Hoschea 12 הושע

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Haftarot in diesem Kapitel: Wajetze · Wajischlach
1
סְבָבֻ֤נִֽי בְכַ֙חַשׁ֙ אֶפְרַ֔יִם וּבְמִרְמָ֖ה בֵּ֣ית יִשְׂרָאֵ֑ל וִיהוּדָ֗ה עֹ֥ד רָד֙ עִם־אֵ֔ל וְעִם־קְדוֹשִׁ֖ים נֶאֱמָֽן׃
ZunzUmringt haben mich mit Lüge Efraim und mit Verrath das Haus Jisraél, da Jehudah noch Gott ergeben war und dem Heiligen getreu.
J. J. HirschMit frecher Lüge hat mich Ephrajim umgeben und mit Trug das Haus Jisrael, Juda aber ist noch sinkend bei Gott und sollte doch bewährt sein neben Heiligen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 12. V. 1. Von diesem Ausblick auf die Zukunft wendet sich der Prophet wieder der trüben Gegenwart zu. כַּחַשׁ offene Ableugnung, Verleugnung, מִרְמָה Trug. Ephraim, die Großen in Israel, machen gar kein Hehl aus ihrer Gottlosigkeit; בֵּית יִשְׂרָאֵל, das Volk, fühlt noch etwas Scham, jedoch was es noch von Anhänglichkeit zeigt, ist nur Schein und Trug. Demgegenüber bleibt Juda selbst sinkend, dem Galuth entgegengehend, noch bei Gott, den Ephraim im Glücke offen verleugnet, und was es von den Gottesgesetzen noch erfüllt, das übt es in Treuen, im Gegensatze zu dem Truge des Hauses Israel. — Wenn auch Juda in der Erfüllung des Gesetzes gleichfalls weit hinter seiner Bestimmung zurückgeblieben war, wie das ja auch durch V. 3 hervorgehoben wird, so hatte es doch nicht grundsätzlich mit Gott und seinem Gesetze gebrochen. Vergl. oben 1, 7. — Ungewöhnlich ist immerhin der Gebrauch von קְדוֹשִׁים, das substantivisch sonst nur zur Bezeichnung von Personen oder von persönlich gedachten Wesen vorkommt. Wenn es hier gleichfalls in diesem Sinne gefaßt wird, so kann es nicht Judas Wirklichkeit, die doch dazu in zu grellem Contrast steht, sondern nur seine Bestimmung bezeichnen. Dann wäre auch das רָד עִם אֵל anders zu verstehen und enthielte eine Anklage gegen Juda. Der Sinn wäre dann folgender: Während Israel ganz mit Gott gebrochen hat, ist Juda freilich noch „bei Gott“, aber es fehlt ihm mit der rechten Treue auch das Hochgefühl und das echte Vertrauen; obgleich „bei Gott“, fühlt es sich „noch sinkend“, und es sollte doch treu bewährt seine Stellung haben neben den Engeln, den kampflos zur Erfüllung des göttlichen Willens bereiten Gottesboten!

2
אֶפְרַ֜יִם רֹעֶ֥ה ר֙וּחַ֙ וְרֹדֵ֣ף קָדִ֔ים כׇּל־הַיּ֕וֹם כָּזָ֥ב וָשֹׁ֖ד יַרְבֶּ֑ה וּבְרִית֙ עִם־אַשּׁ֣וּר יִכְרֹ֔תוּ וְשֶׁ֖מֶן לְמִצְרַ֥יִם יוּבָֽל׃
ZunzEfrajim weidet Wind und jagt dem Ost nach, den ganzen Tag häuft es Trug und Verderben, und einen Bund schließen sie mit Aschur, und Oel wird nach Mizrajim geführt.
J. J. HirschEphrajim weidet Wind, ja jagt dem Oststurm entgegen, den ganzen Tag mehret es Täuschung und Raub! Und Bündnis schließen sie mit — Aschur, und Öl trägt man nach — Mizrajim!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 2. Worin Ephraim seine „Weide“, Förderung und Erhaltung erblickt, das erweist sich als Wind, und was es mit Aufbietung aller Kraft und Außerachtlassung aller Rücksichten „verfolgt“, erweist sich als קָדִים, als das seiner Lebenskraft den Untergang bringende. Noch jetzt häuft es Lüge und Raub, unablässig arbeitet es an Mehrung der Täuschung und der Gewalt, denen es zum Opfer fällt. Und während sie den Bund mit mir brechen, schließen sie ein Bündnis mit dem zu ihrer Züchtigung bestimmten Aschur, und ihr Öl wird als Huldigungsgabe nach Ägypten gebracht.

