Jeschajahu 38 ישעיהו

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1
בַּיָּמִ֣ים הָהֵ֔ם חָלָ֥ה חִזְקִיָּ֖הוּ לָמ֑וּת וַיָּב֣וֹא אֵ֠לָ֠יו יְשַֽׁעְיָ֨הוּ בֶן־אָמ֜וֹץ הַנָּבִ֗יא וַיֹּ֨אמֶר אֵלָ֜יו כֹּֽה־אָמַ֤ר יְהֹוָה֙ צַ֣ו לְבֵיתֶ֔ךָ כִּ֛י מֵ֥ת אַתָּ֖ה וְלֹ֥א תִֽחְיֶֽה׃
BernfeldIn jener Zeit erkrankte Hiskija zum Sterben. Da kam der Prophet Jesaja, Sohn Amoze, und sprach zu ihm: So spricht der Herr: Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben und nicht leben.
ZunzIn jener Zeit erkrankte Chiskijahu zum Sterben; da kam zu ihm Jeschajahu, Sohn Amoz, der Prophet, und sprach zu ihm: So spricht der Ewige: Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben, und nicht leben.
J. J. HirschIn jenen Tagen ward Chiskijahu sterbenskrank, da kam zu ihm der Prophet Jeschajahu, Sohn Amoz', und sagte zu ihm: So hat Gott gesprochen, bestelle dein Haus, denn du stirbst und wirst nicht genesen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 38. V. 1. Diese im V. 36 des vorhergehenden Kapitels berichtete Offenbarung der Gegenwart Gottes in der Geschichte der Völker bildet den Höhepunkt der Regierungszeit Chiskijahus. Wie die Wundertaten Gottes bei dem Auszuge aus Ägypten seine siegreiche Allmacht zu bekunden hatten (vgl. oben 30, 29), so sollte mit dem sichtbaren Hervortreten Gottes gegen Aschur die alles überwindende Stärke des in Zion ruhenden Gottesgesetzes Israel selbst und dann der Welt dokumentiert werden. War es doch nach innen die glänzendste Rechtfertigung der diesem Gesetze treu gebliebenen Minorität und zugleich nach außen ein weithin leuchtendes Zeichen für den Schutz, den Gott ihm und seinen Trägern gewährt.

Und nun בימים ההם, gerade bevor dieses Wunder sich vollziehen sollte, erkrankte Chiskijahu, למות so schwer, daß nach menschlicher Erfahrung, den Gesetzen der Natur nach, der Ausgang ein tödlicher sein mußte, was Jesaia im Auftrage Gottes ausdrücklich zu bestätigen hatte. ולא תחיה wie Josua 5, 8 עד חיותם „bis sie (von der Wunde der מילה) genesen sind“.

2
וַיַּסֵּ֧ב חִזְקִיָּ֛הוּ פָּנָ֖יו אֶל־הַקִּ֑יר וַיִּתְפַּלֵּ֖ל אֶל־יְהֹוָֽה׃
BernfeldDa wandte Hiskija sein Gesicht zu der Wand und betete zum Herrn:
ZunzDa wandte Chiskijahu sein Gesicht zu der Wand, und betete zum Ewigen,
J. J. HirschDa wandte Chiskijahu sein Antlitz zur Wand und betete zu Gott.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 2. ויסב וגו' אל הקיר um durch nichts in der תפלה, in der „Selbstbeurteilung“, das heißt ja eigentlich התפלל, gestört zu werden. (Berachoth 5b. Über תפלה s. Komm. zu 1. B. M. 20, 7.) Nach dieser gewissenhaften Prüfung seiner ganzen Vergangenheit wagte er es, sich an Gott mit der Bitte zu wenden:

3
וַיֹּאמַ֗ר אָנָּ֤ה יְהֹוָה֙ זְכׇר־נָ֞א אֵ֣ת אֲשֶׁ֧ר הִתְהַלַּ֣כְתִּי לְפָנֶ֗יךָ בֶּֽאֱמֶת֙ וּבְלֵ֣ב שָׁלֵ֔ם וְהַטּ֥וֹב בְּעֵינֶ֖יךָ עָשִׂ֑יתִי וַיֵּ֥בְךְּ חִזְקִיָּ֖הוּ בְּכִ֥י גָדֽוֹל׃ {ס}
BernfeldO Herr denke doch, wie ich vor dir gewandelt in Wahrheit und mit ganzem Herzen, und wie ich getan, was gut ist in deinen Augen! Hiskija weinte laut.
ZunzUnd sprach: O Ewiger, gedenke doch, wie ich vor dir gewandelt in Wahrheit, und mit ganzem Herzen, und wie ich gethan, was gut ist in deinen Augen! Und Chiskijahu weinte laut.
J. J. HirschEr sprach: O Gott! Gedenke doch, wie ich mich vor deinem Angesichte in Wahrheit und mit ganzem Herzen geführt und was gut in deinen Augen getan habe! Und Chiskijahu brach in lautes Weinen aus.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 3. זכר-נא. Gedenke doch, wie es immer einzig meine Absicht gewesen, so zu handeln, daß mein Tun vor deinem prüfenden Auge bestehen könne. Ich suchte mich niemals über die Beweggründe meiner Handlungen zu täuschen; das ist die Bedeutung von באמת ובלב שלם. — Sein bitteres, heißes Weinen drückte seine Ergebung in den göttlichen Willen aus, enthielt aber den unausgesprochenen Vorsatz, wenn ihm Gott weitere Lebensdauer gewähren werde, diese ganz, und noch mehr als bisher, den heiligen Zielen Gottes zu weihen. Darum betont auch

V. 4—6 die Antwort Gottes: ראיתי את דמעתך erhört habe ich dein Gebet und deine Träne geschaut — in dem, was uns als Inhalt seines Gebetes mitgeteilt wird, liegt ja nicht die Bitte um Verlängerung seines Lebens — als — אלקי דוד אביך — (vgl. voriges Kap. V. 35). — הנני יוסיף. Der natürliche Verlauf der Krankheit würde dein Leben jetzt enden, aber ich bin es, der die Natur meisternd es um fünfzehn Jahre verlängert. — הנני יוסיף wie oben 28, 16: הנני יסד. — ומכף מלך אשור אצילך Du wirst Zeuge der wunderbaren Rettung Jerusalems sein, die oben Kap. 37, 35 nur dieser Stadt verheißen war, ohne deiner zu erwähnen.

