Tehillim 88 תהילים

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1
שִׁ֥יר מִזְמ֗וֹר לִבְנֵ֫י־קֹ֥רַח לַמְנַצֵּ֣חַ עַל־מָחֲלַ֣ת לְעַנּ֑וֹת מַ֝שְׂכִּ֗יל לְהֵימָ֥ן הָאֶזְרָחִֽי׃
BernfeldPsalmlied von den Söhnen Korah. Dem Sangmeister, auf Mahalat anzustimmen. Eine Betrachtung von Heman dem Efrachi.
ZunzPsalmlied von den Söhnen Korach. Dem Sangmeister auf Machalat; abzusingen. Ein Gedicht von Heman dem Esrachi.
HirschEin Psalmlied von den Söhnen Korachs. Dem Siegverleiher über zu völliger Entkräftung geeignetes Leid; eine Belehrung von Heman dem Esrachi.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

Kap. 88, V. 1. שיר מזמור וגו'. Liest man diesen Psalm, so scheint er zuerst Nichts als Eine fortgesetzte Klage, als Ausdruck tiefster, an Verzweiflung gränzender Leiden zu sein, ohne Ausblick auf eine Erlösung, ja fast ohne Versuch sich auch nur über die Wucht der Leiden zu erheben. Und doch hat dieser Psalm, dessen Inhalt einen so völlig einfachen Verlauf ohne alle Gliederung zu nehmen scheint, wie kaum ein Anderer, sogar eine dreifache Ueberschrift, ja, er heißt geradezu: שיר מזמור, ein, Gott in seinen Waltungen heiter schauendes Lied. Was uns daher zuerst als Klage erscheint, muß doch vielmehr als Stoff zu einem solchen „Liede“ sich auflösen, und ausdrücklich ist er Gott als מנצח על מחלת לענות geweiht. מחלת aber von מחלה, Krankheit, Leid, und zwar im סמיכות ohne נסמך, ein Leid der größten Mannigfaltigkeit, eigentlich Allgemeinheit bedeutend, לענות, wie למען ענותו בסבלותם (2. B. M. 1, 11), ein Leid, das geeignet ist den, den es trifft, völlig zu entkräften, völlig niederzubeugen. Er ist also gerade Gott geweiht, der zum geistigen Sieg über Leiden verhilft, die ohne solche Hilfe von Oben, uns völlig danieder werfen würden. Endlich heißt er auch משכיל, eine Belehrung, ein „Lehrgedicht,“ das nach den Weisen einen תורגמן fordert (siehe Ps. 32, 1), der dessen Inhalt dem Volksbewußtsein erläuternd zur Beherzigung nahe bringt.

הימן war nach Chron. I. 6, 18 der bedeutendste unter den Söhnen Korach's, der auch daher vorzugsweise: הימן המשורר genannt ist. Dunkel ist die Beifügung: האזרחי, die auch im folgenden Psalm bei איתן wiederkehrt.

Versuchen wir den Psalm unter den gegebenen Gesichtspunkten zu lesen, so erscheint er allerdings als Ausdruck Israels aus dem tiefsten Galuthleid, das zu einer solchen Wucht erwachsen ist, daß man Israel gar nicht mehr zu den lebendigen Völkern rechnet, daß man sein Nocherscheinen in der frischpulsirenden Gegenwart als eine unberechtigte, störende Anomalie betrachtet, „Einsargung“ als seine gebührendste Bestimmung ansieht, und diese an ihm auch nach besten Kräften durch völlige, fast einkerkernde Isolirung zu vollziehen sich bemüht, wie dies namentlich V. 4. 5. 8. 9. 18. 19 sich ausspricht.

