Chabbakuk 2 חבקוק
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 2. V. 1. Ich erwartete keine unmittelbare Antwort auf meine Frage, ich schaute hinaus, war des an mich ergehenden Gotteswortes gewärtig und hoffte, sodann aus ihm eine Aufklärung, eine Belehrung entnehmen zu können, aus der ich die mich quälenden Fragen beantworten könnte. Der Vergleich des Propheten mit dem auf Warten und Festungsmauern Ausschau haltenden, in Sturm und Nacht geduldig ausharrenden Wächter kommt wiederholt vor. Vergl. Jes. 21, 8. מָצוֹר Belagerung und Festungswall. Das ה in אֶתְיַצְּבָה und אֶעֱמְדָה bezeichnet die Absicht, den Wunsch. Kaum war derselbe in mir aufgestiegen, da erging das Wort Gottes an mich und zwar erhielt ich direkte Antwort auf die Vorstellungen, denen ich Ausdruck zu geben gewagt hatte. Der Inhalt der Gottesrede war nicht ein Auftrag, aus dem ich mir eine Antwort erst hätte entnehmen müssen, sondern das Gotteswort war selbst die Antwort.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. Gott „antwortete“ und gebot ihm, diese Antwort niederzuschreiben und zwar „deutlich“, auf daß sie „leicht gelesen werden könne“. לֻחוֹת die Schreibtafeln, auf denen geschrieben wurde. Hier ist nicht etwa an große Tafeln zu öffentlicher Ausstellung in Plakatform zu denken, wie Jes. 8, 1, sondern es wird die Herstellung vollkommen correkter und deutlicher Niederschrift eingeprägt. Damit wird zugleich die hohe Wichtigkeit der zu erwartenden Aufschlüsse für alle Zukunft als Schlüssel zum Verständnis der Geschichte nachdrücklich ausgesprochen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. Denn, trotz aller ephemeren Siege der Gewalt, hat das prophetische Gesicht, die durch alle Propheten Israel und der Menschheit gewordenen Offenbarungen, noch seine volle Gültigkeit, besteht noch vollständig in Kraft für „die bestimmte Zeit“, d. i. für das verheißene Gottesreich auf Erden. Diesem verheißenen Ziele, dem קֵץ, der Verwirklichung, „haucht“ das חָזוֹן, das „Gesicht“, das Geschaute entgegen, nicht mit Sturmesgewalt, in gerader Bahn, sondern unmerklich, in leisem Forschreiten „hauchen“ die Zeiten dem Siege des Guten entgegen, wörtlich: haucht das Gesicht dem Ziele entgegen. Vergl. יָפִחַ כְּזָבִים Prov. 6, 19 u. s. unmerklich Lügen verbreiten.
Dieser V. 3 scheint jedoch auch eine andere Auffassung zuzulassen. Gott sprach zum Propheten: Du hast gesehn, wie Babel alles zertrümmert, und möchtest wissen, was das Ende sein wird? Schreibe du nur jetzt nieder was du von mir vernimmst und schreibe es deutlich, denn was das verheißene Ziel betrifft, für die von Gott bestimmte Zeit giebt es noch Prophetengesicht, wenn Gott über sie enthüllen wollte und will. Wir erinnern an die bezüglichen Stellen in Jesaias und den anderen Propheten, sowie an die späteren, Secharja gewordenen Mitteilungen. Dieses Prophetenwort aber, das die letzte Zukunft enthüllen soll, es wird nicht mit der Klarheit und Deutlichkeit sich aussprechen, wie dasjenige über die Gegenwart und die zunächst auf sie folgenden Geschichtsperioden, es „haucht“ nur, spricht nur leise andeutend über das letzte Ziel, doch ist es darum nicht minder wahr, es täuschet nicht, und wenn das Ziel, d. i. die Erfüllung, auch zu zögern scheint, lange ausbleibt, so harre doch darauf in unerschütterlichem Vertrauen, denn es kommt ganz bestimmt, und es wird nicht zögern wenn die Zeit dafür gekommen. Dieses Ziel stelle Gott anheim; zur Beschwichtigung deiner Sorge, zur Beantwortung deiner Fragen vernimm das Folgende. — וְיָפֵחַ kann nach der ersten Auffassung, die wir nach der ganzen Construction und dem Zusammenhange für die entsprechendere halten, sowohl als Adjectiv, wie Ps. 27, 12, als auch als Verbum 3. P. Fut. Hiphil von פוח, emphatische Form für יָפִיחַ begriffen werden. Als Adjectiv bezeichnet es die Annäherung als eine stetige. Nach der zweiten wäre es entschieden verbal zu fassen. Jedenfalls beginnen mit dem folgenden mit הִנֵּה eingeleiteten Verse Aufschlüsse, für deren Fixierung durch Schrift die größte Sorgfalt geboten wurde.