4
וַֽיְהִי֙ דְּבַר־יְהֹוָ֔ה אֶֽל־יְשַֽׁעְיָ֖הוּ לֵאמֹֽר׃
BernfeldDa erging das Wort des Herrn an Jesaja also:
ZunzUnd es erging das Wort des Ewigen an Jeschajahu also:
J. J. HirschDa ward das Wort Gottes an Jeschajahu also:
5
הָל֞וֹךְ וְאָמַרְתָּ֣ אֶל־חִזְקִיָּ֗הוּ כֹּֽה־אָמַ֤ר יְהֹוָה֙ אֱלֹהֵי֙ דָּוִ֣ד אָבִ֔יךָ שָׁמַ֙עְתִּי֙ אֶת־תְּפִלָּתֶ֔ךָ רָאִ֖יתִי אֶת־דִּמְעָתֶ֑ךָ הִנְנִי֙ יוֹסִ֣ף עַל־יָמֶ֔יךָ חֲמֵ֥שׁ עֶשְׂרֵ֖ה שָׁנָֽה׃
BernfeldGehe hin und sprich zu Hiskija: So spricht der Herr, der Gott deines Ahn David: Ich habe dein Gebet gehört, ich habe deine Tränen gesehen, ich füge deinen Lebenstagen noch fünfzehn Jahre hinzu.
ZunzGeh und sprich zu Chiskijahu: So spricht der Ewige, der Gott Dawid's, deines Vaters: Ich habe dein Gebet gehört, ich habe deine Thräne gesehn. Siehe, ich füge zu deinen Lebenstagen funfzehn Jahre hinzu.
J. J. HirschGehe hin und sage zu Chiskijahu: So hat Gott, der Gott deines Vaters David gesprochen: Ich habe dein Gebet vernommen, geschaut deine Träne, ich bin es, der deinen Tagen fünfzehn Jahre hinzufügen wird,
6
וּמִכַּ֤ף מֶֽלֶךְ־אַשּׁוּר֙ אַצִּ֣ילְךָ֔ וְאֵ֖ת הָעִ֣יר הַזֹּ֑את וְגַנּוֹתִ֖י עַל־הָעִ֥יר הַזֹּֽאת׃
BernfeldVon der Hand des Königs von Assyrien werde ich dich und diese Stadt retten; ich werde diese Stadt schirmen.
ZunzUnd von der Hand des Königs von Aschur werd' ich dich retten, und auch diese Stadt, und werde schirmen diese Stadt.
J. J. Hirschund aus der Hand des Königs von Aschur werde ich dich erretten und diese Stadt, und mit Schutz umgeben diese Stadt.
7
וְזֶה־לְּךָ֥ הָא֖וֹת מֵאֵ֣ת יְהֹוָ֑ה אֲשֶׁר֙ יַעֲשֶׂ֣ה יְהֹוָ֔ה אֶת־הַדָּבָ֥ר הַזֶּ֖ה אֲשֶׁ֥ר דִּבֵּֽר׃
BernfeldDas sei dir das Zeichen vom Herrn, dass der Herr das tun wird, was er gesprochen.
ZunzUnd das sei dir das Zeichen vom Ewigen, daß der Ewige diese Sache thun wird, die er gesprochen.
J. J. HirschUnd dies sei für dich das Zeichen von Gott, daß Gott dieses Wort, welches er gesprochen hat, erfüllen wird:
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 7. 8. Dieses aller Welt sichtbare Zeichen aber hatte sich Chiskijahu erbeten, wie 2. Könige 20, 8 ausführlich erzählt wird und worauf die beiden letzten Verse unseres Kapitels (s. das.) kurz hinweisen. Jesaia nämlich hatte ein medizinisches Mittel verordnet, Chiskijahu aber ihm entgegnet: „Was ist das Zeichen, daß Gott mir die Heilung sendet und ich am dritten Tage zum Hause Gottes hinaufgehen werde?“ Darauf sagte ihm Jesaia, den Beweis dafür werde Gott selbst durch einen wunderbaren Eingriff in die Gänge der Natur erbringen, welcher an dem Sonnenweiser sichtbar zum Ausdruck kommen solle, und überließ ihm zwischen zwei Weisen, in denen dieses Wunder sich zu vollziehen habe, die Wahl. Chiskijahu entschied sich für diejenige, die seiner Ansicht nach die Hand Gottes am eklatantesten offenbaren würde, und auf das Gebet Jesaias vollzog Gott das Wunder, wie es hier beschrieben wird.

Chiskijahu fürchtete nämlich den Schein, als ob ärztliche Mittel, sogar gegen die ursprüngliche Bestimmung Gottes, die Heilung eines Menschen bewirken könnten. Zu einer solchen Besorgnis war er um so mehr veranlaßt, als seine die Naturkräfte vergötternde und die Kenntnis derselben abergläubig verehrende Zeit (s. das oben zu Kap. 3, 2, 3 betreffs קוסם und נבון לחש Bemerkte) wohl allzu geneigt gewesen sein mag, das Vertrauen auf Gottes Hilfe und Beistand zu verlieren und allein von ärztlicher Kunst Heilung und Rettung zu erhoffen und ihr übermäßig Glauben entgegen zu bringen. Diese Annahme wird durch die Berachoth 10b mitgeteilte Überlieferung bestätigt: גנז ספר רפואות והודו לו, Chiskijahu habe in weiser Absicht eine vorhandene Schrift über ärztliche Kunst beseitigt.

