Tehillim 147 תהילים

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1
הַ֥לְלוּ־יָ֨הּ ׀ כִּי־ט֭וֹב זַמְּרָ֣ה אֱלֹהֵ֑ינוּ כִּי־נָ֝עִ֗ים נָאוָ֥ה תְהִלָּֽה׃
BernfeldHalleluja! Wahrlich, schön ist es unsern Gott zu lobpreisen, wahrlich, lieblich; ihm geziemt Lobgesang.
ZunzHallelujah. Denn schön ist's, unserm Gott saitenspielen, denn lieblich; ihm geziemt Lobgesang.
HirschHallaluja! Denn es thut wohl unserm Gott zu singen; denn süß ist es, wenn das Thatenlob entsprechend ist.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

Kap. 147, V. 1. Wie der vorige Psalm für den Einzelmenschen, insbesondere für den einzelnen jüdischen Menschen, von dessen von seinem Ahn Jaakob ererbten heitern Gottvertrauen in den wechselnden Geschicksgängen des Lebens gesungen, und mit dem Ausspruch geschlossen, daß die in Zion niedergelegte Bezeugung von Gottes Lenkung unserer Geschicke und Leitung unserer Handlungen für alle unsere Geschlechter ihre Geltung bewahren: so will dieser Psalm der jüdischen Gesammtheit in ihrem Erilesgeschicke das heiter aufrichtende Bewußtsein von ihrer dauernden und zukunftsichern Beziehung zu Gott und ihrer unverlierbaren Heroldschaft des göttlichen Wortes in Mitte einer der Erkenntniß des Wahren und Rechten entbehrenden Menschheit bringen. Die Gottesstiftung „Jeruschalaim" hat (V. 2) mit unserm Exil nicht ihr Ende gefunden, sondern geht ihrer einstigen großen Vollendung entgegen. Nicht nur (V. 3) für den Einzelschmerz, auch für die nationalen Wunden hat Gott Balsam bereit, und (V. 4) wie jeder Stern im Sternenheer des Himmels unter unmittelbarer Gottesleitung steht, so kennt Gott jeden Sohn seiner Zerstreuten und hat sein bewachendes und leitendes Auge auf ihn. Denn (V. 5—11) wie die macht- und glanzlose Erscheinung dieses zerstreuten Volkes in ihrer Bescheidenheit den andern macht- und kraftgerüsteten Völkern gegenüber auch in den Schatten tritt, so sind es doch nicht diese Güter, deren Besitz den Stolz der Völker ausmacht, und deren Entbehrung Israels Erniedrigung vor den Menschen bewirkt, in welchen Gott Bausteine für seine Heileszwecke auf Erden erblickt, sondern es sind eben die geistigen und sittlichen Güter, welche Israel in seinem Erilesgeschicke zu pflegen und zu bewähren hat, und es ist (V. 12—20) vor allem Ein Gut, für dessen volle Verwirklichung Jeruschalaim-Zion einst wieder ersteht, es ist das Gesetz, dessen einziger Depositair Israel ist und bleibt, das Gesetz, durch welches Gottes Wort durch freie Anerkennung und Huldigung also zur beherrschenden Gestaltung aller Verhältnisse der Menschenwelt auf der Basis der Wahrheit, der Sittlichkeit und des Rechts gelangen soll, wie dasselbe bereits seit der Schöpfung und noch vor unsern Augen mit unwandelbarer Allmacht in den Gestaltungen der natürlichen Welt herrscht.

כי טוב זמרה אלהינו, es ist wohlthuend, Gott als unsern Gott, als den Lenker unserer Geschicke und Leiter unserer Thaten in dem Tonausdruck unserer Gefühle hervortreten zu lassen, כי נעים, es ist mehr als טוב, es ist etwas Beglückendes, geistig Ergötzendes, wenn נאוה תהלה, wenn die Thehilla, der Ausspruch der Thatoffenbarungen Gottes, ihrem großen Gegenstande geziemend, entsprechend ist.

