Die Torah - Die fünf Bücher Mose
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Hebräischer Text (nach der Masorah)
וְעָ֥שׂוּ לִ֖י מִקְדָּ֑שׁ וְשָׁכַנְתִּ֖י בְּתוֹכָֽם׃
Deutsche Übersetzung (Samson Raphael Hirsch)
Sie sollen mir ein Heiligtum schaffen, so werde ich unter ihnen wohnen.
Onkelos
וְיַעְבְּדוּן קֳדָמַי מִקְדְשָׁא וְאַשְׁרֵי שְׁכִנְתִּי בֵּינֵיהוֹן:
Raschi
ועשו לי מקדש. וְעָשׂוּ לִשְׁמִי בֵּית קְדֻשָּׁה:
Kommentar von R. Samson Raphael Hirsch
V. 8. ועשו לי מקדש וגו׳. Wir haben schon in unseren, in den III. —IV. Jahrgängen des Jeschurun gegebenen Grundlinien einer jüdischen Symbolik den symbolischen Charakter der Stiftshütte im allgemeinen, sowie die symbolische Bedeutung der dazu verwendeten Stoffe im besonderen mit ausführlicher Begründung nachgewiesen. Wir verweisen somit hinsichtlich alles folgenden auf die dort gegebenen, begründenden Erörterungen, indem wir die dort gewonnenen Resultate unsern Texterläuterungen zu Grunde legen. Es bedarf nur des Einblicks in das Kap. 26 des Wajikra, mit welchem תורת כהנים, die auf den mit diesem Kapitel des Schmot beginnenden Bau der Stiftshütte folgende Gesetzgebung der Tempel- und Lebensheiligung, abschließt אם בחקתי תלכו וגו׳ וגו׳ וגו׳ ונתתי משכני בתוככם וגו׳, um sich mit entschiedenster Evidenz zu sagen: 1) daß das ושכנתי בתוכם unserer Stelle weit über die bloße Gottesgegenwart im Tempel hinausgehe und vielmehr die in dem ganzen Aufblühen des Einzeln- und Gesamtlebens schützend und segnend sich bekundende Bundesnähe Gottes in unserer Mitte begreife; zugleich aber auch: 2) daß diese schützende und segnende Schechinanähe Gottes nicht durch die bloße korrekte Herstellung und Unterhaltung des Tempelheiligtums bewirkt werde, sondern nur durch Heiligung und Dahingebung unseres ganzen Privat- und öffentlichen Lebens an die Erfüllung des göttlichen Gesetzes zu gewinnen sei. Eine Wahrheit, die sich nicht nur durch die einmalige Zerstörung des Heiligtums zu Schilo und zweimalige Zerstörung des Tempels zu Jerusalem faktisch historisch vollzog, sondern sowohl in dem Buche des Gesetzes selber, so namentlich auch noch bei den Spitzen der ganzen Gesetzgebung ג׳׳ע ע׳׳ז und ש׳׳ד, Wajikra 20, 3; Bamidbar 35, 34; Wajikra 15, 31; Dewarim 23, 10 u. 15), als auch sofort bei der Grundlegung und dem Aufbau des salomonischen Tempels (Kön. I. 6, 12 u. 9) und fast auf allen Blättern der Prophetenbücher, z. B. Jeremias 7, ausdrücklich warnend hervorgehoben wird. Wenn daher gleichwohl unser Text das ושכנתי בתוכם als Folge des ועשו לי מקדש verheißt, so kann eben die Bedeutung des מקדש nichts anderes als Ausdruck jener Gesamtaufgabe sein, deren Lösung die verheißene Schechinagegenwart in Israel bedingt, und mit diesem Ausspruche: ועשו לי מקדש ושכנתי בתוכם, wären uns zwei Begriffe gegeben, deren symbolischer Ausdruck der ganze Bau der Stiftshütte und ihrer Geräte sein soll. Diese Begriffe sind: מקדש und מקדש ;משכן: der Ausdruck unserer ganzen Gott gegenüber zu lösenden Aufgabe, משכן: Ausdruck der als Folge dieser Lösung von Gott uns gegebenen Verheißungen. Jene Aufgabe fasst sich in dem Begriffe zusammen: Heiligende Dahingebung unseres ganzen privaten und öffentlichen Lebens an die Erfüllung des göttlichen Gesetzes=מקדש; diese Verheißung ist nichts