Allein Israel erblickt eben in dieser andauernd steigenden Wucht der Leiden, die doch nie zu seiner Vernichtung führen, die Offenbarung einer besondern göttlichen Fürsorge und die Bürgschaft, daß es noch nicht zu den „Todten“ zu rechnen sei V. 4—6, ja, es fühlt ein inneres, geistiges, Gott nahes Leben mitten in dieser scheinbaren äußern Erstorbenheit und Einsargung V. 11—13, und rüstet sich im „Gebete“ seinem AuferstehungsMorgen zu, der ihm gewiß ist V. 14. 15. Eben die lange Dauer der Leiden, haben es gegen alle Schrecknisse gestählt V. 16. 17, und die völlige Isolirung, die nach und nach, und vollends erst in den spätern Jahrhunderten ihm geworden, haben ihm fast die Hälfte seines irdischen Hierseins — die Nachtzeit — für ein, von allem Druck und Hohn emancipirtes, dem beglückenden Verkehr mit Gott, seinem geistigen Beruf und den gleichstrebenden Brüdern geweihtes Leben, frei gemacht: V. 19 und V. 1.

2
יְ֭הֹוָה אֱלֹהֵ֣י יְשׁוּעָתִ֑י יוֹם־צָעַ֖קְתִּי בַלַּ֣יְלָה נֶגְדֶּֽךָ׃
BernfeldHerr, Gott meiner Hilfe, Tag und Nacht schreie ich zu dir.
ZunzEwiger, Gott meiner Hülfe, am Tage schrei' ich, bei Nacht vor dir.
HirschGott, Gott meiner Hilfe! Tag's schrie ich, Nachts bin ich vor Dir.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 2. ד' וגו'. Gott meiner Zukunft und meines in der Gegenwart geretteten Seins! Das ist ja ganz eigentlich ישועה (Siehe Pent. 2. B. M. 14, 13). יום צעקתי', nicht צעקתי' אליך, habe ich am Tage „geschrien,“ hatte ich am Tage mit allen Qualen meiner Stellung unter den Völkern zu kämpfen und zu leiden, die Nacht findet mich aufathmend vor dir als dem Gott meines dauernden Seins. In der That, am Tage hatte der Jude zu kämpfen mit der Sorge um's Brod für Weib und Kind, mit den Feinden seiner Existenz, mit dem Hohn und der Verachtung, mit den böswilligen Plackereien, die man ihm allerorts in seinen, ohnehin dornenvollen Lebensweg streute. Wie aber der Tag zur Rüste ging, rief die sinkende Sonne ihn heim, heim zu seinen Lieben, heim zu seinen Brüdern, zu seinen Büchern, seinen Bet- und Lehrhäusern, zum Verkehr mit seinem Gott, seinen Geist- und Gesinnungsgenossen der Gegenwart, und, meist in Gemeinschaft mit ihnen, mit den großen Geistern seiner nationalen Vergangenheit, aus deren Schriften ihm Verständniß und Erkenntniß, Trost und Muth, Begeisterung und Kraft für seine gottgewiesene Lebensbahn quoll, und in deren Geiste er in gemeinsamem Wirken für werkthätige Bruderliebe und eines von Recht und Ordnung zu tragenden Gemeindelebens thätig war. Mit dem Quersack legte der wandernde Hausirer auch die Bürde des geplagten Lebens ab, athmete als Mensch, als freier Mensch vor seinem „freimachenden“ Gott auf, und genoß ein Geistes- und Gemüthesleben und eine erfrischende Gemeinsamkeit, für welche dem ihn am Tage höhnenden und hetzenden Pöbel jedes Verständniß abging, von dem er keine Ahnung hatte, das er zu wenig kannte und glücklicherweise noch mehr verachtete, um irgend wie störend oder maßregelnd darin einzugreifen. Von Zeit zu Zeit brannte man dem Juden seine Wohn-, Bet-, Lehr- und Gemeindehäuser nieder. Allein so lang sie verschont waren, durfte der jüdische Geist frei in ihnen seine Segnungen entfalten, und es war vor Allem die Nacht, welche die jüdischen Genossen unter seine Segensfittige sammelte. Und es ward dies immer mehr, je mehr im Laufe der Jahrhunderte das jüdische Schriftthum zum Gemeingut des ganzen Volkes wurde, je mehr der eigentliche Am Haarez der früheren Zeit zur Seltenheit in unserer Mitte ward, je mehr das schon von den Weisen (Berachoth 4, b.) angebahnte אדם בא מן השדה בערב נכנס לבית הכנסת אם רגיל לקרות קורא ואם רגיל לשנות שונה וקורא ק"ש ומתפלל zu einer allgemeinen Verwirklichung gelangte. „יום צעקתי בלילה נגדך,“ diese wenigen Worte sind der inhaltreichste Ausdruck für all das Herbe und all das Große der jüdischen Galuthjahrhunderte.

