Zacharjah 1 זכריה

Buch: Kapitel: Vers:
Übersetzung:
Einleitung von Julius Jehuda Hirsch

Secharja

1. Die Person und die Zeit des Propheten. Secharja war ein Zeitgenosse Chaggais, ihre prophetische Beauftragung fiel in dasselbe Jahr, diejenige Secharjas erfolgte zwei Monate später als die Chaggais, im zweiten Jahre des Königs Darjawesch. Nach Neh. 12, 4. 7 war sein Großvater Iddo das Haupt eines der mit Serubabel aus Babel zurückgekehrten Priesterhäuser, derselbe war nach Esra 5, 1 gleichfalls Prophet. Es heißt nämlich dort: Es prophezeite der Prophet Chaggai und: וּזְכַרְיָה בַּר־עִדּוֹא נְבִיאַיָּא, Secharja des Sohn Iddos, die Propheten, der Plural kann sich nur auf Secharja und Iddo beziehen, denn Chaggai war schon zuvor als Prophet charakterisiert. Daraus erklärt sich denn auch, daß er, als dem Großvater geistig nahestehend, Esra 5, 1 und 6, 14 als dessen Sohn bezeichnet wird. Damit stimmt auch überein, daß hier 1, 1 nach dem Accente das Wort הַנָּבִיא sich auf Iddo bezieht: Secharja war der Sohn Berechjas und dieser der Sohn des Propheten Iddo. Wenn Secharja Neh. 12, 16 auch als Nachfolger seines Großvaters als Familienhaupt angeführt wird, so wird daraus wohl mit Recht geschlossen, daß sein Vater Berechja damals bereits gestorben war. — Von seiner Person ist außer seinem Buche nichts bekannt, und über seine Zeit verweisen wir auf das bei dem Propheten Chaggai Bemerkte.

2. Das Buch Secharja. Eine Eigentümlichkeit tritt uns sofort in den ersten Kapiteln dieses Buches entgegen: die Fülle der Gesichte, daß dem Propheten nämlich die mitzuteilenden Gedanken zunächst in Bildern gezeigt werden, und zwar bedarf es eines vermittelnden Engels, מַלְאָךְ הַדֹּבֵר בִּי, ihm diese Gesichte zum Verständnis zu bringen. Wenn man darin eine Abnahme der prophetischen Kraft finden möchte, so ist dem gegenüber daran zu erinnern, daß auch anderen Propheten, wie z. B. Amos (7, 1. 8, 1), Jeremias (1, 11 u. f.), hin und wieder das Mitzuteilende zuerst in einem Bilde gezeigt und dann dessen Deutung ausgesprochen wurde, und daß ferner diese Form der Mitteilung bei Secharja nur in den Anfang seiner Sendung fällt. Bei der sich dadurch von selbst ergebenden Gliederung seines Buches bilden die ersten sechs Kapitel den ersten Teil, der durch ein direktes, nicht durch Bild vermitteltes Gotteswort eingeleitet wird. Dieses erging an ihn im achten Monat des zweiten Regierungsjahres des Darjawesch, während die Reihe der Gesichte ungefähr drei Monate später, im elften Monate desselben Jahres, am 24. des Monats, erfolgte oder begann. Sie bilden nämlich unzweifelhaft ein großes Ganzes, es ist aber durchaus nicht notwendig, wenigstens ergiebt es sich durchaus nicht mit Bestimmtheit, daß sie eine zeitlich continuierliche Reihe gebildet hätten. An sie schließt sich 6, 9 die Beauftragung mit einer symbolischen Handlung an, deren Deutung sofort ausgesprochen wird. Den Inhalt dieses ersten Teiles bilden einerseits Ermahnungen, Belehrungen und Aufschlüsse über die Gegenwart des Propheten, also die Wiedererbauung des Tempels und die mit ihr anhebende Zeit, anderseits Ausblicke auf die ferne Heileszukunft und auf die durch alle weltgeschichtlichen Stürme und Umwälzungen Israel und die Menschheit zu ihr führenden Wege.

Den zweiten Teil bilden die Kapitel 7 und 8, die gleichfalls ein einheitliches Ganzes bilden und schon durch die Zeitangabe am Anfang des 7. Kapitels von den vorhergehenden und durch ihren Inhalt von den nachfolgenden Kapiteln getrennt sind. Dieser Teil bezieht sich hauptsächlich auf die damalige Zeit mit Durch- und Ausblicken auf die ferne Zukunft. — Die Erziehung der Völker und Israels zu dieser Zukunft bildet den Inhalt der letzten sechs Kapitel, die den dritten Teil Buches ausmachen. — Aus der Fülle der Einzelheiten heben wir zur allgemeinen Orientierung nur einiges hervor.

