Ezra 4 עזרא
Kommentar (R. Breuer)
V. 1—2. „Der König von Assyrien (Sanherib) brachte Völkerschaften aus Babel, Kuta usw. und ließ sie in den Städten Samarias wohnen anstatt der Kinder Israels. Sie nahmen Besitz von Samaria und wohnten in dessen Städten“ (Kön. II. 17,24). Eßar Chaddon war der Sohn und Nachfolger Sanheribs nach dessen Ermordung durch seine Söhne Adrammelech und Sarezer (Jes. 37,38). Die neuen Ansiedler wurden aber von Israel niemals für voll angesehen, denn „Gott beteten sie an, aber auch ihren Göttern dienten sie nach dem Brauch der Völker, von denen man sie weggeführt hatte“ (Kön. das. V. 33). Es ist darum klar, warum ihr angeblicher Monotheismus ולו אנחנו זבחים (ולו קרי) von Serubabel und den Familienhäuptern, noch bevor sie ihren Antrag ausdrücklich zurückwiesen, sofort als Vorspiegelung falscher Tatsachen ולא אנחנו זבחים (ולא כתיב) empfunden wurde.
Kommentar (R. Breuer)
V. 3. Nur eindeutig zu Gott sich Bekennende mit Ausschluß aller, die nur ein getrübtes Bewußtsein von Gott, dem Einen, haben, können und sollen Mitarbeiter am Heiligtum Gottes sein. (Vgl. Schekalim 4b und Arachin 5b: הנכרי והכותי ששקלו אין מקבלין מהם . . . אין עכו"ם מעריכין) Nur wir allein wollen den Tempel bauen, den Cyrus zu bauen uns „befohlen“: In Vorahnung der Hindernisse des Tempelbaues, die ihnen bevorstanden, verwandeln sie die Erlaubnis des Perserkönigs in einen Befehl des Perserkönigs, wie um die heranschleichenden Schwierigkeiten durch einen energischen Hinweis auf ein bindendes Königswort im Keime zu ersticken. Sie ahnten nicht, daß die trüben Machenschaften ihrer Feinde sich stärker erweisen sollten als das politische Dekret, das aus dem vorübergehenden Wohlwollen eines sterblichen Dynasten erwachsen war.
Kommentar (R. Breuer)
V. 4—5. In drei Stadien entwickelte sich die Störung des Baues. Zuerst wurden „die Hände der Judäer schlaff“, als sie merkten, wie „das Volk des Landes“ ihnen feindselig gegenüberstand. Die freudige Begeisterung, mit der sie an den Bau herangegangen waren, wurde durch Sorge und Mutlosigkeit verdrängt. Die Sorge vertiefte sich zum Schrecken, als sie von den feilen Buben hörten, die ihre Feinde angeworben hatten, um ihr Vorhaben zu vereiteln. וסכרים = ושכרים. „סכר verwandt mit סגר: schließen. Auch שכר ist nichts anderes als eine Lücke schließen, ersetzen, ergänzen, daher: Lohn“ (Komm. Gen. 8,2). Die Verachtung, die der Reinliche für die Schamlosigkeit eines bestochenen Söldlings im Dienste eines hinterlistigen Unternehmens empfindet, klingt aus dieser Verwandlung des ושכרים in וסכרים heraus. Wer als שוכר einem bezahlten Diener gegenübersteht, weiß, daß dieser trotz seiner Abhängigkeit die Würde des freien Menschen besitzt. Wer aber als סוכר einen feilen Helfershelfer für seine schlimmen Pläne dingt, der macht ihn damit zum Sklaven, der sich unfrei und würdelos in die Interessensphäre seines Geldgebers „einschließen“ läßt.
Nach Cyrus kam Achaschwerosch, nach diesem Darius auf den Thron. Während dieser ganzen Zeit bis zum zweiten Regierungsjahre des Darius stockte der Bau.