8
הִנְנִ֣י מֵשִׁ֣יב אֶת־צֵ֣ל הַֽמַּעֲל֡וֹת אֲשֶׁ֣ר יָרְדָה֩ בְמַעֲל֨וֹת אָחָ֥ז בַּשֶּׁ֛מֶשׁ אֲחֹרַנִּ֖ית עֶ֣שֶׂר מַעֲל֑וֹת וַתָּ֤שׇׁב הַשֶּׁ֙מֶשׁ֙ עֶ֣שֶׂר מַעֲל֔וֹת בַּֽמַּעֲל֖וֹת אֲשֶׁ֥ר יָרָֽדָה׃ {ס}
BernfeldIch lasse umkehren den Schatten der Stufen, wo er hinabgerückt war — an den Stufen der Sonnenuhr, die Achaz errichtet — zehn Stufen rückwärts. Der Schatten der Sonne kehrte auch zehn Stufen um, an den Stufen, die er herabgerückt war.
ZunzSiehe, ich lasse umkehren den Schatten der Stufen, wo er hinabgerückt war, an den Stufen des Achas durch die Sonne, rückwärts zehn Stufen. Und die Sonne kehrte zehn Stufen um an den Stufen, die sie herabgerückt war.
J. J. HirschSiehe, ich lasse den Schatten des Gradweisers, welcher am Gradweiser Achas' durch die Sonne heruntergegangen ist, um zehn Grade zurückgehen. Da kehrte die Sonne zehn Grade zurück von den Graden, die sie heruntergegangen war.
9
מִכְתָּ֖ב לְחִזְקִיָּ֣הוּ מֶלֶךְ־יְהוּדָ֑ה בַּחֲלֹת֕וֹ וַיְחִ֖י מֵחׇלְיֽוֹ׃
BernfeldSchrift von Hiskija, König von Jehuda, als er erkrankt war und von seiner Krankheit genas:
ZunzSchrift von Chiskijahu, König von Jehudah, da er krank war und genas von seiner Krankheit.
J. J. HirschSchrift des Chiskijahu, Königs von Juda, als er erkrankt und von seiner Krankheit wieder genesen war.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 9. Die Empfindungen und Gedanken, die ihn während seiner Krankheit und bei seiner Genesung erfüllt hatten, suchte Chiskijahu durch Niederschrift festzuhalten, und um sie seinem Volke dauernd zur Belehrung und Bildung zu bewahren, wies er dieser Denkschrift einen Platz im Buche Jesaia an. Scheint ja mit der Gesinnung seines Ahns David auch dessen Geist sich auf ihn vererbt, und was das Gemüt bewegte, er in Gottesliedern hinausgesungen zu haben. — Siehe weiter V. 20.

Von diesen Gesängen blieb uns keiner erhalten, daher fehlt für die Lösung einzelner, dem wirklich richtigen Verständnis dieser Denkschrift sich darbietender Schwierigkeiten, die Vergleichung mit den sonstigen Ergüssen seiner Seele. Die ganz herrliche, poetisch getragene Sprache hat zuweilen ihre eigene Wort- und Satzbildung und ist dabei manchmal von solch knapper Ausdrucksweise, wie wir sie selten in der heiligen Schrift antreffen. Daher dürfen wir Übersetzung und Erläuterung nur mit großem Vorbehalte geben. Eins aber ist sicher, daß dieses Schreiben Chiskijahus ganze, rein Gott zugewandte Geistes- und Herzensrichtung erkennen läßt und uns den Gradmesser übermittelt, an welchem er den wahren Wert des Lebens prüfte.

10
אֲנִ֣י אָמַ֗רְתִּי בִּדְמִ֥י יָמַ֛י אֵלֵ֖כָה בְּשַׁעֲרֵ֣י שְׁא֑וֹל פֻּקַּ֖דְתִּי יֶ֥תֶר שְׁנוֹתָֽי׃
BernfeldIch dachte, in der Mitte meiner Tage soll ich eingehen in die Pforten der Gruft; ich bin beraubt des Restes meiner Jahre.
ZunzIch sprach: Im Mittag meiner Tage soll ich eingehen in die Pforten des Schattenreichs, bin beraubt des Restes meiner Jahre.
J. J. HirschIch hatte gesprochen, in dem Ideal meiner Tage soll ich in des Grabes Pforten eingehen, bin des Vorzugs meiner Jahre beraubt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 10. בדמי ימי. דמי von דמה, das im Kal das Bild, das Gleichnis von etwas sein, und im Piel vorstellen, sich eine Vorstellung, ein Bild von etwas machen, bedeutet, wie כאשר דמיתי לעשות להם (4. B. M. 33,56), כאשר דמיתי כן היתה (oben Kap. 14, 24), דמינו אלק' חסדך (Ps. 48, 10); also hier: Ich hatte es mir so herrlich ausgedacht, wie ich, nachdem das Land der göttlichen Verheißung gemäß von dem assyrischen Alpdruck-befreit sein würde, erfolgreich für Gottes Sache in meinem Volke wirken könne. Ich hatte mir das Bild meiner kommenden Tage so farbenprächtig ausgemalt, wie glücklich ich mich fühlen werde, Mitarbeiter an der geistig-sittlichen Erhebung und Beglückung meines Volkes sein zu dürfen und damit der Verwirklichung meines Lebensideals näher zu kommen — und nun werde ich abgerufen.