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. עֻפְּלָה Perf. Pual von עָפַל, das nur noch Num. 14, 44 und als Subst. עפל vorkommt. Die Etymologie s. zu Gen. 4, 2. Grundbedeutung: hemmen, entgegenstemmen, beharren. Piel: zum Widerstand bringen. Pual: dazu gebracht, veranlaßt werden, also von künstlich aufgestacheltem Trotze und Wagemute eines an sich gar nicht so heldenmäßig Kühnen. So hier. Das welterobernde Babel, oder wie es hier bezeichnet wird: der Chaldäer, dessen Kriegs- und Siegeszüge im vorigen Kapitel geschaut und der hier als Typus des sieggekrönten personificierten Machtmißbrauches, also aller Welteroberer betrachtet wird: nur künstlich aufgestachelt ist sein Heldenmut, nur zur Schau getragen seine stolze Sicherheit, seine Seele ist nicht befriedigt, ihm ist in Wahrheit nicht wohl bei allen Erfolgen, das ist der Fluch, den der Gewaltige in sich selbst trägt — während der Pflichttreue in seinem Vertrauen und durch sein Vertrauen, d. i. durch das vertrauende Festhalten an Gott, in dessen Dienste er sich weiß, immer neues Leben gewinnt. Das durch den trennenden Accent hervorgehobene אֱמוּנָתוֹ bildet den geraden Gegensatz zu עֻפְּלָה. Der צַדִּיק giebt sich demselben Gotte hin, macht ihn zu seinem אָמֵן, läßt sich von ihm gestalten und erziehen, dessen Leitung sich der Gewaltige „entgegenstemmte“. עֻפְּלָה ist hier in demselben Sinne wie Num. 14, 44 von dem Auflehnen gegen Gottes Willen gebraucht. נַפְשׁוֹ ist Subject von עֻפְּלָה wie von יָשְׁרָה. Das letztere ist hier ähnlich wie 1 Sam. 6, 12, nur bildlich auf das Seelenleben übertragen zu begreifen: seine Seele ist nicht gerade, d. i. fühlt sich nicht auf dem rechten Wege, sie fühlt sich, wenn auch oft nur dunkel, stets im Gegensatz zu einer höheren Weltleitung, der sie sich „entgegenstemmt“, und dieses Angstgefühl einer unbestimmten Furcht läßt den Gewaltigen in keinem Erfolge Befriedigung finden, läßt ihn nie zur Ruhe kommen. Also auch während der Zeit seiner Erfolge ist sein Glück nur ein scheinbares. Allein auch dieses scheinbare Glück ist nicht von Dauer.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5. וְאַף כִּי הַיַּיִן וגו'. Daß bei dem Weine hier nicht etwa an die Trunksucht der Chaldäer, und unter der Treulosigkeit nicht an die von ihr bewirkte Schwächung zu denken ist, geht schon daraus hervor, daß der mit וְלֹא יִנְוֶה beginnende Nachsatz keinen Gegensatz bilden würde. Die Auffassung des אַף כִּי aber als Steigerung dürfte den wenig entsprechenden, in den Zusammenhang aber gar nicht passenden Sinn ergeben, daß die Freunde am Weine als ein ernstes Moment für den Sturz des als typisch gedachten Chaldäers angeführt würde. Wein ist vielmehr hier gleichbedeutend mit Rausch und zwar mit künstlich und arglistig bei anderen erzeugtem Rausche; V. 15 haben wir ausdrücklich das Bild des zum Zwecke der Verführung erzeugten Rausches. Vergl. auch Hosea 7, 5. Hier ist die schlaue Politik gemeint, die glaubt durch Entfesselung der Leidenschaften ihre wahren Absichten verbergen und die Völker dauernd über ihre Lage täuschen zu können. יָהִיר nur noch Prov. 