Zefanja 2 צפניה
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 2. Aufruf an die Verblendeten zur Umkehr, solange es noch Zeit sei, aber auch an die Treuen zur ernstesten Wachsamkeit auf sich und eindringliche Warnung vor Überhebung und Selbstzufriedenheit (V. 1—3). Denn das Gericht steht bevor, es bricht herein über die Juda benachbarten Länder, die ihm vielfach zum Vorbilde gedient, über Philistäa, über Ammon und Moab, es wird auch Chusch erreichen, zuvor jedoch sich an dem assyrischen Weltreiche und seiner glänzenden Hauptstadt Ninive vollziehen. Schilderung der Öde in dem verlassenen und zerfallenden Ninive (V. 4—15).
Kap. 2, V. 1. קַשׁ Stoppeln, davon denom. קָשַׁשׁ Stoppeln sammeln, lesen, ausreuten — Ex. 5, 7. 12. Dann allgemein: sammeln, auch Holzreiser Num. 15, 32. Hithp.: an sich die Stoppeln ablesen, sich von den Stoppeln reinigen. Die Stoppeln sind das den Acker nach der Ernte Bedeckende, das erst beseitigt werden muß, bevor gesäet werden kann. Bild des Unbrauchbaren, Wertlosen, zu Entfernenden. כָּסַף Niph.: sich nach etwas sehnen, Gen. 37, 30. נִכְסָף Perf. oder Part., das לֹא wie דֶּרֶךְ לֹא טוֹב. Der Prophet blickt zuerst auf die Gesamtheit der Abgefallenen hin, deren einzelne Kategorieen er im vorigen Kapitel geschildert hatte, und schaut sie hier als ein Ganzes. גוי, als eine Gesamtheit die von der Vortrefflichkeit ihrer religiösen Principien überzeugt — sie werden ja V. 12. als die Männer gezeichnet, die seelenvergnügt „auf ihren Hefen“ lagern, — in Vergötterung ihres Besitzes ihr Glück bereits gesichert, ihr Ziel bereits erreicht, ihre Ernte bereits heimgebracht glauben. Sie wähnen sich am Ziele, kennen kein Sehnen, haben kein Verlangen mehr. Nun ist ein Acker niemals ferner von der Ernte, als wenn er noch nicht von den Stoppeln gereinigt ist. In diesem Sinne spricht der Prophet: Ihr glaubt schon ernten zu können, ihr habt ja noch nicht gesäet, könnt ja noch gar nicht säen! Reinigt zuerst euch selbst und dann eure Umgebung, euren ganzen Kreis, von den Stoppeln eurer Vergangenheit, damit ihr auf eine Zukunft hoffen könnt, Volk, das sich thöricht bereits am Ziele glaubt!
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. חק: das von Gott Festgesetzte, Beschlossene, das Verhängnis. לֶדֶת kann in diesem Zusammenhange sowohl gebären als geboren werden heißen. Im ersten Falle ist חק das Gebärende: wenn das Verhängte in die Wirklichkeit tritt, so ist diese Ausführung die Geburt des Verhängnisses. Im anderen Falle wird das חק selbst als das Geborene, in die Zeitlichkeit Tretende betrachtet, die Zeit geht mit ihm schwanger, es ist in Vorbereitung begriffen. Die Bedeutung ist dieselbe, wir haben es in demselben Doppelsinn übersetzt. Raffet euch noch rasch auf zur Besserung, — dann wenn es erst geboren hat oder ist, so ist es unabwendbar. — Denn die Zeit verfliegt, wie die vom Winde dahingetriebene Spreu. Thuet es, bevor auf euch der Zorn Gottes niederfährt! חֲרוֹן אַף bezeichnet das an jedem Einzelnen sich vollziehende Gottesgericht, יום אף bezeichnet dieses Gericht im allgemeinen. Der Gedanke ist: Bessert euch alle, damit der Zorn Gottes nicht euch alle trifft, bessert euch, damit, wenn auch das Gericht nicht abgewendet wird, doch der Tag des Gotteszornes dann wenigstens die sich Bessernden nicht zu treffen brauche. Das zu בְּטֶרֶם, „noch nicht“, hinzugefügte לֹא verstärkt die Verneinung: Kehret zurück, während noch nicht —