Kommentar (R. Breuer)
V. 6—7. Die Chronologie dieser Verse kann nur auf Grund der talmudischen Überlieferung wissenschaftlich erkundet werden.
Megilla 11b: Die Geschichte des Estherbuches wird mit den Worten eingeleitet: בימים ההם כשבת המלך. Daraus geht hervor, daß diese Geschichte zu Beginn der Regierungszeit des Achaschwerosch anhebt. Unmittelbar darauf heißt es aber: בשנת שלש למלכו, daß diese Geschichte erst im dritten Jahre seiner Regierung anfängt. רבא versteht darum das כשבת im Sinne von „fest sitzen“, „sich sicher fühlen“. מאי כשבת לאחר שנתיישבה דעתו: Erst im dritten Jahre seiner Regierung fühlte sich Achaschwerosch sicher auf seinem Throne; bis dahin besorgte er, daß Israel seiner Herrschaft sich entziehen werde, wenn die 70 Jahre des babylonischen Exils abgelaufen seien. Seinen Erwägungen lag nämlich folgende Berechnung zugrunde: אמר בלשצר חשב וטעה אנא חשיבנא ולא טעינא. Er sprach: Belsazar hat berechnet und sich geirrt, ich will berechnen und mich nicht irren! מאי היא, was war die Berechnung Belsazars und sein Irrtum? דכתיב כי לפי מלאת לבבל שבעים שנה אפקוד אתכם וכתיב למלאות לחרבות ירושלם שבעים שנה. Es heißt Jirm. 29,10: „Wenn für Babel 70 Jahre abgelaufen sind, werde ich euer gedenken.“ Und Daniel 9,2: „ . . . daß ablaufen sollen 70 Jahre über die Trümmer Jerusalems.“ Belsazar verstand das לבבל im Sinne von למלכות בבל und glaubte, daß die von Jirmeja angekündigten 70 Jahre von dem Tage an zu rechnen seien, an welchem Nebukadnezar die Herrschaft über Babel dem assyrischen König Eßar Chaddon entrissen hatte. חשוב ארבעין וחמש דנבוכדנצר ועשרים ותלת דאויל מרודך ותרתי דידיה הא שבעים. Nun rechnete er so: 45 Jahre hat Nebukadnezar regiert, 23 Jahre Ewil Merodach, und als dann die ersten zwei Jahre seiner eigenen Regierungszeit verflossen waren (im Ganzen regierte er drei Jahre, wie aus Daniel 8,1 hervorgeht) und nun die 70 Jahre des מלכות בבל voll waren, ohne daß die Verkündung Jirmejahus sich verwirklicht hätte: אפיק מאני דבי מקדשא ואשתמש בהו, holte er die Geräte des Heiligtums hervor und bediente sich ihrer.
ונבוכדנצר מנלן דארבעין וחמש שנין מלך. Woher wissen wir, daß Nebukadnezar 45 Jahre regierte? דאמר מר גלו בשבע גלו בשמונה עשרה גלו בתשע עשרה. גלו בשבע לכיבוש יהויקים גלות יהויכין שהיא שמונה לנבוכדנצר גלו בשמונה עשרה לכיבוש יהויקים גלות צדקיהו שהיא תשע עשרה לנבוכדנצר דאמר מר שנה ראשונה כיבש נינוה שנית כיבש יהויקים.
I. „Jojachin, König von Juda, übergab sich dem Könige von Babel . . . Der König von Babel führte ihn fort im achten Jahre seiner Regierung“ (Kön. II. 24, 12).
II. „Das ist (die Zahl) des Volkes, das Nebukadnezar in die Verbannung geführt im siebenten Jahre (seiner Regierung) . . . “ (Jirm. 52, 28).
