Zefanja 1 צפניה

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Einleitung von Julius Jehuda Hirsch

Zephanja

Was die Person Zephanjas betrifft, so wird uns, im Gegensatze zu den Propheten Amos, Obadja, Jona, Micha, Nachum und Habakuk, bei ihm die Abstammung bis ins vierte Geschlecht hinauf in der Überschrift mitgeteilt. Er war aus königlichem, davidischen Geschlechte, es ist kein Grund vorhanden, den hier genannten Chiskijahu für einen anderen als den König Chiskijahu zu halten. Wenn es ein Unbekannter dieses Namens wäre, so würde auch wohl nicht bis auf ihn die Abstammung Zephanjas so weit zurückgeführt sein. Auch der Umstand fällt nicht ins Gewicht, daß von der Seitenlinie bereits der Urenkel wirksam war, während von der regierenden Linie erst der Enkel, Joschijahu, auf dem Throne saß, denn Menasche, Chiskijahus Sohn, hatte ja die ungewöhnlich große Regierungsdauer von 55 Jahren erreicht. — Als Zeit seiner Wirksamkeit als Gottesprophet wird die Zeit des Königs Joschijahu, des Sohnes Amons, in der Überschrift angegeben, der von 641—610 regierte. Er war ein Zeitgenosse des Propheten Jeremias, dessen Sendung nach Jer. 1, 2 im dreizehnten Regierungsjahre Joschijahus begann, auch Habakuks, der den Untergang Ninives als noch in den Tagen seiner Zeitgenossen erfolgend verkündete, während Zephanja 2, 13 f. denselben Untergang als bevorstehend ankündigt. In der viel umstrittenen Frage, ob seine Sendung in die erste oder in die zweite Hälfte der einunddreißigjährigen Regierung Joschijahus falle, neigen wir mit Entschiedenheit der Ansicht zu, die sie in die zweite Hälfte setzt, nachdem bereits der König die Großthat der Restauration vollbracht hatte. Dafür spricht nicht nur, daß 1, 4 die Vernichtung des „Restes“ des Baal und des „Namens“ der Götzenpfaffen verkündet wird, wonach also in der Hauptsache der Baalcult bereits beseitigt und die Götzenpfaffen schon vernichtet sein mußten, sondern auch der ganze übrige Inhalt des ersten Kapitels bietet gewichtige innere Gründe dafür. Die Klage über den Mangel an Entschiedenheit der Gesinnung, über die Halbheit, mit der ganze Kreise gleichzeitig Gott und den Gestirnen und ihrem Könige huldigen (V. 5), über die bloß äußere Korrektheit anderer scheinheiliger Kreise, die jedoch in ihrem Herzen jede richtende Waltung Gottes leugnen (V. 13) und auf ihr Silber und Gold vertrauen (V. 18) — alles dies spricht dafür, daß zur Zeit, als diese Worte gesprochen wurden, bereits eine starke Hand dem frechen, Gott offen hohnsprechenden Abfall entgegen getreten war. Freilich war sie ohnmächtig gewesen, bei der abgefallenen Majorität und den herrschenden Kreisen eine durchgreifende innere Besserung zu bewirken, wie dies dem edlen Könige ja auch bereits von der Prophetin Hulda gleich zu Anfang verkündet worden war (2 Kön.). Im Hinblick auf manche Züge, die bereits wieder ein offenes Hervortreten des unjüdischen Wesens beklagen, glauben wir, daß eine geraume Zeit, jedenfalls mehrere Jahre nach dem mächtigen Aufschwung bereits verflossen sein mußten und die religiöse und nationale Begeisterung, von der 2 Kön. 22 und 23 ein so ergreifendes Bild gegeben wird, bei der Masse bereits verrauscht war, als Zephanja in die Mitte seines Volkes als Prophet hinaus trat.

Das Buch Zephanja. Kap. 1. Wenn alles beseitigt werden sollte, was die Gesetzlosen zur Sünde verleite, so müßte Gott nicht weniger als alles vernichten (V. 2, 3). Wohl aber werde er ins Gericht gehn mit den Abgefallenen, die in einzelnen Kategorieen gezeichnet werden (V. 3—12); sodann folgt die Schilderung des ganzen Ernstes des Gottesgerichtes (V. 13—19).