21, 24 und im aram. יהירא, stolz, übermütig. Es kann hier attributiv, aber auch wie בּוֹגֵד prädikativ stehen: Wenn auch der Wein täuscht, der Gewaltige noch so hochfahrend ist — er findet dennoch nicht dauernde Stätte — so unersättlich er auch ist und stets nur von Erfolg zu Erfolg eilt. נָוֶה die gebührende, passende, dauernde Stätte haben. — וְהוּא כַמָּוֶת וגו'. Grab und Tod, die alles in sich aufnehmen und immer noch alles andere erwarten, sind hier das Bild des nimmer gestillten Verlangens. וַיֶּאֱסֹף: אָסַף bedeutet nicht blos allgemein sammeln, sondern ihm wohnt die besondere Nüance des Heimsammelns inne, des Einbringens, Aufnehmens in den Kreis, in den das Eingesammelte gehört, — so הֵאָסֵף אֶל עַמָּיו von der Wiedervereinigung mit den im Tode vorausgegangenen Verwandten, so von der Wiederaufnahme des wegen Aussatzes Ausgeschlossenen in den Kreis der Gesellschaft, so von der gastlichen und schützenden Aufnahme des wegen unvorsätzlichen Todschlags Fliehenden Jos. 20, 4, also bei lebenden Wesen ein Aufnehmen, das ihnen förderlich ist, Schutz und Behagen gewährt. אָסַף kann deshalb auch von einzelnen Personen oder Sachen gebraucht werden, קִבֵּץ aber bedeutet stets ein Sammeln, Versammeln von vielen Einzelnen, die Vereinigung vieler zu einem Ganzen, auch wenn es sich wie hier auf eine Vielheit von Völkern bezieht. Der Charakter des Zwanges, der Vergewaltigung liegt sowohl dem אסף wie dem קבץ fern. Im Gegenteil, die גּוֹיִם, von גֵּו Körper, die Nationen würden durch wahrhafte אֲסִיפָה auf die ihnen gebührende Stellung gehoben, und die עַמִּים, die Volksgesellschaften, würden durch wahrhaftes קִבּוּץ, durch Vereinigung zur Einheit und damit zur Stärkung der sich bis dahin bekämpfenden Interessenkreise gebracht werden. Vernehmen wir hier nicht die Lockpfeife und die Friedensschalmei, mit der noch stets Welteroberer die unterworfenen Völker mit ihrem Schicksale auszusöhnen suchten? Für den Verlust der Selbständigkeit soll sie der Schutz als Glied des mächtigen Weltreiches entschädigen, die früher Vereinzelten werden nunmehr durch die Sammlung erstarken. (Vergl. die Zusicherung Aschurs Jes. 26, 16 ff.) Das sind die Vorspiegelungen des יֵין בּוֹגֵד, die von dem „hochfahrenden Gebieter“ durch tausend Kanäle in die Kreise der unterworfenen Völker geleitet werden. Umsonst: die נָוֶה, die behagliche, „schöne“, Nahrung, Weide bietende Stätte, alles das liegt in נָוֶה, wie sie dem bescheidenen Einzelnen vergönnt ist, findet nimmer der Gewaltige, der die Völker und Volksgesellschaften doch nur der Grabesruhe seines zur Befriedigung seiner unersättlichen Ländergier und Ruhmessucht gegründeten Reiches in gemeinsamer Knechtung einverleibt hat.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. Mit diesem Verse beginnt die bis zum Ende des Kapitels sich fortsetzende Wehe dem, der da häufet was nicht sein! Wie lange dauert's und [siehe] Verantwortungsschwere lädt er sich auf! Erschließung des Inhalts der Weltgeschichte, soweit sie sich mit der Geschichte der auf Gewalt gegründeten Weltreiche deckt. Als deren Typus steht Babel da, und als dessen Vertreter wiederum sein in Selbstherrlichkeit strahlender König, der als Vorbild betrachtet wird aller ihm nachstrebenden Selbstherrscher, die je den Welteroberungstraum geträumt haben. Daß es sich hier nicht bloß um das in Babels Untergang, sondern um das in der ganzen Weltgeschichte sich vollziehende Gottesgericht handelt, das geht mit Evidenz aus VV. 12, 13 und 14 hervor. Es ist die erste und herrlichste Theodicee, die den Inhalt dieses Kapitels bildet.
