Tehillim 40 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 40. V. 1. לדוד מזמור siehe Ps. 25, 1. Nach der Lehre der Weisen (Pesachim 117 a) bezeichnet לדוד מזמור das שרתה עליו שכינה ואחר כך אמר שירה, daß nicht wie bei מזמור לדוד David auf den Flügeln des Gesanges die in der Gottes-Nähe zu findende Begeisterung gesucht, sondern er von vorherein der Gottes-Nähe und der Begeisterung gewürdigt worden, und in Folge dessen, die in ihm lebendig gewordenen Gedanken und Gefühle in Gesang ausgesprochen habe. Lesen wir dieses Kap. bis über die Hälfte, so würden wir glauben, David habe, als er diese Worte sprach, auf der Höhe des ungetrübtesten Glückes sich befunden. Lesen wir jedoch von V. 12 bis zum Schluß, so ist es vielmehr eine höchst bedrängte, Gefahr drohende und schleunige Rettung heischende Lage in welcher ihn die Erinnerung an die mannigfaltige Rettung, die Gott ihm bereits in ähnlichen Lagen erwiesen, sofort auf die Höhe der Begeisterung hob und ihn vor Allem freudig gedenken ließ, wie er die Erfahrungen solcher Waltungs-Nähe Gottes für die eigene, geistige und sittliche Veredlung und für die Belehrung seines Volkes, ja der allgemeinen Menschen-Gemeine zu verwerthen bestrebt war. Mitten in Elend und Gefahr hat ihn daher die Gottesbegeisterung erfaßt und sich ihm wahrhaft als מנצח, als Den erwiesen, der es versteht, mit geistiger Kraft über alles Elend in der Erden-Niedere siegreich emporzuheben und das Liedeswort freudigster Begeisterung in den Mund zu legen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. קוה קויתי ד', קוה: zusammengesetzt aus קל und פיעל, קל: das Hinstreben zu Gott, פיעל, mit Accus.: das Streben Gott uns näher kommen zu lassen. Also: oft schon habe ich gehofft, daß, so wie ich mich zu Gott hinauf hob, also Gott auch mir sich nahen werde, und meine Hoffnung hatte mich nicht getäuscht, er hat sich mir zugeneigt und mein Flehen erhört.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. ויעלני וגו'. שאון von שאה: öde werden, שאו ערים (Jes. 6, 11). Auch die geistige Oede, die Unklarheit, ja die gänzliche Abwesenheit der Gedanken: והאיש משתאה לה (1. B. M. 24, 21). Aehnlich auch von שמם: ישתומם לבי' Ps. 143, 4). — טיט Schmutz
15* Schlamm, davon טאטא Pielform wie דשן: Schmutz entfernen, auskehren (Jes. 14, 23). יון die Etymologie ist zweifelhaft, dem Zusammenhang nach heißt es: zähe. Ich war in eine Tiefe gerathen, in welcher mir die Besinnung geschwunden war, und wo die mich fesselnden Schwierigkeiten so groß waren, daß ich meine Schritte ihnen nicht entwinden konnte. Da hat Gott mich hinaus gehoben, hat — in vollem Gegensatz zu einer solchen Lage, — mich auf sichere Höhe geführt, mich aufrecht gestellt und meinen Schritten die feste gerade Richtung wieder gegeben.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. ויתן בפי וגו', und ließ mich da ein neues Lied finden, nicht das Lied, das die Freude spendenden Liebesthaten, sondern, das Gottes strahlende Größe indem er richtet singt, das eben singt, wie Gott gerade dann die höchste Liebe übt, wenn seine richtende Hand uns erziehende Leiden sendet. Er gab mir solches Lied in den Mund, daß an meinem Beispiel, „auf mich sehend,“ die Menge lerne, in dem Augenblick in welchem sie Gott fürchten, zugleich auf Gott zu vertrauen, Gott, der ja, indem er als אלקי' sein Richteramt an uns übt, als ד' ewig bereit ist, uns in eine reinere, heitere Lebenszukunft emporzuhelfen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. אשרי וגו', אשר שם, der Gott fest gestellt hat für immer als den Quell seines Vertrauens, der in keiner Lage aufhört auf Gott zu vertrauen, der auch in Gefahr und Noth nur von Gott Hilfe erwartet, und sich nicht an רהבים ושטי כזב wendet. רהב, verw. mit רחב, das erweiterte רוב (so viel als רבב, Wurzel von רב: viel, groß), wie כהן und כן, בהן und בון: machtstolz sein, ירהבו הנער בזקן (Jes. 3, 5) רהב הם שבת (Jes. 30, 7). שטי' von שוט gleichbedeutend mit שטה, Jemandem untreu werden, sich von ihm in Untreue abwenden. רהבים ושטי כזב sind machtstolze Menschen, die uns zuerst Vertrauen einflößen, und dann, wenn wir ihrer bedürfen, sich in Untreue und Täuschung von uns abwenden.