III. „Die Stadt blieb in Belagerung bis in das elfte Regierungsjahr des Königs Zidkija“ (Jirm. 52, 5).
Während V. I das Galuth Jojachins in das achte Regierungsjahr Nebukadnezars verlegt, wurde Jojachin nach dem Berichte in V. II im siebenten Regierungsjahre Nebukadnezars in die Verbannung geführt. Indessen — und darin liegt die Lösung des Widerspruchs — berechnet V. I das Galuth Jojachins vom Regierungsantritt Nebukadnezars als König von Babel: seitdem waren acht Jahre verflossen. V. II dagegen berechnet das Galuth Jojachins von der Unterwerfung Jojakims durch Nebukadnezar, also vom Beginn seiner Herrschaft über Israel: seitdem waren aber bloß sieben Jahre verflossen, denn die Unterwerfung Jojakims, die ihn zwar nicht in die Verbannung führte, aber ein dreijähriges Sklaventum ihm auferlegte, geschah im zweiten Regierungsjahre Nebukadnezars.
Aus V. III geht hervor, daß das Galuth Zidkijas in seinem elften Regierungsjahr begann, also (da Zidkija der Nachfolger Jojachins war): 18 Jahre nach der Unterwerfung Jojakims, 19 Jahre nach dem Regierungsantritt Nebukadnezars in Babel.
Es steht also fest, daß Nebukadnezar acht Jahre babylonischer König war, als das Galuth Jojachins begann.
Nun muß, bevor die Rechnung weitergeht, in Paranthese festgestellt werden, woraus sich ergibt, daß die Unterwerfung Jojakims durch Nebukadnezar im zweiten Regierungsjahr des letzteren geschah. Das wird im סדר עולם folgendermaßen berechnet.
I. „Im dritten Jahre der Regierung Jojakims, Königs von Juda, kam Nebukadnezar, König von Babel, nach Jerusalem und belagerte es. Gott gab in seine Hand Jojakim, König von Juda . . . “ (Daniel 1,1 f.).
II. „Das Wort, das der Prophet Jeremia . . . geredet . . . im vierten Regierungsjahre des Jojakim . . . “ (Jirm. 45,1).
III. „Jojakim war ihm (Nebukadnezar) drei Jahre untertan; dann aber empörte er sich gegen ihn“ (Kön. II. 24,1).
Nach dem Berichte in V. I unterwarf sich Jojakim im dritten Jahre seiner Regierung. Aus V. II geht aber hervor, daß das Wort, welches der Prophet Jeremia im ersten Regierungsjahre Nebukadnezars geredet, im vierten Regierungsjahre des Jojakim geredet wurde, daß also Nebukadnezar erst im vierten Regierungsjahre des Jojakim zur Regierung kam. Wie kann er also schon im dritten Regierungsjahre des Jojakim diesen unterworfen haben, wenn er erst im vierten Regierungsjahre desselben den Thron bestieg? Dieser Widerspruch kann nur gelöst werden, wenn man das dritte Jahr in V. I als das dritte Jahr der Empörung Jojakims versteht, von der in V. III berichtet wird. Die Ereignisse spielten sich folgendermaßen ab. Nebukadnezar unterwirft Jojakim. Dieser war ihm drei Jahre untertan. Dann aber empörte er sich gegen ihn und verharrte drei Jahre lang in seiner Empörung. Dann wurde er zum zweiten Male endgültig unterworfen und getötet. Ihm folgt Jojachin auf den Thron, nach Jahresfrist geht Jojachin in die Verbannung, an seiner Stelle wird Zidkija König. Es steht also fest, daß das Galuth Jojachins sieben Jahre nach der ersten Unterwerfung Jojakims begann. Nun geht aber aus dem bereits oben zitierten Verse aus Kön. II. 24,12 hervor, daß Jojachin im achten Regierungsjahre Nebukadnezars ins Exil geführt wurde. Es ist also erwiesen, daß Jojakim im zweiten Regierungsjahre Nebukadnezars sich diesem zum ersten Male unterwarf.
וכתיב ויהי בשלשים ושבע שנה לגלות יהויכין מלך יהודה בשנים עשר חדש בעשרים וחמשה לחדש נשא אויל מרודך מלך בבל בשנת מלכותו את ראש יהויכין מלך יהודה ויוצא אותו מבית הכלא תמני ותלתין ושבע הרי ארבעין וחמש דנבוכדנצר ועשרין ותלת דאויל מרודך גמרא ותרתי דידיה הא שבעין.
