Owadjah 1 עובדיה

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Haftarot in diesem Kapitel: Jom Kippur, Minchah · Wajischlach
Einleitung von Julius Jehuda Hirsch

Obadja

Über Person und Zeit des Propheten fehlt es an bestimmten Angaben. Wir haben von ihm nur die Prophezeiung über Edom. Diese aber überschaut mit großartigem Ausblicke die Jahrtausende der Geschichte, und vor seinem Auge strahlt durch alles Dunkel der Jahrtausende das Morgenrot auf am Nachthimmel der Menschheit, er sieht den Anbruch des Gottesreiches auf Erden, sieht Israel als Bringer des Heiles, als Menschheitspriester „auf dem Berge Esau“.

Unsere Weisen erblicken in Rom die Verkörperung Edoms. Über eine Stammesverwandtschaft fehlt es an allen geschichtlichen Nachrichten, ist ja nicht nur über die Gründung, sondern über die ersten Jahrhunderte Roms das Dunkel der Sagengeschichte gebreitet. Blicken wir jedoch auf den inneren Kern, die bewegenden Kräfte und die in der Geschichte Roms zu Tage tretenden Principien und Mittel, so finden wir in Rom, in dem aus kleinsten Anfängen lediglich aus eigner Kraft, durch kluge und durch keinerlei Rücksicht auf Recht und Menschlichkeit behinderte scrupellose Ausnutzung aller Mittel der Gewalt und der List, zu so beispielloser Größe herangewachsenen römischen Riesenreiche, die großartigste Verwirklichung des Esau-Edom-Princips. Welches waren doch die beiden Momente, die Esau-Edom charakterisierten? Einmal צֵיד בְּפִיו (Gen. 25, 28 s. daselbst), er war Jäger, nicht nur mit dem Bogen und Pfeile, sondern „mit dem Munde“, er verstand die Kunst, mit List, unter dem Scheine der Harmlosigkeit, die Menschen zu verstricken und für seine Ziele einzufangen. Und zweitens, wie der Seherblick seines greisen Vaters ihn schaute: עַל חַרְבְּךָ תִחְיֶה (das. 27, 40), das Schwert, kriegerische Tapferkeit war die Grundlage für seine Machtentfaltung. Beide Momente haben nie größere Triumphe gefeiert, als in dem Aufbau des römischen Weltreiches. Wenn nun aber dieses selbige römische Reich, das für die Ewigkeit gegründet schien, trotzdem an seiner eigenen inneren Verderbnis kläglich zu Grunde gegangen ist, so verkündet eben dieser Untergang in einer erschütternden Tragik, die ihresgleichen nicht hat, die Unfähigkeit dieser beiden Momente zur Gründung dauernder Staatengebilde. — Erinnern wir ferner daran, daß das geschichtliche Edom sich stets als unversöhnlicher, erbitterter Todfeind des Brudervolkes Israel gezeigt hat, worauf auch hier V. 10—14 hingewiesen wird; bedenken wir endlich, daß das von Israel durch die Zeiten zu tragende Princip der Gerechtigkeit, der Nächstenliebe und der Sittlichkeit den diametralen Gegensatz zu dem in Edom wie in Rom verkörperten Principe steht: so begreifen wir die Identificierung der beiden zeitlich getrennten, an Ausdehnung so verschiedenen, ihrem Wesen nach aber gleichen geschichtlichen Größen. Und voll Ehrfurcht lauschen wir dem Prophetenworte, das, die Jahrhunderte überschauend, scheinbar nur von Edom sprechend, aus dem Pragmatismus der Ereignisse vor unserem inneren Auge Züge in unverkennbarer Deutlichkeit erstehen läßt, die die Hauptmomente des Aufblühens und des Unterganges des weltbeherrschenden Roms Jahrhunderte später charakterisierten.

Haftarah Wajischlach Aschkenasim, Sefardim, Jemeniten, Italiener, Romanioten und Karäer beginnen hier.
1
חֲז֖וֹן עֹֽבַדְיָ֑ה כֹּֽה־אָמַר֩ אֲדֹנָ֨י יֱהֹוִ֜ה לֶאֱד֗וֹם שְׁמוּעָ֨ה שָׁמַ֜עְנוּ מֵאֵ֤ת יְהֹוָה֙ וְצִיר֙ בַּגּוֹיִ֣ם שֻׁלָּ֔ח ק֛וּמוּ וְנָק֥וּמָה עָלֶ֖יהָ לַמִּלְחָמָֽה׃
BernfeldEine Weissagung Owadjahs: So spricht Gott, der Herr, über Edom: Eine Kunde haben wir vom Herrn vernommen und ein Bote ist unter die Völker gesandt: Auf! daß wir es mit Krieg überziehen.
ZunzGesicht Obadjah's: So spricht Gott der Herr über Edom: Eine Kunde haben wir vernommen vom Ewigen und ein Bote ist unter die Völker gesandt: Auf, daß wir uns über sie hermachen, zum Kriege.
J. J. HirschGesicht Obadja's. So hat mein Herr, der seine Gnade in Rechtswaltung offenbarende Gott, in Bezug auf Edom gesprochen: Eine Kunde haben wir vernommen von Gott und eine Botschaft ist unter die Völker gesandt: Auf! Laßt uns über sie zum Kampfe uns erheben!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 1. שְׁמוּעָה שָׁמַעְנוּ מֵאֵת ה' וגו'. Aus dem Ansturm der Völker, die schließlich den Zusammenbruch des gewaltigen Reiches herbeiführen, tönt laut die Stimme des Gottesverhängnisses.

