Hoschea 2 הושע
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 2, V. 1. Nicht: בְּנֵי־יִשְׂרָאֵל, sondern: מִסְפַּר בְּנֵי־יִשְׂרָאֵל. מִסְפָּר bezeichnet stets eine verhältnismäßig kleine, beschränkte Anzahl. Vergl. וִיהִי מְתָיו מִסְפָּר Deut. 33, 6. Israel ist ja an sich das kleinste unter den Völkern, und von ihm gingen ja zehn Stämme, also fünf Sechstel, für unseren Blick gänzlich verloren, und das eine Sechstel sollte in den völkergeschichtlichen Stürmen wiederholt decimiert werden. Also nicht die materielle Zahl verleiht ihm Bedeutung. Gleichwohl werden diese materiell so winzigen Nachkommen Israels unter den Völkern so bedeutsam werden wie der Sand des Meeres, der, unscheinbar in seinen einzelnen Bestandteilen, nicht gemessen und nicht gezählt wird, und dennoch den mächtigen Schutzwall bildet gegen die anstürmenden Meeresfluten. So werden Israels unter die Völker zerstreuten Söhne, einst inmitten der Menschheit, als Träger der ewigen, welterlösenden Wahrheit von dem einen freien Gotte und dem reinen freien Menschen, die mächtige Schutzwehr bilden, hinter welcher die zwischen der Scylla des blinden Dogmenglaubens und der Charybdis des öden Materialismus hin- und hergeschleuderte müde Menschheit einst Zuflucht und Erlösung finden wird. — Wenn erst die zerstreuten Söhne Israels durch die trüben Erfahrungen des Exils zu bewußten Trägern dieser Wahrheit erzogen sein werden, so wird ihre Erhaltung, vor allem aber ihr sittenreines, der Übung der Nächstenliebe und der Gerechtigkeit geweihtes Leben sie den Menschen vor Augen stellen als: „Söhne des lebendigen Gottes.“ — Das וְהָיָה בִּמְקוֹם וגו' steht im Zusammenhang und abschließenden Gegensatz zu V. 9 des ersten Kapitels. Dort war dem Propheten geboten, den Namen seines jüngsten Kindes zur steten Mahnung des Volkes „לֹא עַמִּי“ zu nennen: „denn ihr seid mein Volk nicht mehr und Ich werde euch nicht sein“, d. h. werde mich lange nicht von euch finden lassen. Diese zeitweilige Trennung hat, wie hier gezeigt wird, nur den Zweck der einstigen und dann ewigen Wiedervereinigung.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. Diese von Juda und dem wiedergewonnenen Israel einmütig vollzogene Wahl eines Oberhauptes gehört der fernen Zukunft an. Das ergiebt sich auch aus den Worten: כִּי גָדוֹל יוֹם יִזְרְעֶאל, denn hier ist offenbar nicht an das V. 5 des vorigen Kapitels genannte Jisreël gedacht, die Stätte blutiger Siegesherrlichkeit Jehus, unheilvollen Andenkens. Sondern „Jisreël“, zusammengesetzt aus יִזְרַע אֵל, bezeichnet das Israel des Exils in seiner weltgeschichtlichen Bedeutung als die unter die Völker „hinausgestreute Gottessaat“, die in der Zeiten Fülle einst aufgehen wird zum eigenen und zu der Menschheit Heile. S. oben zu V. 5.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. Bereits im ersten Kapitel war bei der Namensbestimmung der Tochter des Propheten: לֹא רֻחָמָה, „Sie findet kein Vatererbarmen“ (V. 6), scharf unterschieden worden zwischen der israelitischen Gesamtheit, als dem grundsätzlich Gott entfremdeten Staate, und dessen einzelnen Gliedern. Diesem Staate als solchem war das Vatererbarmen abgesprochen, weil und solange er von dem Vater nichts wissen wolle. In Beziehung auf die einzelnen aber hieß es: „Wohl aber werde ich ihnen, den einzelnen, verzeihen.“ Diese Unterscheidung wird nun hier weiter ausgeführt. Unser Vers enthält die Warnung an die auch in Israel treu gebliebenen einzelnen, ihre verirrten Brüder und Schwestern nicht zu verdammen oder sie ihrer Bestimmung für verlustig zu halten.