3
וְרִ֥יב לַֽיהֹוָ֖ה עִם־יְהוּדָ֑ה וְלִפְקֹ֤ד עַֽל־יַעֲקֹב֙ כִּדְרָכָ֔יו כְּמַעֲלָלָ֖יו יָשִׁ֥יב לֽוֹ׃
ZunzAuch mit Jehudah hat der Ewige einen Rechtsstreit, um zu ahnden an Jaakob nach dessen Wandel, daß er ihm nach seinen Handlungen vergelte.
J. J. HirschUnd einen Streit hat Gott mit Juda, und um über Jakob nach seinen Wegen zu verhängen, wird Er nach seinen Thaten ihm vergelten.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 3. Doch nicht von den Beziehungen zu den Völkern, nicht von dem diplomatischen Geschick der israelitischen und jüdischen Staatsmänner, sondern von seinem Wandel und seinen Thaten hängt Israels und Juda’s Zukunft ab. Denn Gott ist es, der sein Geschick gestaltet, und nur nach Maßgabe seines inneren und äußeren Lebens verhängt er über es, er braucht bloß seine Hand von ihm abzuziehen, und es ist wieder „Jakob“, das den äußeren Feinden Preisgegebene.

4
בַּבֶּ֖טֶן עָקַ֣ב אֶת־אָחִ֑יו וּבְאוֹנ֖וֹ שָׂרָ֥ה אֶת־אֱלֹהִֽים׃
ZunzIm Mutterleibe hielt er die Ferse seinem Bruder, und in seiner Manneskraft hat er mit göttlichen Wesen gekämpft.
J. J. HirschIm Mutterschoße hielt er seinem Bruder die Ferse, aber durch seine Kraft wurde er der Überragende mit Gott.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 4. Diese Jakobsstellung hatte das Besitz und Genuß vergötternde Volk gänzlich vergessen, hatte vergessen, daß es alles äußere Glück, Landbesitz und Selbständigkeit nur von seinem Gotte erhalten habe, um in Erfüllung des Gottesgesetzes die höchste Menschenbestimmung in geistig-sittlicher Größe zu verwirklichen.

Es wird hier eine Parallele gezogen zwischen Jakob und dem Jakobsvolke. בַּבֶּטֶן: in seiner physischen Stellung, עָקַב: Ferse halten, Bezeichnung einer abhängigen, dienenden Stellung, וּבְאוֹנוֹ: Gegensatz zu בַּבֶּטֶן, שָׂרָה: zu עָקַב. Seiner natürlichen Machtstellung nach, בַּבֶּטֶן, ohne seinen geistig-sittlichen Beruf als Träger des Gotteswortes, ist Israel unter den Brudervölkern das schwächste, abhängigste. Durch sein eigentliches Wesen jedoch, durch jene Kraft, die sein eigentliches Wesen bildet, wird es befähigt, die weltgeschichtliche Höhe zu erreichen, auf der es sich „bei Gott“ erhält und dadurch, durch die Wahrheit, die es menschheitpriesterlich verkündet, zum Überragenden zu werden.