פקדתי von פקד, wie ולא נפקד ממנו איש (4. B. M. 31, 49). Wörtlich: ich muß den Vorzug meiner Jahre entbehren, oder es fehlt mir u. s. w. — יתר wie יתר שאת (1. B. M. 49, 3), הלא נסע יתרם (Job 4, 21); siehe auch oben Kap. 15, 7: ויתר עז על כן יתרה עשה. Chiskijahu war damals neununddreißig Jahre alt und durfte hoffen, noch eine ganze Reihe von Jahren im Besitze seiner Vollkraft wirksam sein zu können — das ist der Vorzug dieses Lebensalters.

11
אָמַ֙רְתִּי֙ לֹא־אֶרְאֶ֣ה יָ֔הּ יָ֖הּ בְּאֶ֣רֶץ הַחַיִּ֑ים לֹא־אַבִּ֥יט אָדָ֛ם ע֖וֹד עִם־י֥וֹשְׁבֵי חָֽדֶל׃
BernfeldIch dachte, ich werde nicht mehr Gott [die Herrlichteit des Daseins] schauen, Gott im Reiche des Lebens; ich werde keinen Menschen mehr in dieser Welt sehen;
ZunzIch sprach: Nicht soll ich schauen Gott, Gott im Lande des Lebens, nicht soll ich ferner einen Menschen sehen, mit den Bewohnern der Vergänglichkeit.
J. J. HirschIch hatte gesprochen, nicht werde ich Gottes Machtoffenbarung erschauen, Gott im Lande der Lebendigen, soll keine „Menschen“ erblicken unter den Bewohnern der Vergänglichkeit.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 11. יה, lautverw. mit כה, ist überall die Bezeichnung Gottes als des sichtbar seine Allmacht Offenbarenden. Vgl. Komm. zu 2. B. M. 15,2. — בארץ החיים auf Erden. Vgl. Komm. zu Ps. 27, 13: Ich soll Gottes Allmacht nicht sehen, wie sie sich in der Errettung meines Volkes aus Assyriens eiserner Umklammerung kundgibt und soll nicht den regenerierenden Einfluß dieser göttlichen Machtoffenbarung auf meine Nation mit begrüßen dürfen. — אדם bezeichnet den Menschen in seiner reinen Stellung zu Gott und Welt im Gegensatz, gewöhnlich zu אנוש dem schwachen, gesunkenen Menschen, hier zu יושבי חדל. חדל aufhören, Ps. 39, 5: מה חדל אני wie vergänglich ich bin. Also hier: Menschen, die keinen anderen Lebenszweck kennen, als nach Vergänglichem zu streben, Genuß zu erjagen, Sinnenlust zu fröhnen, nach recht großem Besitz zu ringen, aber nicht um mit ihm Gutes zu fördern, Edles zu tun und ihm so den Stempel der unvergänglichen Dauer aufzuprägen, sondern um ihn in Genuß und das, was den Sinnen schmeichelt, umzusetzen.

12
דּוֹרִ֗י נִסַּ֧ע וְנִגְלָ֛ה מִנִּ֖י כְּאֹ֣הֶל רֹעִ֑י קִפַּ֨דְתִּי כָאֹרֵ֤ג חַיַּי֙ מִדַּלָּ֣ה יְבַצְּעֵ֔נִי מִיּ֥וֹם עַד־לַ֖יְלָה תַּשְׁלִימֵֽנִי׃
BernfeldMeine Lebensdauer sei abgebrochen und weggezogen von mir, gleich einem Hirtenzelt; mir sei mein Leben abgeschnitten, wie wenn mir der Weber es vom Faden risse; von Tag zu Nacht vollendest du mit mir.
ZunzMeine Lebensdauer ist abgebrochen, weggezogen von mir, gleich einem Hirtenzelte; mir ist mein Leben abgeschnitten, wie wenn mir der Weber es vom Faden reißt; von Tag zu Nacht vollendest du mit mir.
J. J. HirschMeine Mitwelt war mir bereits entrückt und entschwunden wie das Zelt meines Hirten. Ich hatte wie der Weber meines Lebens es für abgeschlossen erachtet, sobald Er mich aus der Erniedrigung zur Vollendung geführt haben werde; allein von Tag zur Nacht lässest du es mich vollenden.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 12. דור Geschlecht, in Verbindung gebracht mit einer Persönlichkeit, bezeichnet die gleichzeitig mit dieser Lebenden, ihre Zeitgenossenschaft: תמים היה בדרתיו (1. B. M. 6, 9), דור ישרים יבורך (Ps. 112, 2). — אהל רעי ist wahrscheinlich Ausdruck für בית ד' den Tempel Gottes. Gleich David, ד' רעי לא אחסר (Ps. 23, 1), war ihm Gott sein Lebenshirt, dessen Führung er sich völlig überließ; im „Zelte seines Hirten“, im Gottestempel, empfing er die Weisung für seinen Wandel auf Erden, von dort erfolgte, dessen war er sich bewußt, die Leitung seines Geschickes. Im בית ד' suchte er wiederholt vor Gott Sammlung in seinen Bedrängnissen durch Sanherib und erflehte Hilfe; Ziel seiner Genesung ist ihm, ins בית ד' zu gehen, und Gegenstand seiner in Sang ausklingenden Geistes- und Gemütsbewegung ist das בית ד'. S. weiter V. 20. Die Wiederherstellung des Dienstes im בית ד' in seiner ganzen Reinheit und Bedeutung war ja die hervorragendste, die Gottessache rettende Tat seines Lebens. Vgl. 2. Chron. Kap. 30 und 31.