Es heißt nun ferner Jirm. 52,31: „Im 37. Jahre seit der Wegführung Jojachins, Königs von Juda, am 25. des 12. Monats, befreite Ewil Merodach, König von Babel, im selben Jahre, da er König wurde, Jojachin, den König von Juda, aus dem Gefängnisse.“ Demnach kam Ewil Merodach 37 Jahre nach der Exilierung Jojachins zur Regierung. Da Nebukadnezar acht Jahre vor dem Galuth Jojachins König war und die Regierung Ewil Merodachs nach der Überlieferung 23 Jahre währte, so waren im zweiten Regierungsjahre Belsazars, des Nachfolgers Ewil Merodachs, 70 Jahre seit Nebukadnezars Regierungsantritt verflossen: 8 + 37 + 23 + 2 = 70.
So war die Rechnung Belsazars.
אמר השתא ודאי תו לא מיפרקי אפיק מאני דבי מקדשא ואשתמש בהו היינו דקאמר ליה דניאל ועל מרי שמיא התרוממת ולמאניא די בייתיה היתיו קדמך וכתיב ביה בליליא קטיל בלשאצר מלכא כשדאי וכתיב ודריוש מדאה קבל מלכותא כבר שנין שתין ותרתין.
Auf Grund dieser Rechnung meinte nun Belsazar, daß der Erlösungstermin verstrichen sei und die Erlösung nicht mehr eintreten werde. Daraufhin ließ er (im dritten Jahre seiner Regierung) die Geräte des Heiligtums hervorholen und benutzte sie. Vgl. Daniel 5,23: „Über den Herrn des Himmels hast du dich erhoben, denn die Gefäße seines Hauses brachten sie vor dich.“ Und Vers 30 das.: „In selbiger Nacht aber wurde Belsazar, der König der Chaldäer, getötet.“ Und 6,1 das.: „Darius, der Meder, übernahm das Reich, als er 62 Jahre alt war.“
Gegenüber der Rechnung Belsazars stellte Achaschwerosch eine andere Rechnung auf.
אמר איהו מיטעא טעי אנא חשיבנא ולא טעינא מי כתיב למלכות בבל לבבל כתיב מאי לבבל לגלות בבל כמה בצירן תמני חשיב ועייל חילופייהו חדא דבלשצר וחמש דדריוש וכורש ותרתי דידיה הא שבעין כיון דחזו דמלו שבעין ולא איפרוק אמר השתא ודאי תו לא מיפרקי אפיק מאני דבי מקדשא ואשתמש בהו בא שטן וריקד ביניהן והרג את ושתי.
Achaschwerosch dachte: Belsazar hat sich geirrt, ich will eine Rechnung aufstellen, ohne mich zu irren. Heißt es denn Jirm. 29,10: „Wenn für Babels Regierung 70 Jahre abgelaufen sind . . .“? Es heißt doch: „Wenn für Babel 70 Jahre abgelaufen sind . . .“! „Für Babel“: d. h. für das Galuth Babel: wenn seit Jechonjas Exilierung 70 Jahre abgelaufen sind! Belsazar hat irrtümlicherweise die acht Jahre, die Nebukadnezar vor dem Galuth Jechonjas über Babel regierte, zu den 70 Jahren mithinzugezählt! In Wirklichkeit waren im zweiten Regierungsjahre Belsazars von den 70 Jahren, die Jirmejahu verkündet hatte, erst 62 abgelaufen. Die fehlenden acht Jahre müssen vom dritten Regierungsjahre Belsazars ab eingesetzt werden. Und zwar folgendermaßen. Das dritte Regierungsjahr Belsazars = ein Jahr. Dazu kommen die fünf Regierungsjahre des Meders Darius und des Persers Cyrus und die zwei ersten Regierungsjahre Achaschweroschs: 1 + 5 + 2 = 8.