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. Mit diesen Worten wendet er sich nunmehr an den treuen Kern, das „Zehntgeweihte“, den „Schear“ des Jesaias, die „Bescheidenen“, die Gedrückten, die wegen ihrer Gesetzestreue von der Mehrheit verachtet und gehaßt wurden, מִשְׁפָּטוֹ פָּעֲלוּ, die die von Gott in seinem Gesetze niedergelegte Gestaltung des Lebens nach seinem Willen durch ihr Leben verwirklicht oder wenigstens diese Verwirklichung angestrebt hatten, und fordert sie auf: Suchet das צֶדֶק! צֶדֶק ist das Rechtsideal, Recht im umfassendsten Sinne genommen, der Inbegriff aller Pflichten, jenes Ideal, nach welchem ausnahmslos allen Wesen, inbegriffen auch die eigene Persönlichkeit und ihre Kräfte, das ihnen Gebührende geleistet wird. Die חֻקִּים sind ja nichts als eben die Festsetzung dieses der eigenen Leiblichkeit Gebührenden, die Selbstbeherrschung nichts als die Vorbedingung zur Erfüllung des Anspruchs aller Kräfte auf ihre Verwendung im Dienste der Pflicht. Die Gestaltung nun des individuellen Lebens und aller socialen Verhältnisse nach dem צֶדֶק-Ideale heißt: מִשְׁפָּט, von שפט ordnen, der Zustand wo allem die gebührende Stelle und Verwendung gewährt ist. Hier wird das ganze Gottesgesetz unter diesem Gesichtspunkte als מִשְׁפָּט begriffen. Indem der Prophet die Treuen auffordert, das Zedek noch erst zu „suchen“, d. i. nimmer nachzulassen im Lernen, im Streben nach Erkenntnis desselben, warnt er damit zugleich in eindringlichster Weise vor jener Selbstzufriedenheit, die da glauben könnte, schon voll ihre Pflicht erfüllt zu haben, eine Selbsttäuschung, die um so näher lag, je mehr ihr Pflichtleben sich von dem Treubruch der gesetzlosen Mehrzahl abhob. In demselben Sinne fordert er sie ferner auf: Und wenn ihr Zedek erreichtet, so hütet euch vor allem vor Stolz, erstrebet עֲנָוָה. עֲנָוָה von ענה — davon עָנִי, der in seiner Existenz von anderen Abhängige — entsprechen, abhängig, der Widerhall von etwas sein. Hier Gott gegenüber: nichts anderes sein wollen als der Widerhall des göttlichen Wortes. Wer sich von Menschen abhängig macht, zum Widerhall ihrer Urteile und Wünsche, der beraubt sich allen Haltes und aller Kraft. Wer Gott gegenüber עָנָו ist, sich nur als Widerhall seines Willens begreift, also sein ganzes Geschick freudig Ihm hingiebt, der macht sich dadurch zum freiesten, von keines Menschen Macht abhängigen und vor keiner Geschicksgestaltung zitternden Menschen. Die wahre Bescheidenheit, oder vielmehr die wahre עֲנָוָה ist nicht die mehr passive, duldende Resignation des „sich Bescheidens“, sondern das freudige Aufgehen in die Erfüllung des göttlichen Willens unter gänzlicher Anheimstellung des eigenen Geschickes an Gott. Je mehr ein Mensch in Wirklichkeit leistet, um so schwerer ist die Erringung und die Bewahrung der ächten עֲנָוָה. In einer Zeit, wie derjenigen Zephanjas, in der alles schwankend geworden und in Frage gestellt war, war die Mahnung an die bisher Treugebliebenen um so notwendiger: Suchet Gott! und: Suchet עֲנָוָה! Aus demselben Grunde wird die Rettung nur hypothetisch, als eine noch zu sichernde dahingestellt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. Denn alles andere bricht zusammen, worauf man in Jerusalem sein Vertrauen gesetzt hatte. Das wird sich auch in dem Geschicke der Israel benachbarten Staaten zeigen, deren Bestrebungen und deren Politik so vielfach Juda als Vorbild gedient hatten. Genannt werden zuerst die vier Hauptstädte der Philister als Vertreter des ganzen philistäischen Gebietes. Die Wortspiele עַזָּה עֲזוּבָה und עֶקְרוֹן תֵּעָקֵר, die durch den Gleichklang den Inhalt der Aussage verstärken, lassen sich in der Übersetzung nicht wiedergeben. בַּצָּהֳרָיִם, am hellen Mittag wird man es austreiben, deutet auf die Plötzlichkeit des Überfalls hin. עָקַר aus dem Boden reißen, entwurzeln, von Grund auf zerstören.