Chaggaj 1 חגי
Einleitung von Julius Jehuda Hirsch
Chaggai.
Die Zeit Chaggais und sein Buch. Der Prophet Chaggai, über dessen Person wir nichts Näheres wissen, ist der erste der drei nun folgenden Propheten, die in jener Zeit gesandt wurden, die als eine partielle Geula zu kennzeichnen ist. Die Katastrophe, die Zephanja und die ihm vorangehenden Propheten verkündet, die Jeremias erlebt hatte, lag nunmehr mehr als siebzig Jahre zurück. Mit der Zerstörung des jüdischen Reiches sollte der Triumph des göttlichen Gesetzes beginnen. In dem Jahrtausend der Königsherrschaft hatte es sich gezeigt, daß wir nicht fähig waren, politische Selbständigkeit und Größe in der gottgewollten Weise durch treue Erfüllung seines Gesetzes zur Verwirklichung edlen Menschentums in der Gestaltung aller Verhältnisse des Einzel-, des socialen und des politischen Lebens zu verwenden. Die maßgebenden Faktoren in Juda waren nicht schlechter, aber auch nicht besser als die der Völker seiner Umgebung, der damaligen „civilisierten“ Welt. Deren Beispiel war auch für Judas Größe maßgebend gewesen. Politische Selbständigkeit sollte uns mit der Rückkehr aus dem babylonischen Exil nicht wieder verliehen werden. Um so herrlicher aber sollte sich die Macht des göttlichen Gesetzes offenbaren, dessen treue Erfüllung allein imstande und auch allein ausreichend sei, dem Volke der menschheitpriesterlichen Bestimmung, ohne königliches Oberhaupt und ohne politische Selbständigkeit, Blüte und Gedeihen und Achtung im Kreise der Völker, — diesem Gesetze selbst aber eben durch die innige Beziehung, in die sein Volk mit den anderen Völkern nunmehr getreten war, huldigende Anerkennung und Verehrung zu gewinnen. Eine Verkennung dieser Bestimmung war es, als die Fürsten aus dem Makkabäerhause in politischen Aspirationen nach Selbständigkeit ihre höchsten Ziele erstrebten. In der Erlaubnis zur Wiedererbauung des Tempels und der Bereitstellung der Mittel zu diesem Aufbau zeigte sich die erste Anerkennung der persischen Könige Gott gegenüber, dem dieser Tempel geweiht war, und gegenüber dem Gesetze, das in diesem Tempel thronen sollte. Der Tempel aber war ein Galuth-Tempel. Der bei weitem größte Teil der Nation war ja dem Lande fern. Der Tempel sollte der ragende Mittelpunkt der Glieder dieses zum Teil in weiter Ferne weilenden Volkes sein, die in ihm vollbrachten Opfer der symbolische Gelobungsausdruck der Hingebung der Volksgesamtheit an das in ihm thronende Gottesgesetz. Zusammenhaltung der Zerstreuten und zugleich und eben dadurch Verkündigung der Hoheit dieses Gesetzes auch unter den Völkern, in deren Mitte sich die Zerstreuten befanden — das war die Bestimmung dieses Galuth-Tempels. Das ist der Grund, weshalb Chaggai dem Zürnen Gottes Ausdruck zu geben hatte, als in Kleinmut und Gleichgültigkeit das Volk säumte, den durch die Ränke der Samaritaner ins Stocken geratenen Bau wieder aufzunehmen. Das, und nicht etwa, wie die auf einem anderen Boden erwachsene Anschauung meint, weil an den Bau des Tempels der mit Israel geschlossene Heilesbund geknüpft gewesen wäre, zu dessen Erhaltung ja vielmehr die Zerstörung auch des Tempels wie des Reiches inmitten des pflichtvergessenen Volkes notwendig geworden war. Vergl. Jes. 1, 27: צִיּוֹן בְּמִשְׁפָּט תִּפָּדֶה. Nur in diesem Sinne sind ferner die Worte zu verstehen: וְאֶכָּבְדָה בו (1, 8), ich will durch ihn geehrt werden. Dies charakteristische Gepräge der politischen Unselbständigkeit, das fortan der jüdischen Geschichte mit nur kurzer Unterbrechung aufgedrückt ist, tritt sofort V. 1 in der Zeitrechnung nach den persischen Königen und in der Bezeichnung Serubabels als Statthalters von Juda zu Tage.
Zum Verständnis des Augenblickes, in den uns Chaggais Worte versetzen, sei in aller Kürze daran erinnert, daß nach Ablauf der siebzig Jahre des babylonischen Exiles Koresch (Cyrus) im ersten Jahre seiner Herrschaft in huldigender Anerkennung Gottes (Esra 1, 2 ff) den Juden die Erlaubnis zur Rückkehr gegeben und den Wiederaufbau des Tempels und dessen allseitige Förderung befohlen hatte. Von dieser Erlaubnis hatten 42360 Gebrauch gemacht und waren mit ihren 7337 Knechten und Mägden in die Heimat zurückgekehrt (Esra 2, 64. 65) unter der Führung des aus davidischem Geschlechte stammenden, zum Statthalter in Juda ernannten jüdischen Fürsten Serubabel und des Hohenpriesters Josua. Mit dem Herannahen des siebten Monats im Jahre ihrer Heimkehr hatten sie sich, so berichtet Esra 3, 1 ff., wie ein Mann von den Städten, in denen sie sich niedergelassen, nach Jerusalem versammelt, hatten den Altar wieder errichtet und mit dem ersten des siebten Monats, dem ersten Rosch-Haschana nach ihrer Heimkehr, den Opferdienst wieder begonnen und sodann gemeinsam nach Vorschrift das Suckothfest begangen, sofort auch die Vorbereitungen zum Wiederaufbau des Tempels in Angriff genommen (das. V. 7), sodaß bereits im zweiten Monate des nächsten Jahres unter lautem Jubel und gottbegeistertem Danke des Volkes, durch den freilich das Weinen der Alten nicht übertönt wurde, der Grundstein zum Tempel gelegt werden konnte. Der Weiterführung des Baues waren jedoch durch die Ränke und gehässigen Denunciationen der Samaritaner Schwierigkeiten bereitet worden, und es war denselben gelungen, das Volk zu entmutigen, jedenfalls es lässig zu machen, sodaß der Bau ganz eingestellt wurde. Denn der Esra 4, 6 ff. erwähnte Erlaß des Perserkönigs, der den Aufbau und die Befestigung verbot, erfolgte erst zwölf Jahre später unter Achaschwerosch oder Artachschascht, dem zweiten Nachfolger des Cyrus, sodaß, wenn es Esra 4, 24 heißt: darauf unterblieb der Bau des Tempels bis zum zweiten Jahre des Darjawesch, das Volk keineswegs von dem Vorwurfe entlastet wird, daß es den Bau nicht schon innerhalb der zurückliegenden zwölf Jahre fertig gestellt hatte, bevor die Samaritaner die Zurücknahme des Befehls zur Wiedererbauung erwirkt hatten. Diese Sachlage geht mit Evidenz aus dem Inhalte des ersten Kapitels Chaggais hervor. Nicht die Ungunst der Zeitverhältnisse, — das ist der Vorwurf, den er seinem Volke macht, — sondern Kleinmut und Gleichgültigkeit seien die wahren Ursachen der so langen Verzögerung und Unterbrechung des Baues gewesen und sie hätten die Heimkehrenden auch so lange des göttlichen Segens verlustig gemacht (1, 1—11). Die Worte des als „Gottesbote“ in ihrer Mitte dastehenden Propheten machen tiefen Eindruck auf das Volk und seine Führer, und voll frischen Mutes gehen sie nun wieder an den Bau (12—15).