VV. 2—4 zeichnen den siegestrunkenen, machtvergötternden Übermut des aus kleinen Anfängen emporgewachsenen Edom.

2
הִנֵּ֥ה קָטֹ֛ן נְתַתִּ֖יךָ בַּגּוֹיִ֑ם בָּז֥וּי אַתָּ֖ה מְאֹֽד׃
BernfeldDenn klein habe ich dich unter den Völkern gemacht, sehr verachtet bist du.
ZunzSiehe, klein habe ich dich hingestellt unter den Völkern, sehr gering geachtet seiest du.
J. J. HirschSiehe, klein hatte ich dich dahingegeben unter die Völker, ja verachtet warst du sehr.
3
זְד֤וֹן לִבְּךָ֙ הִשִּׁיאֶ֔ךָ שֹׁכְנִ֥י בְחַגְוֵי־סֶ֖לַע מְר֣וֹם שִׁבְתּ֑וֹ אֹמֵ֣ר בְּלִבּ֔וֹ מִ֥י יוֹרִדֵ֖נִי אָֽרֶץ׃
BernfeldAber dein trotziger Sinn hat dich verleitet. [Edom] weilt auf hohen Bergfelsen, in der Höhe seines Sitzes, deshalb dachte es: Wer könnte mich zur Erde herabstürzen?
ZunzDer Trotz deines Herzens hat dich berückt, der du Felsenhöhen bewohnest, auf seinem hohen Wohnsitze; er spricht in seinem Herzen: Wer will mich zur Erde herabstürzen!
J. J. HirschDer heiße Trieb deines Herzens hat dich immer weiter gelockt, der du nun auf Felsklippen thronest, deinen Sitz in der Höhe hast, der in seinem Herzen spricht: Wer stürzte mich zur Erde?
4
אִם־תַּגְבִּ֣יהַּ כַּנֶּ֔שֶׁר וְאִם־בֵּ֥ין כּֽוֹכָבִ֖ים שִׂ֣ים קִנֶּ֑ךָ מִשָּׁ֥ם אוֹרִֽידְךָ֖ נְאֻם־יְהֹוָֽה׃
BernfeldMagst du hoch wie der Adler steigen und zwischen Sterne dein Nest anbringen, von da stürze ich dich herab, spricht der Herr.
ZunzOb du hoch steigest dem Adler gleich, und ob zwischen Sterne gesetzt ist dein Nest, von da stürze ich dich herab, ist der Spruch des Ewigen.
J. J. HirschUnd wenn du wie Adler hoch bautest, ja unter den Sternen befestigtest deinen Horst: von dort stürze Ich dich hinab, spricht Gott.
5
אִם־גַּנָּבִ֤ים בָּאֽוּ־לְךָ֙ אִם־שׁ֣וֹדְדֵי לַ֔יְלָה אֵ֣יךְ נִדְמֵ֔יתָה הֲל֥וֹא יִגְנְב֖וּ דַּיָּ֑ם אִם־בֹּֽצְרִים֙ בָּ֣אוּ לָ֔ךְ הֲל֖וֹא יַשְׁאִ֥ירוּ עֹלֵלֽוֹת׃
BernfeldWie bist du zu Grunde gerichtet worden! Sind Diebe zu dir gekommen, nächtliche Einbrecher — sie hätten ja nur so viel gestohlen, als sie davontragen können! Sind Winzer über dich gekommen, ließen sie keine Nachlese?
ZunzWie, sind Diebe über dich gekommen, oder nächtliche Räuber? Wie bist du doch ausgeräumt! Stehlen sie nicht, bis sie genug haben? Sind Winzer über dich gekommen, lassen sie nicht Nachlese übrig?
J. J. HirschWenn Diebe über dich gekommen wären, wenn Räuber der Nacht, wie wärest du zum Verstummen gebracht! Und sie würden doch nur stehlen, bis sie genug hätten! Wären Winzer über dich gekommen, würden die nicht Nachlesen übrig lassen?
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 5. Der Prophet schaut das an Esau sich vollziehende Geschick. Wäre es ein bloßer Wechsel des Kriegsglückes, der auch dir einmal das Schicksal bereitete, das du so oft andern gebracht, wärest auch du einmal der Raubgier der Sieger preisgegeben —: auch die habgierigsten Räuber nehmen nicht alles, auch die Winzer lassen die noch unreifen Beeren zurück. Möglich, daß die Nüance der Steigerung darin liegt, daß unter den Dieben und Räubern jene Feinde gezeichnet werden, die unprovoziert, nur der Eroberungs- und Beutesucht folgend dich überfallen, während unter den Winzern jene begriffen sind, die durch Angriff oder sonstige Unbill gereizt mit einem mehr oder minder großen Scheine von Recht angreifen und siegen. Die einen wie die andern würden nicht alles zerstören, der Besiegte hätte eine Zukunft. Ein solches Geschick ist aber nicht dasjenige des hier gezeichneten Esau-Reiches.

