Die Torah - Die fünf Bücher Mose

Buch: Kapitel: Vers:
Hebräischer Text (nach der Masorah)
וְלֹ֤א תְחַלְּלוּ֙ אֶת־שֵׁ֣ם קׇדְשִׁ֔י וְנִ֨קְדַּשְׁתִּ֔י בְּת֖וֹךְ בְּנֵ֣י יִשְׂרָאֵ֑ל אֲנִ֥י יְהֹוָ֖ה מְקַדִּשְׁכֶֽם׃
Deutsche Übersetzung (Samson Raphael Hirsch)
Und entweihet nicht meinen heiligen Namen, vielmehr laßt mich geheiligt werden inmitten der Söhne Jisraels, Ich, Gott, heilige euch.
Onkelos
וְלָא תְחַלְלוּן יָת שְׁמָא דְקוּדְשַׁי וְאִתְקַדַשׁ בְּגוֹ בְּנֵי יִשְׂרָאֵל אֲנָא יְיָ מְקַדִשְּׁכוֹן
Raschi
ולא תחללו. לַעֲבֹר עַל דְּבָרַי מְזִידִין; מִמַּשְׁמָע שֶׁנֶּאֱמַר וְלֹא תְחַלְּלוּ מַה תַּ"לֹ וְנִקְדַּשְׁתִּי? מְסֹר עַצְמְךָ וְקַדֵּשׁ שְׁמִי. יָכוֹל בְּיָחִיד, תַּ"לֹ בתוך בני ישראל; וּכְשֶׁהוּא מוֹסֵר עַצְמוֹ יִמְסֹר עַצְמוֹ עַל מְנָת לָמוּת, שֶׁכָּל הַמּוֹסֵר עַצְמוֹ עַל מְנָת הַנֵּס, אֵין עוֹשִֹׁין לוֹ נֵס, שֶׁכֵּן מָצִינוּ בַחֲנַנְיָה מִישָׁאֵל וַעֲזַרְיָה שֶׁלֹּא מָסְרוּ עַצְמָן עַל מְנָת הַנֵּס, שֶׁנֶּאֱמַר (דניאל נ'), "וְהֵן לָא יְדִיעַ לֶהֱוֵא לָךְ מַלְכָּא" וְגוֹ', מַצִּיל וְלֹא מַצִּיל — "יְדִיעַ לֶהֱוֵא לָךְ" וְגו' (ספרא):
Kommentar von R. Samson Raphael Hirsch
V. 32. ולא תחללו את שם קדשי. Mit der Errichtung seines Gesetzesheiligtums in unserer Mitte לשכן שמו שם hat Er uns, unser ganzes Volks- und Einzelleben, zu Trägern Seines Namens, hat Er uns und alles Unsrige zu den Seinen und dem Seinen ernannt und den Ausspruch seines Willens in unsere Mitte niedergelegt, wie wir uns und alles Unsrige als die Seinen und das Seine zu bewähren, wie wir dem Namen, den wir tragen, gerecht zu werden haben. Dieser Gottesname, den wir tragen, soll das קדש, das absolute Höchste in unserer Mitte sein und zugleich die alles belebende Seele bilden, die mit der Macht ihrer Kraft uns und alles Unsere in den Gottesdienst der Pflichttreue bindet und erhält, bewegt und belebt. Mit jeder Weigerung, eine Regung unseres Wesens, einen Reiz unseres Strebens, eine Faser unseres Seins, einen Splitter unseres Habens um die Erfüllung seines heiligen Willens zu opfern, sind wir מחלל את שם קדשו machen wir den Namen, der uns das Höchste, das Heiligste, das Absolute sein sollte, der die Berechtigung all unseren Seins und Habens bedingt und als solches über uns und alles Unsere in absoluter Mächtigkeit gebieten sollte, zum חלל, zur "wesenlosen und machtlosen Leiche" entheiligen wir die Heiligkeit seines Namens, und insofern unser Frevel gegen Gottes Gesetz andern zum Bewußtsein kommt, macht, so viel an uns liegt, unser Beispiel Propaganda für die Machtlosigkeit des Gottesnamens, der auf uns ruht, zeigt, daß man sich Jude nennen und nennen lassen und doch den Gottesgehorsam, den dieser Name involviert, für die erste beste Reizbefriedigung, für die erste beste Genusses- und Vorteilserlangung als das Wertloseste preisgeben könne, zeigt, daß man sich Jude nennen und nennen lassen und doch nicht den Gotteswillen als das Absolute und den Eigenwillen als das Bedingte, sondern den Eigenwillen als den absoluten Götzen dahinstellen könne, vor welchem der Gotteswille in