Ezra 6 עזרא
Kommentar (R. Breuer)
V. 1—2. Es ist gewiß auffallend, daß in einem Urkundenhause, einer Bibliothek, Schätze aufbewahrt wurden, und es liegt gewiß die kritische Versuchung nahe, eine Umstellung vorzunehmen und an ein Schatzhaus zu denken, wo auch Urkunden niedergelegt wurden. Denn warum sollte die Annahme nicht näher liegen, daß besonders wertvolle Urkunden an einem Orte verwahrt wurden, wo sie in Gemeinschaft mit goldenen und silbernen Schätzen eine besonders strenge Obhut genossen, ähnlich wie auch heute wichtige Schriftstücke in diebes- und feuersicheren Kassaschränken aufbewahrt zu werden pflegen? Gleichwohl müssen wir uns an den Wortsinn unseres Verses halten, der ausdrücklich von einem Urkundenhause spricht, in welchem Schätze niedergelegt wurden und der Vermutung Raum geben, daß vielleicht ebenso der umgekehrte Fall möglich ist und man Gold und Silber an einem Orte verwahrte, wo man ihre Verwahrung am wenigsten voraussetzte und wo sie eben darum am sichersten verwahrt waren. Oder sollte man am Ende gar berechtigt sein, bei גנזיא nicht an goldene und silberne, sondern nur an urkundliche Schätze zu denken?
Die Nachforschung im babylonischen Urkundenhause verlief ergebnislos. Wohl infolge der politischen Wirren, welche die Regierungsgewalt von Babylonien über Persien nach Medien verschoben, fand sich die denkwürdige Urkunde des Cyrus in einer in der Hauptstadt Mediens verwahrten Rolle. אחמתא ist nach Raschi von חמת Schlauch abzuleiten. Andere identifizieren es mit Egbatana, der Hauptstadt Mediens und Sommerresidenz der persischen Könige.
Kommentar (R. Breuer)
V. 3—4. Talmud Rosch-Haschanah 4a:
... ואיבעית אימא מנלן דאחמיץ דכתיב נדבכין די אבן גלל וגו' למה ליה דעבד הכי סבר אי מרדו בי יהודאי איקלייה בנורא אטו שלמה לא עבד הכי והכתיב (מ"א ו) שלשה טורי גזית וטור כרתות ארזים שלמה עבד מלמעלה דריוש עבד מלמטה שלמה שקעיה בבנינא איהו לא שקעיה בבנינא שלמה סדייה בסידא איהו לא סדייה בסידא.
Aus der Art und Weise, wie Darius (der auch den Beinamen Cyrus hatte) das Edikt des persischen Cyrus interpretierte (vgl. das. תוס' בד"ה ונדבך די אע) folgert der Talmud, daß Darius zur Zeit, da Esra nach dem heiligen Lande zog, zum Feinde Israels geworden war. Eine feindselige Absicht war's, die ihn leitete, als er den Tempel neben den drei Schichten von schweren Steinen auch aus einer Schicht von Holz erbauen ließ: damit der Tempel, wenn sich die Juden einmal gegen ihn empören sollten, um so leichter in Brand gesteckt werden könne. Gewiß kamen auch beim Bau des salomonischen Tempels, wie aus Kön. I. 6,36 erhellt, drei Lagen von gehauenen Steinen und eine Lage Bretter von Zedern zur Verwendung. Während jedoch Salomo die Holzschicht oberhalb anbringen ließ, ließ sie Darius unterhalb anbringen, während Salomo sie in den Bau einsenken ließ, war dies beim Bau des Darius nicht der Fall, und während Salomo sie mit Kalk vermörteln ließ, war dies beim Bau des Darius nicht der Fall. (Der Bibeltext gibt für diesen Unterschied zwischen dem Bau Salomos und Darius' keine Handhabe, er beruht auf talmudischer Überlieferung. Vgl. das. תוס' בד"ה שלמה.)
Kommentar (R. Breuer)
V. 6—7. Taktvolle Fernhaltung und Nichteinmischung in den Tempelbau wurde den Fragestellern von Darius als Bescheid auf ihre Frage anbefohlen. Damit hielt sich Darius zunächst noch ganz im Rahmen des von Cyrus ergangenen Befehls. Die folgenden Verse aber zeigen, daß Darius über das persische Edikt noch hinausging und nicht bloß negatives Gewährenlassen, sondern auch positive Förderung des heiligen Werkes befahl.
Kommentar (R. Breuer)
V. 8. Unsere Feinde sagen immer: Der Jude zahlt, und der Nichtjude arbeitet. Beim Tempelbau war's umgekehrt: Der Nichtjude hat gezahlt, und der Jude hat gearbeitet.
Kommentar (R. Breuer)
V. 9—10. Talmud Rosch-Haschanah 3b:
מתקיף לה רב כהנא ומי החמיץ והכתיב ומה חשחן וגו' אמר לו רבי יצחק רבי מטונך די להון מהקרבין ניחוחין לאלה שמיא ומצלין לחיי מלכא ובנוהי ומאן דעבד הכי לאו מעליותא היא והתניא האומר סלע זו לצדקה בשביל שיחיו בני ובשביל שאזכה בה לחיי העולם הבא הרי זה צדיק גמור לא קשיא כאן בישראל כאן בעובדי כוכבים.