2
בּוֹנֵ֣ה יְרוּשָׁלַ֣͏ִם יְהֹוָ֑ה נִדְחֵ֖י יִשְׂרָאֵ֣ל יְכַנֵּֽס׃
BernfeldDer Herr baut Jerusalem, die Verstoßenen Israels sammelt er.
ZunzEs baut Jeruschalajim der Ewige, die Verstoßenen Jisraël's sammelt er.
HirschDer Erbauer Jeruschalaims, Gott, sammelt Israels Verstoßene wieder.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 2. בנה וגו'. Hier beginnt die Thehilla. Gott, der Erbauer Jeruschalaims, der ירו-שלם (siehe Ps. 76, 2) zum Wiederbeginn des Sichtbarwerdens der Gotteswaltung im vollendeten Heileszustande der Menschen gegründet, der hat diese seine Bestimmung nicht aufgegeben, er sammelt einst für die Verwirklichung dieses Zweckes, sammelt für Jeruschalaim die Zerstreuten Israels wieder.

3
הָ֭רֹפֵא לִשְׁב֣וּרֵי לֵ֑ב וּ֝מְחַבֵּ֗שׁ לְעַצְּבוֹתָֽם׃
BernfeldEr heilet, die gebrochenen Gemütes und verbindet ihre Wunden.
ZunzEr heilet die mit gebrochenem Herzen, und verbindet ihre Schäden.
HirschDer Herzgebrochnen Arzt ist, reicht Verband auch ihren Schmerzen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 3. הרופא וגו'. Er, der wie der vorige Psalm V. 7—9 gesungen, jedem Einzelleiden Arzt ist, er bereitet auch Verband für ihre Schmerzen.

4
מוֹנֶ֣ה מִ֭סְפָּר לַכּוֹכָבִ֑ים לְ֝כֻלָּ֗ם שֵׁמ֥וֹת יִקְרָֽא׃
BernfeldEr zählet die Zahl der Sterne, er zählet sie alle mit Namen.
ZunzEr zählet die Zahl den Sternen zu, sie alle nennt er mit Namen.
HirschDer den Sternen Zahl bestimmt, ruft auch sie mit Namen Alle.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 4. מונה וגו'. Und nicht nur Welten mustert er, auch jeden einzelnen seiner Lenkung und seiner Leitung Unterstehenden der Zerstreuten seines Volkes kennt Er mit Namen.

5
גָּד֣וֹל אֲדוֹנֵ֣ינוּ וְרַב־כֹּ֑חַ לִ֝תְבוּנָת֗וֹ אֵ֣ין מִסְפָּֽר׃
BernfeldGroß ist unser Herr und reich an Kraft, seine Einsicht unaussprechlich.
ZunzGroß ist unser Herr und reich an Kraft, seine Weisheit unaussprechlich.
HirschGroß ist unser Herr und reich an Kraft, seiner Einsicht gilt keine Zahl.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 5. גדול וגו'. Denn „liebegroß" und „kraftreich" in seinem Erziehungswalten (— Vgl. ועתה יגדל נא כח אדני, Pent. 4. B. M. 14, 17 —) ist „unser Herr," dem wir mit unserm Geschicks- und Thatenleben unterstehen, und dessen Herrn-Huldigung die Allzerstreuten zu einheitlicher Einheit verbindet. לתבונתו וגו', מספר, Zahl, dürfte schwerlich ein Prädikat von תבונה sein. Einsicht ist nichts Zählbares. Vielmehr heißt es wohl: seiner תבונה gilt keine Zahl, nicht das Zahlengroße ist seiner תבונה das Bedeutende, daß das Winzige an Zahl vor Ihm an Bedeutung verlöre, und so die an Zahl Geringen seiner Zerstreuten in die Masse der Völker aufgingen. תבונה ist ja, wie wir zu Ps. 136, 5 bemerkt, die den Einfluß und die Wirkung der Dinge auf einander berechnende Weisheit. תבונה wägt daher den innern Werth der Menschen und Völker, und weiß geistig und sittlich bedeutsame Wenige in Mitte zahlreicher Vieler zu erhalten.