Den Inhalt des zweiten Kapitels bildet die Schilderung der weitgreifenden Bedeutung dieses Tempels (V. 1—9), die eindringliche Ermahnung zur Selbstzucht und zur Hut vor der Verführung, die Verheißung des göttlichen Segens (V. 10—19) und endlich der Ausblick auf die gewaltigen weltgeschichtlichen Erschütterungen und Umwälzungen, innerhalb deren sich das unter Serubabel, dem „Diener Gottes“, gegründete Werk bewähren werde (V. 20—23).
Kap. 1. V. 1. דָּרְיָוֶשׁ, der Esra 4, 5 und 24 als König von Persien bezeichnet wird, ist wohl identisch mit dem 521—486 v. d. g. Z. regierenden Könige Darius Hystaspis. Ein späterer Darius, etwa D. Nothus, kann nicht gemeint sein, da noch dieselben Männer an der Spitze Judas stehen, die 536 auf Cyrus Befehl die aus dem Exile Zurückkehrenden heimgeführt hatten; ebenso redet ja Chaggai 2, 3 die noch lebenden Alten an, die des ersten Hauses Herrlichkeit noch geschaut hatten, es kann also unmöglich die Zeit des über hundert Jahre nach dem Ende des Exils zur Regierung gelangten Darius Nothus gewesen sein. Wohl aber entspricht das zweite Jahr des Darjawesch dem Jahre 519, als dem 2. Jahre des Darius Hystaspis. —
Serubabel wird hier der Sohn Schealthiels genannt, 1 Chron. 3, 19 wird jedoch Pedaja als Vater Serubabels bezeichnet. Die das. V. 18 Genannten, zu denen auch Pedaja gehört, werden deshalb mit Recht nicht für Söhne, wie es nach der Kürze des Textes zunächst erscheint, sondern für Enkel Jojachins und für Söhne Schealthiels gehalten. Demgemäß wäre die hier und in Secharja und Esra vorkommende Bezeichnung Serubabels als בֶּן שְׁאַלְתִּיאֵל oder שַׁלְתִּיאֵל im weiteren Sinne zu fassen, wie auch sonst wohl der Enkel der Sohn des Großvaters genannt wird. Vergl. Gen. 28, 13. Im Hinblick auf das Jer. 22, 30 über Jojachin (=Chonjahu, Jechonja) ausgesprochene Verhängnis lehren die Weisen, daß das Unglück ihn geläutert und seine Reue eine Aufhebung des Verhängnisses bewirkt habe. Darauf dürfte auch das neben dem Namen Jechonjas bei Aufführung seiner Söhne oder seines Sohnes Chron. 3, 17 stehende אֲסִיר hinweisen. Nach Construction und Accent ist dasselbe nicht der Name des erstgebornen Sohnes, sondern Apposition zu Jechonja und bezeichnet ihn als Gefangenen. In lapidarer Kürze wäre damit das umgestaltende Moment hervorgehoben, das den „Gefangenen Jechonja“ als eine von dem einst regierenden, über den das Verhängnis ausgesprochen war, vollständig geschiedene Persönlichkeit bezeichnet. Daß der eine Sohn Schealthiel durch den Plural וּבְנֵי eingeführt wird, hat bei einer allgemeinen Aufzählung der Geschlechter nichts Auffälliges, vergl. das Entgegengesetzte V. 21 das., wo eine Mehrheit mit וּבֵן eingeleitet wird. Wollte man aber selbst אֲסִיר als Namen auffassen, so würde in der Thatsache, daß der König seinem erstgeborenen Sohne diesen Namen, als den „im Gefängnis Erzeugten“ gab, gleichfalls ein Hinweis auf die Sinnesänderung und die Ergebung in die sie herbeiführende Heimsuchung gegeben sein. Wir halten jedoch אֲסִיר für eine Apposition zu Jechonja, denn das durch עֲרִירִי in Jer. a. a. O. ausgesprochene Verhängnis bedeutet nicht, daß er keine Kinder haben, sondern daß sie ihn nicht überleben werden, daß er also ohne Nachkommen sterben solle. Dies geht mit Evidenz durch die unmittelbar zuvor V. 28 das. ausgesprochenen Worte hervor, nach denen „dieser Mann, Chonjahu, הוּא וְזַרְעוֹ, er und seine Nachkommen in ein fernes Land geschleudert werden sollten“. Daher kann der erstgeborene Sohn nicht erst von der Gefangenschaft seinen Namen haben. Die Aufhebung des Verhängnisses zeigt sich in der Erhaltung seiner Nachkommen, als deren edelster und größter uns hier Serubabel, der Führer der aus dem Exile Heimkehrenden, der Statthalter von Juda, entgegentritt. — פַּחַת stat. constr. von פֶּחָה, Statthalter, auch unter Salomo 1 Kön. 10, 15.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. עֵת ist st. cstr., בֹּא Infinitiv. Der Prophet hält dem Volke seine Gleichgültigkeit und Lässigkeit vor, die es mit der „Ungunst der Zeitverhältnisse“ bemäntele. Voll Ironie hält er outrierend ihm seine Worte entgegen, mit denen es den Mahnungen zum Tempelbau bisher ausgewichen war. עֵת בֵּית ד' לְהִבָּנות heißt: die Zeit d. i. die geeignete, daß das Haus Gottes erbaut werde. Nun sagen sie nach dem Citate des Propheten, nicht nur diese Zeit ist noch nicht gekommen, sondern: es ist noch gar nicht die Zeit da, d. h. die ganzen Zeitverhältnisse sind noch gar nicht derart, daß auch nur herannahen könnte jene Zeit, die geeignet wäre, die es gestattete den Tempel zu erbauen. Diese Zeit scheint noch in unabsehbare Ferne hinausgerückt zu sein. Nichtig sind, nach des Propheten Worte, alle Entschuldigungen, mit denen man sich hinter der angeblichen Ungunst der Zeiten verschanzt, um seine Unthätigkeit in der Vollbringung des gottgebotenen Guten zu rechtfertigen. Der rechte ernste Wille vermag unter dem Beistande Gottes auch die scheinbar ungünstigsten Zeitverhältnisse zu überwinden. — Brauchen wir noch daran zu erinnern, wie schwer dieser Vorwurf auch noch jetzt so viele zeitgenössische Kreise und so viele wohlmeinende, aber schwache Führer trifft, die energie- und mutlos ihre Unthätigkeit für die heilige Gottessache mit der „Zeit“, sie nennen's auch „Zeitgeist“, entschuldigen, während es doch gerade die Aufgabe ist, durch kraftvolles zielbewußtes Wirken und Streben eben die „Zeit“ zu gestalten und dem irregeleiteten „Zeitgeiste“ die Richtung auf das Wahre zu geben! — Serubabel, dem Führer, hatte der Prophet mit diesen Worten alles gesagt. Dem Volke aber fügte er, zur Begründung des Vorwurfes und zur deutlichen Kennzeichnung der Nichtigkeit ihrer Berufung auf die Zeitverhältnisse, noch den in eindringliche Frageform gekleideten Hinweis (V. 4) hinzu: Haltet ihr denn auch da, wo es sich um eure Privatinteressen, um die Ausführung des für euch als nötig und wichtig Erkannten handelt, erst ängstlich prüfend und wägend Umschau, ob die „Zeit“ es gestatte? Seid ihr auch im Privatleben so klug, bei der Erbauung eurer Häuser auch so ängstlich gewesen? Für die Befriedigung der Bedürfnisse des Privatlebens ist jede Zeit die rechte, und stellen sich Schwierigkeiten in den Weg, so werden sie überwunden. Wo es sich aber um die Gottessache handelt, da müssen wirkliche oder vermeintliche Schwierigkeiten als Vorwand für die Unthätigkeit dienen. Dieser Gegensatz wird durch das dem לָכֶם zur Verstärkung hinzugefügte אַתֶּם in aller Schärfe hervorgehoben. סְפוּנִים von ספן bergen, Deut. 33, 21: