Nechemjah 13 נחמיה
Kommentar (R. Breuer)
Kap. 13. V. 1—3. „An jenem Tage“, am Tage der Einweihung der Mauer Jerusalems, von der im vorigen Kapitel berichtet wurde, ging man auch an die Fortsetzung des Werkes, mit welchem die Namen Esra und Nehemia ewig verknüpft bleiben werden, des Werkes der Säuberung des Volkes von heidnischen Elementen, die mit ihm vermischt waren. „An jenem Tage“, der das Volk in einer festlichen Hochstimmung sah, die alle guten Geister in ihm weckte, wurde aus dem 5. B. M., der משנה תורה, dem Buche „der mündlichen nochmaligen Wiederholung und Erläuterung des Gesamtgesetzes, mit welcher Moses seine Tätigkeit für sein Volk auf Erden beschloß“, (Komm. Deut. 1, 3) und das darum, wie auch Malbim hier bemerkt, in unserem Verse kurz ספר משה genannt wird, der Abschnitt von der Fernhaltung der Ammoniter und Moabiter aus der Gottesgemeinde, öffentlich vorgelesen. (Vgl. Deut. 23, 4ff. u. Komm. das., insbesondere über den Wechsel des Numerus in לא קדמו וגו' und שכר עליך וגו', der auch hier wiederkehrt). Die Thoravorlesung verfehlte ihre Wirkung nicht: das Verbot der Vermischung mit den Ammonitern und Moabitern veranlaßte das Volk zur Absonderung alles Heidengemisches aus Israel.
Kommentar (R. Breuer)
V. 4—14. Zwischen V. 3 und 4ff. muß eine Pause von vielen Jahren eingeschoben werden. Im 20. Regierungsjahre des Königs Darius, im Jahre 444 vor der gewöhnlichen Zeitrechnung, war die Mauer Jerusalems vollendet worden. (vgl. das am Schluß des 6. Kapitels Bemerkte.) Nun traten auch die Ereignisse, die der Einweihung der Mauer vorausgingen, der Einweihungstag selbst und alles, was an ihm geschah und sich unmittelbar ihm anschloß, in die Vergangenheit zurück. Das Lebenswerk Esras und Nehemias, das Werk der äußeren Befriedung und inneren Wiedergeburt, schien vollendet. Da mußte im 32. Regierungsjahre des Königs, also etwa im Jahre 433 vor der gewöhnlichen Zeitrechnung, Nehemia an den Hof nach Susa reisen. Wie lang er fortblieb, wird nicht genau berichtet. ולקץ ימים (V. 6), nach Ablauf einer gewissen Zeit wurde er wieder nach Jerusalem beurlaubt. Doch wie einst das Ausbleiben des Mannes Moscheh genügte, um alle dunklen Triebe des Volkes zu einer leidenschaftlichen Revolte hervorbrechen zu lassen, die das ganze Sinaierlebnis zu vernichten drohte, so hat das Verweilen des Statthalters Nehemia am persischen Königshofe ausgereicht, um sein ganzes Lebenswerk wieder in Frage zu stellen. Wie groß muß Nehemia gewesen sein, wenn er seinem Volke nur für eine Weile den Rücken zu kehren brauchte, um das ganze innere Aufbauwerk, das er geschaffen, die Reorganisation des Tempeldienstes, die Restitution des Sabbaths und die Auflösung der Mischehen, wie im folgenden berichtet wird, neuen Gefahren auszusetzen!
Zunächst war es während der Abwesenheit Nehemias Tobijah, seinem Todfeinde, dem einst kein Mittel zu schlecht war, um den Mauerbau zu stören und dem Führer dieses Werkes nach dem Leben zu trachten, gelungen, in Jerusalem wieder festen Fuß zu fassen. Ganz hatte er ja seine Rolle auch nach der Vollendung der Mauer nicht ausgespielt (Vgl. das am Schluß des 6. Kapitels Bemerkte.) Dazu kam, daß schon ולפני מזה (V. 4), schon vor der Zeit der Mauereinweihung zu den im Tempel amtierenden Priestern Eljaschib gehörte, ein Verwandter Tobijahs. Obwohl die Gottesgemeinde unter dem Eindruck der Thoravorlesung am Einweihungstage zur Ausscheidung alles ammonitischen Heidengemisches und darüber hinaus geschritten war (V. 3), schreckte Eljaschib nicht davor zurück, Tobijah, diesem „ammonitischen Sklaven“ (vgl. 2, 10) ein großes Gemach im Gotteshause einzuräumen (V. 5). Dieser Schritt Eljaschibs war nicht bloß deshalb ein Frevel, weil das große Gemach, in dem er Tobijah einquartierte, ehedem nur heiligen Zwecken dienstbar, nur für die Aufbewahrung des in V. 5 aufgezählten heiligen Tempelinventars bestimmt war und darum gewiß in erster Linie eine sträfliche Profanisierung eines heiligen Tempelraumes vorlag: es ergibt sich vielmehr aus einem Hinblick auf V. 13 in Verbindung mit 12, 44 f., daß diese Einquartierung Tobijahs zugleich eine Ernennung Tobijahs zum Aufsichtsbeamten über die von Nehemia reorganisierten Tempeleingänge für Priester, Leviten usw. bedeutete. Wars ein Wunder, wenn (vgl. V. 10) diese Tempeleingänge fürderhin ausblieben, weil eben die Spender im Volke zur Verwaltertätigkeit eines Tobijah kein Vertrauen hatten, und die Tempelfunktionäre, weil ihnen der Lebensunterhalt fehlte, zu ihren Äckern flüchteten und den Tempeldienst vernachlässigten?
