeit des Kriegsgetümmels. בְּעַמֶּיךָ, entweder: gegen deine Völker s. v. a. Kriegsvölker, dann bezöge es sich auf die oben genannte „Menge deiner Helden“. Möglich aber auch, daß es in der Sprache der Thora, wie Lev. 19, 16, Volkeskreise bedeutet. Dann bezeichnete es den inneren Aufruhr, der jeden Widerstand gegen die Angriffe von außen völlig lähmen mußte, und würde auf דַּרְכֶּךָ zurückblicken, das dann die sittliche Entartung bedeutet, jene innere Fäulnis, die stets Hand in Hand geht mit dem Mißbrauch der Macht von Seiten der höheren Schichten zur Unterdrückung und Vergewaltigung der schwächeren unteren, und die zu allen Zeiten zu den inneren Umwälzungen geführt hat, die hier treffend mit dem Worte שָׁאוֹן bezeichnet wären (vergl. Jes. 66, 6). Wahrscheinlicher jedoch bezieht sich שָׁאוֹן auf das Kriegsgetümmel der stürmenden Feinde (vergl. Jes. 12, 4 und Jer. 46, 17), dem gegenüber die untereinander uneinigen, zwiespältigen „Volkeskreise“ keinen Widerstand leisten konnten. In diesem Sinne haben wir übersetzt. — שַׁלְמַן, das sonst nicht wieder vorkommt, ist nicht ein Eigenname, etwa eine Abkürzung von Salmanassar, sondern ein Gattungsname, von שָׁלוֹם abgeleitet, und bezeichnet einen harmlosen, friedfertigen Menschen, der auch bei anderen nichts Arges vermutet. Dem gegenüber אַרְבֵאל, zusammengesetzt aus אֵל, die Kraft, und אָרַב auflauern, im Hinterhalte liegen. Also: so sicher wie ein Harm- und Argloser verloren ist, der in das Haus, also in die Macht eines Gewaltigen und Arglistigen geriet, noch dazu am Tage der Schlacht, wo ohnehin aller Schutz der Gesetze geschwunden ist: so sicher und unabwendbar erfolgt der Fall deiner Festungen, auch nicht einmal der Versuch eines Widerstandes wird gemacht werden.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 15. Solches hat euch der Götzendienst bereitet, als dessen Hauptsitz Bethel genannt wird, wegen der „Schlechtigkeit eurer Schlechtigkeit“, nicht sowohl zur Bezeichnung der Intensität, also soviel wie: wegen des hohen Grades eurer Schlechtigkeit, sondern zum Ausdruck, daß die Sünde an sich als natürliche Folge das Verderben nach sich ziehe. Vergl. oben 7, 2. רָעָה bezeichnet sowohl die moralische als auch die physische Verderbtheit, also: „wegen der Verderbtheit eurer Verderbnis“. Denn nicht erst im Augenblicke des plötzlichen Unterganges, sondern: בַּשַּׁחַר, bereits am selben Tage, am „Morgen“ ist Israels König gänzlich verstummt. Hier ist nicht an einen bestimmten König zu denken, der Gedanke ist vielmehr: in dem entarteten Israel hat das entartete israelitische Königtum schon lange, bevor sein Tag sich neigt, jeden Boden verloren, „es muß gänzlich — das bedeutet die Verdoppelung — verstummen“.