Hoschea 1 הושע

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Einleitung von Julius Jehuda Hirsch

1. Die Zeit Hoseas. Hosea ist, wenn auch nicht der älteste, so doch der erste in der Sammlung der zwölf Propheten, deren Worte nach der rabbinischen Ueberlieferung bei der Feststellung des Kanons aus dem Grunde zu einem Ganzen zusammengefaßt wurden, weil bei dem geringeren Umfange des von ihnen Bewahrten die Gefahr nahe lag, daß ganz oder teilweise verloren gehe, was nach Ursprung und Inhalt von ewiger Bedeutung ist.

Das Wort Prophet deckt sich übrigens begrifflich durchaus nicht mit dem hebräischen Worte נָבִיא. Jenes bezeichnet den Propheten als Verkünder des Zukünftigen und sein Wort als Weissagung. Ganz gewiß wird damit ein Teil des Prophetenwortes seinem Inhalte nach richtig bezeichnet. Der eigentliche Ausdruck jedoch für das Schauen des Zukünftigen, oder vielmehr allgemeiner: des dem sinnlichen Auge Verborgenen, ist חָזָה — lautverwandt mit חָצָה in die Mitte dringen, daher teilen — und für das so Geschaute: חָזוֹן, dessen Objekt sowohl das Zukünftige, als auch das dem oberflächlichen Blicke sich entziehende Wesen der Erscheinungen der Gegenwart bildet, ihrer Personen und ihrer Verhältnisse. Es ist im gegebenen Falle also das Schauen der sittlichen Fäulnis unter der täuschenden Hülle der Ehrbarkeit und Tugend, der Zersetzung unter der Hülle des Glanzes, des Todes unter der Hülle des Lebens, — aber auch das Schauen des gesunden Kernes unter der Ueberwucht der der Verwesung verfallenen Masse, der Keime des Lebens unter der Hülle des Todes, das Schauen einer reinen, lichten Zukunft hinter dem Wolkendüster und den Nebelbergen einer in trostlose Nacht gehüllten Gegenwart. נָבִיא von נבא, lautverwandt mit נָבַע hervorquellen, bezeichnet den Propheten als den Quell, durch den das Gotteswort zu Tage tritt, als denjenigen, durch den Gott mit den Menschen spricht, also allgemein als das Organ Gottes. Dem entspricht auch, daß die Verbalbezeichnung der prophetischen Thätigkeit eine passive ist, הִנָּבֵא, Niphal. Denn der Gedanke ist Gottes, wenn auch die Form des Ausdrucks dem Propheten entstammt und seiner Individualität entspricht.

Unter denjenigen der zwölf Propheten, deren Zeit durch sie selbst in der Ueberschrift ihrer Reden genau bestimmt ist, ist Hosea einer der ältesten. Er war also ein Zeitgenosse der Propheten Amos, Jesaias und Micha. Bei ihm wie bei Jesaias werden die jüdischen Könige Usija, Jotham, Achas und Chiskijahu als diejenigen Herrscher genannt, in deren Regierungszeit ihre Sendung fiel. Bei Micha fehlt Usija, seine Wirksamkeit begann also später, während bei Amos von den jüdischen Königen nur Usija genannt wird, seine Wirksamkeit endete also viel früher, obgleich sie nur zwei Jahre vor Jesaias' Berufung begonnen hatte. (S. Amos 1, 1 und Jes. 6, 4.) Bei Hosea und bei Amos wird auch der israelitische König Jerobeam II. genannt. Denn die Stätte ihrer Wirksamkeit war zweifellos das israelitische Nordreich, wenngleich auch sie stets Gesamtisrael, seine Verirrungen, sein Geschick und das Heilesziel seiner Zukunft im Auge hatten. Bei Jesaias und Micha, die in Jerusalem lebten, wird Jerobeam nicht genannt. Die einen jedoch wie die anderen trugen Gesamtisrael im Herzen, nur treten bei Hosea die Zustände im israelitischen Reiche in einer Reihe von Kapiteln als Gegenstand der Schilderung und der Mahnrede in den Vordergrund, von dem aus auf Juda nur mehr Streiflichter fallen. So Kap. 4, 15. 5, 5. 10 ff. 6, 4. 11. Kap. 7. Kap. 8, in welchem Judas erst V. 14 gedacht wird. Auch Kap. 9 bezieht sich ganz auf das Reich Israel, ebenso Kap. 10 und 11, Kap. 12 und 13 jedoch auf beide Reiche, ebenso Kap. 14 von V. 10 ab auf Gesamtisrael, auf das sich auch die ersten drei Kapitel beziehen. Schon aus diesem kurzen Ueberblick begreift es sich, weshalb bei der Angabe der Zeit seines prophetischen Wirkens auch der Name eines Königs dieses Nordreiches genannt wird. Auffallen muß vielmehr, weshalb nur dieses einen Königs gedacht wird, obgleich Hoseas an sechs Decennien umfassende Wirksamkeit sich doch auch über die Regierungszeit einer ganzen Reihe seiner Nachfolger erstreckte. Denn Jerobeam II., der 41 Jahre regierte, kam im 15. Jahre Amazjas auf den Thron und regierte mit ihm gleichzeitig ungefähr 14 Jahre, da dessen Regierung 29 Jahre dauerte. Da Hoseas Sendung erst unter seinem Nachfolger Usija begann, so fallen höchstens 27 Jahre, also kaum die Hälfte seines Wirkens, unter Jerobeams Regierung. Es müssen deshalb innere Gründe maßgebend sein dafür, daß nur Jerobeams Regierung genannt wird. Um diese zu erklären, müssen wir uns die damaligen Zustände in Israel vergegenwärtigen, unter denen Hosea seine Sendung zu vollbringen hatte.

Jerobeam II. war der bei weitem tüchtigste Herrscher unter den israelitischen Königen, so wenig er auch die von dem ersten Jerobeam eingeschlagene verderbliche Richtung verließ. Der Baalscult herrschte auch unter ihm, wie unter seinen Vorgängern, die Unterdrückung desselben durch seinen Ahnherrn Jehu (2 Kön. 10, 28) war nur eine vorübergehende und äußerliche gewesen. Der Kälberdienst in Dan und Beerscheba hatte überhaupt nie aufgehört, politisch-dynastische Interessen ließen selbst den Gedanken an eine Abstellung desselben nicht aufkommen. Mochte immerhin vielleicht ursprünglich diesem Dienste der Gedanke an eine symbolische Vergegenwärtigung des unsichtbaren Allmächtigen zu Grunde gelegen haben, so war doch schon die Darstellung selbst der flagranteste Frevel gegen das Gottesgesetz und stellte sich als offenen Bundesbruch dar. Daß aber das Bewußtsein von Gott, als dem Schöpfer und allmächtigen Herrn des Himmels und der Erde, wenn nicht ganz entschwunden, so doch tief verdunkelt war, das zeigt gerade der Dienst der „Baale,“ der als selbstherrlich gedachten Naturkräfte, die als die unmittelbaren Spender aller Güter der Natur und als die Herren über das Wohl und Wehe der Menschen geehrt, weil gefürchtet wurden (siehe 2, 7 ff. 15 u. f.). Diese in Furcht wurzelnde Ehre wurde auch auf Gott als vielleicht den mächtigsten „Baal“ übertragen (daf. V. 18). Gott erschien ihnen als Feind, als Störer ihres Glückes (13, 14), sie fühlten sich von ihm bedroht, empfanden ihn oder seinen vermuteten Zorn als „Wurmfraß,“ als „Moder in ihren Gebeinen“ (5, 12). Die aus der Hefe des Volkes von Jerobeam I. geschaffene Priesterschaft, deren ganze Existenz von dem Beharren des Volkes im Abfall bedingt war, ebenso die ganze Beamtenhierarchie, sie alle zitterten gleich der Dynastie vor jedem Erwachen einer besseren Regung im Volke, von der sie eine Annäherung an das Südreich, eine Rückkehr zum Davidshause befürchteten. Und grell trat der so von allen maßgebenden Faktoren geförderte Abfall und seine Folgen in allen Erscheinungen des Einzel- und des socialen Lebens zu Tage. Schamlose Unsittlichkeit, völlige Zerrüttung des Familienlebens, Herzenshärte, völlig erstorbener Sinn für Gerechtigkeit, Mißbrauch alles socialen und amtlichen Einflusses zur ungescheuten Vergewaltigung und Beraubung der wirtschaftlich Schwächeren und Abhängigen — das waren die Erscheinungen, die den Propheten zur zürnenden Mahnrede entflammten, um das Volk aus seiner Lethargie zu erwecken, es zur Selbstbesinnung zu bringen und dadurch es von dem Abgrunde zurückzureißen, an dessen Rand seine Entartung es gebracht hatte. Daß Untergang des Staates und Exil des Volkes die unabweisbare Folge sei, so sie sich nicht aufrafften, das war der Grundgedanke seiner Reden.

Die Zustände nun nach dem Tode Jerobeams II., sowie unter seinen elenden Nachfolgern Secharja, Schallum, Menachem, Pekachja und Pekach, standen im vollen Einklange mit Hoseas Warnungen und Mahnungen, ja mit wenig Unterbrechungen waren sie vielmehr eine Bestätigung derselben. Die Regierung Jerobeams jedoch war eine nach außen kraftvolle und für das Reich glückliche, er beschützte es vor den Feinden, er stellte die alten Grenzen wieder her, ja dehnte sie durch die Eroberung von Damaskus noch aus und gewann verloren gegangene Gebiete wieder zurück, wie Gott dies durch den Propheten Jona verheißen hatte, und doch — „that er das in Gottes Augen Böse, wich nicht von allen Sünden Jerobeams, des Sohnes Nebats, der Israel zur Sünde verführte!“ (2 Kön. 14, 24.) Wohl war es Gott, der durch diesen „Jerobeam Sohn Joaschs seinem Volke half, mit dem er Erbarmen hatte“ —: allein das Volk sah nur den gewaltigen, sieggekrönten König, dessen einundvierzigjährige Regierung ihm eine gesicherte und achtunggebietende Stellung unter den Völkern gewonnen hatte. Konnte wirklich sein Beispiel ein so schlechtes, seine, wie wir sagen würden, religiöse Richtung, sein Baalcultus und sein Kälberdienst so von Gott verworfen sein, wie ein Hosea und ein Amos dies stets verkündeten, wenn derselbe Gott gerade durch ihn seinem Volke half? Sicherlich haben viele im Volke so gedacht, und sicherlich sind diese thatsächlichen Verhältnisse von den geschickten geistlichen und weltlichen Verführern des Volkes mit Erfolg benutzt worden, um die Worte der Gottespropheten zu entkräften und diese selbst zu discreditieren, sie als „jüdische,“ antidynastische Emissäre zu verdächtigen, wie z. B. Amazja, der königliche Hofpriester zu Bethel, Amos wegen Hochverrats dem Könige Jerobeam denuncierte. Es war deshalb sicher nicht eine bloße chronologische Notiz, sondern ein im Lapidarstil gegebener Hinweis auf eine Fülle von Schwierigkeiten, die sich während fast dreier Decennien seinem Wirken entgegengestellt hatten, wenn Hosea am Ziele desselben, bei seinem Rückblicke, in der Ueberschrift seiner Zusammenstellung den Namen Jerobeams nannte, und nur ihn allein unter den Königen Israels, der ein Mehrer des Reiches war und in Wahrheit zugleich sein Zerstörer.

