Amos 3 עמוס

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Übersetzung:
1
שִׁמְע֞וּ אֶת־הַדָּבָ֣ר הַזֶּ֗ה אֲשֶׁ֨ר דִּבֶּ֧ר יְהֹוָ֛ה עֲלֵיכֶ֖ם בְּנֵ֣י יִשְׂרָאֵ֑ל עַ֚ל כׇּל־הַמִּשְׁפָּחָ֔ה אֲשֶׁ֧ר הֶעֱלֵ֛יתִי מֵאֶ֥רֶץ מִצְרַ֖יִם לֵאמֹֽר׃
BernfeldHöret dies Wort, das der Herr geredet hat über euch, Kinder Israel, und über das ganze Geschlecht, das ich aus Ägypten herausgeführt:
ZunzHöret dies Wort, das der Ewige geredet hat über euch, Kinder Jisraël, über das ganze Geschlecht, das ich herausgeführt aus dem Lande Mizrajim, — also:
J. J. HirschHöret dieses Wort, welches Gott über euch, Söhne Israels, gesprochen, über die ganze Familie, die ich aus dem Lande Mizrajim heraufgeführt habe:
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Salomon Herxheimer

כל המשפחה וגו' , בני ישראל schließt, wie, Juda nicht mit ein.

Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 3. V. 1. עַל כָּל־הַמִּשְׁפָּחָה. Israel wird daran erinnert, daß es nur eine große Familie sein sollte, die gemeinsame Vergangenheit und die gemeinsame Bestimmung sollten ein Gefühl der Gleichheit in ihm erzeugen, vor dem alle anderwärts maßgebenden Standes- und Rangunterschiede verschwinden sollten.

2
רַ֚ק אֶתְכֶ֣ם יָדַ֔עְתִּי מִכֹּ֖ל מִשְׁפְּח֣וֹת הָאֲדָמָ֑ה עַל־כֵּן֙ אֶפְקֹ֣ד עֲלֵיכֶ֔ם אֵ֖ת כׇּל־עֲוֺנֹתֵיכֶֽם׃
BernfeldVon allen Geschlechtern der Erde habe ich nur euch erwählt, aber auch nur an euch werde ich heimsuchen all eure Sünden.
ZunzNur euch hab' ich erkannt vor allen Geschlechtern des Erdbodens; darum will ich ahnden an euch all eure Missethaten.
J. J. HirschNur euch habe ich erkannt aus allen Familien der Erde, deshalb werde ich an euch alle eure Sünden ahnden.
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Salomon Herxheimer

Trotz dieser unverdienten Gnade Gottes, handeln sie undankbar wider seinen Willen, was um so mehr Grund ist, sie zu bestrafen.

Wo der Mensch auf einer höhern Lebensstufe steht, da muß er auch Höheres leisten und sein Thun schärfer geprüft und gerügt werden.

Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 2. רַק אֶתְכֶם יָדַעְתִּי. יָדַע: vertrauten Umgang mit jemandem pflegen, ihn näher kennen. Das nähere Verhältnis, in das ich zu euch getreten bin, bewirkt, daß an euch alle eure Sünden geahndet werden. Israel ist zum Volke geworden durch unmittelbare göttliche Waltung, im Gegensatze zu den sonst unwandelbar gültigen geschichtlichen Gesetzen. Deshalb ist auch seine Fortdauer als Volk von den ihm von seinem Gotte gegebenen Lebensbedingungen abhängig. עָוֺן bezeichnet die Sünde als die „Krümme“. Jedes עָוֺן, jedes Abweichen vom Geraden, das ist nämlich das ihm von Gott Gebotene, muß daher für Israel von verhängnisvollen Folgen begleitet sein. Während deshalb, wie dies oben 1, 3—2, 3 ausgesprochen ist, der Untergang der Nachbarstaaten Damaskus, Philistäa, Tyrus, Edom, Ammon und Moab erst durch große internationale Verbrechen herbeigeführt wurde, die Entartung im Inneren aber deren Fortbestand noch nicht gefährdete, ist bei Israel, dem zum Menschheitspriestervolke bestimmten, durch Gottes Wunderallmacht geschaffenen und erhaltenen Volke, der Untergang schon gegeben, wenn in seinem Inneren, im politischen und socialen Leben, durch Abweichen von den in seinem Gesetze gegebenen ewigen Normen seines Lebens Ungerechtigkeit, Lieblosigkeit und Sittenlosigkeit zur Herrschaft kommen. Nicht Minderung, sondern Steigerung der Verantwortlichkeit, nicht nachsichtigere, sondern strengere Beurteilung der Fehler ist die Folge des näheren Verhältnisses Gottes zu Israel. בִּקְרֹבַי אֶקָּדֵשׁ (Lev. 10, 3) und וּסְבִיבָיו נִשְׂעֲרָה מְאֹד (Ps. 50, 3): je höher und Gott näher jemand steht, um so schwerer sind die Folgen auch der kleinsten Verfehlung — das ist, im Gegensatz zu sonst herrschenden Anschauungen, jüdische Anschauung und jüdische Lehre.

