Tehillim 97 תהילים
Kommentar (S. R. Hirsch)
Kap. 97 schließt sich dem vorhergehenden enge an, und spricht V. 2—7 von den ernsten Vorgängen, welche dem heitern Anbruch des Gottesreiches vorangehen müssen. Dem rechten Bewußtsein von Gott und seiner Herrschaft, wird erst der Untergang aller Feinde des Gottesreiches, aller falschen Größen und vergötterten Mächten die Bahn brechen. Daran schließt sich dann V. 8. 9. der Eindruck, den dieser Anbruch der neuen Zukunft auf Erden auf Zion und auf die Städte Judäa's machen wird, die so lange im Hintergrunde haben stehen müssen, und V. 10—12 die Folge, die die Zuversicht in diese Zukunft schon jetzt für alle Braven und Rechtschaffenen auf Erden haben soll.
V. 1. ד' מלך וגו', wohl, wie dies der vorige Ps. gesungen, wird die Erde freudig aufblühen, wenn Gottes Herrschaft auf Erden begonnen, ja ישמחו איים רבים. Wie איה und אי die Frage nach einem Orte: wo? ausdrückt, so bezeichnet אי eine ferne, von andern gesonderte Oertlichkeit, insbesondere: Insel. In den Verkündungen der einstigen Rückkehr der Menschheit zur Erkenntniß und Anerkenntniß Gottes wird sehr gewöhnlich hervorgehoben, daß diese Erkenntniß und Huldigung der Wahrheit selbst איים erreichen werde. So Jesaias 41, 1. 5. 42, 4. 10. 49, 1. 51, 5. 60, 9. 66, 19. Es dürften damit diejenigen Gegenden bezeichnet sein, die dem bisherigen Culturleben ferne geblieben, damit auch dem Verderbniß weniger ausgesetzt waren, bei denen die wahre Erkenntniß nicht sowohl eine Rückkehr als einen einfachen Fortschritt bezeichnen wird. So auch hier: Wenn das Gottes=Reich auf Erden beginnen wird, dann wird bis in die entferntesten Gegenden mit der Erkenntniß und Anerkenntniß der Gottesherrschaft ein Zustand heitern Glücks einkehren. Allein
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 2. ענן וגו', dem Anbeginn dieser glücklichen Zukunft gehen Zeiten voran, in welchen Gott in ענן וערפל erscheint. ערפל Siehe Pent. 5. B. M. 5, 19. Wie nicht heiterer, heller Sonnenschein, sondern Gewölke und Dunkelheit es ist, unter denen sich das, fröhliches Aufblühen vorbereitende Reinigen und Befruchten vollzieht, so sind es ernste dunkle Zeiten, die das heitere Gottesreich vorbereiten und ankündigen; denn צדק ומשפט מכון כסאו, die Grundlage, auf welche Gott den Thron seiner Herrschaft errichten will, ist die Idee des Rechts und die Ordnung der Verhältnisse nach diesem Rechte. Der Erkenntniß dieser Rechtsidee muß erst Bahn gebrochen werden, und alles, der Anerkenntniß derselben grundsätzlich Feindliche, muß vor der Macht der sich vorbereitenden neuen Zeit weichen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 3. אש וגו'. So heißt es von der läuternden und verzehrenden Feuermacht der kommenden Zeit: כי הנה היום בא בער כתנור, die Zeit kommt wie ein Ofen glühend. והיו כל זדים וכל עשה רשעה קש ולהט אתם היום הבא אשר לא יעזב להם שרש וענף (Maleachi 3, 19).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 4. האירו וגו'. Die sich als vernichtendes Gewitter über die Unverbesserlichen entladende dunkle Zeit sendet aber zugleich für die noch der bessern Erkenntniß und Anerkenntniß Fähigen erleuchtende Blitze. Die nicht in die Vernichtung mit Einbegriffenen kommen durch das Erlebte zu besserer Einsicht, und gehen ein in die kreißende Umwandlung für das Bessere.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 5. הרים וגו', die bis jetzt angestaunten irdischen Größen und Mächte.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 6. הגידו וגו'. Ist erst so das unverbesserlich Schlechte vernichtet, bei dem Empfänglichen die bessere Einsicht angebahnt, die imponirende Hoheit der gefürchteten irdischen Größen vor der Hoheit des einzigen, wirklichen, wahrhaftigen Herrn zusammengeschmolzen, dann haben alle die Ereignisse, die vom Himmel herab der Erde geworden sind, die Idee des Gottes=Rechtes in den Thatsachen verkörpert der Erkenntniß dargestellt, und alle Menschengesellschaften sehen dann כבודו, sehen in Allem, was ist und wird, in allen Erscheinungen der Natur, in allen Ereignissen der Menschenwelt, nur die Offenbarung des Einzig=Einen (Vgl. Ps. 29, 9).