קפדתי כאורג חיי. Der Satz Job 7, 6: ימי קלו מני ארג ויכלו באפס תקוה „meine Tage liefen rasch ab von der Weberspule und hörten auf, als der Faden zu Ende war“ legt es nahe, hier Gott von Chiskijahu als den Weber seines Lebens bezeichnet zu sehen. Der Ausdruck מקפיד im rabbinischen Sprachgebrauch scheint die Bedeutung von קפד als präzisieren, genau abgrenzen, abschließen, zu rechtfertigen. (Der talmudische Ausdruck קפדן [Sprüche der Väter 2. Abschn. 6: ולא הקפדן מלמד] für einen Lehrer, der „pedantisch“ bei dem Unterricht es mit jeder auch nur äußerlichen Kleinigkeit „genau nimmt“ und darüber zornig aufbraust, hat uns zu der oben 34, 11 gegebenen Erklärung von קפוד veranlaßt.) Bei der einzigen Stelle, in welcher קפד noch in תנ"ך vorkommt, (Jesek. 7, 25: קפדה בא) ist es uns zweifelhaft, ob deren Bedeutung ist „der Abschluß kommt“, worauf Vers 2: בא הקץ und Vers 6 hinweisen würden, oder damit eine Zeit geschildert wird, in der es jeder mit dem andern „genau nimmt“ und dadurch Anlaß zu Zwist und Hader gegeben wird, welcher Auffassung der Nachsatz ובקשו שלום ואין entsprechen würde. — יבצעני von בצע, wie oben Kap. 10, 12: כי יבצע ד', Secharja 4, 9: וידיו תבצענה seine Hände werden es auch zu Ende führen u. f.

Der Sinn unseres Satzes wäre, wenn unsere Annahme richtig ist: Ich hatte mir das Ziel meines Lebens als völlig erreicht vorgestellt, wenn ich die Erhebung meines Volkes aus der politischen Erniedrigung durch Gott und aus der geistig-sittlichen Gesunkenheit der Gottentfremdung unter Mitwirken meiner ganzen Kraft erlebt hätte — dann wäre ich gerne aus dem Leben geschieden. Jetzt aber setzest du meinem Leben eine so kurze Frist, und da bleibt der Zweck meines Daseins unerfüllt.

13
שִׁוִּ֤יתִי עַד־בֹּ֙קֶר֙ כָּאֲרִ֔י כֵּ֥ן יְשַׁבֵּ֖ר כׇּל־עַצְמוֹתָ֑י מִיּ֥וֹם עַד־לַ֖יְלָה תַּשְׁלִימֵֽנִי׃
BernfeldIch glaubte, bis zum Morgen [sofort] werde er gleich einem Löwen zermalmen mein Gebein; von Tag zu Nacht vollendest du mit mir.
ZunzIch schrie bis zum Morgen, gleich einem Löwen, also zermalmte er all mein Gebein. Von Tag zu Nacht vollendest du mit mir.
J. J. HirschIch blieb mir gleich bis zum Morgen wie ein Löwe, aber gerade so zerbrach er alle meine Gebeine — von Tag bis Nacht lässest du mich enden.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 13. שויתי, ähnlich wie אם לא שויתי ודוממתי נפשי (Ps. 131, 2). Hier: Ich suchte mich mit dem Gedanken an mein nahes Ende auszugleichen, mir gleich zu bleiben. כארי: Löwenstärke mußte ich betätigen, alle meine Kräfte zusammennehmen, um den Anforderungen, welche dein „צו לביתך“ an mich gestellt hatte, entsprechen zu können; aber je mehr ich ringe, um so heftiger wird der Schmerz, כן (wie ונהי בעינינו כחגבים וכן היינו בעיניהם, (4. B. M. 13, 33) mit Löwenmacht bricht er „alle meine Gebeine“, alles, was mir Halt gewährt — gar rasch lässest du es mit mir zu Ende gehen.

14
כְּס֤וּס עָגוּר֙ כֵּ֣ן אֲצַפְצֵ֔ף אֶהְגֶּ֖ה כַּיּוֹנָ֑ה דַּלּ֤וּ עֵינַי֙ לַמָּר֔וֹם אֲדֹנָ֖י עָֽשְׁקָה־לִּ֥י עׇרְבֵֽנִי׃
BernfeldGleich der Schwalbe und dem Kranich also zirpt ich, girrte Tauben gleich, ich erhob meine Augen zur Höhe: Herr, bedrängt bin ich, rette mich!
ZunzGleich der Schwalbe, dem Kraniche, also zirpt' ich, girrte Tauben gleich, es schmachteten meine Augen zur Höhe: Ewiger, bedrängt bin ich, rette mich!
J. J. HirschWie ein gefangener Kranich so wimmere ich, klage wie eine Taube, zur Höhe schmachten meine Augen — Gott, entziehe mir, was mein ist, nur verbürge mein Sein.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 14. כסוס עגור. In der Übersetzung dieser beiden Worte gehen die Kommentatoren in eigentümlicher Weise auseinander. Einige nehmen כסוס עגור als ob כסוס ועגור stände, für zwei Vogelarten, wie es in der Tat Jerem. 8, 7 heißt, und übersetzen: wie die Schwalbe und der Kranich; danach nehmen sie also סוס für Schwalbe und עגור für Kranich. Veranlassung dazu bietet eine Stelle in Kidduschin 44a: וצווח ריש לקיש כי כרוכיא, zu welcher Raschi erläuternd bemerkt: כי כרוכיא תרגום של עגור גרוא"ה בלע"ז. Da sich Raschi u. E. nach auf den Vers in Jerem. 8, 7 bezieht, in dem es heißt תור וסוס ועגור und diese in Targum-Übersetzung lautet: ושפנינא וכורכיא וסנוניתא, so ist es klar, daß der Targum תור mit שפנינא, eine Taubenart, wahrscheinlich Turteltaube, vgl. ביעא דשפנינא, סוס mit כורכיא und עגור mit סנוניתא übersetzt, das nach ר' האיי גאון: ארונדונא בלע"ז, wohl Hirondelle Schwalbe bedeutet. Da der Targum also nicht עגור, sondern סוס mit כורכיא übersetzt, so muß Raschis גרוא"ה בלע"ז sich auf סוס beziehen: גרוא"ה entspricht aber dem französischen grue (lateinisch grus) und heißt Kranich. (Die Schwierigkeit dieser Raschibemerkung in Kidduschin zu lösen, insbesondere auch im Hinblick auf Raschi im Buche Jesaia, müssen wir Kundigeren überlassen, vielleicht existieren auch andere Lesarten von Raschi, die uns nicht zugänglich sind. Die Raschi in Jeremia lautet: ותור וסוס ועגור ושפנינא וכורכי' וסנוניתא כורכיא גרוא"ה סנונית ארונדיל"א בלע"ז; danach übersetzt Raschi also סוס mit Kranich und עגור mit Schwalbe.) Danach scheint der Targum allerdings in Jeremia עגור als Schwalbe zu nehmen. Hier aber übersetzt er כסוס עגור: כסוסיא דאחיד, woraus hervorgeht, daß er עגור hier nicht als eine besondere Vogelart auffaßt, wahrscheinlich gerade deshalb, weil nicht ועגור steht; אחיד entspricht aber dem hebräischen אחז ergreifen, festhalten. Vgl. die Targum-Übersetzung אחזת נחלה mit אחידת אחסנתא. Er faßt demnach hier עגור als von עגר in בינוני פעול auf. Die Wurzel עגר ist aber einerseits lautverw. mit אגר, was einsammeln zum Zwecke des Festhaltens und Aufbewahrens bedeutet (אגרה בקציר מאכלה, Prov. 6, 8), andererseits mit עקר lähmen, am Fortschreiten hindern (וברצונם עקרו שור, 1. B. M. 49, 6). Die ausführliche Etym. von עקר siehe Komm. zu 1. B. M. 11, 30, wo allerdings עגר nicht erwähnt ist.