Kap. 1. Zuerst, im Augenblicke des Wiederaufbaues des Tempels, Warnung vor einem Rückfall in die Sünden der Väter, die die Bedeutung des Tempels und des Opferdienstes verkannt hatten (V. 1—6). Sodann das erste Gesicht: die Rosse und ihr Lenker, der seinen Stand hat bei den „Myrten in der schattigen Meerestiefe“, Erklärung des Gesichtes, trostreiche Worte der Verheißung für die Gegenwart und für die ferne Zukunft (V.8—17).

Kap. 2. „Die vier Hörner“ und „die vier Meister“ und ihre Deutung (V. 1—4). „Der Mann mit der Meßschnur“. Verheißungen für die unmittelbar bevorstehende und für die ferne Zukunft (V. 5—11). Warnung der Völker vor Vergewaltigung Israels (V. 12—13). Verkündigung des Anbruches des Gottesreiches (V. 14—17).

Kap. 3. Der Hohepriester Josua, seine Aufgabe und die Bedingung ihres Gelingens. Weitreichende Bedeutung des zweiten Tempels, die Bedeutsamkeit seiner Grundsteinlegung und die Verheißung der Vollendung.

Kap. 4. Der Leuchter des Heiligtums, der alle Bedingungen des Leuchtens selbst erzeugt und trägt —: ein an Serubabel gerichtetes Gotteswort (V. 1—7). Weitere Erklärung der Olivenzweige auf dem Leuchter (V. 11—14).

Kap. 5. Das Gesicht von der „fliegenden Buchrolle“ (V. 1—4), von dem das Auge vertretenden Epha, von der Frau im Epha (V. 5—11).

Kap. 6. Das Gesicht von den vier Wagen mit roten, schwarzen, weißen und scheckigen Gespannen (V. 1—8). Die Anfertigung der Krone und ihre Bestimmung (V. 9—15).

Kap. 7 und 8 behandeln die Frage, ob die Gedenktage der nationalen Katastrophen mit der Wiedererbauung des Tempels ihre Bedeutung verloren haben.

1
בַּחֹ֙דֶשׁ֙ הַשְּׁמִינִ֔י בִּשְׁנַ֥ת שְׁתַּ֖יִם לְדָרְיָ֑וֶשׁ הָיָ֣ה דְבַר־יְהֹוָ֗ה אֶל־זְכַרְיָה֙ בֶּן־בֶּ֣רֶכְיָ֔ה בֶּן־עִדּ֥וֹ הַנָּבִ֖יא לֵאמֹֽר׃
ZunzIm achten Monat, im zweiten Jahre des Darjawesch, erging das Wort des Ewigen an Secharjah, Sohn Berechjah, Sohnes Iddo, den Propheten, also:
J. J. HirschIm achten Monat, im zweiten Jahre des Darjawesch, erging das Wort Gottes an Secharja, den Sohn Berechjas, des Sohnes des Propheten Iddo:
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 1. V. 1. Siehe Einleitung.

