Amos 2 עמוס
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Wahrscheinlich fiel der König von Edom todt in die Hände Moabs, das ihm die Ruhe und Ehre des Grabes entziehend, seine Gebeine verbrannte vgl. 2 Kön. 23, 16. Vermuthlich geschah dies, als Edom noch Vasall Juda's war (2 Kön. 3, 9.), aus Haß gegen Juda, daher der Prophet die Unthat rügt.
Kap. 2. V. 1—3. לַשִּׂיד. Wir glauben nicht, daß dies heißt: so fein wie Kalk, also die Vollständigkeit der Verbrennung bezeichnen soll. Das wäre keine Steigerung der Leichenschändung. Vielmehr ist die Verwendung der Knochenasche als Baumaterial gemeint. Darin offenbart sich allerdings jener Gipfel der Gemeinheit, die sich an dem dauernden Triumphe weidet, in einem Bau Reste einer bisher so gefürchteten Persönlichkeit, wie der des Königs von Edom, als Kalk oder Mörtel stets vor Augen zu haben. Deshalb verfällt Moab dem rächenden Geschicke. Und Edom war doch, wie erst unmittelbar wiederholt erinnert, Israels Todfeind! Wo giebt es etwas Bezeichnenderes für die unendliche, allumfassende Liebe, für die edle Humanität, zu der Gottes Wort erziehen will, als diesen Ausspruch! Nicht mit Jubel, nicht mit Genugthuung erfüllt den Propheten die Herabwürdigung der Leiche des Todfeindes, sondern als eine Schandthat, als ein Zeichen tiefster Entartung hat er sie zu brandmarken, die das Schicksal dessen besiegelte, der sie beging. — הַקְּרִיּוֹת: Stadt in Moab; gegen die Auffassung des Wortes als Eigenname scheint das ה, zu sprechen, Jer. 48, 24 kommt der Name jedoch ohne Artikel und V. 41 das. mit demselben, wie hier, vor. Wahrscheinlich ursprünglich eine emphatische Umlautung von קְרִיּוֹת. Die weiblichen Suffixe in מִקִּרְבָּהּ und שָׂרֶיהָ V. 3 erblicken das an unserer Stelle sonst männlich bezeichnete Moab dem Strafgerichte gegenüber in seiner Hülflosigkeit; hinzukommt die Nüance, daß diese Schwäche gerade bei der Erwähnung seiner Machthaber und Fürsten hervorgehoben wird.
Kommentar (Herxheimer)
K. eine Hauptstadt Moabs.
Im Kriegsgetümmel der assyrischen Heere.
Kommentar (Herxheimer)
Es war also kein eigentlicher König damals mehr in Moab.
Die suffixe des femin. in מקרבה u. שריה beziehen sich auf das Land, עמו bezieht sich auf שופט.
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Sie haben sich verführen lassen von eingebildeten Göttern.
V. 4. Nach dieser Rundschau auf die Israel umgebenden Völker wendet sich der Prophet nunmehr zu Juda und Israel. Ein zusammenfassender Vergleich der an jedes derselben gerichteten Vorhaltungen lehrt die große Wahrheit in furchtbarer Eindringlichkeit, daß eine Zerfällung des Gesetzes in Pflichten gegen Gott und Pflichten gegen den Nebenmenschen auf dem Boden des Gotteswortes keine Stelle habe. Wer glaubt, eine Auswahl treffen und entweder dem fälschlich so genannten specifisch religiösen, oder dem socialen Gebiete des Gesetzes, mit Hintansetzung des anderen, erhöhte Bedeutung beimessen zu dürfen, der verläßt damit nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch den Boden des Gesetzes. Und zwar verläßt er ihn vollständig. Er giebt nicht nur den Teil preis, den er, sei es in vermeintlich „principieller Überzeugung“ oder sans phrase in praktischer Bethätigung verleugnet, sondern auch denjenigen Teil, dem er noch die Treue zu bewahren vermeint. In Juda glaubte man, mehr die מִצְוֹת שֶׁבֵּין אָדָם לַמָּקוֹם betonen und es dafür mit der stricten Erfüllung der מִצְוֹת שֶׁבֵּין אָדָם לַחֲבֵרוֹ nicht so genau nehmen zu dürfen. Der Tempel ragte, des Opferdienstes wurde gepflegt, die Tempelhallen waren gefüllt, Sabbath und Festtage wurden gefeiert und die Speise- und Reinheitsgesetze fanden sorgsame Beachtung. So schien