Die von den Grammatikern als ähnlich angeführten Stellen, in denen das kopulative Waw ausgelassen ist, wie ראובן שמעון, שמש ירח, כרע כאח, würden mit unserem כסוס עגור nur dann analog sein, wenn das vergleichende „כ“ bei beiden stünde. Bei dem einzigen Beispiele, welches der Form nach passen würde, ככבש אלוף (Jerem. 11,19), fassen wir אלוף nicht als „Stier“ auf, sondern als Führer, also ככבש אלוף „wie das führende Schaf“, entsprechend unserem „Leithammel“.

דלו עיני למרום von דלל jedoch mit einem Anklang an die Bedeutung der Wurzel דלה aus der Tiefe heben, da es hier sich auf למרום bezieht: Erschöpft, wie ich bin, oder besser noch, ermattet, wie sie sind, suchen meine Augen nach dem einzigen Halt, der mir geblieben, nach Dir!

עשקה ist צווי mit optativem ה wie שמרה נפשי (Ps. 86, 2) oder זכרה לי (Nehem. 5, 19. 13, 14) und זכרה להם (das. 13, 29) u. f. — לי was mir geworden oder mir von dir zugedacht ist. ערבני. Das Objekt, für das Bürgschaft geleistet wird, steht im Akkusativ, עבדך ערב את הנער (1. B. M. 44, 32). Also hier: Nimm mir alles, was ich dir zu verdanken habe, halte alles zurück, mit dem du mich noch begnaden wolltest, aber bürge für mich, d. h. sichere meine weitere Wirksamkeit für dich und mein Volk.

15
מָֽה־אֲדַבֵּ֥ר וְאָֽמַר־לִ֖י וְה֣וּא עָשָׂ֑ה אֶדַּדֶּ֥ה כׇל־שְׁנוֹתַ֖י עַל־מַ֥ר נַפְשִֽׁי׃
BernfeldWas soll ich reden? Er hat mir verheißen und er vollführt es auch. Wallen will ich [ins Gotteshaus] all meine Jahre [und dem Herrn danken, dass er mich errettet hat] aus meinem Kummer.
ZunzWas soll ich reden? Er hat mir verheißen und er hat es auch vollführt. Wallen will ich (in's Gotteshaus) all meine Jahre, wenn mein Gemüth bekümmert ist.
J. J. HirschWas soll ich nun aussprechen, wie er mir verheißen und er erfüllt hat! Langsam will ich alle meine Jahre dahinziehen lassen wegen des Bitteren, das meine Seele gekostet.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 15. Ich finde keine Worte dafür, wie Gott, mein Gebet erhörend, mir Genesung verhieß, und für die Weise, in der er mir sie so wunderbar gewährt. — אדדה wie Ps. 42, 5: אדדם, s. dort im Komm.: Langsam, mit Bedacht will ich die Jahre, die du mir schenktest, verleben, sie gleichsam an der Hand führen, daß sie nicht zu rasch vergehen. Die bittere Erfahrung, die meine Seele gemacht, hat mich den kostbaren Wert eines jeden Augenblicks schätzen gelehrt, den ich in deinem Dienste verwenden kann. — So aufgefaßt, entspricht אדדה hier völlig dem dort aus Sabbat 128b zitierten אשה מדדה את בנה eine Mutter führt ihr Kind langsam an der Hand.