anderes, als die in dem Aufblühen unseres ganzen privaten und öffentlichen Lebens sich bekundende schützende und segnende Gottesgegenwart=משכן. Die Stiftshütte ist: מקדש, die Stätte der Heiligung, und משכן die Stätte der Gottesnähe, sie ist die Stätte, von der aus jene Heiligung und diese Nähe anzustreben und zu gewinnen sein soll. Jene Heiligung und diese Nähe, somit: das durch die Erteilung und Aufnahme des Gesetzes geschaffene gegenseitige Bundesverhältnis Gottes und Israels ist der Gesichtskreis, innerhalb dessen die Bedeutung der Stiftshütte im ganzen und einzelnen zu suchen und zu finden ist, und eben kraft dieser Bedeutung schließt sich dieser Bau mit diesem Kapitel an die vorangegangenen Grundzüge des Gesetzes und die auf Grund derselben vollzogene Bundesschließung unmittelbar an. Von diesem Gesichtspunkte aus werden die zum Bau des משכן=מקדש zu spendenden Stoffe die Elemente bezeichnen, sowohl mit welchen jene Heiligung zu vollziehen, als in deren segnender Gewährung diese Gottesnähe bekundet sein soll. Haben wir doch die Objekte unserer Hingebung selbst zuerst von Gott empfangen und empfangen sie in dieser Hingebung doppelt gesegnet zurück, wie dies Jakob bei dem allerersten Grundstein zum allerersten Gotteshause (Bereschit 28, 22) ausgesprochen: וכל אשר תתן לי עשר אעשרנו לך, wie dies David bei der Vorbereitung zum ersten Tempelbau noch prägnanter zum Ausdruck brachte (Chron. I. 29, 14): כי ממן הכל ומידך נתנו לך, "von Dir stammt alles, und von Deiner Hand haben wir Dir gegeben", und wie dies ja soeben in dem dem Altar und dem Volke hin gewendeten Gießen der Bundesbluthälften (Kap. 10, 6 u. 8) in noch umfassenderer Kürze zum Bewusstsein gebracht war. Wir haben in unseren Erörterungen, Jeschurun V. S. 232 ff. nachgewiesen, wie in תנ׳׳ך Metalle überhaupt ihrer stofflichen Kohärenz zufolge als Metapher der Festigkeit und Stärke (z. B. Jeremias 1, 15; Job 6, 12 u. Jesaias 48, 4), hinsichtlich ihres Wertes als Ausdruck der Wertschätzung geistiger Güter (z. B. Prov. 2, 10; Ps. 19, 11 u. Job 28), ganz besonders aber wegen ihrer metallurgischen Eigenschaften als die treffendste Metapher für alles Sittliche und Wahre in allen Abstufungen der Mischung mit sittlich Schlechtem und Unwahrem, sowie für den ganzen Prüfungs- und Läuterungsprozess im Gebiete der Sittlichkeit und Wahrheit vorkommen (z. B. Job 23, 10; Secharja 13, 9; Maleachi 3, 3; Pro. 17, 3; Jesaias 48, 10; Prov. 25, 4. 10, 20 u. 26, 23; Jeremias 6, 29 u. 30; Ps. 119, 119; Jecheskeel 22, 18; Jesaias 1, 22; Daniel 2, 32 u. 33). In allen diesen Stellen charakterisieren Metalle die verschiedenen Grade der sittlichen Reinheit und Wahrheit, und, während Kupfer das Unedle, die noch unveredelte Natur, repräsentiert, Silber die läuterungsbedürftige und läuterungsfähige Stufe bezeichnet, ist Gold, das vorzugsweise gediegen gefunden wird und andererseits die stärkste Probe aushält, Bild des reinsten, gediegensten, sittlichen Adels und der treuen echten Beständigkeit. Indem Metalle den höchsten Grad von Bildsamkeit mit dem höchsten Grad von Festigkeit vereinen, unter Hammer und Feuer sich jeder beliebigen Form anschmiegend fügen, die einmal erhaltene Form aber mit einer Festigkeit bewahren, die nur der zerstörenden Macht der Gewalt weicht, vergegenwärtigen sie mit diesen Eigenschaften eben diejenige Charaktereigentümlichkeit, die wir dem Machtgebote der Pflicht und speziell dem uns geoffenbarten göttlichen Willen gegenüber betätigen sollen, dessen Wort sich ja auch als "Hammer" und "Feuer" (Jerem. 