Auf Grund dieser Rechnung meinte nun Achaschwerosch, daß der Erlösungstermin verstrichen sei und die Erlösung nicht mehr eintreten werde. Daraufhin ließ er (im dritten Jahre seiner Regierung) die Geräte des Heiligtums hervorholen und benutzte sie. Zur Strafe dafür kam der Satan und führte ihm ein Tänzchen auf, das mit der Hinrichtung Waschtis endete.
In Wirklichkeit hat sich aber auch Achaschwerosch geirrt.
והא שפיר השיב איהו נמי מיטעא טעי דאיבעי ליה למימני מחרבות ירושלים.
Sein Irrtum bestand darin, daß er die 70 Jahre vom Beginn des Galuths Jojachins zählte, statt sie von der Zerstörung Jerusalems zur Zeit der Exilierung Zidkijahus zu zählen, entsprechend Daniel 9,2: „ . . . daß ablaufen sollen 70 Jahre über die Trümmer Jerusalems.“
Nun erhebt sich aber die Frage:
סוף סוף כמה בצירן חד סרי איהו כמה מלך ארביסר בארביסר דידיה איבעי ליה למיבני בית המקדש אלמא כתיב באדין בטילת עבידת בית אלהא די בירושלם.
Nach der Exilierung Jojachins stand der Tempel noch 11 Jahre unzerstört da. Nach der Berechnung Achaschweroschs waren die 70 Jahre in seinem dritten Regierungsjahre abgelaufen. Diese Berechnung war irrig, denn er hätte den Beginn der 70 Jahre 11 Jahre später ansetzen müssen. Demzufolge hätte aber doch der Tempel spätestens im 14. Regierungsjahre Achaschweroschs wiedererbaut sein müssen. Wie kam es, daß nach Esra 4,24 zur Zeit des Cyrus (des Vorgängers des Achaschwerosch) „die Arbeit am Gotteshause zu Jerusalem gestört wurde und unterblieb bis zum zweiten Jahre der Regierung des Darius, des Königs von Persien“ (des Nachfolgers des Achaschwerosch)?
(Darius der Perser hatte, wie Raschi hier bemerkt, drei Namen: Darius, Cyrus, Arthachschastha.)
רבא beantwortet diese Frage mit einer Korrektur der bisherigen Berechnungsweise.
אמר רבא שנים מקוטעות היו.
Die Berechnung, wonach die 70 Jahre im 14. (letzten) Regierungsjahre Achaschweroschs abgelaufen seien, wäre richtig, wenn in den Jahren, die oben für die Regierungszeit des Meders Darius und des Persers Cyrus, sowie für die Regierungszeit Nebukadnezars und Ewil Merodachs angesetzt wurden, nicht je eines zu viel berechnet worden wäre. Es ist nicht richtig, daß der Meder Darius und der Perser Cyrus zusammen fünf Jahre regierten. Aus Daniel 9,1: „Im ersten Regierungsjahre des Darius . . . “ und das. 10,1: „Im dritten Regierungsjahre des Cyrus . . . “, wo nur von einem Jahre des Darius und nur von drei Jahren des Cyrus die Rede ist, geht hervor, daß die beiden insgesamt bloß vier Jahre regiert haben. Ebenso ist, wie weiterhin aus einer Boraitha nachgewiesen werden wird, für die Regierungszeit Nebukadnezars und Ewil Merodachs ein Jahr zu viel berechnet worden. Demnach sind die 70 Jahre nicht schon im letzten Regierungsjahre Achaschweroschs, sondern erst zwei Jahre später, im zweiten Regierungsjahre des Persers Darius, des Nachfolgers des Achaschwerosch, abgelaufen. — —
Aus dieser Talmudstelle ergibt sich folgende Herrscherreihe: Nebukadnezar, Ewil Merodach, Belsazar, Darius der Meder, Cyrus, Achaschwerosch, Darius der Perser.
