Schoftim 21 שופטים
Kommentar (R. Breuer)
Kap. 21. V. 1. Bis auf 600 Mann, die auf den Felsen Rimmon entkommen waren, war der Stamm Benjamin vollkommen ausgerottet. Diese 600 am Leben Gebliebenen waren die Träger ihrer Stammeszukunft. Wie aber konnte sich der Stamm aus solch schwachem Keim erneuern, wenn Israel schon zu Beginn des Krieges in Mizpah geschworen hatte, daß niemand von Israel seine Töchter an Einen aus Benjamins Stamm vermählen dürfe? Das Schlußkapitel des Richterbuches erzählt von den Sorgen Israels um Benjamins Zukunft. Nicht wirksamer konnte dieses Kapitel eingeleitet werden, als mit dem nachträglichen Bericht von dem in Mizpah geleisteten Schwure. Denn wenn in Taanith 30 b רב יוסף אמר רב נחמן den unvergleichlich festlichen Charakter des 15. Aw darin erblickt, daß er der Tag sei, שהותר שבט בנימן לבוא בקהל, an welchem die Wiedervereinigung des Stammes Benjamin mit Israels Gesamtheit erlaubt wurde, und רב diese Überlieferung des רב יוסף aus dem die Geltung des in Mizpah Beschworenen auf die damalige Generation einschränkenden Worte ממנו unseres Verses heraushört — ממנו ולא מבנינו —, so lehrt uns die Form dieses Schwures, daß nicht Haß und Rachsucht ihn geboren, daß die ängstliche Sorgfalt um die Erhaltung Benjamins nicht erst nach Abschluß des Krieges als späte Reue erwachte, sondern schon zu Beginn des Krieges in der nur für eine bestimmte Zeit berechneten Verfehmung der ehelichen Verbindung mit Benjamin zu Tage getreten war: Aus ממנו ולא מבנינו sind die Ereignisse dieses Schlußkapitels psychologisch zu erklären.
Kommentar (R. Breuer)
V. 2—14. Der Bürgerkrieg zwischen Israel und Benjamin war beendet. Ein ohnmächtiger Rest von 600 Benjaminiten zeugte von dem überwältigenden Siege, mit welchem Israel die Greueltat in Gibea gesühnt hatte. Doch Israel konnte seines Sieges nicht froh werden. Der Gedanke, daß ein ganzer Stamm so gut wie völlig vernichtet war, ließ keine frohe Stimmung aufkommen. Das Volk trauerte. In Beth-El saß es bis zum Abend vor Gott und weinte. (V. 2) Unerforschlich war ihm die Waltung Gottes, des Gottes Israels, der, um ein Attentat gegen Recht und Sitte zu sühnen, einen ganzen Stamm der Vernichtung preisgab. Mußte das sein? Klagend und fragend schaute das Volk auf zu Israels Gott. (V. 3) Noch wirkte aber die einmütige Begeisterung nach, in der sich zu Beginn des Krieges das gesamte Israel zu Mizpa versammelt und beschlossen hatte, das Verbrechen von Gibea zu sühnen. Daher schwankte jetzt nach Beendigung des Krieges die Stimmung des Volkes zwischen wehmütiger Trauer über Benjamins Untergang und dem stolzen Bewußtsein restloser Pflichterfüllung hin und her. Hatten sie gestern geweint und geklagt, gezweifelt und gefragt, so bauten sie heute zu Ehren Gottes, der das Werk ihrer Waffen gesegnet hatte, einen Altar, brachten Opfer auf ihm dar und erinnerten sich, frei von zaghafter Schwäche, des feierlichen Schwures, durch welchen sie den als Verräter an Israels heiliger Sache dem Tode geweiht hatten, der von der Versammlung in Mizpah sich fernhalten würde (V. 4—5). Doch auch Altarbau, Opfer und Schwur vermochten die Trauer um Benjamin und die Sorge um seine Zukunft nicht auszulöschen. Aus dem Überrest der 600 sollte und mußte Benjamin zu neuem Leben erstehen. Doch wie? Hatte ihr Schwur, niemals eine Tochter Israels einem Benjaminiten zu vermählen, nicht auch diesen Überrest dem Untergang geweiht? (V. 6—7) Da eröffnete sich ihnen aus der Synthese ihrer Gefühle, die bisher zwischen Trauer und Freude unausgeglichen hin- und hergeschwankt waren, ein rettender Ausweg. Eine Musterung des Volkes ergab, daß die Bewohner von Jabes Gilead der Versammlung in Mizpah fern geblieben waren. Im Sinne der in Mizpah beschworenen Übereinkunft waren sie dem Tode geweiht. 12 000 Krieger wurden ausgesandt, um sämtliche Bewohner von Jabes Gilead mit der Schärfe des Schwertes zu schlagen und nur die jungfräulichen Mädchen zu verschonen. Diese Mädchen, 400 an der Zahl, wurden in das Lager nach Silo verbracht und nach formellem Friedensschluß mit Benjamin dem Überrest dieses unglücklichen Stammes zur Ehe bestimmt. Da aber die 400 Jungfrauen aus Jabes Gilead für die 600 auf den Felsen Rimmon entkommenen Benjaminiten nicht ausreichten, mußte ein zweiter Ausweg gesucht werden, um das Werk, welches die Verjüngung und Wiederbelebung Benjamins anbahnen sollte, zu vollenden (V. 8—14).
