Amos 9 עמוס
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Die Worte sind hier anders gewählt als 8, 1., weil ihm Gott nicht wie dort ein Symbol des künftigen Untergangs zeigt, sondern diesen (in der Erscheinung) wirklich beginnt.
Weil der Götzendienst die Hauptsünde war, so soll der Götzenaltar und mit ihm Alle, welche sich um denselben sammeln, zu Grunde gerichtet werden. Daher erblickt Amos den wahren Gott über dem falschen Altare zu Bethel schweben, wie er einem Engel befiehlt, den Knauf an den Säulen, welche die Vorsprünge (ספים) des Tempeldaches tragen, so zu schlagen, daß dies zusammenstürzt und die Stücke die Götzendiener tödten.
Die Kinder derselben werden durch die Assyrer umkommen.
Kap. 9. V. 1. הַמִּזְבֵּחַ ist der Gottesaltar im Heiligtume. נִצָּב עַל bezeichnet vielfach nicht ein bloßes räumliches bei oder über jemandem Stehen, sondern es bezeichnet diesen zugleich als Gegenstand der Hut, des Schutzes: Gen. 28, 13, der gespannten Aufmerksamkeit: Ex. 18, 14, oder auch beider: 1 Sam. 22, 6 des oder der bei bezw. über ihm oder um ihn Stehenden. — כַּפְתּוֹר Knauf, eine der allerdings bedeutungsvollen Verzierungen des Leuchters im Heiligtum, deren Mangel ihn jedoch nicht untauglich macht. In der Gegenüberstellung mit סִפִּים dürfte es hier jedoch eine knaufartige Verzierung an einem Teile des Gebäudes bezeichnen, am Friese, am Giebel oder am Säulencapitäle, wie Zef. 2, 14. Hier wohl das letztere, eben wegen des Gegensatzes zu סִפִּים. Durch die Beschädigung, ja durch das Fehlen einer Verzierung des Capitäls wird in keiner Weise die Tragkraft der Säule, geschweige denn die Festigkeit des Gebäudes beeinträchtigt. Denn hier steht es offenbar im Gegensatz zu סִפִּים, den Grundschwellen, die nur erbeben, wenn das Gebäude in seinem Fundamente erschüttert wird. Wenn hier also ein Bau geschaut wird, bei dem die Grundschwellen ins Schwanken geraten, sobald ein Säulenknauf zertrümmert wird, so wird der Bau als ein solcher charakterisiert, an dem es kein nebensächliches, blos ornamentales Gebilde giebt, an dem vielmehr alles fundamental ist. Dieses Gesicht bildet offenbar den Abschluß der vier 7, 1. 4. 7 und 8, 1 vorangehenden Gesichte. Es will in eindringlicher Anschaulichkeit den Grundirrtum zur Erkenntnis bringen, der, in kleinen Anfängen beginnend, immer weiter umsichgreifend, Israel zu jenem Grade des Abfalls gebracht hatte, der das zuvor geschilderte Verhängnis des Exils über die einen und die in den nächsten Versen ausgesprochene Vernichtung über die anderen zur unabwendbaren Folge hatte. Dieser Wahn war die Vorstellung, man könne unter den Gesetzen Gottes eine Auswahl treffen, der göttliche Gesetzgeber habe nicht für alle mit demselben Ernste den unverbrüchlichen Gehorsam gefordert, es gebe wichtige und unwichtige, wesentliche und unwesentliche Teile des Gottesgesetzes, die einen dürfe man sicherlich nicht übertreten, die Nichtbeachtung der