Sie beginnt mit dem Worte הֲלֹא, also mit dem Hinweis auf dasjenige, was sichtbar und vernehmbar in nicht zu verkennender und nicht anzuzweifelnder thatsächlicher Wirklichkeit sich vor den Augen der Menschen vollziehen werde. Werden doch die von dem Gewaltigen so tief verachteten und so schmählich unterdrückten Völker seinen Sturz erleben und an seinem Grabe und über die Trümmer seiner Größe jenen Weisheitsspruch, jene Rede erheben, die ihm freilich, wenn er sie jetzt vernähme, nur als Rätsel, oder wie der Plural meint, als Rätsel über Rätsel erscheinen würde! Ja, nicht nur die Völker, er selbst, wie es in ergreifender Tragik heißt, er selbst wird durch sein Geschick es aussprechen, jenes „Wehe!“ das durch die Jahrtausende der Geschichte tönt: Wehe, wer mehret, wer häufet, was nicht sein ist, was ihm nicht zukommt! Auf wie lange? Wie lange nur dauerts, und der מַרְבֶּה erscheint, nur als מַכְבִּיד und zwar עַבְטִיט, der „Mehrer“ steht nur als „Beschwerer“ da und zwar: עָלָיו, er beschwert sich, lädt auf sich עַבְטִיט. Das Wort kommt nur hier vor, wohl von עָבַט mit verdoppeltem letzten Buchstaben. עָבַט, lautverw. mit עָבַד, bezeichnet die Schuldpflicht und das für dieselbe Haftende, das Pfand. Siehe zu Deut. 15, 6. Die Verlängerung drückt jedenfalls die stärkere Betonung, die Steigerung des Begriffes, hier der Schuldpflicht aus. In diesem Satze ist demgemäß die große Wahrheit ausgesprochen: Mit jedem Siege, mit jeder Ausbreitung deiner Macht ist deine Verantwortung eine größere geworden. Der Herrscher ist verantwortlich für das Wohl der seiner Macht unterstellten Menschen, eine jede Ausdehnung seines Machtbereiches erhöht den Umfang und die Größe seiner Verantwortung. Der scheinbar Herr ist, ist in Wahrheit der Schuldner seines Volkes. Verkennt er diese seine Aufgabe, mißbraucht er seine Macht oder verwendet er sie nur im Dienste der eigenen Interessen, so bedeutet jeder Sieg nur eine Vergrößerung seiner Schuld, jede gewonnene Provinz eine Belastung, jeder Zuwachs an Macht in Wahrheit eine Schwächung. Die Unterworfenen werden die Gläubiger, sie haben eine Rechtsforderung an den Sieger, und früh oder spät kommt die Stunde, wo die göttliche Weltordnung diese Rechtsschuld zur Zahlung bringt. Es ist nicht unmöglich, daß bei der Wortbildung עַבְטִיט zugleich an den Sinn der es in zwei Worte trennenden Aussprache gedacht ist, עָב טִיט Wolke von Schmutz oder: Dichte, Schwere des Schlammes, jedes neue Ruhmesblatt ist in Wahrheit eine neue Entehrung. Magst du dich auch noch so lange in stolzer Sicherheit gewiegt haben:
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. Urplötzlich, wenn du es am wenigsten erwartest, werden sich erheben, die so lange dein Joch geduldig getragen, und werden aus dem Schlafe „erwachen“, nämlich zum Bewußtsein ihrer unverjährbaren Rechte und ihrer Kraft, und dann hast du zu erdulden, was du bisher den anderen gethan. נֹשְׁכֶיךָ, wörtlich: die dich „beißen“ — נֶשֶׁךְ, Zins — sie werden ihre Forderung mit Zins und Zinseszins eintreiben. מְזַעֲזְעֶיךָ Pilp. von זוע sich rühren, Esth. 5, 9, bewegt sein, zittern. Hier transitiv: die dich aufscheuchen, erbeben machen. משסות von שָׁסַס plündern, der Plural zum Ausdruck der Verstärkung.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8. כֹּל יֶתֶר עַמִּים, alle vereinigen sich gegen dich als den gemeinsamen Feind und üben Vergeltung wegen des an den Ländern, den Städten und allen einzelnen Menschen verübten Frevels. Charakteristisch und ganz der Würdigung einer jeden Einzelpersönlichkeit entsprechend ist der Klimax, der in der Vergegenwärtigung der Schuld von den ganzen Ländern über die Städte individualisierend bis zu den einzelnen sie bewohnenden Menschen fortschreitet. Dieser Individualismus geht durch das ganze Alte Testament, von dem ersten Worte der Genesis bei der Schöpfung des Menschen bis zum letzten Prophetenworte. Diese 3 Verse 6—8 sprechen den ersten Weheruf aus, den die Geschichte durch den Mund der Völker, ja den der Gewaltige selbst durch sein Geschick durch die Zeiten tönen läßt. Dieselbe Gottesgerechtigkeit wird weiter durch vier andere Weherufe desselben Geschickes verkündet. Der Inhalt aller bildet die Antwort auf die Frage des Propheten.