Als Nehemia nach Jerusalem zurückkehrte, durchschaute er sofort die verhängnisvolle Tragweite des Frevels, den Eljaschib mit seiner Einquartierung Tobijahs „in den Höfen des Gotteshauses“ verübt hatte (V. 7). Noch bevor er erfahren hatte, welche Wirkungen auf die Tempeleingänge von der Einsetzung Tobijahs zum Aufsichtsbeamten über die Vorratsgemächer des Tempels ausgegangen waren — erst später erfuhr er davon (V. 10) — genügte die bloße Tatsache der Niederlassung Tobijahs in den Tempelräumen, um das höchste Mißfallen Nehemias hervorzurufen und ihn sofort zu energischem Einschreiten zu veranlassen.
Er macht mit dem Eindringling kurzen Prozeß: er läßt ihn mitsamt seinen Hausgeräten einfach auf die Straße setzen (V. 8). Die Tempelhallen, die durch einen solch unwürdigen Logiergast wie Tobijah entweiht waren, wurden gereinigt und ihrer ursprünglichen Bestimmung (vgl. V. 5) zurückgegeben (V. 9). Und nun galt es, die verderblichen Folgen dieser Episode, die sich im Ausbleiben der Levitenspenden und in der Vernachlässigung des Tempeldienstes ausgewirkt hatten, aus der Welt zu schaffen (V. 10). Nachdem Nehemia die verantwortlichen Personen zur Rede gestellt hatte, gelang es ihm, die zu ihren Äckern geflüchteten Tempelfunktionäre zur Rückkehr und Wiederaufnahme ihres Dienstes zu bewegen (V. 11). Bald war die Organisation des Tempeldienstes, die während der Abwesenheit Nehemias aus den Fugen gegangen war, wieder ganz in Ordnung. Dank dem energischen Einschreiten Nehemias füllten sich die Vorratsräume des Tempels wieder mit all den Abgaben, die zur Zeit, als Tobijah im Tempel amtierte, ausgeblieben waren und nun aus ganz Judäa wieder hereinströmten (V. 12), und zuverlässige Beamte, die Nehemia jetzt einsetzte, sorgten dafür, daß das allgemeine Vertrauen zur Verwaltung des heiligen Tempelgutes sich immer mehr befestigte (V. 13). Auf das Gelingen dieses Reorganisationswerkes blickt Nehemia mit stolzer Genugtuung zurück (V. 14. Vgl. das zu 5, 19 Bemerkte).
Kommentar (R. Breuer)
V. 15—22. Während der Abwesenheit Nehemias von Jerusalem ward neben der Tempelordnung auch die Heiligkeit des Sabbaths erschüttert. Welch empörende Beispiele von חלול שבת mußte Nehemia nach seiner Rückkehr zu seinem Entsetzen in der heiligen Stadt gewahren! In allen vom Gesetz verpönten Formen der Sabbathentweihung — שביתת בהמה, איסור מלאכה, איסור הוצאה — entlud sich der religiöse Leichtsinn des in der führerlosen Zeit völlig demoralisierten Volkes: Die Kelter wurde am Sabbath getreten, Garben eingebracht und auf Eseln verladen, und allerlei Ware, Wein, Trauben, Feigen usw. eingeliefert nach Jerusalem am heiligen Sabbathtage! — Von einem Verkauf der Waren am Sabbath ist in V. 15 nicht die Rede. Nur von den Tyrern, die in Jerusalem ansässig waren und mit Fischen und anderen Lebensmitteln handelten, wird in V. 16 gesagt, daß sie ihre Waren am Sabbath den Judäern verkauften — in Jerusalem. (Das ו in ובירושלם schiebt eine Pause der Empörung ein über das in der heiligen Stadt — in Jerusalem! — in frecher Schamlosigkeit sich breit machende Verbrechen der Sabbathentweihung.) Es scheint, daß die jüdischen Sabbathentweiher, von denen in V. 15 die Rede ist, ihre Waren am Sabbath bloß einbrachten, es aber nicht wagten oder nicht nötig hatten, sie sofort auf dem öffentlichen Markte der Stadt zu verkaufen. Zweierlei deutet darauf hin. Erstens sind die in V. 15 genannten Waren nicht solche, die wie Fische u. dgl., von denen in V. 16 die Rede ist, sofort verkauft werden müssen. Getreide, Wein, Feigen und Trauben (die neben Feigen vielleicht als getrocknete Trauben, Rosinen, verstanden werden können), sind dem Verderben nicht so ausgesetzt wie Fische u. dgl. Zweitens liegt es durchaus nicht so fern, anzunehmen, daß die Verwarnung, von der Nehemia in V. 15 berichtet, nicht an einem Sabbath, sondern ביום מכרם ציד, an einem Tage erging, an dem die auswärtigen jüdischen Händler Dinge des täglichen Lebensbedarfs, was ja ציד (vgl. צדה לדרך) bedeutet, auf dem Markt feilboten.