Die Störung des Tempelbaues begann schon zur Regierungszeit des Cyrus, wie aus dem vorliegenden Esraberichte V. 4—5 hervorgeht. Die Störung trat hier in Form von dunkeln Intrigen auf, für die „das Volk des Landes“ allerhand „Ratgeber“ von unbekannter Herkunft und Artung zu gewinnen wußte. Zur Zeit des Achaschwerosch verdichteten sich die Machenschaften zu einer offenen „Anklage wider die Bewohner Judäas und Jerusalems“, die in einem offiziellen Schriftstück dem Achaschwerosch im Anfange seiner Regierung überreicht wurde. Noch aber ließ sich der Kreis der Widersacher nicht genau übersehen. Erst in den Tagen Arthachschastas (der, wie Raschi hier und Megilla a. a. O. bemerkt, niemand anders war als Darius der Perser, der auch den Beinamen Cyrus besaß), trat in Mithredat Tabel das Haupt der Verschwörung mit dem ganzen Kreis seiner Hintermänner in das volle Licht der Öffentlichkeit heraus. Er schrieb seine Anklageschrift „in Frieden“. Wie aus dem ganzen Tenor seines in den folgenden Versen mitgeteilten Schreibens hervorgeht, war seiner heimtückischen Anklage die Form einer um das Wohl des Staatsganzen besorgten Vorstellung gegeben, wie noch zu allen Zeiten die schlimmsten Niedrigkeiten der Politik sich den Anschein einer im Dienste des Weltfriedens stehenden Aktion zu geben wußten.
וכתב הנשתון וכו'. Dieser Satz ist für die Geschichte der hebräischen Sprache und Schrift von grundlegender Bedeutung. Vgl. Sanhedrin 21b. Insbesondere verdient folgende Thosephta das. für unsere Tage festgehalten zu werden:
ראוי היה עזרא שתינתן תורה על ידו לישראל אילמלא קדמו משה במשה הוא אומר ומשה עלה אל האלהים בעזרא הוא אומר הוא עזרא עלה מבבל מה עלייה האמור כאן תורה אף עלייה האמור להלן תורה במשה הוא אומר ואותי צוה ה' בעת ההיא ללמד אתכם חקים ומשפטים בעזרא הוא אומר כי עזרא הכין לבבו לדרוש את תורת ה' ולעשות וללמד בישראל חוק ומשפט ואף על פי שלא ניתנה תורה על ידו נשתנה על ידו הכתב שנאמר וכתב הנשתון כתוב ארמית ומתורגם ארמית וכו'.
Esra war so groß, daß er würdig gewesen wäre, Israel die Thora zu überbringen, wäre ihm darin nicht Moses zuvorgekommen. Worin lag Esras Größe? Erstens: Daß sein Hinaufsteigen aus Babel nach dem heiligen Lande auf der gleichen Linie lag wie das Hinaufsteigen Moses' auf den Sinai zu Gott. Auch Esras, des „Politikers“, Weg war Thora und nichts als Thora. Zweitens: Daß Esras Wirken wie Moses' Wirken nur die Lehre und Erfüllung des göttlichen Gesetzes bezweckte. Auch Esras, des „Politikers“, „Palästinaarbeit“ war Thora und nichts als Thora. War es ihm auch nicht vergönnt, gleich Moses Israel die Thora zu überbringen, so bleibt doch die Änderung der Schreibweise der Thora, die zu seiner Zeit eintrat, mit ihm und seinem Namen verknüpft. (S. Raschi das.)
Gibt es eine schärfere Verurteilung des nationalistischen Wahnes unserer Tage als diese Einbeziehung der Esrapolitik in die religiöse Sphäre, in deren Mittelpunkt der Sinai steht? Als diese Gleichbewertung des Aufkommens der aramäischen Schrift und Sprache mit der Gesetzgebung am Sinai? Läßt sich der Widersinn einer in „Pflege der hebräischen Sprache“ und dgl. sich erschöpfenden nationalen Wiedergeburt gründlicher dartun, als durch diese bewußte Abkehr von allem, was in Israels Nation äußerlich und vergänglich ist und Konzentrierung des Blickes auf das, was in Esras Leben und Wirken von wahrhaft mosaischer Größe war?
