Jeschajahu 1 ישעיהו

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Haftarot in diesem Kapitel: Bechukotaj · Dewarim · Masej
Haftarah Masej einige jemenitische Gemeinden beginnen hier.
Haftarah Dewarim Aschkenasim, Sefardim, Jemeniten, Italiener, Romanioten und Karäer beginnen hier.Jemeniten: abweichend: Jeschajahu 1,21–31
1
חֲזוֹן֙ יְשַֽׁעְיָ֣הוּ בֶן־אָמ֔וֹץ אֲשֶׁ֣ר חָזָ֔ה עַל־יְהוּדָ֖ה וִירֽוּשָׁלָ֑͏ִם בִּימֵ֨י עֻזִּיָּ֧הוּ יוֹתָ֛ם אָחָ֥ז יְחִזְקִיָּ֖הוּ מַלְכֵ֥י יְהוּדָֽה׃
BernfeldDie prophetischen Reden des Jesaja, Sohn Amoz, der prophezeit hat über Jehuda und Jerusalem während der Regierungszeit des Usija, Jotam, Achaz und Hiskija, der Könige von Jehuda.
ZunzOffenbarung des Jeschajahu, Sohnes Amoz, die er geschauet über Jehudah und Jeruschalajim in den Tagen des Usijahu, Jotam, Achas, Jechiskijahu, der Könige von Jehudah.
J. J. HirschOffenbarung Jeschajahus, des Sohnes Amoz', dem über Juda und Jerusalem Offenbarung ward in den Tagen von Usijahu, Jotham, Achas, Jechiskijahu, der Könige von Juda.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

Kap. 1. V. 1. Ungemein Lehrreiches ergibt eine sorgfältige Vergleichung des Inhalts dieses ersten Kapitels mit dem des letzten. Sie gehören zusammen wie Anfang und Ende, wie Disposition und Zusammenfassung des Endergebnisses. Was unser Kapitel in der konkreten Erscheinung der zeitgenössischen Gegenwart Israels ausspricht, das verkündet das Schlußkapitel dieses Buches für die Entwicklung aller Zeiten bis zum Endresultate der Weltgeschichte, bis zum letzten Ziele der göttlichen Waltung: für die Erkenntnis Gottes und die Huldigung seines Willens die Gesamtmenschheit zu gewinnen. S. darüber das zu Kap. 66, 1 näher Erläuterte.

Mit diesem ersten sind die folgenden vier Kapitel aufs innigste verbunden. Sie schildern die Zustände und Verhältnisse, wie sie sich während der Regierungszeit der genannten Könige in Staat und Volk gestaltet hatten. Nur kurz unterbrochen wird diese Schilderung im zweiten Kapitel. Dort wird ihr, um die Trübung dieser Zustände besser beurteilen und verurteilen zu lassen, das herrliche Endziel, auf welches hinzuwirken das jüdische Volk berufen ist, in hellstem Lichte leuchtend gegenüber gestellt.

Dem sechsten Kapitel, welches uns von der Berufung und Weihe Jesaias zum Propheten Kunde gibt, dürften sie wohl nur deshalb vorangehen, um uns über die Ursachen aufzuklären, welche die Sendung und das mahnende Wort des Propheten erheischten. Denn diese lagen nicht klar zu Tage. Mußte doch, so meinten gewiß die damaligen Zeitgenossen und sicherlich sogar die besseren, das Niveau der religiösen und bürgerlichen Zustände allen „berechtigten" Anforderungen völlig genügen. Der Tempel stand ja noch auf Morias Höhe und auf dem Altare loderte das bei seiner Einweihung vom Himmel gesandte Feuer. Es gebrach auch nicht an Opfern und Spenden, Priester und Leviten versahen den Dienst; der Neujahrs- und der Versöhnungstag nicht allein, auch die anderen Festzeiten, der Neumond und der Sabbat füllten das Gotteshaus mit Betern. Noch saßen auf dem Throne Davids seine Enkel, es gab Fürsten und Heerführer, Richter und Beamte jeder erdenklichen Rangordnung, auch Gesetze und Vorschriften, die dem Volke als Norm gelten und nach welchen die Richter rechtsprechen sollten. Äußerlich somit alles gut und schön und das Auge der Menschen befriedigend — nicht aber Gottes!

Vor ihm lag das Tun und Treiben der Zeit, der äußeren glänzenden Hülle entkleidet, in trauriger Wirklichkeit da. Schein war alles und Tünche, äußere Legalität nur die Schminke innerer Verrohung und Sittenlosigkeit. Die im Tempel empfangenen Lehren wurden im Leben draußen nicht betätigt; vergessen waren die Gelübde der Gesetzestreue und Seelenreinheit, welche man im Opfer Gott dargebracht hatte, sobald die Schwelle des Heiligtums überschritten war. Es fehlte eben die Verbindung zwischen Tempel und Haus.

Das Bewußtsein der hohen Aufgabe, mit welcher Gott die gesamte jüdische Nation betraut hatte, sein Herold an die Allmenschheit zu werden, eine Mission, für deren Gelingen jeder Einzelne mitzuwirken hat, es war längst Staat und Volk abhanden gekommen, wenn es überhaupt dem damaligen Geschlechte je klar gewesen war. Zerfallen war es mit seiner Bestimmung, und, was das Schlimmste, es hatte von diesem Zwiespalt keine Ahnung. Da galt es die Binde von den Augen der Zeitgenossen zu ziehen, sie erkennen zu lassen, wie sie sich mehr und mehr von Gott entfernen, ihrer Aufgabe und darum auch des göttlichen Schutzes immer weniger wert würden. Das war zunächst die Ursache von Jesaias Berufung.

Dafür erschloß Gott sein Auge, machte ihn zum חזה, er sollte mit von Gott geöffnetem Auge sich die einzig richtige Anschauung von dem „jüdischen" Leben in Juda und Jerusalem bilden und dieser Anschauung in Worten an die Nation Ausdruck verleihen. Wir begreifen, daß unsere Weisen in בראשית רבא von den zehn Bezeichnungen, die wir in der heiligen Schrift für Prophetie finden, חזון als die folgenschwerste auffassen: Das von Gott erleuchtete Auge des Sehers erschaut in dem gesund und robust scheinenden Volkskörper die Symptome todbringenden Verfalls, dessen Verhütung nur durch bittere Medikamente und schmerzhaften Eingriff zu erhoffen ist.

חזון von חזה, lautverwandt mit חצה, welches unter Anwendung von Gewalt in das Innere einer Sache eindringen, daher auch in der Mitte teilen bedeutet, bezeichnet im תנ"ך mehr ein geistiges Schauen — חזה heißt Brust —, ein Eindringen in das dem sinnlichen Auge nicht erkennbare Wesen, den inneren Kern der Erscheinungen, ein mit Denken und Erwägen verknüpftes Sehen. — Näheres darüber Komm. zu 1. B. M. 15, 1. — Sodann ist חזה die von Gott verliehene Gabe, in den gegenwärtig bereits vorhandenen, aber dem gewöhnlichen Auge sich entziehenden Ursachen die in Zukunft eintretenden Wirkungen zu schauen. Der Ursachen für den später erfolgten Untergang des jüdischen Staates waren bereits jetzt übergenug vorhanden, und es war wiederum Jesaias Aufgabe, das Volk und seine Häupter die Katastrophe schauen zu lassen, vor welcher allein völlige Rückkehr zu Gott sie bewahren könne.

Und endlich sollte sein חזון sie über den Abgrund hinübergeleiten, welcher den Staat wirklich begrub, und sie vor Verzweiflung bewahren, sollte sie für die Beherzigung der Lehren erziehen, die eben dieses nationale Unglück ihnen zu bringen hatte.

Er war berufen, sie mit dem Geiste der Treue gegen Gott zu erfüllen für alle kommenden Zeiten und ihnen die leuchtende Höhe des alsdann für ewig errungenen jüdischen Heils zu zeigen, zu welcher hinan sie dieser Gehorsam geleiten werde.

Dieses alles liegt in dem Worte חזון. Ein alles umfassender Ausdruck dafür in der deutschen Sprache ist uns nicht bekannt, doch scheint uns „Offenbarung" der weitgehendste zu sein. — אשר bezieht sich auf ישעיהו, nicht auf חזון. על יהודה וירושלם Juda, die Nation, Jerusalem, die Residenz, der Mittelpunkt, von dem aus der leitende, bestimmende Einfluß auf das Volk geübt wird.

2
שִׁמְע֤וּ שָׁמַ֙יִם֙ וְהַאֲזִ֣ינִי אֶ֔רֶץ כִּ֥י יְהֹוָ֖ה דִּבֵּ֑ר בָּנִים֙ גִּדַּ֣לְתִּי וְרוֹמַ֔מְתִּי וְהֵ֖ם פָּ֥שְׁעוּ בִֽי׃
BernfeldHöre, o Himmel, und vernimm, Erde, was der Herr geredet: Kinder habe ich großgezogen und aufwachsen lassen, aber sie sind abgefallen von mir.
ZunzHöret, ihr Himmel, und horch' auf, Erde, denn der Ewige redet: Kinder habe ich groß gezogen und aufwachsen lassen, aber sie sind mir abtrünnig geworden.
J. J. HirschHöret, Himmel, und neige dein Ohr hin, Erde, denn Gott hat gesprochen: „Kinder habe ich erzogen und hoch gestellt, und sie, sie haben sich gegen mich empört.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 2. שמעו וגו'. ואעידה בם את השמים ואת הארץ „Ich will den Himmel und die Erde zu Zeugen wider sie bestellen" hatte Moses 5. B. M. 31, 28 angekündigt und daraufhin 32, 1 mit den Worten האזינו השמים ואדברה ותשמע הארץ diese zu Zeugen und Garanten für die Übernahme und Verwirklichung des Gotteswortes durch das jüdische Volk ernannt. Denn es obliegt nach jüdischem Rechte den Zeugen nicht nur die Bekundung der Tatsache, sondern sie haben zugleich, wenn die bekundete Tatsache ein Verbrechen ist, die Ersten in der Vollstreckung des Urteils zu sein: יד העדים תהיה בו בראשנה וגו' Die Hand der Zeugen sei zuerst an ihm usw. (5. B. M. 17, 7).

Während שמע die Bezeichnung für Hören überhaupt ist, fordert האזין zu größerem Entgegenkommen auf, drückt den Wunsch aus, jemand etwas ins Ohr zu sagen. Demgemäß kann das Ersuchen „האזין" nur an einen in der Nähe des Sprechenden sich Befindenden gerichtet werden.