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. Wohl aber werden diese einzelnen aufgefordert zum Kampfe gegen diesen grundsätzlich abgefallenen Staat, der als ihre „Mutter“ und später, V. 7, als „Lehrerin“ des Abfalls bezeichnet wird, die gänzlich jenes Band zerrissen, mit dem Gott einst am Sinai Israel sich vereinigt. Dieses Verhältnis Israels zu Gott wird im Gottesworte in seiner ganzen Innigkeit stets unter dem Bilde der Ehe gefaßt, also des Verhältnisses der Gattin zum Gatten, deshalb sind auch die Bezeichnungen des Treubruchs gegen Gott mit denen des Treubruchs in der Ehe identisch. Hier: נַאֲפוּפֶיהָ, זְנוּנֶיהָ — וְתָסֵר וגו': Kämpfet, auf daß sie ihren Abfall nicht mehr als Höheziel im Auge habe und ihren Treubruch nicht mehr als Emancipation vom Gesetze, als kostbare Errungenschaft „am Busen hege“. Denn die Rückkehr zu Gott und seinem Gesetze ist der einzige Weg zur Erhaltung des Staates und zur Rettung vor dem Exil.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5. Wenn die israelitische Gesamtheit fortfährt, Selbständigkeit und Besitz, also die Güter, die ihr nur zur freien Erfüllung des Gottesgesetzes verliehen sind, zu vergöttern und zu einem Gott entfremdeten Leben zu mißbrauchen, so bleibt Gott nur übrig, ihr diese Güter zu entziehen und sie in dieselbe Armut zurückzuversetzen, in der Israel sich am Tage seiner volksgeschichtlichen Geburt befand.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. וְאֶת־בָּנֶיהָ: ihrer Kinder, derer, die sich als Kinder dieser grundsätzlich abgefallenen Gesamtheit begreifen, werde ich mich als meiner Kinder nicht erbarmen, כִּי־בְנֵי זְנוּנִים הֵמָּה, denn sie stehen ja auf dem Boden der grundsätzlichen Abkehr von Gott.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. כִּי זָנְתָה אִמָּם וגו'. אִמָּם ist zugleich הוֹרָתָם. Indem ihre Mutter die Treue brach, hat sie, indem sie ihre Kinder in den Principien des Treubruchs erzog, dieselben in ihren Hoffnungen getäuscht. — מְאַהֲבַי, nicht: אֹהֲבַי. Der Piel bedeutet: die Liebe äußerlich bezeigen. Der Boden und die in ihm lebendigen und auf ihn wirkenden Naturkräfte sind diese „Liebe und Freundschaft bethätigenden מְאַהֲבִים“. Die herrschende Mehrzahl in Israel hat diese Kräfte, die in Wahrheit nur den Willen Gottes vollstreckende Diener sind, in gottvergessenem Sinne für die Herren gehalten. Ihre Kinder waren unter dem Einflusse der Lehre herangewachsen, zum irdischen Glücke genüge es, in rationeller Weise den herrschenden Naturkräften Rechnung zu tragen, um sie mit Fleiß und Ausdauer den eigenen Zwecken dienstbar zu machen, — dies ist das אַחֲרֵי, Folge leisten —, auf ethische Momente, auf die Befolgung des göttlichen Willens komme es nicht an. Damit aber: הֲבִישָׁה, „hatte sie ihren Kindern schwerste Enttäuschung bereitet.“ In diesem ganzen Vorstellungskreise war die jüdische Fundamentalwahrheit vergessen worden, die das jüdische Volk und sein Geschick von den Daseinsbedingungen aller anderen Völker specifisch scheidet. Das Dasein aller anderen Völker ist an den gemeinsamen Boden geknüpft, und erst aus dem nationalen Zusammenleben erwächst ihr Recht und ihr Gesetz. Deshalb hat ihr geschichtliches Dasein ein Ende, sobald sie den gemeinsamen Boden verlieren. Israels Boden jedoch ist das Gottesgesetz. Durch dieses Gesetz ward es zum Volke in der Wüste, bevor es den nationalen Boden erhielt, ja dieses