6
מְעוֹדֵ֣ד עֲנָוִ֣ים יְהֹוָ֑ה מַשְׁפִּ֖יל רְשָׁעִ֣ים עֲדֵי־אָֽרֶץ׃
BernfeldDer Herr stärkt die Gebeugten, die Frevler erniedrigt er bis zur Erde.
ZunzEs erhält die Gebeugten der Ewige, erniedrigt die Frevler bis zur Erde.
HirschBescheidenen giebt Gott Dauer, erniedrigt Gesetzlose bis zur Erde.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 6. מעודד וגו'. Daß macht- und glanzlose Menschen wie die נדחי ישראל, die auch weder Macht noch Glanz auf Erden suchen, „durchdauern," durchdauern in Mitte von Zuständen, in welchen nur irdische Macht und Hoheit zur Geltung kommen, das ist Gottes Werk, und desselben Gottes Waltung führt alle auf Gesetzlosigkeit fußende Hoheit zu völliger Erniedrigung.

7
עֱנ֣וּ לַֽיהֹוָ֣ה בְּתוֹדָ֑ה זַמְּר֖וּ לֵאלֹהֵ֣ינוּ בְכִנּֽוֹר׃
BernfeldStimmet an dem Herrn ein Danklied, lobpreiset unsern Gott mit der Zither.
ZunzStimmet an dem Ewigen mit Danklied, saitenspielet unserm Gott mit der Zither.
HirschStimmet Gott an mit Dank, singet unserm Gotte mit der Harfe:
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 7. ענו וגו'. Darum, Ihr Zerstreuten Israels, trotz eurer Zerstreuung, trotz eurer Leiden, trotz eurer Winzigkeit und trotz eurer macht- und glanzlosen Erscheinung, fühlet das beseeligend Beglückende des euch beschiedenen Geschickes, fühlet euch Gott zu Dank verpflichtet, stimmt Ihm Gesang mit Dankeshuldigung an, und lasset unserm Gotte, dem Lenker unserer Geschicke und dem Leiter unserer Thaten zuwallende Empfindungen in von Harfenton getragenem Gesange ihren Ausdruck finden.

8
הַֽמְכַסֶּ֬ה שָׁמַ֨יִם ׀ בְּעָבִ֗ים הַמֵּכִ֣ין לָאָ֣רֶץ מָטָ֑ר הַמַּצְמִ֖יחַ הָרִ֣ים חָצִֽיר׃
BernfeldDer den Himmel bedeckt mit Wolken, und der Erde Regen bereitet, der auf den Bergen Gras sprossen läßt,
ZunzDer den Himmel bedeckt mit Wolken, der Erde Regen bereitet, der die Berge Gras sprossen macht.
HirschEr, der Himmel mit Wolken deckt, der Erde Regen bereitet, Berge Gras hervorbringen läßt,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 8—11. המכסה וגו'. Ein Blick auf Gottes Walten in der Natur genügt, um uns zu sagen, die materielle Erhaltung und Größe könne nicht das letzte Ziel der göttlichen Waltung mit Menschen und Völkern sein, und die Macht- und Kraft-Erscheinungen, in welchen Menschen und Völker ihren Ruhm und ihre Größe finden, seien Das nicht, worin Gott die Verwirklichung seines Willens oder auch nur ein Näherbringen seines Verlangens findet. Er, der Himmel und Erde zusammen wirken läßt, um ein Thier, um ein Vogeljunges der Oede sein Futter finden zu lassen, der hat wahrlich nicht den Menschen mit dem traurigen Loose bevorzugt, sich selbst die Güter seiner materiellen Existenz und Befriedigung erstreben zu müssen, auf daß dies einen in Krieg und Gewalt endenden Wettstreit um die Güter der Erde hervorrufe, und dem Kriegesmächtigsten und Tapfersten die Palme des Menschenruhms gereicht sein lasse. Der das Thier auf dem Felde, der den Raben in der Wüste speist, der hätte auch den Menschen ohne dessen Zuthun speisen und befriedigen können. Wenn er den Menschen zum Mitschöpfer seines Geschickes und zum Bezwinger und Beherrscher seiner Erdwelt berufen, so geschah es, auf daß der Mensch in seiner irdischen Herrscherstellung die Herrschaft Gottes erkenne, sich und seine Welt der treuen Erfüllung des göttlichen Willens gottesfürchtig unterordene und nicht auf zerstörende Kriegeskunst und rohe Mannesstärke, sondern auf die segenspendende Gottesliebe seine Hoffnung setze, die jedem Gott treu dienenden Menschenund Völker-Wirken ebenso gewiß ist — wie dem Thiere und Vogel die fürsorgende Schöpferliebe Gottes. המצמיח הרים חציר. Wir finden צמח auch aktiv von dem Boden, der Pflanzen hervorbringt, יער צומח עצים (Pred. 2, 6). Hier also: er läßt Berge Gras hervorbringen.