decken, aufbewahren. Nach dem Accent wäre es Attribut zu בָּתֵּיכֶם, der fehlende Artikel bezeichnet es jedoch als Apposition zu אַתֶּם, wir haben deshalb in diesem Sinne übersetzt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. Seid stark und arbeitet an dem Werk! — war der Ruf an das Volk und seine Führer. Freilich mochte der Bau nach seiner Anlage und noch mehr in seiner Vollendung winzig klein erscheinen gegenüber dem salomonischen Prachtbau, eines hatte er vor ihm voraus: wie einst das מִשְׁכָּן, das bescheidene Wanderzelt, ward es von der freien Hingebung des Volkes erbaut, der sich die Huldigung der persischen Herrscher anschloß. — Wohl war es abhängig, allein alle äußere Macht ward ihm durch den wiederholt verheißenen Beistand Gottes ersetzt. Darum seid stark und vollbringet! Das Object von עֲשׂוּ ist nicht ausgesprochen. אֶת הַדָּבָר des folgenden Verses ist nicht Acc., etwa das Object von עֲשׂוּ, von dem es ja durch die zweite Hälfte des V. 4 getrennt ist, die die Begründung der ersten Hälfte enthält, sondern Nominativ und Anfang eines neuen Satzes, bezw. die nähere Ausführung der Verheißung: אֲנִי אִתְּכֶם!
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5—8. Die Schwierigkeit lag nicht in der Zeit, fragt euch vielmehr, ob ihr die rechten Männer gewesen seid, um das Gotteswerk zu vollbringen. Die Antwort auf diese Frage hat euch Gott längst gegeben. Sie ist in dem Unsegen ausgesprochen, der bisher so sichtlich auf allem euren Vollbringen geruht hat. דֶּרֶךְ ist der Wandel, das sittliche Verhalten. Deshalb sind die Darlegungen des folgenden V. 6 keineswegs die weitere Ausführung des V. 5. Der Gedanke ist vielmehr: Richtet euren Sinn auf euren Wandel, prüfet euch, ob euer Leben dem Willen Gottes entsprochen hat, und bessert euch! Denn (V. 6): durch den Unsegen, der bisher auf eurem von dem Heiligtum und seinen Lehren losgelösten Privatleben geruht hat, hat Gott euch warnen und an eure Pflicht mahnen wollen. Dieser Unsegen wird nun in einzelnen Zügen ihnen vor Augen geführt. Statt des Verb. fin. stehen eine Reihe Infin. absol. zur Verallgemeinerung und Veranschaulichung, um dann V. 7 darauf hinzuweisen, wie alle diese ihnen ja längst bekannten und so schmerzlich empfundenen Thatsachen nichts als die eindringlichste Mahnung Gottes seien, mit der „Gott gesprochen habe: Richtet euren Sinn auf eure Wege!“ Die Gleichgültigkeit und Lässigkeit gegenüber der Erbauung des Gotteshauses ist nur der Ausfluß der Gleichgültigkeit und Lässigkeit in der Erfüllung des göttlichen Gesetzes und der Gestaltung eures ganzen Lebens nach seinen Vorschriften. — הָבֵא heimbringen. Und kein Segen war an dem vom Acker und der Schur der Herde Heimgebrachten; auch was im geschäftlichen Verkehr, oder dem Zusammenhange gemäß: auch an dem Verdienste von dem, was von dem Producierten nicht verbraucht, sondern verkauft wurde, war kein Segen — es war in eine durchlöcherte Tasche verdient!
V. 5. Das vorgesetzte אֶת, wo es nicht den Accus. des Objectes anführt, also das dem Nominativ eines Substantives vorgesetzte אֶת bezeichnet den Kern, das Wesen des Begriffes oder der Sache, es ist also die emphatische Hervorhebung. Bedauert nicht was ihr hier vermisset, — ist der Sinn des Verses — es sind nur Äußerlichkeiten, die Hauptsache, das was allein allem Wesen und Bestand giebt, ist vorhanden. Es ist das alte Wort, das ich: כָּרַתִּי, als das „absolut“ Feststehende, von allem anderen Losgelöste, von nichts Abhängige, mit euch geschlossen habe, und mein Geist — sie sind bei euch, sie zu bewahren hängt einzig von euch ab, deshalb fürchtet euch nicht! Dieses „Wort“ bezieht sich auf die ganze Thora, im besonderen dürfte es vielleicht auf diejenigen Aussprüche hinweisen, in denen Gott das Wesen dieses Wortes und seine letzten Ziele in einzelnen Sätzen zusammenfaßte, wie Ex. 19, 5 f, in denen vor der Offenbarung die ganze Stellung Israels als menschheitpriesterliches Volk ausgesprochen ist. Hinsichtlich der Begründung des אַל תִּירָאוּ vergl. die Ausführungen zu Jes. 54, 11 ff. Haftaroth S. 14 ff.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. עוֹד אַחַת וגו'. Der Sinn ist klar, doch die Auffassung der Construction schwierig. Der Sinn ist wohl unzweifelhaft: Nur noch eine kurze Weile dauert es und der hier verkündete gewaltige völkergeschichtliche Sturm bricht herein. Stellen wie: אַחַת בַּשָּׁנָה Ex. 30, 10 und Lev. 16, 34 und לֹא אַחַת וְלֹא שְׁתַּיִם 2 Kön. 6, 10 — zeigen, daß auch אַחַת die Bedeutung „einmal“ haben kann. In den angeführten Stellen steht aber der Verbalbegriff dabei, auf den es sich bezieht. Hier könnte es sich demgemäß nur auf וַאֲנִי מַרְעִישׁ beziehen, wodurch die verkündete Erschütterung als die Wiederholung einer früheren bezeichnet würde. Es hieße dann: Noch einmal, „wiederum“ fügt Gott einen gewaltigen völkergeschichtlichen Sturm, — und es wäre damit die mächtige Erschütterung, die der Siegeszug Alexanders und der Untergang des persischen Reiches und dessen Folgen bewirkten, in Parallele gestellt mit den Stürmen, die seiner Gründung vorangegangen, und ebenso mit den früheren von Gott gefügten und vorausverkündeten, die den Untergang des assyrischen Reiches bewirkten. Nun heißt es aber nicht: עוד אַחַת וַאֲנִי מַרְעִישׁ, sondern es werden noch die Worte מְעַט הִיא eingeschoben. מְעַט ein Weniges, in Stellen wie Ruth 2, 7 und Ps. 37, 10: eine kurze Zeit, hier: nicht lange noch dauert's, was als eingeschobener Satz sich jedoch nicht ohne Härte fassen läßt, da das עוד unmittelbar sich auf מַרְעִישׁ bezieht. Nach dieser Stellung würde vielmehr die angekündigte Erschütterung als etwas Geringes bezeichnet werden, was der Schilderung geradezu widerspricht. Deshalb dürften die Worte מְעַט הִיא doch nur die Ergänzung von עוד אַחַת und dabei an Stellen wie: עוד מְעַט וּסְקָלֻנִי (Ex. 17, 4) oder: עוד מְעַט וְאֵין רָשָׁע. (Ps. 37, 10) gedacht sein. Zu אַחַת wäre allerdings ein die zuvor noch verfließenden Jahre und Geschehnisse zusammenfassender Begriff zu ergänzen. Das fem. הִיא bezieht sich auf אַחַת, die Frist ist eine kurzdauernde. Also: nur eine ganz kleine Weile dauert es und — Daß bei der Schilderung der geschichtlichen Katastrophen die ganze Natur als aktiv und passiv mitbeteiligt erscheint, entspricht der biblischen Darstellungsweise, diese beruht wiederum auf der tiefen Anschauung von dem innigen Zusammenhange der im Dienste Gottes stehenden und von ihm auch den Zwecken der Menschheitserziehung dienstbar gemachten Kräfte und Gänge der Natur.