machtloser Bedingtheit zu weichen habe. Und je mehr jemand durch seine Kenntnis des Gotteswortes und durch seine Geltung im nationalen Kreise als "Träger des Gottesnamens" hervorleuchtet, um so schärfer tritt die Forderung des לא תחללו את שם קדשי an ihn hinan, umsomehr wird bei ihm auch nur die leiseste, auch nur scheinbare Abweichung von der Wahrhaftigkeit und Redlichkeit, von der Sittlichkeit und der Lebensheiligung, von der Gerechtigkeit, der Milde und Güte, die das Gesetz fordert, zum großen חלול השם-Verbrechen (Joma 86a) und der immer wiederkehrende Kanon: אדם חשוב שאני, daß jede erhöhte geistige und sittliche Stufe zu erhöhter Gewissenhaftigkeit verpflichtet, zeigt, in welchem Sinne die Geistesmänner des jüdischen Volkes ihre Stellung zum Sittengesetz begriffen haben und wie weit ab sie von dem beklagenswerten Wahne waren, der mit jeder Staffel geistiger Größe einen um so laxeren Freibrief von Beachtung des Sittengesetzes zu erteilen bereit wäre. – Vielmehr: ונקדשתי בתוך בני ישראל, vielmehr will Gott und sein heiliger Wille als das heilige Hohe, hoch über alles hervorragende, allen Bedingende, über alles Gebietende im jüdischen Kreise begriffen und betätigt werden, und was jedes Opfer symbolisch lehrt und gelobt: das Herzblut unseres Lebens, jeden Trieb und jedes Ziel unserer Wünsche, jede Tatkraft unserer Glieder, alle unsere Nahrung, Wohlstand und Lebensfreude auf dem Altar unseres Gottes der Erfüllung seines, heiligen Willens hinzuopfern, das soll im Lebensbilde eines jeden einzelnen von uns zu unserer eigenen Vollendung und zum lehrenden Muster für jeden Mitgenossen in der jüdischen Aufgabe, בתוך בני ישראל in konkretester Wesenhaftigkeit verwirklicht werden. Denn ein lebendiges, in allen seinen Gliedern zusammengehöriges Ganze bildet dieses תוך בני ישראל, an der opferfreudigen Pflichttreue des einen soll sich der andere zur Pflichttreue erheben, und in dem Pflichtfrevel des einen ist nicht nur der eigenen Bestimmung das Grab gegraben, die an diesem Beispiel strauchelnde Pflichttreue des andern liegt in demselben Grabe begraben. Sanhedrin 74a-b wird diese geforderte Hinopferung selbst des höchsten irdischen Gutes, selbst des Lebens, um die Heiligung des göttlichen Namens durch unverletzte Pflichttreue im Zusammenhange mit dem וחי בהם des Kap. 18, 5 dahin erläutert, daß unter gewöhnlichen Verhältnissen nur ע׳׳ז ג׳׳ע וש׳׳ד, nur die in die Kategorien des Götzentums, der Unkeuschheit und des Mordes fallenden Gesetze selbst den Wert des Lebens überwiegen, von ihnen heißt es unter allen Umständen יהרג ואל יעבור "man lasse sich töten und übertrete nicht das Gesetz". Allein בתוך בני ישראל, wenn בפרהסיא, öffentlich inmitten eines jüdischen Gesamtkreises (von mindestens zehn Erwachsenen, die überall eine עדה, einen Gesamtkreis repräsentieren), wenn da, in jüdischer Öffentlichkeit, die Verletzung des Gesetzes mit angedrohtem Tode von uns erzwungen werden soll, oder בשעת גזרת המלכות zu Zeiten der Judenverfolgungen, wo die Verfolgungswut der