Hoschea 11 הושע
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 11. V. 1. Von Mizrajim, der tiefsten Stufe der Erniedrigung, berief ich Israel zur höchsten Höhe der Menschenbestimmung, machte es zum Priester für die Menschheit, sprach zum Herrscher auf Aegyptens Throne: בְּנִי בְכוֹרִי יִשְׂרָאֵל, mein Sohn, ja mein erstgeborener Sohn ist das von euch verachtete und mißhandelte Sklavenvolk.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. Und dennoch! Als später die Völker sie riefen, wörtlich: ihnen zuriefen, da richteten sie ihren Wandel sofort und gänzlich — das liegt in dem כֵּן — ein im Hinblick und in Rücksicht auf sie, in scheuer Ehrfurcht vor ihnen. מִפְּנֵי heißt nicht zeitlich oder räumlich: vor, sondern causal: wegen; es liegt darin immer der Gedanke eines scheuen Zurückhaltens vor dem anderen. Als Israel jung war, folgte es mir, aber als später selbst die Ägypter sie wieder riefen, da folgten sie deren Rufe, kehrten freiwillig in die alte Abhängigkeit zurück — dann würde an das wiederholte Liebeswerben um den Beistand der Ägypter gedacht sein, das Israel so oft zum Vorwurf gemacht wird. Dem ganzen Zusammenhange jedoch entspricht es mehr, als das Subject von קָרְאוּ nicht das vorhergenannte Mizrajim, sondern alle Israel umgebenden Völker zu begreifen, zu denen es, jedes nationalen Selbstgefühles bar, voll ehrerbietiger Scheu emporblickte und deren Götzencult bei sich einführte. כֵּן: „ganz so“ bezeichnet die Unbedingtheit und Raschheit des Gehorsams. Der Plural לַפְּסִילִים לַבְּעָלִים dürfte auch folgende Nüance zum Ausdruck bringen: statt Gott als dem einen Herrn zu huldigen, begaben sie sich in die Knechtschaft einer ganzen Vielheit von Herren, aller von ihnen vergötterten Naturkräfte.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. Es ist nicht nöthig, das Wort תִּרְגַּלְתִּי als eine Tiphilform von רָגַל zu fassen, für הִרְגַּלְתִּי; es kann sehr wohl ein von רָגַל abgeleitetes Substantiv sein, wie תִּפְאֶרֶת von פָּאַר und תִּפְלֶצֶת von פָּלַץ, allerdings in transitiver Bedeutung. Es blickt auf Ephraims führende Stellung hin, ähnlich wie אַרְכִּיב אֶפְרַיִם im vorigen Kap. V. 11. Das Object von קָחָם ist Israel. קָחָם für לְקָחָם, vergl. Ez. 17, 5. Wenn sie unter Ephraims Führung zunächst äußerlich erstarkten und sich deshalb von ihm „getragen“ fühlten, so erkannten sie nicht, daß ich ihm dazu die Kraft verliehen, ja sie hatten bald das Bewußtsein davon verloren, daß sie bereits erkrankt waren.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. בְּחַבְלֵי אָדָם: mit Banden, wie sie Menschen geziemen, nicht mit Mitteln äußeren Zwanges, sondern mit den Gesetzen, die sich an Geist und Gemüt des Menschen richten und durch die Erkenntnis auf seinen Willen einwirken und auch sein sinnliches Leben gestalten wollen, auf daß das Leibliche an ihm sich zum gefügigen Organe des Geistes darbiete, kurz mit den מִצְוֹת, den חֻקִּים und den מִשְׁפָּטִים wollte ich Israel mit mir verbinden, es sind in Wahrheit „Seile der Liebe“ die starken Bande, die dich des höchsten Glückes der Gottesnähe teilhaftig machen sollen. Euch aber erschien dieses ganze Gesetz — modern würden wir sagen: das „Ceremonialgesetz“ und das von ihm gestaltete „rituelle jüdische Leben“ — als ein ganzes System von Fesseln und Banden, die euch ein Joch über euren