Ezra 1 עזרא
Kommentar (R. Breuer)
Kap. 1. V. 1. ובשנת. Die scheinbar überflüssige und störende Partikel ו in diesem Worte läßt den Beginn der Erzählung im Zusammenhang mit den Schlußversen des zweiten Buches der Chronik (36,20—23) und den Anfangsversen des neunten Kapitels des Buches Daniel (9,1—2) begreifen. „Nebukadnezar führte die vom Schwert Verschonten nach Babel, und sie wurden ihm und seinen Söhnen untertan, bis das Reich Persiens zur Herrschaft kam. Daß erfüllt werde das Wort Gottes durch Jeremia. Bis das Land seine Feierjahre befriedigte, all die Zeit seiner Verödung feierte es, bis siebzig Jahre vorüber waren. Im ersten Jahre des Cyrus, des Königs von Persien — damit sich erfülle die Verheißung Gottes durch Jeremia — erweckte Gott den Geist des Cyrus, des Königs von Persien, daß er einen Aufruf ergehen ließ“ usw. (Chr. das.) „Im ersten Jahre des Darius, des Sohnes Achaschweroschs von Medien, welcher zum König eingesetzt wurde über das Reich der Kasdim; im ersten Jahre seiner Regierung suchte ich, Daniel, Verständnis in den Büchern über die Zahl der Jahre, von denen ergangen war das Wort Gottes an den Propheten Jeremia, daß ablaufen sollen siebzig Jahre über die Trümmer Jerusalems.“ (Dan. das.)
Schon im ersten Regierungsjahre des Mederkönigs Darius glaubte Daniel, daß die Verheißung Gottes durch Jeremia: „Wenn für Babel siebzig Jahre abgelaufen sind, werde ich euer gedenken und an euch zur Wahrheit machen meine gute Verheißung, euch zurückzubringen zu diesem Orte“ (Jer. 29,10) sich nunmehr erfüllen werde. Denn siebzig Jahre waren jetzt abgelaufen, seitdem Jojakim die Oberherrschaft Nebukadnezars hatte anerkennen müssen. (Im Todesjahre Belsazars waren nach der Berechnung des סדר עולם siebzig Jahre verflossen, seitdem Nebukadnezar zur Herrschaft gekommen war. Da nun die Knechtschaft Jojakims im zweiten Regierungsjahre Nebukadnezars begann, waren im ersten Regierungsjahre des Darius, des Nachfolgers Belsazars, siebzig Jahre seit dem Beginn dieser Knechtschaft vergangen.) Als aber die Verheißung Jeremias in diesem Jahre sich nicht erfüllte, sah Daniel ein, daß er falsch gerechnet habe. Er hatte übersehen, daß die siebzig Jahre „über die Trümmer Jerusalems“ ablaufen sollten, daß sie erst nach der Zerstörung Jerusalems, im Jahre der Wegführung Zidkijas ins Exil, abzulaufen begannen. Erst nachträglich gewann er „Verständnis in den Büchern über die Zahl der Jahre“.
Darius, der Meder, starb, sein Nachfolger war Cyrus, der Perser. Und im ersten Jahre seiner Regierung waren wohl siebzig Jahre nach der Gefangennahme Jojakims, aber erst zweiundfünfzig Jahre seit der Zerstörung des Tempels verflossen. Daher konnte im ersten Jahre des Cyrus Israels Erlösung mit dem Aufruf zur Heimkehr und der Grundsteinlegung des Tempels wohl beginnen, doch erst achtzehn Jahre später, als im zweiten Regierungsjahre des Persers Darius die siebzig Jahre seit der Zerstörung des Tempels verflossen waren, mit der Fertigstellung des zweiten Tempels sich vollenden.
Was für eine Bewandtnis hatte es aber denn mit diesen siebzig Jahren, die erst „über die Trümmer Jerusalems“ ablaufen mußten, bevor Gottes Verheißung sich wirklich mit der Vollendung des zweiten Tempels erfüllen konnte? Nach der Berechnung des סדר עולם waren es siebzig Schemittajahre, die Israel im Lande zu feiern unterließ. Zur Sühne dieser Unterlassung mußte abgewartet werden, „bis das Land seine Feierjahre befriedigte, all die Zeit seiner Verödung feierte es, bis siebzig Jahre vorüber waren.“ Vgl. Lev. 26,34 f. und Komm. das.: „Alle die Jahre bleibender Verödung werden als ebenso viele Bodensabbate der Jobel- und Schebiith-Institution begriffen. Die von uns nicht gehaltenen Bodensabbate stehen als eine Schuld da, die ihrer Befriedigung harrt. Diese Schuld wird abgetragen durch die Verödung des Landes während unseres Exils. Das Land freut sich seiner Sabbatöde während unseres Exils und gewährt damit den von uns vernachlässigten Bodensabbaten Befriedigung . . .“
העיר ה' את רוח כורש. Cyrus ist der von Gott Erweckte, der Gesalbte Gottes (Jes. 45,1), der zu Cyrus spricht: „Sei mein Hirte!“ (Jes. 44,28) und der ihn „um des Rechtes willen erweckt“ (Jes. 45,13). Auch das politische Geschehen wurzelt in Gott. Gerade die politisch Willensstärksten, die zu wollen meinen, werden gewollt.