Die Verwarnung, die Nehemia an das den Sabbath entweihende Volk ergehen ließ, fand taube Ohren. Er mußte zu strengen Maßregeln greifen. Zunächst stellte er die für den חלול שבת verantwortlichen חרי יהודה so energisch zur Rede, wie er für die Desorganisation des Tempeldienstes die סגנים (vgl. V. 11) zur Verantwortung gezogen hatte (V. 17—18). Dann schritt er zur Tat. Wie in den Zeiten des späteren Galuth an bestimmten Tagen mit Einbruch der Nacht die Ghettothore verriegelt wurden, um erst dann, wenn die Regel der Ghettoordnung es zuließ, wieder geöffnet zu werden, wie diese judenfeindliche Einrichtung der geschlossenen Ghettothore zugleich eine Schutzwehr war gegen den gewalttätigen Haß der nach jüdischem Leben und Erdengut trachtenden Feinde, so wurde allsabbathlich, wenn die Schatten des Freitag-Abends sich niedersenkten auf die Thore der Stadt, Jerusalem in ein Ghetto verwandelt, um Israels holde Sabbathbraut vor jüdischem Leichtsinn und jüdischer Gewalttat zu schützen. Noch bevor es Sabbath wurde, mußten nach Nehemias Befehl die Türen und Thore der Stadt geschlossen werden, und sie durften erst geöffnet werden, wenn der Sabbath vorüber war. Von jedem Verkehr mit der Außenwelt wurde Jerusalem für die Dauer des Sabbaths abgeschnitten, um das Einbringen von Waren und jede Art von חלול שבת, die damit zusammenhing, in Zukunft zu verhindern. Zu Hütern über die strenge Durchführung seines Befehls bestellte Nehemia eine bestimmte Zahl aus der Jugendgruppe der Zuverlässigen, die ihn umgaben (V. 19). Die רכלים aber, die hartnäckigen, auf schmählichen Sabbathgeschäftsverdienst erpichten Krämerseelen, diese מכרי כל ממכר, denen der Sabbath feil war für eine Getreidegarbe, eine Flasche Wein, ein Bündel Rosinen und Feigen, trotzten dem Befehle Nehemias, und ingrimmig, verbissenen Eigensinnes voll, übernachteten sie zu wiederholten Malen in der Nacht von Freitag auf Sabbath außerhalb der Stadt vor Jerusalems geschlossenen Thoren (V. 20). Was aber glaubten diese starrsinnigen Krämerköpfe mit ihrer Belagerung Jerusalems in der Sabbathnacht ertrotzen zu können? Kannten sie Nehemia, diesen Mann des ehernen, von überlegener Weisheit bedienten Willens, der erst vor kurzem seinen mächtigsten Widersacher, den in das Heiligtum eingedrungenen Tobijah mitsamt seinem Hausgerät kurzer Hand an die Luft gesetzt hatte, kannten sie ihn so schlecht, daß sie im Ernste glaubten, bei ihm mit trotziger Auflehnung etwas erreichen zu können? Nicht umsonst ist aber in V. 19 von דלתות Türen und שערים Thoren die Rede. Nur השערים, nur die Haupteingänge zur Stadt, wo die Sabbathverächter mit ihren Lasttieren einziehen konnten, ließ Nehemia bewachen. Wie aber, wenn es den Krämern gelänge, durch eine der דלתות, durch einen der Nebeneingänge, die unbehütet waren, in der Sabbathnacht Waren in die Stadt zu schmuggeln? Die Möglichkeit einer solchen Umgehung seiner Maßregel ward nicht von Nehemia, wohl aber von diesen Krämern bedacht, die mit ihrer in Kniffen und Schlichen bewanderten Phantasie sich mancherlei „Effektuierbares“ von der Heimlichkeit der Nacht versprachen. Da machte ihnen Nehemia einen Strich durch die Rechnung, indem er den sabbathlichen Nachtschwärmern an der Mauer für den Wiederholungsfall gewaltsame Entfernung androhte (V. 21). Jedoch um allen Sabbathverächtern ein für alle Mal den blasphemischen Widersinn einer in der heiligen Stadt, in der Stadt des Tempels sich abspielenden Sabbathentweihung vor Augen zu führen, bestimmte Nehemia, daß fortan die wachhabenden Jünglinge an den Toren durch Leviten ersetzt werden sollten (V. 22). Leviten, die berufen waren, die Thore des Tempels zu behüten, sollten künftighin in heiliger Reinheit an den Thoren Jerusalems die Wache des Sabbaths übernehmen.