Unter diesem Gesichtspunkte sind wir berechtigt, auch die Nennung der vier jüdischen Könige für mehr als eine chronologische Bestimmung der Zeit seiner Wirksamkeit zu halten. Sollte sie dieses sein, so hätte die Nennung des ersten und des letzten genügt, ebenso wie Jer. 1, 3. Auch die Nennung dieser Namen sollte vielmehr das Bild der Zustände Judas zu den Zeiten dieser Herrscher ins Bewußtsein rufen und der Erkenntnis des Volkes erst das rechte Verständnis der an es gerichteten Worte erschließen.

Und ein reiches, wechselvolles, düsteres und doch auch der Lichtblicke nicht ganz entbehrendes Bild bot sich dem Auge des Propheten dar, als er am Schlusse der Niederschrift, bei der Zusammenstellung seiner Reden ihnen die einleitende orientierende Ueberschrift vorsetzte: „Das Wort Gottes, das an Hosea, den Sohn Beeris, erging in den Tagen Usijas, Jothams, Achas', Jechiskijahus, der Könige von Juda, und in den Tagen Jerobeams, des Sohnes Joaschs, des Königs von Israel.“ Welche Fülle von Ereignissen, welche Gegensätze von Zeiten der Machtherrlichkeit und der Demütigung, des Aufund des Niedergangs, der Treue und des schmählichen Abfalls, und welche Gestaltenfülle von Herrschern birgt der Lapidarstil dieser Ueberschrift!

Da tritt uns zuerst die mächtige Herrschergestalt Usijas entgegen. Er war ein tüchtiger, kraftvoller, von hohem Selbstgefühl erfüllter, mit den vorzüglichsten Eigenschaften für seinen Herrscherberuf ausgestatteter königlicher Herr! Tapfer und glücklich im Kriege, weise und besonnen im Frieden. Ein Feldherr und ein Staatsmann und dabei auch ein einsichtiger und sorgsamer Landwirt, der zum Schutze seiner Herden Burgen in der Steppe baute und zahlreiche Cisternen anlegte. Und er hatte Ackersleute und Winzer in den Bergen und auf der Flur, denn „er war ein Freund der Landwirtschaft“ (2. Chron. 26, 10). Wie es in der daselbst gegebenen eingehenden, höchst interessanten Schilderung seiner Regierung heißt, war er in sehr jugendlichem Alter zur Regierung gekommen, da er, erst 16 Jahre alt, nach der Ermordung seines Vaters Amazja „von dem ganzen Volke Juda“ zum Könige gemacht wurde. „Er that das in Gottes Augen Gute, ganz wie sein Vater Amazja“ (daf. V. 4) — ein ominöser Zusatz, der doch eine recht erhebliche Einschränkung des Lobes bildet; denn dieser Amazja war ziemlich wechselnd in seiner Lebensführung gewesen. Er war wohl fromm, וַיַּעַשׂ הַיָּשָׁר בְּעֵינֵי ד', aber, wie wir heute sagen würden, nicht aus voller Ueberzeugung, רַק לֹא בִלְבָב שָׁלֵם. Auch erneuerte er, und damit hatte er seinem Sohne vorgearbeitet, die Heeresorganisation, wenn man bei dem Mangel eines stehenden Heeres von einer solchen sprechen kann. Er hatte nämlich die ganze waffenfähige Mannschaft nach „Vaterhäusern“, also nach Familien und örtlichem Zusammenwohnen gruppiert und sie den einzelnen unteren und höheren Führern unterstellt, so daß sie stets bereit waren, auf den Ruf ihres Königs ins Feld zu rücken — in Wahrheit „das Volk in Waffen“. Es handelte sich damals um einen Kriegszug gegen den Erbfeind Israels, gegen Edom. Mit einem Heere von 300000 Mann, einer Zahl, die bei einem Volksheere alles Auffällige verliert, — für hundert Talente hatte er noch 100000 Mann aus Israel angeworben, sie jedoch vor dem Feldzuge wieder entlassen, — erfocht er einen glänzenden Sieg über Edom. Mit einer ganz eigentümlichen Logik verehrte er nun bei seiner Rückkehr von Edom die dortigen Götter, die er mitgebracht hatte, „und vor ihnen warf er sich nieder und räucherte ihnen,“ und als ein Prophet ihm das Widersinnige seines Verfahrens vorhielt, da diese Götter sich gerade als ohnmächtig erwiesen hätten, ihr Volk zu retten, da fuhr er ihn an und bedrohte ihn mit dem Tode: „Wer hat denn dich zum Ratgeber für den König bestellt? Laß ab, warum soll man dich niederschlagen!“ — Nach einem unglücklichen Kriege mit dem Könige von Israel, in welchem er gefangen genommen, Jerusalem erobert und die Schätze im Tempel und im Königspalaste fortgeführt wurden, hatte er noch 15 Jahre gelebt und war dann ermordet worden.

Von dieser tiefen Demütigung hebt sich nun Usijas Regierung um so glanzvoller ab. Anfangs hatte der Prophet Secharja Einfluß auf ihn, und so lange glückte ihm alles. Er sicherte Judas Grenzen und unterwarf die es stets bedrohenden Nachbarvölker, so die Philistäer, in deren Lande er die Mauern der wichtigsten Plätze schleifte, selbst aber Städte anlegte, sodann unter anderen die Araber; auch die Ammoniter mußten Tribut zahlen, und sein Machteinfluß erstreckte sich bis nach Aegypten. Gleichzeitig verstärkte er die Festungswerke von Jerusalem durch Erbauung von Türmen und Bastionen. Ueberhaupt war sein besonderes Augenmerk den militärischen Dingen zugewandt. Er hatte ein Heer von 307500 Mann, ein erlesenes Officiercorps von 2600, es waren „Häupter der Vaterhäuser an tapferen Helden.“ An der Spitze der Organisation war ein Generalstab, dessen Chefs genannt werden. Ganz modern klingt es, wenn wir lesen, daß unter ihm die Technik nicht ruhte, immer Neues auf dem Gebiete der Waffenfabrikation, insbesondere der damaligen Artillerie, zu erfinden. Denn nachdem berichtet ist, wie trefflich er sein Heer ausrüstete mit Schildern und Schwertern, Helmen, Panzern und Bogen und Schleudern, heißt es von ihm, daß er Jerusalem mit ganz neuen besonderen Verteidigungsmaschinen versah auf seinen Türmen und Zinnen, חִשְׁבֹּנוֹת מַחֲשֶׁבֶת חוֹשֵׁב, Schleudermaschinen, wie die viel späteren Katapulte und Ballisten der Römer, um Pfeile und mächtige Steine in die Ferne zu schleudern. Vieles davon muß ganz neu gewesen sein, denn „sein Ruhm drang in weite Ferne, denn er hatte Wunder in den Verteidigungswerken vollbracht, sodaß er in Wahrheit stark war.“ כִּי הִפְלִיא לְהֵעָזֵר עַד כִּי חָזָק (daf. V. 15.).

Dieser Ruhm aber und dieses Machtgefühl ward sein Verderben. Cäsaropapistische Aspirationen stiegen in ihm auf. Der Machttrunkene wähnte, es könnte Gott nur zur Ehre gereichen, wenn nicht bloß der Hohepriester, sondern auch ein so mächtiger König wie er im Heiligtum räucherte. Als er aber, um seine frevle Absicht auszuführen, ins Heiligtum eindrang, da hatten die Priester den hohen Mut — ihrer achtzig waren mit dem Hohenpriester Asarjahu dem Verblendeten ins Heiligtum gefolgt — sich ihm mit dem Rufe entgegenzuwerfen: „Usija, nicht Dir kommt es zu zu räuchern, sondern dem dazu bestimmten Priester!“ — Der König schäumt vor Wut gegen die Priester, er hat die Räucherpfanne in der Hand, will seinen Willen durchsetzen — siehe, da entfärbt sich seine Stirn, wird leichenfarben, schneeweiß — der König war aussätzig geworden! Und wie die Priester sich ihm zuwandten, „siehe da war der Aussatz auf seiner Stirn!“ sie „scheuchten“ ihn hinaus, es bedurfte ihres Impulses nicht mehr, er stürzte schon selbst hinaus — sein Stern war erloschen. Abgesondert verbrachte er den Rest seiner Tage. Im hellsten Lichte aber strahlt das mannhafte Auftreten des Hohenpriesters Asarja und seiner wackeren Collegen gegenüber der Stumpfheit und dem Knechtessinn so vieler seiner Vorgänger und Nachfolger, die ruhig zusahen, wie das Heiligtum durch die Errichtung der Götzenaltäre und Verübung von anderem Greuel geschändet wurde.