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. חֶמְדַּת כָּל הַגּוֹיִם ist Accusativ der Richtung und bezeichnet nach dem Zusammenhange mit dem unmittelbar Folgenden: „ich werde dieses Haus mit Ehre erfüllen“ Zion und das dort ragende Heiligtum als das Ziel des Strebens und der Sehnsucht (חמד) aller Völker. חָמַד gelüsten, nach etwas begehren, חֶמְדָּה sowohl das Verlangen selbst, als auch der Gegenstand des Verlangens. Bedenken wir, daß als Chaggai diese Worte sprach, die בְּאַחֲרִית הַיָּמִים verheißene einstige Rückkehr der Menschheit zu Gott bereits längst mit den Worten verkündet war, daß die Völker von Sehnsucht ergriffen sich aufmachen werden, „hinaufzuziehen zu dem Gottesberge, zum Hause des Gottes Jakobs, daß er uns lehre von seinen Wegen“ (Jes. 2, 3 ff. u. s.), und erwägen wir ferner, daß das hier verkündete Hinkommen der Völker zu dem jetzt neu erstandenen Gotteshause als in relativ nicht ferner Zeit erfolgend ausgesprochen wird: so ergiebt sich, daß der Ausdruck חֶמְדַּת גּוֹיִם hier die einstige Bestimmung des Gotteshauses im Auge und nur anticipierend schon von dem damals im Bau begriffenen gebraucht wird. Wir haben schon oben bemerkt, daß die hier verkündete tiefgehende Erschütterung sich, wie wir glauben, auf den Siegeszug Alexanders bezieht, der nicht nur politisch eine tiefgreifende Erschütterung der Staaten der damaligen Kulturvölker bewirkte, sondern durch die Verbreitung der griechischen Kultur und vor allem der griechischen Sprache noch tiefere Umwandlungen unter den Völkern auf geistigem Gebiete anbahnte. Auch Judäa blieb von den Folgen dieser Stürme nicht unberührt, und Alexander wie die ihm folgenden Seleuciden und Ptolemäer hatten dem auf Zion thronenden Gotteshause und dem in ihm bewahrten Gesetze huldigende Anerkennung nicht versagt. Das Mittel aber für die Verwirklichung der hier verkündeten weitreichenden Herrlichkeit „dieses Hauses“, die gleichbedeutend ist mit der Erkenntnis und Würdigung des in ihm bewahrten und von dieser Stätte aus gelehrten Gesetzes, war die unter den Ptolemäern erfolgende Übertragung der Bibel ins Griechische. Diese Übertragung und die unermeßliche Bedeutung, die sie für die ganze heidnische Welt gewann, war nur möglich geworden durch die Verbreitung der griechischen Sprache und ihre Erhebung zur Weltsprache der Gebildeten. Die grundlegende und für die Zukunft vorbereitende Bedeutung, die Achtung, die Alexander und die ihm nachfolgenden Herrscher, von denen das kleine Judäa politisch abhängig war, dem jüdischen Gesetze zollten und die Rücksichtnahme, die sie ihm gegenüber bekundeten, das sind wohl einige der Momente, durch welche die Verheißung: „Ich werde dieses Haus mit Ehre füllen“ sich erfüllt hat und auf welche auch V. 9 hinblickt, wenn er von der den ersten Tempel noch überragenden Ehre und Bedeutung dieses zweiten Tempels spricht. Auf zwei andere Momente, von denen eines ein zunächst latentes, erst dem Blicke der Späteren sich offenbarendes war, das diesem Tempel erst nach seiner Zerstörung vielleicht die höchste Bedeutung vindiciert, durch die er in Wahrheit die des ersten überragt, werden wir sofort zu V. 9 noch hinweisen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8. Wenn ihr aber jetzt dieser Mahnung: שִׂימוּ לְבַבְכֶם עַל דַּרְכֵיכֶם entsprochen habt, dann frisch ans Werk, hinauf in's Waldgebirg und Stämme gefällt, und das Haus gebaut, daß ich Wohlgefallen daran habe und geehrt werde! — hat Gott gesprochen. Ein tiefer Zusammenhang besteht, so glauben wir, zwischen der wiederholten Aufforderung: שִׂימוּ לְבַבְכֶם וגו' und dem: וְאֶרְצֶה־בּוֹ וְאֶכָּבְדָה Nur wenn die Hände der den Tempel Erbauenden rein sind und das Leben des Kreises, in dessen Mitte der Opferdienst ferner vollbracht werden soll, auf dem Boden des Gottesgesetzes erblüht, „in dem Boden des Heiligtums seine Wurzeln hat“, nur dann hat Gott sein Wohlgefallen an diesem Bau, nur dann wird Er in ihm und durch ihn geehrt. Diese Worte sind die ernsteste Mahnung an die Thatsache, daß der erste Tempel zerstört und der Opferdienst beseitigt werden mußte, weil in Folge des Gegensatzes des Lebens zum Tempel und zu den durch den Opferdienst gelehrten Wahrheiten und Bekundungen der Fortbestand des Tempels und die Fortdauer des Opferdienstes zu einer fortgesetzten Schändung des göttlichen Namens geworden waren. Im Lichte dieser Erinnerung gewinnen diese wiederholten Aufforderungen zur Einkehr und Selbstprüfung somit eine unendlich ernste Bedeutung. Darum begreift sich's auch, weshalb noch einmal V. 9 mit solchem Ernst darauf hingewiesen wird, wie sie bisher unter dem Unsegen gelebt, und sie davor gewarnt werden, zu wähnen, mit der Rückkehr in's Land schon ihre Bestimmung erreicht zu haben. Wie weit waren doch diejenigen, von denen „ein jeder zu seinem Hause eilte“, nur die Sorge für die Interessen seines Einzellebens kannte, „während das Haus Gottes in Trümmern lag“, wie weit waren diese alle entfernt und wie laut bekundeten sie diese Entfernung von der Erkenntnis der Bestimmung Israels, der Bedeutung der Thora, der Bedeutung des Exiles und der Rückkehr aus dem Exile, wie dieses Alles sich concentriert in der Bedeutung des Hauses, der Stätte, von der es ausgesprochen war, daß „von ihr die Lehre ausgehen soll und das Wort Gottes von Jeruschalajim“! Hätten diese Worte Chaggai's volles Verständnis und dauernde Beherzigung gefunden, so wäre der zweite Tempel der dauernde und der Anfang der Rückkehr aus dem babylonischen Exil der Anfang der dauernden Geula geworden. Diese Möglichkeit dürfte auch durch das ה des Keri וְאֶכָּבְדָה als Wunsch, hypothetisch, angedeutet sein. Vergl. Joma 21 b. Der Zusammenhang des scheinbar unvermittelten Zurückgreifens des V. 9 auf das bereits oben V. 6 Gesagte mit dem V. 8 dürfte so zu fassen sein: Wollet ihr denn dies nicht erkennen? Selbst wenn ich, Chaggai, euch nicht im Namen Gottes aufriefe, müßtet ihr doch von selbst aus eurem bisherigen andauernden Mißgeschick auf dem Boden, der bestimmt ist eine Stätte dauernden Glückes zu sein, erkennen, wie weit ihr noch davon entfernt seid, euch der segnenden Gottesnähe teilhaftig zu machen, die nur durch sittliches Sichaufraffen und treue Pflichterfüllung zu erlangen ist — dem geraden Gegenteil der selbstsüchtigen und pflichtvergessenen ausschließlichen Sorge für das eigene Interesse. — פָּנֹה wieder Inf. absol. in gehobener Rede und zur Verstärkung des Eindrucks. Es ist ein doppelter Unsegen, an den erinnert wird: statt des erhofften Vielen ward nur Weniges geerntet, und dieses Wenige zerrann unter meinem Hauche.