anderen jedoch habe keinerlei ernste Folge für das Bundesverhältnis Israels zu seinem Gotte. Dem gegenüber nun wird hier Gott als schützend über dem Altare waltend geschaut. Der Altar, — die Stätte zur Empfangnahme des symbolischen Gelobungsausdrucks der Hingebung Gesamt-Israels, daß es mit allem ihm Verliehenen „Nahrung des Gottesfeuers auf Erden“, d. i. Verwirklichung des gottgewollten und in seinem Gesetze niedergelegten Wahren und Guten werden wolle, — der Altar ist hier das Symbol des Gesetzes, der Thora. Wie oben (7, 7) עַל־חוֹמַת אֲנָךְ, so schaut der Prophet hier Gott schützend über dem ewigen Gottesgesetze, und vernimmt sein Wort: „Schlage den Knauf und es erbeben die Grundschwellen!“ Es ist dies ein hypothetischer Imperativ. Man kann die vermeintliche Verzierung nicht verletzen, ohne daß die Grundschwellen erbeben. Es giebt eben im Gottesgesetze nichts Nebensächliches, nichts bloß Decoratives, das ohne Erschütterung des Ganzen verletzt werden könnte. Alles in ihm ist fundamental, auch dasjenige, das dem oberflächlichen Menschenblicke als minder wesentlich erscheint. Die Grundmauern des Heiligtums erschüttert, wer sich nur an einem vermeintlichen Knaufe eines Säulenkapitäles zu vergreifen erkühnt. Das ganze Gottesgesetz bildet einen einheitlichen heiligen Bau, eine unteilbare organische Einheit, an der alles vitale Bedeutung hat. (Vergl. כִּי לֹא דָבָר רֵיק הוּא מִכֶּם Deut. 32,47: es giebt kein Gesetzeswort, das euch nicht ganz umfinge und trüge, dessen Inhalt nicht ihr selbst wäret!) Und Gott waltet schützend über seinem Gesetze, wie der Prophet hier schaut, es bleibt ewig, aber die sich frevelnd an ihm vergreifen, sie werden gebrochen Eben dieses bricht sie כֻּלָּם, in ihrer Gesamtheit, so viele ihrer auch sind, und bildeten sie auch die Majorität einer jeweiligen Generation, und: בְּרֹאשׁ zu allererst. Das Subject von וּבִצְעָם die in diesem Gesichte veranschaulichte Wahrheit, die Verderblichkeit der Halbheit. בצע verw. mit פצע: brechen. וּבִצְעָם Perf. mit Suff. der 3. P mit Pathach wegen des ע, für: וּבָצַע אוֹתָם: וְאַחֲרִיתָם und ihre Zukunft, die ihnen entstammenden, ihre Fortsetzung bildenden, d. i. ihrem Beispiele folgenden Geschlechter. Der Prophet knüpft mit diesem abschließenden Bilde wieder an die Charakteristik an, die er in den einleitenden Kapiteln von dem Verhältnis der Reiche Juda und Israel zu dem Gottesgesetze gegeben hatte. Vergl. das oben z. St. Bemerkte. Er hat ihnen dort gezeigt, wie in der unseligen Halbheit, in der sie die eine oder andere Seite des Gottesgesetzes als die minderwichtige, unwesentliche betrachteten, sie auch diejenige mißachteten, die sie hoch zu halten vermeinten, und zeigt nun hier, wie diese Halbheit, fortwuchernd, in ihren Folgen die einen zum gänzlichen Abfall und damit dem Untergange, die anderen zu immer größerer Entfremdung und damit der Leidenserziehung durch das Exil entgegengeführt habe.