3
תָּב֣וֹא לְ֭פָנֶיךָ תְּפִלָּתִ֑י הַטֵּ֥ה אׇ֝זְנְךָ֗ לְרִנָּתִֽי׃
BernfeldMöge mein Gebet vor dich kommen, neige dein Ohr meinem Ruf,
ZunzKomme vor dein Antlitz mein Gebet, neige dein Ohr meinem Ruf.
HirschKomme vor dich mein Gebet, neige dein Ohr zum Ergusse meines Innern!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 3. תבוא וגו'. תפלה ist der freie Erguß einer Geistes- und Gemüthsthätigkeit. רנה: das unfreiwillige, von Außen angeregte leid- oder freudvolle Tönen des Gemüthes. תפלה sucht den Weg zu Gott, רנה verharrt auch im Menscheninnern. Daher תבא וגו' und הטה וגו'. Laß mich in תפלה das Urtheil der Wahrheit über alle meine Beziehungen finden und mich, davon getragen, zu dir erheben, und würdige die Regungen meines Gemüthes deines Aufmerkens. Mit diesem Wunsch steht Israel Nachts vor Gott und deutet in Folgendem an, wie es seine Geschickeslage beurtheilt, und welche Stimmung durch sein Geschick in seinem Gemüthe wach gerufen wird.

4
כִּֽי־שָׂבְעָ֣ה בְרָע֣וֹת נַפְשִׁ֑י וְ֝חַיַּ֗י לִשְׁא֥וֹל הִגִּֽיעוּ׃
BernfeldDenn satt an Leiden bin ich, und mein Leben naht der Gruft.
ZunzDenn gesättigt von Leiden ist meine Seele, und mein Leben nahet der Gruft.
HirschDenn, ist gleich satt von Leiden meine Seele, und mein Leben an's Grab gelangt,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 4. 5. כי וגו'. Wohl ist es wahr, שבעה וגו', kaum hat meine Seele noch Raum, neue Leiden zu fassen; wohl ist es wahr, hart am Rande des völkergeschichtlichen Grabes, in welchem andere Völker ihren Untergang gefunden haben, stehe auch ich schon längst; man rangirt mich auch bereits zu den untergangenen Völkern, deren Ueberreste nur noch einzusargen sind; und was noch von mir da ist, das betrachtet man wie einen Menschen, der Anspruch macht ein Mann zu sein, dem aber alle und jede Kraft abgeht, der daher Alles über sich ergehen lassen muß.

