Tehillim 42 תהילים

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1
לַמְנַצֵּ֗חַ מַשְׂכִּ֥יל לִבְנֵי־קֹֽרַח׃
BernfeldDem Sangmeister. Eine Betrachtung von den Söhnen Korah.
ZunzDem Sangmeister. Ein Gedicht. Von den Söhnen Korach.
HirschDem Siegverleiher, eine Belehrung von den Söhnen Korach's.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

Kap. 42, V. 1. משכיל: siehe Ps. 32, 1., somit ein Psalm, dessen Inhalt zum Gemeingut des Volkes werden soll. לבני קרח, בני קרח: Nachkommen jenes Mannes, der seinen Untergang in offner Empörung gegen Gott und Gottes für Israel geordnete Institutionen gefunden, und die nun wie wenige sonst mit der hellsten und wärmsten Begeisterung für Gott und Israels Bestimmung, Gott in Israels Mitte das Erkenntniß, Begeisterung und Hingebung weckende Gesangeswort zu sprechen verstanden. Die gottgeweihte Harfe war in Vieler Händen, aber aus wenigen tönen uns, wie aus der Koraiden Harfen so durchweg nationale Klänge, die aus der Brust der Nation heraus in Freud und Leid Gedanken und Gefühle zum Ausdruck bringen, welche den jüdischen Nationalgeist aller Zeiten zu bilden geeignet sind. Auch in diesem Psalm ist es כנסת ישראל, ist es die jüdische Nation im Exil, die ihre Sehnsucht nach Gott mit einem wehmuthsvollen Rückblick auf ihre einstige Vergangenheit zu stillen versucht, und sich zu der tröstenden Zuversicht erhebt, wie sie einst noch die Einsicht und Ueberzeugung gewinnen werde, daß auch die trüben Zeiten des Exils, in dem sie sich befindet, ihr nur zu ihrem wirklichen, wahrhaftigen Heile gereichen. Siehe 4. B. M. 26, 11 und Pent. daf. — [Es ist dort auf die Erläuterung zu K. 17, 3 hingewiesen. Allein im Commentar zu dieser Stelle ist im Drucke die Bemerkung ausgefallen, wie der durch die Verwendung der מחתות der korachische Empörer zum צפוי des Altares — wie wir glaubten — angedeutete Gedanke, daß die, eine Erschütterung des Gottesaltars beabsichtigende Empörung in ihren letzten Folgen nur zur Festigung des Altars dienen werde, in so großartiger Weise in der jüdischen Geschichte sich verwirklicht zeige. בני קרח לא מתו. Mitten in dem Untergange des Vaters und aller Seinigen retteten die Söhne Korach's sich zur Wiederhuldigung der Wahrheit, und damit zur Rettung aus dem Untergange empor, und das Erlebniß muß einen solchen gottdurchdrungenen Geist in ihnen geweckt haben, daß dieser auf Jahrhunderte hinab die thatkräftigsten und geistvollsten Stützen und Träger des von Gott durch Moses begonnenen Werkes erzeugte, dem ihr Vater mit seiner Empörung den Untergang hat bringen wollen. Samuel, dieser thatkräftigste Wiedererwecker des Thora=Geistes und der Pflichttreue im Volke, der gewürdigt wurde neben einem Moses und Aharon seine Stelle im Nationalgedächtniß zu erhalten (Ps. 99,6), so wie die begeisterungsvollen Nationalsänger, deren Vermächtniß wir in diesem und den folgenden Psalmen in Händen haben, waren die Nachkommen Korach's, des Empörers. So weist auch sonst die Ueberlieferung (Gittin 57, b) darauf hin, wie Nachkommen der größten Feinde und Zerstörer der jüdischen Heiligthümer öffentliche Lehrer des jüdischen Gesetzes wurden, von Hamans Kindeskindern stammten Thoralehrer in Bene Barak, von Sisera Jugendlehrer in Jerusalem, von Sancherib öffentliche Thoralehrer der jüdischen Gesammtheit: Schemaja und Abtaljan.] —

