Tehillim 71 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 71, V. 1. Dieser Psalm schließt sich unmittelbar dem vorhergehenden an, und ist daher ohne Ueberschrift. Er spricht aus denselben Umständen heraus, nur beschauender, ruhiger. Er ist ganz besonders durch den Einblick in Davids innere Entwickelungsgeschichte, den er gewährt, bedeutsam, und läßt den Bildungsweg ahnen, auf welchem David zu der geistigen, sittlichen Höhe gelangte, auf welcher die Psalmen ihn uns erkennen lassen. בך וגו'. Mit dem Hilferuf, den ich soeben (K. 70, 6) an dich gerichtet, setze ich meine Zuversicht in dich und weiß, daß ich nicht in Ewigkeit mich getäuscht finden werde, wenn ich auch noch zeitweilig geduldig harren muß.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. בצדקתך וגו'. Ich weiß, mit deiner צדקה wirst du mich retten und dem drohenden Untergange entrinnen lassen, neige nur auch jetzt während der Gefahr dein Ohr mir zu und הושיעני: hilf mir, daß ich selbst in solcher Lage ein ungeknicktes Sein bewahre. צדקה, siehe Pent. 1. B. M. 15, 6. Es ist, von Gott gebraucht, das durch Liebe gemilderte צדק, die im Recht sich bewährende Liebe, die Liebesgerechtigkeit, die sich vor Allem darin bethätigt, daß, wenn ein Mensch nach צדק, nach dem Diktate des strengen Rechts, den Untergang verdient hätte, Gott ihn durch Leidensverhängnisse zu einer solchen Umkehr, zu einer solchen geistig sittlichen Neubildung verhilft, daß damit seine Vergangenheit gesühnt wird, und er zu einer reinen, von allen Folgen aus seiner Vergangenheit ungetrübten, neuen Zukunft ersteht. Es ist die, durch den mit dem ש' היה verbundenen ש' אלקים ausgedrückte מדה, die das theuerste Band bildet, welches den Menschen mit Gott verbindet. Sie bildet den Grundinhalt dieses Psalms.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. היה לי וגו'. עון: das Dasein in der Zeit, מעון: die Stätte zeitlichen Daseins. Einen Felsen erklimmt man, um der augenblicklichen Gefahr, die unten droht, zu entgehen. צור מעון ist aber eine solche Felshöhe, die uns während trüber Zeiten einen dauernden Aufenthalt gewährt, von dem man auf die trüben Erscheinungen in der Niederung aus heiterer Höhe hinabblickt. Unten ziehen die dunkeln Gewitter hin, und über unsern Häuptern wölbt sich der reine Himmel in heiterer Bläue. Zu einer solchen Höhenstätte werde ihm Gott, dorthin, wie zu seiner eigentlichen Heimath einzugehen, so oft Widerwärtigkeiten die Berührung mit den Verhältnissen auf Erden verleiden. צוית להושיעני. Das Aufschwingen zu solcher Heileshöhe hast du mir durch deine Gebote ermöglicht. Unsere מצות sind die Flügel der Taube, mit welchen sie sich jederzeit zur lichten Höhe emporzuschwingen vermag, und wer wie David ein Leben der מצוה lebt, der lebt mitten im Verkehr und engsten Zusammenhang mit Menschen, in noch engerem Zusammenhang mit Gott. – Oder צוית להושיעני: wie du geboten, mich zum Heile, wörtlich: zum wahren Sein zu führen. Es ist keine Selbsttäuschung und keine Anmaßung, wenn ich in solcher Lage zu Gott mich emporzuschwingen suche. Ich erfülle damit nur sein Gebot: ובו תדבק, uns an ihn unwandelbar anzuschließen.