5
וַיָּ֤שַׂר אֶל־מַלְאָךְ֙ וַיֻּכָ֔ל בָּכָ֖ה וַיִּתְחַנֶּן־ל֑וֹ בֵּֽית־אֵל֙ יִמְצָאֶ֔נּוּ וְשָׁ֖ם יְדַבֵּ֥ר עִמָּֽנוּ׃
ZunzUnd er kämpfte mit dem Engel und übermannte, (dieser) weinte und flehete vor ihm: Zu Bet El würde er ihn finden; und dort wird er mit uns reden.
J. J. HirschEinem Engel gegenüber wurde er der Maßgebende und überwand, der weinte und erflehte sich von ihm Gnade, in Bethel wollte er ihn finden und dort wollte er mit uns sprechen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 5. Es wird zum Maßgebenden (וַיָּשַׂר von שׂוּר) entweder: dem Engel gegenüber, oder: zum Engel, es erreicht seine Bestimmung, als Gottgesandter, als Gottesbote seinen Brüdern voranzugehn, wie es von der Bestimmung des Priesters inmitten Israels, Maleachi 2, 7 heißt: מַלְאַךְ ה' צְבָאוֹת הוּא.

Über die Vater Jakob in dem nächtlichen Kampfe mit Esau’s Genius gewordene, die weltgeschichtliche Zukunft seiner Kinder enthüllende Offenbarung, auf die hier zurückgeschaut wird, vergl. den Commentar zu Gen. 32, 25 ff. Als der Tag anbrach, da zeigte es sich, daß nicht der Jakob bekämpfende Genius Esaus, sondern daß Jakob וַיּוּכַל, es „vermocht hatte“, nämlich sich zu behaupten. Nicht Esau, sondern Jakob war der Sieger. Was Jakob in diesem nächtlichen Ereignisse erlebte und was der Engel ihm gegenüber aussprach und ihm verkündete, in בֵּית אֵל wollte er ihn wieder finden und dort nicht עִמּוֹ, mit ihm, sondern עִמָּנוּ, mit uns sprechen: nicht für ihn, sondern für uns ward Jakob dies Erlebnis, und nicht für sich, sondern für uns empfing er Namen und Bestimmung: „Israel“ zu sein.

6
וַיהֹוָ֖ה אֱלֹהֵ֣י הַצְּבָא֑וֹת יְהֹוָ֖ה זִכְרֽוֹ׃
ZunzUnd der Ewige ist der Gott der Heerschaaren, Ewiger ist sein Angedenken.
J. J. HirschUnd Gott, der Gott der Schöpfungsscharen, „Gott“ ist sein Gedächtnis.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 6. וַה' וגו'. Und Gott, der in seiner Liebe Schöpfer jedes gegenwärtigen und jedes zukünftigen Augenblicks ist, der alle Kämpfe lenkt und durch alle scheinbaren Gegensätze der sich einander bekämpfenden Wesenscharen seinen Willen verwirklicht, dessen Werkzeug somit alle Schöpfungsscharen sind: als ה' will er von den Menschen gedacht und erkannt werden.

7
וְאַתָּ֖ה בֵּאלֹהֶ֣יךָ תָשׁ֑וּב חֶ֤סֶד וּמִשְׁפָּט֙ שְׁמֹ֔ר וְקַוֵּ֥ה אֶל־אֱלֹהֶ֖יךָ תָּמִֽיד׃
ZunzUnd du, kehre um zu deinem Gott, der Liebe und des Rechtes wahre, und hoffe auf deinen Gott beständig.
J. J. HirschDu darum, durch deinen Gott kehre zurück, Liebe und Gerechtigkeit hüte und hoffe stets auf deinen Gott.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 7. Noch jetzt ist er bereit, sich auch von dem verirrten Volke als gnadenreichen Gott finden zu lassen. Das „du“ durch Wiederholung hervorgehoben. Deshalb durch „deinen“ Gott kehre zurück, dadurch, daß du dich ihm als dem Gesetzgeber deines Lebens wieder hingiebst, gewinnst du die Kraft zur Rückkehr. Nicht durch Bündnis mit Aschur und Mizrajim, nur durch deinen Gott kannst du zum Heile kommen, nur dadurch, daß du חֶסֶד וּמִשְׁפָּט hütest. חֶסֶד: thätige Hingebung an die Förderung des Nächstenwohles unter Verzichtleistung auf das eigene Recht, und מִשְׁפָּט: Anerkennung und Achtung des Rechtes anderer.