1
דְּבַר־יְהֹוָ֣ה ׀ אֲשֶׁ֣ר הָיָ֗ה אֶל־צְפַנְיָה֙ בֶּן־כּוּשִׁ֣י בֶן־גְּדַלְיָ֔ה בֶּן־אֲמַרְיָ֖ה בֶּן־חִזְקִיָּ֑ה בִּימֵ֛י יֹאשִׁיָּ֥הוּ בֶן־אָמ֖וֹן מֶ֥לֶךְ יְהוּדָֽה׃
ZunzDas Wort des Ewigen, welches erging an Zefanjah, Sohn Kuschi, Sohnes Gedaljah, Sohnes Amarjah, Sohnes Chiskijah, in den Tagen Joschijahu, Sohnes Amon, Königs von Jehudah.
J. J. HirschDas Wort Gottes welches an Zephanja erging, den Sohn Chuschis, des Sohnes Gedaljas, Sohnes Amarjas, Sohnes Chiskijas, in den Tagen Joschijahus, Sohnes Amons, des Königs von Juda.
2
אָסֹ֨ף אָסֵ֜ף כֹּ֗ל מֵעַ֛ל פְּנֵ֥י הָאֲדָמָ֖ה נְאֻם־יְהֹוָֽה׃
ZunzHinweg, hinwegraffe ich Alles von der Oberfläche der Erde, ist der Spruch des Ewigen.
J. J. HirschSoll ich denn heimsammelnd alles vernichten von der Fläche des Menschenbodens? — ist der Spruch Gottes.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 1. V. 2. אָסֹף אָסֵף Inf. absol. Kal von אסף einsammeln, wegnehmen. Die Bedeutung: vernichten, für die man die Stelle Richter 18, 25 וְאָסַפְתָּה נַפְשְׁךָ anführt, dürfte zweifelhaft sein. Denn dort kann es sehr wohl heißen: so wirst du dein und deines Hauses Leben heimbringen, d. h. retten, als Antwort auf Michas Klage: was ihm denn übrig bleibe, nachdem sie ihm seinen selbst angefertigten Gott geraubt hätten. Dann wären die Worte gleichbedeutend mit וְהָיְתָה לְךָ נַפְשְׁךָ לְשָׁלָל. אָסֵף Fut. Hiphil von סוף ein Ende nehmen, aufhören. Vergl. dieselbe Zusammenstellung Jer. 8, 13. Während אָסֵף Hiphil ein Ende bereiten, vernichten heißt, bekommt der Begriff durch die Hinzufügung von אָסֹף noch die Nüance, daß die Vernichtung eigentlich eine Einziehung des Gewährten oder Erschaffenen, ein Heimbringen sei, um es vor Mißbrauch, Fäulnis und Entartung zu bewahren. Die Verse 2 und 3 sind nicht als positive Aussage zu fassen, etwa als Ankündigung des Gerichtes über die Menschheit und Juda, denn die ausgesprochene „Vernichtung des Menschen von der Erde“ ist ja nicht erfolgt und widerspricht ohnehin der ausdrücklichen Gen. 8, 21 ausgesprochenen Verheißung. Die beiden Verse sind daher, wie es auch im Midrasch geschieht, als Frage zu fassen. Wenn auch das ה interr. fehlt, so dürfen wir nicht vergessen, daß wir Reden des Propheten vor uns haben, und daß bei dem gesprochenen Worte alles auf die Betonung ankommt, so daß sogar das Fehlen der grammatischen Bezeichnung der rhetorischen Frage dieselbe noch intensiver gestaltet. In beiden Versen wird die Erde als אֲדָמָה bezeichnet, abgeleitet von אָדָם: die zum Wohnsitze des Menschen und für den Menschen bestimmte Erde. הַמַּכְשֵׁלוֹת: das Strauchelwerk, das zum Fall Bringende, also das Verführende. Das Substantiv ist hier in seinem verbalen Charakter gedacht, daher mit dem Acc. אֶת construiert. Der Prophet tritt in die Mitte des durch die Restauration des Königs Josias wenigstens äußerlich auch in weiteren Kreisen wieder mit Gott und den Anforderungen seines Gesetzes in Verbindung getretenen Volkes, von dem einzelne Kategorieen in V. 4 ff. näher gekennzeichnet werden. Die Frage der Erfüllung des Gesetzes war Gegenstand der Discussion geworden, mehr noch bewegte sie die Gedanken. Die Forderung der Selbstbeherrschung, der freien Unterordnung der Sinnlichkeit unter das sittliche Pflichtgebot ließ damals wie zu allen Zeiten alle Widerstrebenden zur Rechtfertigung ihrer angeblich „principiellen“ Ablehnung dieser unbequemen Gesetze die principielle Frage aufwerfen, warum denn Gott dem „Bösen“ Reiz verleihe, warum er denn nicht lieber alles vernichte „was den Menschen zur Sünde verleite?“ Mit der Antwort auf diese Frage, die von den offen Abgefallenen laut aufgeworfen wurde, in den Herzen vieler noch äußerlich Gesetzestreuen jedoch nicht minder laut sich regte, tritt nun hier der Prophet in den Kreis seines Volkes. Alles — das ist der Grundgedanke — ist an sich gut, nichts Geschaffenes in der Welt oder im Menschen ist an sich schlecht. Für רְשָׁעִים, wörtlich: Gesetzlose, von Leidenschaften Beherrschte, die jede Unterordnung unter die Pflicht als unerträglichen und unwürdigen Zwang zurückweisen, bilden freilich alle Güter, ja alle geschaffenen Wesen, sofern sie in den Kreis ihres Besitzes- und Genussesstrebens fallen, ein „Strauchelwerk“. In diesem Sinne spricht der Prophet: Soll ich denn, um es vor Mißbrauch zu schützen, heimsammelnd alles vernichten von der Erde, die doch zum Boden der Entfaltung des Menschenlebens bestimmt ist? Da müßte ich Menschen und Vieh, ja selbst die dem Menschenbereiche ferner stehenden „Vögel des Himmels und Fische des Meeres“ vernichten — damit erst hätte ich alles beseitigt, was den Gesetzlosen zur Verführung gereicht, da müßte ich ja, wie es zusammenfassend wiederholt wird: den Menschen selbst vernichten. Das ו von וְהַמַּכְשֵׁלוֹת ist hier nicht copulativ, sondern leitet die Apposition ein: „als Strauchelwerk“ oder: dann erst hätte ich alles Strauchelwerk vernichtet. Also: wollte ich alles vernichten, was von den Gesetzlosen mißbraucht wird, so müßte ich die ganze Welt vernichten. — Dies wird nicht geschehen. Wohl aber:

V. 4 vernichte ich von diesem Orte den Rest des Baal, der noch nicht durch den Eifer Joschijahus beseitigt ist. כְּמָרִים Subst. von כָּמַר, Niphal: in Gährung gebracht, erregt werden, Gen. 43, 30. Hosea 11, 8, davon auch מִכְמֶרֶת Fangnetz: die treffende Bezeichnung jener Priester, die durch Erregung von Gefühlen, insbesondere der Furcht, die Gläubigen lenken, Einfluß auf sie gewinnen, sie „in ihr Netz bringen“. Das Gotteswort und seine Vertreter, der wahre Gottespriester und der Gottesprophet, sie verkünden die erhabenen Lehren und wenden sich mit ihnen an den Geist, sie wirken durch die Macht der Wahrheit auf die Vernunft des Menschen und durch die Vernunft erst auf das Gemüt und den Willen. Anders die כְּמָרִים. Sie suchen gerade durch künstliche Erregung dunkler Gefühle die Vernunft gefangen zu nehmen und den Willen ihren eigennützigen Zwecken dienstbar zu machen. Wir haben es deshalb mit Götzenpfaffen übersetzt. Die hier genannten, gleichfalls zur Vernichtung bestimmten כֹּהֲנִים sind die unwürdigen Gottespriester, die die Opfer freilich äußerlich Gott darbrachten, im Übrigen aber die Gesinnungsgenossen der Götzenpfaffen waren. Sie werden beide gänzlich bis auf ihren Namen von diesem Orte getilgt werden. Vergl. zu Hosea 10, 5.