Werde mir während der trüben Zeit ein solcher צור מעון; denn daß du mich nicht untergehen lassen wirst, das weiß ich, „mein Fels und meine Burg" bist du, – (es ist dies nicht das צור מעון) – du machst mich unerreichbar für die Pfeile meiner Feinde.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. אלק' וגו'. Hiermit leitet sich eine andere Betrachtung ein. Wer Gott „seinen" Gott nennt, der hat Ihn in seinem Leben erfahren. מעול וחומץ. Unser Schriftthum braucht wenig beschreibende Bilder, es beschreibt die Dinge in dem sie bezeichnenden Wort. Daher die Nothwendigkeit immer auf die eigentliche Bedeutung der Worte zurückzugehen, um ein volles Verständniß zu erzielen. מעול, von עול, der Ueberordnung, ist derjenige, der eine ihm gewordene Macht mißbraucht (Siehe Pent. 3. B. M. 19, 15. 35). חומץ, wörtlich: der den Tropfen Säure in das friedliche Heil anderer Menschen gießt, es zu Fäulniß und Gährung bringt.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. כי וגו'. Ich darf dich אלק', meinen Gott nennen; denn du warst meine Hoffnung; אדנ': das Bewußtsein, daß ich in deinem Dienste stehe, im Dienste Des, der als ד', sein Recht in Liebe, und seine Liebe in Recht kleidet, dies Bewußtsein war mein Vertrauen von Jugend auf.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. עליך וגו', die Verhältnisse, in die ich mit meiner Geburt eintrat, wiesen mich auf Gott als meine alleinige Stütze hin, עליך נסמכתי, ich wurde auf dich gestützt. גוזי von גוז (verwandt mit גזז, abschneiden, abtrennen), in der Form wie אתה גוחי (Ps. 22,10 siehe das.), könnte man von dem mechanischen Trennen ממעי אמו bei der Geburt verstehen. Allein da dies ein höchst einfacher, von Menschen nach der Geburt vollzogener Akt ist, so ist schwerlich hieran zu denken. גוז und גזז kommt aber auch überhaupt als ein entfernendes Trennen vor, ויגז שלוים (4. B. M. 11, 31), וכן נגזו ועבר (Nachum 1, 12), und dürfte es dann wohl heißen: von Mutterleibe an schiedest du mich, isolirtest du mich ließest du mich von Denen getrennt sein, mit denen ich naturgemäß in innigem Zusammenhange hätte sein müssen. Ja, man könnte fast sagen: es war dies ein fortgesetztes גוז ממעי אם. בך תהלתי תמיד: mein „Ruhm." Das, was von mir ausstrahlte, worin sich mein Wesen äußerte, sich entwickelte und hinauslebte, das kam Alles von dir, indem ich mit dir Umgang pflog, entwickelte und entfaltete sich mein Geist.
Das Wenige, was wir aus David's Kindheit wissen, dürfte uns doch einen Commentar zu diesen Andeutungen bieten. Er war unter acht Söhnen der jüngste, und scheint von seinen ältern Brüdern zurückgesetzt, und selbst von seinem Vater nach seinem innern Wesen und Werthe nicht verstanden und gewürdigt worden zu sein. Bei der Vorstellung an Samuel, (Sam. I. 16, 5—11) ward an David „bei den Schaafen" ganz vergessen, und als später ihnen David nachgeschickt wurde, warf ihm sein ältester Bruder זדון ורוע לבב vor, und behandelte ihn barsch. So brachte der Kreis, in welchen er mit seiner Geburt eintrat, ihm keine Sympathie entgegen, wies ihn auf sich und in sich zurück, eine Stellung, in welcher gewöhnliche Menschen zu Grunde gehen können, in welcher aber ein starker Geist und ein reichbegabtes edles Gemüth den geeigneten Boden seiner Entfaltung findet. Aus dieser isolirten Stellung ist der ganze David erwachsen. Von den Seinen zurückgewiesen, fand er den Verkehr mit seinem Innern und mit Gott, und lernte Gott kennen in dem von Ihm geweckten und geleiteten Aufblühen seines Geistes- und Gemütheslebens. Und so, vom Knaben zum Jüngling im Stillen gereift,