Aus der Tatsache, daß Darius den Befehl erteilte, den Opferdienst im Tempel zu Jerusalem aus den königlichen Einkünften zu finanzieren, folgert רב כהנא, daß die Frage, ob Darius zu einem Feinde Judäas sich entwickelt habe (vgl. das zu V. 3f. Bemerkte), zu verneinen sei. Demgegenüber weist aber רבי יצחק darauf hin, daß Darius bei dieser Finanzierung nur aus egoistischen Motiven gehandelt habe, da die ausdrückliche Absicht seines Befehls doch war, „damit sie beten für das Leben des Königs und seiner Söhne“. Gewiß besteht der Satz zurecht, daß man ein vollkommener Gerechter sein kann, auch wenn man bei der Gelobung einer Geldsumme für einen wohltätigen Zweck ausdrücklich durch diese Gabe sein und seiner Kinder Wohlergehen der Gnade Gottes empfiehlt. Dies gilt aber nur dann, wenn der Gelobende vom Geiste jüdischen Gottvertrauens erfüllt ist und ein Versagen der göttlichen Gnade mit seiner eigenen Unwürdigkeit begründet, nicht aber von heidnisch Gesinnten wie Darius, die bei einem Fehlschlagen ihrer frommen Spekulation auf Gott als den Schuldigen die Schale ihres Zornes gießen.
Kommentar (R. Breuer)
V. 11—12. Diese weit über das Edikt des Cyrus hinausgehende Sicherstellung des Tempelbaues, die mit verwünschendem Fluche und Hinrichtung jeden Versuch einer Verletzung des königlichen Befehls verpönte, würde — so sollte man unter dem unmittelbaren Eindruck dieser pathetischen Schlußsätze des königlichen Antwortschreibens meinen — der talmudischen Überlegung, ob Darius ein Freund oder Feind der Juden war, jeden Berechtigungsgrund entziehen, wenn nicht eben doch auch aus dieser seltsam leidenschaftlichen Begünstigung des jüdischen Tempelbaues ein persönliches Interesse herausklänge, das sich in den Schlußworten des vorigen Verses „damit sie beten für das Leben des Königs und seiner Söhne“ verriet.
Die von Darius angedrohte Strafe der Pfählung erinnert an die römische Strafe der Kreuzigung. Sie ist dem jüdischen Rechte fremd. An den Peor-Götzendienern, von denen Gott zu Mosche sagte: „Hänge sie in Gegenwart der Sonne Gott hin“ (Num. 25,4), wurde die Strafe der Steinigung vollzogen, „die für מגדף ועובד ע"ז mit momentaner תליה nach dem Tode verbunden war“. (Komm. das.)
Kommentar (R. Breuer)
V. 14. Nach Raschis, auf dem Talmud (Rosch-Haschanah 3b) beruhender Erklärung beziehen sich die drei Königsnamen alle auf Darius. Dagegen zitiert hier Malbim eine Bemerkung von הרז"ה בפ"ק דר"ה, wonach, dem einfachen Sinne entsprechend, hier drei Könige gemeint seien: Cyrus, der den ersten Befehl zum Tempelbau gegeben hatte, Darius, der ihn vollenden ließ, und Arthachschasta, unter dessen Regierung die Mauern Jerusalems erbaut wurden.
Kommentar (R. Breuer)
V. 15. Vgl. das zu 4,24 Bemerkte. Talmud Rosch-Haschanah 3b:
... מתיב רב יוסף ביום עשרים וארבעה לחדש בששי בשנת שתים לדריוש וכתיב בשביעי בעשרים ואחד לחדש ואם איתא בשביעי בשנת ג' מיבעי ליה אמר ר' אבהו כורש מלך כשר היה לפיכך מנו לו כמלכי ישראל מתקיף לה רב יוסף חדא דא"כ קשו קראי אהדדי דכתיב ושיציא ביתא דנא וכו' ותניא באותו זמן לשנה הבאה עלה עזרא מבבל וגלותו עמו וכתיב ויבא ירושלם בחדש החמישי היא שנת השביעית למלך ואם איתא שנת השמינית מיבעי ליה ועוד מי דמי התם כורש הכא דריוש תנא הוא כורש הוא דריוש הוא ארתחשסתא כורש שמלך כשר היה ארתחשסתא על שם מלכותו ומה שמו דריוש שמו מ"מ קשיא א"ר יצחק לא קשיא כאן קודם שהחמיץ כאן לאחר שהחמיץ.
