Tehillim 88 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 88, V. 1. שיר מזמור וגו'. Liest man diesen Psalm, so scheint er zuerst Nichts als Eine fortgesetzte Klage, als Ausdruck tiefster, an Verzweiflung gränzender Leiden zu sein, ohne Ausblick auf eine Erlösung, ja fast ohne Versuch sich auch nur über die Wucht der Leiden zu erheben. Und doch hat dieser Psalm, dessen Inhalt einen so völlig einfachen Verlauf ohne alle Gliederung zu nehmen scheint, wie kaum ein Anderer, sogar eine dreifache Ueberschrift, ja, er heißt geradezu: שיר מזמור, ein, Gott in seinen Waltungen heiter schauendes Lied. Was uns daher zuerst als Klage erscheint, muß doch vielmehr als Stoff zu einem solchen „Liede“ sich auflösen, und ausdrücklich ist er Gott als מנצח על מחלת לענות geweiht. מחלת aber von מחלה, Krankheit, Leid, und zwar im סמיכות ohne נסמך, ein Leid der größten Mannigfaltigkeit, eigentlich Allgemeinheit bedeutend, לענות, wie למען ענותו בסבלותם (2. B. M. 1, 11), ein Leid, das geeignet ist den, den es trifft, völlig zu entkräften, völlig niederzubeugen. Er ist also gerade Gott geweiht, der zum geistigen Sieg über Leiden verhilft, die ohne solche Hilfe von Oben, uns völlig danieder werfen würden. Endlich heißt er auch משכיל, eine Belehrung, ein „Lehrgedicht,“ das nach den Weisen einen תורגמן fordert (siehe Ps. 32, 1), der dessen Inhalt dem Volksbewußtsein erläuternd zur Beherzigung nahe bringt.
הימן war nach Chron. I. 6, 18 der bedeutendste unter den Söhnen Korach's, der auch daher vorzugsweise: הימן המשורר genannt ist. Dunkel ist die Beifügung: האזרחי, die auch im folgenden Psalm bei איתן wiederkehrt.
Versuchen wir den Psalm unter den gegebenen Gesichtspunkten zu lesen, so erscheint er allerdings als Ausdruck Israels aus dem tiefsten Galuthleid, das zu einer solchen Wucht erwachsen ist, daß man Israel gar nicht mehr zu den lebendigen Völkern rechnet, daß man sein Nocherscheinen in der frischpulsirenden Gegenwart als eine unberechtigte, störende Anomalie betrachtet, „Einsargung“ als seine gebührendste Bestimmung ansieht, und diese an ihm auch nach besten Kräften durch völlige, fast einkerkernde Isolirung zu vollziehen sich bemüht, wie dies namentlich V. 4. 5. 8. 9. 18. 19 sich ausspricht.
Allein Israel erblickt eben in dieser andauernd steigenden Wucht der Leiden, die doch nie zu seiner Vernichtung führen, die Offenbarung einer besondern göttlichen Fürsorge und die Bürgschaft, daß es noch nicht zu den „Todten“ zu rechnen sei V. 4—6, ja, es fühlt ein inneres, geistiges, Gott nahes Leben mitten in dieser scheinbaren äußern Erstorbenheit und Einsargung V. 11—13, und rüstet sich im „Gebete“ seinem AuferstehungsMorgen zu, der ihm gewiß ist V. 14. 15. Eben die lange Dauer der Leiden, haben es gegen alle Schrecknisse gestählt V. 16. 17, und die völlige Isolirung, die nach und nach, und vollends erst in den spätern Jahrhunderten ihm geworden, haben ihm fast die Hälfte seines irdischen Hierseins — die Nachtzeit — für ein, von allem Druck und Hohn emancipirtes, dem beglückenden Verkehr mit Gott, seinem geistigen Beruf und den gleichstrebenden Brüdern geweihtes Leben, frei gemacht: V. 19 und V. 1.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. ד' וגו'. Gott meiner Zukunft und meines in der Gegenwart geretteten Seins! Das ist ja ganz eigentlich ישועה (Siehe Pent. 2. B. M. 14, 13). יום צעקתי', nicht צעקתי' אליך, habe ich am Tage „geschrien,“ hatte ich am Tage mit allen Qualen meiner Stellung unter den Völkern zu kämpfen und zu leiden, die Nacht findet mich aufathmend vor dir als dem Gott meines dauernden Seins. In der That, am Tage hatte der Jude zu kämpfen mit der Sorge um's Brod für Weib und Kind, mit den Feinden seiner Existenz, mit dem Hohn und der Verachtung, mit den böswilligen Plackereien, die man ihm allerorts in seinen, ohnehin dornenvollen Lebensweg streute. Wie aber der Tag zur Rüste ging, rief die sinkende Sonne ihn heim, heim zu seinen Lieben, heim zu seinen Brüdern, zu seinen Büchern, seinen Bet- und Lehrhäusern, zum Verkehr mit seinem Gott, seinen Geist- und Gesinnungsgenossen der Gegenwart, und, meist in Gemeinschaft mit ihnen, mit den großen Geistern seiner nationalen Vergangenheit, aus deren Schriften ihm Verständniß und Erkenntniß, Trost und Muth, Begeisterung und Kraft für seine gottgewiesene Lebensbahn