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. כמופת וגו', stand mit einem Male der bis dahin wenig beachtete, bei seinen Schaafen vergessene Hirtenknabe als der Sieg- und Sanges-gekrönte jüdische Jüngling vor den Augen der staunenden Menge wie ein מופת, wie ein Lehr- und Ueberzeugungswunder, und zeigte, was der Mensch werden könne, der bei Gott in die Schule geht. Du aber – während die Menge mich anstaunte – bliebst meine Zuversicht um Kraft, eigentlich: um fortschreitendes Durchdringen bis zum höchsten, geistigen Ziele. Dies ist in geistiger Beziehung עז. So תדרכי נפשי עז (Richter 5, 21). So hießen die Instrumente der begeisterten Tempelmusik כלי עז לה' (Chron. II. 30, 21). Der bewundernde Beifall der Menge machte mich nicht irre. Ich blieb an deiner erziehenden und bildenden Hand, und suchte jeden weitern geistigen Fortschritt bei dir.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 8. ימלא וגו'. So ward mein Mund voll deines ausstrahlenden Lobes, und jeder Tag war mir ein Fortschritt in deiner Verherrlichung, ließ dich mir in immer hellerem, klarerem Lichte hervortreten פאר, verwandt mit באר und בהיר.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 9—11. אל תשליכני וגו'. So war's in meiner Jugend, so bin ich, was ich geistig geworden, nur durch dich geworden. Verwirf mich auch jetzt nicht zur Zeit des Alters, wenn jetzt meine Kräfte zu schwinden beginnen, verlaß mich nicht. Wohl meinen seine Feinde und Späher, Gott, der ihn richtende Gott, habe ihn jetzt verlassen, es sei jetzt die rechte Zeit, ihn zu verfolgen und zu ergreifen; denn auf Gottes Rettung habe er nicht mehr zu rechnen. In der That hatte David ja auch eine der schwersten Versündigungen — mit בת שבע — sich zu Schulden kommen lassen, und wohl durften seine Feinde glauben, fortan sei er von Gott verlassen, wie denn auch schwere Leidenszeiten ihm in Folge dieser Verschuldung angekündigt waren. Gleichwohl
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 12. 13. אלק' וגו', gleichwohl möge Gott, der ihn jetzt richtende Gott, nicht ferne sein, möge Er, den er 'אלק', den er seinen Gott ja nennen kann, der ihn von Jugend auf erziehend gebildet und geleitet hat, auch jetzt eilen, ihm beizustehen, daß es ihm gelinge, selbst aus dieser Lage, in die er durch eigene Verschuldung gesunken, sich wieder emporzuarbeiten. Seine, seiner Verschuldung sich freuenden Feinde mögen gleichwohl sich getäuscht finden, wenn sie glauben, Gott habe ihn nun für immer verlassen. Sota 21 a. bemerken hierzu die Weisen: דואג ואחיתופל, die Feinde David's, hatten vergessen, daß עבירה מכבה מצוה ואין עבירה מכבה תורה d. h.: wenn ein Mensch nichts weiter, als מצוה hat, daß er bis jetzt ein praktisch sittlicher Mensch gewesen, dann wird es ihm schwer, sich nach begangenem Fehltritt wieder emporzuarbeiten. Hat er aber außer מצוה auch תורה, so hilft ihm die geistige Kraft und das Verständniß der göttlichen Wahrheit, daß er aus tiefster Gesunkenheit sich wieder emporarbeitet. Wovon ja eben David ein glänzendes Beispiel bietet.
