Amos 4 עמוס

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1
שִׁמְע֞וּ הַדָּבָ֣ר הַזֶּ֗ה פָּר֤וֹת הַבָּשָׁן֙ אֲשֶׁר֙ בְּהַ֣ר שֹׁמְר֔וֹן הָעֹשְׁק֣וֹת דַּלִּ֔ים הָרֹצְצ֖וֹת אֶבְיוֹנִ֑ים הָאֹמְרֹ֥ת לַאֲדֹנֵיהֶ֖ם הָבִ֥יאָה וְנִשְׁתֶּֽה׃
BernfeldHöret dies Wort, ihr Kühe Baschans, ihr [hartherzigen Frauen] auf dem Berge Schomron, die ihr die Armen bedrücket, die Dürftigen zermalmet, die zu ihren Eheherren sprechen: Schafft herbei, dass wir zechen.
ZunzHöret dies Wort, Kühe Baschan's, ihr auf dem Berge Schomron, die ihr die Armen bedrücket, die Dürftigen zerbrechet, die zu ihren Eheherren sprechen: reiche her, daß wir zechen.
J. J. HirschHöret dieses Wort, ihr Kühe Baschans, die auf dem Berge Schomrons sind, die die Verarmten berauben, die Dürftigen mißhandeln, die zu ihren Herren sprechen: Bring herbei, daß wir zechen!
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Salomon Herxheimer

Die üppigen Weiber, den wohlgenährten Kühen Basans (4 M. 32. Sech. 39, 18) gleichend, verführen ihre Männer zur Schwelgerei und dadurch, die Mittel dazu von den Schwachen zu erpressen. Sie haben also an den Verbrechen der Großen 3, 9. selbst Theil.

Die Weiber sind oft auch jetzt durch ihren Luxus und ihre Ueppigkeit schuld, daß ihre Männer auf unrechtliche Weise die großen Bedürfnisse zu befriedigen suchen und sammt ihren Familien zeitlich und sittlich zu Grunde gehen. 36

Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 4. Dieses Kapitel ist aufs engste mit dem vorhergehenden verbunden, so sehr, daß V. 12 desselben unmittelbar an das am Schlusse des vorigen Kapitels angekündigte Gericht anknüpft. V. 1—11 werden die Momente angeführt, die jede Hoffnung auf eine Erhebung Israels und damit die Möglichkeit einer Abwendung des Verhängnisses ausschließen. Zuerst V. 1—3 die Entartung der Frauen, und zwar der tonangebenden, angesehensten. Sodann V. 4—5 die Verkehrung des Opferdienstes, der, recht begriffen, eine Mahnung zur Rückkehr sein sollte, in sein Gegenteil. Endlich die Nutzlosigkeit all der schweren Heimsuchungen auf dem Boden des israelitischen Landes, um sie in der Heimat zur Besinnung zu bringen. Da alles dies vergebens war, so ergiebt sich V. 12 die Notwendigkeit des Gottesgerichtes, Israel hat sich deshalb anzuschicken vor seinen Richter zu treten. Dieser Richter aber ist, wie in ernstem und zugleich ermutigenden Hinweis erinnert wird, der allmächtige, allwissende, barmherzige Gott.

V. 1 und 2. Kein Volk ist verloren, so lange seine Frauen ihre sittliche Gesundheit bewahrt haben. Mag die Sittenlosigkeit, die schrankenlose Selbstsucht und die Herzenshärte der Männer immerhin davon zeugen, wie tief sie gesunken: solange in dem reinen Sinne, dem weichen, feinfühlenden Herzen der Frauen das Recht und die Sitte ihre Vertreter, die Menschlichkeit ihren Anwalt haben, so lange ist für jede Verderbnis noch auf Heilung zu hoffen. Am hellsten tritt diese Bedeutung der Frau auf dem Boden des Gottesgesetzes hervor. Wenn bei der Offenbarung am Sinai zuerst und noch vor den Männern das „Jakobshaus“ und erst dann die „Söhne Jisraels“ aufgerufen werden, so sind nach jüdischer Auffassung unter dem Jakobshause die jüdischen Frauen und Töchter verstanden. Den Gipfel der Entartung und zugleich den Ausschluß jeder Hoffnung auf Rettung eines Geschlechtes bezeichnet es daher, wenn auch auf die sittliche Erniedrigung seiner Frauen hingewiesen werden kann. Man begreift deshalb den bitteren Schmerz, der die Zornesworte des Propheten durchbebt, da er die Frauen, zunächst die Damen der israelitischen Gesellschaft, in all ihrer Vornehmheit als entmenschte Megären kennzeichnen muß.

פָּרוֹת הַבָּשָׁן. Baschan hatte, wie wir aus Deut. 32, 14 u. f. wissen, die trefflichsten Weiden, die Herden Baschans waren daher stattliche, wohlgenährte Tiere. Die Kühe Baschans sind hier das treffende Bild jener üppigen, stattlichen und vornehmen Frauen, die, unzugänglich für jedes höhere Interesse, alle Weiblichkeit abgelegt haben, selbst dem Mitleid fremd geworden sind, und die ganz in dem Verlangen nach Sinnengenuß aufgehen. Statt der Vergewaltigung der Herabgekommenen — das sind דַּלִּים — entgegenzuwirken, berauben sie dieselben selbst, und statt sich der Wehrlosen anzunehmen und sie vor Mißhandlungen zu schützen, üben sie selbst die schmählichste Unterdrückung. אֶבְיוֹן von אָבָה einwilligen, der einwilligen muß, keinen eigenen Willen hat, sich nicht widersetzen kann. לַאדֹנֵיהֶם: der Gatte wird sonst nie אָדוֹן, Herr, genannt, hier steht es charakteristisch zur Kennzeichnung des Abhängigkeitsverhältnisses, in das sie denjenigen gegenüber geraten, die ihnen die Mittel zu ihrem „Lebensgenusse“ gewähren. Ungemein bezeichnend ist auch der Wechsel des Geschlechtes in den Suffixen: לַאדֹנֵיהֶם, nicht: ־הֶן, ebenso im folgenden Verse männlich: עֲלֵיכֶם und אֶתְכֶם, zur Bezeichnung ihrer unweiblichen Härte, während unmittelbar darauf וְאַחֲרִיתְכֶן weiblich, zum Ausdruck der Schwäche. — וְנִשָּׂא ist Niphal, אֶתְכֶם der Accusativ des Bezuges. Zuerst werdet ihr, die ihr so unweiblich hart gewesen seid, von der Soldateska als Trophäen auf Schildern herumgetragen werden, euer Ende aber, mit vielsagender Femininalbezeichnung, wird sein: בְּסִירוֹת דוּגָה. סִירָה, wie סִיר: entweder Topf oder nach Targum: Fischbehälter, wir haben es mit Fischkörben übersetzt; oder von סִיר in der Bedeutung Dorn, Haken. Also entweder: man wird euch wegwerfen, oder: man wird euch nur mit Haken aufassen, wie faule Fische.