6
אֵ֚יךְ נֶחְפְּשׂ֣וּ עֵשָׂ֔ו נִבְע֖וּ מַצְפֻּנָֽיו׃
BernfeldWie wurden Esaus Schätze entdeckt und erforscht!
ZunzWie ist Esav entblößt worden, erforscht seine Schätze!
J. J. HirschWie ward bei Esau alles durchsucht, wurden an die Sichtbarkeit gebracht seine verborgensten Schätze!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 6. נֶחְפְּשׂוּ, der Plural des Prädikates neben dem Singular des Subjectes läßt das letztere in allen seinen Beziehungen begreifen. Wie wird Esau in allen Richtungen durchsucht, in allen Tiefen durchwühlt! נִבְעוּ, von בָּעָה, aus dem Innern hinaus bringen, so vom Feuer, das Wasser aufkochen läßt (Jes. 64, 1), auch aus dem Innern hinausstreben, daher: wollen (Jes. 21, 12); dann hier: wie werden erstrebt, aufgesucht.

7
עַֽד־הַגְּב֣וּל שִׁלְּח֗וּךָ כֹּ֚ל אַנְשֵׁ֣י בְרִיתֶ֔ךָ הִשִּׁיא֛וּךָ יָכְל֥וּ לְךָ֖ אַנְשֵׁ֣י שְׁלֹמֶ֑ךָ לַחְמְךָ֗ יָשִׂ֤ימוּ מָזוֹר֙ תַּחְתֶּ֔יךָ אֵ֥ין תְּבוּנָ֖ה בּֽוֹ׃
BernfeldBis an die Grenze haben dich geleitet all deine Bundesfreunde; verleitet und dann überwältigt haben dich deine Freunde; deine Söldlinge legten dir Fallen unter. Keine Einsicht war in ihm!
ZunzBis an die Grenze haben dich geleitet all deine Bundesmänner, berückt haben dich, dich übermannt deine Freunde; deine Söldlinge legen dir Fallen unter. Keine Einsicht ist in ihm.
J. J. HirschBis an die Grenze hatten dir das Geleite gegeben deine Bundesgenossen, es haben dich verlockt, bis sie dir beikommen konnten, die Männer deines Friedens: die dein Brot schienen, werden die Heilung bewirken, indem sie an deine Stelle treten, das des Wissens Bare!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 7. Als zwei Gruppen erscheinen die Völker in ihrem Verhältnis zu dem Esau-Edomitischen Weltreiche. Das Prophetenwort zeichnet sie einmal als Bundesgenossen. Es waren dies die an Macht und Cultur ebenbürtigen Völker, welche Esau-Edoms Staatskunst verstanden hatte, zu seinen Bundesgenossen, zu „Männern seines Friedens“ zu machen. Sie blieben ihm auch treu, so lange sein Glück dauerte. Der Glaube an seine Macht, deren Geheimnis hauptsächlich darin bestand, daß es die Kräfte der „Bundesgenossen“ seinen Zwecken dienstbar zu machen wußte, bildete ganz eigentlich den Kern seiner Macht. Daß es glaubte, dieser Unterstützung unter allen Umständen sicher zu sein, das war sein Verderben. — הִשִּׁיאוּךָ, von נָשָׁא, verwandt mit נָשָׁה, einen Anspruch haben, eine unbefriedigte Forderung haben, הִשָּׁה im Hiphil: einen solchen Anspruch geben, in הִשִּׁיא tritt dann noch die Nüance der Nichterfüllung hinzu, eine Leistung trügerisch verheißen. In diesem Sinne hier: die Bundesgenossen, auf deren Hülfe du bautest, haben dich „hinausgelockt“, dich nur bis zur Grenze geleitet; im Vertrauen auf sie hattest du in immer weiteren Entfernungen Unternehmungen gewagt, die dann durch ihr Versagen dir nur Niederlagen bereiten konnten.

Gerade aber zweitens diejenigen Völker, die du als tief unter dir stehend verachtet hattest, לַחְמְךָ, gerade sie sind bestimmt, an deine Stelle zu treten, תַּחְתֶּיךָ. Wenn ein Volk dem andern gegenüber als לֶחֶם bezeichnet wird, so Ps. 14, 4: אֹכְלֵי עַמִּי אָכְלוּ לֶחֶם, ebenso Num. 14, 9: כִּי לַחְמֵנוּ הֵם, so wird es damit als das der Macht des andern völlig preisgegebene bezeichnet. Hier kommt noch als zweites Merkmal hinzu: אֵין תְּבוּנָה בּוֹ, diese Mehrheit von Völkern entbehrt der Cultur. Und gerade diese, von der stolzen Weltmacht verachteten, an geistiger Cultur so tief unter ihr stehenden, rohen, aber auch noch unverdorbenen Naturvölker sind bestimmt: תַּחְתֶּיךָ, an deine Stelle zu treten und dadurch der Welt Heilung zu bringen. Charakteristisch wird dieser Heilungsprozeß durch מָזוֹר bezeichnet. Vergl. Jes. 1, 6 לֹא זֹרוּ, wo es das Ausdrücken der Wunde, die Entfernung der verdorbenen, faulen Säfte bedeutet. Also kein positives Moment der Heilung, sondern nur negativ, die Beseitigung der schädlichen Stoffe. Das mächtige Reich war in einem Grade der Verderbnis verfallen, daß sein Fortbestand die Gesundung für alle seinem Einflusse unterstehenden Völker unmöglich machte. Und wohin reichte sein Einfluß nicht! Seine Zerstörung war deshalb unerläßlich, sie selbst war der erste Schritt zur Besserung. Es war die Beseitigung der Pestbeule an dem Körper der schwerkranken europäischen Menschheit. Wem, der mit rückwärts gewandtem Blicke die Vergangenheit überschaut, tritt nicht im Lichte dieses vorwärts schauenden Prophetenwortes das Bild des weltbeherrschenden Roms entgegen, das in dem wilden Gewoge der Völkerwanderung dem Ansturm der rohen, jedoch unverdorbenen germanischen Völker erliegt!