Hals legen wollen, ich erschien euch wie מֵרִימֵי עֹל, Plural, eine Menge von knechtenden Bedrückern. Vergl. Jes. 28, 12: das Wort Gottes ward ihnen zu einer Satzung um einer anderen Satzung willen, damit man bei jedem Schritte vorwärts rückwärts strauchle und gebrochen und verstrickt und gefangen werde. So hier: Ich erscheine ihnen mit jedem Gesetze, als erhübe ich ein neues Joch über ihre Wangen — während ich doch in Wirklichkeit: וְאַט אֵלָיו אוֹכִיל. Diese Worte haben die mannigfachsten Erklärungen gefunden, ohne daß ihr Sinn aufgehellt wäre. Einige nehmen אוֹכִיל als unregelmäßige Bildung für אַאֲכִיל und אַט als Adverb, wie 1 Kön. 21, 27: „und leise, geräuschlos, unmerklich gewähre ich ihnen Speise und Nahrung!“ Schwierig bleibt dabei die ungewöhnliche Construction הַאֲכֵל אֶל. Wir glauben אוֹכִיל als Hiphil von יָכֹל „können, vermögen“ fassen zu sollen, eine regelmäßige Bildung, wenngleich diese Hiphilform sonst nicht vorkommt: ich lasse können, vermögen, ich befähige, verleihe Kraft. אַט ist Futur im Hiphil von נָטָה: ich neige, lenke zu. Der Sinn ist dann: Mit jedem Gebote und Verbote erscheine ich ihnen, als hübe ich drohend ein neues Joch über ihren Hals, in Wirklichkeit aber „neige ich einem jeden, auf den ich dieses vermeintliche Joch niedersenke, nur dasjenige zu, wodurch ich ihn stärken, zu jeglichem Vollbringen befähigen möchte.“ Denn das scheint in der Wahl des ungewöhnlichen Wortes אוֹכִיל zu liegen, an Stelle von z. B. יָכֹל אֲחַזֵּק, heißt ja gerade ganz allgemein: können, vermögen und bedarf stets der Ergänzung. Auch wo es, wie z. B. unten 12, 5 und 1, 13, scheinbar absolut steht, ergiebt sich die Ergänzung aus dem Zusammenhange von selbst. Hier aber steht es vollständig allein, ohne jegliche beschränkende Ergänzung. Es ist deshalb als Befähigung im weitesten, umfassendsten Sinne zu verstehen. Eine zweitausendjährige Erfahrung dürfte die auch von den Feinden, leider durchaus nicht neidlos, zugestandene hervorragende Befähigung der Juden, die eine Erbschaft der vergangenen Geschlechter und ein Erzeugnis eben dieses von denselben Jahrtausende hindurch befolgten „Ceremonialgesetzes“ ist, vielleicht als Bestätigung dieser Auffassung des אוֹכִיל erscheinen lassen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5. Durch die Verblendung, in der sie das vermeintliche Joch abschüttelten, haben sie sich wahrlich nicht frei gemacht. Wie die innere, so sollte ihnen auch die äußere Selbständigkeit nur durch die treue Erfüllung des Gesetzes gesichert sein. So aber haben sie auch die äußere Freiheit eingebüßt. Sie sollten nicht wieder nach Mizrajim zurück in die alte Knechtschaft, das hatte ich ihnen verheißen, und jetzt — ist Aschur ihr König, denn, allen Mahnungen der Propheten zum Trotz, haben sie die ihnen gebotene Rückkehr, nämlich zu Gott, beharrlich verweigert.