9
נוֹתֵ֣ן לִבְהֵמָ֣ה לַחְמָ֑הּ לִבְנֵ֥י עֹ֝רֵ֗ב אֲשֶׁ֣ר יִקְרָֽאוּ׃
BernfeldEr gibt dem Vieh seine Nahrung, den jungen Raben, wenn sie rufen.
ZunzEr giebt dem Viehe seine Nahrung, den jungen Raben, die da rufen.
Hirschdem Thiere so seine Nahrung giebt, jungen Raben wonach sie rufen:
10
לֹ֤א בִגְבוּרַ֣ת הַסּ֣וּס יֶחְפָּ֑ץ לֹא־בְשׁוֹקֵ֖י הָאִ֣ישׁ יִרְצֶֽה׃
BernfeldNicht an des Rosses Stärke hat er Gefallen, nicht an des Mannes Schenkeln Lust.
ZunzNicht an des Rosses Stärke hat er Gefallen, nicht an des Mannes Schenkeln Lust.
HirschDer hat sein Verlangen nicht in Rosses Stärke, seinen Willen nicht in Mannes Schenkeln;
11
רוֹצֶ֣ה יְ֭הֹוָה אֶת־יְרֵאָ֑יו אֶת־הַֽמְיַחֲלִ֥ים לְחַסְדּֽוֹ׃
BernfeldDer Herr hat Gefallen an denen, die ihn fürchten, die auf seine Gnade harren.
ZunzGefallen hat der Ewige an denen, so ihn fürchten, und seiner Gnade harren.
Hirsches will Gott Die, die ihn fürchten, die seiner Liebe harren.
12
שַׁבְּחִ֣י יְ֭רוּשָׁלַ͏ִם אֶת־יְהֹוָ֑ה הַֽלְלִ֖י אֱלֹהַ֣יִךְ צִיּֽוֹן׃
BernfeldPreise, Jerusalem, den Herrn, rühme deinen Gott, Zijon!
ZunzPreise, Jeruschalajim, den Ewigen, rühme deinen Gott, Zijon!
HirschPreise Jeruschalaim Gott, sprich deinen Gott in seinem Thatenlob aus, Zion,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 12. שבחי וגו'. Darum haben alle die auf „Rossesmacht und Schenkelstärke" gebauten Menschenherrlichkeiten keine Zukunft. Vielmehr „Jeruschalaim:" die Stätte des „Gott offenbarenden Menschenheils" — wenn gleich in Trümmern — Jeruschalaim preise Gott, und Zion: das „Denkmal der Menschheit der Zukunft" (Ps. 76, 13), sprich den in dir und durch dich gelehrten Gott in seinen Thaten aus. Denn Jeruschalaim-Zion gehört die Zukunft an.

13
כִּֽי־חִ֭זַּק בְּרִיחֵ֣י שְׁעָרָ֑יִךְ בֵּרַ֖ךְ בָּנַ֣יִךְ בְּקִרְבֵּֽךְ׃
BernfeldDenn befestigt hat er die Riegel deiner Tore, gesegnet deine Kinder in deiner Mitte.
ZunzDenn er hat fest gemacht die Riegel deiner Thore, gesegnet deine Kinder in deiner Mitte.
Hirschdenn, hat er einst deiner Thore Riegel gefestet, hat deine Kinder in deiner Mitte gesegnet,
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 13. כי חזק וגו'. Denn so lange du standest, war es nicht „Rossesmacht" und nicht „Mannesmuskelkraft," die deine Sicherheit und deinen Segen bewirkten, Er, Gott, verlieh deinen Thoren Sicherheit und Segen deinen in dir vereinten Söhnen.

