Hoschea 13 הושע

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1
כְּדַבֵּ֤ר אֶפְרַ֙יִם֙ רְתֵ֔ת נָשָׂ֥א ה֖וּא בְּיִשְׂרָאֵ֑ל וַיֶּאְשַׁ֥ם בַּבַּ֖עַל וַיָּמֹֽת׃
ZunzAls Efrajim Schrecken redete, ward es erhoben in Jisraél, aber es lud Schuld auf sich durch Baal und starb.
J. J. HirschSo lange Ephrajim zitternd sprach, war es Träger in Jisrael; da es aber Verödungsschuld auf sich lud durch den Baal, da starb es.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 13, V. 1. So lange Ephraim voll Ehrfurcht vor seinem Gotte stand, sein Denken und Sprechen von Gottesfurcht beherrscht war, war es zum starken Träger in seinem Volke berufen. Je mehr es im Dienste Gottes und je weniger es in dem der eignen Größe und des eignen Interesses stand, um so höher war seine Stellung. Da es zum Götzentume abfiel, bereitete es sich den Tod. — רְתֵת kommt sonst nicht wieder vor. Lautverwandt רֶטֶט, וְרֶטֶט הֶחֱזִיקָה, Jerem. 49, 24, und רָדַד, הָרֹדֵד עַמִּי תַחְתָּי, Ps. 144, 2. Es bezeichnet jedenfalls das Gefühl ehrerbietiger Scheu und tiefer Abhängigkeit. Möglich, daß der Ausdruck so stark gewählt ist, um das Licht zu bezeichnen, in welchem dem „aufgeklärten“ Ephraim seine frühere „Frömmigkeit“ erschien.

2
וְעַתָּ֣ה ׀ יוֹסִ֣פוּ לַחֲטֹ֗א וַיַּעֲשׂ֣וּ לָהֶם֩ מַסֵּכָ֨ה מִכַּסְפָּ֤ם כִּתְבוּנָם֙ עֲצַבִּ֔ים מַעֲשֵׂ֥ה חָרָשִׁ֖ים כֻּלֹּ֑ה לָהֶם֙ הֵ֣ם אֹמְרִ֔ים זֹבְחֵ֣י אָדָ֔ם עֲגָלִ֖ים יִשָּׁקֽוּן׃
ZunzUnd dennoch fahren sie fort zu sündigen und machen sich gegossene Bilder, aus ihrem Silber, kunstvoll, Götzen, alles ein Werk von Künstlern. Von selbigen sagen sie: die Menschen opfern, dürfen die Kälber küssen.
J. J. HirschUnd jetzt fahren sie gar noch fort zu sündigen und machten sich gegossene Bilder von ihrem Silber, nach ihrer Einsicht, Schmerz und Entsagung bringende Götter, alles Werk von klugen Meistern! Von ihnen kann man sagen: Menschen schlachten sie, Kälber küssen sie!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 2. Der Inhalt dieses Verses wird als eine Steigerung der Versündigung bezeichnet, wiewohl nach dem im vorigen Verse erwähnten Abfall zum Baal eine solche kaum möglich erscheint. Die Erschwerung scheint im Folgenden zu liegen. Die dem Baal Dienenden verließen offen den Boden des Judentums. Der Cult der blinden Naturkraft und der Dienst des lebendigen, freien, außerweltlichen Gottes sind sichtbare, einander ausschließende Gegensätze. Die einzelnen Abfallenden gingen verloren, das Judentum war dadurch nicht bedroht. Das Götzendienstliche blieb außerhalb des Judentums. Die Kälber aber, die Jerobeam machte, waren nicht bestimmt, das Volk zum bewußten Abfall vom Judentum zu bringen. Im Gegenteil, es war ein Hereintragen des Götzentums in das Judentum. Darin aber liegt die Erschwerung der Verschuldung. Denn durch dieses Hereintragen wurde das Bewußtsein vom Judentum verwischt, Judentum und Götzentum in den Augen des Volkes mit einander verquickt und schließlich identificiert, sodaß jedes Bewußtsein von Schuld getilgt wurde. — כִּתְבוּנָם, nicht כִּתְבוּנָתָם. Während das Wort ausnahmslos sonst stets weiblich vorkommt, wird es nur hier männlich gebraucht. Wohl in ironischem Sinne: mit ihrer „starken, selbständigen Einsicht“. —