Nehemia war sich wohl bewußt, daß er, der die Mauer der Stadt aus Schutt und Trümmern neu erstehen ließ, zugleich als der große Regenerator des Sabbaths in der Geschichte fortleben werde: גם זאת זכרה לי וגו'. Ja, im Anschluß an V. 15 überliefert der Talmud (Sabbath 123 b): בימי נחמיה בן חכליה נשנית משנה זו, daß die erschwerende Bestimmung, die am Sabbath טלטול כל הכלים untersagte und die später in Zeiten gewissenhafter Sabbatheiligung erleichtert wurde, in den Tagen Nehemias und nur für seine Zeit — wie ר"ת in ב"ק 94 b konstatiert: דלא נשנית אלא לההוא דרא — angeordnet wurde, um den Sabbath vor dem überhandnehmenden Leichtsinn durch Errichtung einer Mauer zu schützen, כדי לנדור גדר להחמיר באיסורי שבת מפני שהיו מקילין בה (Raschi das.).
Kommentar (R. Breuer)
V. 23—31. Noch eine dritte Aufgabe wartete auf Nehemia, dessen Aufenthalt am persischen Königshofe in der Desorganisation des Tempeldienstes und in der überhandnehmenden Sabbathentweihung so verhängnisvoll sich ausgewirkt hatte: die Wiederauflösung der Mischehen, die während seiner Abwesenheit die Reinheit des jüdischen Familienlebens abermals zu untergraben drohte. Wieder einmal hatten jüdische Männer nichtjüdische Frauen heimgeführt. Die Kinder, die diesen Ehen entstammten, waren dem Judentum entfremdet: sie verstanden nicht, hebräisch zu reden. Nehemia begnügt sich aber nicht, ihre Unkenntnis der hebräischen Sprache hervorzuheben (V. 24), es heißt außerdem vorher: ובניהם חצי מדבר אשדודית und nachher: וכלשון עם ועם. Malbim meint, diese Kinder hätten eine Mischsprache gesprochen, חצי אשדודית, halb asdodisch und halb judäisch, daher beherrschten sie keine Sprache ganz, ואינם מכירים לדבר יהודית, weder vermochten sie richtig judäisch zu sprechen, noch waren sie וכלשון עם ועם in irgend einer anderen Sprache vollkommen heimisch. Malbims geistreicher Einfall übersieht die Einzahlform des Wortes מדבר. Wäre der Sinn: ihre Kinder sprachen halb asdodisch, dann hätte es heißen müssen: ובניהם חצי מדברים אשדודית. So aber kann die Einzahlform von מדבר nur Prädikat von חצי sein, und der Sinn ist, wie Raschi erklärt; הרבה מבניהם היו מדברים לשון אשדודי כאמותם, die Hälfte d. h. viele von ihren Kindern sprachen asdodisch gleich ihren Müttern. Schwierig ist das nachhinkende וכלשון עם ועם. Wenn damit gesagt sein soll, daß diese Kinder statt judäisch in der Sprache anderer Völker, der Ammoniter und Moabiter, redeten, dann hätte es unmittelbar nach dem Worte אשדודית eingeschoben werden müssen. Vielleicht ist es aber von ואינם מכירים abhängig, und der Sinn wäre etwa: Dadurch, daß von diesen Kindern ein Teil nur asdodisch redete, eine Sprache, die nur in Asdod, einer Stadt in Philistäa, gesprochen wurde, waren diese Kinder weder des Hebräischen (ואינם מכירים לדבר יהודית), noch irgend einer anderen Sprache mächtig (וכלשון עם ועם); nicht genug damit, daß die einseitige Sprachkenntnis, die sie ihren asdodischen Müttern verdankten, sie dem Judentum entfremdete, auch aus praktischen Gründen war es verfehlt, sie nur mit der Kenntnis der asdodischen Sprache auszustatten, die ihnen im Verkehr mit Anderssprachigen nicht viel nützen mochte.
Aus welchen Gründen aber hat Nehemia die Entfremdung dieser Kinder von der hebräischen Sprache getadelt? Was war's denn im Grunde, was seinen Zorn so leidenschaftlich erregte, daß er gegenüber den Vätern dieser Kinder alle Mittel der Zurechtweisung anwandte, die nach jüdischem Gesetze dem Richter zustehen — vgl. Talmud מ"ק 16a: ומנלן דנצינן ולייטינן ומחינן ותלשינן שיער ומשבעינן דכתיב ואריב וכו' — daß er mit ihnen zankte, ihnen fluchte, sie schlug, bei den Haaren zauste und beschwor? (V. 25) Spricht aus diesem Verhalten Nehemias der Geist jenes nationalen Sprachfanatismus, der ein Kennzeichen unserer an der sogenannten Renaissance der hebräischen Sprache sich berauschenden Tage ist?
