Tehillim 99 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 99 ist eine Fortsetzung des vorigen. Wenn in Ps. 98 gesagt war, daß in den Gottesverehrungen der Menschen nicht nur Das hervortreten solle, was wir von Gott erhoffen, vielmehr unser Sinn vor Allem darauf zu richten sei, was Gott von uns erwartet, so gilt diesen Anforderungen Gottes an die Völkergesammtheit auf Erden vorzugsweise dieser Psalm. Ueber den Inhalt dieser Anforderungen kann Niemand im Zweifel sein; das längst unter Cherubimfittigen ruhende Gesetz, wählt Gott auch für die neue Zukunft der Menschheit zu seinem Thron. Gott huldigen, heißt, diesem seinem Gesetze huldigen, und die socialen Gesetze des Rechts, der Pflicht und der Menschenwürdigkeit, die Gott in dem bisher verachteten Jaakobvolke verwirklicht zur Anschauung brachte, sie sollen künftiges Gemeingut aller Menschen werden, die daher wiederholt aufgefordert werden, Gott nicht nur als den über Alles hoch Erhabenen, sondern als den „Heiligen" zu erkennen und anzuerkennen, der daher nur in Heiligung des Einzelund Gesammtlebens der Menschen die wirkliche Gottesverehrung erkennt, und dem Menschen und Völker nur mit einem heiligen, d. i. sittlich reinen Pflichtstreben nahen dürfen.
V. 1. ד' מלך. Das Bewußtsein, daß Gott ein Herrscher ist, macht die Völker zittern, indem vor Ihm alle andere Macht und Hoheit schwindet. Das Bewußtsein aber, daß Gott auf den, über das „Gesetz" gebreiteten Cherubimfittigen thront, das hebt die Erde aus ihren Angeln; denn an dem Maßstab dieses Gesetzes gemessen, hat nichts Bestehendes Berechtigung, fort zu bestehen. נוט, das verstärkte נוד, wanken, weichen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. ד' בציון וגו', גדול und רם bezeichnen nicht dasselbe. „Groß" ist das Weitreichende, „hoch" das über Anderes Erhabene. In Zion ist Gottes Größe bekundet, indem nichts Kleinstes noch Größtes im Einzelund Gesammtleben ist, das nicht von Gott sein Gepräge und seine Gestaltung hat. Dieser Gott, dessen Größe bis jetzt in Zion bekundet ist, steht nun in seiner Hoheit über allen Völkern, die darum nun auch ihrerseits seinem Einzuge alle Verhältnisse ihres Einzelund Gesammtlebens zu öffnen haben (Vgl. Ps. 24, 7—9).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. יודו וגו'. Zu dem Begriff der Größe und Furchtbarkeit, von welchem sie auch wohl jetzt eine Ahnung gehabt haben, sollen sie nun den Begriff der „Heiligkeit," den Begriff der absoluten sittlichen Freiheit und Reinheit des Seins und Wollens fügen. Aus dieser קדושה, die nur in Gott in absoluter Wahrheit vorhanden ist, fließt die Fähigkeit und Verpflichtung der Menschen zum Anstreben der קדושה, aus Gottes Heiligkeit die Menschenheiligung (Siehe Pent. 3. B. M. 19, 2).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. ועוז וגו'. Gottes unwiderstehliche Herrschermacht liebt Rechtsordnung, liebt die Verwirklichung des Rechts. So furchtbar Er in seiner Hoheit und Unwiderstehlichkeit erscheint, so brauchen die Menschen doch nur dem Recht zu huldigen, das Recht zu verwirklichen und ihre Verhältnisse nach dem Rechte zu ordnen, um nicht nur seine unwiderstehliche Macht nicht zu einem zu fürchtenden Gegner, sondern sie zum Freunde zu haben. Seine unwiderstehliche Macht liebt das Recht und will Nichts als die Verwirklichung des Rechts, und nur der hat sie zu fürchten, der das Recht mit Füßen tritt (Vgl. Jes. 27, 4. 5). Und die Menschen können darüber nicht zweifelhaft sein, was Gott von ihnen fordert. אתה וגו' ,מישרים, Das, was nach Gottes Einsicht das ישר, das Seinem Willen und zugleich der geistig sittlichen Natur und Bestimmung des Menschen Entsprechende ist, davon hat Gott die Grundlinien in seinem, Israel überantworteten Gesetze gezeichnet, und hat in dem von den Völkern bis jetzt seiner Unscheinbarkeit und Machtlosigkeit willen verachteten, als „Jaakob," als das Galuthvolk unter ihnen lebenden Menschenstamm, ein von משפט und צדקה, von Rechtsachtung und Pflichtbewußtsein getragenes Leben also Gestalt gewinnen lassen, daß an diesem praktischen Beispiele die Menschen lernen können, was משפט וצדקה der göttlichen Anforderung bedeutet, und welche erhaltende, erhebende und beglückende Kraft einem solchen Leben innewohnt, selbst wo es unter von Druck und Hohn getränkten Galuthzuständen eines „Jaakob" zur Verwirklichung kommt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. רוממו וגו'. להדם רגליו, „Schemel seiner Füße," der irdische Punkt, auf welchem Er seine Waltungs=Gegenwart ruhen läßt, ist bildliche Umschreibung seines Gesetzesheiligthums. So (Klagel. 