זִבְחֵי אָדָם וגו׳. Das Gottesgesetz erzieht den Menschen zur freien Sittlichkeit und Lebensheiligung und bringt dadurch das Reinmenschliche, das eigentliche Adam-Wesen in ihm zur freien Entfaltung. Dieses reine Menschentum opferte Jerobeam hin, indem er das Volk gewöhnte, in der schrankenlosen Hingebung an die in dem Tiere verkörperten Triebe nicht ein Hinabsinken, dessen man sich zu schämen habe, sondern ein Hinausleben der natürlichen Anlagen zu erblicken, das nur Thoren verdammen könnten. Die gewissenlosen, von Jerobeam aus der Hefe des Volkes zu Priestern bestellten Pfaffen wußten dieser bequemen, der Sinnlichkeit schmeichelnden Lehre mit Leichtigkeit in die Herzen des um sein Heiligstes betrogenen Volkes Eingang zu verschaffen. Das von Jerobeam begonnene Werk der Verführung wurde unter seinen Nachfolgern fortgesetzt, und so war es denn nur natürlich, daß ihrer Religion der Sinnlichkeit gegenüber das Gottesgesetz mit seiner Forderung der Selbstbeherrschung als Störer des Glückes und Hemmnis im Lebensgenusse erschien. Vergl. unten V. 7. Angesichts dieser Entartung spricht der Prophet V. 3 es aus, daß alle ihre Reichtümer ihnen nichts nützen und alle die Erfolge, die sie so übermütig gemacht, nur von sehr kurzer Dauer sein würden.

3
לָכֵ֗ן יִֽהְיוּ֙ כַּעֲנַן־בֹּ֔קֶר וְכַטַּ֖ל מַשְׁכִּ֣ים הֹלֵ֑ךְ כְּמֹץ֙ יְסֹעֵ֣ר מִגֹּ֔רֶן וּכְעָשָׁ֖ן מֵאֲרֻבָּֽה׃
ZunzDarum seien sie gleich einer Morgenwolke, und wie der Frühthau vergeht; wie Spreu, die aus der Tenne verweht, und wie Rauch aus dem Gitter.
J. J. HirschDeshalb werden sie sein wie das Morgengewölk und wie der Tau, der sich früh aufmacht und dahinschwindet, wie Spreu, die herausstürmt aus der Tenne, ja wie Rauch, der aus der Luke zieht.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 3. כַּעֲנַן בֹּקֶר: wie das Morgengewölk, das dahinzieht ohne Regen zu geben. — וּכְעָשָׁן: ja, noch weniger als Spreu, wie Rauch, von dem nichts zurückbleibt. — Israels Erhaltung ist das Werk fortgesetzter besonderer Gotteswaltung. Entspricht es seiner Bestimmung nicht, so braucht Gott, um es zu strafen, nichts gegen es zu thun, er braucht ihm nur seine besondere Fürsorge zu entziehen, wie dies in der großen Geschickesankündigung Levitikus 29, 24 ausgesprochen ist, und, sich selbst überlassen, geht das von Gott abgefallene und deshalb von Gott preisgegebene Israel von selbst unter im Sturme der Zeiten. —