ספרי stellt Moses' Worte denen Jesaias gegenüber und bemerkt, Moses, dem Himmel nahestehend, habe ihn zu האזינה aufgefordert, während Jesaia, sich der Erde näher fühlend, an sie dieses Ansuchen richtete. Damit scheint uns gesagt zu sein: Als Moses diese Worte sprach, war das Gesetz, als dessen Überbringer er sprach, dem Himmel, aus dem es stammte, noch weit näher als der Verwirklichung auf Erden, war ja doch noch nicht einmal der Boden gewonnen, auf welchem allein ein großer Teil der göttlichen Gebote seine Erfüllung zu finden hatte — er sprach האזינו השמים! Die Thora hatte aber bereits auf Erden ihre Wohnstätte gefunden, als Jesaia die Erde als Zeugin aufrief — er sprach darum והאזיני ארץ!

Aber zunächst sind es die Himmel, welche er zum Eintreten für das zu Boden liegende Gotteswort aufruft. Ist doch der Himmel der aktiv Spendende, von dem alles Gedeihen auf der mehr passiv empfangenden Erde abhängt, in erster Reihe berufen, diesem Gesetze Geltung zu verschaffen. Der von Gott für die Mißachtung der Thora verhängte Unsegen kündigt sich 5. B. M. 11, 17 mit den Worten an: Gott „wird den Himmel zurückhalten, und es wird kein Regen kommen, und die Erde wird ihren Ertrag nicht geben". Himmel und Erde stehen im Dienste der Erreichung des göttlichen Weltzieles, für welches Gott Israel sein heiliges Gesetz gab, sie fördern Israels Gedeihen, wenn es seiner Bestimmung gemäß lebt, sie versagen ihm ihre Mitwirkung, wenn es seiner Mission untreu wird und werden zu Werkzeugen in Gottes richtender Hand, um an Israel die verwirkte Strafe zu vollziehen. Das ist die Zeugenpflicht, an die sie das Wort Gottes erinnert!

בנים גדלתי „Kinder" hatte Gott sich „groß" gezogen, Israel nicht nur zum Volke geschaffen, sondern ihm alle die Pflege liebend angedeihen lassen, deren ein Kind zu seiner Entwicklung und seinem Fortkommen benötigt, und es mit allem ausgestattet, was seinem Berufe förderlich sein kann.

ורוממתי: Und dieser Beruf ist ein gar hoher. Damit Israel ihm leben könne, gab Gott ihm eine hervorragende, glänzende Stellung: ירכיבהו על במותי ארץ (5. B. M. 32,13) „ich lasse sie die Höhen der Erde besteigen", die auf der Höhe der irdischen Verhältnisse zu gewinnende Doppelfülle des materiellen und geistig-sittlichen Heils gewähre ich ihnen und verlange nichts von ihnen als kindliche Liebe und kindlichen Gehorsam, והם und sie, gerade sie haben mit Bewußtsein sich an dem ihrer Obhut anvertrauten heiligen Gute schmählich vergriffen und gegen mich empört. — Beides heißt פשע בי.

3
יָדַ֥ע שׁוֹר֙ קֹנֵ֔הוּ וַחֲמ֖וֹר אֵב֣וּס בְּעָלָ֑יו יִשְׂרָאֵל֙ לֹ֣א יָדַ֔ע עַמִּ֖י לֹ֥א הִתְבּוֹנָֽן׃
BernfeldDer Ochse kennt seinen Eigentümer, der Esel die Dreschtenne seines Herrn: Israel kennt [seine Pflichten] nicht, mein Volk sieht danach nicht.
ZunzEs kennt der Ochs seinen Eigner, und der Esel die Krippe seines Herrn. Jisraël erkennet nicht, mein Volk siehet nicht.
J. J. HirschKennt sogar der Ochse seinen Eigner und der Esel die Krippe seines Herrn — Israel erkennet nichts, mein Volk hat sich nicht begriffen!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 3. ידע שור וגו'. Selbst der Stier gewinnt Anhänglichkeit an den seiner wartenden Herrn, dient ihm folgsam und wird erkenntlich gegen ihn. וחמור וגו'. Geht auch dem Lasttier die Fähigkeit für ein persönliches Band mit seinem Herrn ab, so weiß es doch, in wessen Krippe das Futter zu finden ist, wenn es hungrig ist.

ישראל לא ידע, Israel sollte doch durch die ihm gewordene besondere Gotteserziehung soviel דעת Erkenntnis besitzen, zu wissen, wer sein Herr und Meister ist, und was es in dessen Dienste auf der Gotteswelt zu leisten hat — aber לא ידע (ohne Objekt, also den Begriff des Prädikats aufs allgemeine ausdehnend) es kennt überhaupt nichts, nicht sein Verhältnis zu Gott, nicht Gottes Walten in der Welt, ja nicht einmal in seinem eigenen Geschicke. Als ישראל war es von Gott berufen, Seine Herrschaft auf Erden zur Geltung zu bringen, durch sein Beispiel die Menschheit zu lehren, wem sie eigen. Dafür ward es עמי „mein Volk", einen Menschenkreis sollte es bilden, in welchem Gottes Wort die Richtschnur für sein Tun und Lassen, ja für sein Denken und Fühlen sein sollte. Jedoch לא התבונן — es fehlt ihm die בינה, die Einsicht, das Verständnis eben dieses Gottesgesetzes, das ihm als leere Förmlichkeit erschien, während es doch sein Wohl oder Wehe enthält. Israel sollte doch wenigstens wissen, wem es das reichgesegnete Land, den Boden für seine hohe Stellung und diese selbst verdankt — aber unvernünftiger als das Tier hat es nicht einmal so viel Einsicht, sich auf seinen Vorteil zu verstehen!

4
ה֣וֹי ׀ גּ֣וֹי חֹטֵ֗א עַ֚ם כֶּ֣בֶד עָוֺ֔ן זֶ֣רַע מְרֵעִ֔ים בָּנִ֖ים מַשְׁחִיתִ֑ים עָזְב֣וּ אֶת־יְהֹוָ֗ה נִֽאֲצ֛וּ אֶת־קְד֥וֹשׁ יִשְׂרָאֵ֖ל נָזֹ֥רוּ אָחֽוֹר׃
BernfeldO über die sündige Nation, über das schuldbeladene Volk, die Brut der Missetäter, die entarteten Kinder — sie haben den Herrn verlassen, verworfen den Heiligen Israels, sie sind [vom rechten Weg] abgewichen.
ZunzWeh! sündiges Volk, schuldbelastete Nation, Brut der Missethäter, entartete Kinder; verlassen haben sie den Ewigen, verworfen den Heiligen Jisraël's; sie sind zurückgewichen.
J. J. HirschWehe! Als Staat sündhaft, als Volksgesellschaft schwer belastet vom Unrecht! Eine Aussaat von Übeltätern, Kinder, die sittenverderbt handeln! Sie haben Gott verlassen, gehöhnt den Heiligen Israels, sind, indem sie sich ihm entfremdeten, zurückgewichen!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 4. Als גוי, Volkskörper, Staat unter Staaten, sollte Israel גוי קדוש, „ein heiliges Volk" sein (2. B. M. 19, 6). Ihm sollte der Rechts- und Sittenkodex nicht nur im Privatleben, sondern auch für den Staat maßgebend sein, der nur in der Verwirklichung des in absoluter Heiligkeit über ihm stehenden Gesetzes die Berechtigung seiner Existenz zu sehen hat. Gerade darin hatte der jüdische Staat leichten Sinnes nach dem Beispiele anderer Staaten gesündigt, indem es Gesetz und Recht beiseite schob, wenn die sogenannte Staats-Raison dies verlangte.

Im עם (עם mit), in der Menschengesellschaft, die nicht allein auf Recht, vielmehr noch auf Freundschaft und Bruderliebe sich aufzubauen bestimmt ist, war עון (von עוה krumm sein, von der geraden Linie abweichen) das Unrecht derart epidemisch geworden, daß es einer schweren Last gleich das soziale Leben zu Boden drückte.

Hiermit war die Erreichung des Zieles, für welches Gott das jüdische Volk gegründet hatte, für den Augenblick wenigstens, gestört. Denn Israel sollte eine Aussaat sein, gestreut in den Acker der Menschheit, damit aus ihr das Recht und die Liebe für die Allmenschheit erwachse — und nun waren sie זרע מרעים eine Aussaat geworden, die, wenn nicht von Gott im Keime gehemmt, die Summe des Unrechts und der Lieblosigkeit auf Erden zu mehren drohte. Seinen „erstgeborenen Sohn" hatte Gott es genannt (2. B. M. 4, 22), als solcher sollte es, seiner Gotteskindschaft sich bewußt, den anderen Völkern das Beispiel eines sittenreinen Wandels geben und so die Ebenbildlichkeit mit seinem Vater im Himmel bekunden — aber die בנים selbst wurden משחיתים, versunken in Sittenverderbnis! Sie verließen Gott, wollten von seiner Leitung nichts wissen, sich nicht mehr „am Gängelbande" führen lassen; waren ja mündig geworden, was bedarf es da noch erst des Thoralernens! Den Gott, der, wie er selbst heilig ist, sein Volk durch die Thora für seine hohe Bestimmung erziehen und heiligen will, den verhöhnten sie, und die sinaitische Gesetzgebung ward ihnen zum Gelächter.

נזורו אחור: Wir glauben, daß, wie es רד"ק als möglich hingestellt, נזורו der נפעל von זור, fremd sein, ist und fassen es in der reflexiven Bedeutung des התפעל, die ja dem נפעל häufig inne wohnt, auf: Sie entfremdeten sich immer mehr dem Heiligen Israels und verfielen völlig dem Rückschritt. Sehr zu beachten ist in diesem Satze, wie der Prophet die fortwährende Steigerung des Abfalls schildert. Eine in vielen Punkten ähnliche Klimax findet תורת כוהנים in den Versen 3. B. M. 26, 14. 15. Wir verweisen auf den Kommentar zur Stelle, wo dieselbe eingehend gewürdigt wird.