V. 2—4 wird der Gedanke ausgeführt, daß jede Möglichkeit, sich ohne gänzliche Sinnesänderung diesem Verhängnisse zu entziehen, ausgeschlossen sei, denn überall befinden sie sich im Bereiche der göttlichen Allmacht. Ihr entziehen sie sich nicht, wie dies zuerst V. 2 in hyperbolischen Gegensätzen ausgeführt wird: vermöchten sie auch der Erde zu entrinnen, durchzubrechen in die Tiefe der sonst dem Lebenden verschlossenen Unterwelt — daher חתר, vergl. בַּמַּחְתֶּרֶת Ex. 22, 1 — möglich auch, daß dadurch der Gedanke ausgedrückt wird: vermöchten sie sich auch in der Unterwelt einzugraben, also eine noch größere Tiefe als die des Scheol zu gewinnen, ähnlich dem Verbergen im Boden des Meeres V. 3 — oder Himmelshöhen zu erreichen — oder auf Erden sich auf Karmels Gipfel oder im Grunde des Meeres zu verbergen —: überall ereilt sie das Verhängnis. Sie entgehen ihm auch nicht dadurch, daß sie, ohne jeglichen Versuch des Widerstandes, sich kampflos den Feinden ergeben. Eine solche freiwillige Unterwerfung scheint dem ganzen Zusammenhange nach das „Dahinziehen in die Gefangenschaft vor ihren Feinden her“ zu bedeuten. Wie das in den vorhergehenden Versen Angeführte, muß auch dieses וְאִם־יֵלְכוּ בַּשְּׁבִי וגו' einen Versuch der Rettung bezeichnen, die durch das מִשָּׁם אֲצַוֶּה vereitelt wird. Das feindliche Schwert ist ebenso ein Werkzeug der höheren Fügung, wie die Schlange im Grunde des Meeres. Zusammenfassend heißt es sodann, alle Versuche der Rettung sind vergebens, denn: ich richte meine Augen auf sie zum Bösen und nicht zum Guten.
Kommentar (Herxheimer)
Nun wird V. 2—4 in schönen Gegensätzen weiter geschildert, wie kein denkbarer Versteck sie sichern könne vor Gottes Allmacht.
Kommentar (Herxheimer)
In den Höhlen darauf.
= Seethier, תנין Jes. 27, 1.
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Dies Verderben zu vollbringen, hat der Herr die Macht, der nur an die Erde zu rühren hat, um sie sammt den Sündern zu erschüttern; vgl. 8, 8.
V. 5. 6. Nur einen einzigen Weg giebt es zur Rettung: die Rückkehr zu Gott. Zu ihr ist es nie zu spät. Er ruft die Meeresfluten noch zurück in dem Augenblicke da er sie bereits hinschüttete über die Fläche der Erde, 'ה, der barmherzige, in jedem Augenblicke zur Spende neuen Seins bereite Gott ist ja sein Name, d. h. als solcher offenbart er sich. Denn (V. 5): mein Herr, der seine Gnade jetzt als waltende Gerechtigkeit offenbarende Gott, in dessen Dienste alle Schöpfungsscharen stehen, der die Erde berührt und sie vergeht und es trauern alle auf ihr Wohnenden und sie wogt auf und wogt nieder wie der Strom Mizrajims: der (V. 6) ist doch der, der fortwährend in den Himmeln seine Stufen baut und seinen Bund festgegründet hat auf Erden. — Der Entwicklung nach מַעֲלוֹת, „Stufen“, im Weltraum steht offenbar gegensätzlich die Gründung von אֲגֻדָּתוֹ, des Bundes und zwar seines Bundes auf Erden gegenüber. In jenen unendlichen Räumen, so scheint sich diese Anschauung auszusprechen, gibt es Sphären über Sphären, Kleines und Großes, im großen Weltall geht die Entwickelung nach „Stufen“, das Kleinere verschwindet, indem es in das Größere aufgeht. Aber in der Erdwelt, in der Menschenwelt hat Gott fest gegründet אֲגֻדָּתוֹ: die Menschen haben nicht die Bestimmung zu Grunde zu gehen und neuen Wesen Platz zu machen, nicht „Stufen“ sondern „Vereinigung“, Band und Bund ist hier der Charakter der Gestaltung. Das Ziel aller Kämpfe und Entwickelungen ist: daß alle Wesen dieser Welt, alle Menschen eine Einheit bilden und zwar: אֲגֻדָּתוֹ, eine Vereinigung zu einem Bunde, der zusammen gehalten wird durch den Namen Gottes. Und deshalb, weil Gott nicht den Untergang der Menschenwelt will, darum ruft er noch den Wassern des Weltmeeres — der Plural sagt: jedem Tropfen des Meeres — zu, gebietet ihnen noch Einhalt, da er sie bereits hingeschüttet hat über die Erdwelt, ist doch sein Name 'ה!