(So sprechen auch die Weisen in Bezug auf Israel's Abfall zu Jeremias 16, 11: הלואי אותי עזבו ותורתי שמרו שאלו תורתי שמרו מתוך שהיו :ואותי עזבו ואת תורתי לא שמרו מתעסקין בה היתה מחזירן אצלי, wer gäbe, daß, als sie mich verließen, sie das Lernen meiner תורה bewahrt hätten, die geistige Beschäftigung mit der תורה hätte sie wieder zu mir zurück gebracht, oder: המאור שבה היה מחזירן למוטב, das aus der תורה leuchtende Licht hätte sie wieder zum Bessern geführt (Siehe ילקוט zu Jerem. 9, 12. מ"ר Klagel. פתיחה). Deshalb haben auch Israel's Verführer immer zuerst die Kenntniß der תורה aus dem heranwachsenden Geschlechte zu bannen gesucht —)
Diese תורה, diesen unverlorenen Antheil Davids an Israel's Geistesschatz und die diesem innewohnende Kraft der Wiedererhebung hatten seine Feinde außer Acht gelassen, als sie nach David's Fehltritt ihn nun für immer verloren achteten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 14. ואני וגו'. Ich aber, während sie an meinem Aufkommen verzweifeln, ich harre noch stets. יחל (verw. mit חלל, wie יזם und זמם, יחם und חמם) ein sicheres, zweifelfreies Erwarten, wo schon der Anfang fast in Sicht ist. (Siehe Pent. 1. B. M. 8, 12).
והוספתי וגו'. Dann werde ich noch zu allen תהלות, die ich bereits in meiner ganzen Vergangenheit ausgesprochen, noch eine neue – vielleicht die größte — תהלה hinzufügen (Vgl. Ps. 51, 13, 14).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 15. פי יספר. Mein Mund wird dann nemlich deine צדקה erzählen. Als der Prophet Nathan David seine Versündigung vorgehalten, und dieser sein „חטאתי" gesprochen hatte, wurden ihm יסורים zur Sühne und Wiederemporführung zu Gott angekündigt. Diese ganz eigentliche צדקה, diese Milde in Form des Rechts, die den gesunkenen Menschen wieder auf den Weg des Heiles führt, diese צדקה, die in David den ersten großen Mann aus tiefer Gesunkenheit wieder zum Lichte des Heiles emporgehoben zeigt – von keinem unserer großen Männer vor David ist uns ein solches Beispiel bekannt, – ist eine neue תהלה: die Thatoffenbarung Gottes im Liebes-Recht am einzelnen Menschen, die wird dann, wie es im vorigen V. heißt, hinzukommen zu allen den תהלות, die ich dir bereits gesungen, כל היום תשועתך: und ich werde erzählen, wie ich den ganzen Tag deine תשועה erfahre, von deiner תשועה zehre, von deiner תשועה lebe, die mir die alte geistige, sittliche Kraft wieder zuströmen läßt. Während ישועה, von ישע, verw. mit ישה der Wurzel von יש, den Sieg aus unserm „Sein" drohenden Gefahren bedeutet, ist תשועה, von שוע, verw. mit שבע, שפע (שוע selbst heißt der Begüterte, Hiob 54, 19. Jes. 32, 5), der Sieg aus unserm Kraft- und Machtgebiet drohenden Gefahren. Daher vor Allem Sieg über eroberungssüchtige Feinde. Hier nun im geistigen und sittlichen Gebiete des innern Menschen: der Sieg über die den geistigen und sittlichen Kräften Verlust drohenden Folgen unserer Verirrungen (Vgl. Ps. 51, 16). So heißt Chron. II. 6, 41. ילבשו תשועה, was Ps. 132, 9 כהניך ילבשו צדק lautet (Vgl. Pent. 2. B. M. S. 463. 464). Erzählen werde ich deine צדקה, denn deine צדקות zu zählen לא ידעתי. Nicht לא יכלתי, etwa wegen ihrer Unzähligkeit, wie אם תוכל לספר אותם (1. B. M. 15, 5). Vielmehr: ich verstehe es nicht, es liegt meiner ganzen Lebenserfahrung, und Lebensanschauung fern.