8
הֲל֛וֹא בַּיּ֥וֹם הַה֖וּא נְאֻם־יְהֹוָ֑ה וְהַאֲבַדְתִּ֤י חֲכָמִים֙ מֵֽאֱד֔וֹם וּתְבוּנָ֖ה מֵהַ֥ר עֵשָֽׂו׃
BernfeldDenn an jenem Tage, spricht der Herr, vernichte ich die Weisen aus Edom und die Einsicht vom Berge Esau.
Zunz(Geschieht es) nicht an selbigem Tage, ist der Spruch des Ewigen, daß ich vernichte die Weisen aus Edom und die Einsicht vom Berge Esav?
J. J. HirschLasse ich doch gerade an jenem Tage, spricht Gott, zu Grunde gehn die Weisen von Edom und die Einsicht vom Berge Esau!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 8. ff. Freilich bringen diese keine Geistescultur mit, aber ich lasse ja gerade die bisherige im Dienste des Esau-Principes und der Edom-Politik mißbrauchte Cultur, die der Menschheit eben deshalb nicht zum Segen, sondern zum Unheil gereichte, zu Schanden werden. Ihre Ohnmacht soll ja gerade erkannt werden. תְּבוּנָה, die Anwendung und Handhabung der in ein System gebrachten בִּינָה. בִּינָה die Erkenntnis des בֵּין, der Beziehungen der Erscheinungen zu einander, ihres gegenseitigen Verhältnisses. Auf die geschichtlichen Verhältnisse angewandt ist sie es, die allein es ermöglicht, Personen und Völker in ihren Bestrebungen geschickt zu benutzen, sie gegen einander auszuspielen und so den eigenen Zwecken dienstbar zu machen. Kurz, es ist die Politik, deren Bankerott in diesem Sturze hier in Frakturschrift in die Blätter der Geschichte verzeichnet wird, der Bankerott einer jeden Politik, der trotz aller auch im unbeschränktesten Umfange zu Gebote stehenden Machtmittel unabwendbar eintritt, wann und wo sie im Gegensatz zu den ewigen Grundlagen aller Menschengesittung sich befindet, also im Gegensatz zur Gerechtigkeit, zur Menschlichkeit und zur Sittlichkeit. Dieser Gegensatz wird nun sofort in dem Verhalten des historischen Edomvolkes zu dem verwandten Jakobvolke in ergreifender Weise in einer Fülle von Einzelzügen gekennzeichnet, nachdem zuvor V. 9 darauf hingewiesen war, wie auch die so lange bewunderte Tapferkeit im entscheidenden Augenblicke nicht Stand hielt. Die Verse 10—15 bilden somit eine förmliche Anklageschrift gegen Edom vor dem Tribunal der Geschichte, und das Edom ereilende Geschick wird als das Urteil des Weltenrichters über die von dem historischen Edom an seinem Bruder Jakob in Haß und Herzenshärte geübte Gewalt und Unmenschlichkeit verkündet.

9
וְחַתּ֥וּ גִבּוֹרֶ֖יךָ תֵּימָ֑ן לְמַ֧עַן יִכָּֽרֶת־אִ֛ישׁ מֵהַ֥ר עֵשָׂ֖ו מִקָּֽטֶל׃
BernfeldDeine Helden werden zagen, Teman, damit jeglicher ausgerottet werde vom Berge Esau, bei der Niedermetzlung.
ZunzUnd es zagen deine Helden, Teman, damit Jeglicher ausgerottet werde vom Berge Esav, von der Würgstätte.
J. J. HirschUnd zittern werden deine Helden, Theman, damit vernichtet werde jeder Mann vom Berge Esau wegen des Mordens.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 9 und 10. מִקֶּטֶל, wegen, ganz ebenso wie das מֵחֲמַס אָחִיךָ יַעֲקֹב den Grund, und nicht das Mittel der Ausführung bezeichnet.

10
מֵחֲמַ֛ס אָחִ֥יךָ יַעֲקֹ֖ב תְּכַסְּךָ֣ בוּשָׁ֑ה וְנִכְרַ֖תָּ לְעוֹלָֽם׃
BernfeldOb der Gewalttat gegen deinen Bruder Jakob wird dich Schande bedecken; du wirst ausgerottet sein für ewig:
ZunzOb der Gewaltthat gegen deinen Bruder Jaakob wird dich Schande bedecken, und du wirst ausgerottet seyn für ewig.
J. J. HirschWegen der an deinem Bruder Jakob verübten Gewalt wird Schmach dich bedecken, und du wirst auf ewig vernichtet.
11
בְּיוֹם֙ עֲמׇֽדְךָ֣ מִנֶּ֔גֶד בְּי֛וֹם שְׁב֥וֹת זָרִ֖ים חֵיל֑וֹ וְנׇכְרִ֞ים בָּ֣אוּ שְׁעָרָ֗ו וְעַל־יְרוּשָׁלַ֙͏ִם֙ יַדּ֣וּ גוֹרָ֔ל גַּם־אַתָּ֖ה כְּאַחַ֥ד מֵהֶֽם׃
BernfeldAm Tage, da du ruhig zusahst, am Tage, da Fremde seinen Erwerb plünderten, als Fremde in seine Tore drangen und um Jerusalem das Loos warfen, da warst auch du wie einer von jenen.
ZunzAm Tage, da du dabei standest, am Tage, da Fremde sein Heer gefangen wegführten, und Ausländer in seine Thore drangen, und um Jeruschalajim das Loos warfen, da warst auch du wie einer von ihnen.
J. J. HirschAm Tage, da du gegenüber standest, am Tage, da Fremde sein Heer gefangen wegführten, und da Fremde in seine Thore eindrangen und über Jerusalem das Los warfen, da warst auch du wie der erste von ihnen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 11. עֲמָדְךָ, du standest ruhig dabei, weit davon entfernt dem dir verwandten Volke zu helfen. Da aber die Feinde eindrangen in die Stadt, warst du wie der erste, wildeste, raubgierigste der Feinde. Das liegt in dem stat. constr. אֶחַד, nicht אֶחָד, der ohne Beifügung eines Genitivs stets eine Steigerung des Umfangs oder der Intensität bezeichnet.