Land selbst erhielt es nur zu dem ausgesprochenen Zwecke der Erfüllung dieses Gesetzes. Deshalb war auch sein Volksdasein nicht an die Dauer seines Landbesitzes geknüpft, und es bildet bis auf den heutigen Tag das einzig dastehende weltgeschichtliche Wunder der Forterhaltung eines unter alle Völker zerstreuten Volkes, nachdem es bereits seit Jahrtausenden den gemeinsamen Boden verloren. Dieser Verlust aber mußte eintreten, nachdem der Bodenbesitz und seine Güter als höchste Ziele vergöttert, das Gottesgesetz jedoch als lästig zu ihrer Erreichung und störend in ihrem Genusse verachtet worden war. Dieser Verlust selbst war zur Wiedergewinnung Israels notwendig. Das hatten die damaligen „Aufgeklärten“ in Israel nicht erkannt, das war die verhängnisvolle Täuschung, die sie ihren Kindern bereiteten, und das ist der Gedanke, der im Folgenden ausgesprochen wird.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8. Selbständigkeit, Land und Besitz verlieren sie, und Gott wird sich in den Gängen und Gestaltungen ihres Geschickes als der Allmächtige offenbaren, der alle vermeintlichen Spender ihres bisherigen Glückes in seiner Hand hat. שׂוֹךְ von שָׂךְ verwandt mit שָׂכַךְ, gleichbedeutend mit סָכַךְ, decken, schützen. סִיר, Dorn. דַּרְכֵּךְ, Singular, im Gegensatz zu נְתִיבוֹתֶיהָ, Plural. Der gottgewiesene Weg der Pflicht ist nur einer, die selbstgeschaffenen Wege der Leidenschaft und des Wahnes sind unzählig. נָתִיב, verwandt mit נָדַב, Exod. 25, 2: אֲשֶׁר יִדְּבֶנּוּ לִבּוֹ, ebenso נָדִיב, weist stets auf die eigene Initiative, auf den Antrieb im Innern, auf das subjective Moment hin. גִּדְרָהּ: das Suffix weist auf דַּרְכֵּךְ hin, also: der zum Schutze des Weges nötige Zaun, bezw. Mauer, Umwallung. Von den Dornen, die den Weg einhegen, wird nur der verletzt, der vom Wege abweichen will, und die Mauern verhindern gänzlich das Verlassen des Weges. Ist hier nicht der Geschickesweg gezeichnet, den Israel seit Jahrtausenden geführt wird, die Leiden, die es unfehlbar treffen bei jedem Verlassen des gottgewiesenen Weges, und die schroffe Abweisung, die es erfährt, wenn es glaubt, durch Preisgebung des jüdischen Gesetzes und Loslösung von der jüdischen Bestimmung sich die Aufnahme bei den Völkern erkaufen zu können? Die verletzenden Dornen werden nicht schwinden und die abweisenden Mauern werden nicht weichen, bis das bethörte Israel zur Erkenntnis des einzigen Quells seines Heiles gekommen ist und spricht: „Ich möchte mich aufmachen und zu meinem ersten Gatten zurückkehren, denn wohler war mir damals als jetzt!“ —
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 10. Denn sie hatte nicht erkannt, daß alle die Güter, die sie vergöttert, ja die sie, wie es V. 14 heißt, geradezu als nur durch ihren gegen Gott geübten Treubruch errungen wähnte, ihr nur von eben diesem Gotte zu einem pflichttreuen Leben verliehen worden waren.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 11. בְּמוֹעֲדוֹ, בְּעִתּוֹ: zu seiner Zeit, gerade zur Zeit der Reife, wenn alle Bedingungen des Gedeihens erfüllt sind, wenn alle מְאַהֲבִים, alle die „Liebe spendenden Kräfte“ euch freundlich gestimmt erscheinen, לְעֵינֵי מְאַהֲבֶיהָ, „vor den Augen aller ihrer Freunde“ greift Gottes Allmacht ein, zeigt Er sich als einzigen Herrn und nimmt die Güter vor euren Augen hinweg, deren Besitz euch schon gesichert erschien. וְהִצַּלְתִּי וגו'. denn ihr würdet sie jetzt nur mißbrauchen. Die Entziehung ist keine ewige, Gott bewahrt sie euch auf, לְכַסּוֹת אֶת־עֶרְוָתָהּ, um einst, wenn ihr zur Erkenntnis gekommen, „eure Blöße zu decken.“