3
הֲיֵלְכ֥וּ שְׁנַ֖יִם יַחְדָּ֑ו בִּלְתִּ֖י אִם־נוֹעָֽדוּ׃
BernfeldGehen zwei zusammen, ohne dass sie sich verabredet haben?
ZunzGehen wohl zwei zusammen, sie hätten sich denn verabredet?
J. J. HirschWerden wohl zwei zusammen gehn, ohne daß sie sich über das Ziel verständigt haben?
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Salomon Herxheimer

V. 3—8 wollen beweisen, daß man die Drohungen der Propheten nicht als etwas Grundloses verschmähen dürfe, wie man 2, 12 thun und bei der hier V. 1. angekündigten wol wieder thun könnte, vielmehr strömten sie aus den wirklich von Gott offenbarten sicher eintretenden Strafgerichten. Denn man sehe ja an allen z. B. angeführten Dingen, daß nichts ohne Grund geschehe, und jede Ursache ihre nothwendige Wirkung habe.

Man muß aus ihrem Zusammengehen schließen, daß sie sich hierzu an einem מועד zusammenverfügt; s. יעד 2 M. 25, 22.

Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 3. Daraus aber folgt, daß es für Israel keine ernstere, dringendere Sorge geben sollte, als die, darüber zu wachen, daß es dem Gesetze seines Gottes die unverbrüchlichste Treue bewahre. Nichts dürfte so wenig dem Ungefähr des Zufalls überlassen bleiben. Und gerade das ist es, was ihm hier zum Vorwurf gemacht wird. Wenn zwei Menschen, und wäre es auch zu dem unwichtigsten Zwecke, einen Weg zusammen gehen wollen, überlassen sie ihr Zusammentreffen und Zusammengehn da wohl dem Zufall, verabreden sie nicht Zeit, Ausgangspunkt und Ziel? Und wir dürften unseren Wandel mit Gott „dem Zufall überlassen“, ohne den ganzen Unsegen auf uns zu laden, der in der großen Geschickesverkündigung Lev. 26, 21 ff. eben als dessen Folge, als Folge des קֶרִי ausgesprochen ist?

4
הֲיִשְׁאַ֤ג אַרְיֵה֙ בַּיַּ֔עַר וְטֶ֖רֶף אֵ֣ין ל֑וֹ הֲיִתֵּ֨ן כְּפִ֤יר קוֹלוֹ֙ מִמְּעֹ֣נָת֔וֹ בִּלְתִּ֖י אִם־לָכָֽד׃
BernfeldBrüllt der Löwe im Walde, ohne dass er Beute hat? Lässt der Löwe seine Stimme erschallen aus seiner Wohnung, ohne dass er einen Fang getan?
ZunzBrüllt der Löwe im Walde und er hat keinen Raub? Läßt der junge Leu seine Stimme erschallen aus seiner Wohnung, er hätte denn einen Fang gethan?
J. J. HirschWird wohl ein Löwe im Walde brüllen und er hätte keinen Raub? Wird wohl der junge Löwe aus seiner Höhle seine Stimme ertönen lassen, wenn er [der alte] nicht bereits gefangen?
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Salomon Herxheimer

So gewiß das Brüllen des Löwen ein Zeichen ist, daß er Beute gepackt hat, so gewiß zeigt die Stimme Gottes, des Löwen V. 8; 1, 2., an, daß er zu strafen gekommen.

Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 4. Im Folgenden wird ausgeführt, wie überall das Gesetz der Ursächlichkeit herrscht, wir nirgends an einen Zufall glauben, vielmehr bei der Wahrnehmung uns bekannter Erscheinungen von ihnen auf ihre Wirkung schließen, oder, sie selbst als Wirkung erkennend, von ihnen zurück auf ihre Ursachen schließen. So zittert der Herdenbesitzer, wenn er den Löwen im Walde brüllen hört, und zweifelt nicht mehr an seinem Verluste, schließt vielmehr aus dem Gebrüll der jungen Löwen in der Ferne, daß der alte ihnen Beute heimgebracht.

5
הֲתִפֹּ֤ל צִפּוֹר֙ עַל־פַּ֣ח הָאָ֔רֶץ וּמוֹקֵ֖שׁ אֵ֣ין לָ֑הּ הֲיַֽעֲלֶה־פַּח֙ מִן־הָ֣אֲדָמָ֔ה וְלָכ֖וֹד לֹ֥א יִלְכּֽוֹד׃
BernfeldFällt ein Vogel in der Schlinge zur Erde, ohne dass ihm eine Falle gelegt wurde? Erhebt sich eine Schlinge vom Boden und sie hätte nicht gefangen?
ZunzFällt ein Vogel in der Schlinge zur Erde, und es ist für ihn keine Falle da? erhebt sich eine Schlinge vom Boden, und sie hätte nicht gefangen?
J. J. HirschWird wohl ein Vogel auf die Schlinge zur Erde fallen, ohne daß ihm nachgestellt würde? Oder wird wohl eine Falle von der Erde aufschnappen und nicht sicher fangen?
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Salomon Herxheimer

So ist die Sünde der Fallstrick für Israel, das auch Hos. 11, 11. mit einem Vogel verglichen ist.

Wie der auffliegende Vogel die Schlinge mitnimmt, aber doch hängen bleibt, so wird sich auch Israel vom Verderben nicht losreißen können.

Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 5. Wie in dem Tierleben, so in dem planmäßigen Thun der Menschen. Nicht für einen Zufall haltet ihr das Vorhandensein einer Vogelschlinge gerade in unmittelbarer Nähe der Lockspeise, und nicht für einen Zufall das Aufschnappen der Falle, gerade wenn das dahinschreitende Tier auf sie tritt.

6
אִם־יִתָּקַ֤ע שׁוֹפָר֙ בְּעִ֔יר וְעָ֖ם לֹ֣א יֶחֱרָ֑דוּ אִם־תִּֽהְיֶ֤ה רָעָה֙ בְּעִ֔יר וַיהֹוָ֖ה לֹ֥א עָשָֽׂה׃
BernfeldWird in die Posaune gestoßen in der Stadt, und das Volk sollte nicht erschrecken? Oder kommt ein Unheil über die Stadt, das der Herr nicht herbeigeführt?
ZunzOder wird in die Posaune gestoßen in der Stadt, und das Volk sollte nicht erschrekken? oder wird ein Unheil seyn in der Stadt, und der Ewige hätte es nicht gethan?
J. J. HirschWenn aber der Schofar in der Stadt erschallt, da hätte das Volk nicht zu erbeben? Wenn Unglück sich ereignet in der Stadt, da hätte es Gott nicht bereitet?
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Salomon Herxheimer

Wie das Lärmzeichen der Wächter, sollte die Gefahrverkündigung des prophetischen Wächters euch aufschrecken.

Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 6. Wenn aber der warnende, mahnende Schofarruf Gottes in der Stadt ertönt, der Ruf des allmächtigen Gottes, der euer Geschick in Händen hat und der für euch als Folge der Schuld das Unglück festgesetzt hat, da könntet, dürftet ihr weiter ruhig in den Tag hinein leben, hättet nicht aus diesem Posaunenrufe das löwengewaltig euch bedrohende Geschick bebend zu erkennen und euch zur Besserung aufzuraffen? Und wenn des Schofars Stimme unbeachtet verhallte, und nun das Verhängnis über die Stadt hereingebrochen ist, mag dies nun in seiner äußeren Verwirklichung durch Feindesmacht, durch innere Zerrüttung oder durch Naturgewalten sich vollziehen: da bestände kein innerer Zusammenhang zwischen ihm und dem unbeachtet gebliebenen Gottesrufe? Da wäre es ein bloßer Zufall, Raubgier der Feinde, oder physische Verhältnisse, und es wäre nicht Gott, der diese Verhältnisse gerade so gelenkt hätte, wie es der Vollstreckung seines Willens entsprach?