12
וְאַל־תֵּ֤רֶא בְיוֹם־אָחִ֙יךָ֙ בְּי֣וֹם נׇכְר֔וֹ וְאַל־תִּשְׂמַ֥ח לִבְנֵֽי־יְהוּדָ֖ה בְּי֣וֹם אׇבְדָ֑ם וְאַל־תַּגְדֵּ֥ל פִּ֖יךָ בְּי֥וֹם צָרָֽה׃
BernfeldDu hättest nicht ruhig mit ansehen sollen an dem Tage deines Bruders, am Tage seines Elends, und dich nicht freuen über die Söhne Jehuda am Tage ihres Untergangs, und nicht hochmütige Reden führen am Tage der Not.
ZunzAber du sollst dich nicht (wieder) weiden an dem Tage deines Bruders, am Tage seines Elends, und dich nicht freuen über die Söhne Jehudah am Tage ihres Untergangs, und nicht großthun mit deinem Munde am Tage der Drangsal.
J. J. HirschUnd du solltest doch nicht hinblicken auf den Geschickestag deines Bruders, auf den Tag seines Unglücks, du solltest dich nicht freuen über die Söhne Judas am Tage ihres Unterganges, und du solltest nicht triumphieren am Tage der Not!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 12. Das ראה ב' ist hier das teuflische Behagen an dem Leide des anderen

13
אַל־תָּב֤וֹא בְשַֽׁעַר־עַמִּי֙ בְּי֣וֹם אֵידָ֔ם אַל־תֵּ֧רֶא גַם־אַתָּ֛ה בְּרָעָת֖וֹ בְּי֣וֹם אֵיד֑וֹ וְאַל־תִּשְׁלַ֥חְנָה בְחֵיל֖וֹ בְּי֥וֹם אֵידֽוֹ׃
BernfeldDu hättest nicht dringen sollen in das Tor meines Volkes am Tage seines Sturzes, nicht ruhig mit ansehen sein Unglück am Tage seines Sturzes und nicht Hand legen an sein Gut am Tage seines Sturzes.
ZunzDu sollst nicht dringen in das Thor meines Volkes am Tage ihres Sturzes, nicht sollst auch du dich weiden an seinem Unglück am Tage seines Sturzes, und nicht Hand legen an sein Heer am Tage seines Sturzes.
J. J. HirschDu solltest nicht eindringen in das Thor meines Volkes am Tage ihres Schmerzes, du, du solltest nicht auch dich weiden an seinem Unglücke, am Tage seines Schmerzes, ihr solltet nicht Hand legen an sein Gut am Tage seines Schmerzes!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 13. חֵיל. חֵילוֹ: Heer, materielle, sittliche und geistige Kraft, Vermögen. Da im V. 11 schon von der Gefangennahme des Heeres gesprochen war, so ist hier unter חֵילוֹ wohl der Besitz zu verstehen. — Die weibliche Form תִּשְׁלַחְנָה bezeichnet das gewaltthätige Edom, das in Wonne schwelgt über den Jammer seines Bruders, als das doch in Wahrheit schwache.