8
כְּנַ֗עַן בְּיָד֛וֹ מֹאזְנֵ֥י מִרְמָ֖ה לַעֲשֹׁ֥ק אָהֵֽב׃
Zunz(Wie) Kenaan, in seiner Hand die Wagschaale des Betruges, liebte Uebervortheilung
J. J. HirschKenaan, in seiner Hand sind Wagschalen des Truges, es liebt zu berücken.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 8. In Kenaans, deiner sittlich verkommenen Vorgänger, Händen lasse die Wagschalen des Truges, sie hatten jedes Unterscheidungsvermögen zwischen Recht und Unrecht verloren, sie „liebten“ den Betrug. Für dich, Israel, aber sollen die äußeren Güter überhaupt gar nicht die ausschlaggebende Bedeutung haben, deine Größe und dein Glück ruhen auf ganz anderer Grundlage, und Heilighaltung des Rechtes ist die allererste Vorbedingung.

9
וַיֹּ֣אמֶר אֶפְרַ֔יִם אַ֣ךְ עָשַׁ֔רְתִּי מָצָ֥אתִי א֖וֹן לִ֑י כׇּל־יְגִיעַ֕י לֹ֥א יִמְצְאוּ־לִ֖י עָוֺ֥ן אֲשֶׁר־חֵֽטְא׃
ZunzUnd sprach Efrajim: Ich bin ja reich, habe mir Vermögen erworben; bei all meinem Erwerb findet man keine Schuld, die Sünde ist.
J. J. HirschDa spricht aber Ephrajim: „Ich bin dennoch reich geworden, habe selbständige Kraft mir erreicht! Bei allen meinen Unternehmungen wird man mir keine Sünde auffinden können, die ein Leichtsinn wäre.“
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 9. Diese Rede enthüllt die Gesinnung Ephraims in ihrer traurigen Frivolität. In der Kurzsichtigkeit seiner Verblendung sieht es nur den augenblicklichen Erfolg. „Ich bin aber doch reich geworden!“ Dem וּבְאוֹנוֹ שָׂרָה אֶת אֱלֹהִים des V. 4 steht hier das מָצָאתִי אוֹן לִי gegenüber. Für die hohe sittliche Kraft, die Israel zum Menschheitsgenius weihend erheben sollte, hatte es kein Verständnis und deshalb nur schnöden Spott. Es wähnt, durch seine von keinerlei Rücksicht auf das Gottesgesetz beengte, nur von berechnender Klugheit geleitete scrupellose Praxis sich eine andere Selbständigkeit errungen zu haben, und spricht: Mit den Geboten strengster Gewissenhaftigkeit stand meine Handlungsweise freilich nicht immer im Einklang, bei meinen „mühsamen, weitschichtigen Unternehmungen“, יְגִיעַי, wird man mir wohl manche „Krümme“, עָוֹן, aber nie eine Übereilung, nie ein Unrecht nachweisen können, das ein חֵטְא, das nicht klug berechnet gewesen wäre.