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9. בֹּצֵעַ, von בָּצַע abbrechen, bezeichnet stets den unrechtmäßigen Gewinn als einen Abbruch von dem Besitze des anderen. Die Geschichte lehrt, daß jeder unrechtmäßige Gewinn unheilvoll ist für das Haus, das dadurch befestigt werden sollte. Du glaubtest durch deine Erfolge dein „Nest“ hoch über alle anderen Dynastieen und Völker und Menschen, לָשׂוּם, befestigen, dauernd gründen zu können, um dadurch der „Hand“ des Unheils, das die gewöhnlichen Sterblichen erreicht, enthoben zu sein — wähntest, das im Großen geübte Unrecht sei dem nur für die Kleinen geltenden „Moralgesetze“ enthoben? — Der trennende Accent auf רָע hebt das Unheilvolle hervor.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 10. Du warst klug und hieltest dich für staatsmännisch schlau und glaubtest an der Größe deines Hauses zu arbeiten, indem du mit skrupelloser und herzloser Staatskunst deinen Interessen das Glück ganzer Völker zum Opfer brachtest? Nur Schmach hast du deinem Hause „beraten“, wie es mit vernichtender Ironie heißt. Du glaubtest viele Völker zu vertilgen? An dir selbst hast du dich damit am schwersten versündigt! קְצוֹת Inf. von קָצָה=קָצַץ, abhauen, ein Ende bereiten, abhängig von יָעַצְתָּ, du plantest לִקְצוֹת עַמִּים וְחוֹטֵא נַפְשֶׁךָ mit dem Acc. der Person, wie Prov. 20, 2: du hast dein Leben verwirkt. Das Part. Präs. schaut das in der Zukunft Hervortretende bereits als gegenwärtig, es sieht den siegestrunkenen Gewaltigen wie er in Wirklichkeit mit allem Eifer an seinem eigenen Untergange arbeitet.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 11. Denn könntest du auch alle lebendigen Zeugen deiner Gewaltthaten stumm machen, die stummen Zeugen deiner Missethaten werden laut, jeder Stein aus der Mauer wird „schreien“ und jeder Spahn aus dem Gebälk wird ihm antworten, d. i. in den Ruf einstimmen:
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 12. Wehe dem, der glaubt, man könne Städte mit Blutschuld bauen, und der Burgen auf Ungerechtigkeit, auf Mißbrauch der Überlegenheit gründen will! קִרְיָה synon. mit עִיר, bezeichnet mehr die feste, glänzende Stadt als staatlichen Mittelpunkt im Gegensatze zum Einzelnen; vergl. כִּי עַל כָּל בָּתֵּי מָשׂוֹשׂ קִרְיָה עַלִּיזָה Jes. 32, 13. Also: Wehe dem, der glaubt, daß es in Beziehung auf die Heiligkeit des Rechtes einen Unterschied gebe zwischen dem Einzel- und dem Staatsleben! — Hier geht die Rede von den einzelnen gewaltigen Herrschergrößen der Geschichte, die im tiefsten Grunde ja doch nur die Verkörperung der auch in ihren Völkern lebendigen Gedanken und Bestrebungen sind, zu diesen Völkern selbst über. Jene wären ja machtlos, wenn nicht die dunklen Triebe der Selbstsucht in den breiten Volksmassen mit ihren Bestrebungen übereinstimmten.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 13 und 14. Denn „siehe“, du siehst freilich nur die Gegenwart und die einzelnen Phasen, die dieser Gegenwart folgen, allein das Ziel (s. oben V. 3), dem die Ereignisse entgegen hauchen, dieses siehst du nicht. Gott, der barmherzige Vater der Menschen aber, in dessen Dienst alle Schöpfungsscharen, auch die scheinbar sich bekämpfenden Wesen und Kräfte stehen, er sieht das Ziel und er weist darauf hin, wie von ihm der Weg bestimmt ist, auf dem allein die Menschheit zu dieser Höhe ihrer Bestimmung gelangt: Erst müssen die Menschen, Volk nach Volk, es versucht haben, ohne Gott, d. h. ohne unbedingte Anerkennung der von Gott hoch aufgesteckten Principien des Rechtes und der Liebe, das Heil in Gesellschaft und Staat zu erreichen, und als endliches Ergebnis die Nutzlosigkeit aller dieser Versuche erfahren haben, — sie müssen es alle erst selbst erleben, wie trotz aller zeitweiligen Erfolge die stolzen Ruhmesbauten, die gewaltigen Staatengründungen und die machtvollen Volksgesellschaften den Keim ihres Verfalles bereits vom ersten Augenblick der Gründung in sich tragen, — wie alles, an dessen Aufbau und Gründung sie ihre ganze Kraft gesetzt haben, nur „Genüge des Feuers“, „Genüge des Leeren, Nichtigen“ ist, d. h. dem Brande, dem Nichts verfällt —: dann erst werden sie dazu kommen, wie es von dem ersten Augenblick der Erschaffung des Menschen bestimmt ist, Gott als ihren einzigen wahrhaftigen Vater und Herrn zu erkennen und anzuerkennen, und diese Erkenntnis wird alle Höhen und Tiefen der Menschheit in allen ihren Fugen und Verhältnissen durchdringen, „sowie die Wasser das Meeresbecken mit allen seinen Höhen und Tiefen bedeckt“. יָם heißt in seiner Grundbedeutung das Becken des Meeres.