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 12. וְעַתָּה אֲגַלֶּה אֶת־נַבְלֻתָהּ. Die innere Entartung wird leicht durch äußeren Glanz dem oberflächlichen Blicke zeitweilig entzogen. Das hört jetzt auf. Der Leichtsinn und der Frevel, denen der Erfolg fehlt, werden auch von der gedankenlosen Menge als solche erkannt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 13. Auch aus den abgefallenen Kreisen waren äußerliche Festfeier, Neumond und Sabbath, wie wir hier sehen, durchaus nicht verschwunden. Jedoch alle diese Feier hat, wie gleichfalls hier gezeigt wird, keinen Wert, wenn sie nicht zur Weihe der That und zur Heiligung der Gesinnung führt. „Ihre Festfeier“ u. s. w. lasse ich aufhören. —
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 14. Die von ihnen vergötterten Güter verfallen der Vernichtung. אֶתְנָה הֵמָּה לִי: siehe oben zu V. 10.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 15. בַּעַל. יְמֵי הַבְּעָלִים: der Überwältigende, als Bezeichnung der Götter, die überwältigenden, dem Menschenglücke feindlichen Mächte, vor denen der Mensch zittert, deren Zorn und Neid er durch Opfer zu beschwichtigen hat. Inmitten der Naturmächte erschien ihnen auch Gott als ein solcher „Baal“. וַתַּעַד נִזְמָהּ וְחֶלְיָתָהּ, ihren jüdischen Schmuck, ihr jüdisches Geschmeide legte sie an und ging den Mächten nach, von denen sie sich abhängig fühlte: was sie noch von Geboten erfüllten, das übten sie in heidnischer Gesinnung. Der Baal kennt nur die vor ihm niedergestreckte, zitternde Creatur. Dem Gott in Erfüllung seines Gesetzes dienenden Menschen tönt seines Gottes Wort entgegen: וָאוֹלֵךְ אֶתְכֶם קוֹמְמִיּוּת, „Ich will euch aufrecht gehen lehren, ich will, daß ihr euren Lebensweg mannhaft aufrecht wandelt.“ (Lev. 26, 13.) Gott will als unser אִישׁ, wie es V. 18 heißt, und nicht als unser „Baal“ begriffen und genannt werden. וְאֹתִי שָׁכֵחָה: dieses Gottesbewußtsein war ihnen gänzlich verloren gegangen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 16. Deshalb bin ich es — אָנֹכִי, מדת הרחמים, der gnadenvolle, barmherzige Gott, — der ihr zu Gemüte redet. פִּתָּה, verwandt mit פָּתַח, offen stehn, stets psychisch: den Eindrücken offen stehn, פֶּתִי: der urteilslos jedem Eindruck Zugängliche. In der Fülle des Glückes fand Gottes Stimme nicht den Zugang zu Israels Herzen. Gott öffnet sich den Weg zu seinem Gemüte, indem er ihm alle äußeren Güter nimmt, „es in die Wüste führt“ und dort „ihm zu Herzen redet“.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 17. In der Wüste war es einst, wo das jugendliche Israel seinem Gotte huldigend sein: נַעֲשֶׂה וְנִשְׁמָע, „wir wollen’s vollbringen und stets hören!“ entgegenjauchzte: in der Völkerwüste wird wiederum Gottes Stimme Israel wecken, und es rüttelt sich auf aus seiner Lethargie und kommt zum Bewußtsein seiner selbst und kehrt reuig, dann aber wonnig aufblühend zurück in die geöffneten Vaterarme seines Gottes. Und dann empfängt es zurück die Güter, die es einst besessen, und wie es die Probe im Unglück glänzend bestanden, so wird es auch im Glücke jetzt nicht wieder straucheln. So „giebt Gott ihm seine Weinberge von dort, durch das Leidensgeschick der Wüste, zurück, und so wird das Thal des Schmerzes zur Pforte der Hoffnung.“ Was sich Israel als Abendthor des Untergangs öffnete, das war in Wahrheit die Morgenpforte der Auferstehung.