3
אָסֵ֨ף אָדָ֜ם וּבְהֵמָ֗ה אָסֵ֤ף עוֹף־הַשָּׁמַ֙יִם֙ וּדְגֵ֣י הַיָּ֔ם וְהַמַּכְשֵׁל֖וֹת אֶת־הָרְשָׁעִ֑ים וְהִכְרַתִּ֣י אֶת־הָאָדָ֗ם מֵעַ֛ל פְּנֵ֥י הָאֲדָמָ֖ה נְאֻם־יְהֹוָֽה׃
ZunzHinwegraffe ich Menschen und Vieh, hinwegraffe ich die Vögel des Himmels und die Fische des Meeres, und die verfallenen Trümmer sammt den Frevlern, und ausrotten will ich den Menschen von der Oberfläche der Erde, ist der Spruch des Ewigen.
J. J. HirschDann müßte ich vernichten Menschen und Vieh, müßte vernichten den Vogel des Himmels und die Fische des Meeres und was zum Straucheln bringt die Frevler — ich müßte den Menschen vertilgen von der Oberfläche des Menschenbodens! — ist der Spruch Gottes.
4
וְנָטִ֤יתִי יָדִי֙ עַל־יְהוּדָ֔ה וְעַ֖ל כׇּל־יוֹשְׁבֵ֣י יְרוּשָׁלָ֑͏ִם וְהִכְרַתִּ֞י מִן־הַמָּק֤וֹם הַזֶּה֙ אֶת־שְׁאָ֣ר הַבַּ֔עַל אֶת־שֵׁ֥ם הַכְּמָרִ֖ים עִם־הַכֹּהֲנִֽים׃
ZunzUnd ausstrecke ich meine Hand über Jehudah und über all die Bewohner Jeruschalajim's, und ich rotte aus von diesem Orte den Ueberrest des Baal, den Namen der Götzenpriester sammt den Priestern;
J. J. Hirsch[Wohl aber] werde ich meine Hand ausstrecken über Juda und über alle Bewohner Jeruschalajims und ich werde tilgen von diesem Orte den Überrest des Baals, den Namen der Götzenpfaffen mitsamt den Priestern.
5
וְאֶת־הַמִּשְׁתַּחֲוִ֥ים עַל־הַגַּגּ֖וֹת לִצְבָ֣א הַשָּׁמָ֑יִם וְאֶת־הַמִּֽשְׁתַּחֲוִים֙ הַנִּשְׁבָּעִ֣ים לַֽיהֹוָ֔ה וְהַנִּשְׁבָּעִ֖ים בְּמַלְכָּֽם׃
ZunzUnd die sich auf den Dächern vor dem Heere des Himmels Bückenden, und die sich Bückenden, die dem Ewigen geschworen sind und bei Malkam schwuren;
J. J. HirschUnd die sich auf den Dächern niederwerfen vor dem Heere des Himmels, und die sich niederwerfen, die Gott zuschwören und doch bei ihrem Könige schwören!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 5 und 6. Und wie die Priester sind ferner der Vernichtung bezw. Tilgung „von diesem Orte“, was auch die gewaltsame Wegschaffung bezeichnen kann, geweiht vier Klassen im Volke. Erstens diejenigen, die über den Dächern ihrer Häuser nicht den allmächtigen Einen, sondern „das Heer des Himmels“, Sonne, Mond und Sterne waltend wähnten und sie anbeteten, mochten sie in ihnen nun die Verkörperung des Baal, also die verkörperten Naturkräfte erblicken, oder sie selbst als die höchsten Götter verehren. Sodann diejenigen, die allerdings nicht die Natur, aber den Staat vergöttern, für die die Religion eine Sache der Politik ist, die in Wahrheit also den Menschengeist und die Menschenklugheit vergöttern, die, indem sie Gott zuschwören, in Wahrheit bei ihrem Könige schwören, nichts Höheres kennen, als den in der Person des Königs verkörperten Staat, gleichviel ob dieser König ein Joschijahu, oder ein Amon und Menasche ist. נִשְׁבַּע ל Jemandem zuschwören, ihm etwas geloben, wie נִשְׁבַּע ב bei Jemandem schwören, das erstere ist blos eine äußere Huldigung, während das letztere die Anrufung als Zeugen der Wahrheit, der Ausdruck der Anerkennung, die Bekundung der inneren Überzeugung von der alles überragenden Hoheit desjenigen ist, bei dem man schwört. Ferner diejenigen, die (V. 6) wohl früher אַחֲרֵי ה' „in der Nachfolge Gottes“ waren, den von ihm gewiesenen Weg gingen, sich von ihm ihres Lebens Richtung bestimmen ließen, aber נְסוֹגִים — von סוּג sich absondern, trennen, Niphal: zurückweichen, sich zurückhalten lassen, davon auch סִיג Schlacke, das Losgetrennte, Zurückgehaltene — sich durch irgend welchen Grund haben zurückhalten, bestimmen lassen, aus dieser Nachfolge zu weichen. Und endlich diejenigen, die überhaupt nie sich um Gott gekümmert, nie in ihn ihre Zuversicht gesetzt, ihn deshalb auch nie vermißt und noch weniger seinen Willen zu erkunden suchten und seinen Beistand je erstrebt haben. Beides heißt דָּרַשׁ אֶת ה'.