2
נִשְׁבַּ֨ע אֲדֹנָ֤י יֱהֹוִה֙ בְּקׇדְשׁ֔וֹ כִּ֛י הִנֵּ֥ה יָמִ֖ים בָּאִ֣ים עֲלֵיכֶ֑ם וְנִשָּׂ֤א אֶתְכֶם֙ בְּצִנּ֔וֹת וְאַחֲרִֽיתְכֶ֖ן בְּסִיר֥וֹת דּוּגָֽה׃
BernfeldGott der Herr hat geschworen bei seinem heiligen [Namen], dass über euch Tage kommen werden, wo man euch an Angeln heben wird und eure Nachkommenschaft an Fischerhaken.
ZunzGeschworen hat Gott der Herr in seinem Heiligthume, siehe, Tage kommen über euch, und man wird euch heben an Angeln, und eure Nachkommenschaft an Fischerhaken.
J. J. HirschGeschworen hat mein Herr, der seine Liebe als Rechtswaltung offenbarende Gott, bei seiner Heiligkeit: wahrlich Tage kommen über euch, da man euch tragen wird auf Kriegsschilden, und euer Ende wird sein in Fischkörben!
Kommentar (Herxheimer)
Kommentar von Rabbiner Salomon Herxheimer

Bei Eroberung der Stadt wird der Feind euch wie gefangene Fische fortschleppen; s. über die Vergleichung Jirm. 16, 16. 2 Kön. 19, 28. — נשא ist n. Kimchi Piel. Viell. ists jedoch Niph. mit folg. Accus. wie 2 M. 13, 7. אחרית = Kinder.

3
וּפְרָצִ֥ים תֵּצֶ֖אנָה אִשָּׁ֣ה נֶגְדָּ֑הּ וְהִשְׁלַכְתֶּ֥נָה הַהַרְמ֖וֹנָה נְאֻם־יְהֹוָֽה׃
BernfeldDurch die Mauerrisse werdet ihr ausziehen, jeder vor sich hin und hingeworfen werden nach dem Harmon! spricht der Herr.
ZunzUnd durch die Mauerrisse sollt ihr ausziehen, Jeglicher vor sich hin, und hingeworfen werden nach dem Harmon! ist der Spruch des Ewigen.
J. J. HirschUnd durch die Breschen werdet ihr hinausschleichen, eine jede durch die ihr nächste, und da werdet ihr von euch schleudern die Vornehmheit, spricht Gott.
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Salomon Herxheimer

Jede wird vor sich hin, d. i. auf dem kürzesten Wege (Jos. 6, 20) durch die Breschen der Stadtmauer entfliehen.

השלכתנה Präter. mit ungewöhnlich angefügtem ה. Das Hiph. mit intransf. Bdtng. wie z. B. הקריב.

ההרמונה, das nur hier vorkommt, ist viell. Abkürzung des Ortsnamens Habadrimmon, woselbst in der Nähe Samariens der Götze Adonis verehrt wurde; also: sie werden umkommen und mit ihren Leichen der Ort ihrer Sünde und Verehrung verunreinigt werden, ähnlich 2 Kön. 23, 10. And. verstehen הרמונה = Armenien, das damals zu Assyrien gehörte. Ewald erklärt nach LXX: ההר רמונה also: ihr werdet wegwerfen auf den Berg die Rimmona, die mitgenommene Göttin Rimon 2 Kön. 5, 18., um nur euch selbst zu retten.

Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 3. וּפְרָצִים וגו'. Und durch die Breschen werdet ihr schleichen, „eine jede durch die ihr nächste“ — ihr werdet euch dann nicht mehr umsehen nach den Standesgenossinnen, nicht kümmern in welche Gesellschaft ihr geratet, im Gegensatze zu der früheren Exclusivität, in der Angst das nackte Leben zu retten, werdet ihr eure „Vornehmheit“, euer Vornehmtum weit von euch schleudern. Wie lebensfrisch und plastisch treten diese Typen aus dem Dunkel der Jahrtausende in diesen Versen uns entgegen! Das ה am Ende von הַהַרְמוֹנָה hebt das Wort emphatisch hervor. Es kann aber auch in gewissem Sinne die Richtung bedeuten: das stets auf Vornehmthun gerichtete Wesen.

4
בֹּ֤אוּ בֵֽית־אֵל֙ וּפִשְׁע֔וּ הַגִּלְגָּ֖ל הַרְבּ֣וּ לִפְשֹׁ֑עַ וְהָבִ֤יאוּ לַבֹּ֙קֶר֙ זִבְחֵיכֶ֔ם לִשְׁלֹ֥שֶׁת יָמִ֖ים מַעְשְׂרֹתֵיכֶֽם׃
BernfeldKommet nur nach Bet-El und frevelt, nach Gilgal und häufet Verbrechen; bringet dort an jedem Morgen eure Opfer, nach drei Tagen eure Zehnten.
ZunzKommet nach Bet El und frevelt zu Gilgal, häufet Verbrechen, und bringet jeglichen Morgen eure Opfer, nach drei Tagen eure Zehnten.
J. J. HirschGehet nur hin nach Bethel und frevelt, nach Gilgal und mehret das Freveln, und bringet für den Morgen dar eure Opfer und für drei Tage eure Zehnten!
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Salomon Herxheimer

Die Rede richtet sich wieder an die Israeliten überhaupt, und spottweise: so setzet nur die Sünden fort, von denen ihr nicht lassen könnt, bis euer Maaß voll ist.

Bringet alle Arten von Gaben den Götzen aufs emsigste dar.

Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 4 und 5. Von den Frauen wendet sich der Prophet nun an die Männer bezw. die Volksgesamtheit: Gehet nur hin nach Bethel und frevelt, nach Gilgal und mehret den Abfall — hier sind die heidnischen Opfer gemeint, die an den Cultstätten in Bethel und Gilgal dargebracht wurden und an sich den offenen Abfall von Gott bildeten. In der zweiten Hälfte des 4. und in der ersten des 5. Verses ist jedoch von Gott dargebrachten Opfern die Rede, auf den damals allerdings verbotenen „Höhen“, den Privataltären, denn ganz glaubte man ja auch mit Gott nicht brechen zu dürfen (vergl. חָלַק לִבָּם Hos. 10, 2), aber auch diese Opfer brachten sie nicht in dem gottgewollten Sinne dar, bekundeten vielmehr schon in der Darbringung durch die gegensätzlichen Abweichungen von der Vorschrift ihre gänzliche Entfremdung. Mit den Worten: „Bringet für den Morgen eure Mahlopfer, für drei Tage eure Zehnten dar“ — wird ihnen die Piggul-Gesinnung vorgehalten. Siehe Lev. 7, 18. Dieselbe besteht in der Absicht, die Hingebung der vorgeschriebenen Teile an das Altarfeuer oder den Genuß des Fleisches, wo derselbe geboten, von der Zeit zu trennen, in der שְׁחִיטָה und זְרִיקָה stattgefunden. Fassen wir in gedrängter Kürze die zum Verständnisse unserer Stelle nötigen Erläuterungen zusammen, so haben wir davon auszugehen, daß jede Weihehandlung im Opferdienste der Ausdruck einer bedeutungsvollen Lebenswahrheit ist, und daß demgemäß diejenigen Handlungen und Gesinnungen, die als verboten und das Opfer untauglich machend bezeichnet sind, solche Begriffe oder Gedanken darstellen, gegen die das Gottesgesetz Protest einlegt, die den מַקְרִיב, den die Gottesnähe Suchenden, statt ihn Gott zu nähern, vielmehr von Gott entfernen würden.

Drei Momente sind bei den Opferhandlungen zu unterscheiden. 1. עֲבוֹדַת הַדָּם, die Bluthingebung an den Altar, 2. אֲכִילַת מִזְבֵּחַ, die Hingebung der אֵמוּרִים, des חֵלֶב וּכְלָיוֹת, des Fettes und der Nieren, oder beim Emporopfer: sämtlicher Glieder an das Altarfeuer und 3. אֲכִילַת כֹּהֲנִים וּבְעָלִים, der Genuß des Opferfleisches von den Priestern oder den Darbringenden. Von der שְׁחִיטָה bis zur זְרִיקָה müssen alle Handlungen in inniger Beziehung zu den unter 2 und 3 genannten stehen, darf keine von ihnen losgelöst werden. Ist dies dennoch in dem Gedanken des die Handlung Vollziehenden geschehen, so ist das Opfer פָּסוּל oder gar פִּגּוּל, es ist: untauglich, sein Genuß ist verboten, in letzterem Falle sogar mit כָּרֵת bedroht. Die unter 1 begriffenen Handlungen: שְׁחִיטָה קַבָּלָה זְרִיקָה, bedeuten die Hingebung der Lebenskraft an Gott, an die Erfüllung seines Gesetzes. Die Thora begnügt sich jedoch nicht mit momentaner Andachtsregung, mit einmaliger Weihe des Pulsschlages. Die Weihe des Blutes hat nur dann Wert und Sinn, wenn damit in innigem Zusammenhange הַקְטָרַת חֵלֶב וּכְלָיוֹת steht, die Beherrschung der Triebe und die Weihe des Besten, um sie ה' לֶחֶם אִשֶּׁה, Nahrung des Gottesfeuers werden zu lassen, in Erfüllung und Förderung aller der heiligen Ziele der Gerechtigkeit und der Liebe, deren Erreichung Gott in seinem Gesetze als das Höheziel alles menschlichen Strebens dahingestellt und vorgezeichnet hat. Deshalb genügt nicht die Weihe der inneren Triebe, sondern es müssen auch die Organe des thätigen Lebens, die אֵיבָרִים der äußeren That, solchem Vollbringen, also Gott geweiht werden! Diese enge Beziehung findet durch die Anordnung ihren Ausdruck, daß alle drei Vollbringungen an demselben Tage und demselben Orte stattfinden mußten, und daß auch jede Absicht einer zeitlichen oder räumlichen Trennung fern zu bleiben hatte. Eine jede מַחְשֶׁבֶת חוּץ spräche den Wahn aus, es genüge im Herzen ein jüdischer Mensch zu sein, nur das Herz gehöre Gott, jedoch die That, die Bekundung dieser Gesinnung in dem gesamten Thatenleben werde nicht gefordert, zu ihr brauche man sich nicht zu entschließen, um der segnenden Gottesnähe teilhaftig zu werden. מַחְשֶׁבֶת חוּץ לִמְקוֹמוֹ entzieht Gott die Thatkraft, im Tempel sei Gott das Blut hinzugeben, außerhalb des Tempels könne חֵלֶב וּכְלָיוֹת, das Beste des Menschen und sein Wollen und Streben Gott entzogen werden, die sinnlichen Triebe und Kräfte seien ein Gebiet, das der Herrschaft des Heiligtums nicht unterstehe. Es ist das der vollendete Abfall; das Opfer ist פָּסוּל, aber nicht פִּגּוּל. Der gefährlichste Wahn aber ist מַחְשֶׁבֶת חוּץ לִזְמַנּוֹ. Da hat nach der Absicht des die עֲבוֹדַת הַדָּם, die Weihehandlungen der Bluthingebung Vollziehenden, das Opfer im Heiligtum zu verbleiben; es würde dadurch gelehrt, jene Wahnvorstellung von der Trennung des Lebens von dem Heiligtume, von der Herrschaft des dort thronenden Gesetzes, werde vom Heiligtume selber sanctioniert. Deshalb wird dieser Verirrung mit noch größerer Entschiedenheit entgegengetreten, jeder solcher Gedanke macht das Opfer nicht nur untauglich und seinen Genuß sofort verboten, sondern macht es פִּגּוּל und seinen Genuß mit כָּרֵת verpönt. Wenngleich bei den Opfern auf den Höhen die Beziehung zum Heiligtum fehlt, so spricht sich doch in diesen vom Gesetze verbotenen und verpönten Modalitäten dieselbe verworfene Gesinnung aus. Übrigens dürfte in diesem und dem folgenden Verse auch an diejenigen gedacht sein, die ihre Opfer in Jerusalem darbrachten. Vergl. 5, 22.