2
קָצַ֧ף יְהֹוָ֛ה עַל־אֲבֽוֹתֵיכֶ֖ם קָֽצֶף׃
ZunzGezürnt hat der Ewige über eure Väter.
J. J. HirschSchwer gezürnt hat Gott über eure Väter!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 2—6. Spärliche Volkstrümmer des einst mächtigen Israel waren auf heimischem Boden wieder versammelt. In Trümmern lag auch noch das Gottesheiligtum, seinen Wiederaufbau hatten seine mutlosen Söhne bis vor Kurzem noch in ferne Zukunft, bis auf „bessere Zeiten“ vertagt! Da, vor nunmehr zwei Monden, hatten Chaggais strafende und mahnende Worte sie aus ihrer Stumpfheit und Mutlosigkeit aufgerüttelt, die ersten Schritte zur Wiedererrichtung waren im Vollzuge, und von freudiger Begeisterung ergriffen vollbrachten sie Werk „an dem Hause Gottes der Schöpfungsscharen, ihres Gottes.“ Das war der Augenblick, in dem Secharja nun gesandt wurde, um den Sinn seiner Brüder auf die Zeiten zu lenken, die der Zerstörung des Tempels vorangegangen waren, und auf die Ursachen, die diese Zerstörung herbeigeführt hatten. „Schwer gezürnt hatte Gott über eure Väter!“ — und der heidnische Wahn, in dem sie vermeinten, Tempel und Opfer könnten diesen Zorn entwaffnen und sie schützen, auch ohne daß sie „von ihrem schlechten Wandel und ihren schlechten Thaten zurückkehrten“ — hatte gerade die Zerstörung des Tempels zur Notwendigkeit gemacht. Vor dieser Verkennung der Bedeutung des Tempels und der Opfer, vor einem Rückfall in die Verblendung ihrer Väter sollten Israels Söhne gerade in diesem Augenblicke der Begeisterung für den Bau gewarnt werden. Sie sollten daran erinnert werden, daß es nur einen Weg zur Wiedergewinnung und Bewahrung der beglückenden Gottesnähe gebe: „Kehret zu mir zurück! — also laute stets der Ruf Gottes, נְאֻם ד' צ' — so werde ich zu euch zurückkehren, hat Gott verheißen, אָמַר ד' צ'.“ — Sie sollten davor gewarnt werden, das Beispiel ihrer Väter nachzuahmen, zu denen umsonst die heimgegangenen Propheten mit demselben Aufrufe zur Rückkehr gesandt worden waren; die Väter aber hatten diesem Rufe nicht Folge geleistet, לֹא שָׁמְעוּ, ja gar nicht darauf hin gehört, לֹא הִקְשִׁיבוּ אֵלַי! „Eure Väter — wo sind sie?“ — ihr Untergang war die Folge ihrer Verstocktheit und ihrer Stumpfheit. „Und werden denn die Propheten ewig leben?“ Glaubet nicht, daß Gott in alle Zukunft euch durch Propheten mahnen lassen wird. In dem Gottesworte, das in der Thora niedergelegt ist, und in den Worten der Propheten, die Gott bis jetzt an euch gesandt hat, und die nichts sind, als die Beurteilung ihrer Zeit in dem Lichte der Thora, sowie in dem Geschicke, das sich an euren Vätern erfüllt hat, ist der Schlüssel gegeben zur Erkenntnis und Beurteilung einer jeden Zeit. Es bedarf ferner keines Prophetenwortes. Mit dem Gesetzesworte habt ihr den Maßstab in Händen, mit dem ihr euch, mit dem ihr eine jede Zeit messen und danach euer und ihr Geschick erkennen könnet. Haben nicht דְבָרַי, meine durch die Propheten an euch gesandten Worte, und חֻקַּי, meine Gesetze — das gesamte Gottesgesetz wird in seiner Unabänderlichkeit unter diesem Namen zusammengefaßt — sich in dem Geschicke eurer Väter bewahrheitet? Das beschränkende אַךְ, mit dem diese rhetorische Frage eingeleitet wird, bezieht sich auf den unmittelbar zuvor ausgesprochenen Gedanken. Propheten habt ihr auf eurem Wege bis zum Ziele fortan nicht zu erwarten, sie, meine Boten, leben nicht ewig, — jedoch ewig leben und bleiben bei euch meine Worte und meine Gesetze, die ich euch durch sie geboten. „Sind sie nicht bereits an euren Vätern in Erfüllung gegangen??“ —

Soweit das erste Wort des Propheten an sein Volk. Mächtig ergriff es die Gemüter, willig leisteten sie dem Aufrufe zur Rückkehr Folge und bekundeten in ihrer Antwort, wie tief sie seine Worte verstanden hatten. Sie begriffen sich und ihre Gegenwart in innigem Zusammenhange mit der Vergangenheit, sie identificierten sich mit ihren Vätern, dieselbe Hand, die sie in deren Geschicke waltend geschaut hatten, erblickten sie auch als Gestalterin und Lenkerin des eigenen Geschickes, sie sagten nicht: wie Gott längst geplant hatte unseren Vätern zu thun, also hat er ihnen gethan, sondern: „wie er geplant hatte uns zu thun, nach unseren Wegen und nach unseren Thaten, also hat er uns gethan.“ Sie begriffen mit diesen Worten sich als ein Glied in der großen Reihe der Geschlechter Israels, die damit von der frühesten Vergangenheit bis in die fernste Zukunft als eine organische Einheit begriffen werden.