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. רבות עשית וגו' ist bis אלינו ein Satz. Große und Viele — beides bedeutet ja רב (siehe Pent. 1. B. M. 28, 23) — Wunder und Gedanken hast du für uns vollbracht. נפלאות: offenbare Wunder. מחשבות: Gedanken, die wir nur aus dem Erfolg der Ereignisse ahnend erschließen. Wie groß und viel sind die offenbaren Wunder und mehr noch die von uns nur geahnten Gedanken, die du ד' אלקי, wie du sie als „mein“ Gott, in fürsorgender Leitung m e i n e r Geschicke, also אלינו, überhaupt für uns Alle vollbracht hast. אין ערך אליך, ערך אל: etwas Jemandem entsprechend entgegen bringen. Etwas der Größe deiner Wohlthaten Entsprechendes dir zu entgegnen, ist unmöglich, selbst sie zu schildern, ja auch nur einfach auszusprechen übersteigt unsere Kraft.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. זבח ומנחה, und wollte ich, wo das Wort nicht reicht, die Symbolhandlungen des Opfers zu Hilfe zu nehmen, und, wie du das תודה, das Dankopfer (3. B. M. 7, 12) angeordnet, זבח ומנחה dir bringen, so ist es doch nicht זבח ומנחה das du gewollt, indem du זבח ומנחה angeordnet. Es heißt nicht: בזבח ובמנחה לא חפצת, du hast kein Wohlgefallen an זבח ומנחה, sondern Accusativ: זבח ומנחה לא חפצת: indem du uns זבח ומנחה vorgeschrieben, ist זבח ומנחה nicht das damit Bezweckte, sondern אזנים כרית לי: Gehorsam erwartest du von mir, eine Sprache zu unser Ohr soll jedes Opfer sein, soll zu treuem Gehorsam, zu größerer Pflichttreue gegen Gott veranlassen. עולה וחטאה: symbolische Emporweihe und wirklichen Leichtsinn, hast du wahrlich nicht gewollt. Es steht nicht חטאה, das noch allenfalls, obgleich auch dann ohne Beispiel, Sündopfer heißen könnte, חטאה heißt aber entschieden nur Sünde, Leichtsinn. Für Sünde giebt es zwei Formen: חטאה und חטאה, für Sündopfer aber nur die eine einzige Form: חטאת. Schon mit dieser einzigen Thatsache fällt Alles zusammen, was man aus diesem Vers für eine vorgebliche „Davidische Reform“ herleiten zu können vermeint hat, als ob David den Werth des Opfercultus herab gesetzt hätte. Ausdrücklich gilt sein Wort nur der mißbräuchlichen Auffassung, als ob Opfer ohne sittliche Besserung genügen könnte (Siehe Pent. 1. B. M. S. 94. 3. B. M. 10, 1).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 8. אז אמרתי וגו': nachdem ich mir vergegenwärtigt hatte, wie jedes Opfer nur die Pflichtanforderung an uns auf's neue vergegenwärtigen und unsere Hingebung an diese Pflicht auf's neue wecken soll, da sprach ich: ich bin dahin gekommen, d. h. ich habe Das gefunden, womit wir einzig und allein den zahllosen göttlichen Wohlthaten unserer Seits begegnen können: במגלת ספר וגו', es kann nicht für mich, es kann für Keinen von uns zweifelhaft sein, was Gott von uns für Alles, was Er für uns thut, erwartet, klar und deutlich steht es במגלת ספר, d. i. in der תורה geschrieben עלי: was mir obliegt. Vgl. הרבו עלי מהר ומתן (1. B. M. 39, 12), כל מחסורך עלי (Richter 19, 20). במגלת ספר, nicht in einem etwa nur den Gelehrten zugänglichen, in Bibliotheken zu findenden ספר במגלת ספר, in einer populären, Jedem zugänglichen Bücherrolle finden wir unsere Pflichten verzeichnet.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 9. לעשות וגו', indem ich daher, deinen Willen zu erfüllen, mein ganzes Wollen sein ließ, nahm ich deine תורה in mein Inneres auf, ward תורה-Lernen meine heiligste Angelegenheit, und zwar so lernen, daß Gottes Gesetz mir gleichsam in Fleisch und Blut überging, all mein Sein, Denken und Wollen beherrschend und gestaltend durchdrang.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10. בשרת' וגו'. Nachdem ich aber zuerst mich selber ganz mit Gottes Gesetz durchdrungen hatte, suchte ich den weiten, weitesten Kreis, — für welchen die Thatsache, daß es ein Gottes-Gesetz für das ganze Einzeln- und Gesammtleben des Menschen gebe, von dessen Erfüllung allein das Einzeln- und Gesammtheil bedingt sei, ein ganz „Neues,“ eine בשורה, eine Botschaft ist, — für die gleiche Erkenntniß und Hingebung zu gewinnen, und suchte — mit meinen Gesängen — ein Herold des צדק an die Menschheit zu werden. צדק ist ja das in der תורה geoffenbarte Gottes-Ideal für die Gestaltung aller Menschenverhältnisse und Beziehungen auf Erden.