quoll, und in deren Geiste er in gemeinsamem Wirken für werkthätige Bruderliebe und eines von Recht und Ordnung zu tragenden Gemeindelebens thätig war. Mit dem Quersack legte der wandernde Hausirer auch die Bürde des geplagten Lebens ab, athmete als Mensch, als freier Mensch vor seinem „freimachenden“ Gott auf, und genoß ein Geistes- und Gemüthesleben und eine erfrischende Gemeinsamkeit, für welche dem ihn am Tage höhnenden und hetzenden Pöbel jedes Verständniß abging, von dem er keine Ahnung hatte, das er zu wenig kannte und glücklicherweise noch mehr verachtete, um irgend wie störend oder maßregelnd darin einzugreifen. Von Zeit zu Zeit brannte man dem Juden seine Wohn-, Bet-, Lehr- und Gemeindehäuser nieder. Allein so lang sie verschont waren, durfte der jüdische Geist frei in ihnen seine Segnungen entfalten, und es war vor Allem die Nacht, welche die jüdischen Genossen unter seine Segensfittige sammelte. Und es ward dies immer mehr, je mehr im Laufe der Jahrhunderte das jüdische Schriftthum zum Gemeingut des ganzen Volkes wurde, je mehr der eigentliche Am Haarez der früheren Zeit zur Seltenheit in unserer Mitte ward, je mehr das schon von den Weisen (Berachoth 4, b.) angebahnte אדם בא מן השדה בערב נכנס לבית הכנסת אם רגיל לקרות קורא ואם רגיל לשנות שונה וקורא ק"ש ומתפלל zu einer allgemeinen Verwirklichung gelangte. „יום צעקתי בלילה נגדך,“ diese wenigen Worte sind der inhaltreichste Ausdruck für all das Herbe und all das Große der jüdischen Galuthjahrhunderte.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. תבוא וגו'. תפלה ist der freie Erguß einer Geistes- und Gemüthsthätigkeit. רנה: das unfreiwillige, von Außen angeregte leid- oder freudvolle Tönen des Gemüthes. תפלה sucht den Weg zu Gott, רנה verharrt auch im Menscheninnern. Daher תבא וגו' und הטה וגו'. Laß mich in תפלה das Urtheil der Wahrheit über alle meine Beziehungen finden und mich, davon getragen, zu dir erheben, und würdige die Regungen meines Gemüthes deines Aufmerkens. Mit diesem Wunsch steht Israel Nachts vor Gott und deutet in Folgendem an, wie es seine Geschickeslage beurtheilt, und welche Stimmung durch sein Geschick in seinem Gemüthe wach gerufen wird.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. 5. כי וגו'. Wohl ist es wahr, שבעה וגו', kaum hat meine Seele noch Raum, neue Leiden zu fassen; wohl ist es wahr, hart am Rande des völkergeschichtlichen Grabes, in welchem andere Völker ihren Untergang gefunden haben, stehe auch ich schon längst; man rangirt mich auch bereits zu den untergangenen Völkern, deren Ueberreste nur noch einzusargen sind; und was noch von mir da ist, das betrachtet man wie einen Menschen, der Anspruch macht ein Mann zu sein, dem aber alle und jede Kraft abgeht, der daher Alles über sich ergehen lassen muß.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. במתים וגו'. Allein ich bin ja nicht todt. Meine Leiden selbst sind der Beweis, daß ich lebe. Wäre ich todt, auch die völkergeschichtlichen Todten sind frei, untergegangene Völker haben nichts mehr zu leiden, sind wie die im Grabe ihrer Auferstehung entgegenharrenden Leichen, die Gott noch nicht mit dem Wiederauferstehungsruf bedacht hat, und die von Gottes Leiden spendender Hand — (das ist ja ד' siehe Ps. 74, 11) — geschieden sind.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. 8. שתני וגו', so aber ich nicht. Ich bin wie im Grabe, in die Gruft der tiefsten Erniedrigung und des Unterganges hast du mich gesenkt, במחשכים, kein Strahl von allem Dem, womit Menschen künstlich nationales Leben fristen und wecken, dringt zu mir. במצלות, von dem Sonnenlichte, unter welchem natürlich Völkerwohlfahrt aufblüht und gedeiht, bin ich ausgeschlossen. Und gleichwohl עלי וגו', hält dein Unwille an mich fest, lässest du mich nicht untergehen, wo ich dann aufhören würde Gegenstand deines Unwillens ferner zu sein, vielmehr: כל משבריך ענית. wie ובמה תאסר לענותך, womit kann man dich binden, um dich zu schwächen (Richter 16, 6). Alle deine „Wogen,“ alle die Vernichtung tragenden Zeitströmungen, die du über mich hast ergehen lassen, und die wohl geeignet gewesen wären, mir den völligen Untergang zu bringen, hast du dieses letzte Ziel nicht erreichen lassen, hast sie vielmehr ענית: abgeschwächt, damit sie eben diese letzte Wirkung nicht vollbrachten. Aehnlich dem רק את נפשו שמור bei Hiob (Hiob 2, 6). An dieser meiner Unsterblichkeit mitten unter den ertödtendsten Leiden erkenne ich deine schützende, erhaltende Hand, und schöpfe daraus die Zuversicht, daß du mich noch für eine Zukunft aufbewahrst, für welche die Leiden selbst in ihrer wuchtigsten Gestalt erziehend und bildend mich vorbereiten sollen —