5
נֶ֭חְשַׁבְתִּי עִם־י֣וֹרְדֵי ב֑וֹר הָ֝יִ֗יתִי כְּגֶ֣בֶר אֵֽין־אֱיָֽל׃
BernfeldIch werde bereits gezählt zu den ins Grab Sinkenden, ich bin geworden wie ein kraftloser Mann.
ZunzIch werde gezählt mit den ins Grab Sinkenden, ich bin geworden gleich einem Manne sonder Kraft.
Hirschwerde ich gerechnet zu den für die Niederfahrt in die Gruft Bestimmten, bin geworden wie ein Mann ohne alle Kraft:
6
בַּמֵּתִ֗ים חׇ֫פְשִׁ֥י כְּמ֤וֹ חֲלָלִ֨ים ׀ שֹׁ֥כְבֵי קֶ֗בֶר אֲשֶׁ֤ר לֹ֣א זְכַרְתָּ֣ם ע֑וֹד וְ֝הֵ֗מָּה מִיָּדְךָ֥ נִגְזָֽרוּ׃
BernfeldUnter Toten ist mein Lager, wie Erschlagene, die im Grabe liegen, derer du nicht wieder gedenkst, die durch deine Hand weggerafft worden sind.
ZunzUnter Todten ist mein Lager, wie Erschlagene, die im Grabe liegen, deren du nicht wieder gedenkst, und die durch deine Hand sind weggerafft.
Hirschso wäre unter Todten ich ja frei, wie Erschlagene, die im Grabe ruhen, deren du noch nicht wieder hast gedacht, und die von deiner Leiden gebenden Hand geschieden sind.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 6. במתים וגו'. Allein ich bin ja nicht todt. Meine Leiden selbst sind der Beweis, daß ich lebe. Wäre ich todt, auch die völkergeschichtlichen Todten sind frei, untergegangene Völker haben nichts mehr zu leiden, sind wie die im Grabe ihrer Auferstehung entgegenharrenden Leichen, die Gott noch nicht mit dem Wiederauferstehungsruf bedacht hat, und die von Gottes Leiden spendender Hand — (das ist ja ד' siehe Ps. 74, 11) — geschieden sind.

7
שַׁ֭תַּנִי בְּב֣וֹר תַּחְתִּיּ֑וֹת בְּ֝מַחֲשַׁכִּ֗ים בִּמְצֹלֽוֹת׃
BernfeldDu hast mich in die Grube der Unterwelt gelegt, in tiefe Finsternis.
ZunzDu hast mich gelegt in die Grube der Unterwelt, in Finsterniß, in Tiefen.
HirschMich jedoch hast du in die Gruft der tiefsten Niederung gesetzt, in Dunkelheiten, in Schattentiefen,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 7. 8. שתני וגו', so aber ich nicht. Ich bin wie im Grabe, in die Gruft der tiefsten Erniedrigung und des Unterganges hast du mich gesenkt, במחשכים, kein Strahl von allem Dem, womit Menschen künstlich nationales Leben fristen und wecken, dringt zu mir. במצלות, von dem Sonnenlichte, unter welchem natürlich Völkerwohlfahrt aufblüht und gedeiht, bin ich ausgeschlossen. Und gleichwohl עלי וגו', hält dein Unwille an mich fest, lässest du mich nicht untergehen, wo ich dann aufhören würde Gegenstand deines Unwillens ferner zu sein, vielmehr: כל משבריך ענית. wie ובמה תאסר לענותך, womit kann man dich binden, um dich zu schwächen (Richter 16, 6). Alle deine „Wogen,“ alle die Vernichtung tragenden Zeitströmungen, die du über mich hast ergehen lassen, und die wohl geeignet gewesen wären, mir den völligen Untergang zu bringen, hast du dieses letzte Ziel nicht erreichen lassen, hast sie vielmehr ענית: abgeschwächt, damit sie eben diese letzte Wirkung nicht vollbrachten. Aehnlich dem רק את נפשו שמור bei Hiob (Hiob 2, 6). An dieser meiner Unsterblichkeit mitten unter den ertödtendsten Leiden erkenne ich deine schützende, erhaltende Hand, und schöpfe daraus die Zuversicht, daß du mich noch für eine Zukunft aufbewahrst, für welche die Leiden selbst in ihrer wuchtigsten Gestalt erziehend und bildend mich vorbereiten sollen —