2, 1.) ולא זכר הדם רגליו ביום אפו. So ausdrücklich Chron. I. 28, 2. ויקם דוד וגו' ויאמר וגו' אני עם לבבי לבנות בית מנוחה לארון ברית ד' ולהדום רגלי אלקינו. Erkennen die Völker die Hoheit unseres Gottes an, so können sie diese Anerkennung nur durch gänzliche Hingebung an das in seinem Heiligthum ruhende Gesetz bethätigen. Es giebt nur Einen Mittler zwischen uns und Gott, und das ist: sein Gesetz, denn Gott ist קדוש, und nur Sittenheiligkeit Anstrebende dürfen ihm nahen. Ja, je näher ein Mensch ihm steht, um so fleckenloser soll die Reinheit seines Charakters und Wandels sein. Außerhalb des jüdischen Kreises begegnet man dem Wahn, als ob nur für Menschen niederen oder mittleren Schlages die Anforderungen des Sittengesetzes ihre Geltung hätten, sociale Höhe, insbesondere geistige Größe und Genialität gewährten einen Freibrief für sittliche Verirrungen. Nicht also die jüdische Wahrheit. בקרבי אקדש, durch die mir Nahen und Nächsten will ich geheiligt werden, spricht Gott, und הקב"ה מדקדק עם סביביו כחוט השערה lautet ein Wort der Weisen, mit seiner Umgebung nimmt es Gott auf ein Haar genau (Siehe Pent. 3. B. M. 9, 3). Darauf werden die Völker hingewiesen bei ihrem Eintritt in die Gottesnähe, und dies wird im Folgenden an dem Geschicke unserer großen Männer veranschaulicht.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. משה וגו' בכהניו, בקראי שמו. Das ב' bezeichnet nach einem Adjektiv den Superlativ, wie היפה בנשים (Hohel 1, 8), הצעיר בכל בית אבי, הדל במנשה (Richter 6,15), und drückt es auch hier, ohne Adjektiv, wohl das Hervorragen aus. In den sieben מלואים-Tagen (2. B. M. Kap. 29) fungirte Moses als כהן, durch ihn und seine priesterlichen Weihehandlungen wurden Aharon und seine Söhne Priester; schon daher kann Moses unter die Priester gezählt werden. Allein auch ohne dies ist ja der Begriff כהן wesentlich derjenige, der durch Lehre, Beispiel oder symbolische Handlung auf Menschen und deren Verhältnisse einwirkt, daß sie כן, daß sie dem göttlichen Willen entsprechend, für das Göttliche bereit und fest seien (Siehe Pent. 1. B. M. 14, 18). Wenn Jemandem, so kommt der Name כהן in erster Linie Moses zu. Ps. 110, 4 wird auch David כהן genannt. קראים אל ד', gelesen wird es wie קרים, von קרה, begegnen. Sie standen Gott so nahe, und konnten so sehr sich in die göttlichen Waltungswege hinein denken, daß sie mit dem, was sie von Gott erflehten, nur den göttlichen Absichten entgegen kamen, sie erflehten nichts, was nicht dem göttlichen Zweck gemäß war, und hierauf beruht das Geheimniß ihrer Erhörung. So sagen auch die Weisen הקב"ה מתאוה לתפלתן של צדיקים, Gott wartet auf das Gebet der Gerechten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. בעמוד, das Erscheinen in einer Wolkensäule wissen wir nur bei Moses und Aharon, allein es dürfte überhaupt der Nachdruck mehr auf ידבר אליהם liegen, und der mittheilenden Gottesrede wurde ja auch Samuel gewürdigt. שמרו וגו', sie wachten über die Erhaltung und Verwirklichung der für die Erkenntniß und sittliche Veredlung von Gott gestifteten Institutionen, עדותיו, und חק, das Gesetz für die Regelung des praktischen Lebens, נתן למו, überantwortete er ihrer Vertretung.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 8. ד' אלהינו וגו' להם ihrer Fürsprache für Andere. ונקם על עלילותם, Moses und Aharon bei dem Vorgang am Felsen zu Kadesch (4. B. M. 20, 12). Samuel wegen seiner zu großen Nachsicht gegen seine Söhne (Sam. I. 8, 3). Samuels frühzeitiger Tod — er erreichte nur ein Alter von zwei und fünfzig Jahren — wird auf diese Verirrung zurückgeführt. Diese Thatsache, daß Gott unsern großen Männern, die seine Boten waren, nicht den kleinsten Fehler nachsah, erschien dem Sänger dieses Psalms so folgereich und ist für die Göttlichkeit ihrer Sendung so bedeutsam (Siehe Pent. 4. B. M. 20, 12. 27, 14. 5. B. M. 3, 26), daß dies ihn veranlaßte, sie in direkter Anrede an Gott auszusprechen, während das Vorhergehende und Nachfolgende von Gott in dritter Person ausgesagt ist.