Kommentar (R. Breuer)
V. 15—17. Nachdem 400 Benjaminiten mit Frauen versorgt waren, wäre die Zukunft des Stammes gerettet gewesen, auch wenn die 200, für welche die Zahl der Jungfrauen aus Jabes Gilead nicht ausreichte, frauenlos geblieben wären. Allein dem „Volke“, dessen politische Anschauungen gefühlsmäßig orientiert sind, die ihm nicht aus kalten statistischen Berechnungen, sondern aus warmherziger Betrachtung und Nachempfindung von Menschenschicksalen erwachsen, war es leid um Benjamin, umsomehr, als nach Beendigung des Krieges und nach vollendeter Sühnung des in Gibea Geschehenen die Volkswut über Benjamins Verbrechen der schmerzlichen Erkenntnis wich, daß Gott an Israels Volkskörper einen Riß, eine Wunde verursacht hatte, die ewig offen bliebe, wenn das begonnene Werk der Renaissance des Stammes Benjamin nicht vollendet würde (V. 15). Daher traten die Ältesten der Nation zu einer Beratung zusammen, wie den 200 mit Frauen noch unversorgten Benjaminiten geholfen werden könnte (V. 16). Noch ehe sie aber den zweiten Ausweg, zu dem sie sich entschlossen (s. weiter V. 18 ff.), betraten, trafen sie eine Anordnung, die durchaus geeignet war, den Frieden mit Benjamin zu einem wirklich dauernden zu gestalten: ויאמרו ירשת פליטה לבנימן וגו' (V. 17). Vgl. B. bathra 116 a: מלמד שהתנו על שבט בנימין שלא תירש בת הבן עם האחין. Das benjaminitische Land sollte als unveräußerlicher Erbbesitz den Benjaminiten verbleiben; nur die Söhne, nicht aber die Sohnestöchter, die durch Vermählung mit einem andern Stamme den Erbbesitz verschieben könnten, sollten erbberechtigt sein. (Vgl. Raschi das.) Nachdem es gelungen war, Benjamin für sein Land zu retten, sollte auch das Land für Benjamin gerettet werden, sollte es als „Erbteil der Rettung“ Benjamin erhalten bleiben.