8
עָ֭לַי סָמְכָ֣ה חֲמָתֶ֑ךָ וְכׇל־מִ֝שְׁבָּרֶ֗יךָ עִנִּ֥יתָ סֶּֽלָה׃
BernfeldAuf mir lastet dein Grimm, und mit all deinen Brandungen drückst du mich nieder. Sela.
ZunzAuf mir lagert dein Grimm, und mit all deinen Brandungen drückst du mich nieder. Selah.
Hirschgleichwohl hat dein Unwille an mich festgehalten, und allen deinen Wogen hast du die letzte Kraft genommen —
9
הִרְחַ֥קְתָּ מְיֻדָּעַ֗י מִ֫מֶּ֥נִּי שַׁתַּ֣נִי תוֹעֵב֣וֹת לָ֑מוֹ כָּ֝לֻ֗א וְלֹ֣א אֵצֵֽא׃
BernfeldDu hast meine Bekannten von mir entfernt, mich ihnen zum Gräuel gemacht: ich bin eingeschlossen und kann nicht heraus.
ZunzDu hast meine Bekannten entfernt von mir, mich ihnen zum Gräuel gemacht, ich bin eingekerkert, kann nicht heraus.
HirschHast du die sonst von mir Gekannten von mir entfernt, hast mich zu Abscheu ihnen gemacht, bin ich eingeschlossen daß nicht hinaus ich komme,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 9. 10. הרחקת וגו', עיני דאבה וגו'. Die sittliche und bürgerliche Zurücksetzung, die Israel fand, die Scheu, ja der Abscheu, mit welchen man es aus dem allgemeinen Verkehr zurückwies, und es wie mit sittlicher Pest behaftet in Ghettis einpferchte, blieben nichtsdestoweniger in jeder Gegenwart schmerzlich. דאב ist kein körperlicher Schmerz. Es wird sonst immer von נפש ausgesagt, und wenn es hier auf עין bezogen ist, so spricht dies wohl eine Betrübniß aus, die so stark ist, daß sie nicht blos im Gemüthe verschlossen bleibt, sondern sich auch im getrübten Blick des Auges äußert. Uebermannte mich aber die Betrübniß ob solcher Zurücksetzung von den Menschen, so rief ich Gott, der mich nicht verstoßen hatte als die Menschen mich verstießen, Ihm zu breitete ich meine Hände und sprach:

10
עֵינִ֥י דָאֲבָ֗ה מִנִּ֫י־עֹ֥נִי קְרָאתִ֣יךָ יְהֹוָ֣ה בְּכׇל־י֑וֹם שִׁטַּ֖חְתִּי אֵלֶ֣יךָ כַפָּֽי׃
BernfeldMein Auge verschmachtet vor Elend: ich rufe dich, Herr, alle Tage, ich breite zu dir meine Hände.
ZunzEs verschmachtet mein Auge vor Elend, ich rufe dich, Ewiger, jeglichen Tag, breite zu dir meine Hände.
Hirschtrauerte mein Auge ob solches Elend; rief ich dich Gott jeden Tag, und breitete dir zu meine Hände:
11
הֲלַמֵּתִ֥ים תַּעֲשֶׂה־פֶּ֑לֶא אִם־רְ֝פָאִ֗ים יָק֤וּמוּ ׀ יוֹד֬וּךָ סֶּֽלָה׃
BernfeldWillst du an Toten Wunder tun? oder sollen die Verblichenen erstehen, dich zu preisen? Sela.
ZunzWillst du an Todten Wunder thun? oder sollen die Schatten erstehen, dich preisen? Selah.
HirschThust du denn Todten Wunder, stehen denn Abgeschiedene auf, huldigen dir?
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 11—14. הלמתים וגו'. Mögen die Menschen uns wie Todte und Verstorbene, wie im Grabe und in Vernichtung, in Finsterniß und in Vergessenheit betrachten und behandeln: wem du Jahrhunderte lang ein solches Wunder der Erhaltung übst, der ist nicht todt; die noch aufrecht stehen, wenn sie dich vor aller Welt laut bekennen, die sind nicht verstorben; wo man von deiner beglückenden Liebe, von deiner erziehenden Treue zu erzählen weiß, da ist kein Grab und keine Vernichtung; dunkel ist es nicht, wo noch ein Strahl deines Waltungswunders leuchtet, und man befindet sich nicht im Lande der Vergessenheit (im Todtenreich), wo man noch Gottes milde Gerechtigkeit fühlt. ואני וגו', Ich wenigstens glaube noch an meine von dir zu erwartende Zukunft, und wenn einmal der Morgen, der ganz gewiß kommt, gekommen sein wird, wird mein Gebet, in welchem ich ihm stets entgegengesehen habe, dir hoffend und bittend vorangegangen sein.