es. In dem aufgeklärten, mit den Wahnvorstellungen der verschiedenen umwohnenden heidnischen Völker durchtränkten Israel war es umgekehrt. Dort hatte man in mehr oder minder bewußter Grundsätzlichkeit das specifisch Jüdische abgestreift, den חֻקִּים, den Speise- und Reinheitsgesetzen in den herrschenden Kreisen hohnlachend den Rücken gekehrt, und nur die מִשְׁפָּטִים, die das bürgerliche Leben, das Verhalten des Menschen zum Nebenmenschen regelnden Gesetze im Princip aufrechtgehalten. Über beide Reiche, über Juda wie über Israel verkündet das Prophetenwort im Namen Gottes den durch ihre Thaten heraufbeschworenen Untergang. Und da ist es nun so ungemein charakteristisch und für alle Zeiten lehrreich: Juda, dem vermeintlich frommen, wird trotz seiner Opfer, seiner Gebete und seiner Sabbathfeier, der furchtbare Vorwurf entgegengeschleudert, daß „sie die Thora Gottes verachtet“ und seine חֻקִּים, gerade die Speise- und Reinheitsgesetze, nicht gehütet hätten! Ist es erschwerend, ist es schuldmindernd, wenn hervorgehoben wird, wie die Täuschungen, die Lügen, die sie in die Irre führten, dieselben seien, denen auch die früheren Geschlechter nachgefolgt waren? Wir glauben das erstere. Aus den trüben Erfahrungen der Väter hätten die Söhne Belehrung schöpfen und die Lüge als Lüge erkennen sollen.
Und Israel? Kein Wort des Vorwurfs wegen des verschmähten Tempels, wegen der entweihten Sabbath- und Festtage, wegen der nicht beachteten Speisegesetze. Wohl aber wird ihm ein Spiegel vorgehalten, aus dem ihm ein Nachtbild unsäglicher Verkommenheit, einer vollständigen Fäulnis aller rein menschlichen Verhältnisse in Staat und Familie entgegenstarrt. Erstorben alles Rechtsgefühl, erstorben alle Menschlichkeit, bis zur vollendeten Tierheit erstorben alle Scham (V. 7). Der Habsucht der Großen bietet eine feile Beamtenschaft bereitwillig die Hand, mit Mißbrauch der Formen des Rechtes, zur Ausübung schnödester Gewalt gegen die wirtschaftlich Schwachen — und zu all diesem Jammer spendet eine gesinnungs- und herzlose Geistlichkeit, die würdigen Diener einer Religion ihrer Mache, bereitwillig ihren Segen. Zerstörung des Staates, Entziehung all der Güter, deren Mißbrauch zu dieser Entartung geführt hatte, war die einzige Rettung der Zukunft der „Israels-Familie“ (K. 3, 1).
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Bei Israel zählt der Prophet viele Vergehen her: 1, daß die Richter ungerechterweise den armen Israeliten oft wegen einer Schuld, die noch so geringfügig, dem Gläubiger zum Sclaven zuerkennen; 8, 6.
V. 6. עַל־מִכְרָם בַּכֶּסֶף וגו'. Wir haben schon darauf hingewiesen, wie Israel, das doch ganz entfremdet und dem Götzendienst verfallen war, hier nur die Verbrechen zwischen Mensch und Mensch und die sittliche Entartung zum Vorwurf gemacht werden. Es sind dies die stets mit dem Götzendienst Hand in Hand gehenden Verbrechen. der Götzendienst ist nicht eine bloße Verirrung des Geistes, sondern nach dem Worte unserer Weisen sind stets Sittenlosigkeit und Menschenmord mit ihm verbunden. Nur die göttliche Wahrheit, nur das Gottesgesetz macht den Menschen zugleich zu dem sittlichsten, gerechtesten und liebeerfülltesten. — Hier wird zunächst die Habgier und Gewinnsucht hervorgehoben. —
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Bestochene Richter und Habsüchtige bringen den Geringen so in Armuth, daß er aus Trauer Asche auf sein Haupt streuet, als hätten sie große Gier, ihn so zu sehen.
Den Rechtsweg.
, sind sie so der Unzucht ergeben, daß sie selbst Blutschande begehen, als wollten sie offen Gottes Namen entweihen, d. h. seinen Willen, der hiergegen sich ausspricht (3 M. 18, 8), verachten.