Von dieser Betrachtung der göttlichen Weltwaltung im Großen nach ihren allgemeinsten und weitesten Zielen lenkt nun der Prophet den Blick wieder zurück auf sein Volk, auf seine Gegenwart, und spricht:
Kommentar (Herxheimer)
S. v. a. עליה Ps. 104, 3.
Himmelsgewölbe.
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Oder meinet ihr, ich werde euch nicht verderben, weil ich euch erwählt habe (3, 2)? Ihr irret, denn ihr seid mir nicht mehr als z. B. die Aethiopier, und wenn ich euch aus Aegypten geführt, so hab ich ja auch die Philistäer aus Kapthor (1 M. 10, 14) und die Syrer aus Kir (1, 5) wandern lassen. Manche Ausleger verstehen: ihr seid wie die Mohren (Kuschäer), und ändert eure Gottlosigkeit so wenig, als der Mohr seine Haut, Jirm. 13, 23. Nach And. seien die Kuschäer deshalb hervorgehoben, weil sie eben damals wohl aus Arabien nach Aethiopien gezogen.
V. 7. Wie könnt ihr auch nur glauben, euch Gott entziehen zu können, Gott keine Rechenschaft schuldig zu sein für euer Thun und Lassen? Selbst wenn ihr nicht Juden, סְגֻלָּה מִכָּל הָעַמִּים, das „ihm noch mehr und noch ausschließlicher als alle Völker angehörige Volk“ (siehe zu Ex. 19, 5), wenn ihr Cuschäer wäret, würdet ihr nicht auch dann mir angehören? Selbst dann hinge es nicht von euch ab, festzusetzen, was für euch gut und was böse sei. Nicht bloß der jüdische Mensch ist Gott verantwortlich und kann sich dieser Verantwortung nicht entziehen. Hat sich meine Hand denn nicht auch in der Geschichte der anderen Völker, als deren Vertreter hier die Philister und Aramäer genannt werden, waltend und gestaltend offenbart? Der tiefgreifende Unterschied der Gottesoffenbarung in der erziehenden Geschickeslenkung Israels wird durch diesen Satz keineswegs in Abrede gestellt. Hat ja Amos selbst ihn oben 3, 2 aufs schärfste hervorgehoben! Hier aber stellt er sich auf den Standpunkt des abgefallenen Volkes, das von dieser Sonderstellung wegen der durch sie bedingten besonderen Verpflichtung nichts wissen will. — Über die Lage der als Ursitze der Philister und Aramäer genannten Caphthor und Kir gehen die Ansichten weit auseinander und sind nichts als teils unhaltbare, teils ganz unerwiesene Vermutungen. Etwas Bestimmtes läßt sich nicht feststellen. Von Kir wissen wir aus oben 1, 5 und 2 Könige 16, 9, daß die Aramäer von Thiglath Pileßer dorthin wieder ins Exil geführt wurden, und aus Jes. 22, 6, daß seine Bewohner im Kriege gegen Babylon im Assyrerheere dienten.
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Das Reich der 10 Stämme wird aufhören, doch nicht das Volk Jakobs.
V. 8. Siehe er ist im Begriff euch zur Rechenschaft zu ziehen. Seine Augen, d. i. seine strafend eingreifende Waltung, sind gegen das grundsätzlich der Sünde verfallene Reich, gegen den Staat gerichtet, die vernichte ich, das Jakobshaus jedoch wird nicht bedroht,
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Dieses wird vielmehr auswandern und nur so unter die Heiden geschüttelt, daß kein gutes Korn (kein Frommer), und nur die Spreu verfliegt.