12
הַיְסֻפַּ֣ר בַּקֶּ֣בֶר חַסְדֶּ֑ךָ אֱ֝מ֥וּנָתְךָ֗ בָּאֲבַדּֽוֹן׃
BernfeldWird von deiner Gnade von deiner Treue im Grabe, in der Verwesung erzählt?
ZunzWird erzählt im Grabe deine Huld, deine Treue in der Verwesung?
HirschErzählt man im Grabe deine Liebe, in der Vernichtung deine erziehende Treue?
13
הֲיִוָּדַ֣ע בַּחֹ֣שֶׁךְ פִּלְאֶ֑ךָ וְ֝צִדְקָתְךָ֗ בְּאֶ֣רֶץ נְשִׁיָּֽה׃
BernfeldWird in der Finsternis dein Wunder erkannt und deine Gerechtigkeit im Lande der Vergessenheit?
ZunzWird erkannt in der Finsterniß dein Wunder, und deine Gerechtigkeit im Lande der Vergessenheit?
HirschErkennt man im Finstern dein Wunder, im Lande der Vergessenheit deine Milde?
14
וַאֲנִ֤י ׀ אֵלֶ֣יךָ יְהֹוָ֣ה שִׁוַּ֑עְתִּי וּ֝בַבֹּ֗קֶר תְּֽפִלָּתִ֥י תְקַדְּמֶֽךָּ׃
BernfeldIch aber flehe zu dir, o Herr; an jedem Morgen begrüßt dich mein Gebet.
ZunzIch aber flehe, o Ewiger, zu dir, und am Morgen begrüßt dich mein Gebet.
HirschIch wenigstens habe Gott zu dir hin mich flehend gewandt, und am einstigen Morgen wird mein Gebet dir zuvor gekommen sein.
15
לָמָ֣ה יְ֭הֹוָה תִּזְנַ֣ח נַפְשִׁ֑י תַּסְתִּ֖יר פָּנֶ֣יךָ מִמֶּֽנִּי׃
BernfeldWarum, Herr, verstößt du mich, verbirgst dein Antlitz vor mir?
ZunzWarum, Ewiger, verstößest du meine Seele, verbirgst dein Antlitz vor mir?
HirschZu welchem Zweck auch solltest du Gott meine Seele verlassen! Solltest dein Angesicht mir entziehen!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 15—17. למה וגו'. Betrachte ich auch meine ganze Leidensgeschichte von der Vergangenheit bis in die Gegenwart, so ist es gar nicht denkbar, daß ich nicht auf eine Zukunft hoffen sollte. עני וגו'. In Wahrheit arm und verscheidend erschien ich nur מנוער, „aus Jugend,“ so lange ich noch jung in Leiden war. Damals אפונה. Die Wurzel פון kommt nicht wieder vor. Es erscheint verwandt mit פנה, sich irgendwohin wenden, und mit פן, der Partikel des Entgegensehens einer zweifelhaften, drohenden Zukunft. Damals: אפונה, sahe ich zagend den drohenden Verhängnissen entgegen. Allein נשאתי אימיך אפונה: ich habe sie ertragen deine Schrecknisse, denen ich so zagend entgegen gesehen, alle die Aeußerungen deines Zornes sind über mich hingegangen, ich habe sie ausgehalten und bin geblieben, ja בעותיך, deine Schrecken (והמן נבעת Esther 7, 6) צמתתוני. צמת im Kal: starrwerden, im Piel wie hier: starr machen, fest machen (Siehe Pent. 3. B. M. 25, 23. 24). Die Form צמתתו scheint aus zweimal צמתו צמתו zusammengezogen. Nicht auf einmal, sondern durch Wiederholung, nach und nach haben mich die Schrecken, die ich erlebt, abgehärtet, so daß ich sie ertragen konnte.