Kommentar (R. Breuer)
V. 8—10. An der Spitze der Opposition stand der in V. 7 genannte Mithredath. In seinem Dienste standen Rechum, der als Schriftführer das Schreiben an den König nach Inhalt und Stil zu entwerfen hatte, und Schimschai, der als Schreiber den Entwurf Rechums auszuführen hatte. Ihnen schlossen sich zustimmend Angehörige jenes bunten Völkergewimmels an, das Sancherib in den Städten Samariens angesiedelt hatte.
ארכוי sind Abkömmlinge des Gen. 10, 10 genannten ארך. אסנפר ist Sancherib. Vgl. Sanhedrin 94a: מפני מה זכה אותו רשע לקרותו אסנפר רבא ויקירא מפני שלא ספר בגנותה של ארץ ישראל שנאמר עד בואי ולקחתי אתכם אל ארץ כארצכם. Sancherib, der Bösewicht, ist gewürdigt worden, Osnappar, der große und herrliche, genannt zu werden, weil er in seiner Botschaft, die er durch Rabsake verkündigen ließ (Kön. II. 18,32), sein Land dem heiligen Lande gleichstellte und der Versuchung widerstand, die Vorzüge seines Landes auf Kosten des heiligen Landes zu rühmen: die taktvolle Art seiner „Rede“ (ספר) wird im Namen אסנפר festgehalten. — עבר נהרה. Jenseits des Euphratstromes, der Palästina von Babel trennt, sodaß, von Babel aus gesehen, die in Palästina Siedelnden sich jenseits des Stromes befinden. — וכענת mag von כן abgeleitet werden und so viel als „und so weiter“ bedeuten. Wir folgen der Auffassung Raschis, wonach es hier שם מקום eine Ortsbezeichnung bedeutet.
Kommentar (R. Breuer)
V. 11—12. Sämtliche Opponenten hatten sich auf der Eingabe an den König als seine „ergebensten Diener“ unterzeichnet. Genannt werden hier nur die in V. 10 am Schluß erwähnten. Zwischen אנש und עבר וגו' ist ein „u. s. w.“ zu denken.
Kommentar (R. Breuer)
V. 13. מנדה בלו והלך. Vgl. Nedarim 62b: מנדה זו מנת המלך בלו זו כסף גולגלתא והלך זו ארנונא. Demnach ist מנדה der von der Gesamtheit an den König zu zahlende Tribut, בלו die Kopfsteuer der Einzelnen, bei הלך läge es nahe, an Zoll, Wegegeld (von הלך gehen) zu denken, wir folgen jedoch in der Übersetzung der Auffassung des ר"נ das. (סעודת המלך כשהולך ממקום למקום ארנונא בלשון יון סעודה לשון אחר שותפות שיש לו למלך בבהמות מדכתיב דארנונא לשון שותפות [במדבר כ"א] כי ארנון גבול מואב בין מואב ובין האמורי), wonach הלך entweder Lieferungen zum Zweck der Verköstigung des Königs auf seinen Reisen, oder die auf dem Teilhaberrecht des Königs am Viehbestand begründeten Lieferungen, also (beides zusammenfassend) „Naturalabgabe“ bedeutet.
Kommentar (R. Breuer)
V. 14. „Salz des Palastes essen“ ist ein bildlicher Ausdruck der Abhängigkeit und Unterwürfigkeit. Malbim denkt an ein königliches Salzregal, worin die persische Staatshoheit sich fühlbar ausgewirkt habe. Dagegen ist Raschis Erklärung, wonach מלח היכלא mit חורבן ההיכל identisch ist (vgl. Jirm. 17: ארץ מלחה), sehr schwierig. Sollten die Briefschreiber ihre Vorstellung beim Könige so — undiplomatisch damit begründet haben, daß sie die Zerstörung des Tempels wollten? Die Zerstörung des Tempels war doch nicht der Grund, sondern der Zweck ihrer Anklage!