5
עַ֣ל מֶ֥ה תֻכּ֛וּ ע֖וֹד תּוֹסִ֣יפוּ סָרָ֑ה כׇּל־רֹ֣אשׁ לׇֽחֳלִ֔י וְכׇל־לֵבָ֖ב דַּוָּֽי׃
BernfeldWozu wollt ihr noch mehr gezüchtigt werden, dass ihr weiterhin sündigt? Ist doch schon jedes Haupt krank und jedes Herz siech.
ZunzWozu wollt ihr fürder geschlagen werden? Ihr mehret den Abfall. Jegliches Haupt ist krank und jegliches Herz ist siech.
J. J. HirschWarum wollt ihr denn geschlagen werden, warum dauernd den Abfall fortsetzen? Jedes Haupt ist der Krankheit verfallen und jedes Herz ist siech!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 5. Soll euch Gott erst noch weiter züchtigen? Können die V. 7 geschilderten Verheerungen, welche Tiglath Pileser und Salmanassar in eurem Bruderstaate Israel, sowie später Sanherib dort und in eurem eigenen Lande angerichtet haben, euch noch immer nicht die Augen öffnen über euren Verrat an Gott? Warum wollt ihr auf dem Abwege verharren עוד, wie 1. B. M. 8,22 in עוד כל ימי הארץ und Ps. 84, 5 עוד יהללוך סלה, immer, dauernd? Die Antwort lautet: Ihr seid nicht imstande euch klar zu machen, daß diese Schläge eine Strafe für euren Abfall sind, denn euer Haupt ist krank, der Geist unfähig, logisch zu denken und zu urteilen. Siech und nur schwach pulsierend vermag euer Herz nicht, euch für das Gute zu erwärmen, und alles sittliche Gefühl habt ihr verloren. Der Ursprung der Krankheit aber ist in den zur Leitung und Belehrung berufenen Häuptern der Nation zu suchen, von wo aus das Herz und der ganze Volkskörper infiziert wurde. Und wie manche physische Erkrankungen ihren Sitz im Gehirn haben, aber in den Extremitäten zuerst zutage treten, so ist bei euch

6
מִכַּף־רֶ֤גֶל וְעַד־רֹאשׁ֙ אֵֽין־בּ֣וֹ מְתֹ֔ם פֶּ֥צַע וְחַבּוּרָ֖ה וּמַכָּ֣ה טְרִיָּ֑ה לֹא־זֹ֙רוּ֙ וְלֹ֣א חֻבָּ֔שׁוּ וְלֹ֥א רֻכְּכָ֖ה בַּשָּֽׁמֶן׃
BernfeldVon der Fußsohle bis zum Haupt ist nichts Heiles [an euch]; sondern nur Wunden und Beulen und eiterndes Geschwür, die nicht ausgedrückt und nicht verbunden worden sind und nicht erweicht durch Öl.
ZunzVom Fußballen bis zum Haupt ist nichts Heiles daran. Wunde und Beule und frischer Schlag. Nicht sind sie ausgedrückt und nicht verbunden worden, und nicht erweicht mit Oel.
J. J. HirschVom Fußballen bis zum Haupte ist nichts Gesundes an ihm, klaffende Wunde und Beule und eiterndes Geschwür — dennoch werden sie nicht ausgedrückt und nicht verbunden, und keine wird mit Öl erweicht.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 6. (מתם von תמם ganz sein, unverletzt) מכף וגו' von unten bis oben, alle Schichten der Bevölkerung hindurch bis zu den Führern, der Nationalkörper durchseucht. Nichts ist mehr wie es sein sollte, und die Schäden treten schon klar zutage als klaffende Wunden, durch Verletzungen erzeugt, welche einer dem andern mit offener Gewalt zufügt. Es stockt die frische, freundliche Zirkulation, weil der Neid, der Haß, die Bosrede auf den Verkehr hemmend wirkt, und als Beule erscheint die Krankheit. Oder fremde Unsitte, heimliche Sünden zersetzen die Säfte, vergiften das Einzelleben, und an dem sonst so reinen jüdischen Familienleben zeigen sich eiternde Geschwüre. Noch wäre Heilung möglich, aber nur indem man die Ursachen der Erkrankung erkennt und beseitigt.

An die letztgenannte Form des Siechtums מכה טריה knüpft die angeratene Remedur an: Die Krankheitserreger, welche unserem Organismus hätten fremd זָר bleiben sollen, die זוֹרוּ müssen durch Ausdrücken entfernt, wörtlich „entfremdet" werden. Die Gewalt muß gefesselt werden, und was der Zwiespalt zerklüftet hat, muß man streben zu „verbinden". Und ist's auch vor allem die von der Lieblosigkeit verschuldete Stockung des Verkehrs, die Beule, die durch das lindernde Öl der Liebe zerteilt werden muß, so können doch auch die anderen pathologischen Erscheinungen dieses Mittels nicht entraten. Heil können die Zustände nur werden, wenn statt des Unrechts das Rechte und Gerade ישר herrschend wird — aber im Verein mit dem Milden und Guten, dem טוב: ועשית הישר והטוב (5. B. M. 6, 18). Aber von alledem geschieht nichts!

7
אַרְצְכֶ֣ם שְׁמָמָ֔ה עָרֵיכֶ֖ם שְׂרֻפ֣וֹת אֵ֑שׁ אַדְמַתְכֶ֗ם לְנֶגְדְּכֶם֙ זָרִים֙ אֹכְלִ֣ים אֹתָ֔הּ וּשְׁמָמָ֖ה כְּמַהְפֵּכַ֥ת זָרִֽים׃
BernfeldEuer Land ist öde, eure Städte sind im Feuer verbrannt, euern Boden verzehren in eurer Gegenwart die Fremden: er ist öde wie die Zerstörung [der Städte] der Bösen [Sodom und Gomorrha].
ZunzEuer Land — eine Oede, eure Städte feuerverbrannt, euer Boden — vor euren Augen verzehren ihn Fremde, daß er eine Oede ist, wie Zerstörung durch Fremde.
J. J. HirschEuer Land ist verödet, eure Städte sind vom Feuer verbrannt, euer Boden — in eurer Gegenwart zehren Fremde ihn auf, und eine Öde herrscht, wie sie nur Verwüstung Fremder verursacht.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 7. Die Folge eurer Entfremdung von Gott נזורו אחור ist, daß Gott זרים, Fremde über euch hereinbrechen läßt: מדה כנגד מדה Maß für Maß! זרים אוכלים וגו': während der Invasion. ושממה כמהפכת זרים: Beabsichtigen die siegreichen Feinde, sich in dem bezwungenen Lande dauernd niederzulassen, so werden sie seiner im eigenen Interesse möglichst schonen — wollen sie aber nach Vernichtung des Gegners wieder abziehen und so für dieses Land weiter „Fremde" bleiben, dann zügelt nichts ihre Zerstörungswut, welcher alles verfällt, was sie nicht mit sich nehmen können. Das „כ" ist hier weniger vergleichend als die Tatsache darstellend, es entspricht mehr unserem „als". So heißt es weiter unten Kap. 13, 6: כשד משדי יבוא „als Verwüstung vom Allmächtigen kommt es".

8
וְנוֹתְרָ֥ה בַת־צִיּ֖וֹן כְּסֻכָּ֣ה בְכָ֑רֶם כִּמְלוּנָ֥ה בְמִקְשָׁ֖ה כְּעִ֥יר נְצוּרָֽה׃
BernfeldDie Tochter Zijon ist geblieben wie eine Hütte im Weinberge, wie das Nachtlager im Kürbisfelde, wie eine belagerte Stadt.
ZunzUnd übrig bleibt die Tochter Zijon, wie eine Hütte im Weinberg, wie eine Nachthütte im Kürbisfeld, wie eine belagerte Stadt.
J. J. HirschUnd es blieb über die Tochter Zions, die eine Hütte im Weinberge sein sollte, wie ein Nachtlager auf einem Stoppelfelde, ja wie eine belagerte Stadt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 8. Eins nur gäbe es noch, von dem aus dieser inneren Zerrüttung und dem begonnenen äußeren politischen Verfall Halt geboten werden könnte, und das ist das Heiligtum auf Zion, die Rückkehr zur Thora, die hier als Tochter Zions bezeichnet wird, weil sie in Zion ihre Wohnstätte hat. Gewöhnlich heißt die jüdische Nation בת ציון als Trägerin des dort deponierten Gesetzes. — Den Lebensboden des jüdischen Volkes will Gott mit edlen Reben bepflanzen (Jes. 5, 1. 2) und zu einem Weinberge machen, dessen Früchte „Gott und Menschen erfreuen sollen". Von der Hütte in diesem Weinberge, von der heiligen Thora, geht die Anweisung aus, wie zu pflügen, zu eggen, zu jäten, kurz wie und was zu tun sei, um eine reiche Lese zu verbürgen. Sie lehrt, wie das Innere des Bodens vor dem die Wurzeln benagenden Wühler und die Ernte vor dem von außen kommenden Schädlinge zu schützen ist, sie lehrt die Kelterung der Trauben und die Aufbewahrung des Weines, daß er nicht verderbe. Ja alles Werkzeug — היא וכל כלי אומנותה ניתנה דבר' רבה פ"ח —, dessen der Winzer bedarf, und ihn selbst vor Sonnenglut und nächtlichem Dunkel birgt diese Hütte. Heiteres, frisch pulsierendes Leben wollte Gottes Pflanzung zeitigen und die Freude an und in Erfüllung seiner Satzungen!

כמלונה במקשה. Nach dem Schnitt des Getreides werden häufig alle Garben aufeinandergesetzt zu einem Schober, welcher bis nach Beendigung der ganzen Ernte auf dem Stoppelfelde verbleibt. Solche Garbenhaufen bilden oft die letzte Zufluchtsstätte für Obdachlose, denen es an der kleinsten Münze gebricht, um anderswo nächtigen zu dürfen.

Es heißt wohl darum hier nicht מלון eine Herberge, sondern weiblich, abgeschwächt מלונה eine zur Not benutzbare Schlafstätte (vgl. Jes. 24, 20). Zu einem solchen Notbehelfe geworden sieht der Prophet unsere heilige Lehre! Wer im Kampfe ums Dasein alles eingebüßt, das Feld seines Lebens abgewirtschaftet hat und nun die Nacht hereinbrechen sieht — der flüchtet wohl noch zu Gott und seinem Worte, von dem er bis dahin nichts gewußt hat, nichts wissen wollte! Das soll Religion sein, jüdische Religion!