14
וְאַֽל־תַּעֲמֹד֙ עַל־הַפֶּ֔רֶק לְהַכְרִ֖ית אֶת־פְּלִיטָ֑יו וְאַל־תַּסְגֵּ֥ר שְׂרִידָ֖יו בְּי֥וֹם צָרָֽה׃
BernfeldDu durftest nicht an der Wegescheide halten, seine Flüchtlinge niederzumachen, und nicht ausliefern seine Uebriggebliebenen am Tage der Not.
ZunzUnd du sollst nicht (wieder) an der Wegescheide halten, niederzuhauen seine Flüchtlinge, und nicht ausliefern seine Uebriggebliebenen am Tage des Drangsals.
J. J. HirschUnd du solltest nicht Wache stehn an der Wegscheide um seine Flüchtlinge zu vertilgen, und du solltest seine Entronnenen nicht ausliefern am Tage der Not!
15
כִּֽי־קָר֥וֹב יוֹם־יְהֹוָ֖ה עַל־כׇּל־הַגּוֹיִ֑ם כַּאֲשֶׁ֤ר עָשִׂ֙יתָ֙ יֵעָ֣שֶׂה לָּ֔ךְ גְּמֻלְךָ֖ יָשׁ֥וּב בְּרֹאשֶֽׁךָ׃
BernfeldDenn nah ist der Tag des Herrn über alle Völker, so wie du gethan, wird dir gethan, dein Werk kehrt zurück auf dein Haupt.
ZunzDenn nah ist der Tag des Ewigen über alle Völker, so wie du gethan, wird dir gethan, dein Werk kehrt zurück auf dein Haupt.
J. J. HirschDenn nahe ist der Tag Gottes über alle Völker! Wie du gethan, wird dir gethan werden, deine Vergeltung kommt auf dein eigenes Haupt zurück.
16
כִּ֗י כַּֽאֲשֶׁ֤ר שְׁתִיתֶם֙ עַל־הַ֣ר קׇדְשִׁ֔י יִשְׁתּ֥וּ כׇֽל־הַגּוֹיִ֖ם תָּמִ֑יד וְשָׁת֣וּ וְלָע֔וּ וְהָי֖וּ כְּל֥וֹא הָיֽוּ׃
BernfeldDenn so wie ihr getrunken habt auf meinem heiligen Berge, werden alle Völker immer trinken; sie werden trinken und taumeln und werden, als ob sie niemals gewesen wären.
ZunzDenn so wie ihr getrunken habt auf meinem heiligen Berge, werden alle Völker beständig trinken; und werden trinken und taumeln und seyn wie Niegewesene.
J. J. HirschDenn sowie ihr [den Geschickeskelch] getrunken habt auf meinem heiligen Berge, so werden ihn alle Völker beständig trinken — und sie trinken und schlucken und werden als wären sie nimmer gewesen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 16. כִּי כַּאֲשֶׁר שְׁתִיתֶם עַל הַר קָדְשִׁי: die Völker trinken den Geschickeskelch auf oder an Gottes heiligem Berge, ihr Geschick gestaltet sich nach ihrem Verhalten zu dem hier thronenden Gesetze. Die in diesem Gesetze enthaltenen, für die ganze Menschheit gültigen ewigen Normen des Rechtes, der Menschlichkeit und der Gesittung bilden den Maßstab, an dem die Daseinsberechtigung aller weltgeschichtlichen Gebilde gemessen wird. Was sich zu ihnen in Gegensatz stellt, geschweige denn was gerade auf ihrer Verleugnung sich erbaut, geht trotz aller zeitweiligen Macht zu Grunde. Der Untergang aller Weltreiche und die äußeren ihn herbeiführenden geschichtlichen Ursachen sind nichts als die Folge dieser inneren Verderbnis, dieses Gegensatzes zu jenen ewigen Normen. Eine Darlegung dieser Verhältnisse eröffnete in Wahrheit einen Einblick in den wirklichen Pragmatismus, d. i. in den ursächlichen Zusammenhang, in den Kernpunkt der weltgeschichtlichen Katastrophen. Das gilt von der Vergangenheit, das gilt nach den Worten unseres Propheten von aller Zukunft. — Da von den Völkern wie von den Einzelnen das Recht und die Menschlichkeit am leichtesten gegen die Schwächeren verletzt wird; in dem den politisch und wirtschaftlich Schwachen gegenüber bewiesenen Verhalten sich deshalb der Grad der Rechtsachtung und der Pflege der Humanität am unmittelbarsten ausspricht: so bildet das Verhalten der Völker und Staaten zu den in ihrer Mitte weilenden zerstreuten Söhnen des Jakobshauses, den Trägern des auf dem „heiligen Berge“ thronenden Gesetzes, zugleich den Gradmesser ihrer eigenen Gesittung.

17
וּבְהַ֥ר צִיּ֛וֹן תִּהְיֶ֥ה פְלֵיטָ֖ה וְהָ֣יָה קֹ֑דֶשׁ וְיָֽרְשׁוּ֙ בֵּ֣ית יַֽעֲקֹ֔ב אֵ֖ת מוֹרָֽשֵׁיהֶֽם׃
BernfeldAber auf dem Berge Zijon wird eine Zufluchtsstätte, er wird heilig sein, und das Haus Jakob wird sein Erbe in Besitz nehmen.
ZunzAber auf dem Berge Zijon ist Zufluchtstätte, denn er ist heilig; und das Haus Jaakob wird einnehmen sein Erbe.
J. J. HirschAuf dem Berge Zion aber wird Rettung sein, und er wird zum Heiligtum, und als Jakobs Haus treten sie in den Besitz ihrer Besitztümer.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 17. וּבְהַר צִיּוֹן תִּהְיֶה פְלֵיטָה: nur was sich auf Anerkennung und Verwirklichung jener ewigen Normen erbaut, hat eine Zukunft. — So wird Zion zum קֹדֶשׁ, d. h. zum Ausgangspunkt und Quell der Lebensheiligung. — מוֹרשׁ von מוֹרָשֵׁיהֶם masc., wie לְמוֹרַשׁ קִפֹּד Jes. 14, 23.