וְעָנְתָה שָׁמָּה: denn es lernte in dieser Leidensschule des Exiles die Seligkeit kosten, die darin besteht, sich frei und freudig seinem Gotte hinzugeben, dessen Willen zu dem eigenen Willen zu machen. Denn das heißt עָנָה, das hier wie V. 23 absolut, ohne Terminativ, gebraucht ist — der unausgesprochene Terminativ ist hier Gott, dort die Menschenwelt —: sein Sein, sein Verhalten, seinen Willen entsprechend den Wünschen oder den Bedürfnissen eines anderen gestalten. Ist doch auch die Antwort nichts als eine, nicht der eigenen Initiative, sondern der Aufforderung oder Anregung eines anderen entsprungene Gedankenäußerung.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 18. Es heißt nicht: תִּקְרְאִי לִי אִישִׁי, sondern: תִּקְרְאִי אִישִׁי, dagegen: וְלֹא־תִקְרְאִי לִי עוֹד בַּעְלִי. Der Gedanke an אִישׁ ist Erhebung, an בַּעַל: Überwältigung. Nicht nur wirst du mich, Gott, deinen אִישׁ nennen, sondern in allem Großen und Herrlichen, in allem Beglückenden und Fördernden, in jeder Kraft, in dem großen Getriebe der Natur wie in jedem größten und kleinsten Wesen der großen Schöpfungsschar wirst du meinen Diener, mein Walten erkennen, und der Liebeshauch: „אִישִׁי!“, wird nicht von deinen Lippen schwinden. Und auch mich wirst du nicht בַּעְלִי nennen, denn nicht niedergeworfen, sondern in Thatkraft gehoben fühlst du dich als meinen Diener.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 19. וַהֲסִרֹתִי אֶת־שְׁמוֹת הַבְּעָלִים מִפִּיהָ וגו': deshalb giebt es überhaupt nichts, was dem Gott dienenden Menschen als בַּעַל erschiene. Begreift er sich doch in seiner Freiheit vielmehr mit dem bescheidensten Maße seiner Kräfte als freien Mitarbeiter im Gottesreiche —: wie könnte auch die gewaltigste der gleichfalls in diesem Dienste stehenden Kräfte ihn beugen!