7
כִּ֣י לֹ֧א יַעֲשֶׂ֛ה אֲדֹנָ֥י יֱהֹוִ֖ה דָּבָ֑ר כִּ֚י אִם־גָּלָ֣ה סוֹד֔וֹ אֶל־עֲבָדָ֖יו הַנְּבִיאִֽים׃
BernfeldEbenso wird Gott der Herr nichts tun, ohne zuvor seinen Ratschluss seinen Knechten, den Propheten, zu offenbaren.
ZunzDenn Gott der Herr wird nichts thun, er hätte denn seinen Rathschluß offenbart seinen Knechten, den Propheten.
J. J. HirschDenn mein Herr, der seine Liebe als Rechtswaltung offenbarende Gott thut nichts, er habe denn seinen Ratschluß offenbaret seinen Dienern, den Propheten.
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Salomon Herxheimer

Anwendung: Wie Alles, so ist auch des Propheten überhaupt und Amos'

Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 7. Denn das Prophetenwort ist der Schofarruf Gottes.

8
אַרְיֵ֥ה שָׁאָ֖ג מִ֣י לֹ֣א יִירָ֑א אֲדֹנָ֤י יֱהֹוִה֙ דִּבֶּ֔ר מִ֖י לֹ֥א יִנָּבֵֽא׃
BernfeldWenn der Löwe brüllt, wer sollte sich nicht fürchten? Ebenso wenn Gott der Herr redet, wer sollte nicht weissagen?
ZunzDer Löwe brüllt, wer sollte sich nicht fürchten? Gott der Herr redet, wer sollte nicht weissagen?
J. J. HirschDer Löwe hat gebrüllt — wer hätte nicht zu fürchten! Mein Herr, der seine Liebe als Rechtswaltung offenbarende Gott hat gesprochen — wer würde da nicht Prophet! —
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Salomon Herxheimer

Weissagung insbesondere kein leeres, sondern ein von Gott offenbartes, dessen geheimen Beschluß (סוד) verkündendes Wort, das der Prophet, würde er auch darob verfolgt, vom Geiste Gottes gedrängt, aussprechen muß und so wenig als ein Mensch seine Furcht beim Gebrüll eines Löwen unterdrücken kann.

Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 8. Nun, der ernste, mahnende und warnende Ruf des allmächtigen Gottes ist an euch ergangen, wer hätte da nicht zu fürchten? Gott und zwar אֲדֹנָי, der den Propheten sendet, und der vierbuchstabige Gottesname, der מִדַּת הָרַחֲמִים mit der Vokalisierung אֱלֹהִים, מִדַּת הַדִּין, vereinigt, der also den barmherzigen, stets zur Spende neuen Seins und neuer Kraft bereiten Gott als denjenigen bezeichnet, der diese seine Liebe im gegenwärtigen Augenblicke als waltende Gerechtigkeit offenbaren müsse — also ד' א' hat gesprochen — wer wäre jetzt nicht Prophet! Wer könnte jetzt nicht mit Bestimmtheit das Hereinbrechen unheilvoller Verhängnisse verkünden, wenn sein Wort unbeachtet bleibt!