6
וְאֶת־הַנְּסוֹגִ֖ים מֵאַחֲרֵ֣י יְהֹוָ֑ה וַאֲשֶׁ֛ר לֹא־בִקְשׁ֥וּ אֶת־יְהֹוָ֖ה וְלֹ֥א דְרָשֻֽׁהוּ׃
ZunzUnd die sich vom Ewigen abgewandt, und die nicht gesucht den Ewigen und ihn nicht befragt.
J. J. HirschUnd die zurückweichen aus der Nachfolge Gottes, und die Gott nie gesucht und ihn nie befragt haben.
7
הַ֕ס מִפְּנֵ֖י אֲדֹנָ֣י יֱהֹוִ֑ה כִּ֤י קָרוֹב֙ י֣וֹם יְהֹוָ֔ה כִּֽי־הֵכִ֧ין יְהֹוָ֛ה זֶ֖בַח הִקְדִּ֥ישׁ קְרֻאָֽיו׃
ZunzStill vor Gott dem Herrn! denn nahe ist der Tag des Ewigen, denn angeordnet hat der Ewige ein Schlachten, hat bestimmt seine Geladenen.
J. J. HirschAlles schweige vor meinem Herrn, dem seine Gnade als Rechtswaltung offenbarenden Gotte! Denn nahe ist der Tag Gottes! denn bereitet hat er das Mahl, hat bestimmt seine Geladenen!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 7. Dem verkündeten Gottesgerichte gegenüber giebt es keine Einrede. Wenn Gott als ה' א' eintritt zum Gerichte, seine Liebe als waltende Gerechtigkeit offenbaren will, da hilft keine Einsprache, da hat alles zu verstummen. Die verstockt in ihren Sünden Verharrenden — sind das „Mahl“, und die Völker, die das Verhängnis an Juda vollziehen sollen, sind die „Geladenen“. Sie sind zu ihrer Bestimmung bereit gestellt, „geweiht“. Vergl. Jes. 13, 3 אֲנִי צִוֵּיתִי לִמְקֻדָּשָׁי, von den zur Vollstreckung des Gottesurteils an Babel berufenen und dazu jauchzend bereiten Völkern.

8
וְהָיָ֗ה בְּיוֹם֙ זֶ֣בַח יְהֹוָ֔ה וּפָקַדְתִּ֥י עַל־הַשָּׂרִ֖ים וְעַל־בְּנֵ֣י הַמֶּ֑לֶךְ וְעַ֥ל כׇּל־הַלֹּבְשִׁ֖ים מַלְבּ֥וּשׁ נׇכְרִֽי׃
ZunzUnd es wird geschehen am Tage des Schlachtens vom Ewigen, daß ich ahnde an den Fürsten und an den Königssöhnen und an allen, die das Gewand der Fremden tragen.
J. J. HirschUnd es wird geschehen am Tage des Mahles Gottes, da werde ich heimsuchen die Fürsten und die Königssöhne und alle, die sich in fremdes Gewand kleiden.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 8. Nachdem V. 5 und 6 die Abgefallenen ganz allgemein nach gewissen Kategorieen genannt sind, werden nun hier V. 8—11 einzelne Typen besonders hervorgehoben und gekennzeichnet, die von dem hereinbrechenden Gerichte getroffen werden. Sie sind aus allen Ständen gegriffen. Wie gebührend wird bei den Höchsten angefangen, bei den Großwürdenträgern, das sind die שָׂרִים, und den Prinzen von Geblüte, die, vielleicht selbst bei einer legal correcten Führung, doch das Unjüdische und das Nichtjüdische als das Höchste verehrten und ihren Stolz darin setzten, ihrer äußeren Erscheinung das Gepräge des Unjüdischen zu geben, wie diese jämmerliche Nachahmung des Heidnischen ja im grundsätzlich abgefallenen, jetzt bereits zerstörten israelitischen Reiche geherrscht hatte. Vergl. Amos 6, 1 ff., wo dieser respectvolle Aufblick zu den fremden, sittlich versenchten Völkern und die Sucht, sie in der Nachahmung ihrer nationalen Eigentümlichkeiten noch zu überbieten, mit scharfen Worten gegeißelt wird.

9
וּפָקַדְתִּ֗י עַ֧ל כׇּל־הַדּוֹלֵ֛ג עַל־הַמִּפְתָּ֖ן בַּיּ֣וֹם הַה֑וּא הַֽמְמַלְאִ֛ים בֵּ֥ית אֲדֹנֵיהֶ֖ם חָמָ֥ס וּמִרְמָֽה׃
ZunzUnd ahnde an allen, die über die Schwelle hüpfen an selbigem Tage, die das Haus ihres Herrn erfüllen mit Gewaltthat und Trug.
J. J. HirschHeimsuchen werde ich an jenem Tage jeden, der über die Schwelle hüpft, die das Haus ihres Herren mit Unrecht und Trug erfüllen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 9. Ganz in derselben Weise überbieten die jüdischen Götzendiener ihre heidnischen Kollegen in zur Schau getragener Begeisterung für den Götzendienst. Unsere Stelle nimmt offenbar Bezug auf 1 Sam. 5, 5. Die Bundeslade Gottes war, wie dort berichtet wird, in die Gewalt der Feinde gefallen und in den Dagontempel zu Aschdod gebracht worden. Am anderen Morgen wurde der Dagon vor der Lade Gottes am Boden liegend und, wieder auf den gebührenden Stand zurückgehoben, am nächsten Morgen wieder am Boden gefunden, nunmehr aber lagen gar Kopf und Hände abgebrochen auf der Schwelle, „nur der Dagon“, wie es mit köstlicher Ironie heißt, also der kopf- und handlose Rumpf, war übrig geblieben. „Darum treten die Dagonspriester und alle Besucher nicht auf die Dagonschwelle in Aschdod bis auf den heutigen Tag“. Den Heiden also schwand die Erinnerung an die Ohnmacht ihres Götzen, die sich auf dieser ominösen Schwelle so drastisch bekundete, nie ganz aus dem Bewußtsein. Anders die verblendeten Juden. Mit tollem Leichtsinn springen sie entweder auf oder über die Schwelle, sie lassen keinen Gedanken an die Nichtigkeit des Götzencultes bei sich aufkommen. Denselben Leichtsinn, der hier zur frivolen Gedankenlosigkeit wird, bekunden sie auch, indem sie in das Haus ihres Gottes und Herren — denn auch mit dem verhalten sie sich, im Gegensatz zu den V. 12 Genannten fürchten sie auch ihn und glauben, daß auch er ihnen Gutes, vor allem aber auch Böses fügen könne — Opfer bringen, und zwar in echt heidnischer Gesinnung reiche und viele Opfer, הַמְמַלְאִים, an denen aber Gewalt und Trug haftet, also: „die das Haus ihres Herrn mit Gewalt und Trug füllen“. Vergl. Jes. 61, 8: שׂוֹנֵא גָזֵל בְּעוֹלָה. Nach dem ganzen Zusammenhange ist unter אֲדֹנֵיהֶם Gott und nicht etwa der König zu verstehen, dessen Haus unredliche übereifrige Diener mit Schätzen füllten, die sie dem Volke durch Erpressung abgenommen hätten. Unter einem Joschijahu verbietet sich diese Annahme ohnehin, vielmehr sind die unter הַמְמַלְאִים Begriffenen jedenfalls identisch mit כָּל הַדּוֹלֵג der ersten Vershälfte, schon wegen des fehlenden copulativen ו; aber für das gewaltsame Eindringen, das plötzliche Einbrechen in die Häuser zu nehmen ist gegen den Sprachgebrauch, und ebenso erscheint es ausgeschlossen unter כָּל הַדּוֹלֵג königliche Fiskalbeamte begreifen zu können.