Nun heißt es hier als Vorwurf in Anschluß an die heidnischen Opfer: Und bringet auch die Gott dargebrachten Opfer nur weiter dar in der von Gott verworfenen Piggul-Gesinnung! Da זֶבַח in erster Linie שְׁלָמִים bedeutet, in welche Kategorie auch מַעֲשַׂר בְּהֵמָה gehört, für diese aber, die auch außerhalb des Heiligtums, in dessen weiterem Umkreise, Jerusalem, gegessen werden durften, die Zeit des Genusses etwas erweitert wird (— zu dem vom Morgen zu Morgen zählenden Tage des Heiligtums kommt noch der von Abend zu Abend dauernde Tag des bürgerlichen Lebens hinzu, somit erstreckt sich für diese Opfer die Genußzeit noch auf den auf die Darbringung folgenden Tag, שְׁנֵי יָמִים וְלַיְלָה אֶחָד—) so kann hier unter dem לַבֹּקֶר nur der auf die Genußzeit folgende Morgen verstanden sein, was dann durch die Worte: „für drei Tage eure Zehnten“ seine Erläuterung fände. Oder es ist hier unter וּזְבָחֵיכֶם zunächst an תּוֹדָה gedacht, dessen Genuß auf den Tag des Heiligtums beschränkt ist, für das also mit dem auf die Darbringung folgenden nächsten Morgen ein anderer Tag beginnt. Dies ist um so eher möglich, als im folgenden Verse von den das תּוֹדָה-Opfer begleitenden לַחְמֵי תוֹדָה die Rede ist, bei deren Darbringung ihnen eine andere, die Handlung gleichfalls in ihr Gegenteil umwandelnde verbotene Abweichung vorgehalten wird. Wir verweisen angelegentlich auf die ausführlichen Darlegungen im Comm. zu Lev. 7, 18, von denen wir hier nur einige Grundgedanken kurz andeuten konnten, wie wir auch von den gesetzlichen Bestimmungen nur einige Momente angeführt haben.

5
וְקַטֵּ֤ר מֵֽחָמֵץ֙ תּוֹדָ֔ה וְקִרְא֥וּ נְדָב֖וֹת הַשְׁמִ֑יעוּ כִּ֣י כֵ֤ן אֲהַבְתֶּם֙ בְּנֵ֣י יִשְׂרָאֵ֔ל נְאֻ֖ם אֲדֹנָ֥י יֱהֹוִֽה׃
BernfeldLasset dort eure Dankopfer vom Gesäuerten in Rauch aufgehen und rufet freiwillige Gaben aus; lasset dessenthalben verkündigen; denn also liebt ihr es ja, Kinder Israel, spricht Gott, der Herr.
ZunzUnd lasset eure Dankopfer vom Gesäuerten in Rauch aufgehn, und rufet freiwillige Gaben aus, verkündiget; denn also liebt ihr es, Kinder Jisraël, ist der Spruch Gottes des Herrn.
J. J. HirschUnd lasset von Gesäuertem Dankopfer aufdampfen und nennet es freiwillige Weiheopfer, verkündet es, denn also liebt ihr's ja, Söhne Israels! spricht mein Herr, der seine Liebe als Rechtswaltung offenbarende Gott=
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Salomon Herxheimer

Gegen 3 M. 2, 11. u. 7, 12.

Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 5. קַטֵּר מֵחָמֵץ תּוֹדָה Infin. in der Bedeutung des Imperativs. Die Mazza ist als לֶחֶם עֹנִי die lebendigste Vergegenwärtigung der Unselbständigkeit, jenes Sklavenzustandes in Ägypten, in welchem die Väter unter der drängenden Wucht der Sklavenarbeit nicht einmal die nötige Zeit hatten, מִלּוּשׁ בָּצֵק עַד חֻמְצָתוֹ, den Teig gähren zu lassen, bevor sie ihn buken. Auch in der Nacht ihrer Befreiung hatten sie dieses Brot zu genießen. Ja an dem Tage ihrer Befreiung wurden sie hinaus getrieben von den Ägyptern, ihren bisherigen Herrn, und sie zogen in solcher Hast, daß der mitgenommene Teig nicht zum Gähren kam, da sie nicht „warten konnten“ ihn zuvor zu backen. Deshalb blieb die Mazza für ewige Zeiten das Symbol dafür, daß wir uns unsere Selbständigkeit nicht erkämpft haben, sondern daß ihre Gewinnung und ihre Bewahrung ein Gnadengeschenk unseres Gottes ist, der Israel nur zu dem Zwecke befreit und ihm nur zu dem Zwecke das verheißene Land gegeben hat, damit es Freiheit und Besitz zur Verwirklichung des Gottesgesetzes verwende, wie dies von vorn herein als Zweck seiner Befreiung ausgesprochen war. Exod. 3, 12. 6, 7. Als Gegensatz zur Mazza hat Chamez die Bedeutung der Selbständigkeit. Zur ewigen Bewahrung dieses Bewußtseins von der Gotteshörigkeit des erlösten Israel muß deshalb alljährlich bei der Wiederkehr der Zeit der einstigen Befreiung aus seinem Besitze und Genusse alles Chamez entfernt werden. Im Heiligtume des Gottesgesetzes aber erscheint Israel stets nur mit der Mazza. Nur in zwei Momenten kam Chamez ins Heiligtum. In Begleitung des תּוֹדָה-Opfers des Einzelnen und in den שְׁתֵּי לֶחֶם am Feste der Thora als תּוֹדָה der nationalen Gesamtheit. In beiden Fällen jedoch wurde es nur ins Heiligtum, nicht aber auf den Altar gebracht. Die חַלּוֹת חָמֵץ: als Bekenntnis, daß der einzelne Darbringende auch im Frohgefühl des Glückes sich bewußt sei, wie er sein Glück, seine Selbständigkeit nur Gott verdanke. Die שְׁתֵּי לֶחֶם andererseits: als nationales Bekenntnis derselben Wahrheit für Gesamtisrael, daß nie als Selbstzweck und nie aus sich und durch sich, sondern nur von Gott und nur durch und für die Verwirklichung der an diesem Tage empfangenen Thora der Gesamtnation wie dem Einzelnen in Israel — das liegt in der Zweizahl der Brote — Selbständigkeit verheißen und verliehen sei. Nimmer kann daher Chamez als Ausdruck des Wesens Israels erscheinen, es an sich ist unselbständig und arm, nie kann deshalb Chamez auf den Altar kommen. הַקְטָרַת חָמֵץ würde daher das תּוֹדָה in sein vollendetes Gegenteil verwandeln, und gerade das wird dem verblendeten Israel hier vorgeworfen. Ihr danketet wohl Gott — aber in welcher Gesinnung? Während das von den das תּוֹדָה begleitenden, in der vorgeschriebenen Weise vor חָמֵץ bewahrten חַלּוֹת dem Altarfeuer Übergebene den Darbringenden mit der Anerkennung, wie er alles nur Gott verdanke, sich zugleich als dessen Diener bekunden läßt, spricht הַקְטָרַת חָמֵץ aus, daß, ganz wie sein Blut und seine אֵימוּרִים, so auch seine Selbständigkeit und sein Besitz sein natürliches Teil, ein Teil seines Wesens seien, und wenn er auch seinem Gotte für Bewahrung und Erhaltung dieser Güter danke, er sich doch mit ihnen und ihrer Verwendung nicht als Diener Gottes, sondern als Herren fühle. Wir verweisen auf die eingehenden Darlegungen im Comm. zu Lev. 2, 11. 12.