Haftarah Wajeschew Aschkenasim, Sefardim, Jemeniten und Italiener enden hier.
9
הַשְׁמִ֙יעוּ֙ עַל־אַרְמְנ֣וֹת בְּאַשְׁדּ֔וֹד וְעַֽל־אַרְמְנ֖וֹת בְּאֶ֣רֶץ מִצְרָ֑יִם וְאִמְר֗וּ הֵאָֽסְפוּ֙ עַל־הָרֵ֣י שֹׁמְר֔וֹן וּרְא֞וּ מְהוּמֹ֤ת רַבּוֹת֙ בְּתוֹכָ֔הּ וַעֲשׁוּקִ֖ים בְּקִרְבָּֽהּ׃
BernfeldVerkündet über die Paläste zu Aschdod und über die Paläste in Ägypten und sprechet: Versammelt euch auf die Berge Schomrons und sehet mächtige Verwirrung darin und die Bedrückungen in ihrer Mitte.
ZunzVerkündet über die Paläste zu Aschdod, und über die Paläste im Lande Mizrajim und sprechet: Versammelt euch auf die Berge Schomron's und sehet mächtige Verwirrung darin, und die Bedrückungen in ihrer Mitte.
J. J. HirschLasset es vernehmen über die Paläste in Aschdod und über die Paläste im Lande Mizrajim und sprechet: Versammelt euch auf den Bergen Schomrons und sehet die gewaltigen Gährungen in seiner Mitte, und die Unterdrückten in seinem Innern!
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Salomon Herxheimer

Nun folgt das Drohwort Gottes V. 1: er sagt zu seinen Propheten: Fordert die Großen der Philister und Aegypter auf, mit eigenen Augen die Bedrückung der Armen und die dadurch erzeugte Unruhe in Samarien von dessen Nähe aus zu sehen, um sich von der Strafwürdigkeit der Mächtigen daselbst zu überzeugen.

Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 9. Jedoch nicht Prophet, nicht einmal Jude braucht man zu sein, um zu wissen, daß die Folge der Nichtbeachtung des Posaunenrufes der Gotteswarnung der staatliche Untergang sein werde. Das Verderbnis im Reiche Israel, als dessen Repräsentant die Hauptstadt Schomron genannt wird, ist ein so großes, daß selbst die fremden Völker empört sein würden, wenn ihnen ein Einblick in die inneren Verhältnisse Israels erschlossen würde. מְהוּמֹת von הוּם und המם, wovon auch תְּהוֹם, wörtlich: das Gewoge, hier von den durch die Vergewaltigung der Schwächeren erzeugten Unruhen, Gährungen, zum Umsturz drängenden inneren Bewegungen. עֲשׁוּקִים: denen ihr Recht versagt wird, in dieser Rechtsversagung liegt die Ursache der מְהוּמֹת רַבּוֹת.

10
וְלֹא־יָדְע֥וּ עֲשׂוֹת־נְכֹחָ֖ה נְאֻם־יְהֹוָ֑ה הָא֥וֹצְרִ֛ים חָמָ֥ס וָשֹׁ֖ד בְּאַרְמְנוֹתֵיהֶֽם׃ {פ}
BernfeldSie verstehen nicht mehr rechtschaffen zu handeln, spricht der Herr, jene, die Gewalttat und Raub in ihren Palästen aufhäufen.
ZunzWie sie nicht wissen, rechtschaffen zu handeln, ist der Spruch des Ewigen; die aufhäufen Gewaltthat und Raub in ihren Palästen.
J. J. HirschUnd sie verstehen nicht das Gerade zu üben, ist der Spruch Gottes, die Gewaltthat und Raub in ihren Palästen aufspeichern.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 10. Den wirtschaftlich und deshalb politisch und social schwachen עֲשׁוּקִים stehen die im Besitze der Macht befindlichen Potenten gegenüber. חָמָס ist im Vergleiche mit שֹׁד, der offenkundigen frechen Gewaltthat, das mit Schlauheit und kniffiger Benutzung der Formen des Rechts, jedenfalls mit geschickter Vermeidung des Strafrichters verübte Unrecht. Von diesen Reichen und Mächtigen heißt es nun: ihnen ist das Einschlagen der krummen Wege so sehr zur Praxis ihres Lebens geworden, daß sie gar nicht verstehen, auch nie verstanden haben, Gerades, d. h. direkt zum Ziele Führendes zu üben.

