Zacharjah 13 זכריה
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kap. 13. Schwinden des Götzentums und der Lügenpropheten von der Erde. Entlarvung des falschen Hirten. Läuterung der Gesamtmenschheit, Gewinnung auch ihres edlen Kernes.
Kap. 13. V. 1. חַטַּאת Sünde, dem Wortlaute nach, verw. mit חתה, jener Leichtsinn, der sich dem Feuer des Gottesgesetzes entzogen hat, sich von ihm nicht hat beherrschen lassen, siehe Comm. zu Gen. 39, 9 u. Lev. 4, 2, vor allem die Trübung des Thatenlebens. נִדָּה, s. Comm. zu Num. 19, 9, weist auf die Trübung des geistigen Lebens, des Bewußtseins von der sittlichen Freiheit und der Unsterblichkeit hin. Der stat. constr. חַטַּאת ohne Bestimmungswort verallgemeinert die Trübung oder die Schuld nach den mannigfachsten Beziehungen. חַטָּאת heißt aber auch in dem eigentlichen Piel-Sinne Entsündigung und Entsündigungsopfer. So wie demjenigen, der in seinem Thatenleben gesündigt hat, durch die Hingebung des Blutes mit dem Priesterfinger an die Hochecken des Altares die Bestimmung entgegen gehalten wird, in Zukunft fest zu sein und nicht wieder zu sinken, so wird demjenigen, der durch Berührung mit einer Leiche levitisch unrein geworden, durch Besprengung mit Entsündigungswasser die Thatsache der Freiheit und Unsterblichkeit zum Bewußtsein gebracht (siehe Comm. zu Num. 19, 22). Israel hat nach beiden Seiten gefehlt: es hat sein Thatenleben nicht rein erhalten, und das Bewußtsein von der Freiheit des gottdienenden Menschen von allem physischen Zwange, dem alle übrigen Wesen erliegen, nicht vor Trübung zu bewahren gewußt. In beiden Beziehungen bedarf es der Heilung. Wenn jener Tag gekommen sein wird, der im Kap. 12 geschildert wurde, wo die gewaltigen Völkermächte zu Boden liegen, Israel aber als Menschheitspriester dasteht und zu Gott betet für diejenigen, „die es durchbohrten,“ und so die Vergänglichkeit alles Ungöttlichen vor Augen hat und dem gegenüber gleichzeitig die Kraft des Gotteswortes inne wird, die inmitten der ersterbenden Menschheit gerade es erhalten, es als das Unsterbliche, es in seiner Jugendfrische erhalten hat: dann wird für David und für die Bewohner Jerusalems, die hier als Vertreter von ganz Israel genannt werden, eine Quelle „geöffnet sein,“ hervorströmen zur Heilung vom Leichtsinn und zur Erhebung zur lichten Geisteshöhe der Reinheit und der Heiligkeit.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 2. עֲצַבִּים, von עָצַב, verw. עָזַב, Entsagungsschmerz: die Schmerz und Entsagung bringenden Götter. Was Hosea (2, 19) von den Baalen, das verkündet Secharja hier von den עֲצַבִּים, und dort wie hier wird betont, daß ihre „Namen“ vernichtet werden. Damit wird auf die Wirkung der durch sie verkörperten Irrlehre auf die ganze Welt- und Lebensanschauung der Menschen hingewiesen. Es ist jene Lehre, die den Menschen in der ihn umgebenden Natur nur blinde Kräfte und finstere Mächte waltend sehen läßt, vor denen er zu zittern habe. Zu allen Zeiten haben Männer, die geistig die Menge überragten, es verstanden, auf diese Furcht ihren eigenen Einfluß zu gründen, indem sie als Propheten dieser Mächte auftraten. Oder sie waren wirklich von der Größe der Natur begeistert, ihr Blick haftete nicht wie der der Menge an den einzelnen Erscheinungen, sie erfaßten die Natur als ein einheitliches Ganzes, so groß und so herrlich, daß sie die in ihr waltenden Kräfte und somit sie selbst für göttlich erklärten und für den Menschen die Hingebung an die auch in ihm waltenden Triebe als Huldigung dieser göttlichen Natur, als einzigen wahren Gottesdienst, als einzige Lebensweisheit und als Bekundung der wahren erleuchteten Religiosität lehrten und priesen. Diese Begeisterung, die zur Präconisierung und Sanctionierung jeglicher Sünde führt, ist nicht der Geist, der die Menschen frei macht, sondern er ist der רוּחַ טוּמְאָה, der Geist der Unreinheit, der die Menschen knechtet, und seine Jünger, so heißt es hier, werden lange in mancherlei Gestalt und Zunge die Geister und Gemüter der Menschen irregeführt haben. Durch die an „jenem Tage“ des Gottesgerichtes gemachten Erfahrungen werden die Menschen zur Erkenntnis und Huldigung Gottes als „Gottes der Schöpfungsscharen“, dessen Diener jegliche Kraft und jegliches Geschöpf, gelangt sein, in dessen Dienste auch sie sich frei fühlen von jeglicher Furcht und Sorge, und mit einem Schlage sind die עֲצַבִּים und ihre Namen geschwunden, und für keinen Lügenpropheten, und spräche er auch im Namen Gottes, giebt es ferner Platz in ihrem Kreise, sie haben erkannt, wie lange sie von ihnen irregeführt worden sind.