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5. Was zunächst von den Hauptstädten ausgesagt, wird jetzt über das ganze Philisterland verkündet. חֶבֶל הַיָּם ist der Küstenstrich am mittelländischen Meere, den die Philister bewohnten, wegen seiner schmalen Länge so genannt. Zephanja nennt sie גוי כְּרֵתִים nach einem im Süden ihres Gebietes wohnenden philistäischen Stamme (S. 1 Sam. 30, 14), um an die Bedeutung von כָּרַת anklingend, das ganze Volk als ein dem Untergange verfallenes zu bezeichnen. Vergl. Ex. 25, 16. Wenn das Philistäerland in der Ankündigung des Unterganges noch besonders als כְּנַעַן bezeichnet wird, so soll damit gesagt sein, daß die bei den kanaanitischen Völkern herrschende Entartung, die einst deren Vernichtung herbeigeführt, auch bei ihnen herrsche und nunmehr auch ihr Verderben veranlasse.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. כְּרֹת Inf. von כרה in der Bedeutung herstellen, bereiten, hier wie 2 Kön. 1, 23, ein Mahl bereiten. Der seiner Bewohner beraubte Küstenstrich wird zum Weideland für die Herden. Dieselben Stätten, die einst volkreiche Städte trugen, in denen Handel und Industrie blühten, bieten jetzt nomadisierenden Hirten die Lagerstätte, wo sie ihr Mahl bereiten. Dieser Niedergang findet auch in dem fem. וְהָיְתָה des sonst männlich gebrauchten חֶבֶל seinen Ausdruck.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. Subject dieses Verses sind die Worte חֶבֶל הַיָּם des vorigen, dieses Verses ist Prädicat, als Subject müßte es הַחֶבֶל heißen. חֶבֶל hier ist in dem Sinne zu nehmen wie Ps. 16, 6: חֲבָלִים נָפְלוּ לִי בַּנְּעִמִים, das mit der Meßschnur abgemessene und durch das Los zugewiesene Erbteil. Es entspricht dies ganz der Vorliebe des Propheten für Wortspiele. Vergl. כְּרֵתִים. Die Personen werden in יִרְעוּן und יִרְבָּצוּן durch ן hervorgehoben. Die Nachbarländer und besonders Philistäa waren dem verblendeten Israel nachahmenswerte und vielbeneidete und bewunderte Vorbilder gewesen. Ihre Verheerung und Verödung sind der sprechendste Beweis von der Nichtigkeit ihrer Politik und ihrer Religion. Und gerade der von der Majorität verachtete treue und überdauernde Kern Juda's wird diese Stätten in Besitz nehmen, gerade ihnen, den עֲנְוֵי הָאָרֶץ, die nur ihrer Pflicht gelebt und ihr Geschick ganz Gott anheim gestellt, wird das Land der Vorbilder und Lehrmeister ihrer verblendeten Brüder als ein ihnen von Gott zugewiesenes Erbteil zufallen. — Über שָׁב שְׁבִיתָם s. zu Deut. 30, 3.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8. Nachdem das Gericht über die Philister im Westen verkündet ist, wird es nun über die Juda im Osten benachbarten Moabiter und Ammoniter ausgesprochen, diese von Lot abstammenden Völker, die sich zu allen Zeiten, von der Volkwerdung Israels an, wir erinnern nur an Balak, als Israels Todfeinde gezeigt hatten. Vergl. Jer. Kap. 48, wo das über Moab verhängte Gottesgericht ausführlich geschildert ist. Dort wird ihm V. 26 vorgeworfen: כִּי עַל ה' הִגְדִּיל wo das עַל zweifellos heißt gegen, es hat hochmütig und trotzig gethan gegen Gott. Wir möchten glauben, daß Zephanja vielleicht gerade im Hinblick auf dieses Wort seines Zeitgenossen mit einer Umbiegung, wie er sie liebt, hier den Ausdruck gewählt hat: וַיַּגְדִּילוּ עַל גְּבוּלָם, wo das עַל jedoch nicht gegen, sondern wegen bedeutet, während es im V. 10 וַיַּגְדִּילוּ עַל עַם ה' in demselben Sinne wie in der Stelle in Jer. gebraucht ist. Im folgenden Verse wird deshalb gerade das Strafgericht über diesen Boden ausgesprochen, auf dessen Besitz sie so stolz waren.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9. 10. מִמְשָׁק, nur hier. Von מֶשֶׁק Gen. 15, 2 gebildet, das von שָׁקַק abgeleitet ist, etwas erstreben, sich nach etwas sehnen. מֶשֶׁק das Erstrebte, demnach מִמְשָׁק der Besitz, als das eifrig Erstrebte und Festgehaltene, dauernd Eingenommene. מִכְרֶה von כָּרָה mit localisierendem מ, die Stätte wo etwas zugerichtet, hier gewonnen wird. — Andere von der Bedeutung: graben, als Salzgrube. Jedenfalls bezeichnet es die Salzsteppe, das stereotype Bild für dauernde Unfruchtbarkeit des Bodens. Mit großer Feinheit wird scharf präcisierend עַמִּי und גוֹי hervorgehoben. Der überdauernde Rest, dem die Hinterlassenschaft von Moab und Ammon zufallen wird, wird sich sowohl in der Gestaltung seines einzel- und socialen Lebens = עַם, wie auch in seiner Gesamterscheinung als Ganzes nach außen = גוי als der Meine bewährt und bewiesen haben.