11
לָכֵ֗ן כֹּ֤ה אָמַר֙ אֲדֹנָ֣י יֱהֹוִ֔ה צַ֖ר וּסְבִ֣יב הָאָ֑רֶץ וְהוֹרִ֤יד מִמֵּךְ֙ עֻזֵּ֔ךְ וְנָבֹ֖זּוּ אַרְמְנוֹתָֽיִךְ׃
BernfeldWahrlich, also spricht Gott der Herr: Der Feind umstellt das Land; er wird deine Macht von dir reißen, dass deine Paläste geplündert werden.
ZunzDarum spricht also Gott der Herr: Der Feind (ist da) und umringt das Land, und reißt herab von dir deine Macht, und geplündert werden deine Paläste.
J. J. HirschDarum hat also mein Herr, der seine Liebe als Rechtswaltung offenbarende Gott, gesprochen: Bedrängnis und Umwälzung des Landes! Und hinab stürzt es deine Macht von dir und geplündert werden deine Paläste!
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Salomon Herxheimer

Darum wird der Assyrer kommen und das Land umzingeln und endlich deine Feste, Samarien, stürzen und deine mit Raub gefüllten Paläste plündern

Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 11. צַר sowohl Feind und Dränger, als Bedrängnis. סָבִיב, wenn auch es und sein Stamm סָבַב in der Regel nur als Umgeben vorkommt, so doch auch im übertragenen Sinne als Umwandeln, 2. Kön. 23, 34 וַיַסֵּב אֶת־שְׁמוֹ יְהוֹיָקִים und Sech. 14, 10 יסִּב כָּל הָאָרֶץ. Wir glauben סָבִיב daher hier als gänzliche Umwandlung, gleichbedeutend mit Umwälzung fassen zu dürfen. Die Feinde von außen und die Umwälzung im Innern, auf deren Eintritt מְהוּמוֹת und עֲשׁוּקִים schon hinwiesen, werden Schomrons Macht brechen. לָכֵן, darum kommt der Feind, kommt die Umwälzung des Landes, die von beiden ausgehende Zerstörung ist das Subject von וְהוֹרִיד.

12
כֹּה֮ אָמַ֣ר יְהֹוָה֒ כַּאֲשֶׁר֩ יַצִּ֨יל הָרֹעֶ֜ה מִפִּ֧י הָאֲרִ֛י שְׁתֵּ֥י כְרָעַ֖יִם א֣וֹ בְדַל־אֹ֑זֶן כֵּ֣ן יִנָּצְל֞וּ בְּנֵ֣י יִשְׂרָאֵ֗ל הַיֹּֽשְׁבִים֙ בְּשֹׁ֣מְר֔וֹן בִּפְאַ֥ת מִטָּ֖ה וּבִדְמֶ֥שֶׁק עָֽרֶשׂ׃
BernfeldAlso spricht der Herr: Wie der Hirt dem Rachen des Löwen zwei Fußstücke oder einen Ohrzipfel entreißt, also sollen gerettet werden die Kinder Israel, die in Schomron in der Ecke eines Bettes sitzen und auf dem Damast des Lagers [lauter Kranke und Sieche].
ZunzAlso spricht der Ewige: Gleichwie der Hirt entreißet aus dem Maul des Löwen zwei Fußstücke oder einen Ohrzipfel, also sollen gerettet werden die Kinder Jisraël, die in Schomron sitzen in der Ecke eines Bettes und auf dem Damast des Lagers.
J. J. HirschSo hat Gott gesprochen: Wie der Hirte aus dem Rachen des Löwen zwei Knieestücke und ein Ohrläppchen rettet: [nur] so werden die Söhne Israels gerettet werden, die so ruhig in Schomron sitzen, [nur] was in der Ecke des Bettes und in dem Fuße der Wiege!
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Salomon Herxheimer

So Weniges einem Löwen entrissen wird, so Wenige werden von den üppig auf kostbarem Divanen hingestreckten Großen sich retten können. — דמשק Zeug aus der Stadt דמשק Damask.

Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 12. So wie der Hirte von einer ganzen Herde nur ein Paar Kniestücke oder ein Ohrläppchen rettet, nur in so winzigem Maße und so Unscheinbares und Geringgeachtetes wird von Israel gerettet werden, von denen, die jetzt „in der Ecke der Divans“ sitzen, als Bezeichnung der behaglichen Ruhe. וּבִדְמֶשֶׁק, das ד dürfte als Bildungsbuchstabe zu begreifen sein und מֶשֶׁק verw. mit שׁוּק und שׁקק, sehnen, äußere und innere Bewegung, hier vom aufstrebenden, schwellenden Lager, dann bildet diese zweite Satzhälfte mit ihrer Schilderung der gegenwärtigen üppigen samaritanischen Bürger den Gegensatz zu dem kläglichem Reste, der von dieser ganzen israelitischen Herrlichkeit gerettet werde. Andere nehmen דְמֶשֶׁק für gleichbedeutend mit דַמֶּשֶׂק mit שׁ und halten es für die Bezeichnung eines feinen aus דַמֶּשֶׂק kommenden Gewebes, Damast. Der Sinn wäre derselbe, es hieße dann: auf dem Damast des Lagers. — Vielleicht bilden jedoch diese Worte nur die weitere Ausmalung des Bildes von den geretteten winzigen Resten einer ganzen Herde in seiner Übertragung auf Schomron. Dann ist מִטָּה wie Kön. 4, 10 und Gen. 47, 31 Bett, Lagerstätte des Kranken, דַּמֶּשֶׂק aber der bewegliche Teil eines Lagers, etwa der Fuß der Wiege, dasjenige worauf die Wiege sich bewegt. Der Sinn wäre dann: dem Feinde entgeht nichts, als höchstens ein in der Ecke eines Bettes vergessener Kranker oder ein zwischen die Füße einer Wiege gefallenes Kind. Der Construction entspricht diese Auffassung am besten und wir haben deshalb geglaubt, trotz der Dunkelheit des Wortes בִּדְמֶשֶׂק, die auch nach den anderen Erklärungen nicht gehoben wird, ihr in der Uebersetzung folgen zu dürfen.

13
שִׁמְע֥וּ וְהָעִ֖ידוּ בְּבֵ֣ית יַעֲקֹ֑ב נְאֻם־אֲדֹנָ֥י יֱהֹוִ֖ה אֱלֹהֵ֥י הַצְּבָאֽוֹת׃
BernfeldHöret und verwarnet das Haus Jakob, spricht Gott, der Herr Gott Zebaot.
ZunzHöret und verwarnet das Haus Jaakob's, ist der Spruch Gottes des Herrn, des Gottes der Heerschaaren.
J. J. HirschHöret’s und bezeuget es dem Jakobshause, ist der Ausspruch meines Herrn, des seine Gnade als Rechtswaltung offenbarenden Gottes, des Gottes der Schöpfungsscharen!
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Salomon Herxheimer

Ihr Propheten.

Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 13. Höret dies, nämlich das eben Verkündete, und warnet das Jakobshaus, sonst trifft es ein und die ganze Herrlichkeit geht zu Grunde. „Jakobs“-Haus: zur Erinnerung an die ursprüngliche Schwäche und Abhängigkeit, in der es ohne Gottes schützende Macht sich auch jetzt noch befände. Ohne diese Hülfe sind sie auch jetzt verloren. Dieses Bewußtsein ist ihnen in ihrer Üppigkeit gänzlich entschwunden, deshalb erinnert der Prophet sie daran. Aus demselben Grunde wird Gott hier in allen Beziehungen seiner Waltungsweisen genannt: alle Schöpfungsscharen stehen im Dienste der Erfüllung seines Willens und auch die Katastrophe bedeutet für Israel nicht Untergang, sondern Rettung, nur die Entarteten, bereits Abgestorbenen, gehen zu Grunde. Das liegt in dem vierbuchstabigen Gottesnamen, der als אֱלֹקִים vokalisiert ist.

14
כִּ֗י בְּי֛וֹם פׇּקְדִ֥י פִשְׁעֵֽי־יִשְׂרָאֵ֖ל עָלָ֑יו וּפָֽקַדְתִּי֙ עַל־מִזְבְּח֣וֹת בֵּֽית־אֵ֔ל וְנִגְדְּעוּ֙ קַרְנ֣וֹת הַמִּזְבֵּ֔חַ וְנָפְל֖וּ לָאָֽרֶץ׃
BernfeldAn dem Tage, da ich die Verbrechen Israels an ihm heimsuche, werde ich auch an den Altären von Bet-El heimsuchen; es sollen abgehauen werden die Hörner des Altars und zu Boden fallen.
ZunzDenn am Tage, da ich ahnde die Verbrechen Jisraël's an ihm, werde ich ahnden an den Altären von Bet El, und es sollen abgehauen werden die Hörner des Altars und zu Boden fallen.
J. J. HirschDenn an dem Tage, da ich die Verbrechen Israels an ihm heimsuche, so werde ich heimsuchen die Altäre Bethels und da werden abgehauen werden die Hochecken des Altares und werden zur Erde fallen.
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Salomon Herxheimer

Götzen= (Hos. 10, 15).