V. 10 f. Glaubet nicht, daß dieses bisherige Leid ein Werk des Zufalls war. Vielmehr: „deshalb haben die Himmel euch bisher den Tau und die Erde ihren Ertrag versagt“. Alle diese Erlebnisse vor Chaggais Sendung waren meine Fügung, durch sie sprach ich zu euch. — עֲלֵיכֶם räumlich, und nicht etwa causal: „euretwegen“, in Wirklichkeit freilich war euer Verhalten die Ursache davon, daß auf euch kein Tau fiel. Dieser Grund ist aber bereits durch עַל־כֵּן ausgedrückt. כָּלָא ist transitiv, zurückhalten; מִטָּל: das מ ist privativ: daß kein Tau fiel. In den Ausführungen des V. 11 wird nochmals deutlich ausgesprochen, daß aller dieser Unsegen von Gott gefügt, ein That gewordener Gottesruf war. יְגִיעַ: die Arbeit und das durch sie Erwirkte. Das zunächst in Beziehung auf den Boden und seine Producte mit Dürre oder Trocknis zu übersetzende חֹרֵב bedeutet in seiner Anwendung auf die in der zweiten Vershälfte genannten Menschen, Tiere und Güter: Verheerung, Öde, Schwund der Frische und des Bestandes. Vielleicht ist es auch als Correlat zu dem V. 9 dem Volke vorgehaltenen חָרֵב-Zustande gewählt, in dem sie das Haus Gottes so lange gelassen hatten.
V. 8. Dieser geistigen Bedeutung gegenüber kommt es auf die äußere Pracht wahrlich nicht an. Hielte ich, spricht Gott, den äußeren Glanz für die Erreichung meines Zweckes mit diesem Hause für nötig, so könnte ich ihn ja demselben verleihen. Mein ist ja das Silber und mein ist das Gold, spricht Gott, dem zur Erfüllung seines Willens das ganze Heer aller geschaffenen Wesen und Kräfte zu Gebote steht. Worauf allein es ankommt, das ist V. 5 ausgesprochen, auf die Verwirklichung nämlich des bei der Erlösung aus Mizrajim geschlossenen Bundes und auf die Bewahrung des göttlichen Geistes, denn dann: גָּדוֹל יִהְיֶה וגו'
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9. Die Verheißung ist stillschweigend an die Erfüllung der oben ausgesprochenen Bedingung geknüpft. Dann werde Gott es fügen, daß, während überall die Kriegsstürme wüten, „dieser Ort“, die von diesem Hause überragte und von dem hier thronenden Gesetze beherrschte Stätte, eine Stätte nimmer getrübten Friedens sei und bleibe. Dieser Friede, der wirkliche und wahrhaftige Gottesfriede, wo unter der Herrschaft der von dem göttlichen Gesetze gelehrten Gerechtigkeit und Nächstenliebe das edelste Menschentum aufblüht, wird die lauteste und herrlichste Offenbarung der dieses Haus erfüllenden Gottesnähe sein, größer und herrlicher als dem ersten Hause vergönnt war, zu dessen Zeiten infolge des Abfalls des Volkes Juda's Boden ja der Schauplatz blutiger Bruderkriege und vor und nach Israels Fall die Stätte sich stets wiederholender feindlicher Verheerungen war, bis zur endlichen Eroberung des Landes und Zerstörung des Tempels. Diesem zweiten Hause sollte ein anderes Los beschieden sein. Während der erste Tempel schon lange vor seinem Falle inmitten des verblendeten eigenen Volkes כְּעִיר נְצוּרָה (Jes. 1, 8), das Schicksal einer von Feinden umlagerten Stadt gefunden hatte, sollte die „Ehre dieses späteren Hauses“ sich nicht nur an der ihm von dem eigenen Volke zugewandten Huldigung, sondern in dem sichtbaren Gottesschutze sich offenbaren, der an den Grenzen seines Landes jeden Kriegssturm sich legen ließ. Und je inniger die Beziehungen Judäas zu den anderen Völkern geworden waren, um so weiterreichend war diese Bekundung der Gottesnähe. Die zweite Vershälfte: וּבַמָּקוֹם הַזֶּה וגו' steht, wie so oft, im causalen Verhältnis zu der ersten: גָּדוֹל יִהְיֶה וגו', ohne daß dieses Verhältnis durch die Conjunction כִּי besonders ausgedrückt wäre. — So sollte es sein, dies war die Verheißung. Da jedoch das Volk die Voraussetzung nicht erfüllte, so wurde auch diese Stätte nicht eine Stätte ungestörten Friedens, und die Verwirklichung dieser Verheißung winkt erst am Ziele der Geschichte, wenn das בַּיִת שְׁלִישִׁי erstehen wird, wenn die Zeiten sich vollendet.
