Chaggaj 2 חגי
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 20—23. An demselben Tage erging noch einmal das Wort Gottes an Chaggai. Die gewaltigen Erschütterungen, auf die hier hingewiesen wird, sind wohl identisch mit den oben V. 6 f. verkündeten; es wird also, wie wir glauben, nochmals hingewiesen auf den Sturz des Perserreiches, sowie auf den Sturz auch des seinen ruhmgekrönten Gründer nicht überdauernden macedonischen Reiches und die Zeit der Diadochenkämpfe. Während in allen diesen Kämpfen sich die Nichtigkeit der materiellen Macht erweist, der Sieger von heute der Besiegte von morgen ist, und die gewaltigsten Reiche trotz aller Kriegskunst und Kriegsmacht dem Untergange verfallen: wird das unter Serubabel, dem abhängigen, der Selbstherrscherhoheit entbehrenden „Statthalter von Juda“ gegründete Werk bestehen bleiben. Ohne Rosse und Streitwagen, ohne jegliche Kriegsmacht, ohne Königsthron, wird das durch Serubabel repräsentierte abhängige Juda bestehen bleiben und fort und fort bestehen. So wird Serubabel durch die Fortdauer des von ihm vollbrachten Werkes zum „Siegel“. Das Siegel ist an sich winzig klein und an sich bedeutungslos, und doch dient es zur Beglaubigung der ganzen Akte und verleiht ihr erst Kraft und bekundet den, von dem sie ausgeht. Ein solches Gottessiegel in der Geschichte ist Serubabel. Dadurch daß das von ihm wieder aufgenommene und vollbrachte Werk bestehen bleibt, während die gewaltigsten Reiche dem Untergang verfallen, wird der Menschheit gezeigt, daß ihre Geschicke einen Lenker haben. Für das Walten Gottes in der Geschichte bildet das unter Serubabel Vollbrachte den lautesten Zeugen. In diesem Sinne wird er hier das Gottessiegel genannt, an dem Gelingen und dem Bestande seines Werkes werden die Menschen erkennen: „daß ich dich erwählt habe“. Der V. 21 mit tiefer Beziehung, wie wir sahen, als „Statthalter Judas“ bezeichnete Serubabel wird V. 23: „mein Diener“ genannt. Während jene Völkergrößen nur im Dienste ihrer Interessen und Leidenschaften standen und strebten, willst du nichts für dich, stehst du nur im Dienste meiner Sache, darin liegt das Geheimnis deines Sieges und der ewigen Bedeutung deines Wirkens. Wegen der weltgeschichtlichen Bedeutung dieses äußerlich so bescheidenen Wirkens und weil sein Gelingen nur deshalb möglich ist, weil der Allmächtige, in dessen Hand alle geschaffenen Wesen und Kräfte stehen, dieses Gelingen will und als dessen Werk die V. 22 verkündeten Umwälzungen in der Geschichte bezeichnet werden, deshalb wird V. 23 zweimal Gott als „Gott der Schöpfungsscharen“, und dreimal die Verheißung als נְאֻם ה' bezeichnet.
Es liegt übrigens auf der Hand, daß die hier an Serubabel ausgesprochenen Verheißungen weit über seine individuelle Persönlichkeit, jedenfalls über die Zeit seines Wirkens auf Erden hinausreichen. Die hier verkündeten Erschütterungen beziehen sich ja nicht bloß auf ein Reich, es ist ja ausdrücklich von dem Untergange vieler Reiche die Rede, also von Ereignissen, die erst lange nach Serubabels Heimgang sich vollzogen, mögen wir für sein Leben auch eine noch so lange Dauer annehmen. Serubabel steht hier als Repräsentant Israels da. Mit dem Untergang des jüdischen Staates, der Zerstörung des Tempels und der Wegführung der Volksreste in ein fremdes Land war ja Israel nach menschlichem Ermessen und nach den sonst in der Geschichte geltenden Gesetzen aus der Reihe der Völker gestrichen, es gehörte nur noch der Vergangenheit an. Was unter Serubabels Führung sich vollzog, war vor den Augen der Völker die Wiederauferstehung eines Toten oder Totgeglaubten, es war der thatsächliche Beweis, daß Israel noch lebe. Und wenn nun dieses wiedererstandene jüdische Gemeinwesen das mächtige Weltreich überdauerte, unter dessen Herrschaft es wieder gegründet war, und es auch dessen Nachfolger überdauerte und so viele andere Reiche überdauerte, und alles dies ohne kriegerische Macht, ohne politische Selbständigkeit — so war in dem Bestande dieses unter Serubabel begonnenen Werkes die Unsterblichkeit Israels thatsächlich bekundet. In diesem Bestande zeigte es sich, daß ein anderes, von dem der Völker verschiedenes Princip die Lebensseele dieses Volkes bilde, jenes Princip, das in dem auf Zion ragenden Tempel wiederum seine Stätte habe auf Erden, das aber keineswegs an diese Stelle geknüpft sei, da es auch seine fernen Söhne im Dasein zu erhalten und sich wiederzugewinnen vermocht hatte. In diesem Bestande zeigte es sich, daß das Wort, dessen Träger es ist, daß das Gesetz, nach dem es sein Leben gestaltet, nicht Menschensatzung und nicht Priestertrug, sondern das Wort des allmächtigen Gottes ist, des Lenkers aller Zeiten. In diesem Sinne ist Serubabel, ist sein Werk, ist der Fortbestand Israels das leuchtende Gottessiegel auf den Geschickesgestaltungen der Völker, das Gott als den in ihnen waltenden bekundet.
