Chabbakuk חבקוק

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Kapitel

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Einleitung von Julius Jehuda Hirsch

Habakuk.

Über die Person des Propheten ist nichts Näheres bekannt, auch sein Geburtsort ist nicht angegeben. Dagegen läßt sich die Zeit seiner Sendung dahin feststellen, daß sie kurz vor dem Aufkommen des babylonischen Weltreiches anzusetzen ist, denn der Chaldäer siegreiche Eroberungszüge nach dem Westen hin verkündet er als etwas Gewaltiges, das noch in den Tagen seiner Zeitgenossen sich vollziehen werde (1, 5). Der Name ist von חבק, umarmen, gebildet mit Verdoppelung der beiden letzten Wurzelbuchstaben.

Kap. 1. Inhaltlich stellt Habakuk sich als eine Ergänzung Nachums dar. Hatte dieser das sich an Ninive vollziehende Gottesgericht verkündet, das in dem wegen des geübten Machtmißbrauches gefügten Untergange des assyrischen Reiches vollstreckt wurde, so schaut Habakuk, wie der Vollstrecker eben dieses Gerichtes, der Chaldäer, nach erlangtem Siege und nach erreichter Weltmachtstellung ganz in dieselbe verhängnisvolle, alles Menschenheil bedrohende Machtvergötterung versinkt. Nur ist es hier die noch verderblichere, weil unersättliche Ruhmsucht, der Krieg und Eroberung an sich die höchste Befriedigung gewähren, und die um dieser Lust zu fröhnen unsägliches Leid über die Völker bringt. „Er, der Chaldäer, über Könige rühmt er sich und Staatenlenker sind ihm ein Gespötte, jeder Festung lacht er, wirft Staub auf und nimmt sie ein. Ganz und gar nur um der Gewalt willen kommt er, denn seines Strebens Ziel liegt nach Osten, während er [im Westen] wie Sand Gefangene einsammelt!“ (V. 9 f.) Deshalb entringt sich des Propheten Brust die bange Frage nach der göttlichen Weltwaltung. „Warum lässest du mich stets nur den Sieg der Gewalt schauen, lässest mich sehen wie du dem Unglück zusiehst — Raub und Unrecht vor meinen Augen!“ (V. 3.) Da müsse ja die Lehre der Wahrheit ihre Kraft verlieren, da ja das Recht nicht zum Siege komme, da müsse ja die ganze Rechtsordnung zerstört werden! (V 4.) Wohl wisse er, daß auch diese neue Macht, deren Reiterscharen wie hungrige Raubtiere, wie Leoparden und Wölfe daherstürmen und einfallen, im Dienste der höheren Waltung stehen. Gleichwohl könne er nicht begreifen, wie Gott, der doch „reinen Auges sei, dem Bösen nicht zuzuschauen“, es dennoch ruhig mit ansehe, wie der Frevler den verschlinge, der doch jedenfalls besser sei als er! Weshalb Gott die Menschen wehrlos und rechtlos wie die Fische des Meeres den Angeln und den Netzen des Eroberers preisgebe, der deshalb die Werkzeuge seiner Gewalt vergöttere. — „Soll er denn weiter sein Netz ausleeren und fort und fort bereit sein, Völker zu morden, erbarmungslos??“ (V. 6—17.)

Die Antwort auf diese Frage bildet den Inhalt des zweiten Kapitels. Er hatte eine direkte Antwort gar nicht erwartet, hatte vielmehr nur gehofft, aus dem Inhalte dessen, was er noch weiter schauen werde, sich selbst eine beruhigende Antwort auf die ihn peinigenden Fragen entnehmen zu können. Er wird jedoch dieser Ermittelung enthoben. Ihm wird unmittelbar die Antwort zu Teil. Sie enthält in nuce die ganze Philosophie der Geschichte. Tieferes ist nie gedacht und nie gesprochen worden. Es ist ja der allmächtige Lenker der Geschichte, der den Grundgedanken seiner Weltwaltung ausspricht. Er lautet in Kürze: die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Sorge nicht, vertraue: das Ziel wird erreicht, es ist der Sieg des Guten. Aller Frevel wird durch sein eigenes Geschick das Weh verkünden, das nach der göttlichen Weltordnung das Schlechte sich selbst bereitet. Das ist das welthistorische „Wehe!“ das heraustönt aus dem Trümmergeschick aller Ruhmesgrößen in der Geschichte wie in der Gesellschaft. Die Erfahrung der Nichtigkeit alles bisher Vergötterten wird die verzweifelnde Menschheit zur Gotteserkenntnis und zur Gotteshuldigung bringen. (V. 1—14.) Zu Schanden aber wird die nichtswürdige Politik, die arglistig die „Glut der Leidenschaft in den Menschen und Völkern entfesselt“, um sie dann desto leichter beherrschen zu können. Die so entfachte Glut wird sich gegen die Verführer wenden, und die frivole, an den ewigen, von dem Gottesheiligtum, das hier als „Libanon“ bezeichnet wird, verkündeten Principien geübte Gewalt wird ihre Sühne finden. Der prägnante Satz: „der an den friedlichen Tieren verübte Raub wird sie in Raubtiere verwandeln“ (V. 17.) zeichnet das Wesen so vieler geschichtlicher Umwälzungen. — Wir heben nur noch den einen Satz heraus, der zugleich die Erhabenheit der Diction und die Glut der Begeisterung kennzeichnet, die dem Propheten, diesem wahrhaften Genius der Menschheit, im Angesichte der zeitweiligen Siege der Gewalt die Worte in den Mund legt: „Jeder Stein aus der Mauer wird’s hinausschreien und jeder Span im Gebälke wird in den Ruf einstimmen: Wehe, wer eine Stadt auf Blutschuld erbauen und einen Staat auf Unrecht gründen will!“