Nach Usija wird in der Ueberschrift Jotham genannt, der bis zu seines Vaters Tode bereits die Regentschaft geführt hatte. Die Erinnerung an seine Regierungszeit ruft keine besonders hervorragenden Ereignisse ins Gedächtnis. Auf ihn hatte das jähe Ende der Königsherrlichkeit seines Vaters und die sich bekundende Gotteshand sicherlich tiefen Eindruck gemacht. Wenn auch das Volk fortfuhr, in seiner Halbheit zu verharren, — sie waren מַשְׁחִיתִים, was wohl auf Sittenverderbnis und nicht allein auf das Opfern auf den Höhen hinweist, — von ihm selbst wird nur Gutes erwähnt: seine Befestigungsund sonstigen Bauten, seine Anlage von Städten, sein Glück nach außen, indem er die Ammoniter wieder tributpflichtig machte, er erstarkte immer mehr, „denn wohlgerichtet hatte er seine Wege vor dem Angesicht Gottes seines Gottes.“ (Daf. 27, 6.)

Die trübsten Erinnerungen aber mußten in des greisen Propheten Seele aufsteigen, da er den Namen des 16 Jahre regierenden Achas, des Sohnes Jothams, als dritten der von ihm genannten jüdischen Könige niederschrieb. Es war ein Verhängnis, daß sofort auf einen guten König ein Mann wie Achas folgte. Mit ihm war der ausgesprochenste und fanatischste Abfall zur Herrschaft auf dem Davidsthrone gekommen. Er folgte ganz dem Beispiele der Herrscher des Nordreiches. Er errichtete den Baalen Gußbilder, er opferte im Thale Ben=Hinnom, jener Stätte, wo die scheußlichsten Nachahmungen heidnischer Culte stattfanden, nämlich das Durchführen eines oder mehrerer Kinder durchs Feuer, um sie dem „Schicksal“, dem „Molech“ preiszugeben, entsprechend der heidnischen Vorstellung, daß man freiwillig einen Teil dem Neide der Götter opfern müsse, um das andere zu retten, kurz er verfuhr ganz nach den Greuelthaten der Völker, die Gott vor Israel vertrieben hatte. Die unglücklichen Folgen ließen nicht auf sich warten. Aram und Israel unter Rezin und Pekach machten verheerende Einfälle in Juda und besiegten es, der erstere führte unermeßliche Massen von Gefangenen und von Beute nach Damaskus, in einer Schlacht gegen den letzteren fielen 120000 Mann des besiegten jüdischen Heeres. Durch diesen schweren Schlag tief gebeugt, wandte sich Achas nicht etwa Gott zu, sondern hilfesuchend an Thiglath=Pileser, den mächtigen König von Aschur. Und der Gott und seinem Propheten gegenüber so stolze und selbstbewußte Achas, wie unendlich demütig ist er vor dem fremden König: „Dein Knecht und dein Sohn bin ich, hilf mir gegen Rezin und Pekach!“ und begleitete diese Bitte mit den Schätzen des Tempels und des Königspalastes und der Fürsten. Zu derselben Zeit hatte das unglückliche Juda auch verheerende Einfälle der Edomiter und Philistäer zu erdulden. Der Assyrerkönig zog allerdings herauf und schlug auch den Rezin und eroberte Damaskus, hatte auch (nach 2. Kön. 16, 9 und 15, 29) dem Pekach viele Städte in Galiläa und im Lande Naphthali weggenommen und die Einwohner fortgeführt, zog sodann aber gegen Achas selbst, um ihn tributpflichtig zu machen: „so bedrängte er ihn und stärkte ihn nicht.“ Der unselige Achas wurde aber in der Bedrängnis nur noch verstockter. Er war nach der Eroberung von Damaskus dorthin geeilt, um seinen vermeintlichen Bundesgenossen zu begrüßen. Bei dieser Gelegenheit opferte er den Göttern von Damaskus: „weil Aram ihn früher besiegt hätte, was doch nur dem Einflusse seiner Götter zuzuschreiben sei,“ deren Gunst er nunmehr sich durch Opfer zu gewinnen trachtete (2. Chron. 28, 23). Wir führen diese classische Stelle deshalb an, weil sie so drastisch die heidnische Anschauung vom Opfer zeigt, die bei weiten Kreisen des Volkes auch in Beziehung auf die Gott dargebrachten Opfer platzgegriffen hatte, eine Anschauung, — do ut des, der Gott hat den Opferkuchen und verleiht dafür Reichtum und langes Leben — die dem jüdischen Opfergedanken völlig fremd, ja entgegengesetzt ist, von den Propheten stets bekämpft wird, die aber gleichwohl bis auf den heutigen Tag in vielen nichtjüdischen Kreisen noch als die eigentlich jüdische betrachtet wird. Dieselben überschätzen überhaupt weit die Bedeutung des Tempeldienstes im Judentum, wie wir dies im einzelnen nachzuweisen vielfach im Commentare Gelegenheit haben werden. (Vergl. z. B. unsere Ausführungen zu 6, 6.) — Bei dieser Gelegenheit gefiel Achas in Damaskus ein besonders prächtiger Götzenaltar. Er ließ eine genaue Zeichnung anfertigen und sandte sie mit allen Maßangaben an den Priester Uria mit dem Befehle, genau einen solchen Altar im Gottesheiligtum herstellen zu lassen, was der gefügige Priester auch that. Auf diesem opferte der König dann selbst und machte ihn zum eigentlichen, zum Hauptaltare, während er sich den Gottesaltar, den er von seiner Stelle rücken ließ, zum gelegentlichen Gebrauche vorbehielt. Er wütete sodann gegen die anderen heiligen Gefäße, die er verstümmelte, und setzte endlich seinem heiligtumschändenden Treiben dadurch die Krone auf, daß er die Pforten des Tempels schloß und dafür überall in Jerusalem und in allen Städten Judas Altäre und Höhen zum Götzenculte errichten ließ.

Aber auch ein lichter Punkt, ein sonnenbeglänzter Tag mochte sich dem rückwärtsschauenden Auge Hoseas darbieten, da er dieser Zeiten des Achas gedachte. Nicht aus Juda freilich, sondern aus Israel, dem im allgemeinen ja viel tiefer als Juda entfremdeten, strahlt das Licht dieses Tages, und das macht die Erinnerung nur um so bedeutungsvoller. Wir würden uns den Blick trüben, wenn wir neben dem vielen so unsäglich Traurigen, das uns aus diesen Zeiten berichtet ist, nicht auch einer That gebührende Beachtung und Würdigung zuwendeten, die aus dem düsteren Hintergrunde nur um so herrlicher hervorleuchtet. In dem oben erwähnten ephraimitisch=jüdischen Kriege hatten die Sieger auch 200000 Gefangene, Frauen und Kinder, Knaben und Mädchen, in die Gefangenschaft geschleppt und wollten sie nach Schomron bringen. Dort lebte ein Gottesprophet, Oded. Der ging dem Heere entgegen und stellte den heimkehrenden Siegern vor, daß nur, weil Gott über Juda zürne, der Gott, „der auch der Gott eurer Väter ist,“ er dessen Kinder in ihre Hand gegeben habe. „Und nun wollt ihr wirklich die Kinder Judas und Jerusalems euch zu Sklaven und Sklavinnen zwingen!? Ladet nicht gerade ihr dadurch schwerste Schuld auf euch gegen Gott euren Gott?! Und nun höret auf mich und bringet die Gefangenen zurück, die ihr von euren Brüdern erbeutet habt, denn Gottes Zorn bedroht euch!“ — Eine seltsamere und aussichtslosere Zumutung ist wohl noch nie an ein siegreiches Heer gestellt worden! Und wie hoch steht dieser inmitten des abgefallenen Israel in Schomron lebende tapfere Prophet über dem servilen charakterlosen Hohenpriester Uria in Jerusalem! — Oded aber hatte nicht umsonst gesprochen. Mehrere wackere Führer unterstützten seine Aufforderung mit der Mahnung, nicht noch neue Schuld zu den alten Verschuldungen gegen Gott zu fügen, denn Gott zürne bereits sehr über Israel. Und da vollzog sich denn das Große. Das siegreiche Heer, die Sieger in Waffen, הֶחָלוּץ, thaten noch mehr, als von ihnen verlangt war, sie lieferten nicht nur die Gefangenen, sondern auch sämtliche Beute aus und stellten alle und alles den Führern zur Verfügung. Jene Männer griffen nun hilfsthätig ein und kümmerten sich um die Gefangenen und „nahmen von der Beute und bekleideten davon die Nackten und versorgten sie mit Schuhen und versorgten sie mit Speise und mit Trank und salbten sie und setzten die Schwachen unter ihnen auf Esel und brachten sie heim nach Jericho zu ihren Brüdern — und kehrten nach Schomron zurück.“ — Wo in der ganzen Weltgeschichte, so dürfen wir wohl fragen, findet sich eine Parallele zu dieser nationalen Großthat? Wo finden wir noch einmal ein Beispiel davon, daß die Sieger sich ihrer Dotation, denn das waren die Gefangenen, und zwar eine sehr wertvolle, freiwillig begeben, auf sie freiwillig verzichtet, ja das bereits Empfangene wieder herausgegeben hätten? Denn was sie hier thaten, war unbedingt und in vollem Sinne des Wortes freiwillig. Sie folgten der wachgerufenen edlen Regung ihres Herzens. Ihr König Pekach hat sie wahrlich nicht dazu angespornt. Ihm wie seinen Vorgängern lag ja, wie oben bemerkt, alles an der dauernden Entfremdung seines Volkes von Juda und von Gott und seinem Tempel auf Zion. Und nun tritt hier dem siegreichen Heere ein Mann entgegen im Namen des Juda und Israel gemeinsamen Gottes, und seine Worte zünden, und Führer des Heeres stehen gleichfalls auf und sprechen gleichfalls zum Heere im Namen desselben gemeinsamen Gottes! — Hätte es in Pekachs Macht gestanden, er wäre ihnen sicherlich entgegengetreten. Es war eine Großthat, es war ein Durchbruch brüderlichen Gefühles, des Gefühls der Zusammenhörigkeit, es war eine spontane Gotteshuldigung, wie sie herrlicher und ergreifender nicht gedacht werden kann. Diese schlichten Männer aus dem Volke, diese Bauern, die vom Pfluge weg dem Rufe ihres Königs getreulich in den Krieg gegen Juda gefolgt waren, zeigten mit dieser That, daß in ihnen noch nicht ganz erstorben der Edelsinn des Ahnen, daß in ihren Adern doch noch rolle das Blut Abrahams, der auch einst sprach: הֲרִימוֹתִי יָדִי לה'! Gen. 14, 22. Es zeigte sich, und darum vor allem heben wir diese That so sehr hervor, daß im Volke, auch in dem so schmählich mißleiteten, noch ein gesunder Kern vorhanden war, der durch Belehrung und Einwirkung sehr wohl zurück zu gewinnen gewesen wäre — (vergl. 4, 4: וְעַמְּךָ כִּמְרִיבֵי כוֹהֵן siehe das.) und daß das Gefühl der nationalen Zusammenhörigkeit noch nicht ganz erstorben war trotz der Erbärmlichkeit der Könige und der führenden Kreise. Denn Pekach hatte ja Rezin zu Hilfe gerufen gegen Juda, und der elende Achas schickte, wie es so schlicht und doch so ergreifend gerade an dieser Stelle heißt: בָּעֵת הַהִיא „gerade in dieser Zeit“ — was liegt nicht alles in diesen zwei Worten! — zum Könige von Aschur, um ihn gegen Israel zu Hilfe zu rufen. In Juda wie in Israel kam das Verderbnis von oben. — Hosea erlebte auch noch, wie in dieser Beziehung wenigstens für Juda eine bessere Zeit anbrach, und sicher mit frohem Dankgefühl verzeichnete er als den vierten der jüdischen Könige Chiskijahu, jenen edlen Sprößling des Davidshauses, der die geschlossenen Pforten des Tempels wieder öffnete, die Priester und Leviten wieder sammelte und unter dem Jubel des seinem Gotte wiedergewonnenen Volkes die Weihe des Tempels und im zweiten Monate auch das Peßach wieder beging. Und wenn auch die Boten, die er zu den Brüdern im Nordreiche mit der Aufforderung sandte, zum Gotte Israels zurückzukehren und gleichfalls zur Peßachfeier nach Jerusalem zu kommen, vielfach vom verblendeten Volke verhöhnt wurden, ganz erfolglos war dieser Versuch gleichwohl nicht geblieben, und gar manche aus Ascher, Menasche und Sebulun leisteten Chiskijahus Rufe Folge. Diese Erhebung, dieses Erwachen der jüdischen Volksseele, — es war ja leider nur ein flüchtig vorübergehendes — war wohl das letzte Freudige, das Hoseas Auge noch geschaut hat.