V. 9. es soll vielmehr gerettet werden, die Fortdauer des Staates würde ihm den Untergang bringen, der Untergang des Staates ist der erste Schritt zu seiner Rettung. Denn siehe ich bestelle jetzt das Geschick, ich gebiete und וַהֲנִעוֹתִי wörtlich: schüttle hinaus durch alle Völker das Haus Israel, es umfaßt Gesamtisrael, ganz wie das im vorigen Verse genannte „Jakobshaus“. Hier im Augenblicke der Verkündigung des „Hinausschüttelns“ oder „Schwenkens“ wird es zur Hervorhebung seiner ewigen „Jisrael“bestimmung so genannt, der es eben auf diesem Wege der Leidenserziehung entgegengeführt werden soll. Der äußeren Erscheinung nach bildet ja der Name Israel einen gewissen Kontrast zu dem durch וַהֲנִעוֹתִי bezeichneten Geschicke. Doch nur scheinbar. Denn auch in seiner Erhaltung im Galuth zeigt sich offensichtlich die Waltung Gottes. Durch den Sturm der Verhängnisse läßt Gott das „Haus Israel“ durch alle Völker getrieben werden, ohne festen Halt auf Erden ist es scheinbar allen Wettern, allem Völkerwüten preisgegeben. Doch unsichtbar ist es wie von einem Siebe umfangen. Nur was sich vom Kerne ablöst, fällt als Staub zu Boden. Was treu und fest zum Kerne hält, bleibt erhalten. So haben die Stürme nur die Sichtung, die Scheidung der Spreu vom Korne zum Ziel. צְרוֹר von צרר, zusammendrängen, hier von dem stofflich concentrierten Kerne im Gegensatz zur leichten Spreu. Gewiß ist es schmerzlich, wie viele in den Stürmen des Exiles dem jüdischen Stamme verloren gehen: jedoch in Wirklichkeit fällt nichts zu Boden, was treu zum „Kerne“ sich hält. Denn:
V. 10 durch „das Schwert“, nämlich durch die Leiden des Exiles, gehen zu Grunde nur die חַטָּאֵי עַמִּי, die principiell dem Heiligtum Feindlichen, die die vergeltend waltende Vorsehung in den Geschickesfügungen leugnen und überhaupt die Lenkung der Geschicke durch Gott als Ammenmärchen verspotten und höhnend sagen: „Was kommen soll, kommt doch, und um unserer Sünden willen kommt das Unglück uns kein Haarbreit näher als anderen und um keinen Augenblick früher.“
Kommentar (Herxheimer)
Diese Spreu sind die Sünder; vgl. V. 4. 6, 3.
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Nach dieser Sichtung wird das zerfallene Reich Davids wieder zu dem alten Glanze gelangen, so daß es wieder alle Stämme umfassen und das zerstreute Israel unter sein Scepter zurückkehren (V. 14) wird.
Hütte s. v. a. das gew. בית Haus. Das suff. in פרציהן geht auf die Städte, in הרסתיו auf דוד und in וכניתיה auf סכה.
V. 11. בַּיּוֹם הַהוּא: „An jenem Tage“, wenn der Kern der Nation mir gewonnen und „das Korn von der Spreu geschieden“ sein wird, wenn die Stürme des Exiles ihr Läuterungswerk vollbracht haben werden, richte ich die „Hütte Davids“, das Heiligtum, wieder auf, das, in bedeutungsvollem Gegensatz zu der V. 8 genannten מַמְלָכָה הַחַטָּאָה, als eine jeden Stolz und jede Königspracht verschmähende bescheidene „Hütte“ bezeichnet wird. הַנֹּפֶלֶת: jene Wiedergewinnung und diese Wiederaufrichtung aber wird sich vollziehen zu einer Zeit, wo nach kurzsichtigem menschlichen Ermessen dies Heiligtum, die „Hütte Davids“, im Einsturz begriffen, der Verwirklichung des Gottesgesetzes jede Zukunft abgeschnitten erscheint. Der Sprößling aus dem Davidshause, das Reis aus dem Isai-Stamme, der Messias, auf den wir hoffen, wird deshalb auch in diesem Sinne בַּר נַפְלִי, als der zur Zeit des hoffnungslosesten Verfalles Erscheinende bezeichnet. Diese Bezeichnung hat von den beiden, Jesajas 60, 21 angedeuteten Möglichkeiten der Erlösung diejenige im Auge, die dort als die בְּעִתָּהּ erfolgende und als מַעֲשֵׂה יָדַי bezeichnet wird, wie wir dies zur Stelle näher ausgeführt haben. Siehe Haftoroth S. 357 f.
