Hoschea 14 הושע
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 14, V. 1. Gerade die Residenz, der Sitz der israelitischen Fürsten, Staatsmänner und Pfaffen, wo alle Fäden jener Politik zusammenliefen, die im Innern auf die Entsittlichung des Volkes speculierte und nach außen Aschurs Bundesgenossenschaft erkaufen zu können glaubte, gerade sie wurde zuerst vom Verhängnis ereilt. Beim Suffix in הָרִיּוֹתָיו ist an ihr Volk gedacht.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. Trotz aller im Vorigen geschilderten Entartung und trotz der durch sie heraufbeschworenen schweren Verhängnisse, spricht der Prophet das Wort der Rückkehr, wie kein Anderer es in solcher Innigkeit gesprochen. Denn nicht den Weg zum Tode bedeutet ihm das Leidensgeschick, sondern den Weg zum Leben. Geburtswehen wurden sie oben nicht umsonst genannt. Zu neuem Leben soll das gesunkene Israel durch sie erstehen. Die „Sperre deines Herzens“ wollen sie sprengen, dem Worte deines Gottes den Zugang zu deinem eigentlichen besseren Selbst eröffnen. Dann tönt durch allen Donner der Geschicke, die dich umbranden, deines Gottes und Vaters Ruf und trifft dein Ohr und trifft dein nicht mehr in Genußsucht und Besitzvergötterung erstartes Herz: שׁוּבָה יִשְׂרָאֵל! Kehre zurück! Und zwar עַד, nicht אֶל, bis zu deinem Gotte, bleibe nicht auf halbem Wege stehn! Wer wie du ganz mit seinem Gotte gebrochen hatte, muß, um zurückzukehren, den Mut haben, mit seiner ganzen Vergangenheit zu brechen, und darf nicht ruhen, bis er zu der Stufe sich emporgerungen hat, wo sein Gott seiner harret.
עַד יְהוָה אֱלֹהֶיךָ: אֱלֹהֶיךָ, dein Gott, der dir wie jedem Geschöpfe das Gesetz deines Lebens gegeben und der sein Gesetz als Richter vertritt, ist ה' מִדַּת הָרַחֲמִים, der jeden Augenblick zur Spende neuen Seins bereite, barmherzige Gott. Es bedarf seines allmächtigen Eingreifens in den Gang der von ihm gefügten Weltordnung, um dem reuig zu ihm zurückkehrenden Menschenkinde Schutz vor den Folgen der Sünde in seinem äußeren wie in seinem inneren Leben zu gewähren. Jenes ist כַּפָּרָה, dieses: טָהֳרָה.
כִּי כָשַׁלְתָּ בַּעֲוֹנֶךָ, denn du hast es jetzt wohl erkannt: nicht, wie du geglaubt, gestiegen, sondern zu Falle gekommen bist du durch deine Sünde; dein עָוֹן hat sich doch als חֵטְא erwiesen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. קְחוּ עִמָּכֶם דְּבָרִים: Und wäret ihr selbst so unsäglich elend geworden, daß ihr den letzten Rest sittlicher Kraft entschwunden glaubtet und euch nicht mehr aufzuraffen vermöchtet, um in reiner That die Aufrichtigkeit eurer Reue zu bewähren, nur noch den Wunsch der Besserung vermöchtet ihr zu hegen und in וִדּוּי, im aufrichtigen Geständnis den Schmerz über euer verfehltes Leben und die Bitte um Kraft ein neues Leben zu beginnen, vor eurem Vater in Worten auszusprechen: auch das reicht noch hin, diese Worte nehmet mit und lenket ein in den Weg zu Gott. Hier heißt es nicht: עַד, sondern אֵל ה', denn es ist ja der Anfang der Rückkehr. Und sprechet:
כָּל תִּשָּׂא עָוֹן: Wenn wir gerettet werden sollen, mußt du ganz die Sünde hinwegnehmen, ihre äußeren und ihre inneren Folgen aus unserem Lebenswege heben, wir können nichts als beten und für die Zukunft Besserung geloben, וְקַח טוֹב: und nimm dies, unsere Rückkehr selbst und den Entschluß zur Besserung, als das Gute an. Wir aber