2. Das Buch Hosea. Wir haben im Obigen mit flüchtigen Zügen einige charakteristische Momente aus der Geschichte dieses Zeitraumes zu zeichnen gesucht, um die inneren und äußeren Verhältnisse in Israel und Juda zu vergegenwärtigen, in deren Mitte Hosea seine Sendung zu vollbringen hatte. Ein helles Licht ist dabei auf die politische Machtstellung gefallen, die Juda und Israel unter kraftvollen Königen einnahmen, und klar trat die Stellung hervor, die diese Könige und ihr Hof, „das Haus des Königs,“ und ihre Großen nach außen und damit auch nach innen einnahmen, gegen welche die Propheten mit solcher Wucht ihre schweren Anklagen zu erheben hatten, um ihr Ansehen im Volke zu erschüttern und ihrem verderblichen Einflusse entgegenzuwirken.

Nehmen wir nunmehr einen Ueberblick über den Gesamtinhalt seines Buches, so läßt sich derselbe zusammenfassen als Ausdruck des Schmerzes über die Verführung des Volkes, des Zornes über seine Verführer, der Trauer über die bevorstehenden leidvollen Verhängnisse, deren Abwendung durch Rückkehr zu Gott das Ziel seiner Mahnreden bildet, und der freudigen Zuversicht in die einstige lichte Zukunft. Es ist vor allem der Schmerz über die unselige Verblendung, in der Israel über sein Verhältnis zu Gott befangen ist, sodann über die unabwendbare Katastrophe, der er es eben dadurch entgegentreiben sieht und von der er sein Volk doch mit aller Kraft seiner Seele retten möchte. Nicht umsonst hatte er sich durch den ersten ihm gewordenen Auftrag ganz in das Verhältnis Gottes zu seinem Volke hineinleben sollen. Was durch alle Reden Hoseas hindurchzittert, das ist der Schmerz des Vaters, der sich von seinem Kinde verkannt, der es in immer tiefere, bis zur Feindseligkeit sich steigernde Entfremdung versinken sieht und nun alles aufbietet, um es zur Besinnung zu bringen und es sich zurückzugewinnen. So atmen in Wahrheit alle seine Reden den Hauch inniger Liebe, auch da, wo der Schmerz über die Trostlosigkeit der Zustände Flammenworte des Zornes seinen Lippen entströmen läßt. Im ganzen ist es jedoch der verhaltene Schmerz, der Schmerz des Mannes, der mit klarem Blicke die Verhältnisse überschaut und sehr wohl weiß, daß nicht durch ohnmächtige Klage, sondern nur durch Aufklärung, durch Aufdeckung der Irrtümer, durch Klarlegung des Widersinnes und der Verderblichkeit der herrschenden Anschauungen vielleicht noch Wandel geschafft werden kann. Er sucht darum, es über seinen Ursprung, über seine geschichtliche Stellung aufzuklären, nur auf dem Wege der Erkenntnis sucht er den Weg zum Herzen seines Volkes. Nicht Furcht, sondern Ueberzeugung ist sein Ziel. Nicht zittern soll sein Volk vor Gott, sondern ihn erkennen und lieben, damit es lerne, in freudiger Hingebung und freier sittlicher That seinen Willen zu vollbringen (2, 18). Deshalb zerreißt er mit starker Hand das künstliche Gewebe, mit dem man ihm den freien Ausblick verhüllt hat, zeigt ihm das Netz, mit dem die Politik seiner Könige und Großen, unterstützt von einem gesinnungslosen Clerus, das ganze Land umgarnt hat, zeigt ihm, wie es bereits Generationen hindurch künstlich in Unwissenheit, in Unkenntnis Gottes und seines Gesetzes erhalten worden ist, auf dessen Bedeutung er (2, 21 f.) in kurzen markigen Zügen hingewiesen hat, und zeigt ihm auch die schweren Gewitterwolken, die sich über seinem Haupte zusammenziehen.

Bewunderungswürdig ist die Kunst, mit der er es versteht, die von ihm zu verbreitende Aufklärung durch Bilder zu übermitteln, die auch dem bescheidensten Verständnisse durchsichtig klar sind. Beispielsweise sei an das Bild von Ephraim erinnert, das einem nur einseitig gebackenen, nie ganz von der Wirkung des (Gesetzes=)Feuers durchdrungenen Teige verglichen wird, und das deshalb wieder in den allgemeinen Völkerteig „eingerührt“ werden müsse (7, 8). Oder an das Bild von dem auf die Demoralisierung des Volkes und auf die Entfesselung seiner Leidenschaften speculierenden Könige, der mit dem Bäcker verglichen wird, der bei dem sorgfältig vorbereiteten Feuer sein Brot bäckt, in welchem Bilde das Volk der Backofen und die in ihm entfachte Gier das Feuer ist, und auch der Kunstpausen im Schüren des Feuers nicht vergessen wird (7, 6 f). Bewunderungswürdig ferner ist seine Kunst feinster Nüancierung des Ausdrucks, verbunden mit der plastischen Gestaltung seiner Gedanken. Er sieht sie alle im Geiste vor sich, von denen er spricht, und darum zeichnet er sie und ihr Thun mit solcher lebendigen Anschaulichkeit. Sieht man z. B. die feinen Herren von Ephraim, deren höchster Ehrgeiz war, Aschurs Gunst zu gewinnen und in die assyrische Gesellschaft Zutritt zu erlangen, und die, ihre Nationalität und alles Jüdische verachtend, voll bewundernden Respects zu Aschur emporblickten, sieht man sie nicht leibhaftig vor Augen, wenn Hosea von ihnen spottend sagt: denn sie — „steigen empor“ zu Aschur, dem aber sind sie ein unerzogenes Waldtier, das am besten für sich bleibt — und Ephraim hatte doch Freundschaft ausbedungen! — (8, 9.) — Oder wo gäbe es eine — wäre die Sache nicht so tief ernst und blutete dem Propheten nicht das Herz dabei, so würden wir sagen — köstlichere Zeichnung der verkörperten Frivolität, als wenn Hosea (12, 9) dasselbe Ephraim die eindringlichste Mahnrede, die Erinnerung an seine Vergangenheit und an die Höhe seiner Bestimmung, an die Verächtlichkeit des Betruges und auch den Hinweis darauf, daß gerade die von Gott verworfenen früheren Besitzer des Landes sich mit solchem Truge beschmutzt hätten, mit vollendeter Gelassenheit hinnehmen und dann kühl die klassische Antwort geben läßt: אַךְ — עָשַׁרְתִּי, das mag ja alles wahr sein, allein ich bin doch — reich dabei geworden und selbständig, bei allen meinen Unternehmungen wird man mir kein Unrecht aufweisen können, das — ein Leichtsinn, ein Fehler, das nicht wohl berechnet und erfolgreich gewesen wäre! — Heben wir noch die markige, nicht selten wuchtige, manchmal sentenziös zugespitzte Sprache hervor, die auch des Wortspiels nicht ganz entbehrt (vergl. in allen diesen Beziehungen z. B. 8, 7), der auch die Waffe der Ironie zur Entlarvung und Züchtigung der gleißnerisch verhüllten Schuld zu Gebote steht, so dürften wir wohl die wesentlichsten Züge zur Charakterisierung des Buches Hosea hervorgehoben haben. Nur noch einen hätten wir hinzuzufügen, der jedoch nicht bloß für Hosea, sondern für das Prophetenwort überhaupt charakteristisch ist.

Wir meinen den inneren Aufbau seines Buches. Wohl beweist der Inhalt, daß die Aufeinanderfolge der Kapitel, was die drei ersten betrifft, eine chronologische ist, dasselbe gilt seinem ganzen Inhalte nach auch von dem letzten. Da erscheint es denn bedeutsam, daß, während die Kapitel 4 bis 13 die ernstesten Strafreden enthalten durch die den Anfang und den Schluß bildenden der warme Hauch der Liebe weht, und mit dem frohen Ausblick auf die Zukunft, in der das menschheitspriesterliche Israel die Höhe seiner Bestimmung erreicht hat, das Wort Hoseas schließt.