3
וְאָמַרְתָּ֣ אֲלֵהֶ֗ם כֹּ֤ה אָמַר֙ יְהֹוָ֣ה צְבָא֔וֹת שׁ֣וּבוּ אֵלַ֔י נְאֻ֖ם יְהֹוָ֣ה צְבָא֑וֹת וְאָשׁ֣וּב אֲלֵיכֶ֔ם אָמַ֖ר יְהֹוָ֥ה צְבָאֽוֹת׃
ZunzUnd nun sprich zu ihnen: Also spricht der Ewige der Heerschaaren: Kehret um zu mir, ist der Spruch des Ewigen der Heerschaaren, so werde ich umkehren zu euch, spricht der Ewige der Heerschaaren.
J. J. HirschUnd sage ihnen: So hat Gott der Schöpfungsscharen gesprochen: Kehret zu mir zurück, ist der Spruch Gottes der Schöpfungsscharen, so werde ich zu euch zurückkehren — hat Gott der Schöpfungsscharen gesprochen.
4
אַל־תִּהְי֣וּ כַאֲבֹֽתֵיכֶ֡ם אֲשֶׁ֣ר קָרְאֽוּ־אֲלֵיהֶם֩ הַנְּבִיאִ֨ים הָרִֽאשֹׁנִ֜ים לֵאמֹ֗ר כֹּ֤ה אָמַר֙ יְהֹוָ֣ה צְבָא֔וֹת שׁ֤וּבוּ נָא֙ מִדַּרְכֵיכֶ֣ם הָרָעִ֔ים (ומעליליכם) [וּמַֽעַלְלֵיכֶ֖ם] הָֽרָעִ֑ים וְלֹ֥א שָׁמְע֛וּ וְלֹֽא־הִקְשִׁ֥יבוּ אֵלַ֖י נְאֻם־יְהֹוָֽה׃
ZunzSeid nicht, wie eure Väter, denen die frühern Propheten zugerufen, also: So spricht der Ewige der Heerschaaren: Kehret doch um von eurem bösen Wandel und euren bösen Handlungen! Aber sie hörten nicht und merkten nicht auf mich, ist der Spruch des Ewigen.
J. J. HirschSeid nicht wie eure Väter, denen die früheren Propheten zuriefen: So hat Gott der Schöpfungsscharen gesprochen: „Kehret doch zurück von euren schlechten Wegen und euren schlechten Thaten!“ sie aber gehorchten nicht und hörten gar nicht auf mich hin! — ist der Spruch Gottes.
5
אֲבֽוֹתֵיכֶ֖ם אַיֵּה־הֵ֑ם וְהַ֨נְּבִאִ֔ים הַלְעוֹלָ֖ם יִֽחְיֽוּ׃
ZunzEure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, können sie ewig leben?
J. J. HirschEure Väter — wo sind sie? Und die Propheten — werden sie ewig leben?
6
אַ֣ךְ ׀ דְּבָרַ֣י וְחֻקַּ֗י אֲשֶׁ֤ר צִוִּ֙יתִי֙ אֶת־עֲבָדַ֣י הַנְּבִיאִ֔ים הֲל֥וֹא הִשִּׂ֖יגוּ אֲבֹתֵיכֶ֑ם וַיָּשׁ֣וּבוּ וַיֹּאמְר֗וּ כַּאֲשֶׁ֨ר זָמַ֜ם יְהֹוָ֤ה צְבָאוֹת֙ לַעֲשׂ֣וֹת לָ֔נוּ כִּדְרָכֵ֙ינוּ֙ וּכְמַ֣עֲלָלֵ֔ינוּ כֵּ֖ן עָשָׂ֥ה אִתָּֽנוּ׃ {פ}
ZunzDoch meine Worte und meine Beschlüsse die ich entboten durch meine Knechte, die Propheten, haben sie nicht eure Väter betroffen? Da gingen sie in sich und sprachen: So wie der Ewige der Heerschaaren gesonnen war, uns zu thun nach unserm Wandel und unsern Handlungen, so that er an uns.
J. J. HirschJedoch meine Worte und meine Gesetze, die ich meinen Dienern, den Propheten, befohlen — haben sie nicht eure Väter erreicht? — Da kehrten sie um und sagten: So wie Gott der Schöpfungsscharen geplant hatte uns zu thun, nach unserem Wandel und nach unseren Thaten, also hat er an uns gethan.
7
בְּיוֹם֩ עֶשְׂרִ֨ים וְאַרְבָּעָ֜ה לְעַשְׁתֵּֽי־עָשָׂ֥ר חֹ֙דֶשׁ֙ הוּא־חֹ֣דֶשׁ שְׁבָ֔ט בִּשְׁנַ֥ת שְׁתַּ֖יִם לְדָרְיָ֑וֶשׁ הָיָ֣ה דְבַר־יְהֹוָ֗ה אֶל־זְכַרְיָה֙ בֶּן־בֶּ֣רֶכְיָ֔הוּ בֶּן־עִדּ֥וֹא הַנָּבִ֖יא לֵאמֹֽר׃
ZunzAm vier und zwanzigsten Tage des eilften Monats, das ist der Monat Schebat, im zweiten Jahre des Darjawesch, erging das Wort des Ewigen an Secharjah, Sohn Berechjahu, Sohnes Iddo, den Propheten, also:
J. J. HirschAm vierundzwanzigsten Tage des elften Monats, das ist der Monat Schebat, im zweiten Jahre des Darjawesch, erging das Wort Gottes an Secharja, den Sohn Berechjahus, des Sohnes des Propheten Iddo:
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 7—11. Ungefähr drei Monate später erging an den Propheten wiederum das Wort Gottes“. Jetzt jedoch nicht unvermittelt im Worte, sondern zunächst durch Vermittelung eines Bildes, eines Gesichtes, das ihm gezeigt wurde. Er schaute, es war Nacht. Er sieht einen Mann als Lenker eines roten Rosses; hinter ihm, also ihm folgend, eine Mehrheit von roten, scheckigen und weißen Rossen. Er selbst aber hat seinen Standpunkt oder er hält zwischen „den Myrten, die in der schattigen Meerestiefe“ sich befinden. Dem Propheten entzieht sich zunächst das Verständnis des Geschauten. Auf seine Frage nach dessen Bedeutung wird ihm von dem vermittelnden Engel die Erklärung verheißen. Da antwortet ihm der Lenker der Rosse, der zwischen den Myrten hielt und der V. 11 als