Tehillim 123 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 123, V. 1. Der vorige Psalm feiert die heitere Erinnerung der Vergangenheit, und erhebt sich an dem Ausblick auf die Zukunft. Dieses Emporlied steht in trüber Gegenwart, in welcher am Schwersten die Verachtung und der Hohn auf dem Gemüthe lasten, die Israel in Mitte einer machtstolzen Umgebung findet, welche kein Verständniß für sein geistiges Leben hat.
אליך וגו'. Zu Gott hin hebt es sein Auge, היושב', der ihm, der seinem Bewußtsein hoch hinaus über das umnachtete Getriebe der Erde und unbeirrt in seinem Wirken und Walten in lichter Höhe thront, und ihm bleibt, wenn auch Alles auf Erden sich von ihm wendet.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. הנה וגו'. Gott hat es hinausgestreut unter die Völker als עבד und שפחה, als Knecht und Magd des großen Gottes-Werkes an der Menschheit, „Knecht“ für die schmerzensreiche Arbeit in seiner äußern Stellung zu den Völkern, „Magd“ für die freudenreiche Lösung seiner Lebensaufgaben in dem Innern seiner Häuser, Familien und Gemeinden. Zur Lösung beider Aufgaben bedarf es besonderer geistiger und sittlicher Begabung und Kraft, und um deren Gewährung blickt es als Knecht und Magd zu Gott seinem Gotte hin (חנן, siehe Ps. 67, 2).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. חננו וגו'. Es bedarf aber dieser Begabung in doppeltem Maaße, weil es in der Knechtesgestalt, unter welcher es in Mitte der Völker wandelt, nur בוז und לעג (V. 4), nur Verachtung und Hohn findet, und die Verachtung war der bitterste Tropfen in dem Kelch seines Leidens und forderte zugleich das Aufgebot aller geistigen und sittlichen Kraft, ihr gegenüber sich die Selbstachtung zu bewahren. Von allem Dem, worin die Völker, in deren Mitte es hinaus gestreut worden, den Glanz und den Ruhm, den Werth und die Bedeutung der Nationen setzen, hatte es Nichts aufzuweisen, und für Das, was es zum einstigen Rettungsheile der Völker selbst als Kleinod mit seinem Herzensblute vertheidigte, hatten die Völker kein Auge und kein Verständniß. Sie mußten es verachten und haben es verachtet. Umsomehr mußte es sich in die ganze Tiefe des ihm anvertrauten geistigen Gottesschatzes vertiefen, sich für dessen Erkenntniß und Ausbau im Leben geistige Begabung und sittliche Kraft von Gott erbitten, und in deren Gewährung, Verwendung und Bethätigung das beglückende Bewußtsein der Gottesgegenwart in seiner Niedrigkeit und eine heitere Beseeligung finden, die ihm Alles ersetzte, was ihm die Verachtung der Menschen versagte.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. רבת וגו'. שאננים, die Glücklichen, die Zukunftsichern, die durch ihre eigene Macht gegen jeden Störenfried Gesicherten, überschütteten das Volk mit לעג, mit höhnendem Gelächter, dessen unglückseligstes äußeres Geschick einen lächerlichen Contrast zu dem besondern Gottesschutz und dem besondern Gottessegen in ihren Augen bildete, deren theilhaftig zu sein es trotz Allem sich zu rühmen nicht unterlassen wollte. גאי' יונים: die Stolzen unter den Tauben. Den imperatorischen Adlern gegenüber, welche als das Sinnbild der Hoheit und Macht der Völker dastanden, ist die „Taube“ das Sinnbild der Schwäche und preisgegebenen Ohnmacht. Unter allen schwachen Machtlosen, unter allen „Tauben“ hatte das jüdische Volk den Muth und die sittliche Kraft den Adlerblick der Mächtigen und Hohen ruhigen Auges auszuhalten und mit ungebeugtem Selbstbewußtsein aufrecht zu bleiben, und trotz seiner Niedrigkeit sich als auch eine Größe in den weltgeschichtlichen Erscheinungen der Menschengeschichte zu fühlen. גאי' יונים, „Bettlerstolz“ nannten die Hohen und Mächtigen dieses jüdische Selbstgefühl und wandten mit Verachtung von dem Juden sich ab. בוז לגאי', der Gegenstand den man verachtet, wird gewöhnlich mit ל bezeichnet. בוז יבוזו לו (Hohel. 8, 7). הלעג השאננים wie הספר המקנה Jerem. 32, 12.