Auf welche das Opferblut gesprengt wurde.

Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 14. Unter פִּשְׁעֵי־יִשְׂרָאֵל sind, wie ein Blick auf V. 9 und 10 dieses und V. 6, 7 und 8 des vorigen Kap. lehrt, die socialen Verbrechen verstanden. Also: wenn die Folgen des Abfalls vom Gottesgesetze in der gänzlichen Zerrüttung und Vergiftung der menschengesellschaftlichen Verhältnisse zu Tage getreten sind, und ich gegen diese Verbrechen heimsuchend einschreite, so werde ich auch auf die Wurzel dieser socialen Verkommenheit zurückgehen, auf „die Altäre von Bethel“. Der Mangel an Liebe und Treue in dem Verhalten zwischen Mensch und Mensch wurzelt in dem Mangel an Treue gegen Gott. Nachdem die „Altäre des königlichen Heiligtums“ zu Bethel (siehe unten 7, 13 מִקְדַּשׁ־מֶלֶךְ הוּא) genannt sind, werden die Götzenaltäre im Lande unter dem collectiven הַמִּזְבֵּחַ zusammengefaßt.

15
וְהִכֵּיתִ֥י בֵית־הַחֹ֖רֶף עַל־בֵּ֣ית הַקָּ֑יִץ וְאָבְד֞וּ בָּתֵּ֣י הַשֵּׁ֗ן וְסָפ֛וּ בָּתִּ֥ים רַבִּ֖ים נְאֻם־יְהֹוָֽה׃ {ס}
BernfeldIch werde das Winterhaus samt dem Sommerhause zerstören; es sollen zu Grunde gehen die Häuser von Elfenbein, und die ansehnlichen Häuser verschwinden, spricht der Herr.
ZunzUnd ich werde schlagen das Winterhaus sammt dem Sommerhause, und untergehen sollen die Häuser von Elfenbein, und verschwinden ansehnliche Häuser, ist der Spruch des Ewigen.
J. J. HirschUnd ich schlage das Winterhaus nebst dem Sommerhause, und zu Grunde gehn die elfenbeingeschmückten Häuser und ein Ende haben die vielen Häuser — ist der Ausspruch Gottes.
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Salomon Herxheimer

In Samarien werden alle Prunkpaläste verheert werden.

Dessen Gemächer mit Elfenbein ausgelegt sind, 1 Kön. 22, 39.

Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 15. Sodann ereilt das Gericht auch die Errungenschaften dieser Verbrechen, die israelitischen Häuser, die Prunkstätten der Üppigkeit. Diese Sommer- und Winterhäuser, die „mit reichem Elfenbeinschmuck“ ausgestatteten, eröffnen einen interessanten Einblick in die Cultur dieser Zeiten. Den Gliedern dieser israelitischen „Gesellschaft“, den damaligen „oberen Zehntausend“, wäre es auch undenkbar erschienen, das ganze Jahr in einem und demselben Hause zu wohnen, mochte dieses Haus immerhin ein Palast sein. Da kam zu dem Stadthaus für den Winter die Villa für den Sommer. Dem von Achab 1 Kön. 22, 39 gegebenen Beispiele, von dem ein solches בֵּית הַשֵּׁן, eine solche Verwendung von Elfenbein zur Zimmerdecoration zuerst berichtet wird — es muß also damals noch etwas Neues gewesen sein — waren die Großen rasch gefolgt. Ebenso galt es für vornehm, viele Häuser zu haben. Dieser ganzen in Vergötterung der Sinnlichkeit aufgehenden Pracht wird ein für die Gesundung Israels heilsames Ende bereitet werden.