10
וְאָנֹכִ֛י יְהֹוָ֥ה אֱלֹהֶ֖יךָ מֵאֶ֣רֶץ מִצְרָ֑יִם עֹ֛ד אוֹשִֽׁיבְךָ֥ בׇאֳהָלִ֖ים כִּימֵ֥י מוֹעֵֽד׃
ZunzUnd ich der Ewige, dein Gott vom Lande Mizrajim her, werde dich wieder wohnen lassen in Hütten wie zur Zeit der Verkündigung.
J. J. HirschUnd ich bin doch Gott, dein Gott vom Lande Mizrajim her! Ich werde dich noch wieder in Zelten wohnen lassen wie in den Tagen des Festes.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 10. Dieser Gesinnungslosigkeit, der Reichtum und Macht als selbstverständliches Äquivalent für sittliche Tüchtigkeit gelten, tritt Gottes zürnendes Wort entgegen: Ich bin doch dein alter Gott von Mizrajim her! Als ich dich fand, warst du Sklave, ohne meine Rettung wärest du nie befreit worden. Deine Freiheit und dein Land, die von dir vergötterten Güter verdankst du nur mir, dem von dir Verschmähten und Gehöhnten! Glaube nicht, daß ich dich frei gebe, wenn du dich auch von mir lossagst. Das dir nur bedingungsweise verliehene Land und seine Güter nehme ich dir wieder, weise dich hinaus, lasse dich wieder boden- und besitzlos in der Wüste, „in Zelten“ wohnen, in jenem Zustande, den das Hüttenfest alljährlich vergegenwärtigt. Das hier angeredete Ephraim war sicher über den „Väterbrauch“, die „Ceremonie“ der Suckahpflicht längst hinaus. Allein die Erinnerung daran, daß dies bei den „Frommen“ in Juda so üblich sei, war wohl nicht geschwunden. Es klingt dann wie leise Ironie aus diesen Worten: was ihr längst nicht mehr symbolisch begehet, das wird in concretester Fühlbarkeit euer Los werden.

11
וְדִבַּ֙רְתִּי֙ עַל־הַנְּבִיאִ֔ים וְאָנֹכִ֖י חָז֣וֹן הִרְבֵּ֑יתִי וּבְיַ֥ד הַנְּבִיאִ֖ים אֲדַמֶּֽה׃
ZunzUnd ich rede zu den Propheten, und ich gewähre viele Gesichte, und durch die Propheten lass' ich in Gleichnissen reden. —
J. J. HirschUnd deshalb habe ich gesprochen über die Propheten und ich habe das prophetische Schauen gemehrt und durch die Propheten stelle ich die Zukunft im Bilde dar.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 11. Und eben weil die Zeit wieder kommt, wo du wieder in der Völkerwüste zu lernen haben wirst auf Gott zu vertrauen und in der Erfüllung des göttlichen Willens deines Lebens Inhalt und Glück zu finden, gerade deshalb habe ich Propheten geweckt und gesendet. — וְדִבַּרְתִּי עַל הַנְּבִיאִים: „über“ die Propheten. Es wird hier ausgesprochen, wie Gott in diesen Zeiten des geistigen Verfalls das Prophetentum weckte. Während die große Mehrzahl des Volkes immer tiefer sank, für das Gotteswort alles Verständnis eingebüßt hatte und nur durch die trüben Erfahrungen des Exils wieder zur Besinnung gebracht werden konnte, bewährten sich die herrlichen Männer, die ich später würdig fand mir Propheten zu sein, in erster Linie dadurch, daß sie mein Wort, das längst gesprochene, als über sie gesprochen, in Beziehung auf sie selbst aufnahmen und es sich zum Begriffe brachten. Indem sie dieses Wort zunächst zum Maßstab ihrer eigenen, individuellen Wirklichkeit und sodann ihrer zeitgenössischen Wirklichkeit machten, ging vor ihrem inneren Auge die Erkenntnis ihrer Zeit auf, und sie lernten sie vom Standpunkte des Gottesgesetzes aus mit Gottes Augen würdigen. Damit wurden sie denn würdig, Werkzeuge und Empfänger des directen an Israel gerichteten Gotteswortes zu werden und Israel seine Zukunft zu enthüllen. Dadurch, daß ich „über“ die Propheten gesprochen hatte, habe ich חָזוֹן, das geistige Schauen gemehrt.