10
וְהָיָה֩ בַיּ֨וֹם הַה֜וּא נְאֻם־יְהֹוָ֗ה ק֤וֹל צְעָקָה֙ מִשַּׁ֣עַר הַדָּגִ֔ים וִֽילָלָ֖ה מִן־הַמִּשְׁנֶ֑ה וְשֶׁ֥בֶר גָּד֖וֹל מֵהַגְּבָעֽוֹת׃
ZunzUnd es ergeht an selbigem Tage, spricht der Ewige, ein Klaggeschrei vom Fischthore, und Geheul vom zweiten Stadtviertel, und großes Gewimmer von den Hügeln.
J. J. HirschUnd ertönen wird an jenem Tage — ist der Spruch Gottes, — Klagegeschrei von dem Fischthore und Wehklage von der Unterstadt, und großer Zusammenbruch von den Hügeln.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 10. Das „Fischthor“ wird auch Neh. 3, 3. 12, 39. 2 Chron. 33, 14 erwähnt. Vielleicht befand sich in seiner Nähe der Nehem. 13, 16 erwähnte Markt, auf dem die Tyrier die Seefische und sonstige Waren verkauften und hätte es davon den Namen. מִשְׁנֶה bezeichnet ein dem Range nach Zweites, von einem Stadtteile gebraucht vielleicht auch den nach der Zeit der Erbauung zweiten. Jedenfalls bezeichnet es eine bestimmte Örtlichkeit oder einen Stadtteil in Jerusalem. Denn 2 Kön. 22, 14 heißt es von der Prophetin Hulda, zu der Joschijahu schickte: sie wohnte in Jerusalem בַּמִּשְׁנֶה, wörtlich: „in der anderen Stadt“, nach Einigen in der Unterstadt, auf dem Hügel Akra. Jon. übersetzt es dort als „Lehrhaus“, בֵּית אוּלְפָּנָא, hier als עוּפָּא. Irrig ist es, wenn als Parallelstelle Neh. 11, 9: הָעִיר מִשְׁנֶה angesehen wird, denn dort bezieht es sich nicht auf הָעִיר, sondern ist Apposition zu Juda S. Haßnua, der als מִשְׁנֶה, als zweiter Befehlshaber unter dem פָּקִיד Joel S. Sichri genannt wird. Unter den Hügeln sind die Jerusalem umgebenden Berge zu verstehen. Wahrscheinlich waren das Fischthor und der mit מִשְׁנֶה bezeichnete Stadtteil an den entgegengesetzten Seiten der Stadt und der Sinn ist: das Gericht erstreckt sich über ganz Jerusalem, von überall her ertönt das Klagegeschrei, und in den Jammer in Jerusalems Gassen hinein dringt das Getöse von dem Zusammenbruche der Städte und Dörfer auf den Hügeln, die bereits von den Feinden zerstört werden.

11
הֵילִ֖ילוּ יֹשְׁבֵ֣י הַמַּכְתֵּ֑שׁ כִּ֤י נִדְמָה֙ כׇּל־עַ֣ם כְּנַ֔עַן נִכְרְת֖וּ כׇּל־נְטִ֥ילֵי כָֽסֶף׃ {ס}
ZunzHeulet, Bewohner des Mörsers! denn verstört ist das ganze Volk Kenaan's, ausgerottet alle Silberbarren.
J. J. HirschJammert, Bewohner des — Mörsers! Denn zum Verstummen gebracht ist alles kenaanitische Volk, vernichtet sind alle Silberbarren!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 11. מַכְתֵּשׁ von כָּתַשׁ, zerstoßen, zerstampfen, nach Prov. 27, 22 Mörser, sonst nur noch Ri. 15, 19 von dem Gebiß, wegen seiner zermalmenden Thätigkeit. Es dürfte hier nicht an einen besonderen tiefliegenden Stadtteil Jerusalems, etwa des Käsemacherthal des Josephus, das heutige el Wâd oder Mühlenthal, zu denken sein. Vielmehr wird Jerusalem so bezeichnet, wegen seiner Lage inmitten der Berge seiner Umgebung. Die Worte schließen sich unmittelbar an das Vorhergehende an. Jammert nur, ihr habt Grund dazu, das Schicksal eurer Umgebung wird auch das eure sein. Es giebt kein Entrinnen. Die Feinde umgeben euch. Ihr seid wie in einem Mörser, der mächtige Stößel des Geschickes wird euch zermalmen. Durch eure Sünden ist die herrliche Gottesstadt zu einer solchen „Stampfe“ geworden. Denn ihr seid aus einem עַם ה' zu einem עַם כְּנַעַן geworden. Es ist das der schwerste Vorwurf, der die ganze Tiefe der Gesunkenheit kennzeichnet. Das vieldeutige Wort bezeichnet sowohl die kanaanitische Entartung im allgemeinen, als den niedrigen Krämersinn im besonderen, das letztere wird durch den Zusatz: „die Silberbarren sind vernichtet“ ganz besonders hervorgehoben. נָטִיל nur hier, von נָטַל auflegen und aufheben, wahrscheinlich Last; wenn die ähnlich gebildeten נָגִיד, רָכִיל, פָּקִיד sich auf Personen beziehen, so stehen dem die Bildungen אָסִיף, קָצִיר u. a. gegenüber. Wollte man es persönlich nehmen, so bezeichnete es: die sich mit Silber beladen. Jedenfalls wird hier das Gericht über die von Eigennutz und Habgier Beherrschten verkündet.