Und doch, glauben wir, hat die Verheißung von der noch größeren Ehre dieses bescheidenen „späteren Hauses“ sich bereits erfüllt, wenngleich diese Ehre erst in die Erscheinung trat zu einer Zeit, da auch dieses zweiten Hauses Mauern längst gesunken waren. Freilich war in der Zeit seines Bestandes das Volk weit entfernt davon, sich zur Höhe seiner Bestimmung aufzuschwingen, sonst wäre das zweite große Exil, die Wanderung in „die Wüste der Völker“, ihm erspart geblieben. Allein durchdrungen hat es sich, wie nie zuvor, in den Zeiten dieses zweiten Tempels mit dem Inhalte des Gesetzes, dem auf dem Altare im Tempel die symbolischen Weihehandlungen vollzogen wurden, und ausgerüstet hat es sich damit für die große Exileswanderung, so daß von ihm in Wahrheit gilt das Prophetenwort, daß, wenn es auch alles, alles zurücklassen mußte in der Heimat und aller Güter beraubt in die Verbannung zog, es doch sein „eigentliches Erbe“, das Gut aller Güter mit hinausnahm, das keines Feindes Macht ihm rauben konnte, seine Thora: „in dir nimmst du mit von deinem Erbe, das ich dir gegeben!“ Jer. 17, 4. Und wenn nach nunmehr bald zwei Jahrtausenden noch immer der fernen Söhne und Töchter Herz höher schlägt bei dem Gedanken an Zions Tempel, so ist es wahrlich nicht der salomonische Prachtbau, und noch weniger der stolze Bau, den des Herodes blutbefleckte Hände erbaut, der vor ihrem inneren Auge sich strahlend abhebt von der Jahrtausende dunklem Hintergrunde und auf dessen Wiedererstehen sie mit ihres Herzens heißem Sehnen hoffen: sondern eben dieser zweite Tempel ist es, dieser Tempel, zu dessen Aufbau Chaggais, des Gottesboten, Flammenworte das Volk begeisterten, dieser Tempel Serubabels ist es, bei dessen Erstehen das Wort gesprochen: Größer noch wird dieses späteren Hauses Ehre sein als die des ersten. Hat sich, so fragen wir im Hinblick auf die seitdem verflossenen Jahrtausende und im Rückblick auf die große jüdische Geschichte — hat sich dieses Wort nicht trotz allem und allem vollständig, auch dem blödesten Blicke erkennbar, hat es sich nicht glänzend erfüllt? —
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 10—13. Zwei Monate später hatte wiederum Chaggai im Namen Gottes zum Volke zu sprechen. Er hatte sich zunächst an die Priester zu wenden; denn die Wahrheit, die er im Angesichte des fortschreitenden Tempelbaues dem Volke warnend und mahnend ins Bewußtsein zu rufen hatte, sollte durch den Hinweis auf die gesetzlichen Bestimmungen hinsichtlich der Übertragbarkeit der Unreinheit durch Berührung gegenüber der Nicht*übertragbarkeit der Heiligkeit, dem Volke und den Dienern des wiedererstehenden Tempels in eindringlichster, wir möchten fast sagen: dramatischer Anschaulichkeit heuristisch entgegen gebracht werden. שְׁאַל תּוֹרָה, vergl. Maleachi 2, 7: תּוֹרָה יְבַקְשׁוּ מִפִּיהוּ, frage sie nach der Lehre, nach den Bestimmungen des Gesetzes. Wenn jemand Fleisch vom Opfer, das in einen Gewandzipfel gehüllt ist, wodurch also ein concretes Eindringen in den berührten Gegenstand ausgeschlossen ist, in Berührung mit irgend einer Speise bringt, so wird, wie die Priester richtig antworteten, der Charakter der Heiligkeit nicht übertragen; die Berührung jedoch eines durch unmittelbare oder durch Überdachung vermittelte Leichenberührung Unreingewordenen würde den Charakter der Unreinheit, wie die Priester gleichfalls richtig antworteten, allerdings übertragen. Allgemein ausgedrückt: Unreinheit kann durch äußere Berührung übertragen werden, Heiligkeit durch äußere Berührung nimmer. Bedenken wir, daß gerade die äußerliche, heidnische Auffassung von der Bedeutung des Tempels und der in ihm vollbrachten Handlungen, daß nämlich beiden eine *die eigene Heiligung ersetzende und vor den Folgen der Sünde schützende magisch-mystische Macht innewohne, die Zerstörung des Tempels und die Beseitigung des Opferdienstes zur Rettung des Gottesheiligtums selbst notwendig gemacht hatte, wie dies die früheren Propheten, Jesaias an der Spitze, an unzähligen Stellen ausgesprochen hatten: so begreifen wir, weshalb in dieser drastischen Anschaulichkeit dem Volke und den Priestern diese Wahrheit gerade in diesem Augenblicke in die Seele gerufen wurde, daß Heiligkeit sich durch äußere Berührung nicht übertrage, während טוּמְאָה, die Unreinheit sich sehr wohl ausbreite, oder, wie es aus dem besonderen, vom Propheten gewählten Beispiele sich ergiebt, ein טָמֵא נֶפֶשׁ, ein durch unmittelbare oder mittelbare Berührung mit einer Leiche Unreingewordener, alles was er berührt, unrein macht. Da auch ein durch eine andere טוּמְאָה, z. B. מַגַּע שֶׁרֶץ Unreingewordener dieselbe Wirkung ausüben würde, so dürfte טוּמְאַת מֵת eben aus dem Grunde gewählt sein, weil sie der Grundtypus aller טוּמְאַת מַגַּע, die stärkste, in ihrer Ausbreitung weitestgehende, und in ihr der Schlüssel zum Verständnis des Wesens der Berührungs-Unreinheit überhaupt gegeben ist. Vergl. die eingehenden Ausführungen im Komm. zu Lev. S. 268 ff. und Num. S. 311 ff. Sie sollen wissen und beherzigen, wie dies im folgenden Verse sofort ausgesprochen wird, daß es vor der Majestät des Gottesgesetzes, dem der Altar ja bereits errichtet war und das Haus nunmehr gebaut wurde, auf die Lauterkeit der Gesinnung, auf die Reinheit des Thatenlebens, kurz auf die Heiligung der Persönlichkeit ankomme und daß alle Opfer unrein seien, wenn der Darbringende nicht rein wäre — eine Reinheit, die der Prophet im Hinweis auf die so lange bewiesene Lässigkeit und Gleichgültigkeit und den dadurch bedingten bisherigen Unsegen dem Volke noch als eine erst zu erstrebende und zu bewährende hinstellt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 12. Die auffällige Scheidung zwischen der „Stimme Gottes“ und den „Worten Chaggais“, durch den doch allein das Wort Gottes an sie gelangt war, dürfte nach dem oben Angeführten so zu verstehen sein. Die „Stimme Gottes“ ist die allgemeine Hemmung, der Unsegen, unter dem sie bisher zu leiden und den sie nunmehr durch den Propheten als den mahnenden Gottesruf begriffen hatten. Auf diese Stimme hörten sie nunmehr und auf die Worte, die Chaggai, dieselbe deutend und das Volk zur That auffordernd, gesprochen hatte, כַּאֲשֶׁר sowie, d. i. dem entsprechend, daß ihn Gott gesandt hatte. Die selbstgemachten Erfahrungen und das Auftreten Chaggais standen ihnen als sich einander ergänzende Sendungen, „Schickungen Gottes“ da, wie dies im folgenden V. noch schärfer ausgesprochen wird. Weil sie aber jetzt Gottes Stimme in den Ereignissen erkannten und weil sie fühlten, daß Gott „ihr Gott“, d. i. der seinen Willen offenbart hat, von ihnen Gehorsam heischt und nunmehr seinen Propheten an sie gesandt hat, da: וַיִּירְאוּ lernte das Volk sich מִפְּנֵי ד', „vor Gott“ fürchten. Es ist dies noch nicht die wahre, eigentliche Gottesfurcht, die durch יָרֵא אֶת ה' bezeichnet wird, es ist erst eine Vorstufe. Als sie aber dadurch zur Einkehr gebracht waren und ihre bisherige Verblendung bereuten, da:
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 13—15. nicht bloß als Prophet, als Übermittler und Verkünder des göttlichen Wortes, sondern als מַלְאַךְ ד', als Gottes Bote, der in Erfüllung seiner Sendung בְּמַלְאֲכוּת ד' zugleich den Willen Gottes zur Verwirklichung bringt, wie ein Gottesengel, der wirkt und belebt, stand nunmehr Chaggai inmitten des Volkes da, indem er die Worte sprach: Ich bin mit euch. Diese Vollbringung bestand darin, daß er mit diesen Worten die Führer und das Volk weckte und zur That begeisterte. Jetzt fragten sie nicht mehr, ob ihr Vollbringen auch „zeitgemäß“ sei, jetzt war die rechte Zeit gekommen. Und es waren doch nur (V. 15) dreiundzwanzig Tage verstrichen nach der ersten Aufforderung Chaggais, als sie die nötigen Vorbereitungen schon vollendet hatten und nunmehr mit freudiger Begeisterung an's Werk gehen konnten.