Der Satz der Mischna: באחד בניסן ר"ה למלכים, die Regierungsjahre der Könige werden vom 1. Nissan ab gerechnet, bezieht sich nach ר' חסדא (s. das. 3a) nur auf מלכי ישראל, nicht aber auf מלכי אומות העולם, deren Regierungsjahre vom 1. Tischri ab gezählt werden. Dem hält רב יוסף folgende Verse entgegen: „... am 24. des Monats, im sechsten, im zweiten Jahre des Königs Darius“ (Chagai 1,15). „Im siebenten, am 21. Tage des Monats, erging das Wort Gottes ...“ (das. 2,1) Nachdem offenbar auch der zweite Vers vom zweiten Regierungsjahre des Darius spricht, so erhellt doch daraus, daß auch die Regierungsjahre des nichtjüdischen Königs Darius vom 1. Nissan ab gezählt werden, denn würden sie vom 1. Tischri ab gezählt, dann befände man sich ja am 21. Tage des siebenten Monats schon 21 Tage lang im dritten Regierungsjahre des Darius. Auf diesen Einwand des רב יוסף erwidert ר' אבהו, daß Cyrus, wie schon sein Name besagt: כורש = כשר (Raschi), ein rechtschaffener König war und deshalb seine Regierungsjahre wie die der jüdischen Könige vom 1. Nissan ab gezählt wurden. Dem gegenüber wirft רב יוסף zwei Fragen auf: 1. Wenn es richtig wäre, daß die Regierungsjahre des Darius vom 1. Nissan ab gezählt werden, dann widersprächen sich folgende zwei Verse: „Sie vollendeten dieses Haus bis zum dritten Tage des Monats Adar, das ist das sechste Jahr der Regierung des Königs Darius“ (Esra 6,15). „(Esra) kam nach Jerusalem im fünften Monat, das ist im siebenten Regierungsjahre des Königs“ (Esra 7,8). Da Esra im Adar des Jahres nach Vollendung des Baues von Babel aufbrach und im fünften Monat des darauf folgenden Jahres in Jerusalem eintraf, dann wäre doch seine Ankunft in das achte Regierungsjahr des Darius gefallen, wenn dessen Regierungsjahre vom 1. Nissan gezählt würden: Am 3. Adar des sechsten Regierungsjahres war der Tempel vollendet, im Adar des siebenten Regierungsjahres brach Esra von Babel auf und im Ab des achten Regierungsjahres — wenn wirklich am 1. Nissan ein neues Regierungsjahr begonnen hatte — traf er in Jerusalem ein. Es heißt aber doch, daß er im siebenten Regierungsjahre eingetroffen sei? 2. Was hat die Rechtschaffenheit des Cyrus mit Darius zu tun? Nur von diesem ist doch die Rede! — Die zweite Frage des רב יוסף erledigt sich mit der Feststellung, daß Cyrus ein Beiname des Darius ist, der auch den offiziellen Königsnamen Arthachschastha hatte. Und die erste Frage wird von ר' יצחק mit der Feststellung beantwortet, daß Darius zur Zeit des Aufbruches Esras aus Babel kein מלך כשר mehr war und von da ab seine Regierungsjahre vom 1. Tischri gezählt werden.
Kommentar (R. Breuer)
V. 16—18. „Die übrigen Söhne des Exils“ bezieht sich nach מצודת דוד auf die נתינים ובני עבדי שלמה, die sich alle an der Einweihung des Tempels beteiligten.
Die Darbringung von שעירי חטאת בצבור, die nicht dem Gesetz der Thora entspricht, ist nach dem Talmud als הוראת שעה zu betrachten. Vgl. Raschi.
במחלקתהון ist nach Malbim ein detaillierterer Begriff als בפלגתהון. Denn während die Priester, auf die sich das letztere bezieht, wohl in 24 משמרות für je eine Woche und diese wieder in je sieben בתי אבות für je einen Tag eingeteilt waren, dagegen die Verteilung der einzelnen עבודות durch das Los geschah, war für jedes einzelne der בתי אבות der Leviten, auf die sich das erstere bezieht, genau bestimmt, welche spezielle עבודה ihm zukam.
Kommentar (R. Breuer)
V. 19—22. Nach Ex. 12, 6 ff. schlachtet der Hausvater das Peßachopfer selbst. Aber schon zu Hiskias Zeit schlachten für die, die sich nicht gereinigt hatten, die Leviten das Peßachopfer, vgl. Chronik II 30, 17, und ebenso in Josias Tagen, vgl. das. 35, 11. 14.
Nach der Mischna Kiduschin 69a hat Esra alle, die unreiner Abstammung waren, bei seinem Zuge von Babel nach Palästina mitgenommen. Daß darunter auch Proselyten und freigelassene Sklaven waren, wird im Talmud das. 70a aus unserem V. 21 abgeleitet: גירי וחרורי מנלן אמר רב חסדא דאמר קרא וכל הנבדל מטומאת גויי הארץ אליהם
König Darius von Persien wird hier König von Aschur genannt. Vgl. Kön. II. 23,29, Neh. 13,6. Nach Malbim siedelten im assyrischen Teile des persischen Reiches die einst der jüdischen Sache feindlich gesinnten Würdenträger des Staates, die aber jetzt nach dem Umschwung der Verhältnisse aus Feinden zu Freunden geworden waren.