12
וְהָיָה֙ בָּעֵ֣ת הַהִ֔יא אֲחַפֵּ֥שׂ אֶת־יְרוּשָׁלַ֖͏ִם בַּנֵּר֑וֹת וּפָקַדְתִּ֣י עַל־הָאֲנָשִׁ֗ים הַקֹּֽפְאִים֙ עַל־שִׁמְרֵיהֶ֔ם הָאֹֽמְרִים֙ בִּלְבָבָ֔ם לֹא־יֵיטִ֥יב יְהֹוָ֖ה וְלֹ֥א יָרֵֽעַ׃
ZunzUnd es wird geschehen zur selbigen Zeit, daß ich durchsuche Jeruschalajim mit Lichtern, und ahnde an den Menschen, die erstarrt liegen auf ihren Hefen, die in ihrem Herzen sprechen: Nicht thut der Ewige Gutes und nicht thut er Böses.
J. J. HirschGeschehen wird’s zu jener Zeit, da werde ich Jeruschalajim mit Leuchten durchsuchen, und heimsuchen werde ich die Männer, die auf ihren Hefen ruhig lagern, die in ihrem Herzen sprechen: Gott fügt nichts Gutes und nichts Böses!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 12. So groß aber auch die Wucht ist, mit der das Verhängnis hereinbricht, so wenig ist es ein blindes Wüten des Geschickes, das unterschiedlos den Schuldlosen wie den Schuldigen träfe. Es waltet in ihm vielmehr die jeden Einzelnen prüfende göttliche Gerechtigkeit. „Mit Lichtern leuchte ich in Jerusalems Gassen umher und durchsuche sie“. הַקֹּפְאִים, קָפָא sich zusammenziehen, von Flüssigem: gerinnen, fest werden. Das Bild ist vom Weine hergenommen, der klar auf seinen Hefen ruhte, die am Boden verborgen lagern, bei der ersten Erschütterung jedoch ist es mit der Klarheit vorbei und der trübe Bodensatz erfüllt das Ganze. So die Scheinheiligen, äußerlich Respectablen und Korrecten, die aber in ihrem Herzen, wenn sie auch nicht ganz und gar Gott leugnen, so doch — modern würde man sie Deisten nennen — jede Beziehung Gottes zur Welt und zum Menschen, also jede Offenbarung und jedes richtende Walten Gottes leugnen. Da der gute palästinensische Wein beim Altern sich immer mehr verdichtete, so liegt in dem קֹפְאִים zugleich die Nüance der langen Zeitdauer. „Sie lagern lange und ungestört auf ihren Hefen“, d. h. sie erfreuen sich lange ungetrübten Glückes und denken gar nicht daran von ihren Sünden zu lassen, denn sie sprechen in ihrem Herzen: es giebt keinen lohnenden und strafenden Gott, das Geschick des Menschen wird von ganz anderen Faktoren bestimmt oder hängt vom Zufall ab.

13
וְהָיָ֤ה חֵילָם֙ לִמְשִׁסָּ֔ה וּבָתֵּיהֶ֖ם לִשְׁמָמָ֑ה וּבָנ֤וּ בָתִּים֙ וְלֹ֣א יֵשֵׁ֔בוּ וְנָטְע֣וּ כְרָמִ֔ים וְלֹ֥א יִשְׁתּ֖וּ אֶת־יֵינָֽם׃
ZunzUnd ihr Vermögen soll zur Plünderung werden, und ihre Häuser zur Oede, und sie werden Häuser bauen und sie nicht bewohnen und Weinberge pflanzen, aber nicht trinken ihren Wein.
J. J. HirschIhr Vermögen wird der Plünderung und ihre Häuser der Verödung verfallen — sie mögen Häuser bauen, bewohnen werden sie sie nicht, mögen Weinberge pflanzen, ihren Wein werden sie nicht trinken.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 13. Gerade in ihrem Geschicke werden sie erfahren, daß es einen richtend waltenden Gott giebt.

14
קָר֤וֹב יוֹם־יְהֹוָה֙ הַגָּד֔וֹל קָר֖וֹב וּמַהֵ֣ר מְאֹ֑ד ק֚וֹל י֣וֹם יְהֹוָ֔ה מַ֥ר צֹרֵ֖חַ שָׁ֥ם גִּבּֽוֹר׃
ZunzNahe ist der Tag des Ewigen, der grosse; nahe und eilet sehr. Es erschallet der Tag des Ewigen, wildes Kriegsgeschrei erhebet dort der Held.
J. J. HirschNahe ist der große Tag Gottes, er ist nahe und eilet sehr. Wer bei dem Rufe: „Der Tag Gottes ist da!“ noch laut aufschreit, wird dort ein Held sein!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 14. Der Tag des Gottesgerichtes ist nahe, er eilet herbei. מַהֵר Inf. statt des Verb. finit., um die andauernde Eile des Heranrückens zu bezeichnen. קוֹל vergl. Gen. 4, 10 Horch! Hier mit dem Hinblick auf etwas Kommendes, noch Zukünftiges: „Wenn der Ruf erschallt: der Tag Gottes ist da!“ also wenn dieser Tag wirklich gekommen sein wird, dann wird lähmender Schrecken so sehr alles erstarren lassen, daß schon Heldenkraft zeigen, als Held gelten wird, wer dann noch laut aufschreien kann! Denn:

15
י֥וֹם עֶבְרָ֖ה הַיּ֣וֹם הַה֑וּא י֧וֹם צָרָ֣ה וּמְצוּקָ֗ה י֤וֹם שֹׁאָה֙ וּמְשׁוֹאָ֔ה י֥וֹם חֹ֙שֶׁךְ֙ וַאֲפֵלָ֔ה י֥וֹם עָנָ֖ן וַעֲרָפֶֽל׃
ZunzEin Tag des Zornes ist selbiger Tag, ein Tag der Noth und der Drangsal, ein Tag des Grausens und Entsetzens, ein Tag der Finsterniß und der Dunkelheit, ein Tag des Gewölkes und des Wetterdüsters.
J. J. HirschEin Tag des heraustretenden Zornes ist jener Tag, ein Tag der Bedrängnis und des Druckes, ein Tag der Verstörtheit und der Verstörung, ein Tag der Lichtlosigkeit und der Finsternis, ein Tag des Gewölkes und der Wetterwolke!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 15. ein Tag des endlich zum Gerichte hinausschreitenden Zornes ist dieser Tag. עֶבְרָה, von עָבַר: der aus der Stille der Unsichtbarkeit und des scheinbar ruhigen Zuschauens nunmehr in die Sichtbarkeit hinübertretende, sich in den Verhängnissen äußernde Zorn. צָרָה: das Gefühl der Enge, מְצוּקָה: der äußere Druck, der dieses Angstgefühl oder diese Enge erzeugt. שׁוֹאָה: das Verstörtsein, die Besinnungslosigkeit. מְשׁוֹאָה: das מ bezeichnet ja häufig den Gegenstand, in welchem die durch das Wurzelwort bezeichnete Eigenschaft sich äußert, oder wenn es eine Handlung ist, den Ort an welchem sie vorgeht, oder von dem sie ausgeht, z. B. גָּדַל und מִגְדָּל, זָבַח und מִזְבֵּחַ, שָׁכַן und מִשְׁכָּן u. s. w. — Hier die äußeren Verhältnisse, die die Verstörtheit erzeugen. חֹשֶׁךְ und אֲפֵלָה bezeichnen beide die Dunkelheit, jenes mehr negativ: die Lichtlosigkeit, dieses mehr positiv: die Finsternis. In dem übertragenen Sinne, in dem die beiden Worte hier stehen, sind sie durchaus keine Tautologie. Am Tage des Gerichtes zeigt sich ihnen auch nicht ein einziger Lichtpunkt, vielmehr drängen die Schrecknisse von allen Seiten auf sie ein. In derselben Weise unterscheiden sich עָנָן und עֲרָפֶל. Jenes ist das Gewölk, das keinen Lichtstrahl durchdringen läßt, dieses das an sich dunkle Gewölk, Nebel, vielleicht auch Wetterwolke, vielleicht von עָרַף in der Bedeutung: brechen, von den aus ihr niederflammenden verderbenbringenden Blitzen. Eine andere Auffassung siehe zu Deut. 4, 11.

16
י֥וֹם שׁוֹפָ֖ר וּתְרוּעָ֑ה עַ֚ל הֶעָרִ֣ים הַבְּצֻר֔וֹת וְעַ֖ל הַפִּנּ֥וֹת הַגְּבֹהֽוֹת׃
ZunzEin Tag der Posaune und des Kriegs lärms über die festen Städte und über die hohen Zinnen.
J. J. HirschEin Tag des Schofarrufes und der Erschütterung, über die festen Städte und über die hohen Zinnen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 16. Es ist eben ein Tag, der die Menschen zu Gott ruft. Schofar neben Therua genannt, dürfte in der Symbolsprache der Töne (s. Num. 10, 3 ff) die Thekia, den Rufton bedeuten, Therua: den gebrochenen, das Signal zum Abbruch der Zelte, die Erschütterung, das Gebrochenwerden, רוע und רעע. Alle im vorigen Verse nach ihren Wirkungen geschilderten Verhängnisse sind nichts als der gewaltige Gottesruf zur Rückkehr. Wer diesem Schofarrufe nicht in der letzten Stunde noch Folge leistet, der verfällt der Therua, dem Bruche, den die Ereignisse bringen, dagegen sind ohnmächtig alle Machtmittel, dagegen schützen nicht „die festen Mauern noch die hohen Zinnen“.

17
וַהֲצֵרֹ֣תִי לָאָדָ֗ם וְהָֽלְכוּ֙ כַּֽעִוְרִ֔ים כִּ֥י לַֽיהֹוָ֖ה חָטָ֑אוּ וְשֻׁפַּ֤ךְ דָּמָם֙ כֶּעָפָ֔ר וּלְחֻמָ֖ם כַּגְּלָלִֽים׃
ZunzUnd ich werde die Menschen bedrängen, daß sie dahingehen gleich Blinden; denn gegen den Ewigen haben sie gesündigt, und verschüttet werden soll ihr Blut wie Staub, und ihr Fleisch wie Koth.
J. J. HirschUnd ich lasse die Menschen ihre Enge fühlen und sie werden einhergehen wie Blinde, weil sie gegen Gott gesündigt haben! Darum wird ihr Blut wie Staub dahingegossen und ihre Leiber wie Kot!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 17. Ich werde Enge bringen, d. h. werde die Menschen ihre Enge, die Kürze ihrer Kraft fühlen lassen, sie werden völlig ratlos und fassungslos einhergehen, das oben genannte שׁאָה, weil — sie es nicht etwa an Klugheit haben fehlen lassen, sondern, die Erkenntnis wird ihnen dann aufdämmern: weil sie gegen Gott gesündigt haben! Weil sie mit dem Princip gebrochen haben, das allein dem Leben Wert und Bedeutung verleiht: deshalb wird ihr Blut dahingegossen wie Staub, und das was sie sich bisher mit ihrem Brode genährt haben, ihr Körper, wie Dünger. לְחֻמָם hier und Hiob 20, 23. Denom. von לֶחֶם, das Brod, als das mit Einsetzung aller leiblichen und geistigen Kraft den mitstrebenden Genossen und den widerstrebenden Elementen abgerungene. In einem menschenwürdigen Leben im Dienste der Pflicht wird auch das sinnlich Vergängliche mit in das Bereich des Ewigen gehoben. Bei den hier Genannten aber geht das ganze Leben nur in die Befriedigung des leiblich Sinnlichen auf, und diese ganze Leiblichkeit hat nur Bedeutung als — Dung.