18
וְהָיָה֩ בֵית־יַעֲקֹ֨ב אֵ֜שׁ וּבֵ֧ית יוֹסֵ֣ף לֶהָבָ֗ה וּבֵ֤ית עֵשָׂו֙ לְקַ֔שׁ וְדָלְק֥וּ בָהֶ֖ם וַאֲכָל֑וּם וְלֹֽא־יִֽהְיֶ֤ה שָׂרִיד֙ לְבֵ֣ית עֵשָׂ֔ו כִּ֥י יְהֹוָ֖ה דִּבֵּֽר׃
BernfeldDas Haus Jakob wird wie Feuer und das Haus Josef eine Flamme, aber das Haus Esau zu Stoppeln, und jene zünden sie an und verzehren sie, und es bleibt keiner übrig dem Hause Esau, denn der Herr hat es verheißen.
ZunzUnd das Haus Jaakob wird ein Feuer, und das Haus Josef eine Flamme, und das Haus Esav zu Stoppeln, und jene zünden sie an und verzehren sie, und es bleibt Keiner übrig dem Hause Esav, denn der Ewige hat es geredet.
J. J. HirschDas Haus Jakob wird zum Feuer und das Haus Joseph zur Flamme und das Haus Esau zu Stroh, die flammen auf unter ihnen und sie verzehren sie, und kein Überrest bleibt dem Hause Esau: denn Gott hat es ausgesprochen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 18. Wenn erst in den Geistern und Gemütern der Menschen die Rechtsheiligung zum siegreichen Durchbruch gekommen ist, so verschwinden widerstandslos alle Prachtbauten und Machtstätten der Esau-Herrlichkeit von der Erde. Ein mächtiger Faktor zur Herbeiführung dieses Sieges der göttlichen Wahrheit ist aber das schwache Jakobshaus. Das von ihm getragene Licht wird für das Esau-Haus zum verzehrenden Feuer, das starke Esau wird dem schwachen Jakob gegenüber zu Stoppeln. — Eigentümlich ist, daß neben dem bereits alles umfassenden „Jakobshause“ noch besonders das „Haus Joseph“ genannt wird, das ja von jenem nur einen Teil bildet. Jenes wird als das Feuer, dieses als die von dem Feuer ausgehende Flamme bezeichnet. Das Haus Joseph bezeichnet fast immer den dem Gottesgesetze entfremdeten Teil des jüdischen Volkes, dessen Streben dahin ging, in die anderen Völker aufzugehn. Ist nun hier gesagt, daß auch in den anscheinend dem Judentume entfremdeten, unter die anderen Völkerfamilien gemischten Sprossen des Jakobshauses soviel von dem im Jakobshause gehegten „Gesetzesfeuer“ als Geist des Rechtes und der Liebe lebendig sein werde, daß sie sich inmitten der Esau-Gebilde schließlich als „Flamme“ erweisen werden? — Jedenfalls ist hier ausgesprochen, daß das edomitische Staatsprincip vollständig von dem Judentum und seinen Sprößlingen überwunden werden wird.

19
וְיָרְשׁ֨וּ הַנֶּ֜גֶב אֶת־הַ֣ר עֵשָׂ֗ו וְהַשְּׁפֵלָה֙ אֶת־פְּלִשְׁתִּ֔ים וְיָרְשׁוּ֙ אֶת־שְׂדֵ֣ה אֶפְרַ֔יִם וְאֵ֖ת שְׂדֵ֣ה שֹׁמְר֑וֹן וּבִנְיָמִ֖ן אֶת־הַגִּלְעָֽד׃
BernfeldIm Süden werden sie in Besitz nehmen den Berg Esau, und die in der Niederung Philistäa; auch das Gefilde Efraim und das Gefilde Schomron und Benjamin mitsamt dem Gilead werden sie in Besitz nehmen.
ZunzUnd es nehmen ein die im Süden den Berg Esav, und die in der Niederung die Pelischtim, und nehmen ein das Gefilde Efrajim und das Gefilde Schomron, und Binjamin das Gilead.
J. J. HirschDer Süden nimmt den Berg Esau in Besitz und die Niederung die Philister, in Besitz nehmen sie das Gefilde Ephrajim und das Gefilde Schomron, und Benjamin [nimmt] Gilead [in Besitz].
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 19. הַנֶּגֶב: die Männer des Südens, der Süden von Palästina, also das damalige Juda, wird sich nach Osten ausdehnen, wird also Edom, und die Niederung im Westen auch das Land der Philister mit dem jüdischen Lande vereinigen, und ebenso wird der zu des Propheten Zeiten bereits verlorene nördliche Teil wieder in jüdischen Besitz kommen, und Benjamin wird Gilead besitzen. Die volle Aufhellung dieser Angaben wird wohl erst das Ziel der Tage bringen.