23, 29) ankündigt, und bieten sich daher wie nichts anderes am geeignetsten zum bildlichen Ausdruck unseres sittlichen Verhaltens zu unserer Bestimmung dar. Nach den angedeuteten metallurgischen Eigentümlichkeiten entspricht somit Kupfer der noch unveredelten Natur, Silber der durch Läuterung zu gewinnenden, Gold der ursprünglichen und probehaltigen, somit vollendetsten Reinheit und Güte. Jeschurun V, 637 ff. und VI, 80 ff. haben wir ausführlich erörtert und nachgewiesen, wie das menschliche Gewand überhaupt zum Ausdruck des Menschenwesens und Charakters dient, wie dieses Wesen eine vegetative Seite: die Ernährung und das geschlechtliche Leben mit allen durch diese Richtungen bedingten Reizen und Trieben, strebenden und genießenden Tätigkeiten, und eine animalische Seite: das Leben mit all seinen lebendigen Kräften des Erkennens, Wollens und Strebens umfasst, und wie auch im Zizit- und Schaatnesgesetze Wolle als Gewandstoff die animalische Seite des Menschenwesens und Flachs die vegetative Seite desselben repräsentiert. Zur Verwendung für das Heiligtum werden hier wieder nur die Gewandstoffe Wolle und Flachs gespendet, תכלת ארגמן ותולעת שני: Wolle, שש: Flachs, und sind dieselben ferner noch durch ihre Farben: weiß, blau, rot in zwei Nuancen, besonders charakterisiert. שש, Byssus, Flachs, Repräsentant des Vegetativen, ist weiß, und weiß, wie dort erläutert, ist die Farbe der Reinheit. Sittliche Reinheit bezieht sich aber im Gesetze vorzugsweise auf die Potenzen des vegetativen Lebens. Entartung im genießenden und geschlechtlichen Leben ist die schwerste Befleckung des reinen Menschenwesens. Reinheit heißt der Charakter, der gerade für die vegetative Richtung des Menschenwesens die Stufe der von Gott geforderten Veredlung bildet. Wie Wolle, Repräsentant des Animalischen, dem Stoffe nach dem Tiere angehört, so sind auch die Farben, mit denen sie hier auftritt, blauer und roter Purpur und Karmoisin (שני), dem Tierreich entnommen. Von den beiden roten Farben ist, wie dort nachgewiesen, שני die geringere, ארגמן die edlere, und wenn rot überhaupt, als die Farbe des Blutes, das Leben repräsentiert, so ist שני die untergeordnetere, animalische Stufe des Lebens, ארגמן aber die höhere menschliche. Heißt ja der Mensch geradezu אדם, der "Rote" par excellence, das Leben in seiner höchsten Potenz. — תכלת, als die Farbe, die auf die "Grenze" unseres Horizontes, auf das über unseren sinnlichen Gesichtskreis hinausliegende Unsichtbare, Göttliche hinweist, wird am Gewandstoffe die Farbe des uns offenbar gewordenen Göttlichen, die Farbe des Gottesbundes mit dem Menschen, das Zeichen des mit dem reinen Menschen sich verbindenden und sein ganzes Leben gestaltend durchdringenden Göttlichen. Es wäre somit durch שש: das Vegetative, שני: das Animalische, ארגמן: das Menschliche, תכלת: das Göttliche im Menschenwesen repräsentiert und damit alle Bestandteile und Beziehungen des Menschenwesens in aufsteigender Linie gegeben. עזים, Ziegenhaare, nur