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 3. So tief und so allgemein wird die Überzeugung von der Verwerflichkeit und Gemeinschädlichkeit des gleißnerischen Prophetentums geworden sein, daß die eigenen Eltern denjenigen töten werden, der noch ferner sich für einen Propheten ausgeben wird.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 4. Im Gegensatz zu der mächtigen, für das Volk so verhängnisvollen Achtungsstellung, den die Lügenpropheten einst eingenommen hatten, wird ein jeder nunmehr sich schämen als Prophet zu erscheinen. Auch das äußere Zeichen ihres „Standes,“ der härene Mantel, den sie, wohl in Nachahmung Elias, um als seine „Schüler“ zu gelten, zum berufsmäßigen Costüm, zum Zeichen ihrer Zunft, gemacht hatten, wird unbenutzt im Winkel modern, und sie werden sich ihrer „Gesichte“ schämen. בְּהִנָּבְאתוֹ tönende Form für das kurz zuvor gebrauchte בְּהִנָּבְאוֹ, in ironischer Zeichnung des preciösen, gleißnerischen Gebahrens. Die wahren Propheten trugen kein Costüm, sie bedurften dessen nicht, sie wirkten durch ihre Persönlichkeit. Anders freilich die Glieder der Prophetenzunft, wodurch hätte man sie, wenn nicht durch den härenen Mantel, als Propheten erkannt!
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 5. Schon der Singular וְאָמַר im Gegensatze zu dem Plural נְבִיאִים und יִלְבְּשׁוּ des vorigen Verses, noch mehr aber der Inhalt weist darauf hin, daß in diesem und dem folgenden Verse von demjenigen Propheten die Rede ist, der in Wahrheit vom Geiste Gottes beseelt ist. Der wird, im Gegensatze zu jenen, sich in keiner Weise über sein Volk erheben und als ein Ausgesonderter und Geweihter dahinstellen. Jedem Nimbus abhold wird er vielmehr sein Prophetentum ganz und gar in Abrede stellen; „ich bin gar kein Prophet“, ich bin ein Mann, der der Menschenerde dient, der Menschheit hat Gott mich zugeeignet, in den Dienst der Menschheit hat Gott mich von Jugend auf gestellt, jeder von euch ist ebenso berufen, ich bin nur ein Mensch, der euch zeigt, was ihr alle sein könnt und werden sollt. עֹבֵד אֲדָמָה, der den Boden bestellt, sich von seiner Hände Arbeit nährt, im Gegensatze zu jenen, den „berufsmäßigen Propheten.“ Nicht unmöglich scheint es jedoch, daß אֲדָמָה hier zugleich in dem tieferen Wortsinn zu fassen ist, in seiner Ableitung von אָדָם, als Menschenboden. Damit wird sein Eintreten für die Wahrheit gerade als eine gleich ihm, allen Menschen obliegende Pflicht bezeichnet — vergl. Gen. 2, 5 וְאָדָם אַיִן לַעֲבוֹד אֶת הָאֲדָמָה — von deren Erfüllung die Verwirklichung des verheißenen Heiles abhängt; ein jeder, der in diesem Sinne wirkt, arbeitet seines bescheidenen Teils an dem Bau des Menschheitsheiles. Denn, so fährt er fort, der Menschheit hat Gott mich zugeeignet, mich in den Dienst der Menschheit gestellt von meiner Jugend auf. Es ist dies ganz die Stellung des jüdischen Propheten, der nicht über seine Menschen- und seine Stammesbrüder, sondern als in deren Dienst gestellt sich begreift. Zu construieren ist הִקְנַנִי, Hiphil von קנה, mit doppeltem Acc., das fernere Object zu seiner Hervorhebung vorangestellt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 6. מְאַהֵב vom Piel gebildet, bezeichnet stets im Gegensatz zu אוֹהֵב, dem wahren Freund, die äußere Bekundung einer im Herzen nicht vorhandenen Freundschaft. Während die falschen Propheten, die ihren härenen Mantel nach dem Winde tragen und dem רוּחַ טוּמְאָה, den Thorheiten und Sünden der Menge stets gerecht zu werden suchen, überall einen leichten Weg durchs Leben haben, bleiben den wahren Propheten Conflikte nicht erspart; eben weil sie als Vertreter der Wahrheit den Menschen entgegentreten, ziehen sie sich verlogenen Haß und offene Anfeindung zu. Ein Beispiel