Jedoch noch Trüberes schaut der Prophet. In offener Feindschaft belagert das verblendete Volk sein Heiligtum. Aus ihm, wähnt es, stamme alles Unglück; nicht weil sie zu wenig Juden gewesen seien, wäre der Jammer über sie gekommen, nein, weil sie der Thora zu viel Einfluß auf ihr Leben eingeräumt hatten. Darum müsse das bürgerliche Leben von jeder frommen Regung frei gehalten, das Heilige, das „Religiöse" in den Tempel verbannt werden, wo es hingehört, aber scharf Wache halten, daß von ihm nichts hinausdringt, כעיר נצורה wie eine feindliche Stadt ist es einzuschließen!

9
לוּלֵי֙ יְהֹוָ֣ה צְבָא֔וֹת הוֹתִ֥יר לָ֛נוּ שָׂרִ֖יד כִּמְעָ֑ט כִּסְדֹ֣ם הָיִ֔ינוּ לַעֲמֹרָ֖ה דָּמִֽינוּ׃ {פ}
BernfeldHätte der Herr Zebaot uns nicht diesen kleinen Rest gelassen, so wären wir ja [gänzlich] wie Sodom, wir glichen Gomorrha.
ZunzWo nicht der Ewige der Heerschaaren uns übrig ließ einen Rest so gering, wie Sedom wären wir, Amorah glichen wir.
J. J. HirschHätte nicht Gott Zebaoth uns einen der Verderbnis entgangenen Rest übrig gelassen, wie klein auch — so wären wir wie Sedom geworden, und es erginge uns ähnlich wie Amora.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 9. In diesem Nachtbilde erspäht das suchende Auge des Propheten nur einen lichten Punkt: eine bescheidene Anzahl von Männern, welche der allgemeinen Verderbnis entronnen sind; aber in ihnen erkennt er die „Gerechten inmitten der Stadt", welche zu Vater Abrahams Zeit (1. B. M. 18, 24 u. f.) völlig genügt hätten, Sedom und Amora vom Untergange zu retten. Und es ist ד' צבא', der in seinem Erbarmen „uns" — mit diesem treu gebliebenen Rest fühlt sich Jesaia eins — diese erhalten hat. Er ist es, der den Funken des Wahren und Guten, der in der Brust dieser Wackeren nicht erloschen war, zur hellen Flamme der Begeisterung anfachte und ihr stets neuen Nahrungsstoff zuführte: הבא לטהר מסעין לו Wer die Reinheit anstrebt, den unterstützt die göttliche Fürsorge in seinem Streben. Der Name צבא' sieht in Gott nicht allein den Schöpfer der Welt, vielmehr den Lenker all der mannigfachen Wesen, welche er zu einem seinem Herrscherworte folgenden Heere verbindet, in dem jeder einzelne von ihm auf seinen Platz gestellt ist, um dort, ausgerüstet mit allen ihm für diesen Zweck von dem Heerführer verliehenen Mitteln, seine Pflicht zu tun und so für das Ganze zu wirken.

Im Dienste dieses Heerführers begriff sich damals jeder שריד und suchte durch Beispiel und Lehre zu wirken und zu bessern, wie fern auch immer die Aussicht auf Erfolg seines Strebens, und dieser aus צדיקים בתוך העיר bestehende „Rest" bewahrte Juda und Jerusalem vor der Tiefe der Gesunkenheit Sedoms und deshalb auch vor einem Amora ähnlichen Geschicke. Durch dieses rastlose Wirken unterschied er sich vorteilhaft von den zur Zeit des Untergangs von Jerusalem dort befindlichen Gerechten, die, wie dies Sabb. 55, a berichtet wird, schmerzlich durchdrungen von der Aussichtslosigkeit, gar nicht den Versuch machten, bessernd auf ihre Zeitgenossen einzuwirken. Die Etymologie von שריד s. Komm. zu 2. B. M. 31, 10.

10
שִׁמְע֥וּ דְבַר־יְהֹוָ֖ה קְצִינֵ֣י סְדֹ֑ם הַאֲזִ֛ינוּ תּוֹרַ֥ת אֱלֹהֵ֖ינוּ עַ֥ם עֲמֹרָֽה׃
BernfeldHöret das Wort des Herrn, ihr Fürsten Sodoms, vernimm die Lehre unseres Gottes, du Volk von Gomorrha!
ZunzHöret das Wort des Ewigen, ihr Herren Sedom's, horchet auf die Lehre unseres Gottes, Volk von Amorah!
J. J. HirschHöret das Wort Gottes, ihr Führer von Sedom, wendet euer Ohr der Lehre unseres Gottes zu, Volk von Amora!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 10. Wahrhaft erschütternd ist die Brandmarkung der Führer Judas als Führer von Sedom und des „עמי", als Volk von Amora. Die ersteren werden aufgefordert שמעו, sie waren gar zu weit entfernt von dem „Worte Gottes"; das letztere האזינו, תורת וגו', ihm war ja „die Lehre unseres Gottes" unendlich nahe (5. B. M. 30, 14). Der שריד sorgte ja durch Vorbild und Ermahnung dafür — und dennoch „Volk von Amora!" Die Berechtigung für diese Apostrophe bringen die folgenden Verse, aber hauptsächlich V. 22 und 23.

דבר ד' ist nicht zunächst das Gesetz, sondern das den Willen Gottes offenbarende Wort, das die von Gott gegebene und beabsichtigte Geschickes- und Geschichtsstellung des jüdischen Volkes verkündet. Dieses Wort Gottes war den Führern ganz aus dem Bewußtsein geschwunden, sie wähnten, ihres Volkes Geschick nach eigenem Gutdünken leiten zu können. — „תורת אלקינו" fordert das Volk auf, nicht das, was ihm seine Führer als תורה gaben, für Gottes Lehre zu halten. Was jene ihm als Surrogat dafür gaben, war ihr eigenes Machwerk, oder man lehrte es, ein Bruchteil des Gottesgesetzes zu erfüllen, genüge völlig, um „religiös" zu sein. Zu diesem Bruchteil gehören auch Opfer und Tempelbesuch.

11
לָמָּה־לִּ֤י רֹב־זִבְחֵיכֶם֙ יֹאמַ֣ר יְהֹוָ֔ה שָׂבַ֛עְתִּי עֹל֥וֹת אֵילִ֖ים וְחֵ֣לֶב מְרִיאִ֑ים וְדַ֨ם פָּרִ֧ים וּכְבָשִׂ֛ים וְעַתּוּדִ֖ים לֹ֥א חָפָֽצְתִּי׃
BernfeldWozu mir eure vielen Opfer? spricht der Herr. Ich bin satt der Ganzopfer von Widdern und des Fettes der Masttiere; des Blutes der Farren und der Lämmer und der Böcke begehre ich nicht.
ZunzWozu mir die Menge eurer Opfer! spricht der Ewige. Ich bin satt der Ganzopfer von Widdern, und des Fettes der Mastthiere, und das Blut der Farren, und Lämmer und Böcke begehr' ich nicht.
J. J. Hirsch„Was soll mir die Fülle eurer Opfer", spricht Gott, „ich bin satt der Emporopfer von Widdern, und des Fettes der Gemästeten, und das Blut der Stiere, Schafe und Böcke habe ich nicht gewollt!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 11. Opfer, wie ich sie verlange, und Gesinnung, Leben und Prinzipien wie Sedom — einen schreienderen Gegensatz gibt es nicht! Verleugnung jeder Menschenliebe, krasser Egoismus, unersättliche Habgier, Genuß- und Sinnenlust bis zur Entmenschung und das Gesetz selbst im Dienste dieser Laster — das ist Sedoms Art. Betrachten wir kurz, was das Opfer uns sein soll. Seinen eigenen Willen, ja sein Denken und Fühlen gibt der Opfernde auf und in die Hände Gottes durch שחיטה. In עולה, dem Emporopfer, drückt er das Bewußtsein aus, eines größeren Emporstrebens zum Guten und Göttlichen bedürftig zu sein, und mit dessen Hingabe an das Altarfeuer gelobt er, fortan seine ganze Persönlichkeit, alle ihre Fähigkeiten und Kräfte samt allen Gütern und dem ganzen Genußesleben dem אש דת, dem Gesetz gewordenen Feuer zu weihen לרצונו לפני ד' als Ausdruck seines Strebens vor Gott. Diesem seinem Streben ist durch זריקת הדם, Sprengen und Weihe des Blutes, der ganzen in ihm pulsierenden Lebenskraft die Weisung und Richtung gegeben: jeden Blutstropfen, jeden Nerv, jeden Gedanken und jedes Gefühl wie jede Tat in den Dienst Gottes und seiner Ziele zu stellen. Also euch sollt ihr mir darbringen, das ist des Opfers Zweck — mangelt dieser, so sind es nur „Widder und Gemästete", so ist es nur „Blut der Stiere" und nicht das von mir „Gewollte".

Daß die Gesinnung allein es ist, die dem Opfer die Weihe verleiht, lehrt bereits das erste Opfer, welches je Menschen gebracht, das von Kain und Hebel. Und ganz so, wie Jesaia hier, spricht der erste Prophet nach Moses, Samuel, es dem ersten jüdischen Könige gegenüber aus: „Hat Gott Wohlgefallen an Empor- und Schlachtopfern wie am Gehorsam gegen die Stimme Gottes, siehe Gehorsam ist das aus dem Opfer zu gewinnende Gute (so glauben wir der Stellung des Wortes טוב wegen den Satz הנה שמע מזבח טוב verstehen zu müssen), Aufmerken besser als Fett der Widder!"

12
כִּ֣י תָבֹ֔אוּ לֵֽרָא֖וֹת פָּנָ֑י מִֽי־בִקֵּ֥שׁ זֹ֛את מִיֶּדְכֶ֖ם רְמֹ֥ס חֲצֵרָֽי׃
BernfeldWenn ihr kommt vor mir [im Heiligtum] zu erscheinen, wer verlangt es von euch, dass ihr meine Hallen zertretet [und nicht demütig auftretet]?
ZunzSo ihr kommt zu erscheinen vor meinem Angesichte, wer verlangt Solches von eurer Hand, zu zertreten meine Höfe!
J. J. HirschWenn ihr kommet, sei es, damit mein Angesicht geschaut werde; wer aber hat dieses von eurer Hand verlangt? ein Zertreten meiner Vorhöfe ist es!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 12. Nach Chagiga 2, a ist der Zweck des jährlich dreimaligen Hinaufwanderns zum Heiligtume ein doppelter: לִרְאוֹת וְלֵרָאוֹת Gottes Angesicht zu schauen, d. h. uns die Offenbarung und Waltung Gottes zu vergegenwärtigen, entsprechend dem יֵרָאוּ פָנַי (2. B. M. 23,15) — und uns vor Gottes Angesicht geschaut zu erblicken, d. h. uns zu entschließen, unser Leben so zu gestalten, daß wir vor dem prüfenden Auge Gottes bestehen können, entsprechend dem יֵרָאֶה כָּל זְכוּרְךָ (daf. 17). — Die hier gewählte Form לֵרָאוֹת פָּנָי und nicht לְפָנָי drückt beides aus: „Damit mein Angesicht geschaut werde" und „vor meinem Angesichte geschaut zu werden".