Von einem nationalen Sprachfanatismus, so schrieben wir vor Jahren in den Jüdischen Monatsheften, kann im Judentum schon deshalb keine Rede sein, weil der Thora der Begriff des Nationalen im modernen Sinne durchaus fremd ist. Die Thora will die Menschen unter einem ewigen Gedanken einen, und nicht eher hat sie ihren Zweck auf Erden erfüllt, bis den Völkern wieder eine Sprache, geläutert von allen Schlacken des Irrtums, den Weg zum Namen Gottes weist, ihm mit einer Schulter zu dienen: כי או אהפוך אל עמים שפה ברורה לקרא כלם בשם ד' לעבדו שכם אחד (Zephanja 3, 9). Jenes scharfe Herausarbeiten nationaler Eigenwerte, worin sich die nationale Kultur chauvinistisch betätigt, kann darum im Sinne des Judentums unmöglich das Letzte, der Endzweck, der Sinn der Geschichte sein. Das gleiche gilt aber auch für die Sprache. Je mehr sie im Dienste nationaler Zwecke steht, desto eifriger arbeitet sie mit, die Menschen zu entzweien, die nationalen Schranken zu verstärken, die nationalen Grenzen zu verewigen. Nun soll auch das Hebräische der nationalen Idee in Sold gegeben werden. Gegen diesen Frohndienst muß sie sich auflehnen, wenn sie noch die Sprache des Judentums, die heilige Sprache des heiligen Volkes ist. Sie hat an der Verwirrung der menschlichen Sprachen keinen Teil. „Daß einer nicht mehr die Sprache des andern verstehe“, ist ihr kein Segen, sondern ein Fluch des strafenden Gottes, der den Aufruhr sündiger Menschen durch Zerreißen der sprachlichen Einheit rächt. Wäre auch sie gezwungen worden, sich in den Wirrwarr der Sprachen zu mischen, sie wäre längst die heilige „geläuterte“ Sprache nicht mehr, in deren göttlichen Lauten, als Gott die Sprachen verwirrte, die ewige Wahrheit ihre einzige Zuflucht fand.
So überflüssig es ist, die unvergleichliche Hoheit des Hebräischen ausführlich nachzuweisen, zu zeigen, wie das Judentum in seiner Sprache keine Ausdrucksform des nationalen Lebens, sondern — ebenso wie im Inhalt der Thora, so auch in ihrer sprachlichen Form — ein heiliges Vermächtnis des heiligen Gottes verehrt (vgl. רמב"ן zu Ex. 30, 13), so wichtig scheint uns ein Hinweis auf die Rolle zu sein, welche die hebräische Sprache im alltäglichen Leben des jüdischen Volkes selbst spielt, oder besser, zu spielen berufen ist.
Das Hebräische ist vor allem ein wichtiger Faktor der jüdischen Erziehung. Wir denken hierbei nicht bloß an das hebräische Sprachgewand der jüdischen Bekenntnisschriften, deren gründliches Verständnis genaue Kenntnis des Hebräischen voraussetzt, sondern auch an den Einfluß, den das Vertrautsein mit hebräischen Lauten, mit dem Geiste der hebräischen Sprache auf jüdische Seelen ausübt. Ist ja die Sprache nicht bloß ein praktisches Werkzeug der Verständigung, sondern das wichtigste geistige Bildungsmittel, durch das der Mensch erst zu einer geistigen Persönlichkeit wird. Unsere Sprachphilosophen sind uneinig darüber, ob die Sprache eine Erfindung des Menschen, eine göttliche Eingebung oder eine natürliche, unwillkürliche Entfaltung des menschlichen Wesens sei. Auch hier fand jüdische Weisheit das erlösende Wort: den Vers Gen. 2, 7 ויהי האדם לנפש חיה übersetzt der Targum mit והות באדם לרוח ממללא, es ward der Mensch ein redendes Wesen. Die edelste, vornehmste Manifestation des Menschentums ist die Sprache. Deren Pflege muß daher im Erziehungsprogramm an vorderster Stelle stehen; nicht als Selbstzweck, sondern als Erziehungsmittel. Welche Stellung dem Hebräischen in der jüdischen Erziehung zugewiesen werden soll, kann deshalb nur davon abhängen, welches Ziel die jüdische Erziehung selbst verfolgt. Hierfür ist maßgebend der Ausspruch des ספרי zu Deut. 11, 19: כשהתינוק מתחיל לדבר אביו מדבר עמו לשון הקודש ומלמדו תורה ואם אין מדבר עמו לשון הקודש ואינו מלמדו תורה ראוי לו כאלו קוברו שנאמר ולמדתם אותם את בניכם לדבר בם. „Wenn das Kind anfängt zu reden, dann rede sein Vater mit ihm in heiliger Sprache und lehre ihm Thora: redet er nicht mit ihm in heiliger Sprache und lehrt er ihm nicht Thora, dann ist es so, als ob er es begrübe, denn es heißt: lehret sie eure Kinder, um davon zu reden.“ Beides soll also Hand in Hand gehen: Kenntnis des Hebräischen und Kenntnis der Thora. Wer das eine von dem andern trennt, legt sein lebendes Kind in das Grab. Wenn das Wort des Sifri das Hebräisch der Thora voransetzt, so liegt dem nur die unbestrittene Notwendigkeit zu Grunde, die Kenntnis des Hebräischen zu vermitteln, damit ein gründlicher Thoraunterricht ermöglicht werde, nicht aber soll damit der hebräischen Sprache selbst, abgelöst von ihrem Zweck, irgendwelche Vorzugsstellung eingeräumt werden. Steht ja auch in dem erläuterten Verse die Pflicht des Thoralehrens obenan. Und wenn Jeruschalmi Sabbath 1, 3 am Schluß dem ein Anteil an der künftigen Welt zugesichert wird, der im heiligen Lande Profanes in Reinheit genießt, in heiliger Sprache spricht und das Schma liest morgens und abends, so geht auch aus dieser Stelle hervor, daß die hebräische Sprache nur dann ihren erzieherischen Zweck erreicht, wenn sie als ein Faktor unter vielen anderen dem religiösen Erziehungsprogramm des Thoravolkes sich einordnet. Von einer Hegemonie des Hebräischen in der jüdischen Pädagogik kann im Sinne der Thora keine Rede sein.