18
גַּם־כַּסְפָּ֨ם גַּם־זְהָבָ֜ם לֹא־יוּכַ֣ל לְהַצִּילָ֗ם בְּיוֹם֙ עֶבְרַ֣ת יְהֹוָ֔ה וּבְאֵשׁ֙ קִנְאָת֔וֹ תֵּאָכֵ֖ל כׇּל־הָאָ֑רֶץ כִּֽי־כָלָ֤ה אַךְ־נִבְהָלָה֙ יַעֲשֶׂ֔ה אֵ֥ת כׇּל־יֹשְׁבֵ֖י הָאָֽרֶץ׃ {ס}
ZunzAuch ihr Silber, auch ihr Gold wird sie nicht retten können am Tage des Grimmes des Ewigen, und durch das Feuer seines Eifers wird aufgezehrt das ganze Land, denn er vernichtet ganz plötzlich all die Bewohner des Landes.
J. J. HirschAuch ihr Silber, auch ihr Gold wird sie nicht retten können am Tage des hinaustretenden Gotteszornes, und von dem Feuer seines Eifers wird die ganze Erde verzehrt werden, denn Vernichtung, nur Bestürzung wirkt er an allen Bewohnern des Landes.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 18. In charakteristischer Weise und nicht ohne Ironie wird ihnen zuletzt noch die stille Hoffnung auf die Allmacht des Geldes zerstört, von dem sie auch in dieser letzten Not noch Rettung erwarteten, ohne daß sie sich zu bessern brauchten.

אֵשׁ קִנְאָתוֹ, Gott will ja die Menschen nicht vernichten, er will sie sich nicht verloren gehen lassen, dazu allein dient das „Feuer“ der Verhängnisse seiner Weltwaltung. Das zunächst an Israel sich vollziehende Werk der Läuterung wird sich ja über die ganze Erde fortsetzen, die ganze Weltgeschichte ist die Manifestation dieses „Feuers“, der Geltendmachung seines Eigentumsrechtes. Wie am Anfange dieses Kapitels das Prophetenwort von dem universalen Ausblick auf die Menschheit ausging, um dann auf das Menschheitpriestervolk überzugehen, so erhebt sich hier der Blick wieder auf die Gesamtheit, um sodann sofort wieder zu Israel und zwar Juda zurückzukehren. Wir glauben deshalb das erste אֶרֶץ als Erde, und das zweite als Land, nämlich das jüdische, nehmen zu sollen.

כִּי כָלָה אַךְ נִבְהָלָה. נבהלה ist hier substantivisches Adjectiv, eigentlich Particip, s. v. a. בֶּהָלָה, wohl deshalb so gewählt, weil in der Verbalform der Begriff mehr in lebendiger Beweglichkeit geschaut wird gegenüber der starren, mehr abstracten Substantivform. אַךְ bezeichnet jedenfalls den Zusatz נִבְהָלָה als eine Einschränkung von כָּלָה. Was den von נבהלה, also von Bestürzung und Schreck Ergriffenen als von Gott gewirkte Vernichtung erscheint, ist in Wahrheit nur נִבְהָלָה. Mag man das הָאָרֶץ nun im engeren Sinne für Land oder im weiteren für Erde nehmen, keinesfalls kann der Prophet sagen wollen: Gott werde Vernichtung wirken an allen Bewohnern des Landes oder der Erde. Das ist ja nicht geschehen, vielmehr ist gerade im Eingang des Kapitels nach unserer Auffassung das Gegenteil ausgesprochen worden. Nicht Vernichtung, sondern Läuterung, Wiedergewinnung ist der Zweck des Gottesgerichtes. Nur die Verstockten, die auch von den Schrecken der Ereignisse nicht zur Umkehr Gebrachten, gehen zu Grunde. Darum bilden diese Worte gerade den an den Anfang anknüpfenden Abschluß dieser Rede, und nur so erklärt sich auch das כִּי. Die zweite Satzhälfte bildet eben die Erläuterung und Begründung der Worte: וּבְאֵשׁ קִנְאָתוֹ וגו', das scheinbar die ganze Erde verheerende Feuer ist in Wahrheit nur die Geltendmachung Seines Eigentumsrechtes an der Menschheit, die ihrer Bestimmung, und damit ihrem Gott verloren zu gehen droht. „Denn Vernichtung? — nur Bestürzung wird er an allen Bewohnern der Erde wirken“. Nehmen wir noch hinzu, daß nach einer Überlieferung im Midrasch Zephanja seine Reden zunächst in den Bet- und Lehrhäusern, also an den treugebliebenen Kern der Nation richtete, die auf die bevorstehende Katastrophe vorbereitet, zum Verständnisse ihrer Bedeutung und ihres Zweckes gebracht, vor Kleinmut bewahrt, mit unerschütterlichem Gottvertrauen beseelt und, wie dies im folgenden Kapitel V. 3 noch mehr hervortritt, vor gefährlicher Selbsttäuschung und Selbstzufriedenheit geschützt, vielmehr zur ernsten Arbeit an sich selbst aufgerufen werden sollten —: so treten diese Ausführungen, meinen wir, gerade in der hier gegebenen Auffassung nur in ein noch helleres Licht und die ganze Rede erweist sich noch mehr als ein abgerundetes Ganzes.