Als letzter Zug wird dann noch hinzugefügt, wie auch bei diesen Opfern ihnen zugleich eine prahlerische Bekundung ihrer „religiösen Gesinnung“ durchaus nicht Nebenzweck war — es muß das jedenfalls auch damals zur Erhöhung der Respectabilität beigetragen haben.

So war von dem, was sie noch als gottesdienstliche Übung vom „frommen Väterbrauch“ bewahrt haben, keinerlei Besserung zu erwarten.

6
וְגַם־אֲנִי֩ נָתַ֨תִּי לָכֶ֜ם נִקְי֤וֹן שִׁנַּ֙יִם֙ בְּכׇל־עָ֣רֵיכֶ֔ם וְחֹ֣סֶר לֶ֔חֶם בְּכֹ֖ל מְקוֹמֹֽתֵיכֶ֑ם וְלֹא־שַׁבְתֶּ֥ם עָדַ֖י נְאֻם־יְהֹוָֽה׃
BernfeldIch gab euch saubere Zähne [Mangel an Nahrung] in all euren Städten und Brotmangel an all euren Orten, und doch habt ihr euch nicht zu mir bekehrt, spricht der Herr.
ZunzAber auch ich hab' euch bescheeret müssige Zähne in all euren Städten, und Brodmangel an all euren Orten, aber ihr habt euch nicht zu mir bekehret, ist der Spruch des Ewigen.
J. J. HirschUnd [doch] habe gerade ich euch Reinheit der Zähne gegeben in allen euren Städten und Brotmangel an allen euren Orten — und ihr seid [dennoch] nicht bis zu mir zurückgekehrt, ist der Spruch Gottes.
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Salomon Herxheimer

Alle Strafen meinerseits haben euch bisher nicht gebessert. Diese Züchtigungsmittel werden V. 6—11 in einer Steigerung durchgeführt; das erste (V. 6) war Hungersnoth.

Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 6. Der Zusammenhang mit dem Vorhergehenden dürfte so zu fassen sein: ihr glaubtet mit einigen gottesdienstlichen Übungen mir genügen zu können und dadurch Dispens von der Erfüllung meines Gesetzes zu erhalten. Von diesem Irrtum habe ich euch zu heilen gesucht durch alles Unglück, das ich euch sandte. Ihr aber habt den Grund in allem anderen, nur nicht in eurem Abfall von mir gesucht. Alle trüben Erfahrungen, alle Heimsuchungen, die euch im Lande bereits getroffen haben, vermochten euch nicht zur Einkehr und Umkehr zu bringen, deshalb wird hier hervorgehoben: „in allen euren Städten, an allen euren Stätten.“ Der Verlust der Selbständigkeit, der Verlust des eigenen Landes und aller äußeren Güter ist somit die einzige Rettung. — נִקְיוֹן שִׁנַּיִם וגו' „Reinheit der Zähne“, die nichts zu beißen bekommen, selbst das Nötigste, das Brot fehlte. — וְלֹא־שַׁבְתֶּם עָדַי, „bis zu mir“, nicht: אֵלַי zu mir, was auch ein Einlenken in den rechten Weg bedeuten würde. Das soll aber nicht verneint werden. Wohl mochten die schweren Heimsuchungen, die hier und im Folgenden aufgezählt werden, und die sichtbar in ihnen hervortretende Gotteshand zeitweilig nicht ganz ihres Eindrucks verfehlt, das abgefallene Israel stutzig gemacht und zu der zweifelnden Frage gebracht haben: Sind wir denn wirklich auf dem rechten Wege? Vielleicht auch ist ihnen die Erkenntnis der Wahrheit aufgedämmert, und sie haben sich der Stimme der Ereignisse, die in so eindringlicher Weise die Mahnworte der Propheten begleiteten, nicht ganz verschlossen und haben angefangen sich zu bessern und sind eingelenkt in den von Gott vorgezeichneten Weg. Allein es waren immer nur wenige Schritte, die sie auf diesem Wege thaten, die Besserung war nur eine kurze, die Regung zum Guten nur eine flüchtig vorübergehende — bis zu mir, bis dahin, wo ich euer harrte, seid ihr nicht zurückgekehrt! heißt es deshalb in fünfmaliger Wiederholung.

7
וְגַ֣ם אָנֹכִי֩ מָנַ֨עְתִּי מִכֶּ֜ם אֶת־הַגֶּ֗שֶׁם בְּע֨וֹד שְׁלֹשָׁ֤ה חֳדָשִׁים֙ לַקָּצִ֔יר וְהִמְטַרְתִּי֙ עַל־עִ֣יר אֶחָ֔ת וְעַל־עִ֥יר אַחַ֖ת לֹ֣א אַמְטִ֑יר חֶלְקָ֤ה אַחַת֙ תִּמָּטֵ֔ר וְחֶלְקָ֛ה אֲשֶֽׁר־לֹֽא־תַמְטִ֥יר עָלֶ֖יהָ תִּיבָֽשׁ׃
BernfeldIch habe euch auch den Regen entzogen, da noch drei Monate bis zur Ernte waren; oder ich ließ regnen auf eine Stadt, und auf eine andere Stadt ließ ich nicht regnen; ein Acker wurde beregnet und der Acker auf dem es nicht regnete, vertrocknete.
ZunzUnd auch habe ich euch entzogen den Regen, da noch drei Monate bis zur Ernte waren, und ließ regnen auf eine Stadt, und auf eine andere Stadt ließ ich nicht regnen, ein Acker ward beregnet, und der Acker, auf dem es nicht regnete, vertrocknete.
J. J. HirschUnd ich habe auch den Regen von euch zurückgehalten, da es noch drei Monate war zur Ernte, — habe regnen lassen auf eine Stadt und auf eine andere Stadt ließ ich nicht regnen, — ja ein Acker wurde vom Regen getränkt, und der Acker, auf den du nicht regnen ließest, verdorrte!
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Salomon Herxheimer

Es ist wol der Spätregen gemeint, den man hiernach ungef. im Februar erwartete, dessen theilweises Ausbleiben zur Hungersnoth auch Wassermangel gesellte.

Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 7. וְגַם אָנֹכִי וגו'. Noch mehr! Ich habe durch ein Eingreifen in den regelmäßigen Gang der Natur euch gezeigt, daß hier eine höhere Hand wirkend sei, daß das physische Unheil von einer nach ethischen Momenten den Gang der Natur lenkenden Fügung euch gesandt sei: ich habe euch früh den Regen versagt, als es noch Zeit war, durch Rückkehr zu mir die drohende Not abzuwenden, „als es noch drei Monate war bis zur Ernte“, ja auf eine Stadt ließ ich regnen und auf eine andere ließ ich nicht regnen — noch mehr, ganz unmittelbar sollte es euch zur unabweisbaren Erkenntnis gebracht, zum eigenen Erlebnis gemacht werden, daß nicht ein Zufall, daß euer Gott hier walte: ein Acker wurde vom Regen getränkt und der andere, auf den du, der Besitzer, nicht regnen ließest, verdorrte! Was liegt nicht alles in diesem den Hörer und Leser apostrophierenden „Du“! Eine ganze Weltanschauung, die durch eine tiefgähnende Kluft von allem antiken und modernen Heidentum getrennt ist. In unübertrefflicher Prägnanz spricht dieses „Du“: es giebt eine Vorsehung, es giebt einen Gott, der nach des Menschen Verdienst ihm sein Geschick gestaltet; dem Erziehungsbedürfnisse des Menschen entsprechend kann er auch die physischen Gestaltungen lenken. Da nun nach der Lehre der Thora der Mensch in sittlichem Entschlusse Herr seines Willens ist, so bereitet der Mensch sich also selbst sein Geschick. Das Beispiel von den zwei nebeneinander liegenden Äckern wird vom Propheten natürlich nur als Ausnahme angeführt, als ein Erlebnis, das dem verirrten Volke das Dasein und Walten der Vorsehung unmittelbar vor Augen führen sollte. — אַמְטִיר Fut. zum Ausdruck der Wiederholung, die Erfahrung war keine vereinzelte. Vielleicht liegt auch in dieser Bezeichnung des Vergangenen durch ein Futurum die Nüance, daß das Vergangene als noch nicht geschehen, als erst gewollt und beabsichtigt angeschaut wird. Dann hätten wir zu übersetzen: „und auf die andere Stadt wollte ich nicht regnen lassen“. Ebenso: תִּמָּטֵר sollte beregnet werden, und לֹא תַמְטִיר: auf welche du, durch deine Verstocktheit, nicht regnen lassen wolltest. (Die neuere Grammatik begreift bekanntlich das hebr. Futurum überhaupt als Imperfect.)

8
וְנָע֡וּ שְׁתַּ֩יִם֩ שָׁלֹ֨שׁ עָרִ֜ים אֶל־עִ֥יר אַחַ֛ת לִשְׁתּ֥וֹת מַ֖יִם וְלֹ֣א יִשְׂבָּ֑עוּ וְלֹֽא־שַׁבְתֶּ֥ם עָדַ֖י נְאֻם־יְהֹוָֽה׃
BernfeldSo dass die Einwohner von zwei oder drei Städten nach einer Stadt wandern mussten, Wasser zu trinken, wobei sie ihren Durst nicht stillen konnten, und doch habt ihr euch nicht zu mir bekehrt, spricht der Herr.
ZunzSo daß zwei, drei Städte nach einer Stadt wanderten, Wasser zu trinken und wurden nicht satt, aber ihr habt euch nicht zu mir bekehrt, ist der Spruch des Ewigen.
J. J. HirschUnd zwei, drei Städte eilten ängstlich zu einer Stadt um Wasser zu trinken, und wurden nicht satt — und ihr seid [dennoch] nicht bis zu mir zurückgekehrt!
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Salomon Herxheimer

Wankten; denn von Durst entkräftet, konnten sie kaum gehen; daher ונעו, nicht ילכו.

Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 8. וְנָעוּ וגו'. נוּעַ bezeichnet zugleich innere und äußere Bewegung. Hier von dem ängstlich aufgeregten taumelnden Eilen der verschmachtenden Menschen.

9
הִכֵּ֣יתִי אֶתְכֶם֮ בַּשִּׁדָּפ֣וֹן וּבַיֵּרָקוֹן֒ הַרְבּ֨וֹת גַּנּוֹתֵיכֶ֧ם וְכַרְמֵיכֶ֛ם וּתְאֵנֵיכֶ֥ם וְזֵיתֵיכֶ֖ם יֹאכַ֣ל הַגָּזָ֑ם וְלֹא־שַׁבְתֶּ֥ם עָדַ֖י נְאֻם־יְהֹוָֽה׃ {ס}
BernfeldIch habe euch geschlagen mit Kornbrand und mit Rost, die meisten eurer Gärten und eurer Weinberge und eurer Feigen- und Ölbäume fraß die Raupe; aber ihr habt euch nicht zu mir bekehrt, spricht der Herr.
ZunzIch habe euch geschlagen mit Kornbrand und mit Rost, die Fülle eurer Gärten und eurer Weinberge und eurer Feigenund Oel-Bäume fraß die Raupe; aber ihr habt euch nicht zu mir bekehrt, ist der Spruch des Ewigen.
J. J. HirschGeschlagen habe ich euch mit Getreidebrand und mit Getreidedürre, die Menge eurer Gärten und eurer Weinberge, eurer Feigen- und eurer Ölbäume fraß die Heuschrecke — und [dennoch] seid ihr nicht bis zu mir zurückgekehrt! — ist der Spruch Gottes.
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Salomon Herxheimer

Wankten; denn von Durst entkräftet, konnten sie kaum gehen; daher ונעו, nicht ילכו.

, versengte der Ostwind das noch übrige Getreide (1 M. 41, 23), welcher Wind dann auch Heuschrecken herbeiführte.

Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 9. יֵרָקוֹן von der grünlich gelblichen Farbe des verdorrten Getreides. הַרְבּוֹת eigentlich Infin. Hiphil, hier als Substantiv.