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. Diese Weigerung hat bereits die traurigsten Folgen gehabt. Das Schwert hat bereits „die Runde gemacht“ in ihren Städten, ihrer künstlichen Stützen, בַּדִּים, sind sie bereits beraubt. Alles dies in Folge ihrer „wohl überlegten Grundsätze“, מִמֹּעֲצוֹתֵיהֶם, von יָעַץ, wie der Ursprung des in Wahrheit aus Leichtsinn, Unwissenheit und vor allem aus Widerwillen gegen die vom Gottesgesetze geforderte Selbstbeherrschung und Unterordnung unter das Pflichtgebot hervorgegangenen Abfalls mit unverhüllter Ironie bezeichnet wird. Dem Volke war vorgespiegelt worden, wenn es das angeblich menschenunwürdige „Joch des Gesetzes“ abwerfe, so werde es in ungebundener Freiheit den Ertrag seines Bodens wie die anderen Völker genießen und in freundschaftlichem Bundesverhältnisse mit ihnen leben. Diese Erwartungen hatten sich nicht erfüllt. Vielmehr waren im Gegenteil die schweren Verhängnisse hereingebrochen, die im Gotteswort als Folge des Abfalls längst verkündet waren. Das hätte doch eigentlich, meint der Prophet, dem Volke die Augen öffnen müssen über die Wahrheit seiner vermeintlichen „Principien“ und über den Charakter der Männer, die es bisher als seine Lehrer und Führer verehrt hatte. Es hätte doch jetzt mit zweifelloser Klarheit erkennen müssen, daß der Weg, auf dem es sich befand, es unabwendbar ins Verderben führe und daß sein einziges Heil nur in der Umkehr, in der Rückkehr zu Gott bestehe. Doch nein! Stutzig waren sie durch die trüben Erfahrungen wohl gemacht, aber belehrt, zur klaren Erkenntnis gebracht, überzeugt?
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. וְעַמִּי תְלוּאִים לִמְשׁוּבָתִי! עַמִּי, es, das „mein Volk“, das als Volk unmittelbar mein Geschöpf, das in seinem Werden und in seiner Erhaltung unmittelbar mein Werk ist, und über das im Augenblicke seiner Erschaffung ausgesprochen wurde: אָנֹכִי אֶהְיֶה לָהֶם לֵאלֹהִים und וְהָיוּ לִי לְעָם, es ist noch jetzt תְּלוּאִים, schwankend, in der Schwebe, unschlüssig über מְשׁוּבָתִי, über die Rückkehr zu mir, ob die תְּשׁוּבָה nicht doch eine מְשׁוּבָה sei. Was die Gottespropheten als Rückkehr zu Gott, zur Wahrheit und damit zum Heile bezeichneten, nannten die Großen und die Baalspfaffen den „Rückfall“ in die alte Gebundenheit durch die Fesseln des Gesetzes. „Zurück, ihr steht vor dem Abgrunde!“ — rufen die Gottespropheten, „Mutig vorwärts, nur dieser Weg führt zur Höhe!“ erschallt es aus dem Munde der andern, — und „mein Volk“, das aber schon Geschlechter hindurch systematisch in Unkenntnis des Gottesgesetzes erhalten ward, steht zweifelnd in der Mitte, weiß nicht wem es glauben soll, weiß nicht wo in Wahrheit die Höhe ist. — יִקְרָאֻהוּ, Plural, „zur Höhe rufen sie es alle“, aber es ist nicht darüber einig, was יְרוֹמֵם, was es als das anzustrebende Höheziel bezeichnen soll, ob die Rückkehr zum Gesetze oder den Fortschritt im Abfall. — Der Piel יְרוֹמֵם hat hier wie so oft die Bedeutung: den durch das Verbum im Kal ausgedrückten Begriff einem Wesen oder einem Verhältnisse zusprechen, in Gedanken beilegen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8. Verdient hättest du ja, daß ich dich preisgebe, spricht Gott, und dich deinem Geschicke überlasse. Allein wenn ich daran denke, daß du dann, wenn ich nicht zu deiner Rettung einschreite, immer tiefer sinkest und der Entartung und damit auch dem Geschicke Admas und Zebaims verfielest, vor dem dich der Anblick der leblosen Öde des Toten Meeres nicht zu warnen vermochte, so werden נִחוּמִים (vergl. über הִנָּחֵם und נַחֵם den Commentar zu Gen. 6, 6), alle meinen Sinn ändernden, mich zur Änderung meines Entschlusses veranlassenden, mich umstimmenden Gefühle in mir rege. Über כָּמַר vergl. das. zu 43, 30.