Erzieherischen Zweck hat im Judentum auch der Gottesdienst. Auch bei ihm ist die sprachliche Form das Hebräische. Wie aber bei Thoralernen Kenntnis des Hebräischen nur als Mittel zum Zweck gefordert wird, so auch beim Gottesdienst. Auch hier soll die heilige Sprache nur ein Mittel zum Zweck, nur der Führer sein, der die Gedankenwelt der Thora, aus welcher das jüdische Gebet quillt, in das Herz des Betenden geleitet. Jede andere Sprache läuft Gefahr, fremde Ideen in das Gebet zu mengen, besonders dann, wenn sie dem Betenden vertrauter ist als das Hebräische. Im Exil ist das Vertrautsein mit der fremden Sprache nicht zu vermeiden. Daraus ergibt sich die unsäglich schwere Pflicht, dem Ansturm des Fremden wirksam zu begegnen. Das hat schon der Talmud gesagt, wenn er Peßachim 87b bemerkt: לא הגלה הקב"ה את ישראל לבבל אלא ... מפני שקרוב לשונם ללשון תורה, Gott hat Israel nur deshalb nach Babel vertrieben, weil die Landessprache daselbst der Thorasprache nahe ist, ולא תשתכח תורה מהן מהר (Raschi), damit die Thora nicht rasch in Vergessenheit gerate. Es wird also vorausgesetzt, daß eine Berührung mit dem Geiste fremder Sprachen im Exil unvermeidbar ist und darum die Pflicht besteht, vor den Folgen dieser Berührung auf der Hut zu sein. Diese Abwehrpflicht ist schwer, aber es ist möglich, sie zu erfüllen. Das geht gerade aus der Stellung des Hebräischen im Gottesdienst hervor. Gegenüber dem hebräischen Taumel der Gegenwart muß nämlich mit allem Nachdruck betont werden, daß bei allem Wert, den das Judentum auf das Hebräische als die normale Sprachform des Gottesdienstes legt, unter gewissen Voraussetzungen und bei gewissen Abschnitten des Gottesdienstes auch fremde Sprachen den Anspruch auf subsidiarische Gleichwertigkeit erheben können. Vergessen wir nicht, daß u. a. auch folgende Sätze maßgebend sind: אלו נאמרין בכל לשון פרשת סוטה ווידוי מעשר קריאת שמע ותפלה וברכת המזון ושבועת העדות ושבועת הפקדון (Mischna Sota 32a). יכול לקרותה בכל לשון ויזהר מדברי שיבוש שבאותו לשון וידקדק בו כמו בלשון הקודש (א"ח 62, 2). יכול להתפלל בכל לשון שירצה וה"מ בצבור אבל ביחיד לא יתפלל אלא בלשון הקודש וי"א דה"מ כששואל צרכיו כגון שהתפלל על חולה או על שום צער שיש לו בביתו אבל תפלה הקבועה לצבור אפילו יחיד יכול לאומרה בכל לשון ויש אומרים דאף יחיד כששואל צרכיו יכול לשאול בכל לשון שירצה חוץ מלשון ארמי (א"ח 101, 4). ברכת המזון נאמרה בכל לשון (א"ח 185, 1).
Ebensowenig wie die Reform berechtigt ist, aus diesen Sätzen irgendwelche Befugnis zur Verdrängung des Hebräischen aus dem Gottesdienste herzuleiten (vgl. im Horeb das Kapitel „Sprache“), ebensowenig kann sich der hebräische Fanatismus der Gegenwart bei dem Götzendienst, den er mit der heiligen Sprache treibt, auf das jüdische Religionsgesetz berufen. Denn von jener absoluten Alleinherrschaft des Hebräischen, der z. B. selbst der Jugendunterricht in profanen Dingen unterworfen werden soll, findet sich im Religionsgesetz keine Spur. Gelänge es, aus der fremden Sprache den trübenden Einfluß des Fremden derart zu bannen, daß jüdische Gedanken gefahrlos in ihre Form gekleidet werden könnten, dann wäre die Rücksicht auf bloß nationale Werte nicht stark genug, um der fremden Sprache den Eintritt in das religiöse Heiligtum zu wehren. Das beweist die große Sympathie, die das Aramäische im Judentum genießt: אל יהא לשון סורסי קל בעיניך שהרי בתורה הוא אמור ומאי ניהו יגר שהדותא.