14
הַשָּׂם־גְּבוּלֵ֥ךְ שָׁל֑וֹם חֵ֥לֶב חִ֝טִּ֗ים יַשְׂבִּיעֵֽךְ׃
BernfeldEr verleiht deinem Gebiet Heil, mit dem Fett des Weizens sättigte er dich.
ZunzDer zu deiner Grenze den Frieden gesetzt, mit dem Fett des Waizens dich sättigt.
Hirschso ist Er's, der auch noch dein Gebiet dem Frieden bestimmt, mit Weizenfett dich sättigen wird.
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 14. השם וגו'. Und Er, der dein Gebiet zu „Frieden" bestimmt, der deinem Gebiet die Bestimmung gab und erhält, das Gebiet des Friedens zu sein, daß der durch die Verirrung der Menschen von der Erde verscheuchte innere und äußere Friede in dir seine Stätte habe, Er wird dich wieder aus der Verödung erstehen und dem in dir sich verwirklichenden Menschenfrieden den Segen der Natur zublühen lassen.

15
הַשֹּׁלֵ֣חַ אִמְרָת֣וֹ אָ֑רֶץ עַד־מְ֝הֵרָ֗ה יָר֥וּץ דְּבָרֽוֹ׃
BernfeldEr sendet sein Wort zur Erde, schnell läuft sein Ausspruch.
ZunzEr sendet sein Wort zur Erde, — flugs läuft sein Ausspruch.
HirschDenn Er, der seine Weisung zur Erde schickt, — gar rasch eilt sein Wort! —
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 15—19. השלח וגו'. V. 8—14 hatte eine Parallele zwischen dem Menschenheile und dem Heileszustand der übrigen geschöpflichen Welt gezogen, und gelehrt, daß hier wie dort Gott allein es ist, aus dessen Händen alles Heil zu erwarten steht. Wie Gottes Waltung in der Natur allen seinen übrigen Geschöpfen Nahrung und Daseinsfreude fürsorgend spendet, so ist es dieselbe Gottesfürsorge, denen auch die Menschen Nahrung und Daseinsfreude verdanken sollen. Das Heil, das den übrigen Wesen von Gott unbedingt zu Theil wird, haben die Menschen ebenfalls von Gott, aber durch ihr Verhalten gegen Gott zu verdienen.

Aehnlich dieser Parallele zwischen dem göttlichen, seinen Geschöpfen fürsorgenden Walten in der Natur und seiner unserm Geschicke fürsorgenden Waltung, folgt hier eine Parallele zwischen seinem in der Natur wirkenden Worte und seinem uns zur freien Erfüllung gewordenen Wort. Das Wort, das allen Erscheinungen in der Natur herrschend zu Grunde liegt, dem alle Wesen, alle Elemente, alle Stoffe, alle Kräfte als dem Gesetze ihres Seins und Wirkens widerstandlos folgen, dem vor unsern Augen sie mit pünktlichem, munterm Gehorsam sich hingeben, zu welchen Veränderungen, in welche Wandlungen es sie auch ruft: das ist dasselbe Wort, das uns, als das Gesetz unserer Bestimmung geworden, dem wir eben so widerstandlos folgen, mit ebenso pünklichem, munterm Gehorsam frei all unser Sein und Wollen hingeben sollen, welche Anforderungen es auch an uns stellt, zu welchen Gestaltungen es auch unsere innern und äußern Beziehungen ladet. Nicht erst im Menschen- nicht erst im jüdischen Kreise beginnt Gottes Gesetz. Das ganze Weltall, die ganze Weltordnung ist von seinem Gesetze getragen. In jedem Wesen, in jedem Elemente, in jedem Stoff, in jeder Kraft sehen wir es wirken, und nur Das ist des Menschen Hoheit, daß das Gottes-Gesetz, das in allen übrigen Wesen mit zwingender Nöthigung waltet, an den zu dessen Vernehmung mit Vernunft begabten Menschen zum Ausspruch kam, auf daß er es frei als das Gesetz seiner Bestimmung aufnehme, mit freiem Gehorsam es erfülle, und so mit gehobenem Haupte als der freie Diener des Gesetzes seines Schöpfers und Herrn sich bewähre, dem alle übrigen Wesen auf Erden in unbewußtem, unfreiem Zuge folgen.