V. 7. הַשֹּׁאֲפִים, שָׁאַף: mit Gier nach etwas schnauben, streben. Also: die mit Gier schnauben, habsüchtig blicken auf das Stäubchen Erde auf dem Haupte des Armen. דַּל: der Heruntergekommene, früher Begüterte. Sie mißgönnen ihm noch das Allerletzte, Geringste. Im damaligen Reiche Israel galt eben wie überall im Heidentum, im antiken wie im modernen, jener Moralcodex, der auf dem dem tiefsten Heidentum entstammenden Satze von dem Rechte des Stärkeren beruht. Im Kampfe ums Dasein hat ja angeblich der Starke immer Recht. Von da ist es nur ein Schritt, um alles, was der Schwächere noch hat, als eine widerrechtliche Schmälerung des Stärkeren zu betrachten, als eine Beeinträchtigung, die natürlich die Stärkeren nicht dulden können. Es wäre ja eigentlich wider die Moral. Diese moralische Entrüstung ist köstlich durch das Wort שָׁאַף ausgedrückt.
וְדֶרֶךְ עֲנָוִים יַטּוּ. Damit stimmt es denn vollständig. Die in diesem Staate noch „bescheiden“ waren, die nicht die Raubtier-Moral zum Lebensprinzipe erhoben, vielmehr noch so einfältig waren, noch Gesetz und Pflicht zum Leiter ihres Lebens zu machen, nicht sie, sondern „deren Weg“ יַטּוּ, die sahen sich von selbst zur Seite und abwärts gedrängt, ihr „Weg“ führte sie abwärts. Das ganze Getriebe des privaten wie des öffentlichen Lebens war von selbst darauf gerichtet, den Biederen und Rechtschaffenen nicht aufkommen zu lassen.
וְאִישׁ וְאָבִיו וגו'. Einen Abgrund tiefster Entartung aber enthüllen diese Worte unserem Auge. Hoffnungslos verkommen ist der Kreis, wo der Sohn nicht mehr das Auge des Vaters, wo gar der Vater nicht mehr das Auge des Sohnes scheut. Und solches wird hier aus dem Teile der Jakobsfamilie berichtet, in dem Ephraim, dieser entartete Stamm des Josephshauses, die Führung hatte. Wie war in ihnen das Gedächtnis des großen Ahnen so gänzlich erloschen, wie unendlich weit hatten sie sich von ihm verloren, dem in der Stunde der Versuchung, da er seine Widerstandskraft schwinden fühlte, nach der tiefsinnigen Überlieferung das greise Haupt seines fernen Vaters erschien. Der Gedanke an seinen Vater riß ihn empor und brachte ihn zur Besinnung. Er war gerettet. An der sittlichen Hoheit ihrer Väter konnten sich die unseligen Kinder dieses Geschlechtes nicht aufrichten. Für es schien jede Erhebung ausgeschlossen. Die Wurzeln seines Lebensbaumes waren faul geworden.
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Ungerechtigkeiten können dadurch nicht gut gemacht werden, daß man Etwas von dem unrechtlich Erworbenen zu einem guten Zweck verwendet.
, verprassen sie auf Decken, die sie den Armen gegen Gottes Willen (2 M. 22, 25) vorenthalten, die ungerechterweise erpreßten Geldbußen in heidnischen Opferschmäusen.
V. 8. וְעַל־בְּגָדִים חֲבֻלִים וגו'. „Pfänden“, „Strafen“ setzt ein Rechtsverfahren voraus. Nach dem Zusammenhange handelt es sich also um den Mißbrauch der richterlichen Gewalt. Die Gerechtigkeit war feil, sie stand im Dienste der Habgier der Reichen. — „Neben jedem Altare“: ihre Altäre billigten vollständig die Härte und den Raub, und ihre Tempel öffneten sich den Orgien, bei denen der Wein der „Gebüßten“ in Strömen floß.
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Und Gott rottete doch eben wegen solcher Sitten die riesigen (4 M. 13, 32) Heiden mit Stumpf und Stiel vor ihnen aus.
V. 9 und 10. Daß allein sittlicher Wert und durchaus nicht materielle Größe für die Behauptung und zur Erlangung des jüdischen Landes die unerläßliche Vorbedingung bildete, das lehrte ja die eigene Geschichte auf's überzeugendste. Wäre materielle Macht zur Behauptung ausreichend, nimmer hätte der riesengewaltige Emoriter das Land verloren. Die Thatsache selbst, daß ihr ihm im Besitze folgtet, ist dafür der sprechendste Beweis. Und wäre nicht die Erlangung dieses Landes an eine sittliche Größe geknüpft, so hättet ihr nicht erst eine vierzigjährige Wüstenwanderung durchzumachen gehabt, um würdig zu werden, das „Land des Emori“ zum Besitz zu erhalten.
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Und zu Gottes Wohlthaten gehört auch, daß er euch von solchem verderblichen Wandel durch Wort und Beispiel begeisterter und enthaltsamer (4 M. 6) Männer abzuhalten suchte.