וּנְשַׁלְּמָה פָרִים שְׂפָתֵינוּ: wollen voll verwirklichen, voll zur Wahrheit machen unsere Opfer, unsere Gelübde. Richtiger aber wohl und im Hinblick auf כְפָרָה סורֵרָה וגו' oben 4, 16: wir wollen nicht mehr störrig und widerwillig sein, wir wollen vielmehr fortan durch ein deinem Willen entsprechendes Leben als פָּרִים, als die starken, nur in deinem Dienste stehenden Arbeiter, als „Arbeiter für die Gottessaat“ — denn das bedeutet פַּר in der Sprache der Opfer — unsere Gelübde wahr machen. — Daß es jedoch nicht heißen kann: wir wollen dann, oder: wir möchten dann unsere Lippen, d. h. unsere Gebete und im Worte ausgesprochenen Gelübde, durch Opfer ersetzen, oder: wir möchten jetzt die Opfer, deren Darbringung uns gegenwärtig unmöglich ist, durch unsere Lippen ersetzen — das dürfte klar sein. Die Opfer sind in der ganzen Tiefe ihrer Heiligkeit ja doch nur ein uns von Gott gereichtes Rüstzeug zum gelobenden und mahnenden Ausspruch der Erfüllung des göttlichen Willens. Mit nichten aber sind sie diese Erfüllung selbst. Ein solcher Ausspruch aber in solchem Augenblicke auf den Lippen des nach tausendjähriger Entfremdung zu seinem Vater heimkehrenden Israel würde in bedenklicher Weise zu jener Verkennung der Bedeutung der Opfer hinneigen, die in den Worten der Propheten (vergl. oben 6, 6, Jes. 1, 11 ff und 66, 3) in so vernichtender Schärfe verurteilt ist.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. אַשּׁוּר לֹא יוֹשִׁיעֵנוּ וגו': Wir sind geheilt von jener Verirrung, die uns früher in dem Bündnis mit den Völkern einen Ersatz für den uns fehlenden Gottesschutz suchen ließ; עַל סוּס לֹא נִרְכָּב: geheilt auch von der Vergötterung unserer eigenen Macht, das Roß unserer vermeintlichen eigenen Hoheit wollen wir nicht wieder besteigen; אֲשֶׁר בְּךָ, in diesem אֲשֶׁר liegt der Hinweis auf etwas klar und offen Vorliegendes: wir haben es ja tief erkannt, daß nur bei dir Vatererbarmen findet (יְרֻחַם) das auf Erden Verwaiste.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5 und 6. Wenn Israel so heimkehrt, dann spricht Gott: Nicht nur verzeihen, heilen will ich מְשׁוּבָתָם. Während תְּשׁוּבָה die Rückkehr zum Besseren bedeutet, bezeichnet מְשׁוּבָה ein Zurücksinken in das Schlechtere, einen Rückfall. Israels ganze Vergangenheit wird als eine große מְשׁוּבָה, als ein Zustand andauernden Zurücksinkens angeschaut. נְדָבָה, menschlich gesprochen: aus eigenem Antrieb, dem Zuge meines Herzens folgend, auch wenn Israel sich noch keinen Anspruch auf meine Liebe erworben. —
אֶהְיֶה כַטַּל, dann wird meine Gnade wie Tau auf Israel kommen. Diese Gnade war freilich stets bereit, Israel hat sich aber dem Tau meiner Gnade stets ver=schlossen. Jetzt jedoch erschließt es sich ihm und trinkt ihn freudig wie die Rose und trinkt sich gesund an ihm und gewinnt Blüte und Schönheit wie die Rose und Festigkeit wie der Libanon. שׁוֹשַׁנָּה hier und Hohel. 2, 2 unzweifelhaft Rose, שׁוֹשָׁן 1 Kön. 7, 19 und 22 u. s. Lilie.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. יֵלְכוּ יוֹנְקוֹתָיו וגו': Wenn Israel zu mir zurückkehrt, werde ich es neu beleben und aus allem Irdischen wird es neue Kraft gewinnen, denn alles ihm Zufallende wird es sich aneignen und es weihend umgestalten zur lichtspendenden Frucht — וְרֵיחַ לוֹ כַּלְּבָנוֹן: die ganze Atmosphäre seines Waltens und Webens wird den Hauch des vom Gottesgesetze gezeitigten reinen Menschentums atmen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8. Die von ihm zur Erleuchtung der Menschheit verwirklichte Lehre wird zu einem schattigen Baume werden, unter dessen Schutz sich die Menschen sammeln. יְחַיּוּ דָגָן: „sie beleben das Getreide“ — ein unendlich tiefer Gedanke. Bis zu der am Ziele der Menschheitserziehung winkenden Vollendung belebt das Brot, das Korn den Menschen. In Wirklichkeit aber ist die Bestimmung des Menschen, die Fülle der irdischen Güter zu sich emporzuheben, die geschaffene Welt soll im Menschen ihre Veredlung und Vollendung finden. Sowie der Segen, den der reine Mensch durch die Verwendung irdischer Mittel zu edlen Zwecken stiftet, diese vergänglichen Güter selbst des Gepräges der Ewigkeit teilhaftig macht, so und noch unmittelbarer wird die Frucht der Erde, die der reine Mensch zur Erhaltung seines Lebens genießend sich aneignet, damit zu höherem Sein, oder, wie der Prophet es ausdrückt: zu neuem, wahrem Leben erhoben.