Kap. 2, V. 1 ff. Am Einundzwanzigsten des siebten Monats, also kaum einen Monat nach der so hochgemut begonnenen Wiederaufnahme des Baues, wird auf den Contrast zwischen dem ersten Tempel und dem jetzt im Bau begriffenen, und gegenüber einer namentlich bei den Alten vorausgesetzten gedrückten Stimmung auf den Beistand des ewig allgegenwärtigen Gottes hingewiesen. Der Bau konnte ja in der kurzen Zeit noch gar nicht so weit vorgeschritten sein, daß ein Vergleich mit der architektonischen Herrlichkeit des früheren Tempels möglich war. Ein anderes war es bei der im zweiten Jahre nach der Rückkehr aus Babel, noch während der Regierung des Cyrus erfolgten Grundsteinlegung gewesen, bei der (Esra 3, 10 ff.) das Weinen der Greise das Jauchzen der Jungen übertönte. Das war ein Augenblick von überwältigender Größe, in welchem die Umstände selbst — es waren ja nur spärliche Trümmer der Nation, die überhaupt versammelt waren — zum Vergleiche zwangen und in den Herzen der Alten der Gedanke an die Vergangenheit die Freude an der Gegenwart zurückdrängte. Was aber war jetzt geschehen, das in den Herzen der Greise inmitten des erst vor Mondesfrist zu neuer Begeisterung erwachten Volkes eine Trauer zu erwecken vermochte, die sie der unendlichen Bedeutung des in dem erstehenden Tempel Errungenen hätte vergessen machen können? Der 21. des siebten Monats war der letzte Tag des Hüttenfestes, dieses Festes der höchsten nationalen Freude, auch des Erntefestes, jenes Freudenfestes, das in der שמחת בית השואבה, gerade in den Räumen der Vorhallen des Tempels den Gipfel jubelnden Ausdruckes gefunden hatte. Wohl mochte tiefe Wehmut die Herzen der Alten erfüllen bei der Erinnerung an jene Nächte, in denen die Höhe des Tempelberges in einem Lichtmeere strahlte, und die Gesang- und Musikchöre der Leviten die Melodien und Harmonien durch die Nächte dringen ließen, jene Nächte, in denen nach der späteren Schilderung kein Mensch in Jerusalem das Lager aufsuchte — Nicht sowohl der Vergleich mit dem früheren Tempelgebäude, als vielmehr mit dem Leben und Wogen der zur Zeit des Hüttenfestes an diese Stätte als an ihren Herzpunkt einst zusammengeströmten Nation, konnte den Gedanken an die Herrlichkeit der Vergangenheit und den Schmerz um deren Verlust neu beleben und die Bedeutung des neuen Anfangs unterschätzen lassen. Und gerade an dem letzten Tage des zu Ende gehenden Festes mochte dieses Gefühl in gesteigertem Maße hervortreten. Dem gegenüber spricht der Prophet: Laßt euch durch die Kleinheit und Ärmlichkeit der Verhältnisse die Freude nicht verkümmern, geschweige denn euch entmutigen! Nicht auf den äußeren Glanz kommt es an, und nicht der Festesjubel in den Tempelräumen ist das Ziel und noch weniger die Bedingung des Bestandes — das hat ja eben der Untergang des ersten Tempels gelehrt — so nicht das Leben draußen mit dem Vollbringen drinnen im Einklang steht. Darum ist es ein ernstes Mahnwort, wenn der Prophet der wiederholten (s. 1, 13) Verheißung: Ich bin mit euch! nun hier (V. 5) hinzugefügt: Das Wort, das ich mit euch als Bund geschlossen habe bei eurem Auszuge aus Mizrajim und mein Geist bleibt in eurer Mitte, ihr habt euch nicht zu fürchten! Nach dem ganzen Zusammenhange ist damit das Volk auf die einzige Bedingung hingewiesen, an die der Beistand Gottes geknüpft ist: die Erfüllung des Gotteswortes und die treue Bewahrung des Gottesgeistes, wie sie eben durch Erkenntnis und Erfüllung des Gotteswortes sich vollzieht. Derselbe Prophet, der die Begeisterung zum Wiederaufbau des Gotteshauses zu wecken hatte, war zugleich gesandt, in demselben Augenblicke auf die durch Erfüllung des offenbarten Gotteswortes, also des Gesetzes, bedingte Bedeutung des Gotteshauses hinzuweisen und auf die Pflege der Erkenntnis und Bewahrung des Geistes zu dringen. Im Dienste der Erreichung dieser höchsten Ziele, nicht aber zu ihrem Ersatze sollte das Haus Gottes dienen. V. 5 bildet damit eine Warnung vor jener vom Propheten Jeremias gezeichneten Verirrung, die stets nur das Gotteshaus und die Sorge für es im Munde führt und vergißt, daß der wahre Gottestempel die Menschen selbst sein sollen, oder wie es dort heißt: Vertraut doch nicht auf die Worte der Lüge, zu sagen: „Tempel Gottes! Tempel Gottes!“ — Tempel Gottes sollen sie selbst sein! Jer. 7, 4. — מִי הַנִּשְׁאָר wörtlich: wer ist der Übriggebliebene. Der durch das folgende אֲשֶׁר im Hebräischen bedingte bestimmte Artikel würde im Deutschen eine nicht beabsichtigte Beschränkung ausdrücken und ist deshalb nicht übersetzt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 14. „So“ ist dieses עָם und „so“ ist dieses גוֹי „vor meinem Angesichte“, als עָם und als גוֹי, in ihren inneren und in ihren äußeren Verhältnissen, als Gesellschaft und als Volk neigen sie mehr zur טוּמְאָה als zur קְדֻשָּׁה, und was sie in den Tempel hineintragen ist nicht rein, nicht heilig, מפני שקלקלו מעשיהם מעלה אני עליהם טמא הוא wie es unsere Auffassung bestätigend Pesachim 17 a heißt. Im Übrigen wird unsere Stelle, insbesondere die Worte הַמִּקְדָּשׁ und בְּשַׂר קֹדֶשׁ dort anders gefaßt und differieren die Ansichten daselbst. Nach der einen hätten die Priester wohl den Unterschied in der Mitteilung der טוּמְאָה zwischen קודש und חול gekannt aber im Exile wäre der höhere Grad der קְדֻשָּׁה ihrem Gedächtnisse entschwunden, der bei קודש auch noch שלישי und רביעי machen läßt, d. h. je näher etwas dem Heiligtume steht, desto höher sind die Anforderungen der Reinheit und um so leichter kann dieselbe verletzt werden. Es müßte dann die betreffende Derabanan-Bestimmung schon getroffen gewesen sein, wobei es immer noch nicht unerhebliche Schwierigkeit böte, dies Verhältnis unter die Frage: שְׁאַל תּוֹרָה zu subsumieren. Nach der anderen Ansicht, שמואל, hätten die Priester beide Fragen richtig beantwortet und es wäre ihnen somit nur die Erinnerung daran gebracht worden, wie weit sich die Unreinheit ausbreite. — Das שָׁם, „dorthin“, unseres Verses anstatt: zu meinem Altare, fließt aus der Lebendigkeit der Rede, und wir sehen den Propheten bei diesem Worte auf die heilige Stätte hindeuten