וגם במכתב. Schon aus der Purimgeschichte wissen wir, daß ein schriftlich fixierter Königsbefehl nach persischem Gesetze unaufheblich war. Wenn darum nach Beginn des Tempelbaues Hindernisse eintraten, die zunächst die Fortsetzung des Baues unmöglich machten, so konnte man sich doch in späterer Zeit mit Erfolg auf die schriftliche Erlaubnis des Cyrus berufen, deren Ausführung wohl aufgeschoben, doch nicht aufgehoben werden konnte.
Kommentar (R. Breuer)
V. 2. Nach Megilla 11a gab es nur drei Könige, die wirklich Weltherrscher waren, שלשה מלכו בכיפה, und diese waren Achab, Nebukadnezar und Achaschwerosch. Wenn Cyrus sich hier als den Herrn „aller Reiche der Erde“ bezeichnet, so erfließt diese Hyperbel aus dem verstiegenen Hochmut eines Mannes, der im Augenblick, wo er seine geschichtliche Mission im Lande Gottes zu erfüllen beginnt, als irdischen Statthalter Gottes sich begreift — התם אשתבוחי הוא דקא משתבח בנפשיה (Megilla 11b) — und selbst das Imperium Gottes, den er den „Gott des Himmels“ nennt, auf den Bereich des Himmels begrenzt.
והוא פקד וגו'. Nur לפקידה בעלמא (Megilla 12a), nur zur Einleitung der ersten Schritte, die erforderlich waren, um die göttliche Verheißung durch Jeremia zu erfüllen, doch nicht zur Vollendung des Werkes ward Cyrus ausersehen. Vgl. das zu V. 1 Bemerkte.
Kommentar (R. Breuer)
V. 3. Der Aufruf wendet sich an die gesamte Bevölkerung des persischen Reiches: Wo immer „unter euch“ zersprengte Glieder des Judenvolkes sich befinden, die auch als Untertanen des Perserkönigs nicht aufgehört haben, sich als Angehörige „von allem seinem Volke“, d. h. der jüdischen Gesamtnation, als sein Volk, als Gottes Volk (עמו bezieht sich auf das folgende אלהיו) zu fühlen, mit ihm möge usw.
Ganz durchschaut und begriffen hat Cyrus seine geschichtliche Aufgabe nicht. Im Sinne der göttlichen Verheißung „er wird meine Stadt erbauen und meine Verbannten heimschicken“ (Jes. 45,13) sollte Jerusalem von ihm selbst erbaut werden. Jedoch nur zur Anregung des Werkes schwang er sich auf. Die Ausführung überließ er denen, die es zuvörderst anging: dem Volke „des Gottes Israels“, dem Volke „des Gottes von Jerusalem“. Cyrus war nicht der Messias. Im Gegenteil: Gott beklagte sich beim Messias, daß Cyrus seine Mission gar schlecht begriffen habe. כה אמר ה' למשיחו לכורש אשר החזקתי בימינו וכי כורש משיח היה אלא אמר ליה הקב"ה למשיח קובל אני לך על כורש אני אמרתי הוא יבנה ביתי ויקבץ גליותי והוא אמר מי בכם מכל עמו ויעל (Megilla 12a. — Raschi das. beweist auf Grund der Akzente, daß למשיחו sich nicht auf כורש beziehen kann.)
Kommentar (R. Breuer)
V. 4. Niemand sollte durch Mangel an irdischen Gütern gezwungen sein, sich von der Heimkehr auszuschließen. Seine Ortsgenossen wurden verpflichtet, ihn mit allem für die Heimkehr Nötigen auszustatten. Zugleich wurde erwartet, daß auch sie, die Nichtjuden, durch freiwillige Gaben für das Gotteshaus in Jerusalem ihr teilnehmendes Interesse an dem Wiederaufbau dieses Hauses bekundeten.