10
שִׁלַּ֨חְתִּי בָכֶ֥ם דֶּ֙בֶר֙ בְּדֶ֣רֶךְ מִצְרַ֔יִם הָרַ֤גְתִּי בַחֶ֙רֶב֙ בַּח֣וּרֵיכֶ֔ם עִ֖ם שְׁבִ֣י סוּסֵיכֶ֑ם וָאַעֲלֶ֞ה בְּאֹ֤שׁ מַֽחֲנֵיכֶם֙ וּֽבְאַפְּכֶ֔ם וְלֹֽא־שַׁבְתֶּ֥ם עָדַ֖י נְאֻם־יְהֹוָֽה׃
BernfeldIch habe gegen euch die Pest gesandt nach der Weise Ägyptens, ich habe erschlagen mit dem Schwerte eure Jünglinge, nach dem eure Rosse euch weggenommen worden, und ließ den Gestank eures Lagers in eure Nase aufsteigen; aber ihr habt euch nicht bekehrt, spricht der Herr.
ZunzIch habe gegen euch die Pest gesandt nach der Weise Mizrajim's, habe erschlagen mit dem Schwerte eure Jünglinge sammt euren gefangenen Rossen, und ließ aufsteigen den Gestank eurer Lager — und in eure Nasen, aber ihr habt euch nicht zu mir bekehrt, ist der Spruch des Ewigen.
J. J. HirschIch entsandte gegen euch die Pest in der Weise Mizrajims, erschlagen habe ich eure Jünglinge mit dem Schwerte neben euren erbeuteten Rossen, aufsteigen ließ ich den Moderdunst eurer Lager, er ist noch in eurer Nase — und [dennoch] seid ihr nicht bis zu mir zurückgekehrt! — ist der Spruch Gottes.
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Salomon Herxheimer

Eine der ägyptischen Pest ganz ähnliche.

Sie verloren ihre Pferde und der Leichengeruch ihrer Erschlagenen verursachte eine Pest. Welche Niederlage gemeint sei, läßt sich nicht ersehen.

Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 10. דֶּבֶר durch den Zusatz: „in der Weise Mizrajims“ bezeichnet es auch hier das Sterben unter dem Vieh, während die Menschen, בַּחוּרֵיכֶם, vom Schwerte hingerafft wurden. עִם שְׁבִי סוּסֵיכֶם ist zweites Objekt von הָרַגְתִּי: meine Fügung war's, daß die Feinde in blinder Wut ihre Mordlust auch an euren erbeuteten Rossen kühlten. So habe ich euch gezeigt, wie die Gänge der Natur und die Leidenschaften der sich selbstherrlich dünkenden Völker von mir gelenkt und zu eurer Züchtigung verwandt wurden. Ich ließ den Moderdunst eurer Lager aufsteigen, d. h. ihr konntet euch der Erkenntnis gar nicht entziehen, daß eure Lebenskraft entschwunden, daß ihr den Grabesgang der Verwesung bereits angetreten — וּבְאַפְּכֶם: er, nämlich בְּאֶשׁ, der Verwesungsdunst „ist noch in eurer Nase!“ — und dennoch seid ihr nicht bis zu mir zurückgekehrt.

11
הָפַ֣כְתִּי בָכֶ֗ם כְּמַהְפֵּכַ֤ת אֱלֹהִים֙ אֶת־סְדֹ֣ם וְאֶת־עֲמֹרָ֔ה וַתִּהְי֕וּ כְּא֖וּד מֻצָּ֣ל מִשְּׂרֵפָ֑ה וְלֹא־שַׁבְתֶּ֥ם עָדַ֖י נְאֻם־יְהֹוָֽה׃
BernfeldIch habe Zerstörung unter euch angerichtet, wie Gott einst Sodom und Gomorrha zerstört hatte, und ihr wurdet gleich einem vom Feuer geretteten Scheit; aber ihr habt euch nicht zu mir bekehrt, spricht der Herr.
ZunzIch habe Zerstörung unter euch angerichtet, wie die Zerstörung durch Gott von Sedom und Amorah, und ihr wurdet gleich einem Scheit vom Feuer gerettet, aber ihr habt euch nicht zu mir bekehrt, ist der Spruch des Ewigen.
J. J. HirschZerstörungen habe ich unter euch angerichtet gleich der vom richtenden Gotte an Sodom und Amora geübten Zerstörung, so daß ihr einem aus dem Brande geretteten Feuerschürer gleichet — und [dennoch] seid ihr nicht bis zu mir zurückgekehrt! — ist der Spruch Gottes.
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Salomon Herxheimer

Ein Theil der Städte ist durch allerlei Unglück zerstört wie Sedom (1 M. 19), so daß die noch übrigen wie das noch gerettete Scheit Holz sind. Ob hier auf ein Erdbeben 1, 1. gezielt sei, ist ungewiß.

Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 11. Wie Jesaias (1, 9) für die Entartung Israels kein härteres Wort hat als den Vergleich mit Sodom und Amora, so weist unter demselben Gesichtspunkte auch Amos auf den Charakter und die Bedeutung der bisher erlittenen schweren Heimsuchungen hin, indem sie mit dem strafenden Einschreiten Gottes gegen Sodom und Amora verglichen werden. Sie sind nichts als der Anfang des über euch hereinbrechenden Gottesgerichtes. — כְּמַהְפֵּכַת וגו': das Substantiv ist in verbaler Bedeutung mit dem Accusativ construiert. וַתְּהִיוּ: und ihr, durch den Accent hervorgehoben, ihr, die ihr alle vorher genannten Heimsuchungen durchgemacht habt, ihr seid wie ein aus dem Feuer gerettetes Brandscheit. Oder, der Grundbedeutung von אוּד — vergl. עַל אוֹדוֹת Veranlassung sein zu etwas — entsprechend: wie ein Feuerschürer aus hartem Holze, der stets ins Feuer gebracht, jedoch stets rechtzeitig herausgezogen wird, sodaß er, wenngleich angesengt, doch nicht selbst vom Feuer verzehrt wird. So seid ihr Überlebenden vielfältigen Gefahren entgangen — und seid doch nicht bis zu mir zurückgekehrt!