Du hast mich von Jugend auf gewöhnt, mein ganzes Leben, meine ganze Entwickelung als dein Produkt, als dein Gebilde anzuschauen; mein ganzes Sein ist ein נס, und alle einzelne נסים gehen als Theilmomente in dies Gesammt-נס auf. So ist auch meine ganze jetzige geistige und sittliche innere Wiederauferstehung, mein ganzes „Wiedersein" ein Produkt deiner צדקה, deren Größe nur schwinden würde, wollte ich Einzelnes daraus aufzählen. Erzählen werde ich sie, zählen nicht.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 16. אבוא בגברות וגו'. Und wollte ich eingehen, Allmachtsthaten zu erzählen, so würde ich doch nur deiner צדקה gedenken. Die in Neuschöpfung eines sittlich Gesunkenen, der sich Dessen durch תשובה würdig gemacht hat, sich bewährende צדקה, ist die größte Allmachtsthat, mehr als alle bei יציאת מצרים geübten נסים. Nach dem Causalitätsgesetz, auf welches Gott seine Weltordnung gegründet, würde der Mensch, der eine Sünde begangen, unfehlbar zu Grunde gehen. Die innern und äußern Folgen des Unrechts würden ihn vernichten. Daß aber ein Mensch, und hätte er das Schlechteste verbrochen, in jedem Augenblick zu Gott zurückkehren und durch wahre תשובה eine ברי'ה חדשה, ein neuer Mensch werden, neue sittliche Kraft, neue Freudigkeit zum Guten und eine Stufe erlangen könne, die völliger Sündenlosigkeit unerreichbar gewesen wäre, במקום שבעלי תשובה עומדין אין צדיקים גמורים יכולים לעמוד; daß Gott das Geschehene ungeschehen macht, und die Sünde im innern und äußern Leben keine Folge haben läßt, Das, die Aufhebung des Causalitätsgesetzes für den בעל תשובה, das ist die größte Allmachtsthat, die nur Der zu üben vermag, der das Causalitätsgesetz gesetzt, und der משדר מערכות ist, der die Welt und ihre Gänge in Händen hat; eine Allmachtsthat Gottes, die nur Der zu erfahren und zu empfinden vermag, der wie David als wahrer בעל תשובה Herr seiner Vergangenheit geworden ist. Ist doch כפרה, die specielle Bezeichnung dieser besondern צדקה-That, selbst nur ein verstärktes קבר, גבר, eine גבורה, die die Vergangenheit bewältigt und begräbt (Vgl. Pent. 1. B. M. 6, 14. 2. B. M. 32, 30. 3. B. M. S. 400 u. f.). Vgl. Ps. 51. 16.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 17. אלק' וגו'. Gott, so hast du mich gelehrt von meiner Jugend an, und auch bis jetzt, wo die Menschen das Band zerrissen glauben, das mich mit dir verknüpft, verkündige ich also deine Wunder, vergegenwärtige den Menschen, wie du in ihren Führungen und Erfahrungen hervortrittst.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 18. גם וגו', und auch wenn ich nun älter geworden bin, und bis in's hohe Alter wenn ich's erreiche, mögest du mich nicht verlassen, bis ich den Zeitgenossen deinen „Arm" erzählt, wie du hineingreifen kannst und hineingreifst in die Speichen der Ursächlichkeit einen Menschen herauszugreifen; bis ich jedem kommenden Menschen die überwältigende Allmacht erzählt, die du mit der צדקה offenbarst, die du für den und an dem sündigen Menschen bethätigst.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 19. וצדקתך וגו'. Reicht ja diese deine צדקה das ganze Universum hindurch, und hebt für einen Menschen das Weltallsgesetz der Ursächlichkeit auf, nach welchem der Mensch an seiner Schuld zu Grunde gehen müßte. Ist ja dies auch vielleicht der Sinn des Wortes der Weisen: גדולה תשובה שמגעת עד כסא כבוד (Joma 86, b.). Diese כפרה, in welcher das Judenthum sich scharf von allem antiken und modernen Heidenthum scheidet, sie reißt ja mit der Wurzel Das aus, was der Mensch bereits in den Acker seiner Zukunft unheilbringend gesäet. Sie wäre allerdings unmöglich, wenn es keinen persönlichen, freien, allmächtigen Gott gäbe; in ihr übt Gott Größtes, und zeigt sich in seiner unvergleichlichen Einzigkeit, מי כמוך!