2
כְּאַיָּ֗ל תַּעֲרֹ֥ג עַל־אֲפִֽיקֵי־מָ֑יִם כֵּ֤ן נַפְשִׁ֨י תַעֲרֹ֖ג אֵלֶ֣יךָ אֱלֹהִֽים׃
BernfeldWie eine Hirschkuh nach Wasserquellen lechzt, so lechzt meine Seele nach dir, o Gott!
ZunzWie eine Hindin jammert nach Wasserquellen, so jammert meine Seele empor zu dir, o Gott!
HirschWie ein Reh ohnmächtig hinaufschmachtet zu Wasser=Sprüngen, so schmachtet meine Seele, Gott, zu dir.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 2. כאיל תערג. ערג kommt als Zeitw. nur hier und außerdem Joel 1, 20 גם בהמות שדה תערוג אליך vor. Man glaubt, es bedeute schreien, und bezeichne ebenso das eigenthümliche Geschrei des Rehes, wie שאג und נהם des Löwen, נער des Esels u. s. w. Allein erwägt man, daß in der angezogenen Stelle in Joel es nicht nur vom Reh, sondern von den Thieren im Allgemeinen, בהמות שדה, vorkommt, andererseits daß es dort ebenso wie hier speciell im Zusammenhange mit Wasser=Mangel steht, indem dort der Grund der ערוגה angegeben ist: כי יבשו אפיקי מים: so liegt die Annahme nahe, daß es vielmehr eine Wirkung des Wassermangels auf Thiere überhaupt bezeichnet. Außerdem kommt als Substantiv Hohelied 5, 13 und 6, 2: ערוגת הבשם, Gewürz=Beet, Ezech. 17, 9 und 10, aber offenbar als eine um einen Weinstock zu dessen besserer Bewässerung besonders bearbeitete und hergerichtete Bodenumgebung vor, ähnlich dem עוגיות der Mischna Moed Katan 2, a. אין עושין עוגיות לגפנים, welches nach Raschi und Aruch eine Kreisvertiefung um den Baum bedeutet, um das dem Baum gespendete oder gewordene Wasser demselben zu erhalten. Es heißt nehmlich in Ezech. להשקות אותה מערגות מטעה und כגעת בה רוח הקדים תיבש יבש על ערגות צמחה תיבש, es wird ihm die künstliche Bewässerungsvorrichtung nichts nützen. ת"י übersetzt auch dort ערוגה: עוגית. Auch hier steht also die Wurzel ערג mit einem Wasserbedürfniß in Zusammenhang, und dürfte daher auch ערוגת הבשם, ein Pflanzen=Beet bezeichnen, das nicht der Tränkung durch Regen überlassen bleibt, sondern durch künstliche Bewässerung gepflegt wird, und dafür besonders hergerichtet ist. Wir glauben daher in ערג das Bedürfniß nach Wasser: schmachten, zu erkennen und verweisen noch darauf hin, wie auch in der Mischna ein Feld, das der künstlichen Bewässerung bedarf (Moed Katan ebend.) בית השלחין heißt, das als לישנא דצחותא, als Ausdruck des Durstes, wie שלה, erläutert wird, das chald.: Ermattung bedeutet.

איל ist sonst männlich, es steht hier aber weiblich: תערוג, seine verschmachtende Schwäche bezeichnend אפיקי ,פיק: herauskommen, hervorkommen, mit vorgesetztem א, wie אגרוף: der hervorspringende Quell. Das Reh steht schmachtend in der Wüste in tiefem Grund, es hört in Felsenhöhe Wasserquellen rauschen, es kann aber nicht hinauf, es weiß den Quell in der Höhe, kann aber den Labetrunk, nach dem es lechzt, nicht erreichen: so Israel in den Leidenszeiten seines Exils; es weiß seinen Gott in der Höhe, weiß seinen Gott gegenwärtig, und fühlt sich doch fern, es fehlt ihm die Kraft sich zu ihm emporzuschwingen, fehlt ihm die Kraft seine Nähe zu gewinnen. על אפיק' wie על ד' (Sam. I. 1,10).