Kommentar (R. Breuer)
V. 5—6. Cyrus hatte die heimkehrfreudige Stimmung seiner jüdischen Untertanen, die zur Heimkehr gewillt waren, doch unterschätzt, wenn er dekretiert hatte, daß die Minderbemittelten zur Heimkehr erst „erhoben“ (ינשאוהו V. 4) werden müßten. Unter den Familienhäuptern Judas und Benjamins, unter den Priestern und Leviten, die sich da nach Jerusalem aufmachten, war niemand, dessen Geist nicht von Gott zur Heimkehr erweckt worden wäre. Zur Heimkehr „erhoben“ brauchte unter den zur Heimkehr Gewillten keiner werden. Erhoben waren sie durch Gott. Nur „unterstützt“ wurden sie durch die Leute ihrer Umgebung: וכל סביבתיהם חזקו בידיהם. Und reichlich floß ihnen diese Unterstützung zu. Cyrus hatte bloß von Silber, Gold, beweglicher Habe und Vieh gesprochen. Die Unterstützenden gaben auch מגדנות hinzu. „Man ist durch nichts berechtigt, hier an etwas anderes, als an köstliche Früchte, und nicht an wertvolle Kostbarkeiten zu denken. מגד, wovon offenbar das Wort gebildet ist, kommt nur in diesem Sinne vor, und מגדנות steht, wo es noch mit anderen Dingen, wie Esra 1,6 und Chron. II, 21,3 vorkommt, immer zuletzt, war somit wohl nicht das Wertvollste“ (Komm. Gen. 24,53). מגדנות sind hübsche Aufmerksamkeiten, die aus dem Gefühl eines frohbewegten Herzens erfließen. Was war den סביבתיהם das Haus Gottes in Jerusalem, für das sie nach dem Befehle des Cyrus freiwillige Gaben spenden sollten! Sie befolgten den Befehl, doch ohne bei der Ausführung an das Haus Gottes zu denken. (Nach לבד על כל התנדב steht nicht wie oben V. 4: לבית האלהים אשר בירושלם). Sie empfanden wohl die ganze Expedition mehr als eine Befreiung der Perser von den Juden als umgekehrt und suchten ihrem Hochgefühl darüber über das Maß der anbefohlenen Pflichtspenden hinaus durch artige מגדנות-Gaben entsprechenden Ausdruck zu verleihen.
Kommentar (R. Breuer)
V. 7—8. Diese beiden Sätze hätten auch zu einem Satz verbunden werden können: Der König Cyrus gab die Geräte des Gotteshauses, die Nebukadnezar usw., durch den Schatzmeister Mithredath heraus, und der zählte sie usw. Jedoch mit besinnlicher Andacht läßt uns die Erzählung Schluck für Schluck die Wonne dieses Ereignisses schlürfen. Zunächst war dieses Ereignis ein Sieg des Judengottes über die Persergötter: die von Nebukadnezar geraubten Tempelgeräte kehrten aus dem persischen Götterhaus in das jüdische Gotteshaus zurück. Dann aber war dieses Ereignis eine Verneigung der persischen Politik vor der Größe des auserwählten Volkes. Man bedenke: Cyrus, der König von Persien (wie in V. 8 im Gegensatz zu V. 7 nachdrücklich betont wird), gab die Geräte heraus und ließ sie durch seinen Schatzmeister nach sorgfältiger Zählung in die Hand eines jüdischen Stammesfürsten übergehen.
ששבצר. Entweder identisch mit Serubabel oder nach rabbinischer Überlieferung mit dem in „sechs Nöten“ (שש—בצר) bewährten Daniel. Vgl. Raschi: ואמרו רבותינו הוא ששבצר הוא דניאל ולמה נקרא שמו ששבצר שעמד בשש צרות.
Kommentar (R. Breuer)
V. 9—11. אגרטלי, ein Fremdwort, das nur hier vorkommt: Vermutlich Becken, die im Dienste der Händewaschung standen. Zu כפורי vgl. Sebachim 25a: ודם סכין במאי מקנח ליה אמר אביי בשפת מזרק כדכתיב כפורי זהב. Demnach ist כפורי identisch mit מזרקים Sprengbecken, an deren Rand das Blut des Schächtmessers abgewischt wurde (כפורי von כפר abwischen). (Warum Raschi hier zu unserem Texte vom Abwischen des Blutes von der Hand des Blutauffangenden spricht, ist auffallend.) משנים ist wohl am besten nach Malbim im Hinblick auf על מיטב הצאן והמשנים ש"א ט"ו als Geräte minderen Grades zu verstehen. Nach Raschis Bemerkung, daß es Geräte anderer Art, כלים אחרים של מין אחר, waren, ist nicht klar, warum diese andersartigen Geräte mit dem gleichen Namen כפורי bezeichnet werden. כל כלים in V. 11 muß auch noch andere Geräte umfassen, als die in V. 9 und 10 genannten, da sonst die Zahl 5400 nicht stimmt.