Also die endlosen Kämpfe und die zeitweiligen Siege der Gewalt gehören selbst mit zum Weltenplane Gottes, sie sind unerläßlich für die einstige Erreichung des letzten Zieles. Denn dieses ist ja die Erziehung des freien Menschen, der erst durch die Erfahrungen, die er bei der mißbräuchlichen Anwendung seiner Freiheit macht, zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen kann, daß nur in der freien Unterordnung unter Gott er in Wahrheit seiner eigenen Bestimmung, seinem eigenen Wesen entspricht, daß nur durch sie das vergebene Abmühen „für das Feuer“, „für das Nichts“ ein Ende findet, daß nur in dieser freien Unterordnung unter die Pflicht die wahre Freiheit besteht, die allein ihn auf derselben Erde, die bisher nur die Trümmer- und Brandstätte seiner vieltausendjährigen Mühen war, des endlichen wirklichen Heiles teilhaftig macht. Das ist die Zeit, auf welche Jes. 2, 1 ff. hinblickt. — תִּמָּלֵא לָדַעַת וגו' zu erkennen, d. i. erfüllt sein von dem Streben, der Sehnsucht, die Herrlichkeit Gottes zu erkennen. לְאֹם neben עָם, der Volksgesellschaft, bezeichnet den Staat. כַּמַּיִם יְכַסּוּ עַל יָם vergl. Jes. 11, 9, wo dieses Ziel als erreicht geschaut wird.
Die Gottesrede aber fährt in der Aussprache der aus dem Trümmergeschicke des Gewaltigen durch die Geschichte tönenden Warnungen und Lehren fort.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 15 und 16. Diese beiden Verse schildern die Verderblichkeit einer Politik, die auf die Entsittlichung der besiegten Völker speculiert, um durch Entfesselung ihrer Leidenschaften sie um so sicherer zu unterjochen und um so dauernder in der Knechtschaft zu erhalten. Dahin gehört auch die planmäßig betriebene Verkehrung der Begriffe von Gut und Schlecht, von Recht und Unrecht. Das sittliche Gefühl wird abgestumpft, das Urteil gefälscht, das Gewissen ertötet. Das ist die „Übertragung“ der in dir, dem Herrscher, lohenden Glut, also deiner Leidenschaft. סָפַח verw. mit סָפָה hinzufügen: übertragen, mitteilen, im Kal 1 Sa. 2, 36, Hithpael 1 Sa. 28, 19, Piel nur hier. „Um auf ihre Blößen hinschauen zu können“: du entfesselst das Tierische in ihnen und weidest dich an ihrer Blöße, kennst sie ganz genau und weißt sie geschickt zu benutzen. Über panem et circenses hat noch jedes entartete Volk an die höheren Güter vergessen, diese Politik ist uralt. Sie wird hier auch typisch den Chaldäern, also Nebukadnezar vorgehalten. Bereits in dem חֲמָתְךָ war der Übergang aus der dritten in die zweite Person vollzogen, in der die Rede V. 16 und 17 fortfährt. מִקָּלוֹן: das מ ist der Comparativ. Du hast dich gesättigt, d. h. Befriedigung und Förderung deiner Interessen stets mehr von der Herabwürdigung der Menschen erhofft als von der Erhöhung ihres sittlichen Wertes, ihrer Ehre. Jetzt „trinke auch du“ — „auch“ im Hinblick auf V. 15 — den Trunk der Betäubung, den du anderen gereicht hast, וְהֵעָרֵל: ערל der Herrschaft, der Verwendung entzogen sein, עֲרַל לֵב, עֲרַל שְׂפָתַיִם, wer keine Herrschaft hat über seine Lippen, sein Herz. עָרְלָה die Baumfrüchte der ersten drei Jahre, die אסור בהנאה, dem Gebrauche entzogen sind. So hier von der Wirkung, die das hereinbrechende Geschick auf den bisher allmächtigen König ausüben werde. Er werde vollständig überwältigt, des Gebrauchs seiner Sinne, seines Willens beraubt werden und dem Geschicke willenlos erliegen, ganz wie seither die