4
וְאָנֹכִ֛י יְהֹוָ֥ה אֱלֹהֶ֖יךָ מֵאֶ֣רֶץ מִצְרָ֑יִם וֵאלֹהִ֤ים זוּלָתִי֙ לֹ֣א תֵדָ֔ע וּמוֹשִׁ֥יעַ אַ֖יִן בִּלְתִּֽי׃
ZunzUnd ich bin der Ewige, dein Gott, vom Lande Mizrajim her, und einen Gott außer mir wirst du nicht kennen, und ein Retter ist nicht da, denn ich.
J. J. HirschUnd ich bin doch Gott, dein Gott vom Lande Mizrajim her, und einen Gott außer mir solltest du nicht kennen, und keinen Helfer giebt es außer mir.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 4. Noch in dem Augenblicke des über dich hereinbrechenden Sturmes hängt es nur von dir ab, daß ich dich rette. Ich bin noch jetzt ה׳, der Gnadenreiche, zur Spende neuen Seins stets Bereite. Was ich dir in Mizrajim war, das wollte ich dir fort und fort sein. Die Bedingung aber dafür ist: אֱלֹהִים זוּלָתִי לֹא תֵדָע. אֱלֹהִים: der gesetzgebende und richtend waltende Gott. יָדַע bezeichnet nicht sowohl das theoretische Wissen, den Begriff von etwas haben, sondern: seinen Geist stets auf etwas gerichtet, mit ihm Umgang haben, in innigster Beziehung zu ihm stehen. Also: daß du dich von keinem anderen Gotte, keinem Principe, keiner Rücksicht in deinem Thatenleben leiten lassest, als von mir, und מוֹשִׁיעַ: von nichts anderem Hülfe erwartest.

Haftarah Wajischlach einige aschkenasische Gemeinden enden hier.
5
אֲנִ֥י יְדַעְתִּ֖יךָ בַּמִּדְבָּ֑ר בְּאֶ֖רֶץ תַּלְאֻבֽוֹת׃
ZunzIch habe auf dich geachtet in der Wüste, in dem Lande der Gluthen.
J. J. HirschIch habe dich ja versorgt in der Wüste, in dem des Menschen spottenden Lande.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 5. יְדַעְתִּיךָ, wie oben: ich habe dich versorgt. — תַּלְאֻבוֹת von לאב, kommt nur hier vor. Verwandt mit לעב, 2 Chron. 36, 16: וַיִּהְיוּ מַלְעִבִים בְּמַלְאֲכֵי הָאֱלֹהִים spotten, verhöhnen. אֶרֶץ תַּלְאֻבוֹת bildet also den Gegensatz zu יְדַעְתִּיךָ und bezeichnet die Wüste als ein Land, das des Menschen spottet, von ihm nichts wissen will, seinen Sorgen nur Hohn entgegensetzt. Da hast du es erfahren, wie nur ich für dich sorgte und wie meine Fürsorge und mein Schutz das einzig ausreichende sind.

Haftarah Wajetze Karäer, Amsterdam (aschk.) und Algier enden hier.Amsterdam (aschk.): Umfang aus der -Tabelle erschlossen
Haftarah Wajetze Manche Sefardim enden erst hier.
6
כְּמַרְעִיתָם֙ וַיִּשְׂבָּ֔עוּ שָׂבְע֖וּ וַיָּ֣רׇם לִבָּ֑ם עַל־כֵּ֖ן שְׁכֵחֽוּנִי׃
ZunzWie sie weideten, da wurden sie satt; sie wurden satt und es erhob sich ihr Herz, darum vergaßen sie mein.
J. J. HirschSowie sie [jedoch] ihre eigne Weide hatten und satt wurden, kaum waren sie satt geworden, da ward hochmütig ihr Herz, darob hatten sie mich vergessen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 6. Auf diesem, „den Menschen höhnenden Boden“, wo du ohne meine unmittelbare Mannaspende dem Hungertode preisgegeben warst, konntest du mich nicht vergessen. Als du aber wieder in den Kreis des gewöhnlichen Lebens eintratest und, nicht mehr unmittelbar vom Gottesfittich getragen, auf dem dir von Gott verliehenen eigenen Boden saßest, da — war ich sofort vergessen.