In der zweiten Vershälfte begegnen wir einem auffälligen Wechsel der Suffixa: וּבְנִיתִיהָ, הֲרִיסוֹתָיו, פִּרְצֵיהֶן. Der weibliche Plural פרציהן blickt auf die im vorhergehende Verse genannten חַטָּאֵי עַמִּי hin, die principiellen Gegner des Judentums; die weibliche Form bezeichnet in ihrer Anwendung auf ein männliches Substantiv dasselbe stets als schwach. גְּדֵרִים sind nicht die Mauern des Gebäudes, sondern die äußere Einfriedigung, die „Umzäunung“, und das Verbum גָּדַר heißt: eine solche Umzäunung herstellen. פִּרְצֵיהֶן würde also heißen: die Risse, die die grundsätzlichen Gegner des Gottesgesetzes mit ihrer vermeintlichen Kraft in die schützenden Umzäunungen gebracht haben. Zu allen Zeiten hat der Abfall vom Judentum, also der Angriff auf das Gesetzesheiligtum, mit den Angriffen gegen die von den weisen Vätern unseres Volkes in Erfüllung des göttlichen Auftrages: וּשְׁמַרְתֶּם אֶת מִשְׁמַרְתִּי, d. i. עָשׂוּ מִשְׁמֶרֶת לְמִשְׁמַרְתִּי, getroffenen schützenden „Umzäunungsgesetze“ begonnen. Es ist nun tief charakteristisch, daß es hier bei der Wiederaufrichtung des Heiligtums heißt, daß dieselbe beginnen werde mit der Wiederherstellung gerade jener גְּדֵרִים, zu deren dauernden Zerstörung, wie sich dann erweisen wird, der kecke Arm der Gegner doch zu schwach gewesen ist. — הֲרִיסוֹתָיו kann sich nur auf עַמִּי, das im vorigen Verse genannte Volk beziehen und bezeichnet die von diesem aus Unkenntnis und Verwahrlosung zugelassenen und bewirkten Schädigungen und Verheerungen des Heiligtums selbst. Dann aber: וּבְנִיתִיהָ כִּימֵי עוֹלָם, baue ich es auf zu einem neuen, ewigen Bau, wie in den dann zur fernen Vorzeit gewordenen einstigen Tagen der Vergangenheit.
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Wie schon ein Theil von Edom an Israel gebracht worden war (2 Kön. 14, 7), so wird dasselbe ganz und so noch viele Völker unter die Theokratie gebracht werden.
V. 12. לְמַעַן יִירְשׁוּ וגו': das Subjekt ist der durch die mächtige Schwinge der Exilesstürme herausgeschälte edle Kern des jüdischen Volkes, das wahrhafte Israel-Haus. יִירְשׁוּ: dem Erben fällt nur das zu, was der andere fahren läßt, so wird nicht etwa der Judenheit, sondern dem von dem Hause Israel durch die Zeiten getragenen Princip, dem in seinem Wesen erkannten Judentum, das identisch ist mit dem vollendeten Menschentum, die Erde zufallen. Als Repräsentant der Völker ist Edom genannt, der Typus der auf Gewalt gegründeten und alle geistigen und materiellen Vermögen skrupellos nur in den ausschließlichen Dienst des eigenen Interesses stellenden Staatengrößen. Alle Principien, denen bisher gehuldigt worden, werden in ihrer Nichtigkeit erkannt worden sein, und was von Edom übrig geblieben sein wird und von allen Völkern, über die dann „mein“ Name genannt wird, wird dann der Herrschaft des vom Gottesworte gelehrten Lebenspflicht-Ideales in Verwirklichung der Sittlichkeit, Gerechtigkeit und Nächstenliebe freudig huldigend sich unterordnen.