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 20. אשר הראיתני וגו', כת'ב הראיתנו ist und ebenso תחיינו, und ist damit das Individuelle, von David Erfahrene, zur Wahrheit für die ganze Nation erweitert. Wie David kann auch Israel sprechen. Damit ist denn auf die Bedeutsamkeit aller von David gemachten Erfahrungen von Gottes Waltung und Leitung hingewiesen, indem durch sie er zum Vorbild und zum prophetischen Sänger für seine Nation erwuchs. Derselbe Gott, spricht David, der mich viele und bittere Leiden hat erfahren lassen, derselbe belebt mich wieder, und hebt mich aus den fluthenden, somit Untergang drohenden Tiefen, in die ich gesunken bin, wieder empor. Und dann
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 21. תרב גדלתי וגו', wenn du mich aus der Tiefe meiner Gesunkenheit hervorgehoben hast, dann lässest du mich eine sittliche Stufe und eine Seligkeit des Bewußtseins erklimmen, die jene Stufe, die ich vor meiner Verirrung inne hatte, weit übertrifft, und die ich nimmer erreicht hätte, wenn ich nie in Verirrung gerathen wäre, und so תסב תנחמני. תסב Nifal von סבב heißt eigentlich: sich umwenden, sich der entgegengesetzten Seite zukehren. Du wendest dich ebenso mir zu, wie du in Folge meiner Verirrung dich von mir abgewandt hattest, und diese deine Umkehr תנחמני, läßt mich dann „Trost," נחמה, wegen meiner sittlich getrübt gewesenen Vergangenheit gewinnen, läßt sie mich, wie ja der Begriff wahrer נחמה heißt, in einem ganz andern Lichte erblicken (Siehe Pent. 1. B. M. 6, 6). Ich habe noch gewonnen durch meine dann völlig überwundene Verirrung. Die Gotteserfahrungen, die ich gemacht, der Zuwachs an geistiger und sittlicher Kraft, die ich in Ueberwindung meiner selbst gewonnen, sind Errungenschaften, die mir auf anderm Wege nie geworden wären. Es ist ganz Das, was die Weisen von der Kraft wahrer תשובה mit den Worten lehren: גדולה תשובה שזדונות נעשות לו כזכיות (Joma 86, b.).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 22. גם אני אודך וגו'. נבל übersetzt man gewöhnlich Psalter. Nach unserer Vermuthung (Ps. 92, 4) ist es das klagende Instrument der „welkenden," „hinsterbenden" Empfindung. Noch mit dem Klag-Instrument in Händen, danke ich dir für deine „Treue," daß du nicht das Auge über meine Verirrung zugedrückt, sondern mich durch Leiden in den aufwärts führenden Pfad der תשובה hast geleitet, und dich da wahrhaft als אלק' mir gezeigt, und was ich in dieser Schule unter deiner Leitung gelernt, das singe ich dann in Psalmen dir als dem „Heiligen Israels," als Dem, der ja ganz so, wie du mir, dem Einzelnen, gegenüber dich bewährt, von dem ganzen Volke mit huldigender, voller Hingebung des ganzen Seins und Wollens als: „der Heilige" erkannt werden will.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 23. תרננה וגו'. Mein ganzes Wesen ist fröhlich, daß meine Seele dir wieder singen kann. Daß ich dir wieder singen kann, das ist mein Entzücken: denn mein seelisches Wesen war ja in Gefahr unterzugehen, war dem Untergange bereits „verfallen" und du hast es „ausgelöst" (Siehe Ps. 31, 6).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 24. גם לשוני, und auch meine ganze gewöhnliche Rede (nicht nur mit כנור und נבל in der Hand) ist fortan Nichts als Ausdruck deiner צדקה, weil dann enttäuscht sein werden, weil dann in ihrer Nichtigkeit aufgedeckt sein werden, die eben jetzt in der Gegenwart nichts als mein Unglück suchen. Denn, als David dies aussprach, war ja die Rettung noch nicht da, er versetzte sich nur im Geiste in die Zeit seiner Wiedererhebung und Rettung, der er mit Zuversicht entgegen sah (V. 1).