וְיִפְרְחוּ כַגָּפֶן: die zu dieser idealen Höhe vollendeten nichtjüdischen Menschen=brüder, die unter dem Schatten des Lebensbaumes der von Israel durchgetragenen und verwirklichten göttlichen Wahrheit ihre friedliche Stätte gefunden haben auf Erden, sie werden gleichfalls aufblühen durch den von Israel ausgehenden Segen. Aber dann wird זִכְרוֹ כְּיֵין לְבָנוֹן: dann werden die Menschen nicht mehr, wie bis dahin, undankbar vergessen, wem sie den Segen verdanken, vielmehr wird man des ihren Lebenskelch füllenden Segenstrunkes gedenken als des Weines vom Libanon. Wie Jes. 2, 3 im Munde der erlösungsbedürftigen, zu Gott zurück=kehrenden Menschheit dieser huldigende Ausspruch lautet: כִּי מִצִּיּוֹן תֵּצֵא תוֹרָה וּדְבַר יְהוָה מִירוּשָׁלִַם.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9. Es sind dies Worte der Ermutigung, an das noch zagende Ephraim gerichtet. מַה לִּי עוֹד לָעֲצַבִּים, was soll ich bei den Götzen, in welches Verhältnis willst du mich zu den Göttern stellen? Wage es doch, sage dich von allem los, was doch nur „Schmerz und Entsagung bringende“ Götter sind! Was ich soeben verkündet habe, das schaue ich bereits mit meinem Auge, an der Stelle des jetzt den עֲצַבִּים huldigenden und deshalb todesmatt und todeswund am Boden liegenden Ephraim schaue ich bereits das Ephraim der Zukunft, jugendlich kraftvoll und aufblühend wie die Ceder.
מִמֶּנִּי פֶרְיְךָ נִמְצָא: im Gegensatze zu den nur „Entsagung auferlegenden“ עֲצַבִּים, „ist von mir deine Frucht stets vorhanden“. So wie ich allein die Zukunft schaue, so gestalte ich sie auch allein. Du brauchst nur ernstlich zu wollen. Es giebt keinen Anderen und du brauchst keinen Anderen als mich.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 10. Wer weise werden will, der suche diese hier ausgesprochenen Ver=kündigungen nicht nur sich einzuprägen, sondern: וְיָבֵן, in sie einzudringen (בִּין das „Zwischen“ der Dinge, ihr gegenseitiges Verhältnis begreifen), der suche es sich zur klaren Anschauung zu bringen, wie die Verhältnisse sich gestalten müssen, wenn das hier Ausgesprochene zur Wahrheit wird. Wenn ihm dies gelungen, er also נָבוֹן geworden ist, dann erst: וְיֵדָעֵם, wird er die Verhältnisse verstehen, die ganze Mannigfaltigkeit der einzelnen Erscheinungen, der Geschickesgestaltungen begreifen. Er wird dann auch einsehen, daß die Wege Gottes nur gerade sind: der Inhalt der göttlichen Gesetze ist nichts als der zur Pflicht erhobene Ausspruch dessen, wodurch der Mensch seiner eigenen Natur und der ihn umgebenden Welt gerecht wird, sie sind die Wegweiser zu dem Ziele der ihm und der irdischen Welt vom Schöpfer gegebenen Bestimmung. Die Erfüllung dieser Aufgaben und die Wirkungen der von Gott ge=fügten göttlichen Weltordnung offenbaren sich in der Fülle der Geschickesgestaltungen in der mannigfaltigsten Weise, דַּרְכֵי ה', Plural. Weil aber die „Wege Gottes“ „gerade“ sind, so ist es klar, daß der auf ihnen bewußtvoll Schreitende — das sind צַדִּיקִים, die sich bewußtvoll in den Dienst des von Gott bestimmten צֶדֶק stellen —
dadurch eben im Einklang mit seiner eigensten Natur, im Einklang mit der ihn umgebenden Welt, im Einklang mit der göttlichen Weltordnung sich befindet und des=halb von ihnen allen gestützt, getragen, gefördert und gekräftigt wird. Ebenso klar aber ist es, daß פֹּשְׁעִים, die in bewußtem Gegensatze zu den ה' דַּרְכֵי Stehenden, eben durch diesen Gegensatz, in welchem sie sich durch ihr Leben zu ihrem eigensten Wesen, zu den Ansprüchen der sie umgebenden Welt und damit zu der göttlichen Weltordnung befinden, unabwendbar zu Falle kommen.
Das aber ist eine Erkenntnis, die auf dem weiten Wege bis hin zu jenem Ziele dem pflichtgetreuen, in Wahrheit Gott fürchtenden Menschen in der Flucht der widerspruchsvollen Erscheinungen die innere Ruhe und die Klarheit des Blickes sichert und ihn nicht irre werden läßt, soviel seinem kurzen Blicke Unbegreifliches auch jeg=liche Gegenwart darbieten möge. Er weiß es: יְשָׁרִים דַּרְכֵי ה', und die Zügel der Weltleitung ruhen in der Hand Dessen, vor dessen Auge allein die Zukunft klar liegt und der mit allmächtiger Hand Israel und die Gesamtmenschheit dem Ziele ihrer Bestimmung zuzuführen weiß.