3
צָמְאָ֬ה נַפְשִׁ֨י ׀ לֵאלֹהִים֮ לְאֵ֢ל חָ֥֫י מָתַ֥י אָב֑וֹא וְ֝אֵרָאֶ֗ה פְּנֵ֣י אֱלֹהִֽים׃
BernfeldEs dürstet meine Seele nach Gott, nach dem lebendigen Gott; wann werde ich kommen und vor dem Antlitz Gottes erscheinen?
ZunzEs dürstet meine Seele nach Gott, nach dem lebendigen Gott; wann werd' ich kommen und erscheinen vor dem Antlitze Gottes?
HirschEs durstet meine Seele zu Gott, zum lebendigen Gott; wann werde ich wieder kommen und mich erblicken vor Gottes Angesicht!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 3. צמאה וגו', seine Seele dürstet nach Gott, nach dem „lebendigen Gott,“ im Gegensatz zu den „todten“ Göttern der es umgebenden Völker, es dürstet nach der Zeit wo es wieder „heimkommen“ und sich wieder erblicken wird vor dem Angesicht Gottes (siehe Pent. 2. B. M. 23, 17), wo es sich wieder bewußt sein wird, daß Gott nicht in hoher Ferne, daß Gott ihm liebend nahe ist, und es sich in seiner ganzen Gesammtheit vor Gottes Angesicht weiß und sich vor Gottes Angesicht vereinigt erblickt.

4
הָֽיְתָה־לִּ֬י דִמְעָתִ֣י לֶ֭חֶם יוֹמָ֣ם וָלָ֑יְלָה בֶּאֱמֹ֥ר אֵלַ֥י כׇּל־הַ֝יּ֗וֹם אַיֵּ֥ה אֱלֹהֶֽיךָ׃
BernfeldMeine Träne ist meine Speise geworden Tag und Nacht; wenn man zu mir alle Tage spricht: Wo ist dein Gott?
ZunzMeine Thräne ist meine Speise geworden Tag und Nacht, wenn man zu mir spricht den ganzen Tag: Wo ist dein Gott?
HirschEs ward mir meine Thräne Brod Tags und Nachts, indem man den ganzen Tag zu mir spricht: wo ist dein Gott?
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 4. היתה וגו'. Die Sehnsucht nach Gott hat ihm das Bedürfniß nach anderer Nahrung genommen, seine Thräne ist ihm sein Brod geworden, und die Thräne wird immer neu geweckt durch den unaufhörlichen Völker=Spott, den es zu erdulden hat. Dieser Spott heißt: איה אלהיך. Die jüdische Nation steht betrübt abseit. Der Völkerjubel zieht an ihr rauschend vorüber. Sie mischt sich nicht in den Geschichts=Reigen der Nationen, weil sie sich Gott angehörig weiß und bekennt. Dieses Bekenntniß zieht ihr den Spott der Menge zu: wo ist denn der Gott, nach dem du dich nennst, auf den du wartest wie eine verlassene Braut; er hat längst dein vergessen, du vertrauerst deine Gegenwart um eine Zukunft, die nie kommt, du opferst die Wirklichkeit um ein Traumbild, mit welchem thörichter Hochmuth dich gaukelt —