Das war die Frucht der mir von Gott bereits in der Vergangenheit gewordenen, prüfenden, erziehenden und rettend beglückenden Führungen, und du weißt es, Gott, auf diesem Wege werde ich nicht stehen bleiben. Alle ferneren Erfahrungen der väterlich führenden Gottes-Liebe und Gerechtigkeit werden in meinem Munde zu Menschen belehrenden und Menschen gewinnenden Liedes-Worten sich gestalten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 11. צדקתך וגו'. Und wie ich die Heroldschaft der Menschenbestimmung im großen Menschen-Kreise geübt, so habe ich auch nicht verschwiegen, was du m i r gethan, wie ich das, was ich geworden bin, nur deiner צדקה, deiner Milde verdanke, wie ich deine אמונה, deine erziehende Treue in meinen innern Kämpfen, und תשועתך, deine Sieg verleihende Hilfe in den äußern Kämpfen erfahren, habe demselben großen Kreis, dem ich die Botschaft der צדק-Bestimmung des Menschen vermittelte, auch nicht die Erkenntniß deiner חסד ואמת-Waltung (siehe Ps. 25, 10) vorenthalten.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 12. 13. אתה ד'. Du bist doch noch jetzt und immer ד', mögest du auch jetzt dein Erbarmen mir nicht verschließen, möge dein חסד und dein אמת mich immerdar bewahren. —נצר ist mehr ein Zurückhalten von jeder Selbstverderbniß und von innerem zu Grunde gehen, als ein Schützen vor äußerem Verderben. Denn wieder sind Leiden ohne Zahl auf mich eingedrungen, und weil ich das Bewußtsein in mir trug, daß diese Leiden durch meine Verirrungen herbeigeführt sind, habe ich den Geistesblick und die Gemüthes=Ruhe verloren.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 14—16. רצה וגו'. Darum appellire ich an Dich, der du als ד' stets bereit bist, jedem aufrichtig zu dir sich Wendenden die Pforten einer neuen Zukunft zu eröffnen. Mögest du mich retten, so daß meine Gegner, die dich nicht kennen und in meiner jetzigen Lage schadenfroh meinen nahen Untergang erblicken, auf's tiefste sich getäuscht und beschämt finden. האח האח Siehe Ps. 35, 21. ישמו von שמם, geistig veröden, alle Besinnung verlieren. Vgl. V. 3.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 17. ישישו וגו'. Dagegen werden Alle, die Gottes Waltung in den Ereignissen und Geschicken der Menschen suchen, sich freuen, in meiner Rettung eine Bestätigung ihrer Hoffnungen und Ueberzeugungen zu finden. יגדל ד': Nichts reicht an die Größe hinan, mit welcher Gottes ewig neuschöpferische Liebe, den in äußern und innern Kämpfen verlorensten Menschen wieder emporzurichten weiß.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 18. ואני וגו' אדני יחשב לי, Gott, der mein Herr ist, in dessen Dienst ich trotz meiner gegenwärtigen Erniedrigung bleibe, Er wird für mich denken, für mich „rechnen,“ er weiß allein, welche Gestaltung meiner Verhältnisse für die Zwecke seines Dienstes die geeignetste ist.