Allerdings habe ich gefordert, daß ihr nicht mit leeren Händen vor mir erscheinet, vielmehr die im vorigen Verse erwähnten Opfer als עולת ראיה ושלמי חגיגה ושלמי שמחה mir darbringet — aber in voller Beherzigung ihrer Bedeutung. Jedoch „das, was eure Hände" mir darbieten, habe ich nicht verlangt — ja euer Tempelbesuch selbst ist eine Entheiligung, ein „Zertreten meiner Vorhöfe"!

13
לֹ֣א תוֹסִ֗יפוּ הָבִיא֙ מִנְחַת־שָׁ֔וְא קְטֹ֧רֶת תּוֹעֵבָ֛ה הִ֖יא לִ֑י חֹ֤דֶשׁ וְשַׁבָּת֙ קְרֹ֣א מִקְרָ֔א לֹא־אוּכַ֥ל אָ֖וֶן וַעֲצָרָֽה׃
BernfeldBringt mir nicht mehr eure eitlen Gaben! Das Räucherwerk ist mir ein Gräuel; [unterlasst es] am Neumond und am Schabbat festliche Versammlung abzuhalten; ich mag nicht Sünde und festliche Weihe zusammen.
ZunzBringet nicht mehr Gaben der Lüge! Räucherwerk des Greuels ist mir das; verkündet (nicht mehr) an Neumond und Sabbat Berufung! ich dulde nicht Unthat und Festversammlung.
J. J. HirschFahret nicht fort, unnütze Huldigungsgabe darzubringen, verabscheute Räucherung ist sie mir, Neumond und Sabbat, Berufung verkünden — ich ertrage nicht Machtmißbrauch und Festesversammlung!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 13. Unnütz und Täuschung ist euer מִנְחָה! Es sollte eure innerste Überzeugung aussprechen, daß euer Mehl, Öl und Weihrauch, eure Nahrung, euer Wohlstand und Behagen einzig von Gott stammt und zugleich das Gelöbnis, all dies nur seinem Willen gemäß zu verwenden. Allein ihr glaubet alles euch zu verdanken, und es liegt gar nicht in eurer Absicht, wegen seiner Benutzung Gottes Wünschen Rechnung zu tragen. קטרת תועבה wie Ps. 66, 15 קטרת אילים.

חדש ושבת. Jeder Neumond soll euch mahnen, wie der Mond stets von neuem von der Sonne bestrahlt wird, auch euch immer wieder von eurer Sonne, dem Lichte der Thora erleuchten zu lassen, so oft ihr auf eurer Laufbahn der Verdunkelung erlegen seid. Und mit jedem Sabbat sollet ihr euer werktätiges Leben Gott zu Füßen legen, indem ihr es einstellet, und damit bekennen, daß er der Schöpfer und ihm euer Schaffen unterstellt ist. S. auch das im Schlußkapitel zu והיה מדי חדש בחדשו וגו' Bemerkte.

קרא מקרא. In die Hand der National-Repräsentanz hat Gott die Bestimmung der Festzeiten gelegt und gesprochen (3. B. M. 23, 2): מועדי ד' אשר תקראו אתם מקראי קדש אלה הם מועדי „Festzeiten Gottes, die ihr als Berufungen zum Heiligtum verkünden werdet, die sind meine Festzeiten." Nun wohl, ihr verkündet Berufung, aber nicht מקרא קדש, sondern nur מקרא! (wie למקרא העדה 4. B. M. 10, 2). Nicht zum קדש, nicht um euch im Heiligtum mit Gott vereint zu fühlen ladet ihr ein, der Zweck eurer „Berufung" ist, euch vom Staube der Arbeit befreit auch einmal im Festesgewande in aller Seelenruhe zusammenzufinden und gleichzeitig euch zu „erbauen und andächtig zu sein".

Wie dem Sabbat neben dem זכר למעשה בראשית, so ist auch allen „meinen Festzeiten" neben ihrer besonderen Bedeutung der Stempel זכר ליציאת מצרים aufgeprägt: die Mahnung, daß, wie euch Gott einst aus dem schimpflichsten Menschendienste in Ägypten erlöst und zu freien Menschen gemacht hat, die ausschließlich seinem Dienste zu leben haben, so ihr fortan in jedem Menschen den Bruder achten sollt, dessen Freiheit und dessen Recht euch heilig sein muß um Gottes Willen.

Aber so wenig ihr auf die Sprache des Sabbat- und Neumonds höret, so wenig beherziget ihr auch diese Mahnung — euer ganzes Leben ist nichts als אָוֶן, ihr mißbrauchet euer און, die Macht und den Besitz, um des Bruders Recht zu kürzen und ihn zu eurem Knechte herabzuzwingen. — Die Etymologie von און s. Komm. zu 1. B. M. 35,18.

עצרה Versammlung zur Festeshuldigung oder zum Gebete, s. Joel 1, 14 קראו עצרה. In dem Begriff עצר „zurückhalten" liegt zugleich das sich Beherrschen, den eigenen Willen Unterordnen unter den göttlichen Willen — das ist aber der größte Gegensatz zu און, das dem eigenen Willen allein folgen und die eigene Kraft und Macht nicht durch das Gesetz Gottes zügeln und beschränken läßt.

14
חׇדְשֵׁיכֶ֤ם וּמֽוֹעֲדֵיכֶם֙ שָֽׂנְאָ֣ה נַפְשִׁ֔י הָי֥וּ עָלַ֖י לָטֹ֑רַח נִלְאֵ֖יתִי נְשֹֽׂא׃
BernfeldEure Neumonde und eure Festtage hasse ich, sie sind mir lästig, ich bin müde, sie zu ertragen.
ZunzEure Neumonde und eure Feste hasset meine Seele, sie sind mir eine Bürde geworden; ich bin müde sie zu tragen.
J. J. HirschEure Neumonde und eure Festzeiten hasset meine Seele, sie sind mir zur Last geworden, vergebens bin ich bemüht worden, zu verzeihen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 14. 15. ומועדיכם dürfte auch die Sabbate mit enthalten, wie dies nach Pesachim 77, a bei אלה תעשו לד' במועדיכם (4. B. M. 29, 39) der Fall ist. — נלאיתי. לאה im Kal: sich vergeblich abmühen. Im Nifal ונלאו מצרים (2. B. M. 7, 18) zur Einsicht der Unmöglichkeit gebracht, veranlaßt werden, etwas aufzugeben.

נשא kommt nicht selten als Verzeihen vor, auch ohne das Objekt, was verziehen wird; z. B. 1. B. M. 18, 24, 26, Hosea 1, 6. Da bereits gesagt ist, „sie sind mir zur Last geworden", so wäre die gewöhnliche Übersetzung „ich bin es müde, sie zu ertragen" eine Tautologie. Wir glauben daher, es so verstehen zu dürfen: Wohl habe ich, wenn ihr bei den Tempelbesuchen und Opfern meine Verzeihung erbatet, sie euch immer wieder gewährt — aber es erfolgte keine Besserung. Ich, s. v. v., sehe ein, daß es vergebens wäre, euch ferner zu verzeihen — nur Leiden können euch bessern. Diese Leiden, wähnet nur nicht, durch noch so gehäuftes Beten und flehendes Emporheben eurer Hände abwenden zu können, so lange noch das Unrecht an euren Händen klebt. דמים heißt hier und an vielen anderen Stellen nicht wirklicher Mord, vielmehr soziale, das Glück und den Frieden und die Ehre des Nächsten untergrabende Vergehen.

15
וּבְפָרִשְׂכֶ֣ם כַּפֵּיכֶ֗ם אַעְלִ֤ים עֵינַי֙ מִכֶּ֔ם גַּ֛ם כִּֽי־תַרְבּ֥וּ תְפִלָּ֖ה אֵינֶ֣נִּי שֹׁמֵ֑עַ יְדֵיכֶ֖ם דָּמִ֥ים מָלֵֽאוּ׃
BernfeldUnd wenn ihr eure Hände [zum Beten] ausbreitet, wende ich meinen Blick von euch; auch wenn ihr noch so viel betet, höre ich nicht darauf — denn eure Hände sind ja blutbefleckt.
ZunzUnd indem ihr eure Hände ausbreitet, verberge ich meine Blicke vor euch, auch wenn ihr Gebete häufet, höre ich nicht. Eure Hände sind voll Blut;
J. J. HirschUnd wenn ihr eure Hände ausbreitet, berge ich meine Augen vor euch, auch wenn ihr noch mehr betet, so höre ich nicht, sind doch eure Hände der Blutschuld voll!
16
רַֽחֲצוּ֙ הִזַּכּ֔וּ הָסִ֛ירוּ רֹ֥עַ מַעַלְלֵיכֶ֖ם מִנֶּ֣גֶד עֵינָ֑י חִדְל֖וּ הָרֵֽעַ׃
BernfeldWaschet euch zuvor, werdet lauter, schaffet eure bösen Taten vor meinem Anblick, hört auf zu freveln.
ZunzWaschet euch, säubert euch, schaffet fort eure bösen Thaten aus meinen Augen, lasset ab zu freveln;
J. J. HirschWaschet euch, läutert euch, schaffet das Böse eurer Handlungen aus meinen Augen hinweg, höret so auf, Böses zu tun!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 16. 17. Besserung geloben erringt euch nicht Gottes Vergebung — betätigen müßt ihr sie: רחצו vor allem, indem ihr durch gewissenhafte Unterordnung unter das Gesetz euren Verkehr mit den Menschen rein haltet. Dann machet euer Inneres, euer Fühlen und Denken lauter, spielet nicht mit dem Gedanken an die Sünde, er wird sonst gar leicht zur Tat. Mit ganzer Willenskraft strebet danach, soweit es möglich ist, die bösen Folgen eurer getrübten Vergangenheit wieder gut zu machen, aber nicht nur, soweit sie den Menschen sichtbar geworden, nein מנגד עיני, daß auch Gottes Auge keines eurer Vergehen in seinen üblen Wirkungen fortwuchern sieht, denen ihr hättet Halt gebieten können. Denn solange ihr dieses unterlasset, fahret ihr fort Böses zu tun, also חדלו הרע höret damit auf!