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 9. 10. הרחקת וגו', עיני דאבה וגו'. Die sittliche und bürgerliche Zurücksetzung, die Israel fand, die Scheu, ja der Abscheu, mit welchen man es aus dem allgemeinen Verkehr zurückwies, und es wie mit sittlicher Pest behaftet in Ghettis einpferchte, blieben nichtsdestoweniger in jeder Gegenwart schmerzlich. דאב ist kein körperlicher Schmerz. Es wird sonst immer von נפש ausgesagt, und wenn es hier auf עין bezogen ist, so spricht dies wohl eine Betrübniß aus, die so stark ist, daß sie nicht blos im Gemüthe verschlossen bleibt, sondern sich auch im getrübten Blick des Auges äußert. Uebermannte mich aber die Betrübniß ob solcher Zurücksetzung von den Menschen, so rief ich Gott, der mich nicht verstoßen hatte als die Menschen mich verstießen, Ihm zu breitete ich meine Hände und sprach:
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 11—14. הלמתים וגו'. Mögen die Menschen uns wie Todte und Verstorbene, wie im Grabe und in Vernichtung, in Finsterniß und in Vergessenheit betrachten und behandeln: wem du Jahrhunderte lang ein solches Wunder der Erhaltung übst, der ist nicht todt; die noch aufrecht stehen, wenn sie dich vor aller Welt laut bekennen, die sind nicht verstorben; wo man von deiner beglückenden Liebe, von deiner erziehenden Treue zu erzählen weiß, da ist kein Grab und keine Vernichtung; dunkel ist es nicht, wo noch ein Strahl deines Waltungswunders leuchtet, und man befindet sich nicht im Lande der Vergessenheit (im Todtenreich), wo man noch Gottes milde Gerechtigkeit fühlt. ואני וגו', Ich wenigstens glaube noch an meine von dir zu erwartende Zukunft, und wenn einmal der Morgen, der ganz gewiß kommt, gekommen sein wird, wird mein Gebet, in welchem ich ihm stets entgegengesehen habe, dir hoffend und bittend vorangegangen sein.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 15—17. למה וגו'. Betrachte ich auch meine ganze Leidensgeschichte von der Vergangenheit bis in die Gegenwart, so ist es gar nicht denkbar, daß ich nicht auf eine Zukunft hoffen sollte. עני וגו'. In Wahrheit arm und verscheidend erschien ich nur מנוער, „aus Jugend,“ so lange ich noch jung in Leiden war. Damals אפונה. Die Wurzel פון kommt nicht wieder vor. Es erscheint verwandt mit פנה, sich irgendwohin wenden, und mit פן, der Partikel des Entgegensehens einer zweifelhaften, drohenden Zukunft. Damals: אפונה, sahe ich zagend den drohenden Verhängnissen entgegen. Allein נשאתי אימיך אפונה: ich habe sie ertragen deine Schrecknisse, denen ich so zagend entgegen gesehen, alle die Aeußerungen deines Zornes sind über mich hingegangen, ich habe sie ausgehalten und bin geblieben, ja בעותיך, deine Schrecken (והמן נבעת Esther 7, 6) צמתתוני. צמת im Kal: starrwerden, im Piel wie hier: starr machen, fest machen (Siehe Pent. 3. B. M. 25, 23. 24). Die Form צמתתו scheint aus zweimal צמתו צמתו zusammengezogen. Nicht auf einmal, sondern durch Wiederholung, nach und nach haben mich die Schrecken, die ich erlebt, abgehärtet, so daß ich sie ertragen konnte.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 18. 19. סבוני וגו'. הקיף ist ein engeres Einschließen als סבב (siehe Pent. 3. B. M. 19, 27). Mit diesen beiden Schlußversen geht der Psalm wieder zu dem Anfangsgedanken zurück. Haben sie mich den ganzen Tag — in meiner Tagesthätigkeit — wie mit einem Wassergraben umgeben, meiner Bewegung eine bestimmte Begränzung gesetzt, ja mich in engste Gränzen eingeschlossen, הרחקת וגו' hast du meine Stellung eine solche werden lassen, daß von den andern Bevölkerungen Keiner, auch die sonst Wohlgesinnten nicht, mir Freund und Genosse wird, מידעי מחשך, so finde ich die von mir gekannten und mich kennenden Genossen in Zeit und Raum des mir gebliebenen Dunkels. (מחשך ist nicht nur der dunkle Raum, sondern auch die dunkle Zeit, die Dunkelheit. So אשים מחשך לפניהם לאור Jes. 42, 16). Der Abend und das dunkle Ghetto giebt mir Alles, was der Tag und die Helle draußen mir versagt.