heimtückisch von ihm umgarnten Völker. Das Geschick wird wie so oft mit dem Kelche verglichen, der von יְמִין ה', von der Hand des das Menschenheil bauenden Gottes jedem gereicht wird. תִּסּוֹב, dieser Geschickeskelch geht im Kreise, macht oft weite Umwege, geht manchmal lange an einem Mächtigen vorüber, schließlich aber wird er mit überwältigender Wucht dem sorglos Sicheren an die Lippen gedrückt. Diese höhere Gewalt, gegen die kein Widerstand möglich, wird durch עָלֶיךָ „über dich“, bezeichnet. Dann ist’s zu Ende mit deiner Herrlichkeit. קָלוֹן Schande, Schmach. Es ist der conträre Gegensatz zu כָּבוֹד. Deine ganze bisherige Herrlichkeit wird nicht nur der Gegenstand geringschätzender Verachtung, sondern sittlichen Ekels, es ist der stärkste realistische Ausdruck für Abscheu und ist als schärfster Contrast zu der früheren imposanten Machtherrlichkeit gewählt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 17. Denn endlich wird das am „Libanon“ geübte Unrecht dich begraben. Der Libanon bildet das Gerippe des heiligen Landes, auf seinem südlichsten Ausläufer war das Gottesheiligtum erbaut, — in dem Ausdrucke יַרְכְּתֵי צָפוֹן wird derselbe sonst als Wurzel des ganzen nach Norden ansteigenden Gebirges betrachtet. Wenn auch die Zerstörung des Tempels und des jüdischen Reiches dem göttlichen Ratschlusse entsprach, so wird die Verantwortlichkeit des Eroberers für die dabei verübten Schandthaten doch nicht verringert. יְחִיתַן unregelmäßige Hiphilform von חתת und חות schrecken, erschüttern, beben machen. Der Sinn wäre jedoch sehr lahm, da die Beunruhigung oder Vernichtung der Tierwelt des Libanon doch unmöglich eine Steigerung der Schuld darstellt, und ohnehin diese Tierwelt sonst nicht als בְּהֵמוֹת bezeichnet wird. Einen ganz prächtigen Sinn aber giebt es, wenn יחיתן als Denominativum von חַיָּה, im Gegensatz zu בְּהֵמָה gefaßt wird. Das letztere bezeichnet stets die zahmen, dem Menschen sich unterordnenden und von ihm in seinen Dienst genommenen Tiere, während חַיָּה mehr die selbständigen, ihre Selbständigkeit behauptenden, auch die wilden Tiere bezeichnet. Nun heißt es hier: das Verhängnis ereilt dich einmal wegen dessen, was du gegen den „Libanon“ verbrochen, also gegen den Tempel und das jüdische Volk, und sodann wird die gegen alle unterworfenen Völker anhaltend verübte Knechtung und Beraubung auch die „Zahmsten“, die so lange alles Unrecht geduldig trugen, schließlich aufstacheln, und die bisher in Unterthänigkeit gegen ihren, wie du sie auf ewig glauben wähntest, „rechtmäßigen“ Herrn ersterbenden בְּהֵמוֹת werden, durch deine Mißregierung wütend gemacht, zum Gefühl ihrer Selbständigkeit und ihrer natürlichen Kraft erwachen und als חיות dem aus seiner trügerischen Sicherheit aufgeschreckten Herrn das wohlverdiente Ende bereiten. Sie werden ihm die furchtbare Schuldforderung entgegen halten, die lautet: „Vergossenes Menschenblut, an Land und Stadt und allen Bewohnern verübter Frevel!“ Charakteristisch ist es und, im Gegensatz zu der noch immer bei vielen Erklärern herrschenden Ansicht, vielmehr durchaus der biblischen Anschauung entsprechend, wenn hier die an anderen Völkern verübten Frevel eben so schwer auf der Wage der göttlichen Gerechtigkeit wiegen, wie die an Israel verübten. S. zu Gen. 1, 25.