למדו היטב וגו'. Unkenntnis des Gesetzes war der Keim eures Abfalls, lernet aus der Lehre Gottes, was er „gut" nennt, und übet es, suchet aus ihr zu erfahren, was bei ihm „Recht" heißt, und bringet es auf dem Markte des Lebens zur Verwirklichung.

אשרו חמוץ. חמוץ Infinitiv, das Gären, wovon חמץ das Gegorene, Gesäuerte. Es lebt im Innern des Menschen kein Sinn und regt sich kein Trieb, der an und für sich gut oder schlecht ist, die Verwendung erst macht ihn zu dem einen oder zu dem andern! „Die in deiner Brust noch in Gärung" befindlichen Eigenschaften suche zur „Klärung" zu bringen, lenke sie in die rechte Bahn, gebrauche sie zum Guten, zur Förderung des Heils durch dein Tun. In deinem Innern gärt der Trotz, die Rechthaberei, welche sich nichts bieten läßt — stelle sie in den Dienst der Wahrheit und tritt ein für das gebeugte Recht der Waise, — die Streitsucht, die Kampfeslust arbeitet in dir, wohlan, kämpfe und streite für die schutzlose Witwe und lasse nicht nach, bis du gesiegt hast.

17
לִמְד֥וּ הֵיטֵ֛ב דִּרְשׁ֥וּ מִשְׁפָּ֖ט אַשְּׁר֣וּ חָמ֑וֹץ שִׁפְט֣וּ יָת֔וֹם רִ֖יבוּ אַלְמָנָֽה׃ {ס}
BernfeldGewöhnt euch, Gutes zu tun, fördert das Recht, steht bei den Vergewaltigten, sprechet Recht der Waise, nehmet euch der Witwe an.
ZunzLernet Gutes thun, trachtet nach Recht, befriedigt, dem Gewalt geschehen, sprechet Recht der Waise, führet den Streit der Wittwe.
J. J. HirschLernet das Gute zu tun, erforschet die Gerechtigkeit, lenket zum Heile das noch Gärende, tretet ein für das Recht der Waise, streitet für die Witwe!
18
לְכוּ־נָ֛א וְנִוָּכְחָ֖ה יֹאמַ֣ר יְהֹוָ֑ה אִם־יִהְי֨וּ חֲטָאֵיכֶ֤ם כַּשָּׁנִים֙ כַּשֶּׁ֣לֶג יַלְבִּ֔ינוּ אִם־יַאְדִּ֥ימוּ כַתּוֹלָ֖ע כַּצֶּ֥מֶר יִֽהְיֽוּ׃
BernfeldO kommt, dass wir uns versöhnen, spricht der Herr: Mögen eure Sünden [rot] wie Karmesin sein, es wird alles weiß wie Schnee; wenn sie rot wie Purpur … alles soll weiß wie [weiße] Wolle werden.
ZunzWohlan denn und laßt uns rechten, spricht der Ewige: wenn eure Sünden sind wie Karmesin, weiß wie Schnee sollen sie werden; wenn sie roth sind wie Purpur, wie Wolle sollen sie werden.
J. J. Hirsch„Kommet doch, wir wollen einander zum Rechte verhelfen", wird dann Gott sprechen. „Wenn auch eure Sünden wie Karmoisin sein würden, wie der Schnee sollen sie weiß werden, und wären sie rotfärbend gleich der Purpurschnecke, so sollen sie wie die Wolle werden."
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 18. Wenn ihr so reuig den Rückweg zu Gott betretet, spricht Gott die innig bittenden Worte: (נא ist Ausdruck der Bitte) לכו נא ונוכחה! Eure תשובה befriedigt mein Anrecht auf euren Gehorsam und ermöglicht es mir, die 2. B. M. 34, 7 verheißene Verzeihung euch zu gewähren, „hinwegzuheben Sünde, Empörung und Leichtsinn".

Sowohl ילבינו als יאדימו haben Hifilform, doch mit dem Unterschiede, daß die Wurzel לבן nur im Hifil und einmal im Hispael, aber nie im Kal vorkommt, während von אדם sich sowohl Kal als Piel, Hifil und Hispael vorfindet. Es ist daher möglich, daß, wie es die Kommentatoren nehmen, ילבינו hier intransitiv ist und „weiß werden" heißt. Jedoch spricht bei יאדימו gegen eine solche Auffassung die Tatsache, daß אדם auch im Kal vorkommt: אדמו עצם Threni 4, 7. Wirklich erläutert der מלבים זצ"ל das Wort יאדימו wie rotfärben. Wir ziehen daher vor, dieses Wort in der dem Hifil fast überall innewohnenden transitiven oder kausalen Bedeutung aufzufassen.

תולע oder תולעת bezeichnet, besonders wenn es mit oder gegenüber שני vorkommt, den die Purpurfarbe in sich bergenden Wurm (Schnecke). Vergl. Komm. zu 4. B. M. 19, 6. — Joma 86, b sagt: ר"ש לקיש: גדולה תשובה שזדונות נעשין לו כזכויות „So groß ist die Wirkung der reuigen Rückkehr, daß selbst mit Bewußtsein geübte Sünden dem Menschen gleichsam verdienstbringend werden." Die Energie und Selbstüberwindung, welche der bereuende Sünder dadurch betätigt, daß er sich derartiger ihm zur zweiten Natur gewordener Verletzungen des Gottesgesetzes fortan enthält und die bisher geübten nach Kräften wieder gut macht, stählen ihn dermaßen für alles Sittliche und Gute, daß er nun weit größeren Versuchungen zu widerstehen fähig wird, als ihm vielleicht vorher gelungen wäre. Im Hinblick auf diesen Ausspruch glauben wir unsere Stelle so verstehen zu dürfen: Wie frisch fallender Schnee alles Dunkle verdeckt und in glänzendem Weiß erscheinen läßt, so wird eure getrübte Vergangenheit, wenn durch Reue gesühnt, in schneeiger Weiße strahlend dastehen. Nur müsset ihr euch die kühle Besonnenheit jederzeit wahren, euch vor der Hitze der Leidenschaft hüten — auch der Schnee büßt sein reines Weiß ein, sobald er warm wird. Wir glauben nämlich die Vergleichung כשלג auch auf diese Eigentümlichkeit des Schnees ausdehnen zu sollen. Psalm 51, 9 ומשלג אלבין nehmen wir ähnlich, die Steigerung des מ nicht auf den Grad der Farbe bezüglich, sondern auf die Dauerhaftigkeit: so will ich mich noch länger weiß erhalten als der Schnee, d. h. auch in dem Augenblicke der leidenschaftlichen Erhitzung meine Sittenreinheit bewahren. Ebenso nehmen wir Threni 4, 7 זכו נזיריה משלג, „weißer als Schnee" wäre eine Hyperbel.

ואם יאדימו כתולע: Wenn die Sünden aber der Purpurschnecke gleichen und die rote Farbe auf andere mit euch in Berührung Kommende übertrugen, so entziehe ich ihnen den leuchtenden Farbstoff, so daß sie ebensowenig abfärben wie Wolle im Naturzustande, d. h. hat eure Sünde, euch vielleicht unbewußt, auf andere ansteckend gewirkt und sie zum Schlechten verleitet, und könnet ihr bei bestem Willen ihrem schädigenden Einfluß nicht Halt gebieten — nun, dann hilft Gott mit seiner Wunderkraft, indem er euren Vergehen das Verführerische nimmt. So ist, wenn ihr nur ernstlich wollet, alles Trübe eures bisherigen Lebens gesühnt!

Haftarah Bechukotaj Romanioten und Karäer beginnen hier.
19
אִם־תֹּאב֖וּ וּשְׁמַעְתֶּ֑ם ט֥וּב הָאָ֖רֶץ תֹּאכֵֽלוּ׃
BernfeldWenn ihr nun auf mich hören wollt, so werdet ihr das Beste des Landes verzehren,
ZunzWenn ihr willig seid und höret, das Beste des Landes sollt ihr essen.
J. J. HirschWenn ihr euch füget und gehorchet, so werdet ihr das Beste des Landes verzehren.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 19. 20. Entweder Gehorsam und Rettung, oder Ungehorsam und Vernichtung! תֹּאכֵלוּ oder תְּאֻכְּלוּ! Ein Drittes gibt es nicht, es ist Gott, der euch vor diese Alternative stellt, mit ihm könnt ihr nicht markten!

20
וְאִם־תְּמָאֲנ֖וּ וּמְרִיתֶ֑ם חֶ֣רֶב תְּאֻכְּל֔וּ כִּ֛י פִּ֥י יְהֹוָ֖ה דִּבֵּֽר׃ {פ}
BernfeldWenn ihr aber euch weigert und widerspenstig bleibt — werdet ihr vom Schwert verzehrt, denn so hat der Herr gesprochen.
ZunzAber wenn ihr euch weigert und widerspenstig seid, sollt ihr vom Schwerte gefressen werden; denn der Mund des Ewigen hat geredet.
J. J. HirschAber wenn ihr euch weigert und widerspenstig seid, so werdet ihr vom Schwerte verzehrt werden, denn der Mund Gottes hat gesprochen.
Haftarah Masej einige jemenitische Gemeinden enden hier.
Haftarah Dewarim einige jemenitische Gemeinden beginnen hier.
21
אֵיכָה֙ הָיְתָ֣ה לְזוֹנָ֔ה קִרְיָ֖ה נֶאֱמָנָ֑ה מְלֵאֲתִ֣י מִשְׁפָּ֗ט צֶ֛דֶק יָלִ֥ין בָּ֖הּ וְעַתָּ֥ה מְרַצְּחִֽים׃
BernfeldAch, wie ist zur Buhlerin geworden die einst bewährte Stadt! Ehemals voll des Rechtes Gerechtigkeit weilte in ihr — und jetzt eine Mörderhöhle!
ZunzWie ist zur Buhlerin geworden die bewährte Stadt! sie, voll von Recht, Gerechtigkeit wohnte darin, und jetzt Mordgierige.
J. J. HirschWie ward zur Dirne die Stadt, in die das Vertrauen gesetzt wurde, daß sie erfüllt sein werde von Gerechtigkeit, auf daß in ihr das Recht die Nacht überdauere, und jetzt — Mörder?!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 21. Nachdem der Prophet so zur Besserung aufgefordert und die Möglichkeit der Heilung gezeigt hatte, lenkt er die Aufmerksamkeit seiner Zeitgenossen auf die ersten Entstehungsursachen des Übels. איכה וגו' ist die Frage danach. Wie konnte es so weit kommen, daß קריה נאמנה, der jüdische Staat, dem Gott das Vertrauen geschenkt hatte, daß er ganz von der hohen Aufgabe des Gottesrechts auf Erden durchdrungen sein werde und zwar derart, daß צדק ילין בה — dieses Vertrauen so getäuscht hat und diese seine Ehre so schmählich preisgab? — זוֹנָה bezeichnet ein weibliches Wesen, welches aus Genußsucht oder Gewinnsucht sein Heiligstes, seine Ehre preisgibt.