5
אֵ֤לֶּה אֶזְכְּרָ֨ה ׀ וְאֶשְׁפְּכָ֬ה עָלַ֨י ׀ נַפְשִׁ֗י כִּ֤י אֶעֱבֹ֨ר ׀ בַּסָּךְ֮ אֶדַּדֵּ֗ם עַד־בֵּ֥ית־אֱלֹ֫הִ֥ים בְּקוֹל־רִנָּ֥ה וְתוֹדָ֗ה הָמ֥וֹן חוֹגֵֽג׃
BernfeldDaran denke ich, und ich werde wehmütig gestimmt: da ich einher zog in der Menge, mit ihnen wallte zum Gotteshause, mit der Stimme des Jubels und des Dankes in der festlichen Schaar.
ZunzDaran will ich gedenken und ausschütten in mir meine Seele; da ich einherzog in der Menge, mit ihnen wallete zum Gotteshause, mit der Stimme des Jubels und des Dankes, eine festliche Schaar.
HirschGerne gedenke ich, — ergießt sich auch dabei über mich meine Seele, — wie ich Scheidewände durchbrach, sie mir in langsamem Zuge heranzog bis zum Gotteshause hin, mit lautem Jubel und Dank eine zum Festeskreis sich sammelnde Menge —
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 5. אלה וגו', אלה: die Bilder aus der Vergangenheit, die sogleich im Verse geschildert werden. ואשפכה עלי נפשי, עלי: aus Schmerz und Trauer über mich, gieße ich wie aufgelöst meine Seele hin. So Hiob 30, 16. עלי תשתפך נפשי. Während die Völker meiner erniedrigten freudelosen Gegenwart spotten, weile ich gerne in der Erinnerung an vergangene Herrlichkeiten, wie wehe mir auch bei diesen Erinnerungen wird. סכך von סך, das decken, aber auch scheiden heißt, so מסך הפתח (2. B. M. 35, 15), ויסך בדלתים ים (Hiob 38, 8). Ebenso סוך: ישר ממסוכה (Micha 7, 4) auch mit ש: הסר משוכתו (Jes. 5. 5). אדדם, דדה: der langsam fortschreitende Gang, insbesondere das noch trippelnde Gehen der Kinder. Im Munde der Weisen ganz besonders von der Mutter, die ihr im Gehen noch ungeübtes Kind langsam führt: מדדה אשה את בנה (Sabbath 128, b). אדדם: Hithpael mit Suffixum, so viel als והתנחלתם אותם, wo das Reflexive אדדה אותם wie den Dativ ausdrückt: ihr sollt sie euch vererben, so: אדדם: ich führe sie mir in langsamen Zügen zu. Israels Erinnerung weilt bei dem Glanzpunkt seiner vergangenen Herrlichkeit, den רגלים=Festen, wo die ganze Nation aus allen ihren Gauen zu dem Einen Mittelpunkt, dem Gesetzesheiligthum in Jerusalem hinauf wanderte, und sich als das einheitliche Gottesvolk um Gottes Gesetz versammelte. Dieser Allen gemeinsame Zug, der sie alle zu dem Einen Heiligthum in gleicher Mächtigkeit hinzog, und sie Alle, den König wie den Bettler, den Gelehrten wie den Handwerker, den Kaufmann wie den Landmann, in völlig gleicher Verpflichtung und völlig gleicher Würdigung vor Gott und seinem Gesetze vereinigte, ließ damit alle Unterschiede, alle Scheidewände schwinden, die in der Vereinzelung Stand und Vermögen, Beruf und Fähigkeit sonst zwischen Bürger und Bürger erhob. Israel sieht sich als כנסת ישראל, als das geistige Ideal der jüdisch nationalen Einheit, als die geistige Mutter der jüdischen Gesammtheit, wie sie אעבר בסך, wie sie zur Wanderzeit der רגלים von Zions Höhe herab alle Scheidewände durchbrach, wörtlich: durch jede Scheidewand ging, אדדם, sie, wie eine Mutter ihre Kinder, in langsamen Wanderzügen zu sich herbei pilgern läßt, um sie ihrem Vater, um sie עד בית אלקים, um sie ihrem Vater in seinem Hause zuzuführen, המון חוגג: als die sich zum Festkreis um Ihn und sein Heiligthum schaarende Menge (Siehe Pent. 2. B. M. 5, 1).

6
מַה־תִּשְׁתּ֬וֹחֲחִ֨י ׀ נַפְשִׁי֮ וַתֶּהֱמִ֢י עָ֫לָ֥י הוֹחִ֣לִי לֵ֭אלֹהִים כִּי־ע֥וֹד אוֹדֶ֗נּוּ יְשׁוּע֥וֹת פָּנָֽיו׃
BernfeldWas bist du, meine Seele, gebeugt und jammerst in mir? Harre auf Gott, denn noch werd ich ihm danken das Heil seines Antlitzes.
ZunzWas beugst du dich, meine Seele, und jammerst in mir? Harre auf Gott, denn noch werd' ich ihm danken das Heil seines Antlitzes!
HirschWas beugst du dich meine Seele, wenn dir bange wird um mich? Harre zu Gott, denn noch werde ich ihm danken die Heilesverleihungen Seines Angesichtes.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 6. מה וגו'. Doch Israel ermannt sich und spricht zu seiner Seele: was beugst du dich, wenn dir wehe um mich wird, harre zu Gott, denn es kommt noch einmal eine Zeit, wo ich Ihm danken werde, für die Heilesverleihungen, die פניו, die Er nach Seinem Angesichte, d. i. nach den Zielen Seiner Waltung mir gewährt haben wird. V. 12 heißt es: ישועות פני, in diesem Wechsel liegt der Kernpunkt des ganzen Kap. Siehe das.