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 15—19. Der 24. Tag des neunten Monats, der Tag, an welchem Chaggai diese Worte sprach, wurde zu einem Wendepunkte ihres bisherigen Geschickes bestimmt. An die Stelle des bisherigen Unsegens soll in scharf sich ausprägendem Gegensatze fortan der Segen treten. Sie werden deshalb wiederholt aufgefordert, von dem heutigen Tage ihr Herz d. i. ihren Sinn zu richten hinauf zu der Zeit, da der Tempel unter Cyrus im zweiten Jahre ihrer Rückkehr nach Jerusalem gegründet wurde, wie dies Esra 3, 10 näher geschildert wird. Wenn auch zwischen diesem Tage und der das. 4, 24 berichteten Einstellung des Baues einige Zeit verstrich, so wird das Volk gleichwohl aufgefordert, den rückwärts gewandten Blick bis zum Tage der Grundsteinlegung zurückzulenken, weil sich dadurch eben ergiebt, wie lange schon der Bau hätte vollendet sein können und wie sehr sie durch ihr eigenes Verhalten, מֵהֱיוֹתָם, sich den bis zum heutigen Tage herrschenden Unsegen verdient hätten. Gewarnt sollen sie aber zugleich werden, nicht in der äußeren Herstellung des Tempels die Hauptsache zu erblicken, sondern in der aufrichtigen und vollständigen Rückkehr, in der Zuwendung ihres eigensten, innersten Wesens zu Gott, wie dies in dem Vorwurfe: וְאֵין אֶתְכֶם אֵלַי (V. 17) ausgesprochen ist. Darum wird auch der Bau hier in der äußerlichsten Erscheinung des mechanischen Zusammenfügens von „Stein auf Stein“ gezeichnet. Das dreimal wiederholte שִׂימוּ לְבַבְכֶם, und zwar V. 15 und 18 a mit hinzugefügtem נָא, enthält allerdings zunächst die Aufforderung, die ganze zurückgelegte Zeit mit ihren Erlebnissen zum Gegenstande der Beherzigung zu machen; 18 b ohne נָא wiederholt, bezieht es sich jedoch nicht mehr auf die zu erfassende Vergangenheit, sondern auf die Zukunft, in dem Sinne: nehmt euch zusammen, also: im Hinblick auf die Vergangenheit sammlet alle geistige und sittliche Energie, damit der Vorwurf: וְאֵין אֶתְכֶם אֵלַי, daß euer eigentliches Ich noch immer nicht Gott gehöre, euch fortan nicht mehr treffe. Im Augenblicke der Wiederaufnahme des Tempelbaues werden sie damit vor der traurigen Verirrung jener rein äußerlichen Werkheiligkeit gewarnt, die einst Jesaias an ihren Vätern mit den Worten beklagte: ihre Gottesfurcht ist wie die mechanische Vollbringung angelernten, zur Gewohnheit gemachten Menschengebotes, מִצְוַת אֲנָשִׁים מְלֻמָּדָה Jes. 29, 13. — וָמַעְלָה V. 15 und 18 bezieht sich auf die Vergangenheit, zeitlich aufwärts. מִטֶּרֶם: von [der Zeit] da noch nicht, d. i. vom heutigen Tage rückwärts, mit dem ein Umschlag eintreten wird. מֵהֱיוֹתָם: von ihrem Sein = dadurch daß sie so waren, d. i. nicht Zufall, und nicht eine Folge physischer Momente, sondern eine durch mich gefügte Folge ethischer Momente, nämlich eine Folge eurer Unwürdigkeit war es, daß: בָּא, wer kam um zu ernten, nur einen Bruchteil dessen fand, was er nach den natürlichen Momenten erwarten durfte. הִכֵּיתִי V. 17 hebt entweder nochmals hervor, daß der V. 16 geschilderte Unsegen von Gott gefügt war, oder es ist eine Steigerung: in vielen Fällen erhieltet ihr nicht einmal die Hälfte, oder zwei Fünftel, sondern gar nichts, weil ich die ganze Ernte vernichtete. Der Vers klingt offenbar an Amos 4, 9 an; auch in dem Vorwurfe, daß alle diese trüben Erfahrungen noch nicht völlige Aufkehr bewirkt hätten, tönen Amos Klagen entgegen.: וְאֵין אֶתְכֶם — וְלֹא שַׁבְתֶּם עָדַי — אֶתְכֶם ist Nominativ des als Substantiv gebrauchten אֵת, vergl. oben zu V. 5 אֶת־הַדָּבָר. Durch אֵת als Nom. wird also die Person oder Sache in der Totalität ihres Gehaltes mit voller Entschiedenheit der Beachtung entgegengebracht; bis zu einem gewissen Grade und jedenfalls ursprünglich ist das auch bei dem durch אֶת eingeleiteten determinierten Accusativ der Fall. Vergl. die Ausführungen über אֵת im Comm. zu Gen. 1, 1. Hier ist es die durch das Suffix bezeichnete Person, es sagt daher viel mehr als etwa das allgemeinere אֹתָם ausdrücken würde. — In לְמִן הַיּוֹם V. 18 lenkt das ל zuerst den rückwärts schauenden Blick zu dem Tage der Grundsteinlegung in die Vergangenheit zurück und das מִן läßt sodann in der entgegengesetzten Richtung die von da ab gemachten Erlebnisse bis zum gegenwärtigen Tage an dem inneren Auge vorüberziehen. Nachdem mit der Aufforderung שִׂימוּ לְבַבְכֶם aus der Vergangenheit die Mahnung für die Zukunft gezogen ist, wird das Volk V. 19 nochmals durch den in Form der rhetorischen Frage gegebenen Hinweis auf die noch immer leeren Speicher und die noch immer feiernden Fruchtbäume an die Umstände erinnert, unter denen der Wiederaufbau unternommen worden, um den Gegensatz zu der nunmehr beginnenden Periode des Segens desto tiefer zu ewigem Gedächtnisse ihm einzuprägen.