Und noch eine Bemerkung möchten wir nicht zurückhalten. Trotz allem, was wir von dem Abfalle und der Entartung im israelitischen Reiche hören, war es dennoch möglich, daß Männer wie Hosea und Amos dort öffentlich eine Sprache führten, die in einem modernen Staate einfach undenkbar wäre. Daß sie hier die Standarte der Wahrheit und des Rechtes im Namen Gottes erheben konnten, ohne, wie ein Jesaias, wie später ein Jeremias im Südreiche, verfolgt zu werden, das zeigt, daß trotz allem der Gedanke Gott, in dessen Namen diese Männer sprachen, noch nicht alle Macht, sei es über das Volk, sei es über den König und die Großen verloren hatte, mochte es auch nur eine ehrfürchtige oder fürchtende Scheu sein, in der diese Anerkennung Gottes sich äußerte.

Kommen wir noch mit einigen Worten auf die Gliederung des Buches zurück. Wir sind nämlich sehr wohl berechtigt, von einer solchen zu sprechen, und nicht eine bloße chronologische Aneinanderreihung vor dem Volke gehaltener Reden in ihm zu erblicken. Ist es doch eine rabbinische Ueberlieferung, Megilla 14 a, daß das uns erhaltene niedergeschriebene Prophetenwort überhaupt nur einen kleinen Bruchteil bilde des gesamten, mündlich an das Volk gerichteten Prophetenwortes, von dem nur dasjenige niedergeschrieben sei, das für alle Zukunft Wert und Bedeutung habe, נבואה שהוצרכה לדורות נכתבה נבואה שלא הוצרכה לדורות לא נכתבה. Wie deshalb von einer so großen Anzahl von Propheten überhaupt nichts schriftlich fixiert und überliefert wurde, so kann es auch keinem Zweifel unterliegen, daß wir in den uns vorliegenden 14 Kapiteln nicht die ganze Summe der Reden erblicken dürfen, die Hosea in seiner fünf bis sechs Decennien umfassenden Wirksamkeit als Prophet an sein Volk zu richten hatte, sondern eine von ihm selbst getroffene Auswahl und Zusammenstellung, bezw. zusammenfassende Niederschrift dessen, was er seinem Volke zur Belehrung, Ermahnung, Ermutigung und Erleuchtung für die Ewigkeit erhalten wissen wollte.

Durch die weiter oder enger gehaltenen Ausblicke auf das endliche Ziel gliedert sich nun das Buch in vier Teile. Erstens Kap. 1 bis 3, die ihrem Inhalte nach die Einleitung bilden, zweitens Kap. 4 bis 6, drittens Kap. 7 bis 11 und viertens Kap. 12 bis 14.

Kap. 1 enthält den Auftrag an den Propheten zur Eingehung einer Ehe mit einem bisher sittenlosen Weibe und zur Uebernahme der Vaterstelle bei bisher vaterlosen Kindern, um sich ganz in das unter dem Bilde dieser Ehe gedachte Verhältnis Gottes zu Israel hineinzuleben. Die aus dieser Ehe hervorgehenden drei Kinder erhalten bedeutungsvolle Namen, um die durch sie ausgedrückte Preisgebung Israels dem Volke stets gegenwärtig zu halten.

Im Kap. 2 wird V. 1 und 2 die einstige Wiedergewinnung als Zweck dieser Preisgebung verkündet, und sodann V. 3—17 die Verblendung insbesondere des grundsätzlich abgefallenen Reiches Israel gezeichnet, die das „Hinausweisen in die Wüste“ notwendig mache, auf daß es „von hier aus“ der Erlösung entgegenreife und wieder „wie in den Tagen seiner Jugend“ dem Willen Gottes freudig entspreche. V. 18—25 wird das Bild dieser einstigen Heileszukunft weiter ausgeführt, die vor Jahrtausenden geschlossene Ehe wird dann in Wahrheit vollzogen, und Israel wird die ihm in der Thora verheißenen Güter, die höchsten Ideale der Menschheit, dann in Wahrheit verwirklichen. Dadurch wird dann das dem Menschen am Anfange seiner Erziehung gezeigte Paradies auf Erden zur Wirklichkeit, zunächst auf Israels Boden.

Kap. 3 spricht in dem Bilde der Modalitäten einer nochmaligen von dem Propheten zu schließenden Ehe die Thatsache aus, daß die Erreichung dieses Zieles erst nach einer prüfungsvollen Erziehung Israels in ferner Zukunft erfolgen werde durch die vollkommene Rückkehr Israels zu Gott.

In den Kapiteln 4 und 5 wird nun im einzelnen ein grelles Bild der Zustände im damaligen Israel entrollt, auf dem die Folgen des Abfalls in der vollständigen Entartung aller Verhältnisse des Volkslebens zu Tage treten. Für diese Entartung werden vor allem die Führer des Volkes, die falschen Propheten, die Priester und die Großen verantwortlich gemacht, die das Volk seit Generationen systematisch in Unwissenheit erhalten haben, so daß es möglich war, ihm den Abfall selbst als Fortschritt und Erhebung darzustellen. V. 15 wird Juda gewarnt, sich nicht durch das Beispiel Israels verführen zu lassen, dessen staatlicher Untergang bevorstehe. Das Kapitel schließt mit dem Ausblick auf die Zeit, wo auch Israel zur Besinnung kommen und sich seiner jetzigen Verblendung schämen werde.

Im 5. Kapitel, dem sich das 6. unmittelbar anschließt und mit ihm ein Ganzes bildet, wird das perfide Treiben der Priester und Großen weiter geschildert. Sie haben das ganze Land mit einem großen Netze umgarnt, ihre auf Demoralisierung des Volkes gerichteten Pläne schlau verborgen, ja im Namen Gottes das Volk in seinem gottentfremdeten Leben noch befestigt, sodaß ihre Kinder schon „gottentfremdet geboren“ werden (V. 7). So bricht denn die Katastrophe herein. Auch Judas maßgebende Kreise hatten bewundernd, neidisch und durchaus nicht mit innerer Mißbilligung auf den Abfall Ephraims hingeblickt, deshalb werden auch sie nicht straflos bleiben. Uebrigens hatten sich Ephraim und Juda bei dem Gedanken an Gott doch nicht ohne Sorge gefühlt; Ephraim trachtete, sich gegen die angedrohte Katastrophe zu schützen, indem es gerade mit dem Assyrerkönig einen Bund zu schließen suchte, dessen Eroberungssucht nach göttlicher Fügung zum Werkzeug seiner staatlichen Vernichtung, für Juda aber zur Züchtigung bestimmt war, deren Vollstrecker es somit selbst herbeirief. Ephraim und Juda hatten jedoch die Macht des göttlichen Zornes unterschätzt; er war ihnen „wie Motte und Wurmfraß“ erschienen (V. 12), doch Gott braucht bloß „sich zurückzuziehen,“ sie nicht mehr zu schützen, und mit Raubtiergewalt brechen die in den Feinden verkörperten Verhängnisse über sie herein und dauern an, bis sie „Gottes Angesicht suchen,“ — den sie im Glücke vergaßen, „in der Bedrängnis werden sie wie das Morgenrot mich suchen!“ Das 5. Kap. schließt mit diesem Ausblick, die drei ersten Verse des folgenden 6. Kapitels bilden jedoch die unmittelbare Fortsetzung. Sie enthalten die Worte, mit denen das zur Besinnung gekommene Israel und Juda, also Gesamtisrael, seinen Entschluß zur Rückkehr, seine Würdigung der Leidenserziehung, sein Vertrauen in das Vatererbarmen Gottes und sein Gelöbnis ewiger Treue einst aussprechen wird. V. 4—7 beklagen es, daß diese schwere Katastrophe des Exils notwendig geworden sei, da alle Warnungen und Heimsuchungen und die „sonnenklare Vergegenwärtigung der drohenden Gerichte“ stets nur höchstens eine momentane Regung zum Besseren, jedoch nie eine wirkliche Besserung bewirkt hätten, da sie immer nur, ganz heidnisch, geglaubt, durch Opfer Gott befriedigen zu können, während Gott doch hingebende Liebe von ihnen erwartete. Nachdem dann noch einmal darauf hingewiesen, wie an dieser Verblendung und Verstocktheit der verderbliche Einfluß der Priesterzunft die Schuld trage, die schlimmer sei als Banditen, wird die „Feilheit“ als tiefster Grund der Entartung Israels bezeichnet und auf die schweren, auch Juda treffenden Folgen hingewiesen, die erst schwinden würden am Tage der einstigen, von Gott gewirkten Rückkehr aus dem Exile. So schließt auch dieses Kapitel mit dem tröstenden Ausblicke. Wie die ersten drei Kapitel ein Ganzes bilden, so stellen sich auch die zweiten drei Kapitel, 4—6, als eine sich fortsetzende und durch den Ausblick über die Zeiten des zu Israels Erziehung notwendigen Exils auf die lichte ferne Zukunft abgeschlossene Einheit dar.

Das dritte größere Ganze bilden die Kapitel 7 bis 11, dessen letzten Verse den einstigen Gottesruf verkünden, der mit Macht zu den in weiter Ferne weilenden Ephraim und Israel dringen werde, die dann ängstlich und sehnend „wie ein Vogel, wie die Taube aus Mizrajim und aus Aschur“ heimkehren, geläutert von jeder Vergötterung des Materiellen: „Ich werde sie über ihren Häusern wohnen lassen.“

Im 7. Kap. wird die furchtbare Anklage der zielbewußten Demoralisierung des Volkes direkt auch gegen die Könige erhoben, die entfesselten Leidenschaften werden sich aber zunächst gerade gegen sie richten, von denen so viele bereits eines gewaltsamen Todes starben, ohne daß das Volk sich im geringsten darum kümmerte (V. 1—7). Sie sind altersschwach und stumpf geworden, sehen nicht, wie die Feinde ihre Kraft verzehren, erkennen Gottes Hand und Absicht nicht in allem sie treffenden Leide, sind so einfältig, die Feinde, Aschur und Mizrajim, zu Hilfe zu rufen und bei ihnen Gott als ihren Feind zu verlästern, während Gott sie doch gerade retten möchte — „deshalb werden ihre Großen durchs Schwert fallen“, während „Ephraim wieder in den großen Völkerteig eingemengt werden wird.“ (V. 8—16.)