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9. לֹא אֶעֱשֶׂה וגו', deshalb führe ich nicht aus, was mein Zorn eigentlich über euch verhängen würde, und wenn ich mich auch zurückziehe, so doch nicht in dem Sinne dich zu vernichten. Der Verlust deiner Selbständigkeit und des von dir vergötterten Bodens und seiner Güter, der Leidensweg des Exiles, deine Preisgebung an die fremden Mächte, als deren Repräsentanten hier Mizrajim und Aschur genannt werden: sie sind nicht dein Untergang, sie sind deine Rettung. „Denn der Allmächtige bin ich und nicht ein Mann“. — Wäre Israels unsterbliche Lebensseele nicht Gottes Wort und seine Erhaltung nicht Gottes Wille, wäre es Menschensatzung was dich zum Volke machte, und Menschenweisheit und Menschenwirken, was dich bisher im Völkerdasein erhielt: mit dem Verluste des gemeinsamen Bodens und mit der Zerstreuung unter die Botmäßigkeit der fremden Völker wäre auch dein nationaler Tod besiegelt gewesen. So aber ist es nicht. Ich bin der Allmächtige, auch das fremder Willkür preisgegebene, jedes äußeren nationalen Bandes beraubte Israel bleibt mein, nein, wird vielmehr mein, ich erziehe es durch die Geschicke, durch sie öffne ich sein Herz meinem Worte, und es huldigt mir in Heiligung seines Lebens, „ich werde in deinem Inneren der Heilige, wenn ich auch in keine Stadt komme“, wenn es auch keine Stadt mehr giebt, die das mir dienende Israel sein eigen nennen kann.
V. 10 f. Die Macht der Ereignisse wird das Wunder dieser inneren Umkehr bewirken. Aus dem Donner der Geschicke wird Gottes Stimme mit Löwenmacht zu ihnen dringen, wird sich mit Löwengewalt den Zugang zu ihnen bahnen, dann werden sie nicht mehr „תְּלוּאִים“ schwankend und im Zweifel darüber sein, wo für sie das Heil und wo die Wahrheit sei, ihres Vaters Stimme ist’s die sie ruft, und als בָּנִים, von Heimweh ergriffen und von Sehnsucht beflügelt, — ihre Sehnsucht giebt ihnen Schwingen (כְּצִפּוֹר, כְּיוֹנָה), — יֶחֶרְדוּ, zitternd, daß noch etwas hemmend und trennend sich stellen könnte zwischen sie und ihren Vater, eilen sie in die Vaterarme ihres Gottes. — Die Wiederholung des יֶחֶרְדוּ, der Beflissenheit, des besorgten Eifers — vergl. Jes. 66, 2 und 5, הַחֲרֵדִים אֶל דְּבָרוֹ וְחָרֵד עַל דְּבָרִי — des dem Gottesrufe einst folgenden Israels der Zukunft läßt den Gegensatz zu der vollständigen Verständnislosigkeit der Massen und der frivolen Blasirtheit der Großen des damaligen Israels dem Gotteswort gegenüber nur um so schärfer hervortreten. Ebenso zeichnen die Bilder כְּצִפּוֹר, כְּיוֹנָה, den idealen Aufschwung im Gegensatz zu der Stumpfheit des Besitz und Genuß anbetenden Ephraim, das, wie es unten V. 9 heißt, auf alle Mahn- und Warnungsworte Gottes nur die eine stereotype Antwort hat: „Ich bin aber doch dabei reich geworden!“
Ein ähnlicher Gegensatz scheint auch in dem וְהוֹשַׁבְתִּים עַל בָּתֵּיהֶם ausgedrückt zu sein, wo das עַל sonst sehr auffällig ist. Sie werden ihren Schutz und den Boden ihres irdischen Seins nicht mehr wie jetzt in ihren Häusern finden, nicht das Dach wird ihr Schutz, und nicht die im Hause bewahrten Güter die Träger ihres Lebens sein: sondern die über ihren Häusern waltende Gotteshand werden sie als ihren einzigen Schutz und den durch treue Pflichtübung in ihnen lebendig gewordenen Gottesgeist werden sie als ihres Lebens Grund erkennen und werden so nicht in, sondern „über“ ihren Häusern wohnen.