7
אֱֽלֹהַ֗י עָלַי֮ נַפְשִׁ֢י תִשְׁתּ֫וֹחָ֥ח עַל־כֵּ֗ן אֶ֭זְכׇּרְךָ מֵאֶ֣רֶץ יַרְדֵּ֑ן וְ֝חֶרְמוֹנִ֗ים מֵהַ֥ר מִצְעָֽר׃
BernfeldMein Gott es ist meine Seele gebeugt. Weil ich dein gedenke aus dem Jordanlande und den Hermongipfeln, von dem kleinen Berge.
ZunzMein Gott! es beugt sich in mir meine Seele. Darum gedenke ich dein aus dem Lande des Jarden und den Chermon-Gipfeln, von dem kleinen Berge.
HirschMein Gott! Über mich beugt sich meine Seele, darum gedenke ich Dein vom Jarden=Lande her, wo Hermonsgipfel aus winzigem Gebirge sich emporheben.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 7. אלקי וגו'. Wenn sich Israels Seele im Exil nieder beugen will, dann gedenkt es Gottes vom jüdischen Lande her, d. h. von den Zeiten, wo es noch im eignen Lande war, und dort Gottes schützende und segnende Gegenwart gewahrte. Dieses jüdische Land stellt sich ihm im Geiste als das „Jarden=Land“ da, wo sich die „Hermonsgipfel aus niedrigem Gebirge“ erheben. Das Israel, dessen Gedanken und Geschichte dieser Psalm zum Ausdruck bringt, sieht er im babylonischen Exil, nordöstlich von Palästina. Von dort im Geiste südwestlich nach dem jüdischen Lande hinschauend, trifft der Blick zunächst die nordöstliche Gränze von Palästina, wo am Fuße des Antilibanons die Jardensquellen liegen und sich das Hermonsgebirge erhebt. Daher diese Bezeichnung.

8
תְּהוֹם־אֶל־תְּה֣וֹם ק֭וֹרֵא לְק֣וֹל צִנּוֹרֶ֑יךָ כׇּֽל־מִשְׁבָּרֶ֥יךָ וְ֝גַלֶּ֗יךָ עָלַ֥י עָבָֽרוּ׃
BernfeldEine Flut ruft der anderen bei dem Rauschen deiner Wasserfülle, all deine Brandungen und deine Wogen gingen über mich hin.
ZunzEine Fluth ruft der andern bei dem Rauschen deiner Wasserröhren, all deine Brandungen und deine Wogen, sie fahren über mich hin.
HirschAuch jetzt ruft Gewoge Gewoge hin zu gehorchen deinen Leitungen, sind's alle deine Wogenbrüche und deine Wellen, die über mich hingegangen —
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 8. תהום וגו' allein auch jetzt und hier, wo ich nicht wie einst im hohen JardenLande deine Gegenwart sichtbar um mich habe, wo Leiden wie Woge auf Woge sich thürmend folgen (— fluthendes Gewässer ist ja im heil. Schriftthum ein sehr gewöhnliches Bild für Leiden —), da ruft doch eine Woge die andere hin zum Gebote deiner Leitungen, eigentlich: deiner Kanäle. Wer das große wogende Meer erblickt, dem erscheint es als eine regellose Masse in überwältigender Mächtigkeit, und doch bewegt sich der ganze Ocean in gemessener Regelmäßigkeit wie eine Uhr. Gottes Allmachtsgesetz leitet die ungeheure Wogenmasse wie der Mensch eine geringe Wassermenge in künstliche צנורים, in künstliche Kanäle leitet. So scheinen auch dem oberflächlichen Blick die einander in immer größerer Mächtigkeit folgenden Leidenswogen der mich treffenden Zeitereignisse in herrenlosem Ungestüm herbei zu brausen, und doch bist du der stille Leiter, und doch „ruft eine Zeitenwoge die andere hin zum Gebote deiner Leitungen,“ zwingt ein Ereigniß das andere sich in das Geleise hineinzubewegen, das du den Gängen der Zeiten gelegt, כל משבריך וגליך עלי עברו, משברים: Wogen, die an einen Felsen wie in der Absicht ihn zu brechen anprallend, durch ihn gebrochen werden, die also durch das gebrochen werden, was sie brechen wollen. גלים: die rollenden Wellen, die das, was ihnen gegeben ist, leicht und widerstandlos fortbewegen. Alle uns treffende Ereignisse wollten uns entweder brechend zerstören: משבר, oder uns mit sich fortreißen, daß wir aufhören, das standhafte Gottesvolk zu sein. Es war aber alles vergebens, עלי עברו: sie sind über mich hingegangen, und ich bin geblieben, warum? weil es deine משברים und deine גלים gewesen, Du hast es nicht gelitten, daß die Zeitereignisse uns brachen, daß die Zeitereignisse uns fortrissen.