12
לָכֵ֕ן כֹּ֥ה אֶעֱשֶׂה־לְּךָ֖ יִשְׂרָאֵ֑ל עֵ֚קֶב כִּי־זֹ֣את אֶעֱשֶׂה־לָּ֔ךְ הִכּ֥וֹן לִקְרַאת־אֱלֹהֶ֖יךָ יִשְׂרָאֵֽל׃
BernfeldWahrlich, so werde ich dir tun, Israel! gewiss, dass ich also dir tue, bereite dich deinem Gott entgegen, Israel!
ZunzDarum werd' ich also dir thun, Jisraël! Darum, daß ich also dir thue, bereite dich deinem Gotte entgegen, Jisraél.
J. J. HirschDeshalb muß ich also dir thun, Israel. Weil ich aber dieses dir thun muß: so bereite dich vor, deinem Richter entgegenzutreten, Israel!
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Salomon Herxheimer

So muß denn die letzte Züchtigung angewendet werden.

כה und das parallele זאת bezieht sich auf das (5, 2.) folgende Gericht.

Schicke dich an, den großen Richter würdig zu empfangen.

Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 12. Deshalb, nämlich weil alles Bisherige vergeblich war, muß ich dir also thun. Dieses כֹּה wird durch das Folgende nicht näher bestimmt, deshalb glauben wir, wie eingangs bemerkt, dieses vierte Kapitel für eine Fortsetzung des dritten halten zu dürfen, mit dem es ein Ganzes bildet. In diesem war von V. 11 bis 15 das in dessen erster Hälfte motivierte schwere Gottesgericht ausgesprochen. Kap. 4, V. 1—11 wurde ausgeführt, aus welchen Gründen dieses Gericht unabwendbar notwendig geworden sei, weil nämlich alle Versuche der Besserung ohne zu diesem Äußersten schreiten zu müssen, erschöpft seien. Unser Vers nimmt nun den unterbrochenen Faden wieder auf: deshalb muß ich also dir thun, nämlich צַר וְסָבִיב הָאָרֶץ וגו', 3, 11, und fährt dann fort: weil ich dir denn solches thun muß, so schicke dich an, Israel, vor deinen Richter zu treten! Und wer dieser Richter ist?

13
כִּ֡י הִנֵּה֩ יוֹצֵ֨ר הָרִ֜ים וּבֹרֵ֣א ר֗וּחַ וּמַגִּ֤יד לְאָדָם֙ מַה־שֵּׂח֔וֹ עֹשֵׂ֥ה שַׁ֙חַר֙ עֵיפָ֔ה וְדֹרֵ֖ךְ עַל־בָּ֣מֳתֵי אָ֑רֶץ יְהֹוָ֥ה אֱלֹהֵֽי־צְבָא֖וֹת שְׁמֽוֹ׃ {פ}
BernfeldEr, der Berge bildet und Wind schafft und dem Menschen sein Sinnen verkündet, der Finsternis in Morgenhelle verwandelt und einhertritt auf den Höhen der Erde, — Herr, Gott Zebaot ist sein Name.
ZunzDenn siehe, der Berge bildet und Wind schafft, und dem Menschen sagt, was sein Gedanke ist, der Morgenhelle (und) Finsterniß macht, und einhertritt auf den Höhen der Erde, — Ewiger, Gott der Heerschaaren ist sein Name.
J. J. HirschDenn siehe, der die Berge bildet und der schaffet den Wind und dem Menschen gegenüberhält was sein Sinnen ist, — der das Morgenrot zum Abenddüster macht und [siegreich] dahintritt auf die Höhen der Erde — Gott, Gott der Schöpfungsscharen ist sein Name!
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Salomon Herxheimer

Denn weißt du, wer dieser Richter sei? es ist der Allmächtige.

Es erhellt nicht, ob gemeint sei, Gott verkündet seinen Willen dem Menschen, im Bezug auf 3, 7. s., oder: er vermag des Menschen Gedanken zu verkünden, vgl. 2 Kön. 6, 12.

Verwandelt (euer) Glück in Betrübniß (Jes. 28, 12.).

Mich. 1, 3. Ps. 18, 10.

Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 13. Der die Berge gestaltet — das gewaltigste, massigste sinnlich Faßbare, — und den Wind schafft, den unsichtbaren, nicht minder gewaltigen — und der dem Menschen im Gerichte entgegenhält auch sein ganzes inneres Leben, nicht nur seine That, nicht nur sein Wort, seinen Vorsatz, seinen Gedanken, sondern: den Keim zu jedem Entschlusse, den noch im Werden begriffenen Gedanken. Dieser Gott, der so jede Geistesregung in des Menschen innerem Leben kennt, noch bevor sie dem Menschen selbst zum klaren Bewußtsein gekommen ist, der עֹשֶׂה שַׁחַר וגו': zugleich in jedem Augenblick des Menschen Geschick in Händen hat, der umwandelt das Morgenrot in Abenddunkel und umgekehrt, zu dem es also mit der Rückkehr nie zu spät ist — der siegreich dahin tritt auf die Höhen der Erde, für den es kein Hindernis giebt, das Werk seiner Liebe siegreich zum Ziele zu führen: Gott der Liebe, Gott der Schöpfungsscharen ist sein Name! Die letzten vier Worte bilden den Hauptsatz. — שִׁיחַ eigentlich: Gewächs. Alle Bezeichnungen der Entwickelung der Pflanze werden im Hebräischen auch auf die Entwickelung des Geistes und Gemütes übertragen. Vergl. מִלָּה und מִלִּילוֹת, חָרַשׁ: pflügen und sinnen, צָמַח und שָׂמַח, צִיץ und שׂוֹשׂ; daher שׂוּחַ auch: das ganze innere geistige Wachstum pflegen, zur Fortentwickelung bringen, daher unter diesem Gesichtspunkte: beten. — Wie רוּחַ Wind in gewissem Sinne hier als Steigerung zu הָרִים gedacht ist, ebenso שִׂיחַ, das unsichtbare Geistige, im Verhältnisse zu dem in seinen gewaltigen Wirkungen sinnlich wahrnehmbaren materiellen רוּחַ. An jenen offenbart sich Gottes Allmacht, indem er sie „gestaltet“ und „schafft“, an diesem in seinem Wissen auch von dessen leisesten Regungen. — דֹּרֵךְ עַל בָּמוֹת וגו': wer nach der Schlacht die Höhen inne hat, die vor ihr der Feind besetzt hielt, der ist der Sieger. Daher ist: „auf die Höhen der Erde treten“ Ausdruck vollständiger Überwindung und Beherrschung alles bisher auf Erden der Verwirklichung der Gottesziele Widerstrebenden. In der häufigen Verbindung mit יָם tritt bloß der Gedanke der Beherrschung hervor.