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 7. יבשו וגו'. Damit ist dann allem grobsinnlichen (פסל) und jedem ideellen (אלילים) Götzenthum für alle Zukunft der Boden in der Menschenbrust entzogen. Alles, was die Menschen bis dahin vergötterten, liegt Gott, dem Einzig=Einen, zu Füßen.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 8. 9. שמעה וגו'. Mit dieser endlichen Huldigung des Einzig=Einen auf Erden kehrt dann auch bei Zion, dem alten, ewigen Gottesheiligthum, und den Töchtern Judäas, den verödeten Städten, die sich um dieses Heiligthum schlossen und sein Schicksal theilten, die Freude wieder ein. Ist doch der Einzig=Eine, der von Zion aus seinen Geist und sein Gesetz alles Sein und Leben in Juda's Städten hatte gestalten lassen, nunmehr auf der allweiten Erde als der Einzig=Eine, in Hoheit über alles Gebietende erkannt, und bricht mit dieser Erlösung der Menschheit doch auch die Wiederauferstehung für Zion-Juda an.
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 10. 11. אהבי וגו'. Diese ganze Fernsicht in die Zukunft der Menschheit, wie sie in diesem und dem vorhergehenden Psalm gefeiert ward, giebt aber als Resultat für jede Gegenwart die Anforderung an alle Die, die schon jetzt die Freunde der Gottessache sind, nicht den Bösen, sondern das Böse gründlich zu hassen, und gegen dieses, gegen das Böse, überall und immer in offene Gegnerschaft hinauszutreten. Jene Fernsicht in die Zukunft giebt ja die Gewähr, daß das Böse keine Zukunft habe, daß die Zukunft dem Guten angehöre, und mit jedem Auftreten gegen das Böse das Reich Gottes, und damit das Heil der Menschen auf Erden einen Schritt näher gebracht werde. Jeder Kämpfer gegen das Schlechte ist ein Kämpfer für Gottes Sache und steht unter seinem besondern Schutz. Und ferner:
אור־זרוע וגו', nicht אור זרע לצדיק, nicht: Licht ist gesäet für den Gerechten, daß jeder Gerechte das Aufblühen des Lichtes für ihn erleben müsse, sondern אור־זרוע לצדיק, ein gesäetes Licht ist für den Gerechten. Der Gerechte jeder Zeit habe das Bewußtsein, daß in der Gegenwart nur ein gesäetes Licht sein Antheil sei. Erst in fernster Zukunft blüht und reift das wahrhaft Gute, dem er huldigt, auf Erden. Aber eine Saat ist es, vom Herrn der Zeiten in den Schooß der Zeiten gesäet.
Aber auch dieses Bewußtsein ist beglückend. Und wenn er nicht nur צדיק, pflichtgerecht in der That, sondern auch ישר לב, gerade in der Gesinnung ist, jener Herzensgeradheit ist, die nur Freude am Rechten und Guten hat, nur Befriedigung in Erfüllung ihrer Pflicht findet, so blüht ihm in jeder Zeit ein Doppelmaaß von Freude, Freude an dem Bewußtsein treu erfüllter Pflicht, und Freude an dem Bewußtsein, mit diesem Pflichtleben sich in der Gottesbahn des einst für Alle blühenden Heiles zu finden. Darum
Kommentar (S. R. Hirsch)
V. 12. שמחו וגו', wie fern auch noch jene Zukunft sei, freuen mögen sich die Pflichtgetreuen jeder Zeit Gottes, Gottes, der doch wesentlich sich als Gott der Zukunft uns angekündigt, und wenn gleich seine volle Erkenntniß erst in der uns noch verhüllten Zukunft aufgehen wird, doch זכר, ein „Gedächtniß" dieser erst in Zukunft reifenden, vollen Erkenntniß als Geistesund Herzenschatz „für jedes Geschlecht" uns vermacht hat, das uns als Leuchte durch die dunkeln Zeiten bis zum Zukunft=Morgen dient, und dem wir dankerfüllt unser huldigendes Bekenntniß weihen (Vgl. Pent. 2. B. M. 3, 15).