9
יוֹמָ֤ם ׀ יְצַוֶּ֬ה יְהֹוָ֨ה ׀ חַסְדּ֗וֹ וּ֭בַלַּיְלָה שִׁירֹ֣ה עִמִּ֑י תְּ֝פִלָּ֗ה לְאֵ֣ל חַיָּֽי׃
BernfeldAm Tage entbietet der Herr seine Gnade, und in der Nacht ist sein Lied bei mir, ein Gebet zu meinem Gotte.
ZunzTages entbiete der Ewige seine Gnade, und in der Nacht ist sein Lied bei mir ein Gebet zu dem Gotte meines Lebens.
HirschTag's, so bestellt Gott seine Liebe, und auch in dieser Nacht ist sein, des Unsichtbaren, Lied bei mir, Gebet zum Gotte meines Lebens,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 9. יומם וגו', so ist auch im גלות Gottes שכינה bei mir, und gewahre ich, wenn gleich in nur zu ahnender Unsichtbarkeit seine Waltung. יומם: tagt es, d. i. lichtet sich etwas die Exilsnacht, habe ich etwas hellere Zeiten, so ist es Gott, der darin mir seine Liebe bestellt, aber auch בלילה, in solcher Nacht, wie ich sie jetzt um mich fühle, ist שירה, das ihn in der Unsichtbarkeit schauende Lied bei mir. Mit ה, dem Zeichen der „Weiblichkeit,“ wo כביכול, חש כחו, wo Gott sich nicht in seiner Mächtigkeit zeigt (Vgl. 4. B. M. 11, 15), und mein ganzes heiteres und trübes Sein gestaltet sich zu תפלה לאל חי', in meinen heitern und trüben Tagen suche ich mich emporzuarbeiten zu der rechten Erkenntniß Gottes, der die Kraftquelle meines Lebens ist.

10
אוֹמְרָ֤ה ׀ לְאֵ֥ל סַלְעִי֮ לָמָ֢ה שְׁכַ֫חְתָּ֥נִי לָֽמָּה־קֹדֵ֥ר אֵלֵ֗ךְ בְּלַ֣חַץ אוֹיֵֽב׃
BernfeldDarf ich zu Gott, meinem Helfer, sprechen: Warum hast du mich vergessen? warum soll ich betrübt einhergehen unter dem Druck des Feindes?
ZunzIch will sprechen zu Gott, meinem Helfer: Warum hast du mich vergessen? warum soll ich betrübt einhergehen unter dem Druck des Feindes?
Hirschspreche zu Gott, meinem Fels: wozu hättest du mich vergessen? Warum soll denn betrübt ich gehen beim Druck des Feindes?
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 10. אומרה וגו', ich spreche gerne zu Gott, meinem Fels, d. i. zu Gott, der mich über die Zeiten=Wogen hoch empor zu halten pflegte: zu welchem Zwecke solltest du mich vergessen haben? Und da ich dies im Widerspruch fühle mit Allem, was ich von dir weiß, so sage ich: aus welchem Grunde sollte ich denn trübe einhergehen, wenn der Feind mich drängt (Ueber מלרע למה und מלעיל למה siehe Pent. 2. B. M. 32. 11. 12).