7
וָאֱהִ֥י לָהֶ֖ם כְּמוֹ־שָׁ֑חַל כְּנָמֵ֖ר עַל־דֶּ֥רֶךְ אָשֽׁוּר׃
ZunzUnd so ward ich ihnen wie ein Löwe, wie ein Parder lauerte ich auf dem Wege.
J. J. HirschIch ward ihnen wie ein Schakal, wie ein Leopard auf beschrittenem Wege.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 7. Noch mehr. Nicht nur, daß sie undankbar daran vergaßen, daß sie alles, Freiheit, Erhaltung und Boden, nur mir verdankten, um mit allem Verliehenen in Freiheit und Wohlstand mein Gesetz zu verwirklichen, betrachteten sie, wenn sie an die Anforderungen meines Gesetzes erinnert wurden, mich geradezu als ihren Feind. Ihr ganzer Lebensweg, der doch eine ununterbrochene Kette von unmittelbaren Gottesfügungen war, erschien ihnen als דֶּרֶךְ אָשׁוּר, von אָשַׁר fortschreiten, אָשׁוּר: der gerade, ruhige, feste Schritt, דֶּרֶךְ אָשׁוּר: ein gangbarer Weg, ein Weg der ganz ruhig beschritten wird. „Und ich war mit den Forderungen meines Gesetzes der einzige Störer ihres vermeintlich sonst ganz gesicherten Glückes!“ Ihre „Religion“ war ihr „Unglück“. Auf dem Wege, auf dem sie, nach ihrer Meinung, ebenso wie die Völker hätten wandeln können, trat ihnen der Gedanke an Gott als ein Hemmnis, eine Störung entgegen.

8
אֶפְגְּשֵׁם֙ כְּדֹ֣ב שַׁכּ֔וּל וְאֶקְרַ֖ע סְג֣וֹר לִבָּ֑ם וְאֹכְלֵ֥ם שָׁם֙ כְּלָבִ֔יא חַיַּ֥ת הַשָּׂדֶ֖ה תְּבַקְּעֵֽם׃
ZunzIch will sie anfallen wie ein Bär, der Jungen beraubt, und will zerreißen das Schloß ihres Herzens, und will sie fressen daselbst, wie eine Löwin, das Gewild des Feldes soll sie zerreißen.
J. J. HirschIch treffe sie wie ein „kindermordender Bär“ und will doch nur sprengen die Sperre ihres Herzens, ich soll sie dort wie ein entflammter Leu verzehren, das Getier des Feldes wird sie zerreißen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 8. Sie betrachteten mich als den „Mörder ihrer Zukunft“, שַׁכּוּל active Form, da die von mir gesandten Verhängnisse doch nur die unempfindliche Fettschicht, die sich um ihr Herz, ihr besseres Selbst gelegt hatte, zerreißen und dem Strahle meiner Wahrheit Zugang verschaffen sollten zu ihrem Herzen. Und wenn ich ihnen als der entflammte, sie mit Vernichtung bedrohende Leu erschien, so brauchte ich doch in Wirklichkeit nichts gegen sie zu thun, ich hatte nur meine schützende Hand ihnen zu entziehen, das „Getier des Feldes“ war stets bereit, sie zu zerreißen. (Vergleiche Num. 21, 6: וַיְשַׁלַּח ה׳ בָּם וגו׳ Gott ließ gegen sie los, nicht: schickte gegen sie, die Schlangen u. s. w.) שָׁם, „dort“: da, wo sie nach ihrer Meinung מַרְעִיתָם, ihre „selbständige Weide“ gehabt hätten. — Dem Bilde der weidenden Herde entspricht die Darstellung der Verhängnisse unter dem Bilde der die Herde anfallenden Raubtiere.

9
שִׁחֶתְךָ֥ יִשְׂרָאֵ֖ל כִּי־בִ֥י בְעֶזְרֶֽךָ׃
ZunzEs ist dein Verderben, Jisraël, daß (du) von mir, von deinem Beistande, (abgefallen bist).
J. J. HirschEs hat dir Verderben gebracht, Israel, daß du wider mich, wider deinen Beistand gewesen bist.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 9. Du solltest לִי sein, dich mir hingeben, und bist בִּי, gegen mich gewesen, hast deinen Retter und Erhalter für deinen Todfeind gehalten, das hat dich zu Grunde gerichtet.