מַלְאַךְ ה' הָעֹמֵד בֵּין הַהֲדַסִּים bezeichnet wird: „diese Rosse sind die Gott entsandt hat sich auf der Erde selbständig — das liegt im Hithpael — zu ergehen“. — Das Pferd ist stets im biblischen Ausdruck das Tier des Krieges, im Gegensatze zu חֲמוֹר, dem starken und geduldigen Lasttier und als Reittier Vermittler des friedlichen Verkehrs. Siehe unten zu 9, 9. Das Rot ist stets das Bild für die Lebenskraft und hier bei dem Rosse kennzeichnet es den kriegerischen Mut und das Feuer. Weiß ist die Farbe der Reinheit, der Unschuld, und שְׂרֻקִּים von שרק verw. mit שרג, flechten, vielleicht gestreift oder scheckig, entweder auf roter Grundfarbe weiße Stellen oder auf weißer Grundfarbe rote. Da die Aufzählung von den ganz roten Rossen zu den ganz weißen fortschreitet, so sind wohl mit den שְׂרֻקִּים rote Rosse mit weißen Streifen oder Stellen bezeichnet. Wie aus der V. 10 gegebenen Deutung hervorgeht, sind die Rosse das Bild der auf Erden in Selbstherrlichkeit sich ergehenden, d. i. ihre Kraft entfaltenden mächtigen Völker. Vergl. Kap. 6. Ihr Wesen ist identisch: es sind Rosse, kriegerische Tapferkeit gilt ihnen allen als höchste Tugend, Krieg ist ihr Element, Eroberung, Erringung kriegerischen Lorbeers ist ihrer aller Wünsche höchstes Ziel. In ihrer Erscheinung freilich sind sie verschieden. Die einen sind lediglich erobernde Völker und keine Pflege geistiger Güter findet bei ihnen eine Stätte; bei den anderen finden auch diese wenigstens einige Schätzung, bei manchen tritt diese Pflege sogar in den Vordergrund, und sie glänzen in der Förderung von Wissenschaft und Kunst. In Wirklichkeit aber sind die einen wie die anderen: „Rosse“, die „Weißen“ wie die „Roten“, denn auch die Fortschritte der Erkenntnis, die Errungenschaften der Wissenschaft werden in den Dienst der kriegerischen Ertüchtigung gestellt und erhalten durch diese Stellung ihre Wertung. Diese „Rosse“ ergehen sich scheinbar „selbständig“, diese Selbständigkeit aber ist von „Gott zugelassen“, אֵלֶּה אֲשֶׁר שָׁלַח ה' לְהִתְהַלֵּךְ בָּאָרֶץ, wie es seinem Plane paßt. In Wirklichkeit dienen sie unbewußt diesem Plane und werden von seinem „Boten“ gelenkt, sie befinden sich „hinter ihm“, also: dem „Manne, der das rote Roß lenkt“, folgen die anderen roten, sowie die scheckigen und weißen Rosse. Dieser lenkende Gottesbote aber hat seinen Stand „zwischen den Myrten, die in der schattigen Tiefe.“ Die Bedeutung der Myrte im biblischen Sprachgebrauche ist uns von dem Feststrauße her bekannt. Es ist die anmutig-schöne, eine reiche Fülle ätherischer Säfte in sich bergende, sie jedoch nicht zur Frucht für den Menschen zeitigende Pflanze. Diese Myrten werden hier in dunkler Meerestiefe verharrend geschaut, alle Wogen und Meeresstrudel branden über sie hin und vermögen sie nicht zu entwurzeln. Es ist das Galuth-Bild Israels, das hier gezeichnet ist, des menschheitpriesterlichen Trägers des Gotteswortes, dessen Erkenntnis und Verwirklichung das Ziel aller Gänge der Geschichte, aller Menschheitserziehung bildet. Alle weltgeschichtlichen Ereignisse, alle Geschicke, die an den scheinbar selbstherrlichen Weltmächten sich vollziehen, auch alles was sie ihren Trieben folgend vollbringen, alles fördert die endliche Erreichung dieses Ziels: der Lenker des roten Rosses und aller ihm folgenden roten, scheckigen und weißen Rosse hat seinen Stand inmitten der Myrten, die in der schattigen Meerestiefe unentwurzelt verharren. Jene aber haben keine Ahnung von dieser höheren Leitung, auch keine Ahnung von dem Gegensatze, in welchem sie sich zu deren höchsten Zielen befinden. Sie antworten dem Lenker: die ganze Erde weilet im tiefsten Frieden, fühlt sich sicher. Wir vernehmen hier die so naive wie typische Erklärung des Eroberers, der allen Widerstand niedergeschlagen hat und von seinem Standpunkte aus nun findet, daß alles in schönster Ordnung sei — die älteste Meldung: l'ordre règne à Varsovie.