Im 8. Kap. hebt der Prophet ein anderes Moment der Schuld hervor, die Entweihung des göttlichen Namens, weil sie „mit der Thora im Arm Verrat üben“ und, im Hinblick auf den zu leerem Ceremoniell gewordenen Tempeldienst, sich gleißnerisch noch Gottes Volk nennen und Gott um Hilfe anrufen. Ach Israel verehrt längst ganz anderes als seinen König und Herrn, sein Gold nämlich und sein Silber: deshalb wird es alles verlieren. Freilich sind sie die Verführten, freilich geht der Abfall von der Residenz, von Schomron, „dem Kalbe Schomrons“ aus, Gottes Zorn entbrennt gleichwohl gegen das Volk, das dem Treiben der Könige hätte Widerstand entgegensetzen sollen (V. 1—6). Eitel sind alle Hoffnungen, mit denen sie sich tragen, — „denn Wind säen sie und Sturm werden sie ernten“ — eitel vor allem ihre Hoffnung, durch Abstreifen des göttlichen Gesetzes bei den Völkern, bei „Aschur“ achtungsvolle Aufnahme zu finden. Ephraim ist so sehr von heidnischer Anschauung durchtränkt, daß es für die Wahrheiten des Gottesgesetzes gar kein Verständnis mehr hat: „auch die Gottesaltäre werden ihm zur Sünde“ (V. 11), ein Glück, daß die „Fülle meines Gesetzes“ nicht niedergeschrieben ist, die mündliche Lehre, sie würde völlig verkannt werden. „Da Ephraim seines Schöpfers vergaß, baute es Gotteshäuser“, und auch Juda setzt sein Vertrauen auf die Vermehrung seiner festen Städte — deshalb verfallen sie dem Brande der Geschicke (V. 12—14).

Kap. 9. Ungleich anderen exilierten Völkern erhofft Israel vergebens dauerndes Glück in der Fremde. Es wird an den Verlust der idealen Güter erinnert, der mit der Entfernung vom heiligen Lande für es verknüpft ist. Auch die freiwillig vor Aschur sich nach Mizrajim flüchten, finden dort nur ihr Grab. Am Tage des Unglücks wird das Volk die bisher verehrten geistigen Häupter in ihrem wahren Charakter erkennen, es wird erkennen, wer der Gottesprophet und wer der Baalspfaffe war (V. 1—9). Sodann wird an den menschheitspriesterlichen Zweck der Erwählung Israels erinnert, an seine einstige Empfänglichkeit und freudige Hingebung und an sein jähes Sinken beim Baal-Peor. In denselben Abfall ist Israel wieder versunken, es fehlt ihm jeder feste Halt, es ist stets „flügge.“ Deshalb erblüht aus seinen Ehen keine Zukunft; und Kinderlosigkeit, sonst die Versagung des höchsten Glückes, erscheint dem Propheten als eine „Gewährung“, denn die Kinder würden nur dem Verderben entgegenreifen. Er führt den Abfall in seinem Ursprunge auf die unheilvolle Einwirkung zurück, die das in Gilgal errichtete Königtum namentlich in Israel im Bunde mit den Großen ausgeübt habe; Gott muß das in seinen Wurzeln abgestorbene Ephraim verwerfen, und die Leidenserziehung des Exiles ist zur Notwendigkeit geworden (V. 10—17).

Kap. 10. Die Halbheit ist es, was Israel schlägt. Es beabsichtigt keineswegs mit Gott ganz zu brechen, allein auch die heidnischen Anschauungen erscheinen ihm berechtigt, deshalb ist das Gericht unabwendbar. Thorheit ist es, wenn sie der Unfähigkeit ihrer Könige ihre Hülflosigkeit zuschreiben. Ihre „Pfaffen“ aber freuen sich der Sorge des Volkes, dadurch wächst nur ihr Einfluß. Vergebens wird die Gunst des Assyrerkönigs zu erkaufen gesucht, er ist ja das zum Vollstrecker des Gerichtes bestimmte Werkzeug. Verzweifelnd wird zu spät Ephraim zur Erkenntnis, wenn auch nicht seiner Schuld, so doch seiner Thorheit kommen (V. 1—8). — Der heilige Krieg gegen Gibea bildete den Höhepunkt der Geschichte Israels, von da ab sank es, und die Einfälle der Feinde waren nötig, um es in den gottgewiesenen Geleisen zu halten. Auch Ephraims führende Stellung im Zehnstämmereich sollte die Erfüllung der Bestimmung Israels fördern und Juda zum Guten anspornen. Das gerade Gegenteil ist eingetreten. Noch ist es Zeit, kehret um! Nur Saaten des Unheils habt ihr in den Boden eurer Zukunft gesäet. Alle eure Festungen, auf die ihr vertraut, werden widerstandslos fallen, ihr seid rettungslos preisgegeben. Solches hat euch Bethel gethan! (V. 9—15.)

Kap. 11. Aus tiefster Tiefe erhub ich einst Israel zur höchsten Höhe menschlichen Daseins: mir zum Sohne! — und zu dieser Höhe sollen die „menschenwürdigen Bande“ meines Gesetzes Israel erziehen. Sie aber erblicken in demselben ein unwürdiges Joch und ihr Heil in dem Abschütteln dieses Joches, um den Völkern gleich zu werden, die ihr Liebeswerben noch immer mit bitterem Hasse vergolten haben! Auch jetzt noch sind sie unschlüssig, ob eine Rückkehr zu Gott ein Fortschritt zum Heile oder ein Rückschritt wäre! Dennoch giebt Gott Ephraim nicht auf; nicht vernichten, sondern erziehen werden es die Geschicke, bis sie einst, geläutert, den Ruf ihres Vaters vernehmen und, von Sehnsucht beflügelt, in die Vaterarme ihres Gottes eilen (V. 1—11).

Die folgenden Kapitel 12 bis 14 bilden das letzte zusammenhängende Ganze.

Kap. 12. Nachdem Israels und Judas Stellung zu Gott näher gezeichnet ist, wird, an den vorbildlichen nächtlichen Ringkampf Jakobs anknüpfend, an die „Jakobsstellung“ erinnert, der Israel nur durch Gottes starke Hand als Gottesvolk enthoben ward und wird, denn für „uns“ empfing er Namen und Bestimmung: „Israel“ zu sein. Das frivol auf seine Erfolge pochende Ephraim wird an die Bescheidenheit seines ägyptischen Ursprungs und an die starke Gotteshand erinnert, die es wieder in die Völkerwüste hinausweisen werde (V. 1—10), und für diese Zeit gerade hat Gott das Prophetenwort als Israels Leuchte bestellt (V. 11). Aus dem Geschicke des ostjordanischen Landes könnten sie übrigens schon selbst das eigene erkennen. Nur Gott hat Israel von seinen ersten Anfängen an emporgehalten; wenn deshalb Ephraim durch andauernden Ungehorsam Gott erzürnt, so wird „sein Herr“ die Folgen seiner Sünde über es kommen lassen (V. 12—15).

Kap. 13 und 14. In noch eindringlicherer Weise werden Ephraim und Israel an ihre Gesunkenheit und an deren Folgen und auch daran erinnert, daß noch jetzt der Gott, dessen Strafgerichte sie bedrohen, der gnadenreiche und zur Hülfe bereite Gott sei. Sie aber verharren in Vergötterung der eigenen Kraft und betrachten Gott, dessen Fügung sie doch alles verdanken, als ihren Feind, als das „am gebahnten Wege lauernde Raubtier.“ Demgegenüber braucht Gott nur seine schützende Hand abzuziehen, und die über sie hereinbrechenden Geschicke werden „die Sperre ihres Herzens“ sprengen. Diese Verkennung Gottes ist ihr Verderben, denn ihren Abfall hegen sie als teures Gut. Ephraim glaubt dauernd die Früchte seiner Sünde genießen zu können, es wird mit einem ungeborenen Kinde verglichen, das hinaus muß ins rauhe Leben, wenn die Geburtswehen eintreten. Sein Schicksal ist besiegelt, weil es den, der es vom Tode retten möchte, selbst für den Tod hält. Weil es im Abfall die Freiheit und im zügellosen Leben unter den Völkern das Glück erblickt, so soll es diese Freiheit und dieses Glück in eigener Erfahrung kosten (V. 1—15). Die Residenz aber, der Centralpunkt, von dem alles Unheil ausging, Schomron wird zuerst vom Verhängnisse ereilt werden (14, 1). — Und nun schließt der Prophet mit jener ergreifenden Aufforderung zur Rückkehr zu Gott, mit jenen Worten, die Israel durch die Jahrtausende des Exils geleitet und es mit immer neuem Mute und neuer Kraft beseelt haben, indem er es ausspricht, daß vor Gottes Auge das Israel der Zukunft in all seiner Hehre bereits geschaut werde, und daß es von dem Israel einer jeden Zeit abhänge, dieses Idealbild in jedem Augenblicke zur Wirklichkeit zu vollenden (V. 2—10).