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 20. Damit ist die endliche Erreichung des Paradiesesfriedens bezeichnet, der am Beginn des großen Erziehungswerkes der Menschheit als deren endliche Bestimmung ausgesprochen war. Und wie der Friedensbund zwischen Mensch und Tier geschlossen wird, so schlingt sich auch das Band des Friedens um alle Menschen: „und Bogen und Schwert und Krieg tilge ich von der Erde und lasse sie in sorgentbürdeter Zuversicht ruhen.“ Dieses „sie“ umfaßt alle Wesen als Kinder eines Vaters. — Aus dem ganz allgemein verkündeten Frieden unter den Menschen — „Krieg tilge ich von der Erde“ — und aus den drei Schlußversen des Kapitels, in denen von dem durch Gott gefügten harmonischen Einklang der ganzen Natur mit dem „als Gottessaat sich bewährenden Israel“ gesprochen wird, ergiebt sich, daß mit der Rückkehr und Erhebung Israels die Rückkehr und Erlösung der Gesamtmenschheit Hand in Hand geht.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 21. Das ist das hohe, das Heil der ganzen Menschheit umfassende Ziel der Sendung Israels, des Ehebündnisses, wie es hier genannt wird, des ewigen und unauflöslichen, das Gott mit Israel geschlossen. Dem Bilde getreu werden nun im Folgenden die Güter bezeichnet, durch deren Verleihung Gott sich Israel angeeignet hat. Diese Güter sind: צֶדֶק, die Erkenntnis des Rechtsideals; מִשְׁפָּט: die Bestimmungen, wie dasselbe in allen Beziehungen des Menschenlebens zu verwirklichen sei; חֶסֶד und רַחֲמִים: die Befähigung zur höchsten Selbstlosigkeit, zu jener Liebe, die als höchstes Glück dasjenige Glück empfindet, das sie anderen bereitet. Hier ist in erster Linie an die große Reihe der das leiblich-sinnliche Leben regelnden Gesetze zu denken, die zur Meisterschaft über die sinnliche Natur und ihren mächtigsten und berechtigtsten Trieb, die Selbstsucht, führen, und sodann an die ganze Reihe jener Gebote der werkthätigen Nächstenliebe, die im einzelnen unserem Thatenleben das Gepräge der Liebe geben sollen. רַחֲמִים: jenes tiefe Erbarmen mit jedem leidenden Wesen, das aus dem allgemeinen Verwandtschaftsgefühl entspringt, das alle Wesen als Kinder eines Vaters, als Geschöpfe eines Gottes begreift, das den wahrhaft jüdischen Menschen zu allen Zeiten sich in die Lage des leidenden Bruderwesens hineinversetzen läßt und das mit dem Mitgefühl ihn sofort zur möglichsten Hülfeleistung aufruft.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 22. Alle diese Kleinode höchsten Menschentums: צֶדֶק und מִשְׁפָּט, חֶסֶד und רַחֲמִים sind nur wirksam, wenn sie uns in Wahrheit zu eigen werden, wenn sie in unseres Wesens tiefstem Grunde als Keime unseres eigentlichen Lebens Wurzel schlagen. Daß sie in solchem Sinne aufgenommen werden und in solchem Maße unser ganzes Wesen gestalten und beherrschen, dazu bedarf es des festen Haltes unerschütterlicher Ueberzeugung. Diesen Halt gewährt uns אֱמוּנָה, das unerschütterliche, durch nichts zu beirrende Gottvertrauen, das uns gleichfalls durch die göttliche Wunderführung und Erziehung geworden, und das deshalb den vier erstgenannten selbständig zur Seite aufgeführt wird. —
Und dann erst: וְיָדַעַתְּ אֶת ה', wirst du in Wahrheit Gott erkennen. יָדַע ist ja das innige Erkennen des Selbsterlebten, Selbsterfahrenen. דַּעַת אֶת ה' bezeichnet nichts weniger als etwa ein theosophisches, mystisches Schauen und Begreifen Gottes, es bezeichnet vielmehr das beglückende Gefühl der Seligkeit, das durch das Bewußtsein der Gottesnähe erzeugt wird. Diese Nähe wird jedoch nur auf Grund der Erfüllung des Gottesgesetzes gewonnen, durch Aneignung und Verwirklichung von צֶדֶק und מִשְׁפָּט, von חֶסֶד und רַחֲמִים. Eine Wahrheit, die sich stets im Gotteswort wiederholt, wo von דַּעַת אֶת ה' die Rede ist.