Chaggaj חגי

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Kapitel

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Einleitung von Julius Jehuda Hirsch

Chaggai.

Die Zeit Chaggais und sein Buch. Der Prophet Chaggai, über dessen Person wir nichts Näheres wissen, ist der erste der drei nun folgenden Propheten, die in jener Zeit gesandt wurden, die als eine partielle Geula zu kennzeichnen ist. Die Katastrophe, die Zephanja und die ihm vorangehenden Propheten verkündet, die Jeremias erlebt hatte, lag nunmehr mehr als siebzig Jahre zurück. Mit der Zerstörung des jüdischen Reiches sollte der Triumph des göttlichen Gesetzes beginnen. In dem Jahrtausend der Königsherrschaft hatte es sich gezeigt, daß wir nicht fähig waren, politische Selbständigkeit und Größe in der gottgewollten Weise durch treue Erfüllung seines Gesetzes zur Verwirklichung edlen Menschentums in der Gestaltung aller Verhältnisse des Einzel-, des socialen und des politischen Lebens zu verwenden. Die maßgebenden Faktoren in Juda waren nicht schlechter, aber auch nicht besser als die der Völker seiner Umgebung, der damaligen „civilisierten“ Welt. Deren Beispiel war auch für Judas Größe maßgebend gewesen. Politische Selbständigkeit sollte uns mit der Rückkehr aus dem babylonischen Exil nicht wieder verliehen werden. Um so herrlicher aber sollte sich die Macht des göttlichen Gesetzes offenbaren, dessen treue Erfüllung allein imstande und auch allein ausreichend sei, dem Volke der menschheitpriesterlichen Bestimmung, ohne königliches Oberhaupt und ohne politische Selbständigkeit, Blüte und Gedeihen und Achtung im Kreise der Völker, — diesem Gesetze selbst aber eben durch die innige Beziehung, in die sein Volk mit den anderen Völkern nunmehr getreten war, huldigende Anerkennung und Verehrung zu gewinnen. Eine Verkennung dieser Bestimmung war es, als die Fürsten aus dem Makkabäerhause in politischen Aspirationen nach Selbständigkeit ihre höchsten Ziele erstrebten. In der Erlaubnis zur Wiedererbauung des Tempels und der Bereitstellung der Mittel zu diesem Aufbau zeigte sich die erste Anerkennung der persischen Könige Gott gegenüber, dem dieser Tempel geweiht war, und gegenüber dem Gesetze, das in diesem Tempel thronen sollte. Der Tempel aber war ein Galuth-Tempel. Der bei weitem größte Teil der Nation war ja dem Lande fern. Der Tempel sollte der ragende Mittelpunkt der Glieder dieses zum Teil in weiter Ferne weilenden Volkes sein, die in ihm vollbrachten Opfer der symbolische Gelobungsausdruck der Hingebung der Volksgesamtheit an das in ihm thronende Gottesgesetz. Zusammenhaltung der Zerstreuten und zugleich und eben dadurch Verkündigung der Hoheit dieses Gesetzes auch unter den Völkern, in deren Mitte sich die Zerstreuten befanden — das war die Bestimmung dieses Galuth-Tempels. Das ist der Grund, weshalb Chaggai dem Zürnen Gottes Ausdruck zu geben hatte, als in Kleinmut und Gleichgültigkeit das Volk säumte, den durch die Ränke der Samaritaner ins Stocken geratenen Bau wieder aufzunehmen. Das, und nicht etwa, wie die auf einem anderen Boden erwachsene Anschauung meint, weil an den Bau des Tempels der mit Israel geschlossene Heilesbund geknüpft gewesen wäre, zu dessen Erhaltung ja vielmehr die Zerstörung auch des Tempels wie des Reiches inmitten des pflichtvergessenen Volkes notwendig geworden war. Vergl. Jes. 1, 27: צִיּוֹן בְּמִשְׁפָּט תִּפָּדֶה. Nur in diesem Sinne sind ferner die Worte zu verstehen: וְאֶכָּבְדָה בו (1, 8), ich will durch ihn geehrt werden. Dies charakteristische Gepräge der politischen Unselbständigkeit, das fortan der jüdischen Geschichte mit nur kurzer Unterbrechung aufgedrückt ist, tritt sofort V. 1 in der Zeitrechnung nach den persischen Königen und in der Bezeichnung Serubabels als Statthalters von Juda zu Tage.