V. 11. Und was ihr so schon aus den Thatsachen eurer Geschichte entnehmen mußtet, das habe ich euch durch die von mir geweckten Männer des prophetischen Geistes ausdrücklich ausgesprochen. Ferner: „ich erhob von euren Söhnen zu Propheten und von euren Jünglingen zu Nasiräern.“ Die Thatsache, daß von euren Söhnen gewürdigt wurden, Träger meines Wortes, und von euren Jünglingen, Nasiräer zu werden, zeigt, daß ich euren Söhnen den Geist und euren Jünglingen die Kraft der Selbstbeherrschung verlieh. Propheten und Nasiräer — sie bilden die edelste Blüte des Lebens, das als Erzeugnis der von mir euch gegebenen Lehre sich entfalten soll, und sie sind zugleich das mächtigste Werkzeug zur Förderung dieses Lebens. Nicht euch fremde, von dem Nimbus des Unbekannten umflossene Männer machte ich zu meinen Boten, sondern von euren eigenen Söhnen erhob ich zu Propheten, gab ihnen den Geist, würdigte sie meiner Beauftragung. Und ich weckte in den edelsten eurer Jünglinge jenen Geist der Selbstbeherrschung, durch den der Nasir die Reinheit und Weihe des hohenpriesterlichen Lebens in den Kreis der einfachsten Familie trägt. (Wir verweisen auf die herrlichen Erläuterungen zu Num. 6, 2—21.)
הַאַף אֵין זאת: „Ist vielleicht auch dies nicht wahr?“ ist die Frage an ein Geschlecht, das geneigt war, jede unbequeme geschichtliche Wahrheit, auch die feststehendste, einfach zu leugnen. Propheten und Nasiräer aber gehören ja der Gegenwart an — wollt ihr auch deren Vorhandensein leugnen?
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Verführtet sie.
Wie z. B. dem Amos selbst 7, 13.
V. 12. וַתַּשְׁקוּ וגו'. Ihr aber verführtet die Nasiräer und vereiteltet das Wirken der Propheten! Ihr ertötetet die Sittlichkeit der Jünglinge und blendetet den Geist der Männer, jede Regung sittlichen Ernstes verfiel dem Gelächter, und das Prophetenwort fand keine Stätte.
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Nach And. (Gaon b. Ebn Esra und Hitzig): ich fühle mich gedrückt unter euch, d. h. ihr seid mir zur Last; dazu paßt aber weniger das Hiph. und der folg. Vers.
V. 13. Seht darum werde ich euch eine Last, die euch zu Boden drückt. Durch eure sittliche Gesunkenheit ist euch jede Lebenskraft entschwunden. Das Gottesgesetz macht an sich frei und stark und richtet auf, „ich brach die Bande eures Joches und wollte euch aufrecht gehen lassen“. Ihr aber fühlt euch bei dem Gedanken an Gott und an die Anforderungen seines Gesetzes zu Boden gedrückt. Und es ist doch אָנֹכִי, das vorwiegend מִדַּת הָרַחֲמִים, Gott in seiner Liebeswaltung bezeichnet. Dem entsprechend wird auch das den Druck Bringende unter dem Bilde des schwerbeladenen Erntewagens gezeichnet. Was an sich reichsten Erntesegen bildet, ist für euch nur eine Last, deren drückende Wucht euch begräbt. — תַּחְתֵּיכֶם kann nicht die Herkunft des Druckes bezeichnen, dann müßte es ja עֲלֵיכֶם heißen. Habakuk 3, 16 heißt es: וְתַחְתַּי אֶרְגָּז, ich zitterte, obgleich ich selbst noch festen Boden unter mir hatte und von der geschauten Erschütterung selbst nicht getroffen werden sollte. So hier: ihr könntet in Wahrheit unerschüttert aufrecht bleiben, aber ich, Gott, bin der euch beengende und niederdrückende.
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
So sehr bedrängt (V. 13), wird Niemand entrinnen können.
V. 14—16. Euer Abfall von mir hat euch entnervt und kraftlos gemacht. Jede Möglichkeit der Rettung ist ausgeschlossen. Selbst zum Fliehen fehlt die Kraft. Selbst wer unter Helden bisher sich als den Mutigsten zu zeigen pflegte, wird selbst die Kleider abwerfen, bei dem vergebenen Versuche das nackte Leben zu retten. Das ist das klägliche Ende der israelitischen Staats- und Gesellschaftsherrlichkeit.
Kommentar (Herxheimer)
נפשו ist auch für das erste ימלט Object.