16
עָ֘נִ֤י אֲנִ֣י וְגֹוֵ֣עַ מִנֹּ֑עַר נָשָׂ֖אתִי אֵמֶ֣יךָ אָפֽוּנָה׃
BernfeldArm bin ich und vergehe vor Beben; ich trage deinen Schrecken und bin verwirrt.
ZunzArm bin ich und vergehe vor Beben, ich trage deinen Schrecken, bin verwirrt.
HirschArm war ich nur und verscheidend aus Jugend. Ich habe aber ertragen deine Schrecknisse, denen ich so zagend entgegen gesehen.
17
עָ֭לַי עָבְר֣וּ חֲרוֹנֶ֑יךָ בִּ֝עוּתֶ֗יךָ צִמְּתוּתֻֽנִי׃
BernfeldÜber mich fahren hin deine Zornfluten, deine Schrecknisse vernichten mich.
ZunzUeber mich fahren hin deine Zornfluthen, deine Schrecknisse vernichten mich.
HirschHingegangen sind über mich deine Zornesgluthen, deine Schrecken haben mich nach und nach gestählt.
18
סַבּ֣וּנִי כַ֭מַּיִם כׇּל־הַיּ֑וֹם הִקִּ֖יפוּ עָלַ֣י יָֽחַד׃
BernfeldSie umgeben mich alle Tage wie Wasser, sie schlagen über mich zusammen.
ZunzSie umgeben mich wie Wasser den ganzen Tag, schlagen um mich zusammen.
HirschUmgaben sie mich auch wie Wasser den ganzen Tag, schlossen mich eng ein zusammen,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 18. 19. סבוני וגו'. הקיף ist ein engeres Einschließen als סבב (siehe Pent. 3. B. M. 19, 27). Mit diesen beiden Schlußversen geht der Psalm wieder zu dem Anfangsgedanken zurück. Haben sie mich den ganzen Tag — in meiner Tagesthätigkeit — wie mit einem Wassergraben umgeben, meiner Bewegung eine bestimmte Begränzung gesetzt, ja mich in engste Gränzen eingeschlossen, הרחקת וגו' hast du meine Stellung eine solche werden lassen, daß von den andern Bevölkerungen Keiner, auch die sonst Wohlgesinnten nicht, mir Freund und Genosse wird, מידעי מחשך, so finde ich die von mir gekannten und mich kennenden Genossen in Zeit und Raum des mir gebliebenen Dunkels. (מחשך ist nicht nur der dunkle Raum, sondern auch die dunkle Zeit, die Dunkelheit. So אשים מחשך לפניהם לאור Jes. 42, 16). Der Abend und das dunkle Ghetto giebt mir Alles, was der Tag und die Helle draußen mir versagt.

19
הִרְחַ֣קְתָּ מִ֭מֶּנִּי אֹהֵ֣ב וָרֵ֑עַ מְֽיֻדָּעַ֥י מַחְשָֽׁךְ׃ {פ}
BernfeldDu hast von mir Freund und Genossen entfernt; für meine Bekannten bin ich in die Finsternis geraten.
ZunzDu hast entfernt von mir Freund und Genossen, meine Bekannten (deckt) Finsterniß.
Hirschhast du auch Freund und Genossen von mir entfernt: meine Vertrauten bringt mir das Dunkel.