Zum Verständnis des Augenblickes, in den uns Chaggais Worte versetzen, sei in aller Kürze daran erinnert, daß nach Ablauf der siebzig Jahre des babylonischen Exiles Koresch (Cyrus) im ersten Jahre seiner Herrschaft in huldigender Anerkennung Gottes (Esra 1, 2 ff) den Juden die Erlaubnis zur Rückkehr gegeben und den Wiederaufbau des Tempels und dessen allseitige Förderung befohlen hatte. Von dieser Erlaubnis hatten 42360 Gebrauch gemacht und waren mit ihren 7337 Knechten und Mägden in die Heimat zurückgekehrt (Esra 2, 64. 65) unter der Führung des aus davidischem Geschlechte stammenden, zum Statthalter in Juda ernannten jüdischen Fürsten Serubabel und des Hohenpriesters Josua. Mit dem Herannahen des siebten Monats im Jahre ihrer Heimkehr hatten sie sich, so berichtet Esra 3, 1 ff., wie ein Mann von den Städten, in denen sie sich niedergelassen, nach Jerusalem versammelt, hatten den Altar wieder errichtet und mit dem ersten des siebten Monats, dem ersten Rosch-Haschana nach ihrer Heimkehr, den Opferdienst wieder begonnen und sodann gemeinsam nach Vorschrift das Suckothfest begangen, sofort auch die Vorbereitungen zum Wiederaufbau des Tempels in Angriff genommen (das. V. 7), sodaß bereits im zweiten Monate des nächsten Jahres unter lautem Jubel und gottbegeistertem Danke des Volkes, durch den freilich das Weinen der Alten nicht übertönt wurde, der Grundstein zum Tempel gelegt werden konnte. Der Weiterführung des Baues waren jedoch durch die Ränke und gehässigen Denunciationen der Samaritaner Schwierigkeiten bereitet worden, und es war denselben gelungen, das Volk zu entmutigen, jedenfalls es lässig zu machen, sodaß der Bau ganz eingestellt wurde. Denn der Esra 4, 6 ff. erwähnte Erlaß des Perserkönigs, der den Aufbau und die Befestigung verbot, erfolgte erst zwölf Jahre später unter Achaschwerosch oder Artachschascht, dem zweiten Nachfolger des Cyrus, sodaß, wenn es Esra 4, 24 heißt: darauf unterblieb der Bau des Tempels bis zum zweiten Jahre des Darjawesch, das Volk keineswegs von dem Vorwurfe entlastet wird, daß es den Bau nicht schon innerhalb der zurückliegenden zwölf Jahre fertig gestellt hatte, bevor die Samaritaner die Zurücknahme des Befehls zur Wiedererbauung erwirkt hatten. Diese Sachlage geht mit Evidenz aus dem Inhalte des ersten Kapitels Chaggais hervor. Nicht die Ungunst der Zeitverhältnisse, — das ist der Vorwurf, den er seinem Volke macht, — sondern Kleinmut und Gleichgültigkeit seien die wahren Ursachen der so langen Verzögerung und Unterbrechung des Baues gewesen und sie hätten die Heimkehrenden auch so lange des göttlichen Segens verlustig gemacht (1, 1—11). Die Worte des als „Gottesbote“ in ihrer Mitte dastehenden Propheten machen tiefen Eindruck auf das Volk und seine Führer, und voll frischen Mutes gehen sie nun wieder an den Bau (12—15).

Den Inhalt des zweiten Kapitels bildet die Schilderung der weitgreifenden Bedeutung dieses Tempels (V. 1—9), die eindringliche Ermahnung zur Selbstzucht und zur Hut vor der Verführung, die Verheißung des göttlichen Segens (V. 10—19) und endlich der Ausblick auf die gewaltigen weltgeschichtlichen Erschütterungen und Umwälzungen, innerhalb deren sich das unter Serubabel, dem „Diener Gottes“, gegründete Werk bewähren werde (V. 20—23).