20
וְגָלֻ֣ת הַֽחֵל־הַ֠זֶּ֠ה לִבְנֵ֨י יִשְׂרָאֵ֤ל אֲשֶֽׁר־כְּנַעֲנִים֙ עַד־צָ֣רְפַ֔ת וְגָלֻ֥ת יְרוּשָׁלַ֖͏ִם אֲשֶׁ֣ר בִּסְפָרַ֑ד יִֽרְשׁ֕וּ אֵ֖ת עָרֵ֥י הַנֶּֽגֶב׃
BernfeldUnd die Verbannten dieses Heeres von den Kindern Israel, die unter den Kanaanitern bis Zarfat, und die Verbannten Jerusalems, die in Sefarad [wohnen], sollen die Stätte des Südens in Besitz nehmen.
ZunzUnd die Weggeführten dieses Heeres von den Kindern Jisraël, die (unter den) Kenaanim bis Zarfat, und die Weggeführten Jeruschalajim's, die in Sesarad (wohnen), sollen die Städte des Südens einnehmen.
J. J. HirschUnd die Verbannten dieses zu Jisraels Söhnen gewordenen Heeres, welche als Kenaaniter bis nach Zarphath [wohnen], und die Exilierten Jeruschalajims, die in Sepharad sind, werden die Städte des Südens in Besitz nehmen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 20. חֵיל. וְגָלֻת הַחֵל הַזֶּה stat. constr. ohne das dazu gehörige Bestimmungswort im Genitiv. Ferner in höchst auffälliger Weise mit dem bestimmten Artikel und dem pron. demonstr. verbunden. Das setzt voraus, daß die durch den stat constr. dem Worte gegebene Beziehung dem bezeichneten Begriffe ein neues Merkmal gegeben hat, mit dem es als ein selbständiger einheitlicher Begriff gefaßt wird und deshalb den Artikel haben kann. Unter den verschiedenen Bedeutungen von חֵיל kann hier nur Heer gemeint sein, da es in Verbindung mit גָּלֻת, den aus der Heimat in die Verbannung Geführten, genannt wird. Der Prophet schaut also ein sichtbares Heer, das sich sofort als unselbständig, als im Dienste eines Heerführers stehend darstellt, der jedoch nicht bezeichnet, nicht geschaut wird. Dieses „sichtbare Heer des unsichtbaren Heerführers“ ist das herrlichste Bild für das seiner Bestimmung entgegenreifende Israel. Dieses „Heer“ wird in der Verbannung, im Exil sein. Es wird aber in Wahrheit לִבְנֵי יִשְׂרָאֵל, zu Söhnen Israels geworden sein. אֲשֶׁר כְּנַעֲנִים עַד צָרְפַת: die auch in der Verbannung ihre Herkunft nicht verleugnen, und an deren Herkunft aus Palästina von ihrer Umgebung nicht vergessen wird. כְּנַעֲנִי heißt auch Handelsmann, Krämer, vergl. Sech. 14, 21. Die wissenschaftliche Bestimmung der Namen צָרְפַת und סְפָרַד ist dunkel. Die Versuche, sie in ähnlich lautenden Städtenamen wiederzufinden, gehen weit auseinander und leiden an innerer Unwahrscheinlichkeit. Nach alter Überlieferung werden unter ihnen Frankreich und Spanien verstanden. Diese „werden die Städte des Südens in Besitz nehmen“. — Also: „die in die Verbannung Geführten dieses sichtbaren Heeres des unsichtbaren Heerführers, die den Söhnen Israels angehören, oder besser: die zu Söhnen Israels geworden sind, die als palästinensische Handelsleute wohnen bis nach Zarphath, und die in die Verbannung Geführten Jerusalems, welche in Sepharad, sie werden die Städte des Südens in Besitz nehmen“.

Haftarah Jom Kippur, Minchah Vorangestellt: Italiener lesen ab hier.
21
וְעָל֤וּ מֽוֹשִׁעִים֙ בְּהַ֣ר צִיּ֔וֹן לִשְׁפֹּ֖ט אֶת־הַ֣ר עֵשָׂ֑ו וְהָיְתָ֥ה לַֽיהֹוָ֖ה הַמְּלוּכָֽה׃
BernfeldEs kommen die Sieger auf den Berg Zijon, zu richten den Berg Esau, und des Herrn wird sein das Reich.
ZunzUnd es ziehen hinauf die Sieger auf den Berg Zijon, zu richten den Berg Esav, und des Ewigen wird seyn das Königthum.
J. J. HirschUnd sie werden als die Hülfe Bringenden hinaufziehn auf den Berg Zion, um das Recht herzustellen auf dem Berge Esau, und Gottes wird die Herrschaft.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 21. וְעָלוּ מוֹשִׁעִים וגו'. Von dem geographisch umgrenzten geschichtlichen Edomsgebiete erhebt sich der Prophetenblick wieder zu dem weltbeherrschenden Esau-Edom-Principe und der Höhe, die es bisher eingenommen. Diese wird dem „Berge Zion“ gegenüber als „Berg Esau“ bezeichnet. Und nun heißt es: diese überall als „nicht hieher gehörig“ betrachteten „Palästinenser“, diese „Handelsleute“, diese vermeintlichen „Schacherjuden“ — sie werden nicht als נוֹשָׁעִים, die Erlösten, sondern als מוֹשִׁיעִים, Hiphil, als die „Erlösung, Hülfe Bringenden“ auf den „Berg Zion“ hinaufziehen, d. i.: zur Zionshöhe ihrer Bestimmung sich erheben, um auf dem „Berge Esau“, d. i.: im Kreise der Brudermenschheit das Recht zur Herrschaft zu bringen, denn das heißt שָׁפַט. Dann wird aber nicht etwa ihnen, den Juden, sondern dann wird Gottes die Herrschaft sein. Der Tag ist angebrochen, Esau sieht ein, daß er Jakob in der langen Nacht verkannt hat, daß er nicht gewußt, wen er bekämpfe, er erkennt nunmehr in ihm „Jisra-El“ — der Kampf ist zu Ende zwischen den Brüdern, es gibt nur eine Höhe auf Erden, das ist die Zionshöhe, und es gibt nur ein Reich, das ist das Gottesreich. —

Haftarah Wajischlach Aschkenasim, Sefardim, Jemeniten, Italiener, Romanioten und Karäer enden hier.
Haftarah Jom Kippur, Minchah Ende des vorangestellten Teils (Italiener); weiter bei der Haftarah.