10
אֱהִ֤י מַלְכְּךָ֙ אֵפ֔וֹא וְיוֹשִׁיעֲךָ֖ בְּכׇל־עָרֶ֑יךָ וְשֹׁ֣פְטֶ֔יךָ אֲשֶׁ֣ר אָמַ֔רְתָּ תְּנָה־לִּ֖י מֶ֥לֶךְ וְשָׂרִֽים׃
ZunzWo ist nun dein König, daß er dir helfe in all deinen Städten? Und deine Richter, da du gesagt hast: Gieb mir König und Fürsten?
J. J. HirschWäre ich nur irgendwie dein König, der würde dir helfen trotz aller deiner Städte, er wäre dein Rechtsvertreter, während du sprachest: Gieb mir einen König und Fürsten!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 10. אֵפוֹא: durch diese Partikel wird hier die Entschiedenheit der Aussage gemildert. Ohne sie würde es heißen: Wäre ich dein König, d. h. würdest du mir vollständig den mir schuldigen Gehorsam leisten. Durch אֵפוֹא wird der Ausspruch dahin modificiert: wenn du nur nicht ganz mit mir gebrochen hättest, so brauchte ich noch nicht das Äußerste eintreten zu lassen. — Wäre ich dein König, so wäre ich auch dein שׁוֹפֵט: der Vertreter deines Rechtes nach außen. Vergl. שִׁפְטוּ יָתוֹם Jes. 1, 17, ebenso die שׁוֹפְטִים.

אֲשֶׁר אָמַרְתָּ וגו׳. Es wird hier auf den verhängnisvollen Moment hingeblickt, in welchem Israel von Samuel die Einsetzung eines Königs forderte. Gewiß war das Königtum auch in Israel von dem göttlichen Gesetze vorgesehn, und formell ist die Aufgabe des jüdischen Königs dieselbe, wie die der Könige in den nichtjüdischen Staaten: Sammlung der Nationalkraft zur Mehrung der Wohlfahrt im Innern und zur Stärkung der Wehrkraft nach außen. Allein materiell ist seine Stellung und Bestimmung eine grundverschiedene. Denn Israels Nationalschatz und Israels Wehrkraft ist seine Thora. Deren Verwirklichung zu mehren, über Ausbreitung und Vertiefung ihrer Herrschaft im Leben der Nation zu wachen, das ist die Aufgabe des jüdischen Königs, dadurch arbeitet er an der Mehrung der inneren Wohlfahrt, dadurch sorgt er für die Sicherheit nach außen. Denn dadurch macht er sein Volk des göttlichen Schutzes teilhaftig. Deshalb soll er das Ideal der Bestimmung seines Volkes sich stets gegenwärtig halten. Deshalb wird seine Einsetzung auch erst nach erfolgter Besitznahme des Landes und Sicherung seiner Grenzen vom Gottesgesetze ins Auge gefaßt. In der Verkennung dieses Verhältnisses lag die Versündigung des Volkes, das (1 Sam. 8, 5) einen König forderte, sein Recht nach außen zu vertreten „wie bei allen Völkern“. (Vergleiche den Commentar zu Deut. 17, 14.) Nun heißt es hier: hättest du nur nicht deine ganze Zuversicht in deine Könige gesetzt, wäre ich nur noch „etwas“ dein König, der (ich = dieser König) würde dir helfen in allen deinen Städten, oder: trotz aller deiner Städte, in die du deine Zuversicht gesetzt hast, dir, der du gesprochen hast: nicht Gott nach außen, noch שׁוֹפְטִים, Vertreter seines Gesetzes nach innen, können mir helfen, sondern: „Gieb mir einen König und Fürsten“!