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 23—25. Das אֶעֱנֶה Gottes ist die Folge des וְעָנְתָה (V. 17) Israels. Wenn sich dieses „Entsprechen“, diese Unterordnung und Hingebung in der eben geschilderten Weise vollendet und in אֱמוּנָה den unerschütterlichen Halt gewonnen hat: dann, spricht Gott, werde ich „entsprechen“, antworten, erhören. Dieses erste אֶעֱנֶה ist, wie bemerkt, absolut, es ist der Gegensatz und die Aufhebung des oben 1, 9 verkündeten: וְאָנֹכִי לֹא אֶהְיֶה לָכֶם; die Ausführung oder die Heilesfolgen dieses אֶעֱנֶה werden nun im Folgenden näher dargelegt. Mit dem Gegensatze zu Gott ist jeder Mißklang aus der Welt geschwunden, die Gen. 3, 17 f. (s. den Comm. z. St.) über die Erde verhängte Hemmung wird nunmehr aufgehoben. Vergl. oben zu V. 20. — Die treffende Uebersetzung dieser herrlichen Verse bietet große Schwierigkeit. Die hier verkündete, die ganze Welt durchtönende Harmonie, die in diesem vom Schöpfer ausgehenden, von Himmel und Erde aufgenommenen, in deren Kräften und Gebilden sich bis zu dem zuerst Gott wiedergewonnenen Menschenkreise fortsetzenden עָנָה forttönt, wird durch „erhören“ nur unvollkommen und einseitig wiedergegeben; denn die Nüance des Entsprechens und des harmonischen Einklangs kommt damit nicht genügend zum Ausdruck. Ohnehin liegt in עָנָה hier mehr als Erhören; dieses setzt das Aussprechen einer Bitte voraus, während עָנָה auch die Befriedigung der aus der Natur des anderen sich ergebenden unausgesprochenen Bedürfnisse bezeichnet. — Man könnte geneigt sein, das „Getreide, Most und Oel“ als die von der Erde den harrenden Menschen erteilte Antwort zu betrachten. Damit wäre jedoch das תַּעֲנֶה hier in einem anderen Sinne gebraucht als in den übrigen Gliedern des Verses. Deshalb heißt es auch hier: die Erde entspricht den Anforderungen, die die Frucht zu ihrem Gedeihen an sie stellt.
Mit unendlicher Zartheit heißt es nun: וְהוּא יֹאמַר אֱלֹהָי, nicht: „zu mir“, ganz wie oben V. 18. Das Wort „mein Gott“ ist nicht an Gott gerichtet. Der nach so langem Irrgang ins Vaterhaus allendlich heimgekehrte Sohn kennt keinen anderen Gedanken als den an seinen Vater, in seiner Seligkeit kein anderes Gefühl als das der überströmenden Liebe zu seinem Gotte — von seinen Lippen haucht nur eines Wortes Laut: „Mein Gott“ —
Eine Bemerkung wollen wir übrigens am Schlusse dieses herrlichen Prophetenwortes nicht unterdrücken. Was hat man nicht alles in nichtjüdischen Kreisen seit nun fast zwei Jahrtausenden über den angeblich stets in loderndem Zorne erglühenden Gott des „Alten Testamentes“ und von der niederdrückenden Wucht des die Juden „knechtenden Gesetzes“ gefabelt, von dem erst eine spätere Religion, die Gott als den Gott der Liebe gelehrt, Erlösung gebracht habe! Angesichts dieses Prophetenwortes fordern wir alle Verächter des Judentums auf, uns doch einmal, nicht nur in den Religionen, sondern in den Litteraturen aller Culturvölker, eine Auffassung des Verhältnisses der Creatur zu ihrem Schöpfer, des Menschen zu seinem Gotte zu zeigen, die an den Menschen adelnder Innigkeit und Tiefe diesem Prophetenworte auch nur entfernt sich vergleichen ließe! Nicht der Glaube an ein der Vernunft sich entziehendes Dogma, nur die freie sittliche Pflichtthat des seinem Gotte gehorchenden Menschen bildet das starke Band, das den Menschen in seiner Würde aufrichtet und ihn mit seinem Gotte verbindet, der nicht zitternde, in Weltflucht entsagende, ihr ganzes Leben dahinsterbende, sondern heiter frohe, auch ihres sinnlichen Lebens in Reinheit vor Gott sich erfreuende, glückliche Menschen durch sein Gesetz erziehen will.