Kommentar (R. Breuer)
V. 18—25. Um die 200 Benjaminiten, die noch keine Frauen hatten, mit Frauen zu versorgen, gab es infolge des Schwures, den Israel geschworen hatte (V. 18), nur einen Weg: die Umgehung dieses Schwures. In Silo — zur genauen topographischen Bezeichnung in V. 19 vgl. Gittin 7 b — wurde alljährlich ein Fest gefeiert, bei welchem die Töchter Silos Reigentänze aufführten. Die 200 Benjaminiten sollten sich nun in den Weinbergen Silos in den Hinterhalt legen und im Augenblick, wo die Töchter Silos ihre Tänze beginnen, aus den Weinbergen hervorbrechen und aus den Reihen der Tanzenden sich ihre Frauen nehmen und mit ihnen in die Heimat ziehen (V. 20—21). Es war vorauszusehen, daß die Angehörigen der Mädchen, ihre Väter oder Brüder, gegen die Ausführung dieses Planes Verwahrung einlegen würden, dann würden aber die Ältesten Israels schon dafür sorgen, daß sie um des Friedens von Gesamtisrael willen ein Einsehen hätten — nur so ist das seltsame חנונו אותם zu verstehen — und einen Schritt verzeihen würden, der unvermeidlich war, nachdem es nicht gelang, כי לא לקחנו איש אשתו במלחמה, beim Kampfe gegen Jabes Gilead allen 600 Benjaminiten die entsprechende Zahl von Frauen zu verschaffen. Sollten aber die Männer von Silo im Hinblick auf das Gelübde, keine Tochter Israels mit einem Benjaminiten zu vermählen, Gewissensbedenken haben, dann würden sie mit dem Hinweis darauf beruhigt werden, כי לא אתם נתתם וגו', daß ja nicht sie die Mädchen den Benjaminiten gegeben, sondern umgekehrt die Benjaminiten ihnen die Mädchen genommen haben (V. 22). Und so geschah es. Mit 200 während des Festes in Silo geraubten Frauen kehrten die Benjaminiten in ihr Land zurück. Dort gingen sie sofort an den Aufbau der im Krieg zerstörten Städte, die ihnen wie einst zur Stätte friedlichen Wohnens dienen sollten (V. 23). Und auch ihre ehemaligen Feinde zerstreuten sich ein jeder zu seinem Stamme und Geschlechte. Ein jeder kehrte zu seinem Erbe zurück (V. 24). Nun war Friede in Israel.
Dieser Frauenraub von Silo erinnert an die Mischna Thaanith 4, 8, wo von den Jungfrauen Jerusalems erzählt wird, daß sie am 15. Aw und am Versöhnungstage — mit welchen sich einst an festlicher Weihe kein anderer Tag vergleichen konnte — unter Reigentänzen in die Weinberge hinauszogen und dabei ausriefen: בחור שא נא עיניך וגו', wozu der Talmud (Thaanith 31 a) bemerkt: תנא מי שאין לו אשה נפנה לשם. (Während der Bartinora zu den Worten der Mischna יוצאות וחולות auf den Vers in ירמי' ל"א: אז תשמח בתולה במחול verweist, citiert Raschi z. St. ausdrücklich den Vers in שופטים כ"א: לחול במחלות) Was aber dort als eine auf beiden Seiten freiwillige Frauen*wahl* erscheint, tritt uns hier am Schlusse des Richterbuches als ein gewaltsamer Frauen*raub* entgegen, der auch als politisch notwendiger Akt moralisch nicht zu rechtfertigen ist. Wohl im Hinblick auf die moralische Anfechtbarkeit dieses Frauenraubes schließt das Richterbuch mit den Worten, die als Schlüssel zum Verständnis so manchen wirren Vorgangs in der Zeit der Richter zu begreifen sind: בימים ההם אין מלך בישראל איש הישר בעיניו יעשה, es war eine Zeit, in der kein König war in Israel, in der ein jeglicher tat, was recht war in seinen Augen. Eine Zeit der persönlichen, zügellosen Willkür, die bei Entschlüssen, die als politisch notwendig erschienen, von moralischen Bindungen sich lossagte. Von jener begeisterten Stimmung in Mizpa, die einst das gesamte Israel als קהל עם האלהים um Gott geeinigt hatte, war nicht viel übrig geblieben. Der Krieg mit Benjamin war zu Ende. Nun galt es, einen dauernden Frieden zu schließen; der aber würde niemals dauern, wenn von jenem tiefen Riß in Israel, den die Bestrafung Benjamins verursacht hatte, fürderhin auch nur ein kleiner Spalt offen bliebe. So entschlossen sich denn Israels Älteste zu einem Schritt, der ihnen politisch unvermeidbar dünkte. Noch einmal, ehe uns das Richterbuch entläßt, beleuchtet so die Geschichte des Frauenraubes in Silo die seelische Verfassung eines Volkes, das, seit dem Tode seiner ersten großen Führer, Moses und Josua, aus dem inneren Gleichgewicht geraten, während der ganzen Richterzeit zwischen Gut und Schlecht, zwischen Moral und Unmoral, zwischen Gottesdienst und Götzendienst hin und herschwankte.