11
אֶֽתֶּן־לְךָ֥ מֶ֙לֶךְ֙ בְּאַפִּ֔י וְאֶקַּ֖ח בְּעֶבְרָתִֽי׃ {פ}
ZunzGab ich dir einen König in meinem Zorn, werd' ich ihn nehmen in meinem Grimm.
J. J. HirschIn meinem Zorne gab ich dir den König; in meinem hinaustretenden Unwillen nehme ich ihn hinweg.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 11. Schon damals gab ich euch den König im Unwillen über eure Verblendung. Die große Mehrzahl der Könige hat sich nicht als jüdische Könige bewährt das israelitische Königtum zumal hat gerade an der Befestigung und Vertiefung des Abfalls aus politisch-dynastischen Rücksichten als einem Mittel der eigenen Erhaltung unablässig gearbeitet. עֶבְרָה von עָבַר: der in Wort und That sich äußernde, in die Sichtbarkeit hinaustretende Zorn. Das Maß ist voll, der lang gehegte göttliche Unwille äußert sich in That, und mit dem Staate geht auch der Königsthron in Trümmer.

12
צָרוּר֙ עֲוֺ֣ן אֶפְרָ֔יִם צְפוּנָ֖ה חַטָּאתֽוֹ׃
ZunzEingebunden ist die Missethat Efrajim's, aufbewahrt seine Sünde.
J. J. HirschBewahrt wird die Sünde Ephrajims, verborgen ist sein Leichtsinn.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 12. Allen diesen eindringlichen Ermahnungen und Warnungen bot Ephraim nur ein taubes Ohr. Weit davon entfernt, seinen Abfall als verhängnisvolle Ursache seines Untergangs zu erkennen, hegte es ihn vielmehr als teuren Schatz. Die Worte: צְפוּנָה חַטָּאתוֹ nehmen auf jene frivole Äußerung Ephraims Bezug, die oben Kap. 12, 9 dahin lautete: „Bei allen meinen Unternehmungen wird man mir wohl Sünden nachweisen können, aber keine Sünde, die ein Leichtsinn, die nicht zielbewußte, geschickte Berechnung, die ein Fehler wäre, עָוֹן אֲשֶׁר חֵטְא“. Demgegenüber heißt es hier: Ephraim hat sich dennoch verrechnet, dieses עָוֹן, wörtlich: diese Krümme, dieses Abweichen vom geraden, von Gott vorgezeichneten Wege wird sich dennoch als חַטָּאת, als Leichtsinn, erweisen, wenngleich es für den Augenblick noch verborgen ist, daß seine Schuld zugleich der allerverhängnisvollste Fehler ist. Denn:

13
חֶבְלֵ֥י יוֹלֵדָ֖ה יָבֹ֣אוּ ל֑וֹ הוּא־בֵן֙ לֹ֣א חָכָ֔ם כִּי־עֵ֥ת לֹֽא־יַעֲמֹ֖ד בְּמִשְׁבַּ֥ר בָּנִֽים׃
ZunzWehen der Gebärerin sollen ihn ankommen; er ist ein unweises Kind, denn zur Zeit wird er nicht Stand halten, wenn die Geburt durchbricht.
J. J. HirschLeiden wie einer Gebärerin werden ihm kommen, er ist kein kluger Sohn, denn keinen Augenblick vermag er sich zu halten, wenn die Geburt durchbricht.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 13. חֶבְלֵי חֶבְלֵי יוֹלֵדָה יָבֹאוּ לוֹ: Krämpfe, Wehen, bei denen die Muskeln in gewaltsame, unwillkürliche Bewegung versetzt werden, חֶבְלֵי יוֹלֵדָה: Leiden, gegen die man nichts thun kann, sie sind im voraus berechnet und kommen unabwendbar über Ephraim.