16
אֲדֹנָ֖י עֲלֵיהֶ֣ם יִֽחְי֑וּ וּלְכׇל־בָּהֶן֙ חַיֵּ֣י רוּחִ֔י וְתַחֲלִימֵ֖נִי וְהַחֲיֵֽנִי׃
BernfeldHerr, schütze [meine Gebeine], dass sie gesunden, und auch meinen Geist, und stärke mich!
ZunzHerr, durch sie lebt man, und ganz durch sie lebt mein Geist: nun so stärke mich und lasse mich genesen.
J. J. HirschO Gott! befiehl über sie, daß sie leben, und allem durch sie Werdenden sei mein Geistesleben zugewandt, und lässest du mich gesunden, o so lasse mich leben!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 16. אדנ' עליהם יחיו. עליהם wie עלי אלק' נדריך (Ps. 56, 13) das jemandem Obliegende, zur Pflicht Gemachte. — עליהם und בהן nehmen Bezug auf das vorhergehende כל שנותי: שנה kommt sowohl weiblich als männlich vor, und selbst im Plural mit der weiblichen Endung שנות, doch männlich konstruiert: ושנותיך לא יתמו (Ps. 102, 28), כי שנות מספר יאתיו (Job 16, 22). Diese feine Nuancierung hier ist tief bedeutsam: עליהם Lasse sie männlich stark, lebenskräftig, leben-erfüllte Jahre werden. בהן begreift die Jahre als die Mütter alles dem Menschen Werdenden: Du hast mir weitere fünfzehn Jahre geschenkt; die Jahre kreißen und gebären stets neue Verhältnisse und damit neue Pflichten für mich — ihnen allen voll und ganz gerecht zu werden, sei mein Geistesleben geweiht. — ותחלימני ist עתיד mit verbundenem Waw, והחייני spricht in Form des צווי die Bitte aus.

17
הִנֵּ֥ה לְשָׁל֖וֹם מַר־לִ֣י מָ֑ר וְאַתָּ֞ה חָשַׁ֤קְתָּ נַפְשִׁי֙ מִשַּׁ֣חַת בְּלִ֔י כִּ֥י הִשְׁלַ֛כְתָּ אַחֲרֵ֥י גֵוְךָ֖ כׇּל־חֲטָאָֽי׃
BernfeldUm den Verlust des Friedens war ich sehr betrübt; doch du hast liebend meine Seele gezogen aus der Grube der Verwesung, denn du warfst hinter deinen Rücken all meine Sünden [du verziehst mir alles].
ZunzSiehe, um den Frieden bin ich sehr betrübt; doch du hast liebend meine Seele gezogen aus der Grube der Verwesung, denn du warfst hinter deinen Rücken all meine Sünden.
J. J. HirschSiehe, zum Heil ward so Bitteres mir, du hieltest liebend umfaßt meine Seele vor dem Grabe der Vernichtung zurück, indem du alle meine Sünden hinter deinen Rücken warfst.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 17. מר לי מר wörtlich: ward das Bittere mir so bitter. Das bittere Leid wurde mir zum höchsten Heile, du reinigtest mich dadurch von jedem Fehl, und geläutert trete ich jetzt ein heilbeglücktes Leben an. — חשק heißt Sehnsucht, Liebe empfinden und heißt auch umreifen, umfassen: וחשק אותם (2. B. M. 38, 28) u. f. Wir suchten in der Übersetzung beiden Bedeutungen gerecht zu werden. — בלי von der Wurzel בלה vergehen, zu nichts werden u. s. w. gebildetes Hauptwort: das Nichts, die Vernichtung; gleichklingend ist es mit der Präposition בלי „ohne“, der Negation des nachfolgenden Begriffs.

18
כִּ֣י לֹ֥א שְׁא֛וֹל תּוֹדֶ֖ךָּ מָ֣וֶת יְהַלְלֶ֑ךָּ לֹא־יְשַׂבְּר֥וּ יוֹרְדֵי־ב֖וֹר אֶל־אֲמִתֶּֽךָ׃
BernfeldDenn nicht die Gruft preiset dich, nicht der Tod lobt dich; es harren nicht, die in die Grube sinken, auf deine Treue.
ZunzDenn nicht das Schattenreich preiset dich, nicht der Tod lobt dich, nicht harren, die in die Grube sinken, auf deine Treue.
J. J. HirschDenn nicht die Gruft huldiget dir, nicht der Tod preiset dich, nicht harren die ins Grab Niedersteigenden deiner Wahrheit entgegen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 18. כי לא שאול תודך וגו'. Vgl. Ps. 6, 6: כי אין במות זכרך בשאול מי יודה לך und Ps. 30, 10: היודך עפר היגיד אמתך. Wie sein großer Ahn David und fast mit denselben Worten spricht Chiskijahu die Wahrheit aus, daß nicht der Tod die Vergegenwärtigung des göttlichen Wesens und Waltens sei. Das Sterben des Menschen ist nur eine Folge der von Gott eingesetzten Naturordnung. Aber das Leben und insbesondere die Wiederbelebung, die Neuverjüngung eines bereits verlorenen Daseins ist der Gott offenbarende Fingerzeig, weist auf Gott hin als den, der ewig bereit ist, den Menschen für seinen künftigen Gottesdienst, für seine Pflichterfüllung auf Erden mit neuer Kraft auszustatten. Für den heidnischen Göttergedanken gipfelt die höchste Göttermacht in der tötenden Gewalt, der alles Lebendige erliegt. Die jüdische Wahrheit aber spricht, daß Gott seine Freude habe an dem Leben des Menschen, der dem göttlichen Willen, der göttlichen Bestimmung gemäß lebt, nicht an seinem Sterben.

Was von dem Menschen im Grabe liegt, kann nicht durch Pflichtbetätigung Gott huldigen; so lange er lebt, hat er in sittlich freier Lösung seiner Aufgabe immer mehr der Gottesnähe zuzustreben und darf hoffen, der Erkenntnis der Gotteswahrheit teilhaftig zu werden, soweit dies dem Menschen überhaupt möglich ist.