Völker dem Judentum wie der Judenheit den Vernichtungskrieg gekündet: da אפילו מצוה קלה, weicht selbst das geringste Gesetz, ואפילו לשנויי ערקתא דמסאנא, und gelte es auch nur eine Abweichung von jüdischer Sitte in betreff eines Schuhriemens, nicht vor dem Werte des Lebens zurück, da heißt es wiederum יהרג ואל יעבור, es ist die Heiligung des göttlichen Namens durch jüdische Gesetzestreue selbst mit dem Tode zu besiegeln. Und diese מסירת הנפש, diese Hingebung des Lebens samt allen seinen Strebungen und Zielen an die Pflichttreue gegen Gottes Gesetz, die die Opfer im Gottesheiligtum täglich und stündlich symbolisch lehrten und die das ausgesprochene Gotteswort hier als Heiligung seines von uns getragenen Namens von uns fordert, sie ist die historische Kraft des jüdischen Volkes geworden, sie hat ihre leuchtendste Verwirklichung in den glänzendsten Blättern der jüdischen Galutgeschichte gefunden. Alle die החסידים והתמימים והישרים, alle die קהלות הקדש שמסרו נפשם על קדושת השם, die הנאהבים והנעימים בחייהם ובמותם לא נפרדו, die in ihrem Leben nichts als die Liebe Gottes und sein Wohlgefallen suchten, und davon auch im Tode nicht ließen, und darin den Adleraufschwung und die Löwenstärke fanden ihres Eigners Willen und das Verlangen ihres Gottes zu vollbringen, alle diese haben den Opfergedanken in seiner idealsten Höhe verwirklicht, haben Leben und Streben und alle Tatkraft und alle Güter der Existenz, des Wohlstandes und der Lebensfreuden auf Gottes Gesetzesaltar geopfert, haben die absolute Macht des göttlichen Gesetzes über ein echtjüdisches Herz, haben allen Folgegeschlechtern bekundet, wie der Jude das ולא תחללו את שם קדשי zu begreifen und zu verwirklichen habe. So beginnt diese Gesetzesgruppe mit der Rücksichtnahme auf die erste Äußerung jener sich aufopfernden Selbstlosigkeit, wie sie in den Mutterbeziehungen des noch unbewussten Tierlebens den Anfang des Humanismus auf Erden feiert, und schließt mit dem bewusstwollen sittlich-freiesten Martyrtum, in welchem dieser Anfang zur vollsten Vollendung gelangt. Wie aber das, was ונקדשתי בתוך בני ישראל im Wortausdruck des Gesetzes ausspricht, in den nationalen Tagesopfern mit jeder Steige und Neige des Tages in symbolischem Tatausdruck immer wieder und wieder dem Nationalbewußtsein als die Höhe der Nationalaufgabe vergegenwärtigt und gegenwärtig gehalten wird: also haben die אנשי כנסת הגדולה, diese echten Väter eines Volkes, indem sie den synagogalen Wortgottesdienst dem nationalen Opfergottesdienst des Tempels parallel und zur Seite verfassten und ordneten, (siehe Jeschurun Jahrg. XI), den Ausspruch und das Erfüllungsgelöbnis des ונקדשתי וגו׳ wie es die Gedankenspitze aller Opferhandlungen bildet, also auch als den Höhepunkt aller nationalen gottesdienstlichen Versammlungen geordnet und lassen dieselben in jeder nationalen Gebetversammlung, also wo mindestens zehn Erwachsene versammelt sind, in קדיש und קדושה immer wiederholten, begeisternd frischen Ausdruck finden (Berachot 21b).
Text herunterladen