8
רָאִ֣יתִי ׀ הַלַּ֗יְלָה וְהִנֵּה־אִישׁ֙ רֹכֵב֙ עַל־ס֣וּס אָדֹ֔ם וְה֣וּא עֹמֵ֔ד בֵּ֥ין הַהֲדַסִּ֖ים אֲשֶׁ֣ר בַּמְּצֻלָ֑ה וְאַחֲרָיו֙ סוּסִ֣ים אֲדֻמִּ֔ים שְׂרֻקִּ֖ים וּלְבָנִֽים׃
ZunzIch habe diese Nacht gesehen, und siehe, ein Mann, reitend auf rothem Rosse, der hielt zwischen den Myrten, die im Grunde sind, und hinter ihm Rosse, rothe, falbe und weiße.
J. J. HirschIch sah — es war Nacht, und siehe da ein Mann, reitend auf einem roten Rosse! und er hat seinen Stand zwischen den Myrten, die in der schattigen Tiefe, und hinter ihm rote Rosse, scheckige und weiße.
9
וָאֹמַ֖ר מָה־אֵ֣לֶּה אֲדֹנִ֑י וַיֹּ֣אמֶר אֵלַ֗י הַמַּלְאָךְ֙ הַדֹּבֵ֣ר בִּ֔י אֲנִ֥י אַרְאֶ֖ךָּ מָה־הֵ֥מָּה אֵֽלֶּה׃
ZunzUnd ich sprach: Was sind diese, mein Herr? Und der Engel, der mit mir redete, sprach zu mir: Ich werde dich sehen lassen, was diese sind.
J. J. HirschDa sprach ich: Was sind diese mein Herr? — Da sprach der Engel, der mit mir redete, zu mir: Ich will dir zeigen was diese sind.
10
וַיַּ֗עַן הָאִ֛ישׁ הָעֹמֵ֥ד בֵּין־הַהֲדַסִּ֖ים וַיֹּאמַ֑ר אֵ֚לֶּה אֲשֶׁ֣ר שָׁלַ֣ח יְהֹוָ֔ה לְהִתְהַלֵּ֖ךְ בָּאָֽרֶץ׃
ZunzDa rief der Mann, der zwischen den Myrten hielt, und sprach: Diese sind es, die der Ewige gesandt hat, zu durchwandeln die Erde.
J. J. HirschDa antwortete der Mann, der zwischen den Myrten seinen Stand hatte und sprach: Diese sind die Gott gesandt hat, sich auf der Erde zu ergehen.
11
וַֽיַּעֲנ֞וּ אֶת־מַלְאַ֣ךְ יְהֹוָ֗ה הָֽעֹמֵד֙ בֵּ֣ין הַהֲדַסִּ֔ים וַיֹּאמְר֖וּ הִתְהַלַּ֣כְנוּ בָאָ֑רֶץ וְהִנֵּ֥ה כׇל־הָאָ֖רֶץ יֹשֶׁ֥בֶת וְשֹׁקָֽטֶת׃
ZunzUnd sie riefen dem Engel des Ewigen zu, der zwischen den Myrten hielt, und sprachen: Wir haben die Erde durchwandelt, und siehe, die ganze Erde wohnt ruhig.
J. J. HirschDa antworteten sie dem Engel Gottes, der zwischen den Myrten seinen Stand hatte, und sprachen: Wir haben uns auf der Erde ergangen, und siehe die ganze Erde ist bewohnt und ruhig.
12
וַיַּ֣עַן מַלְאַךְ־יְהֹוָה֮ וַיֹּאמַר֒ יְהֹוָ֣ה צְבָא֔וֹת עַד־מָתַ֗י אַתָּה֙ לֹֽא־תְרַחֵ֣ם אֶת־יְרוּשָׁלַ֔͏ִם וְאֵ֖ת עָרֵ֣י יְהוּדָ֑ה אֲשֶׁ֣ר זָעַ֔מְתָּה זֶ֖ה שִׁבְעִ֥ים שָׁנָֽה׃
ZunzDa rief der Engel des Ewigen und sprach: Ewiger der Heerschaaren, wie lange noch willst du dich nicht erbarmen Jeruschalajim's und der Städte Jehudah's, denen du schon siebenzig Jahre grollst?
J. J. HirschDa antwortete der Engel Gottes und sprach: Gott der Schöpfungsscharen! wie lange wirst du dich Jeruschalajims und der Städte Judas nicht erbarmen, gegen die du nun siebzig Jahre gezürnt hast?