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 11. Das verkündete Gericht über die Philister, Ammon und Moab, in welchem Gott sich als der allein zu Fürchtende offenbart, wird sich ebenso über alle Völker der Erde erstrecken, indem alles von ihnen Vergötterte in seiner Ohnmacht und Nichtigkeit ihnen gezeigt werden wird. רָזָה mager machen, dahinschwinden lassen. אִי die allgemeine Bezeichnung der Raumausfüllung, Ausdruck für ferne unbekannte Länder, in der Verbindung mit יָם sowohl Inseln im Meere als Küsten. In den schweren über sie hereinbrechenden Verhängnissen werden die Völker die Ohnmacht aller von ihnen bisher vergötterten Potenzen erkennen, und dadurch, ein jedes gesondert, „von seinem Orte aus“ zur Anerkennung Gottes gelangen. Nicht umsonst wird hier und ebenso oben V. 9. Gott als ה', als der barmherzige, die Menschheit erziehende Gott bezeichnet, der mit seinem Gerichte nicht den Untergang, sondern die Gewinnung der Menschen bewirken will. Die hier ausgesprochene Anerkennung ist jene Erhebung, die dann zu dem Entschlusse führen wird, der Jes. 2, 2. ff., Micha 4, 1. ff. Secharja 14, 16. u. s. verkündet ist. Nach dem Hinweis auf dieses ferne Ziel wird noch das Gericht verkündet, von dem zunächst zwei Völker ereilt werden, die Aethiopier und dann vor allen das mächtige, weltgebietende Aschur, dessen Sturz V. 13—15 geschildert wird.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 12. חַלְלֵי חַרְבִּי הֵמָּה wörtlich: Erschlagene meines Schwertes sind sie. Vergl. Jes. 66, 16: וְרַבּוּ חַלְלֵי ה'. Der Übergang von der zweiten zur dritten Person, indem der zweite Satz nicht zu, sondern von den Äthiopiern spricht, schaut das Gericht als ein bereits vollzogenes. Dasselbe vollzog sich an ihnen erst später, zugleich mit dem an Ägypten, durch die babylonische Macht. Ez. 30, 4 f. Zuvor jedoch wird es an Aschur, dem nördlich gelegenen, in Erfüllung gehen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 13—15. Das glänzende Ninive, die herrliche Weltstadt, wird zur Öde, wie dies farbenprächtig in ergreifenden Zügen näher geschildert wird. Völlig menschenleer, bietet es Lagerplatz, nicht Weide, für Herden, allerlei Gewild hält sich in Massen dort auf. — Der Ausdruck גוי ist gewählt als Gegensatz zu der früheren Größe, da es die Huldigung aller Völker entgegennahm; — die Scenen treten noch jetzt im Britischen Museum auf den Darstellungen auf den ausgegrabenen Wänden dem Auge des Beschauers entgegen; — in den Säulenkapitälen ihrer Prachtbauten nisten oder nächtigen die Vögel der Wüste, durch die Fensterhöhlen pfeift der Nachtwind, auf der Schwelle hält die Öde als Thürhüter: Bild des Eindrucks der unendlichen Verlassenheit und des Verfalls, den die verödeten Prunkstätten auf den Beschauer machen, denn: durch den fortschreitenden Verfall ist alles Cederngebälk bloßgelegt. Der Eindruck dieses Kontrastes, wie ihn der Prophet sich vergegenwärtigt, macht sich zunächst in den Worten Luft: Das ist die jauchzende Stadt, die in Hochmut und Überhebung auf alle anderen Städte und Reiche herabblickte und sich für einzig mächtig hielt. — Der zweite Gedanke aber ist: dies Schicksal ist ein wohlverdientes. All diese Herrlichkeit war nur die glänzende Hülle der unwürdigsten Jämmerlichkeit und der niedrigsten Leidenschaften — Verachtung, anstatt des Ruhmesgedächtnisses, wird der zerstörten Weltbezwingerin zu teil. שָׁרַק: zischen, pfeifen, Ausdruck des Spottes, der Geringschätzung. הָנִיעַ יַד: Schwenken der Hand, wegweisen, zum Ausdruck, daß man etwas als abgethan und beseitigt betrachte.