Zur Veranschaulichung dieses in der Natur waltenden und wirkenden Gottesgesetzes und des ihm von allen Wesen gezollten rückhaltlosen Geschöpfesgehorsams hebt unser Psalm das Wasser hervor, und zeigt an seinen sichtbaren Wandlungen den hurtigen hingebungsvollen Gehorsam, mit welchem es dem Gesetzeswillen seines Schöpfers als Schnee, als Reif, als Hagel, als Eis und dann wieder als Wasser sich fügt, um daran den Ausspruch zu knüpfen: das ist Derselbe, der sein in aller äußern Mannigfaltigkeit innerlich einheitliches Wort — (כתיב: דברו, קרי: דבריו) — an Jaakob, seine Gesetze und Rechtsordnungen an Israel offenbarte אמרתו, sein Geheiß, seine Weisung, Das, was Gott zur Verwirklichung auf Erden sendet. So in Beziehung auf Menschengeschick: sein Verhängniß (Ps. 105, 19). Der Ausdruck עד מהרה ist schwierig. Wir finden freilich עד מאוד (1. B. M. 19, 33. 34). Allein es ist doch schwerlich מהרה als eine Steigerung von רוץ anzunehmen, da dieses ja schon das Merkmal der Eile in sich faßt. Vielleicht läßt sich עד als selbständiger Begriff: „zum Ziele hin" begreifen, und hieße es dann: rasch zum Ziele läuft sein Wort. קרח ist Frost (1. B. M. 31, 40) und Eis (Ezech. 1, 22). קרח כפתים, als Stücke zur Erde geworfenes Eis ist Hagel. לפני קרתו מי יעמד schildert nun die noch weitere Steigerung des Eis bildenden Vorganges in einem die Unwiderstehlichkeit der Wirkung des Frostes vergegenwärtigenden Ausruf, um den unmittelbar darauf folgenden Gegensatz der Wirkung der Wärme um so mehr hervortreten zu lassen. Eben scheint der Frost in seiner Unwiderstehlichkeit Alles für immer starr zu machen, da sendet Gott sein Wort wieder und es schmelzt sie. Es scheint uns fraglich, welcher Vorgang mit ישב רוחו יזלו מים gezeichnet sei, nachdem das Schmelzen des Eises bereits gesagt ist. Es wäre nicht unmöglich, daß zwischen ימסם und ישב רוחו der stille Vorgang des Verdunstens und der Bildung der Wolken liegt, die dann durch den Wind herbeigeführt werden und in Regen wieder als Wasser fließend herabkommen. Wahrscheinlicher bezeichnet ימסם das Erweichen der Eisrinde der Flüsse, die dann durch Wind auseinander gerissen wird, worauf dann die Flüsse wieder in gewohntem Gange fließen. In diesem dem göttlichen Worte treu gehorsamen Starr- und Weichflüssig-Werden des Wassers, dürfte uns zugleich das Vorbild der Wirkung gezeichnet sein, in welcher das göttliche Gesetz seine Macht in der Gestaltung unseres Charakters zeigen soll. Wir sollen mit gleich treuer Folgsamkeit zugleich den höchsten Grad der Festigkeit und den höchsten Grad der Fügsamkeit bewähren. Fest gegen jede Verlockung zur Uebertretung göttlicher Verbote, gefügigbereit zur Erfüllung alles gebotenen Guten, soll unser Wesen dem Wassertropfen gleichen, der mit munterem Gehorsam fest und flüssig ist, wo und wann Gottes Wort das Eine oder das Andere gebietet.

מגיד דברו ליעקב חקיו ומשפטיו לישראל: durch die hingebungsvolle Uebernahme seiner Gesetze und Rechtsordnungen wird das materiell schwache Jaakob: Israel, der starke Herold der Gottesherrschaft in Mitte der Menschheit.