Mag aber auch der Wunsch einer durchgängigen Hebraisierung des jüdischen Lebens hier und da von religiösen Absichten getragen sein, so dürfte man doch hierbei ein wichtiges Moment nicht übersehen. Heute ist das Hebräische zumeist noch die Sprache unserer Feierstunden. Beim Beten, beim Lernen, immer wenn unser Gedanken- und Gefühlsleben in die Sphäre des Heiligtums gehoben wird, drängt sich das hebräische Wort auf unsere Lippen. Nun sollten wir uns freilich immer im Kreise des Heiligtums bewegen. Hinter der idealen Forderung bleibt aber die Wirklichkeit in nicht geringem Abstande zurück. Soll nun trotzdem das Hebräische die Norm und jede andere Sprache Fremdsprache sein, so würde dieser Zustand unter den gegebenen Verhältnissen nichts anderes als eine voreilige Antizipierung eines idealen Zukunftszieles bedeuten. All das Falsche, Lügenhafte, Verdrehte und Verwirrte, das unser wirkliches Leben durchsetzt und vergiftet, würde mit einem Male in einem unverdienten Glorienschein erstrahlen: das hebräische Sprachgewand, in das wir fortan unsere Gedanken und Gefühle kleideten, würde uns sachte über den meilenfernen Abstand hinwegtäuschen, der unser wirkliches Leben von seinem Idealbild trennt. So vieles kommt ja über unsere Lippen, was mehr der Sprache — Goethes, als der unseres — Gottes entspricht. — —
Kann es nach all dem zweifelhaft sein, daß Nehemias Zorn, der sich über die Männer jener asdodischen, ammonitischen und moabitischen Frauen entlud, deren Kinder kein Hebräisch zu reden wußten, diese Entfremdung von der hebräischen Sprache nur als ein Symptom des Abfalls von Gott und göttlichem Gesetz empfand? Was uns Nehemia von all den eindringlichen Reden, mit denen er jene Assimilanten zurechtwies, zu überliefern für nötig hält, (V. 25—27), hat ja ausschließlich die religiösen Folgen und Begleiterscheinungen ihrer Assimilation vor Augen. Gott ist's, bei dessen Namen er sie beschwört, über die Stammesreinheit ihrer Familien zu wachen. Ebenso stellt der Hinweis auf Salomo, den König von Israel, die Rückwirkungen in den Vordergrund, die von seiner Verbindung mit den fremden Frauen auf sein Verhältnis zu Gott ausgingen: Dieser König, der unter vielen Völkern nicht seinesgleichen hatte, der geliebt war von Gott, der eingesetzt war zum König über Israel von Gott —: wenn selbst er, der auf den Höhen des Geistes und des Glanzes lebte, nicht davor geschützt war, daß die fremden Frauen ihn zur Sünde verleitet haben gegen Gott, ist es nicht unerhört, daß Menschen wie ihr, die ihr lebtag den Kümmernissen, Kleinigkeiten, Sorgenlasten und Beschränktheiten ihrer menschlichen, allzumenschlichen Erdenschwere verhaftet bleiben, sich die Kraft zutrauen, den verderblichen Einflüssen der fremden Frauen auf Geist und Gemüt, auf die Reinheit der Sitte, des Hauses, der Erziehung zu widerstehen und eine Aufgabe der Selbstbehauptung zu lösen, an der selbst die Kraft eines Salomo zerbrach? Unerhört ist das frevelhafte Spiel, das ihr mit unserem Gotte treibt! So ist es Gott und niemand anders als Gott, für dessen Herrschaft Nehemia in Israel bangt, wenn asdodische Laute in jüdischen Häusern die heilige Sprache verdrängen. — —
Von den Erfolgen seiner Zurechtweisung berichtet uns Nehemia nur einen (V. 28). Dieser eine Erfolg läßt uns aber ahnen, wie energisch er zugegriffen haben mochte, um seine Säuberungsaktion auf der ganzen Linie durchzuführen. Der Krebsschaden der Mischehe war auch in den Kreis der Priester eingedrungen. Ein Sohn Jojadas, ein Enkel des Hohenpriesters Eljaschib, war Schwiegersohn Sanballats, des Horoniters, jenes Bundesgenossen Tobijahs, der ihm einst bei seinen Intrigen treu zur Seite stand. Mit diesem Schwiegersohn Sanballats machte Nehemia so kurzen Prozeß wie mit Tobijah, der sich während seiner Abwesenheit von Jerusalem im Tempel einquartiert hatte: er verjagte ihn aus seiner Nähe. Wenn es aber Nehemia gelang, mit den einflußreichen Schädlingen so rasch fertig zu werden, bedarf's da noch der Erwähnung, daß ihm der gleiche Erfolg bei allen anderen beschieden war?