צדק ילין בה: Erst mit dem einstigen Völkermorgen wird das „Recht" Herrscher auf Erden. Solange Gewalt das „Recht" zu Boden drückt, ist es Nacht auf der Erde. Während dieser Völkernacht sollte das überall verscheuchte Recht eine Stätte finden, an welcher ihm gehuldigt wird — Jerusalem, dessen erster König מלכי־צדק schon durch seinen Namen sich als den Diener des Rechts bezeichnet. (S. Komm. zu 1. B. M. 14, 18.) — ועתה מרצחים: Wie Vers 15 zu דמים bemerkt, so sind auch hier nicht „Mörder" gemeint. Die Nichtachtung des צדק bedroht Ehre und Existenz des Nächsten mit Vernichtung und tritt ohne Scheu und offen „prinzipiell" auf. (Piel.)

22
כַּסְפֵּ֖ךְ הָיָ֣ה לְסִיגִ֑ים סׇבְאֵ֖ךְ מָה֥וּל בַּמָּֽיִם׃
BernfeldDein Silber ist Schlacke geworden; dein Wein gewässert.
ZunzDein Silber ist zu Schlacken geworden, dein Trank verfälscht durch Wasser.
J. J. HirschDein Silber ist zu Schlacken geworden, deine Trunksucht wird angewidert durch das Wasser.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 22. כספך וגו'. Besitz als „Mittel" zur Förderung des Guten und Menschlichen betrachtet, ist als etwas Ideales erstrebenswert und kann veredelnd auf den Besitzer wirken, kann und soll ihm und der Gesamtheit ein Quell des Heils werden. Von der Habsucht zum Selbstzweck erniedrigt, als Idol angebetet, büßt das „Silber" seinen Feingehalt ein, verschlackt und macht den Besitzer selbst minderwert.

סבאך וגו'. סבא heißt nie das Getränk, sondern das Trinken im Übermaß, die Völlerei. Die Etymologie s. Komm. zu 5. B. M. 21, 19, 20. Aber hiervon abgesehen, dürfte man bei der gebräuchlichen Übersetzung „dein Getränk ist mit Wasser vermischt" oder „verschnitten" nicht beachtet haben, daß darin ein Vorwurf überhaupt nicht liegen würde. War doch der palästinensische Wein der früheren Zeit von solcher Stärke, daß er unvermischt absolut nicht gut trinkbar gewesen ist. So heißt es Baba bathra 96, b: כל חמרא דלא דארי על חד תלת מיא לאו חמרא הוא „Jeder Wein, der nicht auf ein Teil drei Teile Wasser verträgt, ist kein Wein." — מהול מהל kommt nicht wieder vor. Die Wurzel weist wie כהן und כון, בהן und בון u. a. m. auf מול hin, das als Verbum in erster Linie entgegentreten heißt; כי אמילם Ps. 118, 10. Vgl. Komm. zu 1. B. M. 17, 10 und zu 2. B. M. 28, 9. Demnach scheint מהל anwidern, zuwidersein zu bedeuten. Deine Habsucht ist die Sklavin deiner Genußsucht und deine Sinnlichkeit so entartet, daß dich jeder erlaubte, natürliche Genuß anwidert, wie den Trunkenbold das Wasser. כספך וגו' ist die Antwort auf die Frage איכה וגו'. Habsucht und Genußsucht sind daran schuld, daß die Stadt, die solch hoher Aufgabe gewürdigt worden, Gott und seinem Gesetze die Treue brach. Man suchte Genuß und erstrebte die Mittel hierzu um jeden Preis.

23
שָׂרַ֣יִךְ סוֹרְרִ֗ים וְחַבְרֵי֙ גַּנָּבִ֔ים כֻּלּוֹ֙ אֹהֵ֣ב שֹׁ֔חַד וְרֹדֵ֖ף שַׁלְמֹנִ֑ים יָתוֹם֙ לֹ֣א יִשְׁפֹּ֔טוּ וְרִ֥יב אַלְמָנָ֖ה לֹא־יָב֥וֹא אֲלֵיהֶֽם׃ {ס}
BernfeldDeine Fürsten sind nichtswürdig, Diebesgenossen, alle wollen sie Bestechung und suchen Bezahlung; der [hilflosen] Waise sprechen sie kein Recht und der Witwe nehmen sie sich nicht an.
ZunzDeine Fürsten Unbändige und Diebsgesellen, allzumal Bestechung liebend und jagend nach Bezahlung; der Waise sprechen sie kein Recht, und der Streit der Wittwe kommt nicht zu ihnen.
J. J. HirschDeine Fürsten sind Abtrünnige und dadurch Genossen von Dieben geworden. Darum liebt seine Gesamtheit Bestechung und rennt nach Bezahlung. Für das Recht der Waise treten sie nicht ein, und die Streitsache der Witwe gelangt gar nicht an sie heran!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 23. שריך סוררים. Wir machen auf die feinen Nuancen der Sprache Jesaias aufmerksam, die, wenn sie Ursache und Wirkung oder Ideal und Wirklichkeit einander gegenüberstellt, dazu oft zwei Worte gleicher oder verwandter Sprachwurzel wählt, wie für die ersteren das obige נזורו und זרים, für die letzteren hier שריך und סוררים. שריך von שור, wovon משורה das Maß; סוררים nach רד"ק von סור abweichen, abtrünnig sein. Die Fürsten, welche doch maßgebend sein, dem Volke mit gutem Beispiele voranleuchten sollten, sind selbst dem Gesetze ungehorsam. Das veranlaßt sie, gegen Eigentumsverbrechen, wenn nicht gegen sie selbst verübt, zunächst nicht mit Energie einzuschreiten und so zu „Mitschuldigen" der Diebe zu werden. Dann lassen sie sich diese Duldung bezahlen — und das ganze Volk wird, ihrem Beispiele folgend, von Bestechlichkeit und Geldgier ergriffen. שלמונים, Plural: Man brandschatzt beide Parteien und tröstet die verlierende damit, daß nur das „Douceur" sie vor noch härterem Urteile bewahrt habe. יתום וגו'. Da ist die arme Waise natürlich rechtlos, und der Weg zum Gerichtshofe durch so viele erst zu Bestechende versperrt, daß der Witwe geringe Habe bald aufgezehrt ist und sie zur Befriedigung der Habsucht des Richters keine Mittel mehr ihr eigen nennt.

Diese beiden Verse beantworten die Frage des vorhergehenden Satzes und zeigen, wie zutreffend leider die Anrede: „Herren von Sedom, Volk von Amora" war; Demoralisation von oben beginnend hatte das Volk im großen und ganzen durchdrungen. War auch noch ein himmelweiter Unterschied zwischen ihm und dem dieser beiden Städte — so war auch ein ebenso großer Unterschied zwischen dessen sittlicher Aufgabe und der des jüdischen Volkes.

24
לָכֵ֗ן נְאֻ֤ם הָאָדוֹן֙ יְהֹוָ֣ה צְבָא֔וֹת אֲבִ֖יר יִשְׂרָאֵ֑ל ה֚וֹי אֶנָּחֵ֣ם מִצָּרַ֔י וְאִנָּקְמָ֖ה מֵאוֹיְבָֽי׃
BernfeldDarum spricht der Herr Zebaot, der Mächtige Israels: O, ich will Genugtuung haben an meinen Widersachern und mich rächen an meinen Feinden.
ZunzDarum ist der Spruch des Herrn, des Ewigen der Heerschaaren, des Gewaltigen Jisraël's: Ha, ich setze mich an meinen Widersachern, und räche mich an meinen Feinden.
J. J. HirschDarum spricht der Herr, Gott Zebaoth, die Schwungkraft Israels: Wehe! wie werde ich mich trösten wegen meiner Dränger und mir mein Recht verschaffen von meinen Feinden!
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 24. Deshalb, weil Juda an der Fülle und der Macht zugrunde ging, entzieht sie ihm der „Herr", welcher in ihnen und mit ihnen seinem Volke nur die Mittel gewährt hatte, um auf dem ihm vom „Gotte der Schöpfungsscharen" angewiesenen Posten ihm zu dienen. Als „Schwungkraft Israels" hebt er sein Volk empor aus der drohenden völligen Entsittlichung und trägt es auf den Fittichen der Allmacht seiner Bestimmung entgegen, indem er es durch Leiden — das liegt in dem הוי — für sie erzieht. An der Erreichung der Gottesziele können „Dränger und Feinde" ihn nicht hindern; sein Weg geht „getrost" über sie hinweg, und sein „Recht" bleibt Sieger.