עֹשֶׂה זֹאת, Präsens. An der Herbeiführung dieses in ferner Zukunft winkenden Zieles arbeitet Gott bereits jetzt. Alle Fügungen in der Geschichte der Menschheit stehen im Dienste der Verwirklichung dieser Verheißung. Auf die Erziehung des jüdischen Volkes angewendet spricht sich dieser Satz dahin aus: der erste Schritt ins Exil ist der erste Schritt zur Erlösung.
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Auch im Innern wird das Reich gesegnet sein.
Die Pflügezeit wird bis zur Ernte und die Weinlese bis zur Saatzeit sich ausdehnen, vgl. 3 M. 26, 5.
Joel 5, 10.
V. 13. Wenn so Israel und die Gesamtmenschheit geläutert und in Gotteshuldigung geeint sein werden, und so der Friede mit Gott und der Friede zwischen Mensch und Mensch, zwischen Volk und Volk hergestellt sein wird: dann wird Gott auch, unter Aufhebung der einst zum Zwecke der Erziehung der Menschheit gefügten Hemmung (siehe zu Gen. 3, 17 f.), den Frieden herstellen zwischen der Natur und dem Menschen. Die Erde spendet ihre Vollkraft dem Menschen, wie das in diesem Verse geschildert wird. — נגש sonst stets im Kal und Niphal mit אֶל oder ־לְ, nur einmal, 1 Sam. 9, 18, mit אֵת construiert, nur hier, und im störenden, hindernden Sinne auch Jes. 65, 5, mit ־בְּ. Es scheint deshalb hier in der eigentlichen Niphalbedeutung zu stehen: der Pflüger wird von dem Schnitter erreicht, gedrängt, zur Bezeichnung der raschen Reife, ebenso: der Kelterer von dem, der die Aussaat streut, zur Bezeichnung der Fülle des Ertrages, die Zeit der Aussaat ist da, bevor man mit dem Einheimsen fertig geworden.
Kommentare (Herxheimer, J. J. Hirsch)
Als Gegensatz zu 4, 6. 9. 5, 11.
V. 14 und 15. Während diese Fülle der Gesamtmenschheit blühet, wird nun hier die Vollendung des besonderen Geschickes Jisraels durch die besondere Gottesfügung ausgesprochen. Über die Construction: וְשַׁבְתִּי אֶת שְׁבוּת siehe zu Deuteron. 30, 3. — עַל אַדְמָתָם: sie werden von ihrem Boden getragen werden. Die Bezeichnungen: וְשַׁבְתִּי אֶת שְׁבוּת, ferner: עַמִּי יִשְׂרָאֵל, sowie dieses: עַל אַדְמָתָם bekunden die Innigkeit des Verhältnisses zwischen Gott und seinem geläutert heimkehrenden Volke, und dem Lande, das von den Bewohnern seiner eigentlichen Bestimmung endlich wieder besessen wird.
אָמַר ה' אֱלֹהֶיךָ: dies alles sind Verheißungen dessen, der „dein“ Gott ist, schließt das Prophetenwort und ruft mit scharfer Wendung in direkter Anrede es eindringlich jedem jüdischen Geschlechte einer jeden Zeit zu, daß Gott es in die Hand eines jeden gelegt und ausnahmslos jeden berufen habe, durch Selbstveredelung und volle treue Erfüllung der Lebenspflicht an der Herbeiführung dieses Zieles seines bescheidenen Teiles mitzuarbeiten.
Kommentar (Herxheimer)
Wenn sie sich nämlich nicht wieder durch Gottlosigkeit und Sünde des Glückes verlustig machen.
Die Anrede richtet sich an das Volk V. 14.