19
חַ֥י חַ֛י ה֥וּא יוֹדֶ֖ךָ כָּמ֣וֹנִי הַיּ֑וֹם אָ֣ב לְבָנִ֔ים יוֹדִ֖יעַ אֶל־אֲמִתֶּֽךָ׃
BernfeldDer Lebende, der Lebende, er preiset dich, wie ich heute; der Vater thut den Kindern deine Treue kund.
ZunzDer Lebende, der Lebende, er preiset dich, wie ich heute; der Vater thut den Kindern deine Treue kund.
J. J. HirschDer Lebende, der Lebende, er kann dir dankend huldigen, wie ich heute, indem er als Vater den Kindern den Weg weiset zu deiner Wahrheit.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 19. Das kann nur der Lebende, und damit wird sein ganzes Leben Dank, Huldigung und Bekenntnis. Dies alles liegt in dem Begriff הודאה, vgl. Komm. zu Ps. 6, 6. — כמני היום: So zu leben ist der feste Vorsatz, mit dem ich heute mein neugeschenktes Leben antrete. Allein der Höhepunkt dieser Gotteshuldigung und damit meines Lebens Ziel ist erst dann erreicht, wenn es mir gelungen, durch Beispiel und Belehrung meinen Nachkommen den Weg zu deiner Wahrheit zu weisen. — יודיע, Hifil von ידע, heißt: kundgeben, unterrichten, zeigen, weisen. אל die Richtung zu etwas.

20
יְהֹוָ֖ה לְהוֹשִׁיעֵ֑נִי וּנְגִנוֹתַ֧י נְנַגֵּ֛ן כׇּל־יְמֵ֥י חַיֵּ֖ינוּ עַל־בֵּ֥ית יְהֹוָֽה׃
BernfeldDer Herr ist da zu meiner Hilfe, und meine Lieder werden wir spielen all unsere Lebenstage im Hause des Herrn.
ZunzDer Ewige ist da zu meiner Hülfe, und meine Lieder werden wir spielen all unsere Lebenstage im Hause des Ewigen.
J. J. HirschGott, bleibe mir Helfer, dann werden wir alle Tage unseres Lebens meine Gesänge „über das Haus Gottes“ ertönen lassen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 20. ד' להושיעני. Dazu, du gnadenreicher, Liebe spendender Gott, bedarf ich deiner steten besonderen Hilfe; spendest du mir diese, dann werden wir, ich und meine Nachkommen, den Gefühlen und Gedanken, die mich jetzt beseelen, in begeisterten und begeisternden Sangesworten, getragen von den Tönen der Instrumentalmusik — נְנַגֵּן — Gestalt und Ausdruck verleihen, und den Inhalt dieser Gesänge wird stets das „Haus Gottes“ bilden.

Das בית ד' war ihm ja (vgl. das oben zu V. 12 Bemerkte) der Quell all seines Wissens, der Ausgangspunkt für sein Schaffen und Wirken im Dienste Gottes und zugleich der Brennpunkt, in welchem sich alle Ausstrahlungen der Energien seines Wollens konzentrierten. Zu leben, ohne dort immer wieder aufs neue Belehrung, Mut und Kraft zu schöpfen, war ihm undenkbar.

21
וַיֹּ֣אמֶר יְשַֽׁעְיָ֔הוּ יִשְׂא֖וּ דְּבֶ֣לֶת תְּאֵנִ֑ים וְיִמְרְח֥וּ עַֽל־הַשְּׁחִ֖ין וְיֶֽחִי׃
BernfeldJesaja sprach: Man bringe Feigenkuchen und lege sie zur Erweichung auf die Geschwulst, und sie wird heilen.
ZunzUnd Jeschajahu sprach: Man bringe Feigenkuchen und lege sie zur Erweichung auf die Geschwulst, und sie wird heilen.
J. J. HirschJeschajahu sagte nämlich, man bringe einen Feigenkuchen und streiche ihn auf die Entzündung, so wird sie gesunden,
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 21. 22. Darum folgen hier, anknüpfend an die Schlußworte seiner Denkschrift: על בית ד', diese beiden Sätze. (Vgl. das oben zu 7 u. 8 Bemerkte.) Sie heben nämlich, nachdem Vers 21 von der durch Jesaia erfolgten Verordnung der Anwendung des Feigenkuchens berichtet hat, aus der Antwort Chiskijahus gerade nur diejenigen Worte heraus, in welchen die Bitte zum Ausdruck gelangt, das zu gewährende Zeichen möge ihm die Erfüllung seines Herzenswunsches: כי אעלה אל בית ד' zusichern. Das Hinaufgehen zum Hause Gottes war der Inbegriff seines Sehnens, dafür wünschte er zu leben, und darum bildete es den Kern seiner als Bitte vorgetragenen Antwort.

2. Könige 20, 8 bringt den Wortlaut derselben als Ergänzung unserer Stelle. Danach lautet sie: מה אות כי ירפא ד' לי ועליתי ביום השלישי בית ד'. Sie enthielt also außer der hier mitgeteilten noch die Bitte, das Zeichen möge den Beweis erbringen, daß die Heilung ihm von Gott kommen und ihm schon am dritten Tage den Besuch des Gotteshauses ermöglichen werde.

Damit dürfte u. E. die auffallende Placierung dieser beiden Verse an diese Stelle, die selbst sonst Wohlmeinende zu Zweifeln an ihrer Authentie veranlaßte, erklärt sein. Sie besagen das, was sie sagen wollen, gerade an dieser Stelle am kürzesten und deutlichsten. — Daß mit einem solchen ויאמר, wie ויאמר ישעיהו, auf einen früheren Moment zurückgegriffen wird, finden wir z. B. auch 2. B. M. 11, 9; s. Komm. das. und אבן עזרא dort und hier.

22
וַיֹּ֥אמֶר חִזְקִיָּ֖הוּ מָ֣ה א֑וֹת כִּ֥י אֶעֱלֶ֖ה בֵּ֥ית יְהֹוָֽה׃ {ס}
BernfeldHiskija sprach: Welches ist das Zeichen, dass ich noch gehen werde in das Haus des Herrn?
ZunzUnd Chiskijahu sprach: Welches ist das Zeichen, daß ich hinaufgehen werde in das Haus des Ewigen?
J. J. Hirschda entgegnete Chiskijahu: Was ist das Zeichen, daß ich hinaufgehen werde zum Hause Gottes?