des ersteren ist hier erwähnt, wo zuerst unter der Maske der Freundschaft verborgener Haß den günstigen Augenblick abwartet, um in brutaler Gewaltthat sich Luft zu machen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 7. Angesichts aller dieser Verwirrung und Irrung bringenden Einwirkungen der falschen geistigen Führer der Menschen verkündet der Prophet das allgewaltige Einschreiten Gottes mit dem fast unvermittelten und darum um so ergreifendern Rufe an das Schwert des göttlichen Strafgerichtes: Wache auf! mache dich auf, tritt aus deiner Verborgenheit heraus, Schwert, fahre nieder auf den in meinem Namen auftretenden Hirten (siehe zu 11, 17) und auf den Kecken, der es wagt, sich mir vertraulich als mein Nächster und Gleicher an die Seite zu stellen, schlage den Hirten, so wird seine Herde zerstieben, bei dem Anblick seiner Ohnmacht wird sie seine Nichtigkeit und die kecke Täuschung erkennen, mit der er sich oder vielleicht auch mit der man ihn ihnen als den göttlichen, von Gott gesandten und Gott nahestehenden oder ebenbürtigen — alles das liegt in עָמִית — Hirten dahingestellt hat. Die צֹעֲרִים, die Untergeordneten, Geringen werde ich allmählich beseitigen: wenn erst der Große, an den die Menschen so lange geglaubt haben, in seiner Nichtigkeit erkannt ist, so werden die kleineren Irrlehrer durch meine Waltung schwinden, wörtlich: ich werde meine Hand wiederholt über sie bringen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 8. In dem hier die ganze Erde treffenden Gottesgerichte wird die irregegangene Menschheit nicht zu Grunde gehen, „das Gebet des Hauses Davids und der Bewohner Jerusalems“ (s. o. 12, 10 ff.) wird, wenigstens teilweise, Erhörung finden; zwei Drittel, die in Verstockung Verharrenden, werden teils durch die schweren Heimsuchungen vernichtet, teils werden sie von selbst vergehen, ein Drittel aber wird auf Erden übrig bleiben. בָּהּ bezieht sich auf הָאָרֶץ.
Kommentar (J. J. Hirsch)
V. 9. Nicht Vernichtung, sondern Gewinnung nicht bloß Israels, sondern der Gesamtmenschheit ist das Ziel der göttlichen Waltung. Wie von Israel nur der שְׁאָר, das עֲשִׂירִיָּה, der edle, durch lange Prüfungsleiden geläuterte, seiner Schlacken entledigte reine Kern, wie das „Zehntgeweihte,“ das וְשָׁבָה וְהָיְתָה לְבָעֵר, für die neue Zukunft, das Gottesreich gewonnen wird (s. Jes. 6 13), ganz so wird auch von der Gesamtmenschheit ausgesprochen, daß auf demselben Wege der Läuterung nur ein Teil, ihr edler Kern, Gott werde gewonnen werden, und das endliche Ziel für die Menschheit wird so mit denselben Worten verkündet, wie so oft dasjenige Israels. Den Vater, den sie hier wiedergefunden, in dessen Arme sie sich flüchten wollen, sie rufen ihn an, und er erhört sie, er spricht von ihnen עַמִּי, „es ist mein Volk“, und sie sprechen, nicht nur zu ihm, sondern von ihm, ihre ganze Seele, ihr ganzes Denken und Empfinden ist von dem einen Gedanken erfüllt: Gott mein Gott. Vergl. Hosea 2, 19, wo es ganz ebenso von Israel verheißen wird: וַהֲסִירֹתִי אֶת שְׁמוֹת הַבְּעָלִים מִפִּיהָ וְלֹא יִזָּכְרוּ עוֹד בִּשְׁמָם und ebenso das. V. 25 וְאָמַרְתִּי לְלֹא־עַמִּי עַמִּי אַתָּה וְהוּא יֹאמַר אֱלֹקָי. Das ist der angeblich „national und confessionell beschränkte“ Blick, mit dem die Propheten des „alten Bundes“ das Verhältnis Israels zu den Brüdervölkern betrachtet — bei der andauernden Verkennung und Verdächtigung dieses „Alten Bundes“ konnten wir angesichts dieser herrlichen Sätze diese Bemerkung nicht unterdrücken. Doch dies nur in Parenthese. —
Diese Vereinigung Israels und der Gesamtmenschheit in gotthuldigender Unterstellung ihres gesamten Lebens unter das Pflichtgebot seines Willens, das menschheitpriesterliche Israel gestellt unter das sein gesamtes Leben in allen seinen Äußerungen priesterlich gestaltende Gesetz der Thora und die Gesamtmenschheit unter die allgemeinen menschlichen Pflichten, die von derselben Thora als für alle Menschen verbindlich gelehrt werden, beide in gleicher Würdigkeit und Vollendung, als עַם ה', als Gottesvolk weihevoll bezeichnet — das ist der herrliche Ausblick auf das Morgenrot am Nachthimmel der Menschheit, mit dem dieses Kapitel schließt.