הוּא בֵן לֹא חָכָם. Der Zustand des Kindes vor der Geburt wird von den Weisen als ein Zustand paradiesischer Seligkeit betrachtet. Das Ungeborene hält ihn für ewig; kommen jedoch die Wehen, so muß es heraus ins rauhe Leben. Ebenso glaubt Ephraim, der gegenwärtige Zustand, in dem es so behaglich die Früchte seiner Sünden genießen könne (— vergl. die oben angeführte Stelle, deren Eingang lautet: „ich bin aber dennoch reich geworden und habe Selbständigkeit erlangt!“ —), werde ewig dauern, und es sieht nicht, daß חֶבְלֵי יוֹלֵדָה kommen, so unabweisbar, so im vorhinein berechnet nach der göttlichen Weltordnung infolge seiner Schuld, wie die natürlichen Wehen, wenn die Frucht ihre Reife erlangt hat. Kommen aber diese Stunden der Wehen, so zeigt sich, daß es sich verrechnet hat, keinen Augenblick vermag es sich zu halten in dem bisherigen Zustande des Glückes, es muß hinaus, willenlos.

14
מִיַּ֤ד שְׁאוֹל֙ אֶפְדֵּ֔ם מִמָּ֖וֶת אֶגְאָלֵ֑ם אֱהִ֨י דְבָרֶ֜יךָ מָ֗וֶת אֱהִ֤י קׇֽטׇבְךָ֙ שְׁא֔וֹל נֹ֖חַם יִסָּתֵ֥ר מֵעֵינָֽי׃
ZunzAus der Gewalt der Hölle wollt' ich sie loskaufen, vom Tode sie erlösen — wo sind deine Seuchen, Tod! wo deine Pest, Hölle! Mitleid sei verborgen vor meinen Augen.
J. J. HirschAus der Gewalt des Grabes möchte ich sie befreien, vom Tode möchte ich sie erretten: jedoch nach deinen Worten soll ich selbst der Tod sein, soll ich es sein der dich tötet, das Grab — deshalb ist jede Änderung meines Entschlusses meinen Augen verborgen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 14. Selbst dann noch, wenn du durch die Folgen deiner Sünde bereits dem „alles verlangenden Grabe“ (שְׁאוֹל von שָׁאַל) verfallen bist, wäre ich bereit dich zu befreien, wörtlich: loszukaufen — in deiner wahnwitzigen Verblendung jedoch beharrest du dabei, gerade mich für den Tod zu halten, mein Gesetz für das Grab des Lebens und die Empörung gegen mein Gesetz für die Pforte zum Leben; da ist es denn unmöglich, die schweren Verhängnisse abzuwenden, durch deren Wucht allein du zur Besinnung gebracht werden kannst. קָטָבְךָ, קֶטֶב: Tod, verwandt mit קָטַף, abknicken, abbrechen. Ungewöhnliche Form, zusammengesetzt aus der Verbalform im Praet. und der Substantivform von קֶטֶב, das Quell des Sterbens bedeuten würde. Damit wäre in anschaulicher Weise die Meinung der Verirrten gezeichnet, die in den Anforderungen des Gottesgesetzes die Unterbindung aller Adern des frisch pulsierenden Lebens erblicken.