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 12—17. Nicht dies war die Anschauung des Gottesboten, der seinen Stand hatte nicht bei den „Rossen“, sondern inmitten der „Myrten“. Er richtet an Gott die Frage, warum sich Gott denn Zions und Jerusalems nicht erbarme, die für die Dauer des babylonischen Exiles bestimmte Frist sei ja bereits abgelaufen — Da wurden ihm von Gott „gute, tröstende Worte“. Den Inhalt dieser Worte erfahren wir aus dem Auftrage, der V. 14 dem Propheten von dem vermittelnden Engel erteilt wurde. Also habe er im Namen Gottes der Schöpfungsscharen zu verkünden: Gott habe bereits für Jeruschalajim und Zion mit gewaltigem Eifer geeifert. Die gegenwärtigen Zustände, trotz der Bescheidenheit der Verhältnisse, seien dennoch bereits das Ergebnis des mächtigen Eingreifens Gottes in den Gang der Ereignisse, wie dies Kap. 3, 8 f. näher ausgeführt wird. Siehe daf. Und doch sei dies nur erst ein Anfang. Der Gegensatz seiner zeitweiligen Schwäche zu dem Glanze der machtstolzen Völker möge Israel nicht entmutigen; dieselben ständen bereits wegen des Eifers, mit dem sie den göttlichen Zorn über Israel zu dessen Vergewaltigung mißbraucht hätten, unter schwerem Zorne Gottes. Bereits jetzt (V. 16) werde es sich in dem Gelingen der Wiedererrichtung des Gottestempels zeigen, daß Gott in Erbarmen sich Jerusalem wieder zugewandt habe, wörtlich: nach Jerusalem zurückgekehrt sei, und: „die Meßschnur wird wieder ausgespannt werden über Jerusalem“, d. h. es werde innerhalb bestimmter Gränzen wieder aufgebaut werden. Sofort aber erfolgt V. 17 eine zweite Verheißung, in der eine einstige, durch keine Schranken gehemmte, Ausdehnung der vor Fülle des Guten sich weitenden jüdischen Städte, „meiner Städte“, verkündet wird und eine dauernde Tröstung Zions und dauernde Erwählung Jerusalems. Implicite war damit die zeitliche Beschränkung der Dauer des nunmehr zu errichtenden Hauses und des wiederzugründenden jüdischen Gemeinwesens auf dem Boden der Heimat ausgesprochen. Immerhin aber hing es ja von der energischen sittlichen Initiative des Volkes ab, durch treue Verwirklichung des Gottesgesetzes den zweiten Tempel schon zu dem dauernden zu machen und der erstehenden staatlichen Neugründung ewige Dauer zu verleihen, so daß mit ihnen also der Anfang des Gottesreiches auf Erden bereits gegeben wäre. Wohl war dem Auge des Propheten enthüllt, daß die Wirklichkeit eine trübere sein werde, aber, wie wir dies schon oben ausgeführt haben, die Möglichkeit sollte nicht abgeschnitten, und vor allem durch eine bestimmte Verkündigung der zeitlichen Beschränkung des jetzt Begonnenen und des auch ihm einst drohenden Unterganges sollte das Volk nicht entmutigt werden. Für die Zukunft aber winkt unter allen Umständen das gesicherte lichte Heilesziel. — Vergl. dieselbe Doppelverkündigung in dem Gesichte 2, 5 ff. und in den Versen 10 und 11 daf.