Fassen wir nach dieser kurzen Skizzierung den Gesamtinhalt der Worte Hoseas zusammen, so war wohl dies der Grundgedanke, den er seinem Volke in Geist und Herz zu prägen hatte: ohne Gesundung des inneren Lebens sind alle äußeren Erfolge für Israels Erhaltung völlig wertlos. In dieses Leben aber, insbesondere in die leitenden Maximen der Könige und der Großen, der Priester und Propheten, in die perfide Staatskunst, die den Abfall im Volke verewigen will, eröffnen seine Reden einen Einblick, der die Entartung dieser Kreise unverhüllt zu Tage treten läßt. Obgleich wir nur 14 Kapitel von Hosea haben, so enthalten sie doch die wertvollste Bereicherung unserer Kenntnis seiner zeitgenössischen Geschichte und hellen viele Punkte auf, deren Verständnis uns sonst verschlossen bliebe. War aber das Nachtbild, das er von seiner Gegenwart zu zeichnen hatte, ein so unsäglich trübes; boten die Zustände, von denen er mit starker Hand den täuschenden Schleier zu zerreißen hatte, das Bild so hoffnungsloser Verwesung: so blickt das gottgeweckte Auge eines Hosea selbst über solche Nacht voll unerschütterlichen Vertrauens und froher Zuversicht auf das Morgenrot des kommenden Tages hin, und aus dem Tode sieht er neues, herrliches, ewiges Leben erblühen. Keiner hat herrlicher als er diesen Morgen verkündet, keiner ergreifender es ausgesprochen, daß was als Abendpforte des Untergangs erschien, in Wahrheit sich als Morgenthor der Hoffnung erweisen werde; keiner herrlicher das Verhältnis Israels zu seinem Schöpfer in seiner ganzen Innigkeit und Tiefe als das der Ehe bezeichnet und das Gesetzes- und Verheißungs-Wort seines Gottes als die Güter, mit denen Gott Israel sich „angetraut“, keiner zuversichtlicher auf den Tag geschaut, dem auch wir noch entgegenharren, da dieser „Angelobung“ die ewige Aneignung folgen werde.

Kap. 1. V. 1. Siehe Einleitung S. 4 ff.

1
דְּבַר־יְהֹוָ֣ה ׀ אֲשֶׁ֣ר הָיָ֗ה אֶל־הוֹשֵׁ֙עַ֙ בֶּן־בְּאֵרִ֔י בִּימֵ֨י עֻזִּיָּ֥ה יוֹתָ֛ם אָחָ֥ז יְחִזְקִיָּ֖ה מַלְכֵ֣י יְהוּדָ֑ה וּבִימֵ֛י יָרׇבְעָ֥ם בֶּן־יוֹאָ֖שׁ מֶ֥לֶךְ יִשְׂרָאֵֽל׃
ZunzDas Wort des Ewigen, welches erging an Hoschea, Sohn Beeri, in den Tagen Usijah's, Jotam's, Achas', Jechiskijah's, der Könige von Jehudah, und in den Tagen Jarobeam's, Sohnes Joasch, Königs von Jisraël.
J. J. HirschDas Wort Gottes, das an Hoschea, den Sohn Beëris, erging in den Tagen Usijas, Jothams, Achas', Jechiskijas, der Könige von Juda, und in den Tagen Jerobeams, des Sohnes Nebats, des Königs von Jisrael.
2
תְּחִלַּ֥ת דִּבֶּר־יְהֹוָ֖ה בְּהוֹשֵׁ֑עַ {פ} וַיֹּ֨אמֶר יְהֹוָ֜ה אֶל־הוֹשֵׁ֗עַ לֵ֣ךְ קַח־לְךָ֞ אֵ֤שֶׁת זְנוּנִים֙ וְיַלְדֵ֣י זְנוּנִ֔ים כִּֽי־זָנֹ֤ה תִזְנֶה֙ הָאָ֔רֶץ מֵאַחֲרֵ֖י יְהֹוָֽה׃
ZunzDie erste Anrede des Ewigen an Hoschea (war), daß der Ewige zu Hoschea sprach: Geh, nimm dir ein buhlerisches Weib, das Hurenkinder hat; denn das Land buhlt, abgewendet vom Ewigen.
J. J. HirschDer Anfang dessen, was Gott durch Hoschea sprach, war, daß Gott zu Hoschea sprach: „Gehe, nimm dir eine dem Treubruch ergebene Frau und dem Treubruch entsprossene Kinder, denn schwer treubrüchig ist das Land, aus der Nachfolge Gottes gewichen.“
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 2. Die ersten vier Worte תְּחִלַּת דִּבֶּר ה' sind begrifflich das Subject zu dem Prädicate: וַיֹּאמֶר קַח־לְךָ אֵשֶׁת זְנוּנִים וגו' Das Gotteswort kennt kein heiligeres aus freier Wahl geschlossenes Verhältnis, kein stärkeres Band zwischen Mensch und Mensch, als die Ehe. Eben deshalb sollte Hosea diese Auffassung des Verhältnisses Israels zu Gott in seiner ganzen Folgenschwere seinen verblendeten Zeitgenossen zur lebendigen Anschauung bringen. Ja, durch den ersten Auftrag, der ihm ward, der überhaupt den Anfang des an ihn gerichteten und durch ihn gesandten Gotteswortes bildete und der aufs tiefste in sein eigenes Leben und die Gestaltung seines eigenen Geschickes eingriff, sollte er sich persönlich aufs unmittelbarste und tiefste in dieses ganze Verhältnis einleben, wie es durch den Abfall der großen Mehrzahl seines Volkes von Gott sich darstellte. Ihm ward das an sich so befremdliche Gebot, ein notorisch dem Treubruch ergebenes Weib zu ehelichen und ihren des Vaters entbehrenden Kindern Vater zu sein: „denn tief treubrüchig ist das Land aus der Nachfolge Gottes gewichen.“ Durch das heiligste Band sollte er also ein Wesen von solcher Vergangenheit zu heiligstem Zwecke mit sich vereinigen und es, trotz seiner Vergangenheit, oder vielmehr eben wegen seiner Vergangenheit, doch noch für die Reinheit der jüdischen Ehe gewinnen. Die Namen der in dieser Ehe geborenen Kinder hatten gleichfalls die Bestimmung, dem Volke in prägnantester Kürze die folgenschwersten Wahrheiten zu vergegenwärtigen. Die Namen „Jisreël“, „Lo-Ruchama“ und „Lo-Ammi“, stehen in dieser Beziehung den Namen der Kinder des Propheten Jesaias: שְׁאָר יָשׁוּב „ein Rest kehrt zurück,“ und:

מַהֵר שָׁלָל חָשׁ בַּז „der Räuber eilt den Raub zu beschleunigen“ — ganz gleich. Jes. 7, 3. 8, 3.

3
וַיֵּ֙לֶךְ֙ וַיִּקַּ֔ח אֶת־גֹּ֖מֶר בַּת־דִּבְלָ֑יִם וַתַּ֥הַר וַתֵּלֶד־ל֖וֹ בֵּֽן׃
ZunzUnd er ging und nahm Gomer, Tochter Diblajim's; und sie ward schwanger und gebar ihm einen Sohn.
J. J. HirschDa ging er hin und ehelichte Gomer, die Tochter Diblajims. Und sie ward Mutter und gebar ihm einen Sohn.
4
וַיֹּ֤אמֶר יְהֹוָה֙ אֵלָ֔יו קְרָ֥א שְׁמ֖וֹ יִזְרְעֶ֑אל כִּי־ע֣וֹד מְעַ֗ט וּפָ֨קַדְתִּ֜י אֶת־דְּמֵ֤י יִזְרְעֶאל֙ עַל־בֵּ֣ית יֵה֔וּא וְהִ֨שְׁבַּתִּ֔י מַמְלְכ֖וּת בֵּ֥ית יִשְׂרָאֵֽל׃
ZunzUnd der Ewige sprach zu ihm: Nenne ihn Jisreel; denn noch eine kleine Weile, und ich ahnde das Blut Jisreäl's an dem Hause Jehu's, und mache dem Reiche des Hauses Jisraél ein Ende.
J. J. HirschDa sagte Gott zu ihm: „Nenne seinen Namen Jisreël; denn nur noch eine kurze Weile, dann ahnde ich das in Jisreël vergossene Blut an dem Hause Jehus und lasse das Reich des Hauses Jisrael aufhören.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 4. קְרָא שְׁמוֹ יִזְרְעֶאל כִּי וגו' Zwei Momente von ungleichem Gewichte kennzeichnen die Bedeutung des Namens Jisreël: das eine gehört einer Vergangenheit an, die uns in weite Fernen zurückweist, das andere einer Zukunft, die weit über unsere Gegenwart hinausreicht. In unseren beiden Versen ist von dem ersteren die Rede. Es weist auf jenes Jisreël hin, wo einst auf Anstiften der unseligen Isabel der Justizmord an Naboth verübt wurde, der später durch Jehu in der Vernichtung Jorams, Isabels und des ganzen achabitischen Geschlechtes, seiner Priester und Anhänger, eine blutige Sühne gefunden hatte. 2. Kön. 9, 15 ff. Was von reinen Händen die Ausführung des Gottesgerichtes und, durch Vertilgung der dem Verderbnis Verfallenen, die Anbahnung einer reinen Zukunft gewesen wäre, wurde dadurch, daß auch Jehu, wie es das. V. 31 heißt, „nicht von den Sünden Jerobeams ließ, des Verführers Israels“ — zu schwerer Blutschuld, deren baldige Ahndung hier verkündet wird. Das vierte Geschlecht, das ihm im Anfang seiner Regierung auf dem Throne verheißen war, hatte seinen Vertreter in dem Sohne Jerobeams II., Secharja, der nach einer Regierung von nur sechs Monaten von Schallum ermordet wurde (2. Kön. 15, 10). Bei dem Abfalle seines Ahnen Jehu heißt es, 2. Kön. 10, 32 ff., Gott habe bereits Gebietsteile des israelitischen Reiches den siegreichen Waffen Arams preisgegeben. Unter Jerobeam II. hatte Gott noch einmal dem Heere Israels den Sieg verliehen, wie nach 2. Kön. 14, 25 dies durch den Propheten Jona vorher verkündet war. Dem gegenüber wird nun hier dem Volke kein Zweifel darüber gelassen, daß diese Rettung nur eine ganz vorübergehende sei, und daß der Untergang des Hauses Jehu nahe bevorstehe, daß aber auch die Tage des Reiches Israel gezählt seien. Bereits unter Menachem, der den Mörder Secharjas nach nur einmonatlicher Regierung getötet hatte, begann die Abhängigkeit des Reiches von den Assyrern. Und unter Pekach, der Menachems Sohn Pekachja nach zweijähriger Regierung ermordet hatte, eroberte Thiglath-Pileser einen großen Teil des Reiches und führte die Einwohner nach Aschur ins Exil. 2. Kön. 15, 29. Das war jener Pekach, der gegen Juda den Aramäerkönig Rezin herbeigerufen hatte, die beiden Alliierten, die Jesaias dem wie Espenlaub zitternden Achas als „zwei nur noch qualmende Fackelstümpfe“ bezeichnet hatte. Nach zwanzigjähriger Mißregierung wurde Pekach von Hosea ermordet. Als dieser gleich darauf den Assyrern zinspflichtig geworden war und sich dann gegen sie mit ägyptischer Hilfe zu erheben versuchte, nahm ihn Salmanassar gefangen, eroberte nach dreijähriger Belagerung die Hauptstadt Schomron und führte Israel ins Exil. 2. Kön. 17, 3 ff. Der vernichtende Schlag aber, der das Geschick des Reiches besiegeln sollte, so heißt es nun hier, werde „in dem Thale von Jisreël“ geführt werden, und so war der Name des Kindes eine stete Erinnerung an dieses Verhängnis.