Der Ausruf זכרה להם וכו' in V. 29 fassen die Kommentatoren als eine Verwünschung auf: Möge es ihnen Gott heimzahlen, daß sie das Priestertum und ברית כהונת עולם den von Gott gestifteten ewigen Priesterbund entwürdigt haben. Nur Raschi bemerkt hier kurz: זכרה להם הטובה אשר עשו. Mit dieser auf den ersten Blick ganz unverständlichen Bemerkung dürfte Raschi vielleicht folgendes gemeint haben. Das Wort להם kann sich nach dem ganzen Zusammenhang nur auf die drei Priestergenerationen, die im vorhergehenden Verse genannt wurden, beziehen: Jojada, Eljaschib und den Schwiegersohn Sanballats, den Sohn Jojadas. Die Mischehe dieses Sohnes Jojadas mit einer Tochter Sanballats war eine Entwürdigung des Priestertums, der sich auch Vater und Großvater durch schweigende Duldung schuldig gemacht hatten. Nachdem sie aber alle drei dem Verbannungsbefehl Nehemias — ואבריחהו מעלי — sich schweigend untergeordnet hatten, wurde ihnen dieser Gehorsam von Nehemia so hoch angerechnet, daß er die Befreiung des Priestertums von unlauteren Elementen als טובה אשר עשו, als eine von diesen Priestern selbst על גאלי הכהנה וכו' vollbrachte Sühne dem Gedenken seines Gottes empfiehlt.
So reinigte Nehemia Priester und Volk von allem Fremden. (וטהרתים in V. 30 schaut resumierend auf die Wiederauflösung aller Mischehen zurück, die Nehemia nach seiner Rückkehr von Susa vorfand). Die Organisation des Priester- und Levitendienstes, dessen Reinheit durch keine priesterlichen Mischlinge mehr bedroht war, wurde aufs neue befestigt und die für die periodischen Holzspenden und Einbringung der Erstlinge maßgebende Ordnung abermals geregelt. Mit tiefem Bedacht werden hier am Schlusse der Erzählung aus der Fülle der Verpflichtungen, die das Volk durch schriftliche Erneuerung des am Sinai beschworenen Vertrages übernommen hatte (vgl. das 10. Kapitel), קרבן עצים und בכורים hervorgehoben (vgl. 10, 35 f.). Wie wir dort bemerken zu dürfen glaubten, wurden die freiwilligen Holzspenden der in das Land der Väter heimgekehrten בני הגולה aus einem zweifachen Gefühl heraus, aus dem Gefühl der Ehrfurcht vor בית אלקינו und aus dem Gefühl der Pietät vor בית אבתינו dargebracht (s. das.). Die בכורים-Pflicht, die sich dort in V. 36 unmittelbar an קרבן עצים anschließt, will die Erstlinge des Bodens und aller Baumfrüchte mit dem Hause Gottes verknüpfen. Was lag nun näher, als im Augenblick, wo die Reinigung des Volkes von allem Fremden vollzogen war, mit besonderem Hinweis an diese beiden Pflichten zu erinnern, die den unauflöslichen Zusammenhang des Nationalen und Religiösen in Israel, die ewige Verbundenheit von בית אבותינו mit בית אלקינו und des palästinensischen Bodens mit dem Heiligtum des Gottesgesetzes proklamieren, und damit noch einmal nach vollzogener Auflösung der Mischehen den wahren Sinn jenes großen Werkes nationaler Erhebung zu beleuchten, das Nehemia für sein Volk vollbrachte?
זכרה לי אלהי לטובה. Vgl. das zu 5, 19 Bemerkte. Wir möchten glauben, daß die tadelnde Bemerkung von רב ירמיה בר אבא in Sanhedrin 93 b sich nur auf das זכרה לי אלהי לטובה in 5, 19 bezieht, und zwar nicht nur aus dem formalen Grunde, weil die Gegenansicht von רב יוסף nur 5, 19 im Auge haben kann, sondern auch aus einem inneren, sachlichen Grunde. In 5, 19 hebt Nehemia das Verdienst hervor, das er sich bei seinen persönlichen Ansprüchen als Landpfleger um das Volk erworben hatte. Hier aber im letzten Kapitel seines Buches, und zwar sowohl in V. 14, V. 22 und am Schluß in V. 31, wo er Rückschau hält auf das vollbrachte Werk der Wiederbelebung des Thorageistes im Volke, erscheint der Wunsch זכרה לי אלהי לטובה, frei von jeder persönlichen Note eitler Selbstgefälligkeit, als eine zugleich im Namen des Volkes an Gott gerichtete Bitte, das vollbrachte Werk nicht vergehen zu lassen. Auf dieses זכרה לי אלהי לטובה kann das Urteil angewendet werden, mit welchem der Talmud (das.) die ähnliche Bitte Davids in Ps. 106, 4 bewertet: דוד נמי מימר אמר זכרני ד' ברצון עמך פקדני בישועתך „Obgleich mit seiner Pflichtaufgabe jeder Einzelne zunächst für sich vor Gott steht und sich durch Pflichtvergessenheit einer Mehrheit in seiner Pflichttreue nicht irremachen lassen darf, so hat doch jeder mit seinen Wünschen und Hoffnungen in völliger Selbstlosigkeit sich dem großen Ganzen der jüdischen Gesamtheit einzureihen und sein Heil nur in dem von Allen wieder zu gewinnenden göttlichen Wohlwollen zu suchen.“ (Komm. das.).