13
וַיַּ֣עַן יְהֹוָ֗ה אֶת־הַמַּלְאָ֛ךְ הַדֹּבֵ֥ר בִּ֖י דְּבָרִ֣ים טוֹבִ֑ים דְּבָרִ֖ים נִחֻמִֽים׃
ZunzDa antwortete der Ewige dem Engel, der mit mir redete, gütige Worte, tröstliche Worte.
J. J. HirschDa antwortete Gott dem Engel, der mit mir redete, gute Worte, tröstreiche Worte.
14
וַיֹּ֣אמֶר אֵלַ֗י הַמַּלְאָךְ֙ הַדֹּבֵ֣ר בִּ֔י קְרָ֣א לֵאמֹ֔ר כֹּ֥ה אָמַ֖ר יְהֹוָ֣ה צְבָא֑וֹת קִנֵּ֧אתִי לִירוּשָׁלַ֛͏ִם וּלְצִיּ֖וֹן קִנְאָ֥ה גְדוֹלָֽה׃
ZunzUnd der Engel, der mit mir redete, sprach zu mir: Rufe aus und sprich: Also spricht der Ewige der Heerschaaren: Ich eifere für Jeruschalajim und für Zijon in großem Eifer.
J. J. HirschDa sprach der Engel, der mit mir redete, zu mir: Verkünde und sprich: So hat Gott der Schöpfungsscharen gesprochen: Geeifert habe ich für Jeruschalajim und für Zion mit großem Eifer.
15
וְקֶ֤צֶף גָּדוֹל֙ אֲנִ֣י קֹצֵ֔ף עַל־הַגּוֹיִ֖ם הַשַּֽׁאֲנַנִּ֑ים אֲשֶׁ֤ר אֲנִי֙ קָצַ֣פְתִּי מְּעָ֔ט וְהֵ֖מָּה עָזְר֥וּ לְרָעָֽה׃
ZunzUnd in großem Zorn zürne ich über die sorglosen Völker, der ich wenig gezürnt, aber sie halfen dem Unheil nach.
J. J. HirschAber mit großem Zorne zürne ich wider die übermütigen Völker, die, während ich wenig zürnte, ihrerseits zum Bösen halfen.
16
לָכֵ֞ן כֹּֽה־אָמַ֣ר יְהֹוָ֗ה שַׁ֤בְתִּי לִירוּשָׁלַ֙͏ִם֙ בְּֽרַחֲמִ֔ים בֵּיתִי֙ יִבָּ֣נֶה בָּ֔הּ נְאֻ֖ם יְהֹוָ֣ה צְבָא֑וֹת (וקוה) [וְקָ֥ו] יִנָּטֶ֖ה עַל־יְרוּשָׁלָֽ͏ִם׃
ZunzDarum, so spricht der Ewige: Ich kehre heim nach Jeruschalajim in Liebe, mein Haus wird darin aufgebaut, ist der Spruch des Ewigen der Heerschaaren, und die Schnur wird über Jeruschalajim gespannt.
J. J. HirschDeshalb hat also Gott gesprochen: Zurückgekehrt bin ich nach Jeruschalajim in Erbarmen, mein Haus wird in ihr erbaut werden, spricht Gott der Schöpfungsscharen, und die Meßschnur ausgespannt über Jeruschalajim!
17
ע֣וֹד ׀ קְרָ֣א לֵאמֹ֗ר כֹּ֤ה אָמַר֙ יְהֹוָ֣ה צְבָא֔וֹת ע֛וֹד תְּפוּצֶ֥נָה עָרַ֖י מִטּ֑וֹב וְנִחַ֨ם יְהֹוָ֥ה עוֹד֙ אֶת־צִיּ֔וֹן וּבָחַ֥ר ע֖וֹד בִּירוּשָׁלָֽ͏ִם׃ {פ}
ZunzFerner rufe aus und sprich: So spricht der Ewige der Heerschaaren: Wiederum überströmen meine Städte von Gutem, und wiederum tröstet der Ewige Zijon, und wiederum hat er Wohlgefallen an Jeruschalajim.
J. J. HirschFerner aber verkünde also: So hat Gott der Schöpfungsscharen gesprochen: Noch werden meine Städte sich weit ausdehnen vor Gutem und Gott wird dauernd Zion trösten und dauernd Jeruschalajim erwählen.