15
כִּ֣י ה֔וּא בֵּ֥ין אַחִ֖ים יַפְרִ֑יא יָב֣וֹא קָדִים֩ ר֨וּחַ יְהֹוָ֜ה מִמִּדְבָּ֣ר עֹלֶ֗ה וְיֵב֤וֹשׁ מְקוֹרוֹ֙ וְיֶחֱרַ֣ב מַעְיָנ֔וֹ ה֣וּא יִשְׁסֶ֔ה אוֹצַ֖ר כׇּל־כְּלִ֥י חֶמְדָּֽה׃
ZunzDenn er, zwischen den Wiesen fruchtbar — kommt ein Ostwind, ein Sturm des Ewigen, von der Wüste steigt er herauf, und es versiegt sein Brunnen und vertrocknet sein Quell, er wird wegraffen den Schatz aller köstlichen Geräthe.
J. J. HirschDenn es will unter „Brüdern“ unbeschränkt sich entfalten —: es kommt aber der Oststurm, der Wind von Gott gesandt, von der Wüste steigt er auf, trocken ist sein Ursprung, glühend heiß sein Urquell, er zerstört die Schätze aller Mittel der Lust.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 15. יַפְרִיא von פרא, frei, wild, zügellos sein. פֶּרֶא: das ungebändigte, freie Waldtier. Als Verbum kommt sonst nur פָּרָה vor, und würde es dann heißen: es will Frucht tragen. אַחִים bedeutet auch Pflanzen, die immer in Gesellschaft vorkommen, daher אָחו die Wiese. Hier sind beide Bedeutungen zutreffend und in unübertrefflicher Wahl des Ausdrucks auch wohl beide gemeint. Ephraim ist der Isolierung müde und ist der Bande des Gottesgesetzes müde, die es vor Entartung schützen sollen. Es will, der „Fesseln“ ledig, unter „Brüdern“ zügellos frei sich entfalten und die Früchte dieser Freiheit genießen. Nun, so soll es dieses auch. Gott braucht dazu bloß seine schützende Hand von ihm abzuziehen: siehe da kommt schon der alles ausdörrende Oststurm, der Bote Gottes — die heranstürmenden „Brüdervölker“ bereiten seiner Herrlichkeit ein jähes, klägliches Ende. קָדִים: der in Palästina gefürchtete, wegen seiner Trockenheit der Pflanzenwelt besonders schädliche Wind. Diese Eigenschaft wird hier besonders hervorgehoben zur Bezeichnung der Raubgier und des Beutedurstes der hereinbrechenden Feinde, der Assyrer, die das unglückliche Land bis auf den letzten Blutstropfen aussaugen. — Die Suffixe von מְקוֹרוֹ und מַעְיָנוֹ können sich wie das nachfolgende הוּא nur auf קָדִים beziehen.

Dieses Verlangen, sich „unter Brüdern“ frei und fruchttragend zu entfalten, erhält übrigens in Ephraims Munde noch einen besonderen Beigeschmack. Es tritt uns darin die ebenso alte wie unwahre, zur Beschönigung des Abfalls das Judentum verdächtigende Behauptung entgegen, daß man den Boden des isolierenden Gesetzes verlassen müsse, um sich zu weltbürgerlicher, menschenbrüderlicher Gesinnung zu erheben. Das gerade Gegenteil ist die Wahrheit. Gerade das auf dem Sinai offenbarte Gotteswort lehrt die Gotteskindschaft ausnahmlos aller Menschen, lehrt sie alle im Ebenbilde Gottes erschaffen, alle zum höchsten Menschenziele berufen und befähigt, und lehrt die Ausübung der Pflichten der Gerechtigkeit und Menschlichkeit gegen ausnahmlos alle als heilige Pflicht. So hat denn auch in geschichtlicher Thatsächlichkeit gerade das Judentum seine Kinder zu den hülfsbereitesten Menschen erzogen, die trotz aller erlittenen Unbill nie nach Abstammung und Glauben fragten, wo ihnen hülfeheischende Not entgegentrat. Mag sein Gesetz, das ihn zum Menschheitspriester weiht, dem Juden auch nicht gestatten, an dem Mahle seiner nichtjüdischen Brüder teilzunehmen: sein Brod hat er mit dem darbenden nichtjüdischen Bruder willig stets geteilt. Mag sein Gesetz ihm auch nicht gestatten, ein jüdisches Haus durch Ehelichung einer Nichtjüdin zu gründen: wo es galt und gilt, dem Elend und der Not in den Hütten und Häusern seiner nichtjüdischen Brüder nach Kräften zu steuern, da stand und steht der Sproß des Abrahamshauses als der Erbe des jüdischen Herzens, dieser herrlichen Errungenschaft der Geschlechterreihen der Vergangenheit, allen Anderen stets voran. — —