Den Inhalt des dritten Kapitels bildet die Selbstbesinnung, die Läuterung und Klärung der Geschichtsbetrachtung, die Beruhigung und die Zuversicht, die der empfangene Aufschluß und die wiederholte Verheißung ihm gebracht hatten. Auf den Zustand früherer Unruhe und Besorgnis und auf die Fragen, die er im ersten Kapitel ausgesprochen, blickt er jetzt als auf „Verirrungen“ oder „Irrtümer“ zurück. Er hat sie jetzt überwunden. Er weiß es jetzt, die ganze Geschichte ist ein großes Gotteswerk der Erziehung der Menschheit zur Höhe ihrer Bestimmung. Mag dieses Werk auch langer, banger Zeitperioden bedürfen bis zu seiner Vollendung, ja auch nur bis es erkannt werde — eines kennt er schon jetzt: die Unendlichkeit des göttlichen Erbarmens, das sich auch in allen Zorneswaltungen nicht verleugnen werde (V. 2). Das Werk, das mit der Offenbarung am Sinai begonnen, es wird vollendet mit dem Einzuge Gottes in den Kreis der Menschheit, wenn die Menschen ihn in der Herrlichkeit seines Waltens in Natur und Geschichte erkannt haben werden. Die schwachen Strahlen dieser schon jetzt aufdämmernden Erkenntnis werden mählich zum weltdurchstrahlenden Lichte werden, und in diesem Siege des Lichtes über die Finsternis selbst offenbart sich seiner Allmacht Größe (3—5). In dem Dienste dieser Erziehung steht auch alles, was dem Menschen nur als physisches und sociales Übel erscheint, und im Hinblick auf die großen weltgeschichtlichen Katastrophen, die nicht ausbleiben werden, wenn Er seinen Maßstab anlegt an die Reiche, bricht er in den zuversichtlichen, ja jubelnden Ruf aus: „Die Gänge der Zeiten sind sein!“ Zu zittern hat nur das Schlechte, dem Menschenheile Feindliche. Es ist ja das Walten des barmherzigen, seine Menschenkinder erziehenden Gottes, das in den scheinbar Vernichtung bringenden Fluten waltet, — wie Habakuk in Parallele mit der Noahsflut diese „Ströme“ zum alles überflutenden „Meere“ anwachsen sieht, — deshalb bedeutet hier wie dort seine Waltung stets nur „Heil“! Auch über diesen „Wassern“ der Verhängnisse strahlt unverhüllt der Bogen des Friedens, des Gottesbundes mit der Menschheit, und die einst „den Stämmen“ d. i. Israel gemachten Verheißungen sind und bleiben ein ewig Gotteswort, „die Erde bricht wieder hindurch durch die Fluten“, — was Verderben schien war in Wirklichkeit Wiedergeburt (6—9). In allen diesen Stürmen reift auch das Gottesvolk seiner Bestimmung und damit seiner Erlösung entgegen. Deshalb hat es nie zu verzagen. Gerade das ihm und seiner Bestimmung Feindliche wird vom Strahle des Gottesgerichtes und zwar gerade dann getroffen, wenn es glaubt, gegen den gottgesandten Menschheitspriester den Todesstreich führen zu können. „Wenn du dein Roß das Meer betreten lässest, da werden zu gefügigem Thon die mächtigen Fluten!“ (V. 10—15). Jetzt kennt der aus Israels Seele sprechende Prophet keine Sorge mehr und kein Zagen. Würde ich auch jeglichen Gutes, jeglicher äußeren Stütze beraubt, — mit diesen jubelnden Worten schließt er — „so würde ich doch stets von Gott getragen aufjauchzen! ich frohlocke, getragen von dem Gotte meines Heiles! Dieses Gottesbewußtsein ist meine Stärke, es trägt mich hinweg über alle Schwierigkeiten, führt mich auf die mir bestimmten Höhen — deshalb weihe ich mich Ihm, der mir Sieg und Kraft und Dauer verleiht in meinen Melodien“, der mich nicht nur im Dasein erhält, sondern mich heiter glücklich alles siegreich überdauern läßt (V. 16—19).