zu Säcken und Trauer- und Bußgewändern gebraucht, ist ein Schutz und Abwehr gewährender Stoff. Über ערת אילים מאדמים ,ערת תחשים, siehe zu Kap. 26, 14. עצי שטים. Während עץ, Baum (das. S. 86) im Allgemeinen das Bild der fortschreitenden Blüte und Entfaltung ist, tritt in ארז, der Ceder, zu deren zehn Arten שטה gehört, insbesondere das Merkmal der Kraft und Größe hinzu, und ist עץ שטים des Heiligtums und seiner Geräte im allgemeinen das Symbol einer starken, dauernden, immer frischen, fortschreitenden Entwicklung. Die von VV. 3-5 genannten Stoffe sind alle durch ein Waw kopul. verbunden. Sie bilden zusammen dasjenige Material, aus welchem der eigentliche Bau der Stiftshütte und deren Geräte hergestellt werden sollen. V. 7 werden Edelsteine genannt, die zur Anfertigung der Priestergewänder notwendig waren, und sind damit Priester, sowie deren Gewänder als wesentlicher Bestandteil des Heiligtums selbst begriffen, sie gehören mit zu כלי מקדש, wie sie auch רמב׳׳ם im יד חזקה in sinniger Weise dahin klassifiziert, und wie wir dies uns noch bei Betrachtung der Opfergesetze zu vergegenwärtigen haben werden. In eigentümlicher Weise werden jedoch V. 6 auch Öl zur Leuchte und Gewürze zum Salböl und zum Räucherwerk genannt. שמן המשחה gehört nun zwar nicht im eigentlichen Sinne zum מקדש; allein, da es die Weihe desselben und seiner Geräte bedingt, und sie durch die Salbung erst eigentlich in den Charakter ihrer Bedeutung eingesetzt werden, so begreift sich dessen Nennung unter den übrigen konstituierenden Stoffen. Leuchtöl und Räucherwerk jedoch scheinen nur zum Dienste des Heiligtums, wie Mehl zu den Schaubroten, Holz zu dem Altarfeuer, Schafe zum täglichen Opfer usw. zu gehören, und ist deren Aufzählung unter den zum Bau der Stiftshütte zu spendenden Stoffen auffallend. Wenn jedoch, wie wir zu zeigen haben werden, durch die Leuchte im Heiligtume, das durch das Gesetz anzuregende und dem Gesetze zuzuwendende Geistesleben, und durch קטרת das Blütenideal aller Hingebungen an Gott: das gänzliche Aufgehen in göttliches Wohlgefallen seinen Ausdruck findet, so ist durch Nennung dieser Stoffe sofort bei der Bauspende gesagt, wie dieses auszuführende Werk die beiden höchsten Ziele des menschlichen Daseins erringen solle: das Ziel der Erleuchtung für den Geist und das Ziel des göttlichen Wohlgefallens für die Tat, und zwischen beiden Gewürze zum Salböl, durch welches das zu schaffende Werk als das unantastbar von Gott Gegebene zu der Geist und Tat beherrschenden heiligen Höhe gehoben wird, deren überordnende Heiligachtung die unerlässliche Voraussetzung so für die Entwicklung des Geistes wie für die gottgefällige Entfaltung des Tatenlebens bildet. — אבני שהם וגו׳ (siehe Kap, 28. 9 u. 17). - כן תעשו. Es heißt nicht: כן תעשו, sondern: וכן תעשו, es ist somit nicht Nachsatz des Vorangehenden, sondern eine neue Bestimmung: und so sollt ihr auch in Zukunft machen, und wird dies (Sanhedrin 16b) dahin verstanden, daß, wie hier die Stiftshütte nur unter Autorität und Anleitung Mosche, also auch in Zukunft jede Angelegenheit des Heiligtums nur unter Autorität und Anleitung des Sanhedrin, als der Nationalrepräsentanz, bewerkstelligt werden könne.
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