Allein die Bedeutung dieses Namens ist doch eine viel tiefere. Nicht bloß auf das an dem Hause Jehu und an dem Reiche Israel sich vollziehende Geschick weist er hin. Vielmehr ganz Israel, seine Bestimmung und seine Zukunft sollte gezeichnet werden, als Hosea die Weisung ward, seinen ältesten Sohn Jisreël zu nennen. Dies geht aus dem folgenden Kapitel V. 2 mit aller Bestimmtheit hervor. Dort wird das durch die Leiden des Exils geläuterte und wiederum vereint von der Erde in das Land seiner Bestimmung hinaufziehende Gesamtisrael geradezu Jisreël genannt, יזרע־אֶל! In unübertragbarer Kürze bezeichnet Jisreël, mit nur leichter Modificierung des Lautes, Israel als die über die Erde „hingestreute Gottessaat“. Das Exil wird durch diesen Namen in seiner doppelten Bedeutung bezeichnet. Das glückliche, selbständige „Israel“ muß seine staatliche Selbständigkeit verlieren, muß über die Erde zerstreut werden, um durch die Leiden des Exils zur Selbsterkenntnis gebracht, zu der Höhe seiner Bestimmung erzogen zu werden. Damit aber wird sofort ein jeder vom wahren jüdischen Geiste beseelte Jude, der in Gesinnung und Thatenleben sich als Verwirklichung des Gottesgesetzes darstellt, schon durch sein bloßes Dasein überall ein „Samenkorn des Göttlichen,“ das in dem Boden der Menschheit einst als Aussaat reinen Menschentums aufgehen soll und wird. Ein jeder verwirklicht damit an seinem bescheidenen Orte die allumfassende menschheitbürgerliche Bestimmung: Menschheitspriester zu sein. Im Hinblick nun auf diese Bestimmung, „eine Gottessaat zu werden,“ mußte der „Bogen Israels,“ seine äußere Macht, gebrochen werden, und dies dürfte der tiefere Sinn unseres Verses sein. Das בַּיּוֹם הַהוּא bezieht sich nicht auf den Untergang der Dynastie Jehu, sondern auf den des israelitischen Reiches.

5
וְהָיָ֖ה בַּיּ֣וֹם הַה֑וּא וְשָֽׁבַרְתִּי֙ אֶת־קֶ֣שֶׁת יִשְׂרָאֵ֔ל בְּעֵ֖מֶק יִזְרְעֶֽאל׃
ZunzUnd es geschieht an selbigem Tage, daß ich zerbreche den Bogen Jisraél's im Thale Jisreél.
J. J. HirschAn jenem Tage wird's geschehen, da zerbreche ich den Bogen Jisraels im Thale Jisreël.“
6
וַתַּ֤הַר עוֹד֙ וַתֵּ֣לֶד בַּ֔ת וַיֹּ֣אמֶר ל֔וֹ קְרָ֥א שְׁמָ֖הּ לֹ֣א רֻחָ֑מָה כִּי֩ לֹ֨א אוֹסִ֜יף ע֗וֹד אֲרַחֵם֙ אֶת־בֵּ֣ית יִשְׂרָאֵ֔ל כִּֽי־נָשֹׂ֥א אֶשָּׂ֖א לָהֶֽם׃
ZunzUnd sie ward wieder schwanger und gebar eine Tochter, und er sprach zu ihm: Nenne sie Lo Ruchamah [Ungeliebte]; denn nicht mehr will ich fortan das Haus Jisraël lieben, sondern ihren Theil werd' ich ihnen geben.
J. J. HirschDa ward sie nochmals Mutter und gebar eine Tochter, da sagte er zu ihm: „Nenne ihren Namen Lo-Ruchama, [Erbarmensverlustige], denn ich werde nicht fortfahren, mich ferner des Hauses Jisrael als meines Kindes zu erbarmen, denn verzeihen werde ihnen [den einzelnen] wohl.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 6. Die Tochter wird לֹא רֻחָמָה genannt. Es treten uns im Ganzen zwei Söhne und eine Tochter entgegen, die in ihren Namen sich als Bezeichnungen Israels in seinen damaligen Beziehungen zu Gott aussprechen. Ebenso haben wir einen Gegensatz zwischen נָשֹׂא אֶשָּׂא, welches bejaht, und אֲרַחֵם, welches verneint wird, und zwar ist das Object von beiden Israel, das bei jenem als eine Vielheit, לָהֶם, also in seinen einzelnen Gliedern, bei diesem aber als eine Einheit, בֵּית יִשְׂרָאֵל, also als Gesamtheit angeschaut wird. Nun wird die Nation in ihrer Gesamtheit und als Trägerin der Idee, die durch sie zur Verwirklichung kommen soll, in der Regel als weibliche Einheit geschaut, als geistige Mutter aller ihrer Glieder. Ueber diese Gesamtheit wird nun hier ausgesprochen: לֹא רֻחָמָה, ihr kann ich kein Erbarmen schenken, denn, oder: wenn ich auch: לָהֶם den einzelnen wohl verzeihen werde.“ Wie tief die einzelnen auch gesunken sein mögen, Verzeihung giebt es für alle. Allein jenes Erbarmen, welches durch רַחֵם bezeichnet wird, ist die Liebe, die auf dem Kindschaftsverhältnisse beruht. Diese Liebe ist einerseits die weitestreichende, sie umfaßt alle Wesen, denn jedes Wesen bleibt Kind des ewigen Vaters, und so lange ein Mensch sich noch als Kind zu seinem Vater fühlt, also Gott noch anerkennt, so lange findet er Gott als barmherzigen Vater. Wenn aber dieses Kindschaftsverhältnis geleugnet, also die Idee des Verhältnisses Israels zu Gott geleugnet wird, dann kann Gott wohl den einzelnen, sobald sie reuig zurückkehren, verzeihen, allein der principiell im Abfall verharrenden, das Grundprincip des Kindschaftsverhältnisses leugnenden Gesamtheit kann Gott kein Vatererbarmen schenken, das sie ja grundsätzlich verschmähen. Darum wird der Staat, als Repräsentant dieser Gesamtheit, verworfen, und er verfällt der Vernichtung, während die einzelnen zu „Jisreël“ erzogen werden sollen.

7
וְאֶת־בֵּ֤ית יְהוּדָה֙ אֲרַחֵ֔ם וְהוֹשַׁעְתִּ֖ים בַּיהֹוָ֣ה אֱלֹהֵיהֶ֑ם וְלֹ֣א אוֹשִׁיעֵ֗ם בְּקֶ֤שֶׁת וּבְחֶ֙רֶב֙ וּבְמִלְחָמָ֔ה בְּסוּסִ֖ים וּבְפָרָשִֽׁים׃
ZunzDas Haus Jehudah aber werd' ich lieben und ihnen helfen durch den Ewigen ihren Gott; und nicht werd' ich ihnen helfen durch Bogen und Schwert und durch Krieg, durch Rosse und Reiter.
J. J. HirschDes Hauses Juda aber werde ich mich wohl als meines Kindes erbarmen, und werde ihnen helfen, weil Gott noch ihr Gott ist — nicht aber werde ich ihnen durch Bogen, Schwert und Krieg, durch Rosse und Reiter helfen.“
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 7. Dem „Hause Juda“ aber wird dieses Vatererbarmen zu teil. Denn wenn auch die einzelnen vielfach sündigten, so war doch principiell das Bewußtsein von „Gott als ihrem Gotte“ nicht geschwunden, das Band nicht zerrissen, darum: אֶת־בֵּית יְהוּדָה אֲרַחֵם, werde ich mich des Hauses Juda als meines Kindes erbarmen und werde ihnen helfen, weil sie mich noch als ihren Gott anerkennen. Nicht aber durch Bogen und Schwert und Kampf, durch diejenigen Mittel, auf die man sich im israelitischen Reiche gestützt und durch die Jerobeam II. ja auch zeitweilige Erfolge erreicht hatte. Diese dem Reiche Juda verheißene Hülfe ohne Kampf ihrerseits bezieht sich wohl auf die letzte große Gottesoffenbarung in der Vernichtung des Assyrerheeres vor Jerusalems Mauern, nachdem an dem Reiche Israel bereits das Gottesgericht durch die Assyrer vollzogen war.

8
וַתִּגְמֹ֖ל אֶת־לֹ֣א רֻחָ֑מָה וַתַּ֖הַר וַתֵּ֥לֶד בֵּֽן׃
ZunzUnd sie entwöhnte die Lo Ruchamah, und ward schwanger und gebar einen Sohn.
J. J. HirschAls sie die Lo-Ruchama entwöhnte, ward sie Mutter und gebar einen Sohn.
9
וַיֹּ֕אמֶר קְרָ֥א שְׁמ֖וֹ לֹ֣א עַמִּ֑י כִּ֤י אַתֶּם֙ לֹ֣א עַמִּ֔י וְאָנֹכִ֖י לֹא־אֶהְיֶ֥ה לָכֶֽם׃ {פ}
ZunzUnd er sprach: Nenne ihn: Lo Ammi [Nicht-mein-Volk]; denn ihr seid nicht mein Volk, und ich werde nicht euer (Gott) seyn.
J. J. HirschDa sprach er: „Nenne seinen Namen Lo-Ammi, denn ihr seid nicht mein Volk, und Ich werde euch nicht sein.“
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 9. לֹא־אֶהְיֶה לָכֶם: ich werde euch nicht sein, d. i. nicht für euch sein, euch nicht angehören, für euch nicht da sein.