25
וְאָשִׁ֤יבָה יָדִי֙ עָלַ֔יִךְ וְאֶצְרֹ֥ף כַּבֹּ֖ר סִיגָ֑יִךְ וְאָסִ֖ירָה כׇּל־בְּדִילָֽיִךְ׃
BernfeldIch will meine Macht gegen dich wenden, wie mit Lauge deine Schlacken läutern und fortschaffen all deinen Beisatz.
ZunzUnd wende meine Hand gegen dich, und läutere wie Lauge deine Schlacken und schaffe fort all deinen Beisatz.
J. J. HirschWieder führe ich meine Hand über dich hin und läutere einer Grube gleich deine Schlacken — möchte ich doch all dein unedles Metall entfernen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 25. ואשיבה ידי עליך ואצרף wie 1. B. M. 30, 31: אשובה ארעה צאנך. — יד ד' heißt im Gegensatz zu ימין ד', der rettenden, gewöhnlich die strafende oder erziehende Hand Gottes. Daß hier die erziehende gemeint ist, wird durch das optative ה ausgedrückt ואשיבה ואסירה. Nicht mit einem Male ist deine Besserung zu erreichen. Wie einst der כור הברזל, der „Eisentiegel" Ägyptens (5. B. M. 4, 20) euch fähig machte, „eine Gott angehörige Erbnation" zu werden, so läutere ich euch nun durch die Glut der „Schmelzgrube", durch die Leiden. Dieser Läuterungsprozeß gilt den Schlacken, zu welchen euch, V. 22, der Besitz gemacht hat. Allein er begnügt sich nicht mit dem Ausscheiden der absolut wertlosen Schlacken eures Charakters:

ואסירה כל בדיליך. בדיל eigentlich Zinn, hier: die dem Silber ähnlichen aber minderwertigen Metalle. Angewöhnungen, Eigenheiten, die für andere Nationen wohl tauglich und nicht zu verwerfen sind, aber euch, deren Aufgabe eine andere, eine höhere ist, nicht als Surrogat für eure Lehre dienen, ja nie und nimmer einen herrschenden Zug eures Charakters bilden dürfen — der Reinigungsprozeß ist erst dann beendet, wenn ihr auch von diesen völlig frei geworden seid und „im Silberblick" des גוי קדוש „des heiligen Volkes" erglänzet.

26
וְאָשִׁ֤יבָה שֹׁפְטַ֙יִךְ֙ כְּבָרִ֣אשֹׁנָ֔ה וְיֹעֲצַ֖יִךְ כְּבַתְּחִלָּ֑ה אַֽחֲרֵי־כֵ֗ן יִקָּ֤רֵא לָךְ֙ עִ֣יר הַצֶּ֔דֶק קִרְיָ֖ה נֶאֱמָנָֽה׃
BernfeldDeine Richter will ich herstellen wie vormals und deine [gerechten] Räte wie zuvor; nachher wirst du wieder die Stadt der Gerechtigkeit, die treue Stadt genannt.
ZunzUnd stelle her deine Richter wie vormals, und deine Räthe wie zu Anfang. Nachher wird dir zugerufen: Stadt der Gerechtigkeit, bewährte Veste!
J. J. HirschIch lasse deine Richter werden wie einst und deine Räte wie zu Anfang; — erst nachher wird man dich nennen: Stadt des Rechts, vertrauenswürdige Stadt.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 26. כבראשנה. Richter, wie sie 2. B. M. 18, 21 für dich fordert: „Aus dem ganzen Volke erlesene Männer von Tüchtigkeit, gottesfürchtig, Männer von Wahrheit, die Gewinnst hassen." — Räte, die wie Moses und Aaron dich mit dem Bewußtsein deiner ewigen Aufgabe erfüllen. Dadurch wird endlich, wenn auch erst spät, der Tag kommen, an welchem Israel und Jerusalem als Träger der Rechtsidee sich des in sie gesetzten göttlichen Vertrauens würdig gemacht haben werden.

27
צִיּ֖וֹן בְּמִשְׁפָּ֣ט תִּפָּדֶ֑ה וְשָׁבֶ֖יהָ בִּצְדָקָֽה׃
BernfeldZijon wird durch Gerechtigkeit erlöst und seine Einwohner durch Tugend.
ZunzZijon wird durch Recht erlöst, und seine Bekehrten durch Gerechtigkeit.
J. J. HirschZion wird durch das Gericht erlöst und ihre Zurückkehrenden durch Pflichttreue.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 27. So wird das Gottesgericht, welches einst über Jerusalem hereinbricht, Zion, der „belagerten Stadt", in der die Thora von ihren eigenen Söhnen feindlich bedroht ist, zur Rettung gereichen, und diese selbst in und durch Pflichttreue zu ihr zurückführen. — תפדה fassen wir als auch auf ושביה sich beziehend auf. Ähnlich bezieht sich Ps. 68, 9 רעשה auch auf זה סיני, obgleich letzterer männlich ist, und sonst.

Haftarah Dewarim Aschkenasim, Sefardim, Jemeniten, Italiener, Romanioten, Karäer und einige jemenitische Gemeinden enden hier.Jemeniten: abweichend: Jeschajahu 1,21–31
28
וְשֶׁ֧בֶר פֹּשְׁעִ֛ים וְחַטָּאִ֖ים יַחְדָּ֑ו וְעֹזְבֵ֥י יְהֹוָ֖ה יִכְלֽוּ׃
BernfeldDie Abtrünnigen und Sünder aber brechen alle zusammen; die, welche Gott verlassen, gehen unter.
ZunzUnd Sturz über die Abtrünnigen und Sünder allesammt, und die den Ewigen verlassen, gehen unter.
J. J. HirschAber gemeinsam erfolgt der Zusammenbruch der Verbrecher und der Gewohnheitsünder — und da wird man aufhören, Gott zu verlassen.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 28. 29. Erst aber muß dem prinzipiellen Abfall פושעים und dem zur zweiten Natur gewordenen sündigen Leichtsinn חטאים der Boden entzogen worden sein — ihr Sturz wird anderen zur Warnung dienen, wird sie davon abhalten, Gott zu verlassen. ועזבי ד' יכלו wörtlich „die Gott Verlassenden werden aufhören". Ähnlich wie יתמו חטאים וגו' Ps. 104, 35, s. Komm. daf. — אילים: die abgöttische Verehrung der gewaltigen Kräfte der Natur. גנים: der Kultus des sinnlich Schönen mit seinem den Sinnen schmeichelnden Reiz. Vgl. das darüber zu המתקדשים והמטהרים אל הגנות im Schlußkapitel V. 17 Bemerkte. Himmelanstrebender Baumwuchs und lachende Garten-Anmut waren die Götter-Embleme einer Macht und Genuß vergötternden Welt.

Die bisher Gott aufgaben und verließen, um fest in dem Boden ihres Besitzes Wurzel zu schlagen und mit aller Kraft zur Macht emporzustreben, sie werden sich schwer getäuscht sehen. Ihr aber, die ihr lüsternen Auges deren Bestrebungen folgtet und sie nur deshalb nicht teiltet, weil es euch an Energie gebrach — und die ihr deshalb ein anderes Ideal „erwähletet", nämlich euer Leben zu einem üppigen „Garten" zu gestalten, in welchem ihr ungehindert und nicht eingeschränkt durch Gottes Gesetze der Herzens- und Sinnenlust fröhnen könnt, ihr werdet beschämt euren Irrtum einsehen.

29
כִּ֣י יֵבֹ֔שׁוּ מֵאֵילִ֖ים אֲשֶׁ֣ר חֲמַדְתֶּ֑ם וְתַ֨חְפְּר֔וּ מֵהַגַּנּ֖וֹת אֲשֶׁ֥ר בְּחַרְתֶּֽם׃
BernfeldDenn sie sollen zu Schanden werden ob den [dem Götzendienst geweihten] Terebinthen, nach denen ihr gelüstet, und erröten müssen ob der Gärten, die ihr euch erwählt.
ZunzDenn zu Schanden werden sie ob den Terebinthen, die eure Lust sind, und erröthen müsset ihr ob den Gärten, die euch gefallen.
J. J. HirschDenn sie werden sich getäuscht fühlen durch die Terebinthen, nach denen auch euch gelüstete, ihr selbst aber werdet euch der Gärten, welche ihr erwählt hattet, schämen.
30
כִּ֣י תִֽהְי֔וּ כְּאֵלָ֖ה נֹבֶ֣לֶת עָלֶ֑הָ וּֽכְגַנָּ֔ה אֲשֶׁר־מַ֖יִם אֵ֥ין לָֽהּ׃
BernfeldDenn ihr werdet wie eine Terebinthe, deren Blätter welk sind und wie ein Garten, der nicht bewässert ist.
ZunzDenn ihr werdet wie eine Terebinthe, an ihren Blättern welk, und wie ein Garten, der ohne Wasser ist.
J. J. HirschDenn ihr werdet wie eine Terebinthe sein, die in jedem ihrer Blätter welkt, und wie ein Garten, der kein Wasser hat.
Kommentar (J. J. Hirsch)
Kommentar von Julius Jehuda Hirsch

V. 30. 31. עלה ohne das י der Pluralform. Euer Idol, der Baumriese, wird in jedem seiner Blätter sein eigenes Welktum bekunden und Zeugnis dafür ablegen, daß er des Regens und des Tautropfens von oben nicht entbehren kann, euer Garten verfällt dem Verdorren, wenn ihm das erfrischende Naß fehlt, — und dem schrankenlos Genießenden wird bald jede Lust zuwider.

והיה החסון. Der Mächtige, durch kein Pflichtbewußtsein belebt, trocknet in starrem Egoismus ein und häuft durch rücksichtslose Mißachtung der Rechte anderer rings um sich soviel Zündstoff an, daß es nur eines Funkens bedarf, um den Brand zum Ausbruch zu bringen. Dieser Funke — der Mitbegründer seiner eigenen Macht, sein eigener Komplize ist's, dem der verheißene Lohn nicht geworden, nicht so voll und ganz geworden war, wie er erwartet hatte. Beide ergreift die Lohe — keiner kann, keiner will löschen, weil jeder hofft, auf der Brandstätte seine eigene Macht aufbauen zu können.

Diese Erfahrungen muß Israel erst teils an sich selbst, teils als Zuschauer der Weltbühne machen, sie werden es zur Besinnung und dann auch gebessert und veredelt zur Stätte seines Heiligtums, zu Zion bringen.

31
וְהָיָ֤ה הֶחָסֹן֙ לִנְעֹ֔רֶת וּפֹעֲל֖וֹ לְנִיצ֑וֹץ וּבָעֲר֧וּ שְׁנֵיהֶ֛ם יַחְדָּ֖ו וְאֵ֥ין מְכַבֶּֽה׃ {פ}
BernfeldDer Götze [der euch Schutz gewähren sollte] wird wie das Werg, und der ihn angefertigt hat zum Funken; sie werden beide zusammen brennen und niemand wird löschen.
ZunzUnd es wird der Schutzherr zu Werg, und sein Werkmeister zum Funken, und beide zusammen verbrennen, und Niemand löscht.
J. J. HirschDer Mächtige wird zum Werg und sein Gehilfe zum Funken, und beide zusammen lodern auf, und niemand löscht!
Haftarah Dewarim einige jemenitische Gemeinden enden hier.