16
הַנֹּתֵ֣ן שֶׁ֣לֶג כַּצָּ֑מֶר כְּ֝פ֗וֹר כָּאֵ֥פֶר יְפַזֵּֽר׃
BernfeldDer Schnee gibt wie Wolle und Reif streut wie Asche,
ZunzDer Schnee giebt wie Wolle, Reif wie Asche ausstreuet,
Hirschder Schnee wie Flocken giebt, Reif wie Asche streut,
17
מַשְׁלִ֣יךְ קַֽרְח֣וֹ כְפִתִּ֑ים לִפְנֵ֥י קָ֝רָת֗וֹ מִ֣י יַעֲמֹֽד׃
BernfeldDer seinen Reif wie Brosamen schleudert; wer kann bestehen vor seiner Kälte?
ZunzDer seinen Frost in Stücken schleudert, vor seiner Kälte — wer kann bestehen?
Hirschsein Eis wie Stücke wirft, — vor seinem Frost wer besteht! —
18
יִשְׁלַ֣ח דְּבָר֣וֹ וְיַמְסֵ֑ם יַשֵּׁ֥ב ר֝וּח֗וֹ יִזְּלוּ־מָֽיִם׃
BernfeldDann aber sendet er sein Wort und lässt sie schmelzen, er lässt seinen Wind wehen, so zerrinnen sie zu Wasser.
ZunzEr sendet sein Wort und läßt sie schmelzen, läßt wehen seinen Wind, sie zerrinnen zu Wasser.
Hirschsein Wort dann sendet und sie schmelzt, seinen Wind lässt wehen, sie fließen als Wasser:
19
מַגִּ֣יד דְּבָרָ֣ו לְיַעֲקֹ֑ב חֻקָּ֥יו וּ֝מִשְׁפָּטָ֗יו לְיִשְׂרָאֵֽל׃
BernfeldEr verkündete Jakob seine Werke, seine Satzungen und Rechte Israel.
ZunzEr verkündet Jaakob seine Werke, seine Satzungen und Rechte Jisraël.
HirschEr kündet sein einheitlich mannigfaltiges Wort Jaakob, und seine Rechtsordnungen Israel!
20
לֹ֘א־עָ֤שָׂה כֵ֨ן ׀ לְכׇל־גּ֗וֹי וּמִשְׁפָּטִ֥ים בַּל־יְדָע֗וּם הַֽלְלוּ־יָֽהּ׃ {פ}
BernfeldNicht also hat er irgendeinem Volk getan, und Rechte kennen sie nicht. Halleluja!
ZunzNicht also that er irgend einem Volke, und die Rechte kennen sie nicht. Hallelujah.
HirschSo hat er keinem Volk gethan, Rechtsordnungen — sie kennen sie mit Nichten, Hallaluja!
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kommentar von Rabbiner Samson Raphael Hirsch

V. 20. לא עשה וגו'. Als Empfänger und Wahrer dieses göttlichen Gesetzes steht Israel einzig da unter allen Völkern. Nicht nur daß ihnen die Kenntniß der חקים, jener Gesetze fehlt, die unser individuell sinnlich leibliches Wesen innerhalb der Schranken der sittlichen Reinheit und Heiligung umgränzen, selbst משפטים, die Ordnung des socialen Lebens durch das Recht und nach dem Rechte, deren kein menschengesellschaftlicher Verein zu entrathen vermag, kennen sie in Wahrheit nicht. Nicht ist ihnen die Gesellschaft ein Produkt des Rechts, sondern der Rechtsbegriff ist ihnen ein Erzeugniß der jeweiligen, zeitlich und örtlich bedingten Anschauungen von dem Bedürfniß der Gesellschaft, und Zweckmäßigkeit ist die Mutter ihrer Gesetze. Daher sind Recht und Gesetz in ewigem Wandel begriffen, und auf schwankendem Grunde wanken die menschengesellschaftlichen Zustände und Beziehungen. Aber das ewige, von Gott geoffenbarte, unter Gottes Schutz ruhende, über Allem und Allen unantastbar hohe Recht kennen sie nicht, dessen rückhaltlose Huldigung allein einst dauernden Frieden und allgemeines Heil zu bringen bestimmt ist, und als dessen Depositair für die Menschheit Gott Israel in Mitte der Völker ausgesandt hat.

Denn, wenn, wie unser Psalm lehrt, das Israel überantwortete Gotteswort nichts Anderes ist, als das für den Menschen und an den Menschen zum Ausspruch gekommene Gottesgesetz, das in der ganzen übrigen Welt- und Naturordnung das Waltende und Wirkende, das Gestaltende und Heilbedingende ist: so ist ja klar, daß dieses Gesetz in seiner letzten Bestimmung über Israel hinaus das Heil der Gesammtmenschheit umfaßt, und in Israels Händen zugleich das Unterpfand ist, daß בונה ירושלם ד' נדחי ישראל יכנס —