Kommentar (R. Breuer)
V. 15. Das Fremdartige in Israels Wesen erweckte seit je, und so auch in Esras und in unseren Tagen, in der Seele des sinnenden Betrachters eine ferne Ahnung von der Mission der Verjüngung und Neugestaltung, die das Gottesvolk auf Erden zu vollbringen hat. Sofort aber setzte und setzt sich diese Ahnung in ein ängstliches Mißtrauen um, das das Seelische zu Sinnlichem, das Religiöse zu Politischem, die Mission der geistigen Verjüngung und Neugestaltung zur Propaganda des Umsturzes und der politischen Revolution vergröbert. „Diese Stadt ist eine aufrührerische Stadt“... „Die Revolution ist der Stern Judas“... Es ist immer dasselbe.
Kommentar (R. Breuer)
V. 17. שלם וכעת sind nach Raschi Ortsnamen, כעת identisch mit כענת in V. 11. Malbim versteht das שלם im Sinne von השלם וגמור: „u. s. w.“
Kommentar (R. Breuer)
V. 20. Es ist bezeichnend für den gewaltigen Eindruck, den Israels Glanzzeit in den Tagen Salomos, als seine Herrschaft über das Gebiet jenseits des Stromes sich erstreckte (vgl. Raschi), auf die Umwelt gemacht haben muß, daß er in einem ausländischen Staatsarchive seinen gehässigen Niederschlag fand und ein Nachklang davon in Esras Tagen als Mittel zum Zweck der Störung des Tempelbaues — der Auferstehung des Lebenswerkes Salomos — sich anmeldete.
Zu ומדה וכו' vgl. 4,13.
V. 21f. Die Störung des Baues mußte mit kluger Vorsicht bewerkstelligt werden, denn wie leicht könnte eine fehlerhafte Ausführung zum Nachteil des Auftraggebers und anderer Könige, mit denen er sich solidarisch erklärt, ausschlagen.
Kommentar (R. Breuer)
V. 24. Vgl. das zu 4,6 f. Bemerkte.
Arachin 13a:
רב אשי אמר הנך שית שני עד דסליק עזרא ומקדיש לא קא חשיב להו דכתיב באדין בטילת עבידת בית אלהא די בירושלים וכתיב ושיציא ביתא דנא עד יום תלתא לירח אדר די היא שנת שית למלכות דריוש מלכא ותנא באותו זמן לשנה הבאה עלה עזרא וגלותו עמו דכתיב ויבא ירושלים בחדש החמישי היא השנה השביעית למלך.
Die Überlieferung, daß auch der zweite Tempel gleich dem ersten nach dem Ausgang einer Schemittaperiode, מוצאי שביעית, zerstört worden sei, steht rechnerisch im Widerspruch zur Tatsache, daß der zweite Tempel 420 Jahre bestand. (Vgl. Arachin 12b.) Diesen Widerspruch löst רב אשי mit Hinweis darauf, daß in den ersten sechs Jahren vom Bau des Tempels bis zum Erscheinen Esras im Lande die Zählung der Schemitta- und Jobelperioden unterblieben sei. (Vgl. Raschi zu Arachin 13a.) Die Tatsache aber, daß Esra erst nach Ablauf von sechs Jahren nach Palästina kam, ergibt sich aus dem Zusammenhang unseres Verses, wonach der Bau des Tempels im zweiten Regierungsjahre des Königs Darius begann, und den Versen 6,15: „Man vollendete das Haus bis zum dritten Tage des Monats Adar, das ist das sechste Jahr der Regierung des Königs Darius“ und 7,8: „Er (Esra) kam nach Jerusalem im fünften Monat, das ist im siebenten Regierungsjahr des Königs.“ Bis zum Monat Tischri dieses Jahres war die Zählung der Schemitta- und Jobelperioden unterblieben. Von der Zeit des Bestandes des zweiten Tempels (420 Jahre) kamen also für diese Zählung nur 414 Jahre in Betracht, so daß die Überlieferung, daß der zweite Tempel nach Ablauf einer Schemittaperiode zerstört wurde, chronologisch richtig ist.