11
בְּרֶ֤צַח ׀ בְּֽעַצְמוֹתַ֗י חֵרְפ֥וּנִי צוֹרְרָ֑י בְּאׇמְרָ֥ם אֵלַ֥י כׇּל־הַ֝יּ֗וֹם אַיֵּ֥ה אֱלֹהֶֽיךָ׃
BernfeldEs ist wie ein Mordstoß in meine Gebeine, wenn mich meine Feinde höhnen, wenn sie mich alle Tage fragen: Wo ist dein Gott?
ZunzMit Mordstoß in meine Gebeine höhnen mich meine Feinde, wenn sie zu mir sprechen den ganzen Tag: Wo ist dein Gott?
Hirschwenn bei dem Mord in mein Gebein meine Dränger mich schmähen, indem sie den ganzen Tag zu mir sprechen: wo ist dein Gott?!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 11. ברצח וגו'. Wenn bei dem Mord in meine Gebeine, d. i. indem sie den Mordstahl in meine Gebeine senken, sie dies mit der höhnenden Frage verbinden: wo ist denn nun dein Gott? Daraus, daß ich ihren Mißhandlungen hilflos preisgegeben bin, schließen sie zu meinem Hohn, daß ich das von Gott verworfene Volk bin, und sie an mir. nur Das vollbringen, was Gott über mich meiner Verworfenheit halber verhängt habe:

12
מַה־תִּשְׁתּ֬וֹחֲחִ֨י ׀ נַפְשִׁי֮ וּֽמַה־תֶּהֱמִ֢י עָ֫לָ֥י הוֹחִ֣ילִי לֵ֭אלֹהִים כִּי־ע֣וֹד אוֹדֶ֑נּוּ יְשׁוּעֹ֥ת פָּ֝נַ֗י וֵאלֹהָֽי׃ {פ}
BernfeldWas bist du gebeugt, meine Seele und was jammerst du in mir? Harre auf Gott, denn noch werde ich ihm danken, dem Heil meines Antlitzes und meinem Gotte.
ZunzWas beugst du dich, meine Seele, und was jammerst du in mir? Harre auf Gott, denn noch werd' ich ihm danken, dem Heil meines Antlitzes und meinem Gotte.
HirschWas beugst du dich meine Seele, warum ist dir bange um mich? Harre zu Gott, denn noch werde ich ihm danken die Heilesverleihungen meines Angesichtes und als meinem Gott.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 12. מה תשתוחחי וגו'. Oben V. 6 hieß es; מה תשתוחחי וגו' ותהמי וגו', hier aber ומה תהמי עלי. Jetzt sagt sich Israel, daß es gar keine Ursache habe, unruhig und bange um sich zu sein. הוחילי וגו' ישועת פני וגו'. Oben hieß es: ישועות פניו, die Heilesverleihungen, die er nach Seinen Zwecken mir angedeihen läßt, und sind da noch Gottes Zwecke im Gegensatz zu den von uns angestrebten Zwecken gedacht, die wir allerdings, wenn gleich mit Schmerz und Ergebung seinen Zwecken unterordnen. Hier aber hat sich Israel zu der Erkenntniß emporgeschwungen, daß es einst noch einsehen werde, wie in Wahrheit ישועת פניו: ישועת פני, gewesen, zwischen Gottes Zielen und den von uns in Wahrheit anzustrebenden Zielen gar kein Gegensatz vorhanden ist, alle, auch die trübsten Exileszeiten nur unserm wirklichen, wahrhaftigen Heile, und der mit unserer ganzen weltgeschichtlichen Sendung zu verwirklichenden Bestimmung gedient, Er mit Allem sich nur als אלקי, als der weltgeschichtliche Schöpfer, Lenker und Leiter Israels bewährt hat, wie er es von Anfang unserer Geschichte von je gewesen. Israel hat daher gar keinen Grund zur המיה und hat nicht nur für ישועת פניו sondern in ihnen zugleich für ישועת פני zu danken.