12
אִם־גִּלְעָ֥ד אָ֙וֶן֙ אַךְ־שָׁ֣וְא הָי֔וּ בַּגִּלְגָּ֖ל שְׁוָרִ֣ים זִבֵּ֑חוּ גַּ֤ם מִזְבְּחוֹתָם֙ כְּגַלִּ֔ים עַ֖ל תַּלְמֵ֥י שָׂדָֽי׃
ZunzWenn (in) Gilead Nichtiges und falsche Götter waren, so opferten sie Stiere in Gilgal, und ihrer Altäre waren wie Düngerhaufen in des Feldes Furchen. —
J. J. HirschWenn Gilead Machtmißbrauch übte, so sind sie ja nur zu nichts geworden, und hatten doch in Gilgal Stiere geopfert! Auch ihre Altäre sind wie Steinhaufen auf den Furchen des Feldes.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 12. Und ich ließ das Volk auch schon selbst manches erleben, wodurch ihm seine Zukunftsgeschicke warnend enthüllt wurden. Der frühe Untergang der transjordanischen Stämme, gerade derjenigen, die zuerst die nach Landbesitz lüsternsten gewesen waren (vergleiche Num. 32, 1 ff), war ein dunkler Schatten, der den übrigen Stämmen des israelitischen Reiches das bei fortgesetztem Ungehorsam ihrer harrende Nachtgeschick drohend verkündete. — אָוֶן ist der Mißbrauch des און. Wenn Gilead sich in selbständiger Kraft glaubte Gott entziehen zu können, so hat sich’s ja gezeigt, daß sie zu nichts geworden sind. Möglich auch, daß sich die Worte: „in Gilgal haben sie Stiere geopfert“ auf den Josua Kap. 22 berichteten Bau des Altars in Gilgal beziehen, den die transjordanischen Stämme das. V. 27 als Zeugen ihrer nationalen Zugehörigkeit zu ihren westjordanischen Brüdern und zur gemeinsamen Nationalaufgabe der Verwirklichung des Gottesgesetzes bezeichnet und das. VV. 22 und 23 Gott zum Zeugen angerufen hatten, daß er nicht bestimmt sei, auf ihm zu opfern. Dann würden diese Worte den Bruch dieses Eides aussprechen, woran dann sich sofort der Hinweis anschließt, daß auch die Altäre bereits gebrochen und die Cultstätten ihrer Götter nur noch als Steinhaufen über den Furchen des Ackerfeldes sichtbar seien, ihren Brüdern eine ernste Mahnung an das auch ihnen bevorstehende Schicksal.