Kap. 1. V. 1. דָּרְיָוֶשׁ, der Esra 4, 5 und 24 als König von Persien bezeichnet wird, ist wohl identisch mit dem 521—486 v. d. g. Z. regierenden Könige Darius Hystaspis. Ein späterer Darius, etwa D. Nothus, kann nicht gemeint sein, da noch dieselben Männer an der Spitze Judas stehen, die 536 auf Cyrus Befehl die aus dem Exile Zurückkehrenden heimgeführt hatten; ebenso redet ja Chaggai 2, 3 die noch lebenden Alten an, die des ersten Hauses Herrlichkeit noch geschaut hatten, es kann also unmöglich die Zeit des über hundert Jahre nach dem Ende des Exils zur Regierung gelangten Darius Nothus gewesen sein. Wohl aber entspricht das zweite Jahr des Darjawesch dem Jahre 519, als dem 2. Jahre des Darius Hystaspis. —

Serubabel wird hier der Sohn Schealthiels genannt, 1 Chron. 3, 19 wird jedoch Pedaja als Vater Serubabels bezeichnet. Die das. V. 18 Genannten, zu denen auch Pedaja gehört, werden deshalb mit Recht nicht für Söhne, wie es nach der Kürze des Textes zunächst erscheint, sondern für Enkel Jojachins und für Söhne Schealthiels gehalten. Demgemäß wäre die hier und in Secharja und Esra vorkommende Bezeichnung Serubabels als בֶּן שְׁאַלְתִּיאֵל oder שַׁלְתִּיאֵל im weiteren Sinne zu fassen, wie auch sonst wohl der Enkel der Sohn des Großvaters genannt wird. Vergl. Gen. 28, 13. Im Hinblick auf das Jer. 22, 30 über Jojachin (=Chonjahu, Jechonja) ausgesprochene Verhängnis lehren die Weisen, daß das Unglück ihn geläutert und seine Reue eine Aufhebung des Verhängnisses bewirkt habe. Darauf dürfte auch das neben dem Namen Jechonjas bei Aufführung seiner Söhne oder seines Sohnes Chron. 3, 17 stehende אֲסִיר hinweisen. Nach Construction und Accent ist dasselbe nicht der Name des erstgebornen Sohnes, sondern Apposition zu Jechonja und bezeichnet ihn als Gefangenen. In lapidarer Kürze wäre damit das umgestaltende Moment hervorgehoben, das den „Gefangenen Jechonja“ als eine von dem einst regierenden, über den das Verhängnis ausgesprochen war, vollständig geschiedene Persönlichkeit bezeichnet. Daß der eine Sohn Schealthiel durch den Plural וּבְנֵי eingeführt wird, hat bei einer allgemeinen Aufzählung der Geschlechter nichts Auffälliges, vergl. das Entgegengesetzte V. 21 das., wo eine Mehrheit mit וּבֵן eingeleitet wird. Wollte man aber selbst אֲסִיר als Namen auffassen, so würde in der Thatsache, daß der König seinem erstgeborenen Sohne diesen Namen, als den „im Gefängnis Erzeugten“ gab, gleichfalls ein Hinweis auf die Sinnesänderung und die Ergebung in die sie herbeiführende Heimsuchung gegeben sein. Wir halten jedoch אֲסִיר für eine Apposition zu Jechonja, denn das durch עֲרִירִי in Jer. a. a. O. ausgesprochene Verhängnis bedeutet nicht, daß er keine Kinder haben, sondern daß sie ihn nicht überleben werden, daß er also ohne Nachkommen sterben solle. Dies geht mit Evidenz durch die unmittelbar zuvor V. 28 das. ausgesprochenen Worte hervor, nach denen „dieser Mann, Chonjahu, הוּא וְזַרְעוֹ, er und seine Nachkommen in ein fernes Land geschleudert werden sollten“. Daher kann der erstgeborene Sohn nicht erst von der Gefangenschaft seinen Namen haben. Die Aufhebung des Verhängnisses zeigt sich in der Erhaltung seiner Nachkommen, als deren edelster und größter uns hier Serubabel, der Führer der aus dem Exile Heimkehrenden, der Statthalter von Juda, entgegentritt. — פַּחַת stat. constr. von פֶּחָה, Statthalter, auch unter Salomo 1 Kön. 10, 15.