Daß aber dieser durch die Bezeichnung עַבְדִּי aus Gottes Munde geadelte Serubabel, unter dessen Führung das Werk begonnen, dessen Bedeutung wir eben mit schwachen Zügen angedeutet, zugleich dem Geschlechte des Mannes entstammte, mit dem Gott den „ewigen Bund“ geschlossen für seine Heilesziele mit Israel und der Menschheit, jenen Bund, der עֲרוּכָה בַכֹּל וּשְׁמוּרָה, „eingeordnet ist in das All und bewahret von dem All“ (2 Sam. 23, 5), — daß Serubabel ein Sprößling Davids ist, also jenem bereits „gefällten Stamme“ entsprossen, aus dessen dem Menschenauge lange entzogenen „Wurzeln“ einst am Ziele der Zeiten (Jes. 11, 1) „ein Trieb aufgehen soll, auf dem der Geist Gottes ruhen“ und durch den das Gottesreich auf Erden eine Wahrheit werden wird —: macht diese Thatsache diesen früheren Sprößling, unter dem die Erbauung des zweiten Hauses und die Rückkehr aus dem ersten Exile sich vollzog, nicht zum Gottessiegel auch für die Verheißung des späteren Sprößlings aus dem Isai-Stamme, unter dem das dritte, das ewige Haus erstehen, Israels Rückkehr aus dem großen Exile erfolgen und Israels und der Menschheit Erlösung sich vollziehen wird?
Ist aber, von allen diesen Ausblicken in die ferne Zukunftperspektive abgesehen, nicht auch noch in einer anderen Beziehung Serubabel, die bloße Persönlichkeit Serubabels, die einfache Thatsache seines Daseins und seiner Stellung nicht auch ein „Gottessiegel“, eine Bekundung der göttlichen Liebeswaltung in der Erziehung der einzelnen Menschen wie der Völker? Ist denn nicht dieser Serubabel, den Gott hier wie einst unseren Moses und David „seinen Diener“ nennt, der ein solches Werkzeug für die Waltungsziele Gottes war, ist er nicht der Abkömmling des Mannes, jenes Chonjahu, von dem einst Jirmejahu (22, 24. 30) auszusprechen hatte, daß er kinderlos sterben, daß von seinen Nachkommen nie einer auf dem Davidsthrone sitzen, noch eine Herrscherstellung einnehmen solle in Juda? Ist Serubabel somit nicht die thatgewordene Verkündung des Gottes der Liebe und des Erbarmens, zu dem auch dem tiefstgesunkenen seiner Kinder die Rückkehr offen steht, so es sich besinnet und sich seinem Vater wieder zuwendet? Über den verblendeten und in Trotz verhärteten Herrscher Chonjahu war das Verhängnis des Unterganges seines Geschlechtes ausgesprochen: über den „Gefangenen Chonjahu“ wurde es gelöst — „Siehe da die Allgewalt der Reue und der Besserung!“ spricht das Wort der Weisen. Für die Wahrheit, daß die Thräne im Auge des reuigen Sünders der nimmer versagende Schlüssel zum Herzen des Vaters ist, ohne Opfer und ohne Mittler — auch für diese Wahrheit stehet Serubabel als das „Gottessiegel“ da.