Haftarah Wajetze Sefardim enden hier.
Haftarah Wajischlach einige aschkenasische Gemeinden und Berlin (erloschen) enden hier.
Haftarah Wajetze Aschkenasim, Romanioten und Frankfurt a. M. beginnen hier.
Haftarah Wajischlach einige aschkenasische Gemeinden beginnen hier.
13
וַיִּבְרַ֥ח יַעֲקֹ֖ב שְׂדֵ֣ה אֲרָ֑ם וַיַּעֲבֹ֤ד יִשְׂרָאֵל֙ בְּאִשָּׁ֔ה וּבְאִשָּׁ֖ה שָׁמָֽר׃
ZunzUnd Jaakob entfloh in das Gefild Aram, und Jisraél diente um ein Weib, und um ein Weib hütete er.
J. J. HirschJakob floh nach Arams Gefilden, und Jisrael diente um ein Weib und um ein Weib hütete er.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 13 und 14. Als Flüchtling kam Jakob nach Aram und er, der „Israel“ d. i. durch Leben und Geschick „Verkünder der Gottesherrschaft“ werden sollte, mußte, um ein Haus zu gründen, Knechtesdienste thun und, um es zu erhalten, im Knechtesdienste verharren, „um sein Weib dienen und für sein Weib dienen“, und nur das unmittelbare Einschreiten Gottes schützte ihn auf seiner Rückkehr aus Aram (Gen. 31, 29). Flucht sein Auszug aus der Heimat, Flucht seine Rückkehr aus der Fremde. Und als für seine zum Volke herangereiften Kinder die Stunde der Befreiung gekommen, da traf sie diese Stunde als Sklaven. Und nicht durch einen König, nicht durch einen Feldherrn wurde Israel die Freiheit, sondern durch „einen Propheten hat Gott Israel erlöst und durch einen Propheten wurde es beschützt“. Nicht durch einen Mann der Macht, ja nicht einmal einen Mann der Rede, der etwa mit dem Feuerworte der Begeisterung sein Volk zum Kampfe zu entflammen gewußt und es dann, ein zweiter Abraham, zum Siege über die krieggeübten Unterdrücker geführt hätte. Vielmehr fehlte diesem Propheten mit der Macht der Rede auch gänzlich jenes Selbstvertrauen und jener Glaube an die eigene Befähigung, die für jeden Volksführer unerläßliche Vorbedingung des Erfolges sind. Dadurch gerade wurde er für seine Sendung der Geeignetste, denn nur so erschien er auch als das, was er war, nämlich als Werkzeug und Bote Gottes. So bilden äußere Abhängigkeit und Rettung und Erhaltung nur durch Gott die Signatur der Geschichte Jakobs und Israels, das seine irdische Wohlfahrt nur von Gott erhält. Auf diese Stellung Israels weist der Prophet das gottvergessene Volk fortwährend hin.

14
וּבְנָבִ֕יא הֶעֱלָ֧ה יְהֹוָ֛ה אֶת־יִשְׂרָאֵ֖ל מִמִּצְרָ֑יִם וּבְנָבִ֖יא נִשְׁמָֽר׃
ZunzUnd durch einen Propheten führte der Ewige Jisraél herauf aus Mizrajim, und durch einen Propheten ward es gehütet.
J. J. HirschUnd durch einen Propheten hat Gott Jisrael aus Mizrajim geführt und durch einen Propheten wurde es beschützt.
Haftarah Wajetze Jemeniten, Italiener, Chabad, Bagdad und Djerba enden hier.
15
הִכְעִ֥יס אֶפְרַ֖יִם תַּמְרוּרִ֑ים וְדָמָיו֙ עָלָ֣יו יִטּ֔וֹשׁ וְחֶ֨רְפָּת֔וֹ יָשִׁ֥יב ל֖וֹ אֲדֹנָֽיו׃
ZunzEfrajim reizte durch bittere Kränkungen; so wird sein Blut auf ihn schütten und seine Schmach ihm erstatten — sein Herr.
J. J. HirschErzürnte aber Ephrajim durch bitteren Ungehorsam, so wird sein Blut auf es kommen lassen und seine Schmähung ihm wieder zurückgeben, der sein Herr ist.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 15. Ephraim, der mächtigste der Stämme des israelitischen Reiches (vergl. unten Kap. 13, 1), war zugleich der im Abfall fortgeschrittenste. Sein Einfluß war ausschlaggebend. Gerade Ephraim nun hatte dieses Verhältnis Israels zu Gott gänzlich vergessen. Mit schnödem Hohne hatte es, wie der Prophet ihm (V. 9) vorhielt, auf alle Ermahnungen nur die übermütige und frivole Antwort: „Ich bin aber dennoch reich geworden, habe selbständige Kraft erlangt.“ Diesem in Selbstherrlichkeit schwelgenden Ephraim wird nun hier „sein Herr“ in Erinnerung gebracht. Es hat nur die Wahl, es ist Gottes oder — der Menschen Knecht. — יִטּוֹשׁ: Sein Herr kümmert sich nicht um den ungehorsamen Knecht, und positiv: יָשִׁיב: er giebt ihm die Schmähung zurück.