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 18. Wenn erst das bisher geschilderte System der demoralisierenden Gewaltherrschaft sich an seinen Gründern gerächt und ihnen selbst den Untergang gebracht haben wird, dann wird man einsehen —: „Was hat nun das Götterbild genützt, daß sein Bildner es geschnitzt hat? Das Gußbild und der Lehrer der Lüge?“ Dann sind die beiden Letztgenannten fernere Subjecte zu מָה הוֹעִיל und Ergänzung zu פֶּסֶל. Sie können jedoch auch als Prädicate zu פֶּסֶל begriffen werden, dann sind sie eine positive Weiterführung des Prädicates מָה הוֹעִיל und sprechen zu der Nutzlosigkeit auch die Nichtigkeit und Verderblichkeit des Götzendienstes aus. Da מוֹרֵה שֶׁקֶר, Lehrer der Lüge, sich offenbar auf das geschnitzte Götterbild bezieht und die Verderblichkeit der von den Götzenbildern durch ihr bloßes Vorhandensein unmittelbar genährten Wahnvorstellungen lehrt, so dürfte auch מַסֵּכָה in ähnlichem Sinne zu fassen sein. מַסֵּכָה heißt nicht bloß Gußbild, sondern Jes. 28, 21 bedeutet es schützende Decke, Jes. 25, 7: das Lügengewebe der Täuschung, das über alle Völker gewoben oder ausgebreitet ist. Demgemäß hier: Was hat nun das Bild genützt? Es ist ja nur eine Hülle ohne Inhalt! Ist ja nur ein Lehrer der Lüge! Es bestärkt ja nur die Menschen in ihrem Wahne! — יֵצֶר ist das Gebilde, passivisch, nicht: was etwas schafft, bildet, sondern: was geschaffen, gebildet wird. Also die Gedankenbilder, die Vorstellungen, die der Mensch sich schafft, und die dann wieder anspornend und bestimmend auf sein Verlangen und seinen Willen zurückwirken. Siehe die eingehenden Darlegungen zu Gen. 6, 5. Hier also: daß derjenige, der sein Gebilde, also die Ausgeburten seines Sinnens, seiner Leidenschaften עָלָיו „über sich“ d. h. zu seinem Götzen bildet, darauf vertraute, zuversichtlich glaubte, sich stumme Götter machen zu können. Er glaubte, er könne Götter haben, die ihn schützen und doch „stumm“ sind, ihm nicht in sein Thun und Lassen hineinreden. Sind sie doch die personificierten Triebe, und durch deren Befriedigung dient er ihnen ja! Die Stummheit ist hier nicht ein Mangel, sondern ein erstrebter Vorzug. Auf die Nichtigkeit und absolute Macht- und Leblosigkeit der Götzen wird erst im folgenden Verse in drastischer Weise hingewiesen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 19. Wehe, wenn die Zeit der Not kommt und du Hülfe von diesem toten Holze erflehest, wenn du zu dem starren Steine aufrufest, daß er dir doch den rechten Weg weise und du dann in Verzweiflung erkennst, daß es doch nicht gut sei, wenn man einen „stummen“ Gott hat!
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 20. Gegenüber der so gezeichneten Nichtigkeit aller auf Unrecht gegründeten Bestrebungen der Menschen und der Nichtigkeit ihrer Götter schließt das Gotteswort mit dem Hinweis auf die Unantastbarkeit des allmächtigen Gottes und auf die Unantastbarkeit der ewigen Wahrheiten, die als Ziel für die Erziehung der Menschheit in jenem Heiligtume thronen, das ewig, auch während der Zeiten, in denen es von der Erde verschwunden, unter dem unwandelbaren Schutze Gottes steht. Es ist das Heiligtum der Gotteslehre und des Gottesgesetzes, oder vielmehr diese beiden sind selbst das Heiligtum, über dem Gott alle Zeiten hindurch schützend thront. Ihm gegenüber hat alles zu schweigen. הַס Interjection: still! Amos 8, 3 als Subst. Stille, Schweigen. Davon הָסָה schweigen, im Hiphil wie Num. 13, 30 וַיַּהַס: schweigen machen, beruhigen.